Die Totenwächterin (2.Teil)

Als der Abend dämmerte, hörte ich endlich den Schlüssel im Schloss drehen und eine andere, etwas jüngere Schwester, öffnete mir. Ich war irgendwie erleichtert, dass es nicht Schwester Agnes war. In den Augen dieser Mitschwester, glaubte ich sogar sowas wie Mitgefühl zu erblicken. Sie war nur einige Jahre älter als ich und vielleicht war es ihr das erste Mal, als man sie hierhergebracht hatte, auch so ergangen wie mir.

Ich folgte ihr zum Abendmahl. Doch ich brachte keinen Bissen herunter. Zu sehr waren die grässlichen Bilder der verwesenden Körper, noch in meinem Bewusstsein. Am liebsten wollte ich einfach alles vergessen.

Als ich ins Bett ging, konnte ich nicht einschlafen. Ich wälzte mich hin und her und fürchtete mich schrecklich vor der Dunkelheit. Als ich kurz einnickte, suchten mich grässliche Alpträume heim und ich schreckte wieder hoch. Ich ging stundenlang in meiner Zelle auf und ab und dazu spürte ich nun auch noch schrecklichen Hunger. Doch ich wagte nicht, mich in die Küche zu schleichen, denn wenn man mich erwischte, setzte es bestimmt etwas. Der Ärger mit Schwester Agnes hatte mir gereicht.

So blieb ich wach, bis die Sonne erneut am Horizont aufging. Ich blickte aus dem kleinen Fenster meiner Zelle. Die Aussicht von hier, wäre so wundervoll gewesen. Goldrotes Licht breitete sich über alles aus und brachte die Mauern des Castellos und seine wunderschönen Gärten, zum Strahlen.

Doch all das konnte ich nicht wirklich geniessen, denn ich war hier gefangen, hinter diesen Mauern aus Schrecken und Einsamkeit. Niemand kümmerte sich um mich. Niemand wollte wissen wie es mir ging.

Zum Glück durfte ich heute im Klostergarten arbeiten. Das erschien mir gegenüber den Schrecken des gestrigen Tages, eine richtige Wohltat. Ich hatte genug Zeit und schaute manchmal vom Garten hinunter auf das, von mir so geliebte, Meer. Ich wäre so gerne ein Vogel gewesen und einfach weg geflogen, weit über das endlose Gewässer, fort von den Schrecken, fort von solch kaltherzigen Nonnen wie Agnes.

Auf einmal nahm ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr! Ich dachte es sei eine meiner Mitschwestern, die ebenfalls in den Garten gekommen war. Doch als ich mich umblickte, gefror mir das Blut in den Adern. Vor mir stand die tote Nonne, von welcher ich gestern das Gefühl gehabt hatte, sie starre mich an!

Sie wirkte so real und ich rieb mir ungläubig die Augen. Doch sie verschwand nicht. Sie grinste mich mit ihrem schiefen Mund und den toten Augen an und ich sah, zwischen den zerfetzten Kleidern, ihre Leichenflecke und die grün eingefärbten Adern, an Armen und Beinen.

«Das ist nicht möglich!» presste ich hervor. «Du kannst nicht hier sein!»

Wieder grinste die Nonne, auf grausige Weise und sprach:

«Oh doch, ich bin hier! Ich werde immer hier sein! Das ist mein zu Hause.»

«Aber du bist tot!»

Die Nonne schaute an sich herunter: «Ja vermutlich bin ich das.»

«Aber… warum sehe ich dich dann hier?»

«Das kannst du dir nur selbst beantworten.»

«Ich bilde mir das gewiss nur ein.»

«Wenn du es sagst, wird es wohl so sein.»

«Was willst du von mir?»

«Ach ich wollte nur sehen, wie du fliegst.»

«Wie ich fliege? Ich kann nicht fliegen.»

«Aber du würdest es gerne. Warum tust du es nicht?»

«Weil Menschen nun mal nicht fliegen können.»

«Bist du sicher?»

«Klar, bin ich sicher.»

Die Nonne kam nun immer näher zu mir heran und sprach:  «Dabei wäre es doch so einfach. Du müsstest nur die Flügel ausbreiten und würdest fliegen. Fort von hier, fort von diesem Haudrachen Agnes, fort von diesen schrecklichen Bräuchen mit toten Nonnen.»

Oh ja dieser Gedanke gefiel mir schon. Ich ging nochmals zur Mauer und blickte verträumt hinunter. «Fliegen… ja ich würde so gerne hier wegfliegen,» dachte ich bei mir und auf einmal, begann ich zu schwanken. Der Abgrund, in dem das geliebte Meer rauschte, zog mich irgendwie magisch an. Doch dann fasste ich mich wieder und rief:

«Nein! Lass mich einfach in Ruhe!» Ich wandte mich ab und lief Richtung Kloster davon.

