Es war einmal eine Treppenstufe.
Exakt geformt war sie und mit feinem Teppich belegt. Viele Male täglich wurde sie begangen von Menschenfüssen, Hunde- und Katzenpfoten.
Hochmütig blickte sie hinab auf die nachfolgenden Stufen, denn als oberste dünkte sie sich die wichtigste und unentbehrlichste. Das erregte den Aerger der ganzen Stufengemeinschaft.
"Eingebildet ist sie!" schimpften die einen.
"Hochnäsig!" murrten die anderen.
"Was wäre sie eigentlich ohne mich?" rief die unterste Stufe aufgebracht. "Ohne Anfang geht gar nichts! Wie sollten die Menschen und Tiere zur Dame oberste Stufe gelangen, wenn nicht zuerst über mich?"
"Ach, du Kellerwesen!" höhnte die oberste Stufe. "Du liegst da unten im Schatten, ohne Ausblick, ohne Ueberblick, ohne je einen Sonnenstrahl zu sehen. Was weisst denn du vom Leben?"
Ein wüster Streit begann und alle Stufen schrien jetzt aufgeregt durcheinander.

"Seid doch einmal alle still!"
Es dauerte eine ganze Weile, bis sich das Geländer Gehör verschaffen konnte.
"Es ist nicht sehr angenehm, sich euer Gezänk anzuhören.
Nun, da ihr ruhig seid, überlegt euch doch einmal ganz genau: Gehört ihr nicht alle zusammen? Seid ihr nicht alle gleich wichtig? Was wäre, wenn auch nur eine von euch fehlen würde?
Seid doch stolz auf eure Aufgabe, Menschen und Tieren den Weg nach oben und nach unten zu erleichtern oder überhaupt gar zu ermöglichen!"
Tief atmete das Geländer durch. Es hatte noch nie so viel auf einmal gesprochen.

Betroffene Stille herrschte.

"Du hast recht!" rief auf einmal die unterste Stufe. "Wir sind alle gleich schön und gleich wichtig, jede einzelne von uns!"
Auffordernd blickte sie zu den anderen Stufen empor.
"Stimmt!"
"Es ist, wie du sagst!"
"Ja!"
Alle schauten nun zur obersten Stufe hinauf.
Diese hätte sich am liebsten versteckt, so sehr schämte sie sich. Aber sie musste ja bleiben, wo sie war. Wie die andern auch. Deshalb gehörten sie ja auch alle zusammen. Wie hatte sie das nur vergessen können? Nur - wie konnte sie sich jetzt aus der Affäre ziehen, ohne sich eine Blösse zu geben?
"Komm, sei mutig!" raunte ihr die Nachbarin zu, die ihr ohnehin nahestand.
"Ehm - ja - das Geländer hat wahrscheinlich recht. Ich - ehm - ihr - ehm - "
sie holte tief Luft -
"wir sind zusammen einfach EINE Treppe!"
Jubel erklang, dann kehrte wieder Ruhe ein.

Das Geländer lächelte zufrieden.

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Feenstaub

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