Die Vermissten

Gabrielle kroch noch tiefer unter die alten Betten im Desinfektionsraum. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit sie aus dem Wohnbereich geflüchtet war. Ganz sicher wollte sie niemals zurück. Ihr ganzer Körper schmerzte. Ihr Magen knurrte, doch schlimmer war der Durst. Ganz vorn im Raum gab es ein Waschbecken. Sie hörte das Wasser aus dem Hahn, Tropfen für Tropfen, der auf das Emaille aufschlug. Sonst hörte sie nichts, aber sie wusste, dass sie da waren.
Sie verfluchte im Stillen den Tag, an dem sie in diesem Seniorenstift angefangen hatte. Exklusiv, teuer, abgelegen in wunderschöner Natur und dennoch nicht weit von der Stadt, die Bezahlung großzügig. Das hatte so gut geklungen. Sie konnte sogar eine kleine Eigentumswohnung in der nahen Stadt abbezahlen. Dann kam die neue Leitung, es wurde eingespart. Natürlich am Personal. Trotzdem waren sie noch besser besetzt, als staatliche Einrichtungen. Doch seit dieser verfluchten Grippe waren Überstunden an der Tagesordnung. Tagsüber arbeitete man zu zweit, da, wo sich sonst vier Leute sich um die Bewohner kümmerten. Und die hatten natürlich kein Verständnis. Egoistisch forderten sie Zuwendung ein, drohten mit ihren einflussreichen Angehörigen, die sich einen Dreck um sie scherten.
In einem gehobenen Seniorenstift zu arbeiten, konnte sehr anstrengend sein.

Der Nachtdienst war selbst in diesen Zeiten erträglich. Man war zu zweit, half sich gegenseitig. Doch seitdem so viele wegen der Grippeepidemie ausfielen, musste eine Nachtwache sich allein um beide Wohnbereiche kümmern. Für den Notfall konnte man eine Kollegin anrufen, die Rufbereitschaft hatte.
Sie hatte angerufen, ja, das hatte sie. Aber die Kollegin schien lieber ausschlafen zu wollen.