Erleichtert stellte ich, als ich in den kühlen Raum selbigen trat fest, dass die grässliche Frau mir nicht folgte, zumindest diesmal nicht. Sie war verschwunden. Doch mein Innerstes war zutiefst aufgewühlt.

Die kommende Zeit, war für mich sehr leidvoll. Ich musste immer wieder in die Gruft und die Eimer unter den toten Nonnen auswechseln. Darin entwickelte ich zwar mit der Zeit ein wenig mehr Routine, doch das Meditieren in der schrecklichen, stinkenden Luft, schaffte ich noch immer nicht. Ich hatte meinen Eltern geschrieben, sie sollen mich bald von hier wegholen, dass das Klosterleben nichts für mich sei, schon gar nicht hier.

Meine sonstigen Arbeiten, erledigte ich mechanisch und wie in einem dunklen Traum gefangen.

Etwas vom Schlimmsten in diesem Traum war, dass die tote Schwester, mittlerweile wusste ich, dass sie Deborah geheissen hatte (sie war mit 40 Jahren gestorben), immer wieder auftauchte. Sie wich mir sozusagen nicht mehr von der Seite. Beinahe überall wo ich war, war sie auch. Manchmal sogar in meiner Zelle, als ich schlafen wollte, oder manchmal stellte sie sich neben ihren eigenen Leichnam und machte sie über selbigen lustig.

«Schau mal mein Kiefer hängt ja schon bald bis auf meine Brust herunter und da kommt immer noch Flüssigkeit überall raus. Ist schon ziemlich eklig was?»

Ja natürlich war es eklig, dass Deborah sich aber darüber lustig machte, gab dem Ganzen noch einen ganz besonderen Schrecken.

Ich versuchte sie zu ignorieren, doch es gelang mir einfach nicht. Ihre ständige Anwesenheit brachte mich immer mehr dem Wahnsinn nahe.

Ich sagte immer wieder, sie solle mich in Ruhe lassen, doch sie dachte nicht daran.

Manchmal wollte sie mich zu irgendwelchen Dummheiten veranlassen, wenn die anderen Schwestern, allen voran Agnes, mich wieder einmal wie Dreck behandelten.

Als ich mal eine tote Maus im Kreuzgang fand, meinte sie, ich solle diese Agnes ins Bett legen, um sie endlich mal für ihre Bosheit büssen zu lassen. Einmal als ich am Kochen war, meinte sie, ich solle einen der Klostervorhänge mit einem brennenden Kienspan anzünden. Ich wehrte mich lange mit aller Kraft gegen diese Einflüsterungen, doch es fiel mir zusehends schwerer.

Nur der Gedanke, von meinen Eltern bald von hier weggeholt zu werden, hielt mich noch aufrecht.

Endlich nach endlos scheinender Zeit, kam ein Brief von meinen Eltern. Hoffnungsvoll öffnete ich ihn. Deborah stand bereits neben mir und meinte mit einem spöttischen Unterton in der Stimme: «Die holen dich hier bestimmt nicht weg. Die können sich das nicht leisten. Sie haben dem Kloster genug bezahlt, damit es dich hier aufnimmt und das Familien- Erbe wird eh an deinen ältesten Bruder gehen. Zudem, wer will schon die kirchliche Obrigkeit erzürnen? Für dich bleibt nichts übrig, weder Geld, noch ein Leben ausserhalb dieser Mauern. So ist das in solchen Fällen doch meistens.»

«Nein! Meine Eltern lieben mich, da bin ich sicher und wenn sie wissen, was ich hier durchmache, dann holen sie mich bestimmt ab!»

«Das werden wir ja noch sehen.»

Ich las den Brief so schnell ich konnte durch und kaltes Entsetzen ergriff mich einmal mehr! Deborah hatte Recht behalten, meine Eltern würden mich hier nicht wegholen. Sie schrieben, dass sie davon überzeugt seien, dass die Klosterschwestern hier, als treue Dienerinnen Gottes, schon das Richtige täten und es viele andere Gründe gäbe, warum ich nicht mehr heimkommen könne. Ich müsse einfach lernen, mal etwas durchzubeissen.

«Zur Hölle mit ihnen!» schrie ich von eiskaltem Zorn erfasst und warf den Brief weit von mir.

«Sie lassen mich einfach im Stich!»

