Die Reise durch die Welten

Bereits am nächsten Tag fanden sich die Jäger erneut in Thyras Haus ein. Sie hatten alle das Nötigste zusammengepackt, um die nächsten drei Wochen in einer Welt zu verbringen, die sie nicht kannten. Thyra belächelte die Ansammlung von Taschen in ihrem Wohnzimmer. Was sollte man anziehen, um die Welt zu retten?

Abgesehen von dem Krieg, der ihnen bevorstand und der Tatsache, dass sie nicht wusste, wie sie ihn gewinnen konnten, fühlte Thyra sich großartig. Die lang ersehnten Ferien waren endlich gekommen und sie würde in nur wenigen Minuten endlich wieder in Morac sein.

Sie freute sich so sehr darauf, dass sie den Gedanken an Tristans Rache erst einmal beiseite schob. Sie musste sich sammeln und sich geistig auf das vorbereiten, was nun vor ihr lag. Dabei dachte sie nicht zwingend an das Aufeinandertreffen mit den Maleficas.

Thyras Position in der Gesellschaft war eine besondere und das würden die Jäger noch merken. Da sie es noch nicht wussten, sah Finley sie besorgt an, als er vor ihr stand und sie bloß durch ihn hindurchblickte.

„Wir werden das schaffen, das glaube ich ganz fest.“ Er legte ihr behutsam die Hände auf die Schultern und sie zuckte für einen kurzen Moment unter seiner Berührung zusammen.

Er lächelte sie unglaublich liebevoll an, sodass sie nicht anders konnte, als es zu erwidern.

„Wenn wir nur ganz fest daran glauben, dann wird Aglaia uns beistehen.“ Sie hoffte es inständig, aber sicher war sie sich nicht.

Sie und Aramis waren beunruhigt. Es war das eine, in Morac Urlaub zu machen und zu hoffen, dass alles gutgehen würde. Es war etwas ganz anderes, wenn man bewusst nach Morac reiste, um den Wald zu durchqueren und ihrem Vater entgegenzutreten. Sie wussten um die Gefahr, die ihnen allen bevorstand. Die Jäger wussten es nicht. Sie konnten sich kaum eine reale Vorstellung davon machen, wie gefährlich es tatsächlich werden würde.

Thyras Blick schweifte durch ihre Gesichter. Sie alle wirkten entschlossen und kampfbereit. Sie beobachtete, wie Tristan seine Klinge schärfte. Er tat es mit einer Hingabe, wie sie es selten gesehen hatte. Es war ihm wichtig, diesen Schritt zu machen. Er musste es tun, musste die Cailleach finden, die seiner Mutter das Leben genommen hatte.

Zu Thyras Bedauern war Tristan bisher den gesamten Tag kein bisschen aufgeschlossener gewesen, als am vorigen Abend. Er vermied es zwar, sie vorwurfsvoll als Hexe anzureden und er sparte sich auch sämtliche abfälligen Bemerkungen, doch dafür vermied er es generell, mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Finley und Darian, die sich in dem letzten Jahr mit Thyra sehr gut verstanden hatten, die aber andererseits auch schon immer Tristans beste Freunde gewesen waren, wussten nichts zu tun, was die Stimmung zwischen den beiden lockern konnte.

Silas hingegen blieb es wenigstens erspart, seinen Sohn wegen unfreundlicher Kommentare zu ermahnen und konnte sich so ganz gezielt darüber Gedanken machen, was ihn wohl in Morac erwarten würde. Er war bereit und offen für alles, was auf ihn zukommen würde. Er wollte sich Mühe geben, unvoreingenommen zu sein. Viele Hexen würden seinen Weg kreuzen und es würde ihn einiges an Überwindung kosten, damit zurechtzukommen. Das war ihm deutlicher bewusst, als den anderen.

Es gab nur eine einzige strenge Regel, die die Jäger zu befolgen hatten, wie Shywa ihnen bereits den ganzen Tag immer wieder eintrichterte. Sie durften keinem magischen Wesen in Morac erzählen, dass sie Hexenjäger waren.

„Was genau würde denn passieren, wenn es jemand wüsste?“ Offenbar schien Jastin etwas verunsichert zu sein.

Er war ein redseliger Mensch und machte sich Sorgen, dass es ihm aus Versehen herausrutschen könnte.

