Ich bin Reporter. Leider keiner von den Großen. Nebenbei arbeite ich vierzig Stunden in der Woche bei einer Reinigungsfirma. Vom Schreiben allein können die wenigsten leben. Leider.

Freiberuflich bin ich für unsere kleine Regionalzeitung tätig. Die Redaktion schickt mich zu bestimmten Events, wie den Hauptversammlungen des Kaninchenzuchtverbandes und der Eröffnung kleinerer Flohmärkte. Daneben kümmere ich mich um den Kontakt zu den örtlichen Vereinen. Manchmal darf ich zu Theateraufführungen oder Vernissagen. Das allerdings nur, wenn kein anderer Lust hat hinzugehen.

Auch nach dreißig Jahren habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, einmal eine große Story zu bringen. Ich bin immer da, wenn man mich fragt und habe auch noch nie einen Auftrag abgelehnt. Es gab sogar Reaktionen und Leserbriefe nach meinen Artikeln. Leider nicht viele, aber allein im vergangenen Jahr zehn.

Im letzten Monat hat ein Insektenforscher eine Pressekonferenz einberufen. Unsere kleine Zeitung bekam eine Einladung, weil der Mann schon seit Jahren hier im Ort lebt. Das wäre normal eine große Sache, wenn der Name des Forschers z.B. Prof. Dr. Möller wäre. Aber von Wilfried Möller hatte kein Mensch je gehört. Ich konnte ihn nicht mal bei Google finden. Er forschte nicht in einem Institut oder an einer Universität, sondern hier, in einem unbekannten, kleinen Labor. Wahrscheinlich einer umgebauten Garage. Dazu noch ohne einen einzigen Angestellte.
Fraglich, ob er überhaupt studiert hat.
Unser Chefredakteur wollte jemanden hinschicken, da er Möller persönlich vom Einkauf bei seinem Metzger kennt .Es ist eben etwas Lokales und vielleicht, so dachte er sich, interessiert es zumindest ein paar Leserkinder.
„Wahrscheinlich hat der ein paar Schmetterlinge mit Edding bemalt", bemerkte mein Kollege Fuchs hämisch grinsend. Er wollte natürlich nicht hingehen, sondern lieber vom zeitgleichen Fußballspiel der A-Jugend berichten. Meine Kollegin Britta hat angeblich eine Insektenallergie und so blieb wieder einmal nur ich übrig. Lust hatte ich, wie gesagt, keine.

Die kleine Hoffnung, auf der Pressekonferenz ein paar Kollegen von Wissenschaftsmagazinen oder Ähnlichem zu treffen, war jedoch durchaus vorhanden. Kontakte knüpfen kann von Vorteil sein. Endlich mal für eine große Zeitung schreiben. Das verhasste Putzen aufgeben und nur noch Reporter sein. Wie lange träumte ich schon davon...

Ich war pünktlich da. Wilfried Möller auch. Er war ein kleiner schlanker Mann, so mein Alter, um die 50. Sein Gesicht war grau, wie seine spärlichen langen Haare, die ihm ungepflegt auf die Schulter hingen. Sein Anzug war mindestens 20 Jahre alt und zu klein. Die Schuhe altmodisch, aber auf Hochglanz poliert. Er war frisch rasiert, hatte sich, wahrscheinlich aus Aufregung, ein paar Mal geschnitten. Ich sah ihn an und empfand spontan Mitleid. Da war jemand, dem ging's noch schlechter als mir. Auf dem Tisch standen Gläser mit Sekt. Häppchen waren appetitlich angerichtet. Wir waren allein. Möller schaute öfters auf die Uhr und schlurfte nervös durch den Raum, wir blieben allein. Sein erwartungsvolles Gesicht wurde langsam traurig.

Ich hatte nicht mal einen Fotografen mitgenommen. Unserer war bei dem Fußballspiel. Meine altes Smartphone machte natürlich nicht allzu viel her. Wir warteten also gemeinsam und fingen dann an, den Sekt zu trinken. Musste ja nicht abstehen. Die Häppchen waren auch ganz gut.

