Die Wahrheit

Mit einem Schreck wache ich auf, ich bin klitschnass geschwitzt und mein Kopf tut furchtbar weh.
Dazu rast mein Herz wie wild.
Das war doch nur ein Traum oder? Es war unmöglich war!
Ich meine das war definitiv nicht sie!
Sie kannte diese Typen nicht und sie war auch noch nie im Leben aus ihrer Heimatstadt weg gewesen, geschweige denn auf einem Schiff!
Nein, nein, nein das ist nicht wahr! Das würde ja heißen, dass das alles hier eine große Lüge ist!
Meine Familie, mein Leben, alles eine einzige riesige Lüge!
Marie und Lukas und Mama und Papa, sie können mich doch unmöglich die ganze Zeit wissentlich belogen haben!
Es geht mir mit jeder Sekunde die verstreicht schlechter. Anscheinend steigt mein Fieber wieder, ja, das muss es sein. Wahnvorstellungen!
Hervorgerufen vom Fieber!
Immer wieder wiederhole ich das. Langsam beruhig sich mein Herz und auch mein Kopf dröhnt nicht mehr ganz so furchtbar schlimm.
Schnell trinke ich etwas Wasser und versuche wieder einzuschlafen. Aber immer wieder kreisen meine Gedanken um diesen Traum.
Er erschien so real, als wäre es wirklich gesehen. Und dieser Junge Robin, er kommt mir gruseliger Weise sehr bekannt vor.
Ich komme einfach nicht drauf woher. Immer weiter Kreisen meine Gedanken, bis ich irgendwann hellwach bin. Mein Kreislauf hat sich wieder stabilisiert, weswegen ich entscheide noch einmal duschen zu gehen.
Während ich dusche fällt es mir dann mit einem Schlag wieder ein. Ich kenne den Jungen. Niels, der viel zu junge Praktikant!
Ich sinke zusammen, was soll ich noch glauben? Dieser Junge, Robin, gleicht Niels bis auf die kleinste Sommersprosse.
Aber vielleicht habe ich ihn ja auch aus meinem Gedächtnis einfach in meinen Traum hineinprojiziert. Ich merke, wie sich Tränen unter das Wasser mischen.
Das Fieber spielt mir Streiche, es kann nicht anders sein. Es darf nicht anders sein! Immer wieder krampfe ich mich zusammen und versuche die Tränen zurückzuhalten. Es funktioniert nicht.
Das Gespräch zwischen Marie und Lukas macht mehr Sinn, wenn man bedenkt, dass dieser Traum doch etwas Anderes sein könnte, als ein gewöhnlicher Traum. Ich bekomme Gänsehaut, erst jetzt bemerke ich, dass ich das ganze heiße Wasser verbraucht habe.
Schnell drehe ich das Wasser ab, meine Gesundheit noch weiter zu gefährden bringt mich jetzt definitiv nicht weiter.
Wie in Trance trockne ich mich ab und suche mir danach Sachen aus. Als ich danach einen Blick in den Spiegel werfe, bemerke ich, dass die Sachen gar nicht zusammenpassen.
Mutlos ziehe ich mich erneut um. Danach sitze ich wie besessen auf meinem Bett, beide Beine an meinen Körper ran gezogen und mit meinen Armen umarmt und an die gegenüberliegende Wand starrend.
Immer wieder kommen mir die Tränen, während ich darauf warte, dass entweder Lukas oder Marie aufstehen. Papa würde heute nach Hause kommen, hatten sie so etwas nicht gesagt? Es hilft nichts, ich muss die Wahrheit wissen. Was ist wahr und was ist falsch?
Alles erscheint mir auf einmal klarer, die Arbeit meines Vaters, seine fast schon besessene Erforschung von Portalen. Bin ich so vielleicht hier gelandet?
Aber wie und warum? Und warum lügen mich dann alle an?
Aber das ist der Stoff aus dem Filme gemacht werden! Fantasiefilme! Ausgedacht und nicht möglich! Wieder fange ich an zu zittern, dieses Mal aber nicht wegen der Kälte.
Ich komme mir selbst fremd vor, wenn es war ist, wer bin ich dann?! Ist alles eine Lüge? Wurde mir das alles nur eingeredet, wie einer willenlosen Puppe?
Das kann nicht sein, ich meine, ich ERINNERE mich, meine ganzen Erinnerungen aus meiner Kindheit können doch nicht falsch sein!
Sie sind real, in meinem Kopf! Verstört werfe ich einen Blick auf die Uhr, schon halb Sieben.
Bald, bald werden sie aufstehen und dann weiß ich es.
Ich falle auf die Seite.
Aber was, wenn es doch war ist. Ich meine, was wäre dann?
Für mich sind Lukas und Marie meine Geschwister, das hier ist meine Familie.
Es würde nichts daran ändern, oder? Sie hätten bestimmt einen guten Grund mich anzulügen, mich zu verletzen, mich zu enttäuschen.
Benommen liege ich da, nicht in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Als ich unten ein Auto höre, zucke ich zusammen.
Wenn ich könnte, würde ich das alles am Liebsten vergessen. So langsam ich kann raffe ich mich auf und gehe nach unten.
Der Mann, der sich mein Vater nennt, kommt mir auf halbem Wege entgegen. Ob er es an meinem Gesichtsausdruck erkennt oder an meinem Gehetzten Wesen, auf jeden Fall scheint es zu wissen.
Sein bestürzter Gesichtsausdruck sagt mir alles. Es ist wahr.
Mir kommen wieder die Tränen, aber als er versucht mich in den Arm zu nehmen, stoße ich in weg.
Mit aller Kraft, die ich aufbieten kann, unterdrücke ich die Tränen und zische: „Erzähl mir alles.“
Mit feuchten Augen bittet er mich, mit ihm nach unten zu kommen. Als wir uns an den Küchentisch gesetzt haben, fängt er leise und mit zitternder Stimme an. „Weißt du, wir wollten es dir sagen, wirklich. Aber als ich gesehen habe, wie verwirrt und ängstlich du bist, dachte ich, es wäre besser, dir vorerst nichts zu sagen. Zumindest solange nicht, bis deine Erinnerungen von alleine wiederkommen. Da das nun der Fall ist, habe ich wohl keine andere Wahl.“
Falls er Mitleid oder gar Dankbarkeit von mir erwartet, liegt er völlig daneben. Niemals kann es besser sein zu lügen, als die Wahrheit zu sagen.
Als er von mir keine Antwort bekommt, fährt er fort:
„Es war vor ungefähr 2 Jahren, als du und der kleine Junge zu uns gekommen seid. Ich experimentierte gerade mit einem meiner Portale, als ihr auf einmal hindurch fielt.“
Leise flüstere ich: „Robin.“
Er nickt, mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen.