„Im besten Fall schickt man euch durch das nächste Portal geradewegs hierher zurück.“ Shywa sah ihn ernst und bedeutend an. „Wahrscheinlicher ist aber, dass sie euch gefangen nehmen werden.“

„Wir kämen also vor ein Gericht?“

Thyra sah Jastin an und drückte ihrem Bruder eine Tasche in die Hand, als der an ihr vorbeilief.

Aramis blieb allerdings stehen und warf nun selber einen ernsten Blick in die Runde. „So etwas gibt es schon lange nicht mehr in Morac. Die Cailleach waren seinerzeit die Richter unserer Welt. Seitdem sie zu Nukleo gingen, flohen oder getötet wurden, gibt es kein Gesetz mehr in unserer Welt. Das Volk regiert durch Mehrheit. Ihr habt viele Hexen auf dem Gewissen, darunter auch viele Arush. Sie würden euch gefangen nehmen, aber das sollte euch nicht freuen. Die Mehrheit wäre dafür, euch hinzurichten. Man würde aus eurem Tod ein Spektakel machen, um die Toten zu ehren.“

„Du auch?“ Die Frage kam von Tristan. Er sah Aramis geradewegs in die Augen. Prüfend, als ob er wissen wollte, mit wem er es zu tun hatte.

Aramis zögerte einen Augenblick, aber dann schüttelte er leicht den Kopf, ohne dabei den Blick von Tristan abzuwenden. „Nein, nicht euch, weil ihr Thyras Freunde seid. Aber einem Jäger aus einer anderen Stadt, mit einer längeren Liste von toten Arush‘, dem würde ich es wohl wünschen.“

„Das ist eine harte Ansichtsweise.“ Tristan steckte seine Klinge weg und griff nach seiner Tasche.

„Ich fühle mich den Menschen nicht verbunden und daraus mache ich kein Geheimnis.“ Aramis wollte sich nicht rechtfertigen, aber er tat es, weil seine Schwester ihn aufmerksam beobachtete und er die nächsten drei Wochen mit den Jägern unter einem Dach leben würde. „Deine Freunde waren gut zu meiner Schwester. Sie haben ihr Vertrauen geschenkt und sich eines Besseren belehren lassen, als sie ihnen klargemacht hat, dass sie bloß Mörder waren. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass nicht jede Hexe böse ist. Die Jäger in den anderen Städten wissen es, aber sie nehmen trotzdem keine Rücksicht. Noch immer töten sie unschuldige Arush, die fest daran glaubten, in dieser Welt ein sichereres Leben führen zu können. Stell‘ dir vor, du wärst ein Mensch, der vor dem Krieg flüchtet und einen Ort zum Leben findet, außerhalb der Reichweite dessen, was dich verfolgt hat … Und dann kommen da ein paar unwissende Menschlein vorbei und nehmen dir deine Frau oder dein Kind.“

Tristan starrte ihm unentwegt in die Augen. Er konnte den Groll spüren, den Aramis gegen die Menschen hegte. Es war der gleiche Groll, wie sein eigener. Trotz ihrer sehr unterschiedlichen Ansichtsweisen begriff er, dass sie sich ähnelten. Sie beide liebten etwas, um das sie sich sorgten.

„Es mag also hart sein, was ich denke, aber ich stehe dazu. Jedem dieser Jäger würde in Morac zustoßen, was er verdient.“ Aramis wandte sich von seiner Schwester und ihren Freunden ab und stapfte die morsche und knarrende Treppe nach oben.

Die Stimmung war deutlich angespannt und Jastin schien das Bedürfnis zu haben, das zu ändern. „Ich bin noch viel zu jung, um zu sterben. Ich hab’ doch noch gar nichts erlebt.“

Daraufhin fing er sich merkwürdige Blicke ein, darunter Finleys, der nur verächtlich schnaubte. „Natürlich. Fast jeden Tag eine böse Hexe in die tiefste Hölle zu verbannen, gehört ja seit neustem schon zum ganz normalen Alltag für jeden schulpflichtigen Nichtmagier.“

Einer nach dem anderen folgten sie Aramis in die obere Etage, bis in einen Raum, der völlig leer zu sein schien, mit Ausnahme eines Wandschrankes.