Vor zwanzig Stunden:
Anfangs war es noch ganz ruhig gewesen. Der Spätdienst auf beiden Bereichen war etwas länger geblieben. Die Leute friedlich und bis auf ein paar wenige, schon im Bett.
Einzig Herr Ullmann von oben, der nie müde wurde zu betonen, dass sein Sohn Bundestagsabgeordneter war, saß wieder ewig lang im Aufenthaltsraum. Er saß nur da, wie auch die letzten Nächte. Die angebotenen Schlaftabletten lehnte er ebenso ab, wie die Bitte in sein Zimmer zu gehen. Stattdessen fixierte er sie mit seinem kalten Blick. Da der Aufenthaltsraum genau gegenüber dem Dienstzimmer lag, konnte sie sich seinen Blicken nur entziehen, wenn sie einen Rundgang machte, im Bad oder Verbandsraum arbeitete oder in den unteren Wohnbereich ging. Sie war fast erleichtert, als es kurz vor zwei unten klingelte. Sie gab Bedarfsmedikamente aus, kontrollierte die Zimmer und ging dann wieder nach oben.
Schon im Treppenhaus hörte sie Schreie. Mit zitternden Händen fingerte sie das Handy aus ihrem Kittel und drückte die Kurzwahl zur Rufbereitschaft. Sie ließ es klingeln, während sie nach oben hastete. Die Tür zum Wohnbereich war offen. Herr Ullmann stand auf dem Flur. Er hatte die Frau aus Zimmer zwölf gegen das Fenster des Dienstzimmers gepresst und schien sie zu küssen. Die alte Frau wehrte sich, kam aber gegen den beleibten Mann nicht an.
Gabrielle steckte das Telefon zurück in die Kitteltasche und rannte auf die beiden zu. Einflussreicher Sohn oder nicht, sowas würde sie auf keinen Fall dulden. Sie riss den Mann von der schreienden Frau. Ullmann schien sie verletzt zu haben. Ihre Wange blutete. Die Frau kniete sich schluchzend, während Ullmann sich knurrend Gabrielle zuwandte. Er war noch bleicher als sonst. Seine gelben Augen waren zusammengekniffen. Er fauchte wie ein Tier und versuchte nach ihr zu beißen. Sie stieß ihn mit beiden Händen von sich, doch er ließ sich nicht beirren. Sein Bademantel stand offen. Der Katheterbeutel, der an seinem Bein befestigt war, hatte sich gelöst.
Die Geräuschkulisse schien einige Bewohner geweckt zu haben. Im hinteren Bereich öffneten sich Türen.
»Was ist hier für ein Krach, sorgen Sie gefälligst für Ruhe!«, rief eine ältere Dame im Nachthemd. Ullmann ließ sich nicht beirren. Sein Mund war blutverschmiert. Er klammerte sich an Gabrielles Kittel. Sie stieß ihn weg.
»Gehen sie in ihre Zimmer!«, rief sie den glotzenden, Bewohnern zu. Die hörten nicht auf sie. Zwei starrten auf Ullmann, dann auf sie und schlurften in ihre Richtung. Die waren wahnsinnig, allesamt. Gabrielle keuchte, trat nach dem einen, wehrte den Zweiten ab und rettete sich dann in den Funktionsraum, in dem außer einer Dusche auch eine große Wanne stand. Der Raum, in dem auch Verstorbene zwischengelagert wurden, bis die Pietät sie abholte.
Die Alten waren ihr gefolgt. Sie wollte den hinteren Ausgang erreichen. Den der zum Versorgungslift führte. Die Tür war verschlossen. Ihr Universalschlüssel passte nicht. Tränen rannen ihr über die Wangen, während sie vergeblich an der Tür rüttelte. Inzwischen hatte sie einer der anderen erreicht. Peterson. Der hagere 80-jährige umklammerte ihren Arm,. Seine spärlichen weißen Haare standen wild von seinem Kopf weg. Die Sklera seiner Augen war gelb, wie bei Ullmann. Im letzten Moment konnte sie sich losreißen. Sie kletterte über ein Bett, riss sich die Strumpfhose an einer scharfen Kante auf und verlor einen ihrer Schuhe. Die ältere Dame, die sich über den Lärm beschwert hatte, stand im Türrahmen. Mit offenem Mund gotzte sie auf ihre Mitbewohner, die die Schwester verfolgten.
»Rufen Sie die Polizei, bitte!« , schrie Gabrielle ihr zu. Inzwischen waren noch weitere Neugierige aufgetaucht. Zwei ihrer Verfolger wandten sich den Gaffenden zu und zogen sie in den Raum. Schrille Schreie ertönten. Gabrielle stieß ihren Verfolger mit einem Infusionsständer zurück, quetschte sich durch die Betten und rannte zurück zum Ausgang, der jetzt frei war. Sie reagierte nicht auf die Hilferufe der in den Raum gezerrten Menschen, warf die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel um.
Hektisch versuchte sie, Luft zu bekommen. Ihr rechter Unterschenkel war blutverschmiert. Sie wollte nach ihrem Handy greifen. Es war nicht mehr im Kittel. Wo konnte sie es verloren haben?