 

                                                                      *

 

Er konnte seinen Augen nicht trauen, es hatte funktioniert!

Seine Theorien waren aufgegangen!

Als er die beiden Gestalten jedoch genauer betrachtete, bekam er einen Schock. Die Größere entpuppte sich als ein Mädchen, vielleicht an die 15- 16 Jahre alt. Die andere Gestalt war ein kleiner Junge, höchstens 14 Jahre alt.

Beide waren blutüberströmt und schleppten sich geradewegs vorwärts.

Das Mädchen sah ihn nur kurz an, aber ob sie ihn überhaupt wahrgenommen hatte, konnte er nicht sagen. Sie stützte sich anscheinend mit ihrem ganzen Gewicht auf den Jungen, der selbst schon gefährlich schwankte.

Nach nur wenigen Schritten brachen sie dann ganz zusammen, der Junge konnte sie nicht mehr halten. So schnell er konnte rannte er zu ihnen und verhinderte so ganz knapp, dass sie mit ihren Köpfen auf dem Boden aufschlugen.

Als er aber versuchte sie sanft abzulegen, entglitt ihm das Mädchen und schlug mit ihrem Kopf gegen einen Tisch. Er fluchte, als das Mädchen vor Schmerzen aufstöhnte.

Die armen Kinder, was ihnen wohl wiederfahren war? Nachdem er beide auf ein Sofa gelegt hatte, rief er schnell den Privatarzt seiner Abteilung, ihre Wunden mussten dringend versorgt werden.

Danach rief er seine Frau an, sie hatten zwar nicht mehr das beste Verhältnis zueinander, aber, sie würde ihn jetzt nicht im Stich lassen.

„Hallo Franziska, ich brauche dringend etwas zu essen. Du wirst es mir nicht glauben, aber gerade sind zwei Kinder durch eines meiner Portale gestolpert. Momentan sind sie bewusstlos, aber sie werden großen Hunger haben, sobald sie aufwachen.“

Er seufzte als sie schwieg. „Bitte, glaube mir doch nur dieses eine Mal. Ohne dich bin ich, und diese Kinder, aufgeschmissen.“

Ein tiefer Seufzer. „Na gut, ich spiele mit. Und? Brauchen sie sonst noch etwas?“ Erleichtert lächelte er. „Falls du auf die schnelle ein paar von Lukas alten Klamotten und von Maries mitbringen könntest, wäre ich dir sehr Dankbar.“

„Gut, ich beeile mich. Bis später.“

Super, das wäre geschafft. Nachdenklich ließ er seinen Blick über die Beiden schweifen. Woher sie wohl kamen?