«Tja, dein Leben gehört jetzt nun mal der Mutter Kirche,» sprach Deborah und ihre blutunterlaufenen Augen, blitzten schadenfreudig. «Ich habe es dir ja gesagt!» «Hau endlich ab!» brüllte ich. Ich nahm einen Stuhl der in meiner Zelle stand und warf ihn hinter der toten Nonne her. Ich verlor vollends die Beherrschung und fegte alles was auf Tischen und Gestellen lag, hinunter auf den Boden. Ich packte die Möbel und warf sie gegen die Wand, dass es laut polterte, trat ins Bettgestell, dass dieses zusammenklappte und schlug mit der Faust in die Kastentür, wodurch eine tiefe Delle entstand.

Deborah war nun endlich weg, doch einige andere Schwestern meines Ordens, kamen daher geeilt und versuchten mich entsetzt zu beruhigen. Doch ich hatte vollends die Kontrolle verloren. Ich trat weiter um mich und fluchte lautstark. «Sie ist besessen!» rief eine Mitschwester namens Cecilia und versuchte mich festzuhalten. «Wir sollten den Priester rufen!»

«Ich bin nicht besessen ihr dummen Puten! Ich will einfach hier raus, zur Hölle mit all dem hier! Ich will raus, raus!»

«Ja, zeig es ihnen!» sprach Deborah, die nun auf einmal wieder aus dem Nichts, aufgetaucht war.

«Verflucht, lass mich doch endlich in Frieden!» brüllte ich sie an. Die anderen Nonnen, musterten mich entgeistert. «Aber mit wem spricht sie da bloss?» «Wie gesagt, sie ist besessen!»

«Nein, ich bin nicht besessen! Hab ich doch schon mal gesagt!» Mein Kopf war mittlerweile rot angelaufen, vor Anstrengung und Zorn. Ich konnte mich einfach nicht mehr beruhigen das alles hier war doch ein schlechter Witz, ein grausamer Scherz, den irgendwer mit mir trieb.

Schwester Agnes kam nun sogar zusammen mit der Äbtissin herein. Agnes hier zu sehen, die mich immer so schlecht behandelte gab mir noch den Rest.

«Lasst mich endlich in Ruhe, ihr verfluchten Mistkröten!» schrie ich die beiden an. Als ich das sagte, gab mir Agnes erneut eine Ohrfeige.

«Na los!» rief Deborah «das ist die Gelegenheit! Schlag zurück!»

Und ohne es wirklich unter Kontrolle zu haben, schlug ich nach Agnes aus und traf sie so hart in den Bauch, dass sie zurücktaumelte. «Lass mich du… du Teufelin!» brach es, mit vor Zorn heiserer Stimme, aus mir heraus. Agnes und die anderen schienen nun noch entsetzter und wichen für einen Moment lang ängstlich zurück. Ich musste wirklich furchterregend wirken.

Als ich all die Gesichter sah, die mich teilweise ernsthaft besorgt, teilweise voller Verachtung musterten, brach auf einmal ein Bann und ich liess mich weinend zu Boden fallen.

Mein ganzer Körper wurde erschüttert von Schmerz, Hoffnungslosigkeit und endlosem Kummer und ich schluchzte und schluchzte einfach nur noch. Die Schwestern wirkten ziemlich hilflos und zogen sich schlussendlich zurück.

«Denen hast du’s aber gegeben!» lachte Deborah voller Schadenfreude. «Gut gemacht! Nun musst du dich nur wieder beruhigen.» Sie klopfte mir unverbindlich auf die Schulter und zeigte nicht wirkliches Mitgefühl. Irgendwie hasste ich sie und zugleich war ich irgendwie froh, dass sie da war. Es war seltsam.

«Ich werde mich beruhigen wann es mir passt!» erwiderte ich trotzig.

«Jaja, ist schon gut.» Deborah liess sich in einen der Sessel fallen und musterte mich schweigend. Ihren toten Blick auf mir zu spüren, war irgendwie grotesk und befremdlich. Sie schien mit jedem Tag etwas mehr zu zerfallen, wie ihr Pendant in der Gruft. Ja, sie sah wahrlich scheusslich aus!

«Geh jetzt! Ich will allein sein!» sprach ich nach einiger Zeit.

«Bist du sicher? Denn ich bin gerade die Einzige, die wirklich für dich da ist.»

«Ich schere mich nicht um die Gegenwart einer…, einer verdammten Leiche! Hau ab! Reicht es nicht, dass ich schon fast täglich deinen und den Mist deiner anderen toten Gesellschafterinnen wegräumen muss?»

«Das verbindet uns doch auch irgendwie.»

«Nein, es verbindet uns gar NICHTS. Mit dir hat der ganz Ärger erst angefangen. Ich hätte Schwester Agnes niemals schlagen dürfen, daran bist du schuld!»

«Jaja, rede dir das nur weiter ein!» erwiderte Deborah, aber schliesslich verschwand sie dann doch.