Shywa sah ihre Kinder an und lächelte. „Grüßt mir unsere Freunde und passt auf euch auf. Kein magisches Gerangel um eine hübsche Hexe.“ Ihre Mahnung war an ihren Sohn gerichtet und der grinste.

In den letzten Ferien hatte sie auf Umwegen davon Wind bekommen, dass Aramis und einige seiner Freunde sich gegenseitig kleine Flüche auf den Hals gejagt hatten, um einer Hexe namens Caprice zu imponieren. Diese schien schwer beeindruckt von Aramis‘ Kräften gewesen zu sein, doch ihr blieb keine Gelegenheit, das zum Ausdruck zu bringen. Shywa war so wütend gewesen, dass sie ihren Sohn einfach von zwei magischen Wesen hatte nach Hause bringen lassen.

Auf die nächste Frage von Darian, wie sie denn nun in diese Parallelwelt kommen sollten, hatte Thyras Mutter nur ein Lachen übrig. „Also, ehrlich ...“ Sie stellte sich vor den Wandschrank und öffnete ihn. „Jede gute Hexe hat ein Portal im Haus.“

Hinter ihr kam ein schwarzes Nichts zum Vorschein. Mittendrin und gute fünf Schritte in den Schrank hinein, drehte sich ein blauer Strudel.

„Klar.“ Mios Stimme klang sarkastisch, aber freundlich. „Ist natürlich selbstverständlich.“

„Nichts für Ungut.“ Jastin ging zögernd einige Schritte zurück, um nicht durch die Türe zu fallen. „Doch … springen wir da jetzt einfach rein?“

Aramis stieß ein Lachen aus. „Diese unwissenden Menschen.“ Er schüttelte den Kopf und lachte noch immer. „Dass ihr euch nicht mit euren Waffen aus Versehen die Hände abhackt, ist wohl auch reines Glück, was?“

Thyra stieß ihren Bruder mahnend, aber grinsend, mit dem Ellbogen an. „Es passiert nichts.“ Sie lächelte den Jägern aufmunternd entgegen, nachdem sie in Aramis‘ Richtung nur ein Kopfschütteln erwiderte. „Ihr müsst einfach nur hineinlaufen. Einer nach dem anderen. Der Strudel bringt uns geradewegs in mein Haus in Morac. Ihr dürft nur nirgendwo abbiegen.“

Die Jäger wirkten alle nicht wirklich überzeugt, außer Silas. Er trat nach vorne und nickte entschlossen. „Das klingt doch nach Spaß. Finley, du zuerst.“

Er fing sich einen ungläubigen Blick ein, als Aramis sich plötzlich räusperte. „Ich mache den Anfang.“ Er sah seine Schwester an und lächelte sanft. „Ich wechsle den Strudel am Dorfplatz und stoße später wieder zu euch. Ich möchte da gerne jemanden wiedersehen.“

Thyra erwiderte ein breites Grinsen. „Ist gut, mein lieber Bruder. Grüß‘ Caprice von mir und möge Aglaia dich bewachen.“

Aramis drückte seiner Schwester einen Kuss auf die Stirn. „Das tut sie immer.“ Und während er sich zum Strudel umdrehte, rief Shywa nur noch ein: „Denk‘ daran, was ich dir gesagt habe!“, er erwiderte ein: „Ich weiß Bescheid, Mama“, dann ließ er sich elegant in das schwarze Nichts fallen und verschwand.

Als Finley keine Schreie vernehmen konnte und daraus schloss, dass nichts passierte, fühlte er sich gleich bestärkt. Mutig schwang er sich seine Tasche über die Schulter und stellte sich vor die Türe.

„Hoffen wir nur, dass sie drüben Bescheid wissen.“ Shywa lächelte ihre Tochter an und diese erwiderte ein Grinsen.

Finley sah sich um und brachte noch ein, „Was ist denn, wenn nicht?“, heraus, ehe Silas ihn in den Strudel stieß und die anderen Jäger ihm nach und nach folgten.

Tristan war als vorletztes an der Reihe und wehrte sich innerlich, weshalb er sich mit den Händen an dem Türrahmen festhielt.

„Schließ' einfach die Augen, dann ist es leichter.“ Es war ein gut gemeinter Ratschlag von Thyra, doch er sah sie nur an, ohne ein Wort zu erwidern, und warf sich dann dem Nichts entgegen.