So nach 10 Gläschen Sekt, sah Möller dann endlich ein, dass wohl keiner mehr kommen würde. Er fing an, mir einen Vortrag über die Genetik verschiedener Falter zu halten und was Parasiten bei ihnen so alles anrichten können. Als er dann über DNA-Sequenzen referierte, musste ich ein Gähnen unterdrücken. Enttäuscht nahm er zur Kenntnis, dass ich mir bis jetzt keinerlei Notizen gemacht hatte. Ja wie auch. Ich verstand nicht einmal die Hälfte von dem, was er mir zu erklären versuchte. „Vielleicht zeigen sie mir besser erst einmal ihre Ergebnisse", versuchte ich ihn dann zu beschwichtigen. Ich wollte ihn davon abhalten, mir weitere Erklärungen zu liefern. Seine Monologe waren einfach zu ermüdend. Zum Glück war er einverstanden.

Das Labor war in einem Nebengebäude. Für eine seriöse Forschungseinrichtung sah es, ehrlich gesagt, etwas zu schmuddelig aus. Der Boden klebrig, die Fenster sicher schon Jahre nicht geputzt. Überall Eimer mit ekligen Resten, die aussahen wie leere Kokons. Manche schienen allerdings voll und vertrocknet zu sein. Zum Glück war der Geruch noch einigermaßen erträglich. Ich überlegte schon, ihm eine Karte von unserem Reinigungsdienst zuzustecken.

Möller führte mich stolz zu mehreren großen Glaskästen. In einem von ihnen hingen an Holzstangen die Puppen von Schmetterlingen oder Faltern. Ich erkannte das nur, weil meine Ex mich vor Jahren einmal in einen Schmetterlingspark geschleppt hatte.

Stolz, als hätte er sie selbst gelegt präsentierte er mir etwa fünfzig Kokons. „Sie schlüpfen bald", freute sich Möller, während er aufgeregt herum wuselte. Im daneben stehenden Terrarium vertilgten etliche Raupen gerade einige exotische Pflanzen. „Sie sollten sich das heutige Datum gut merken", meinte er dann und empfahl mir, seine persönliche Einladung zu verwahren, denn bald schon würde sie ein bedeutendes Dokument sein. Alle, die ihn ignoriert hatten, würden es bitter bereuen. Na ja, eigentlich bereute ich es da gerade, diesen Termin wahrgenommen zu haben.

In diesem Moment schlüpfte der erste Schmetterling. Ein ziemlich großes Exemplar.
Danach ging es Schlag auf Schlag.

„Schauen sie, schauen sie!" Möller war außer sich vor Begeisterung. Ich setzte meine Brille auf und betrachtete die frisch geschlüpften Flattertierchen. Dann wäre ich fast umgefallen. Auf den ersten Blick sah ich einen großen Falter, aber beim genaueren Hinsehen, viel mir auf, dass die Köpfe irgendwie anders waren. Sie hatten keine normalen Insektenköpfe. Es sah fast so aus, als würden mich winzige Gesichter anschauen. Mit zwei Augen, Nase, Mund und ja auch zwei Ohren. Ihr Fell wirkte wie Haar. Sie standen auf kleinen Füßchen, hatten aber vier Arme mit winzigen Händchen dran.

„20 Jahre, 20 Jahre, arbeite ich schon daran", jubelte Möller. Die Falter hatten sich inzwischen am Fenster versammelt. Es sah aus, als ob sie mit ihren kleinen Händchen die trüben Scheiben polierten, um hinauszuschauen. „So viele gelungene Exemplare", freute sich Möller. „Schauen sie sich das Gehirn an". Er nötigte mich, mir unter einem Mikroskop ein paar Proben und Querschnitte eines Gehirns anzuschauen, dass, wie er sagte, von der ersten gelungenen Versuchsreihe stammte.