Aus einem der vorderen Zimmer kam ein Bewohner. Herr Weiner. Sie kannte ihn schon lange. Er war früher Polizist gewesen.
»Wie geht es ihnen?«, er kam zu ihr, reichte ihr ein Taschentuch. »Keine Sorge, keiner wird Sie mehr angreifen. Dafür habe ich gesorgt!«
Ungläubig schaute sie ihn an. Sah dann das Zimmer, auf das er wies. Mechanisch bewegte sie sich zu dem Raum. Die Bewohnerin darin schlief. Friedlich. Sie trat zu dem Bett, suchte den Puls der Frau. Sie lief in das nächste Zimmer. Der Mann darin lag auf dem Rücken, er atmete nicht.
»Sie sind neutralisiert.« Die Stimme des Alten klang stolz. »Sie haben nicht gelitten, ich habe sie erstickt. Die im Bad zu erledigen wird schwieriger. Wir müssten Feuer legen.«
»Nein, was haben Sie getan!« Entsetzt schüttelte sie den Kopf. Er lächelte. Seine Augen fielen ihr auf. Die Sklera, sie war gelb. Sie drängte sich an ihm vorbei und wollte in das Dienstzimmer laufen. Direkt neben der Tür stand eine Bewohnerin. Eine, die erst seit ein paar Tagen da war.
»Ich will nach Hause«, jammerte sie, während sie sich an Gabrielles Kittel festklammerte. Die Schwester riss sich los und rannte zum Umkleideraum am Eingang des Trakts. Sie hatte nur einen Schuh an, sie musste sich umziehen, ihre Straßenschuhe anziehen. Sie musste hier verschwinden. Während sie hektisch ihre Schuhe aus dem Spind nahm, sah sie im Gang die beiden Alten warten, die sich gegenseitig misstrauisch beäugten. Sie zog ihre Stiefel über, verlor keine Zeit mit Umziehen, warf einfach den Mantel über, schnappte ihre Tasche und humpelte zur Tür. Ihr Bein brannte. Sie musste sich im Bad stärker verletzt haben, als sie angenommen hatte. Die beiden Alten standen neben der Tür. Beobachteten sie. Der Mann trug einen Jogginganzug und Schlappen, die Frau ein Nachthemd. Sie ging langsam zum Treppenhaus. Die beiden folgten ihr schweigend. Hastig stolperte sie die Treppen hinunter, vorbei am geschlossenen Wohnbereich im Erdgeschoss. Die Tür zum Hof war verschlossen. Natürlich. Obwohl das den Brandschutzvorschriften zuwiderlief, hatte sie selbst abgeschlossen. Aus Angst. Aus Angst vor ungebetenem Besuch. Sie suchte den Schlüssel in ihrer Tasche und erinnerte sich dann, dass sie ihn vor dem Spind hatte fallen lassen. Sie rüttelte an der Tür. Die beiden Alten hatten sie jetzt fast erreicht. Die Frau streckte die Hand nach ihr aus. Gabrielle wandte sich um und rannte zum Keller, sie stolperte die Treppe hinunter. Sie musste sich verstecken. In wenigen Stunden würde der Frühdienst kommen, dann konnte sie endlich verschwinden. Aufgeregt riss sie einige Türen auf, bis sie im Desinfektionsraum unter die in vier Reihen stehenden Betten krabbelte, ganz weit nach hinten, wo sie sich an die Wand drückte. Sie schloss die Augen, versuchte die Atmung zu kontrollieren, glaubte Schritte zu hören, die näherkamen und sich dann wieder entfernten. Sie begann sie zu beten und schlief schließlich erschöpft ein.


