Die Visitenkarte

Silvia wusste nicht recht, wo sie beginnen sollte. Sie wusste weder, wie Gerhard sich sein Begräbnis vorgestellt hatte, noch wen sie damit beauftragen und womit sie es bezahlen sollte. Es fiel ihr nichts vernünftigeres ein, als in der Kanzlei anzurufen, deren Karte im Wohnzimmer gelegen hatte. Gerhard musste etwas damit vorgehabt haben. Vielleicht hatte er ja gewusst, dass er sterben musste. Es läutete ein paar mal und schon meldete sich eine junge Frau mit dem Firmennamen.

"Guten Tag, mein Name ist Silvia Weber. Mein Freund Gerhard Wiegand ist heute verstorben. Ich habe ihre Visitenkarte bei seinen Sachen gefunden und wollte nun fragen, ob er vielleicht bei ihnen hinterlassen hat, wie er bestattet werden möchte." Silvia hörte sich selbst reden und fragte sich, wo sie die von ihr verwendeten Sätze überhaupt hernahm. Alles fühlte sich an, als wäre es gar nicht echt. "Oh! Darf ich ihnen mein Beileid aussprechen, Frau Weber? Herr Wiegand war gestern noch bei uns und er hat ihnen wesentlich mehr hinterlassen als seine Beerdigungswünsche..."

Gestern? Am Tag der Tomographie? Gerhard musste gewusst haben, dass er nicht mehr lange zu leben  hatte. Der arme Mann. Er hat seinem Tod ins Auge gesehen und hat noch alles geregelt. Wie traurig! Silvia war überrascht und froh zugleich, wusste sie doch nun, wie sie weiter verfahren sollte. Sie würde sich bemühen, seinen letzten Wünschen gerecht zu werden. Man bat sie, doch gleich zu kommen, solange das Personal noch anwesend war. Silvia fuhr sofort zur Kanzlei. Sie musste kurz warten, wurde aber bald vom Notar empfangen und gebeten, sich zu setzen.

"Mein herzliches Beileid, Frau Weber. Die Papiere sind noch nicht fertig, Herr Wiegand war ja gestern  erst bei uns, aber er hat uns einen persönlichen Brief an sie gegeben, den ich ihnen heute schon aushändigen kann. Außerdem kann ich sie davon in Kenntnis setzen, dass er alles was er besaß, ihnen vermacht hat. Genaueres erfahren sie bei der Testamentseröffnung in wenigen Tagen." Er reichte Silvia einen verschlossenen Brief mit dem Briefkopf der Kanzlei. "Der Brief hat mit uns nichts zu tun. Wir haben ihm lediglich das Papier zur verfügung gestellt, weil er ihn eiligst hier verfasste. Sie können ihn auch zu Hause lesen, wenn sie das bevorzugen. Wenn sie mir bitte den Erhalt des Briefes hier quittieren möchten.

Silvia nahm den Brief entgegen und quittierte dessen Erhalt. Der Notar versicherte ihr, sie in den nächsten Tagen zu verständigen, wann die Testamentseröffnung sei. Sie könne davon ausgehen, die Universalerbin zu sein. Silvia hatte keine Vorstellung davon, was Gerhard nun wirklich alles besessen hatte und es war ihr an sich auch nicht wichtig. In Anbetracht der Tatsache, dass sie bald alleine ein Kind großziehen würde, wäre eine Erbschaft aber durchaus von Vorteil, und es wäre insofern gerecht, weil Gerhard zweifellos der Vater war. In der Laube angekommen, setzte sie sich und öffnete den Brief...


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