Ich war entsetzt."Sie haben sie getötet?", fragte ich ihn.
„Das ist so in der Forschung", bestätigte er. Hunderte geimpfte Kokons und jeweils nur einer, der sich weiter entwickelte. Um sie zu studieren, ließ er sie meist bis zu vierTagen leben, um sie dann zu töten und akribisch zu untersuchen.

Ich fing an, ihn zu verabscheuen. Inzwischen hatte er die Falter alle wieder eingefangen und in einem großen Glaskasten deponiert. Die armen Kerlchen versuchten die Glasplatte, die als Abdeckung diente, wegzuschieben. Aber sie schafften es nicht. Einer zappelte in seiner Hand.

„Ich werde diesen hier jetzt sezieren", meinte Möller, „und dann können sie sich selbst davon überzeugen, dass die Präparate echt sind".

Ich stieß gegen die Abdeckung, als ich entsetzt zurückwich. Die Falter schwirrten heraus. Möller ließ den, den er gerade in seiner Hand hielt, los, um sich gegen die auf ihn ein schwirrenden Insekten abzuschirmen. Keine Ahnung , was genau geschehen ist. Möller japste und fiel zu Boden. Ich sprang zu ihm, seine Haut war bläulich verfärbt und er atmete nicht mehr. Er schien tot zu sein.

Mund zu Mund Beatmung, Herzmassage, wie lange ist es her, dass ich das einmal gelernt habe? Ehrlich gesagt, fand ich seinen Anblick auch zu eklig. Ich konnte mich einfach nicht dazu durchringen, ihn zu berühren. Ich nahm mein Handy und rief den Rettungsdienst. Danach ging ich zum Fenster und öffnete es. Die Falter schwirrten davon.

Alle, außer dem einen, den er in der Hand gehalten hatte. Ich sah, dass sein Flügel verletzt war. Ich wollte nicht zulassen, dass die Rettungskräfte ihn sahen. Ich hielt ihm meine Hand hin und er kletterte auf sie. Am Fenster weigerte er sich allerdings, meine Hand zu verlassen. Er legte seine Flügelchen an und krabbelte in meine Anzugtasche.

Die Rettungskräfte trafen ziemlich schnell ein, konnten aber nichts mehr für Möller tun. Offiziell ist er an einem Herzinfarkt gestorben. Seine Unterlagen kamen in den Müll. Das Labor soll abgerissen werden. Die Erben haben das Grundstück verkauft. Die Raupen in den Glaskästen, hat wohl irgendjemand in die Natur entlassen. Ein alter Sonderling ist gestorben, der sich für einen Wissenschaftler hielt. Ich hätte ihm posthum Anerkennung verschaffen können. Doch das hätte bedeutet, dass ich meinen kleinen Schützling Wissenschaftlern zur Erforschung überlasse. Das konnte ich nicht.

Das Ganze ist jetzt 4 Wochen her. Auf meinem Schreibtisch liegt noch das Schreiben mit dem Möller eingeladen hatte. Datum 4.5. - 16.00 Uhr. Ein Tag, der die Welt der Wissenschaft revolutionieren sollte. Ein Tag, der mein bisheriges Leben völlig veränderte. Ich habe meine Arbeit verloren. Ich kann ihn (oder sie?) nicht alleine lassen. Ich habe ihm ein Nest aus einem Seidenschal gebastelt und dem Flügel geht es langsam besser. So etwa 5 Meter kann er flattern ohne abzustürzen. Er mag Honig und frische Früchte. Von rohem Ei und Hackfleisch hat er auch probiert. Alles andere verschmäht er. Was aus den anderen Faltern geworden ist weiß ich nicht. Bis jetzt habe ich noch nicht gehört, dass irgendwo ungewöhnliche Insekten oder Schmetterlinge aufgetaucht sind. Ich kann jetzt leider nicht weiterschreiben. Er ruft mich.



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