Sie musste nett zu ihm sein, ihn gut behandeln, auch wenn er sich so verhielt. Anders würde sie ihn sonst nicht für sich einnehmen können, das wusste sie.

„Bleib‘ dran.“ Shywa lächelte ihre Tochter aufmunternd an. „Ich liebe dich, meine Kleine. Kommt bloß alle wieder heil‘ zurück. Aglaia möge mit euch sein.“

„Ich liebe euch auch.“ Thyra lächelte ihrer Mutter und ihrem Stiefvater noch einmal entgegen, dann ließ sie sich fallen.

Im Strudel konnte sie Tristan und Silas vor sich sehen. Silas schien den Flug durch den Strudel zu genießen. Er hatte seine Tasche fest im Griff, doch seine Muskeln waren entspannt und er glitt schwebend voran.

Finley war der erste, der den Strudel wieder verließ und der schmerzlich erfahren musste, wovon Shywa gesprochen hatte. Er flog mit dem Kopf voraus aus dem Nichts und geradewegs gegen eine stabile Holztür, die ihm den Weg versperrte.

In dem Moment, in dem er merkte, dass er vermutlich gleich das Bewusstsein verlieren würde, wurde ihm außerdem klar, dass es nur noch schlimmer kommen konnte. Er wusste, dass er Recht hatte, als ein Jäger nach dem anderen auf ihm landete und er unter ihnen beinahe zerdrückt wurde.

Thyra sah, wie Silas auf dem Berg aus Jägern landete und reagierte so schnell, sie nur konnte. Sie streckte gerade die Arme aus, als Tristan den Strudel verließ. „Amnati dure!“

Die Türe wurde aus den Angeln gerissen und unter einem krachenden Geräusch durch den Raum geschleudert. Tristan und Thyra flogen geradewegs hinterher.

Für einen Augenblick lag Thyra regungslos da, bis sie merkte, dass sie doch weicher gelandet war, als sie angenommen hatte. Erschrocken musste sie feststellen, woran das lag. Halb unter und halb neben ihr, lag Tristan.

Er hielt sich den Kopf und stöhnte kurz, aber laut, auf. Es war ihr unangenehm, dass sie ihm so nahe war. Immerhin wusste sie, dass er darauf keinen Wert legte. Auf der anderen Seite genoss sie aber den kurzen Moment, bis Tristan sie schließlich unwirsch von sich wegschob.

Bevor sie sich entschuldigen konnte, vernahm sie weitere, schmerzlich klingende und stöhnende Geräusche. Sie alle kamen aus der Kammer, in der sich das Portal befand. Als sie sah, dass die Jäger aufeinander lagen und sie stark an das Spiel Schweineberg erinnert wurde, musste sie grinsen.

„Kann es sein, dass man heute nicht mit dir gerechnet hatte?“ Silas entlastete die anderen Jäger, als er sich aus dem Raum wälzte.

Tristan, der sich in diesem Moment aufrappelte, eilte zu ihm, um seinem Vater auf die Beine zu helfen.

„Offensichtlich.“ Thyra brachte nur ein entschuldigendes Lächeln zustande. „Die Türe hätte eigentlich geöffnet sein sollen. Oh, Göttin Aglaia! Fin, ist alles okay mit dir?“

Finley war der Letzte, der noch in der Kammer lag, mit dem Gesicht auf dem Boden. Er streckte den Arm aus und Mio half ihm auf. „Ein echter Mann erträgt jeden Schmerz.“ Er stöhnte, hielt sich dann den Kopf und schließlich den Arm.

Das Zimmer, in dem sie sich befanden, wurde von der Dunkelheit verschluckt. In Morac war es inzwischen spät am Abend. Am Himmel prangte bereits der Vollmond. Aus etwas weiterer Entfernung dröhnte ein Lachen zu ihnen durch, welches immer wieder von lauter Musik verschluckt wurde.

„Was nun?“ Silas kam auf Thyra zu.

Sie stand einfach nur da, mit geschlossenen Augen und lauschte dem Gesang, der die Musik begleitete. „Es ist so schön, wieder zu Hause zu sein.“

Finley schnaubte und hielt sich inzwischen die Hand an den Rücken. „Ja, unglaublich toll hier.“

Darian stieß ein herzliches Lachen aus und die anderen Jäger stimmten mit ein.