Sie glaubte zu träumen, als sie die Rufe ihres Kollegen Baier vernahm.
»Gabrielle, sind sie hier? Kommen Sie, wenn Sie können, oder brauchen Sie Hilfe?«
Sie versuchte zu antworten, doch es kam nur ein Krächzen, Sie hörte, wie die Betten beiseitegeschoben wurden, bis zu dem Letzten an der Wand, da, unter dem sie lag.
»Kommen Sie!« Er reichte ihr seine Hand und half ihr aufzustehen. Sie konnte sich kaum bewegen. Baier half ihr in einen Rollstuhl und fuhr sie zum Waschbecken, wusch ihr das Gesicht ab und reichte ihr dann ein Glas Wasser, das sie gierig austrank. »Oben«, krächzte sie, »Die Bewohner, sie sind alle verrückt geworden.«
»Ich weiß, keine Sorge, ich habe mich darum gekümmert. Wir haben Sie gesucht, Gabrielle. Bei Ihnen daheim angerufen. Ich war wirklich in Sorge um Sie. Ich dachte schon, Sie wären vielleicht draußen, allein, aber dann habe ich beim Aufräumen im Bad Ihr Handy gefunden und einen ihrer Schuhe. Nach meinen Erkundigungen, war die Außentür abgeschlossen, als der Frühdienst eintraf. Also mussten Sie irgendwo im Haus sein. Im Wohnbereich ist jetzt alles aufgeräumt, da blieb ja nur noch der Keller.« Baier lächelte sie an.
»Ich hatte solche Angst! Herr Weiner, der ehemalige Polizist, er hat Bewohner umgebracht! Er hat sie einfach in ihren Betten getötet, er ist wahnsinnig!« Sie schluchzte. »Er muss hier irgendwo sein und die Frau auch. Ich komme nicht auf den Namen, die Neue...«
»Ich weiß, ich habe sie gefunden. Sie saßen ganz friedlich im Heizungsraum. Er ist nicht gefährlich, Sie müssen keine Angst haben. Wir fahren jetzt erst mal hoch.« Baier schob die Kollegin im Rollstuhl zu dem Lastenaufzug. Die Station oben war ruhig und aufgeräumt. Im Vorraum standen abgedeckte Betten. Gabrielle ahnte, dass da die Verstorbenen lagen. Sie fing wieder an zu weinen.
Baier zog eine Spritze auf. Ich gebe ihnen erst mal etwas zur Beruhigung. Ehe sie protestieren konnte, hatte er die Injektion gesetzt. Wohlige Wärme breitete sich in ihr aus. Jetzt würde alles wieder gut werden. Träge schaute sie sich um. Herr Weiner und die Frau saßen, komplett angezogen, im Vorraum. Neben jedem der beiden stand ein Koffer. Herr Baier telefonierte.
»Ich habe die Vermissten gefunden. Es geht ihnen gut, ich fahre mit ihnen in die Stadt zur Polizei.«
Er tippte in den Computer und schrieb etwas in das Berichtsbuch.
»Was machen Sie da?«
»Ich habe den Kollegen der Bereitschaft informiert. Immerhin haben die sich heute den ganzen Tag gefragt, was mit Ihnen passiert sein könnte. Im Computer habe ich unsere beiden Freunde ausgetragen, im Berichtsheft vermerkt, dass Sie sich im Keller um die beiden gekümmert haben und das wir sie gemeinsam zur Polizei und in die Klinik bringen. Es muss ja alles seine Ordnung haben. Gleichzeitig habe ich aufgrund der neuen Situation meinen Jahresurlaub angetreten. Schließlich gibt es diesen Wohnbereich nicht mehr.« Er schaute sie an. Gabrielle fiel auf, dass auch bei ihm die Sklera der Augen gelb war. Sie überlegte, ob das am Licht liegen könnte.
Baier half ihr sich umzuziehen, den Schwesternkittel hängte sie ordentlich in ihren Spind. Den Arbeitsschuh, den Baier gefunden hatte, stellte sie zu dem anderem. Dabei sah sie ihre vermissten Schlüssel , die mussten ihr letzte Nacht in der Aufregung hinein gefallen sein, als sie den Mantel herausnahm. Ihre Beine waren immer noch wacklig, aber sie konnte wieder allein laufen. Es war fast drei Uhr morgens, als sie alle vier gemeinsam nach unten gingen, sich in Baiers alten Mercedes setzten und losfuhren.
»Wir werden weder zur Polizei, noch in ein Krankenhaus fahren«, informierte Baier seine Insassen. »Wir fahren direkt nach Berlin. Wir leben in einer aufregenden Zeit. Der Zeit der Apokalypse, in der der Herr die Menschheit richtet. Ich kenne einen Priester, der hat das alles vor kurzem vorhergesagt. Keiner wollte ihm glauben, doch er hatte recht. Diese Infektion wurde uns von Gott gesandt. Die Spreu wird sich vom Weizen trennen.«
»Kann ich nach Hause?« Gabrielles Stimme zitterte.
»Du brauchst nichts, in der Abtei ist alles und hier ist bald die Hölle los.«
Gabrielle umklammerte ihre Handtasche. Zumindest hatte sie ihre Papiere, ihre Bankkarte. Sie war zu müde um zu protestieren. Den Rest der Fahrt verschlief sie.


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    Bescheuerter Bayer. Ich freue mich schon auf das nächste Kapitel!!!

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