Ich atmete tief auf und blickte mich in der Zelle um. Es war ein heilloses Durcheinander hier und ich begann etwas aufzuräumen. Doch inmitten dieser Tätigkeit, hielt ich inne. Was machte ich hier eigentlich? All das hatte sowieso keinen Sinn mehr. Nachdem was heute passiert war, würde ich vermutlich sowieso nicht hierbleiben können, oder es wurde alles nur noch schlimmer, denn jetzt glaubten all diese Nonnen, dass ich verrückt oder gar besessen war. Entweder brachten sie mich zu einem Exorzisten, welcher mir irgendwelche bösen Geister austreiben wollte, oder das Schlimmste: Ich kam ins Irrenhaus. Wenn man dort einmal gelandet war, war das Leben sowieso vorbei. Dann gab es für mich keinerlei Hoffnung mehr, auf ein Stückchen Freiheit.

Nein! So weit würde ich es sicher nicht kommen lassen! Doch es war für mich auch unvorstellbar, noch einen einzigen Tag mehr die Nonnengruft sauber zu machen.

Mein Entschluss war gefasst. Ich packte einige wichtige Habseligkeiten zusammen und fand sogar, versteckt unter meiner Bettstatt, noch einige Münzen. Diese hatte ich, bei meinem Eintritt ins Kloster, vorsorglich beiseitegelegt, um wenigstens noch ein Bisschen von meinem Besitz zu behalten. Einen Notgroschen sozusagen, den ich nun gut gebrauchen konnte. Es gab auch noch etwas Schmuck: Meinen einstigen Lieblingsring und eine kleine, goldene Kette mit einem Kreuz daran, welches ich, verborgen unter meiner hochgeschlossenen Kutte trug.

Ich ging zum Fenster und blickte hinaus. Ein kleiner Felsvorsprung lief unterhalb selbigen entlang. Ohne lange zu überlegen, kletterte ich hinaus und eng an die Wand gedrückt, ging ich dem Vorsprung entlang, zu einem weiteren Felsen. Von dort, gelangte ich auf ein altes Stück, der inneren Wehrmauer. Ich balancierte selbige entlang und suchte nach einer geeigneten Stelle, um noch weiter hinunter zu klettern.

«Was machst du da!» keifte auf einmal eine, mir nur allzu bekannte, Stimme.

Deborah stand vor mir und versperrte mir den Weg. «Du kannst nicht einfach gehen und mich hier zurücklassen!» sprach sie und ihre stumpfen Augen, glitzerten auf einmal bedrohlich.

«Oh doch, das kann ich wohl!»

«Nein!» Deborah stand nun ganz dicht vor mir und ich roch sogar ihren, nach Verwesung stinkenden, Atem.

«Du bleibst hier!»

«Nein!» ich versuchte mich an ihr vorbei zu drängen, doch es ging nicht. Ein kleines Stück hinter Deborah, sah ich eine Stelle, wo die Mauer etwas niedriger war und ich wollte dort hinunterspringen. Doch Deborah dachte nicht daran, mich gehen zu lassen.

Ich versuchte alles und schliesslich rannte ich einfach auf sie zu, um sie aus dem Weg zu katapultieren.

Erstaunlicherweise, glitt ich jedoch einfach durch sie hindurch! Überrascht von dem, doch sehr niedrigen Widerstand, verlor ich das Gleichgewicht und ruderte verzweifelt mit den Armen.

Und dann… flog ich… hinaus in die Freiheit!

 

Ende

       

       

Kommentare

  • Author Portrait

    Ich ziehe meinen Hut! So wie du alles beschrieben hast, fühlt man sich, als wäre man dabei gewesen. DasEnde hätte ich mir für Johanna anders gewünscht. Doch jetzt macht Deborahs Frage, ob sie, Johanna, denn gerne fliegen würde mehr Sinn für mich. Ein wirklich überraschendes Ende!

  • Author Portrait

    Ein eindrücklicher Text, liebe Xandra! Ich habe heute immer wieder überlegt, woher es kommt, daß solche Dinge geschahen und, leider, in verschiedensten Formen immer wieder vorkommen. Das traurige Leben von Johanna hat mich sehr zum Nachdenken angeregt! Dir gelingt in der Erzählung ausgezeichnet , Spannung aufzubauen, den psychischen Druck des jungen Mädchens gekonnt darzustellen. Der Dialog zwischen Johanna und Deborah ist unglaublich lebhaft und gleichzeitig gruselig, geht an die Substanz. Das Ende hätte ich Johanna anders gegönnt, aber es erschliesst sich aus dem Vorhergegangengen und auch da bleiben deine Bilder klar und eindringlich. Grosses Kompliment für diese Geschichte!

beta
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