„Mal im Ernst“, sprach Silas es erneut an, als das Lachen ein Ende fand. „Was nun?“

Thyra riss sich von dem Gesang los und sah durch die Runde. „Ich zeige euch das Haus und wo ihr schlafen werdet. Dann gehe ich ins Dorf und melde euch beim Hexenamt an.“

„Jetzt?“ Mio sah sie überrascht an und blickte dann aus dem Fenster in die Dunkelheit. „Allein?“

Thyra lächelte. „Es muss unverzüglich gemeldet werden, wenn Nichtmagier diese Welt betreten. Außerdem wird mir nichts passieren. Das, was ihr dort hört, ist Esbats, eine traditionelle Vollmondfeier. Ich werde also nicht alleine sein.“

„Mir wäre es trotzdem lieber, dich zu begleiten.“ Silas stimmte Mios Sorge zu.

„Im Amt arbeiten Kobolde.“ Thyra grinste. „Sie sind nicht die freundlichsten Wesen und sehr schnell beleidigt, wenn man etwas Falsches sagt. Ihr solltet vielleicht erst ankommen und euch ausruhen. Morgen starten wir dann gemeinsam frisch erholt in den Tag.“

Sie ging, gefolgt von den Hexenjägern, durch das Haus und zeigte ihnen alles, was sie für den Anfang wissen mussten.

„Die ist ja süß.“ Finley blieb vor einem Wandporträt stehen und lächelte, als er darauf ein kleines Mädchen erkannte.

„Meine kleine Cousine“, wurde er aufgeklärt. „Ihr Name ist Celia. Sie lebt hier in Morac und geht zur Hexenschule. Sie ist erst sieben, aber ein sehr aufgewecktes Mädchen und sie kann mit Hexereien schon sehr gut umgehen.“

„Lernen wir hier denn deine Verwandten und Freunde kennen?“ Finley betrachtete noch einige der anderen Bilder an der Wand.

„Wenn du das möchtest, dann stell‘ ich sie dir vor.“ Thyra lächelte, denn insgeheim freute sie sich sehr darüber, dass er sich für ihre Heimat interessierte. „Celias Mutter sollte eigentlich hier sein und die Türe für uns öffnen, aber ich habe vergessen, dass es heute eher ungünstig ist.“

Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Das Nachbarhaus war in helles Mondlicht getaucht.

Finley folgte ihrem Blick und als er den Vollmond bemerkte, stockte ihm der Atem. „Deine Tante und dein Onkel … Sind die etwa ...“

„Seit zwei Jahren.“ Thyra legte sich ihre Hände an die Oberarme, ohne den Blick von dem Haus nebenan abzuwenden. „Damals haben sie sich in den Gebieten der dunklen Ecke von Morac herumgetrieben. In der Menschenwelt würde man sie wohl als Forscher bezeichnen. Sie suchten seltene Kräuter. Die beiden sind zwar begnadete Entdecker, aber sie waren dafür umso schlechtere Hexer. Hinter dem Wald ist man nicht sicher. Selbst begabte Hexen trauen sich nicht oft über die Grenze. Meine Tante und mein Onkel waren aber auf der Suche nach einem ganz bestimmten Kraut, welches hier nicht zu finden ist.“

Finley musterte sie interessiert.

„Sie brauchten es für ein Heilmittel. Vor einiger Zeit breitete sich eine schlimme Krankheit aus. Es handelt sich dabei um eine ungünstige Entwicklung der Hexenkraft. Dabei üben die Kräfte einen enormen Druck auf das Gehirn aus, vergleichbar mit einem Tumor. Viele Kinder erkrankten daran und es gab nichts, was die Heiler für sie tun konnten. Meine Tante und mein Onkel hörten von diesem Kraut und wollten ein Heilmittel herstellen, doch als sie im dunklen Reich waren und es schließlich fanden, wurden sie überfallen.“

„Von den Maleficas?“ Silas legte seine Hand sanft auf Thyras Schulter.

Neben ihm stand Tristan. Er sagte kein Wort, sah sie nur an, beinahe ausdruckslos.