Nach nur wenigen Minuten kam der Arzt endlich, ein echt gruseliger Kerl. Solang er konnte mied er ihn, aber er konnte die Kinder schlecht nicht ignorieren. Erschrocken musterte der Arzt die Beiden und warf ihm dabei einen misstrauischen Blick zu.

„Jetzt schon Kinderexperimente?“

Er zischte wütend: „Als ob! Ich wollte das Portal gerade neu kalibrieren, als die Beiden auf einmal hindurchgestolpert kamen.“

Überrascht zog er eine Augenbraue hoch und musterte sie genauer. „Ihre Kleidung scheint tatsächlich etwas komisch für unsere Zeit. Es sei denn, Leinen sind neuerdings wieder in Mode.“

Genervt meinte er: „Könntest du die beiden bitte versorgen? Sie haben überall Verletzungen.“

Jetzt wurde er ernst. Mit einem besorgten Nicken machte er sich daran den Jungen zu untersuchen. Ganz vorsichtig wischte er ihm das Blut ab. Nach nur wenigen Minuten war das Wasser in der Schale rot und Jerome musste frisches holen. Immer wieder stöhnte der Junge auf und auch das Mädchen schien die Schmerzen kaum auszuhalten.

Wilhelm unterbrach seine Arbeit und zog zwei Spritzen auf. „Was ist das?“

„Ein Schmerzmittel, es wird zudem verhindern, dass sich ihre Wunden entzünden.“

Tatsächlich dauerte es keine 2 Minuten und ihre Gesichter zeigten deutliche Erleichterung. Der Junge öffnete sogar seine Augen, als Wilhelm sich daranmachte, eine Wunde an seinem Arm zu nähen.

„Wo ist Cleo? Geht es ihr gut?“

Überrascht deuteten sie beide auf das Bewusstlose Mädchen. Erschrocken von ihrem Anblick, versuchte er sofort zu ihr zu eilen. Fast schon panisch deutete er auf sie und rief:

„Sie lebt oder?! Sagt mir, dass sie lebt! Bitte, sie darf nicht sterben, alles nur nicht das!“

Es kostete Wilhelm nur wenig Kraft den Jungen auf das Sofa zurück zu drücken. „Keine Sorge, sie ist am Leben. Ich werde sie sofort versorgen, nachdem ich mit dir fertig bin.“

Immer wieder schüttelte er den Kopf und versuchte uns zu verdeutlichen, dass er nicht wichtig sein, dass sie Sie retten müssten. Gekonnt ignorierte Wilhelm ihn und Jerome bat ihm ein Glas Wasser an.

Fassungslos starrte ihn der Junge an. Ob das Wasser in ihrer Welt wohl giftig war. Um ihn zu beruhigen trank er selber einen Schluck. Danach reichte er dem Jungen das Glas, welcher es in gierigen Zügen leer trank. Allerdings stoppte ihn dies nicht davon, gleich wieder damit anzufangen, uns davon überzeugen zu wollen, nicht ihn, sondern sie zu versorgen. Nach nicht einmal 10 Minuten war Wilhelm mit der Behandlung zufrieden.

Der Junge hatte zahlreiche Schnittwunden und blaue Flecke gehab. Nachdem er das dritte Glas leergetrunken hatte, fing Jerome an in ein paar Fragen zu stellen. „Wie heißt ihr Beide denn?“ Der Junge lächelte leicht und murmelte verunsichert: „Ich bin Robin und das da drüben ist Cleo. Eigentlich heißt sie nicht Cleo, aber ich kann mir ihren vollen Namen nicht merken.“

Jerome lächelte beruhigend. „Ich bin Jerome und der liebe Arzt hier heißt Wilhelm.“

Der Junge nickte Wilhelm zu, dieser hatte, aber nur kurz, den Kopf gedreht, als er seinen Namen gehört hatte. Danach machte er sich wieder daran, die Wunden des Mädchens zu säubern.

„Weißt du, wie ihr hier gelandet seid?“

Robin überlegte. Danach schüttelte er den Kopf. „Ich weiß noch, dass wir zusammen mit Toya, Johannsen und Papa auf dem Weg nach Süfjen waren, weil wir Cleo dahin bringen sollten. Aber wir wurden von komischen Leuten angegriffen und Papa hat mir zugeschrien ich solle Cleo von da fortbringen. Also hab` ich sie am Handgelenk gepackt und bin mit ihr weggerannt. Allerdings ist ihr Knöchel noch kaputt, deswegen wurden wir immer wieder von Pfeilen oder Säbeln getroffen. Wir sind immer tiefer und tiefer in den Wald gerannt und irgendwann sind wir dann gefallen. Ich glaube wir sind eine Klippe hinuntergestürzt. Aber anstatt am Boden aufzuprallen sind wir hier gelandet.“ Neugierig sah er sich in dem Zimmer um. „Wo sind wir hier überhaupt?“

Jerome konnte es kaum fassen. Sie kamen aus einer anderen Welt, damit würde seine Theorie, der Parallelwelten, endlich bestätigt werden! Man würde ihn und seine Forschung endlich anerkennen!