„Sie sind zwar böse, doch steht der Ausdruck ‚Maleficas’ nur Hexenwesen zu.“ Thyra deutete mit der Hand auf die zwei Betten, die im Raum standen. Sie warf Mio und Jastin einen Blick zu, um ihnen klarzumachen, dass sie dort schlafen konnten. „Nukleo und Actress versuchen nicht nur Hexen auf ihre Seite zu ziehen. Auch andere Wesen haben sich ihnen angeschlossen. Auch die Werwölfe.“

Sie verließ das Zimmer und die übrigen Jäger folgten ihr durch den Flur im ersten Stock, bis in das nächste Schlafzimmer. „Darian und Jaron, eure Betten sind hier. Tristan, du schläfst mit Fin im nächsten Zimmer und Silas, du bekommst das große Schlafzimmer.“

Tristan erwiderte ihren kurzen Blick, dann schien es ihm angebracht zu sein, auf das Gesagte einzugehen.

„Was ist ihnen passiert?“ Er wollte höflich sein.

Ihm schien das der sicherere Weg zu sein, wo er sich doch nun in einer Welt befand, in der er es von Vorteil war, einen einheimischen Verbündeten zu haben.

Thyra blickte ihn verwundert an. Sie konnte kaum glauben, dass er sich wirklich dafür interessierte, aber Finley sah sie so bemitleidenswert an, dass sie trotzdem fortfuhr. „Du wirst nie als Werwolf geboren. Um ihre Art aufrechtzuerhalten, sind sie gezwungen, andere Wesen zu beißen. Nach einem Biss verwandelst du dich. Jedoch, wie man in den Geschichten der Menschenwelt schon lernt, immer nur an Vollmond. Meine Tante wusste, wie gefährlich es sein würde in einer solchen Nacht dieses Kraut zu suchen. In einer Gegend, in der nun wirklich genug Werwölfe lungern. Doch dieses Kraut war nur an Vollmond zu finden, also hatten sie keine Wahl.“

„Und weil die beiden schlechte Hexer waren, konnten sie sich nicht wehren?“, bemerkte Silas.

„Nein“, antwortete Thyra. „Den einen oder anderen Schockzauber konnten die beiden. Aber es gibt nicht viele Zauber, die einem Werwolf schaden. Nicht einen, der sie tötet. Silberklingen sind das einzige, das sie bezwingen kann. Fast jeder hier hat so etwas im Haus, doch es waren zu viele. Die beiden hatten keine Chance und die wenige Zauberkraft, die sie hatten, verschwand schließlich ganz. Wenn sich eine Hexe in einen Werwolf verwandelt, verliert sie ihre Kräfte.“

„Was ist mit dem Serum gegen die Krankheit?“ Finley wirkte flehend, als wollte er unbedingt ein gutes Ende hören.

Damit konnte Thyra in der Tat dienen.

„Sie haben es entwickelt.“ In ihrem Gesicht war ein stolzes Lächeln zu erkennen. „Und es hilft. Inzwischen sind sie auf der Suche nach einem Serum, das die Verwandlung des Werwolfes bei Vollmond verhindert. Es ist nicht heilbar. Wer einmal gebissen wurde, hat für immer das Blut in sich. Man kann es nur eindämmen und daran arbeiten die beiden. Sie haben leider keine Anhaltspunkte, wonach sie suchen müssen. Das ist wohl das Schwierigste, was jemals getan werden musste.“ Finley erschreckte sich merklich, als er ein lautes Heulen hörte. „Keine Sorge. Aramis und ich haben damals einen Zauber auf das Haus gelegt. Die beiden bleiben drin, wenn der Vollmond aufgeht und bis die Nacht vorüber ist, sind sie im Haus gefangen. Niemand kann rein oder raus.“

Finley wirkte erleichtert. „Wo ist denn deine Cousine in den Vollmondnächten?“

„Bei einem Freund“, antwortete Thyra. „Sie weiß nicht, was ihre Eltern sind. Sie ist zu jung, um es zu erfahren. Für sie ist es bloß ein regelmäßiges Übernachten woanders. Dieser Freund besitzt eine Elfe, die sich immer ganz rührend mit ihr beschäftigt.“

Thyra sah sich um und blickte in die verdutzten Gesichter von Finley und Silas. Nur Tristan wirkte noch immer abweisend. Sie bezweifelte, dass er sich allzu bald anpassen würde und hoffte nur, dass er zu den Bewohnern in Morac ein bisschen freundlicher sein würde. Wenn schon nicht für sie, dann wenigstens um seinetwillen. Natürlich hoffte sie aber auch, dass er es wegen ihr tun würde.

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