Aufgewühlt setzte er sich dem Jungen gegenüber: „Ob du es mir glaubst oder nicht, ihr seid in einer ganz anderen Welt! Dieses Land, Süfjen, das gibt es hier gar nicht.“

Der Junge schien entsetzt. „Aber wie sollen wir dann zurückkommen! Sie brauchen Cleo zuhause!“

Er fing an zu weinen. Erschrocken drehte sich Wilhelm um und zischte wütend: „Toll gemacht Jerome! Was hast du jetzt angestellt?“

Jerome warf ihm nur einen trotzigen Blick zu und fing dann an, den Jungen zu beruhigen: „Keine Sorge, ich kann so ein Portal erstellen. Ihr werdet auf jeden Fall nach Hause kommen! Sobald eure Wunden verheilt sind, schicke ich euch nach Hause.“

Der Junge sah ihn misstrauisch an. „Wirklich, das verspreche ich dir.“

In diesem Moment kam Franziska zur Tür hinein. Sofort rannte sie zu dem Jungen und sah sich seine Wunden an. Danach fuhr sie ihrem Mann gereizt und entsetzt an: „Was zur Hölle hast du mit diesen armen Kindern gemacht! Kennst du keine Grenzen!“

Robin sah sie verwundert an und bevor Jerome zu einer Antwort ansetzen konnte, sagte er: „Entschuldigen sie bitte, Jerome hat uns nicht verletzt. Das waren wahrscheinlich Banditen. Und außerdem hat er mir sauberes Wasser gegeben und dafür gesorgt, dass der liebe Wilhelm unsere Wunden versorgt. Das alleine muss ihn ein Vermögen kosten!“

Immer wieder wanderte Franziskas Blick hin und her. Als sie begriff, dass Jerome nicht gelogen hatte, sank sie fassungslos auf das Sofa. Nach nur wenigen Augenblicken griff sie in ihre Tasche und holte eine große Portion Nudeln hervor. Der Junge sah ihr dabei aufmerksam zu. Nachdem sie es kurz in der Mikrowelle aufgewärmt hatte, reichte sie es ihm.

Dieses Mal fing er sofort an zu essen. Allerdings mit seinen Händen. Franziska setzte sich neben ihn und gab ihm die Gabel in die Hand, nachdem sie ihm sorgsam, mit einem Taschentuch, die Finger gereinigt hatte. Robin hörte ihr aufmerksam zu und aß mit noch größerer Begeisterung die ganze Schale auf.

Fast sofort schlief er danach ein. Es dauerte nicht lange, bis sich Wilhelm zu Wort meldete.

„Ich muss noch einmal in mein Arbeitszimmer um etwas Gips anzurühren. Der Junge hat nicht gelogen, als er gesagt hat, ihr Knöchel sei kaputt. Er ist wahrscheinlich an gleich zwei Stellen gebrochen. Am besten wäre es, sie zu röntgen, aber ich denke nicht, dass wir sie momentan solch einem Stress aussetzen sollten. Vor allem, wenn sie wirklich aus einer anderen Welt kommen. Wir wissen nicht, wie weit ihre Kultur entwickelt ist. Falls sie genau in dem Moment aufwacht, würde sie nur unnötig Angst bekommen und ihre Wunden wieder aufreißen. Sobald sie Bescheid weiß, kann ich es versuchen, aber eher nicht.“

Jerome nickte. Wilhelm beeilte sich so gut er konnte, währenddessen getrachteten Franziska und er das Mädchen ein bisschen genauer. Sie erschien wie ein ganz normales Mädchen, allerdings vielen die vielen Wunden auf ihrer blassen Haut besonders furchtbar auf. Sie wirkte deutlich schwächer als der Junge, was sie wohl alles schon durchgemacht hatte?

Sie konnten es sich nicht einmal vorstellen.

Franziska nahm die Kleidung aus ihrer Tasche und während sie Cleo umzog, machte er sich daran den Jungen umzuziehen. Robin schien völlig erschöpft, denn nicht einmal das, brachte ihn dazu, aufzuwachen. Wilhelm kam knapp nachdem sie fertig waren zurück. Es dauerte nicht lange und ihr Knöchel war verarztet.

„Das Mädchen hat Glück, dass sie hier gelandet ist. Noch ein paar Tage und sie hätte tödliches Fieber bekommen. Ein paar ihrer Wunden waren bereits entzündet und es hätte nicht mehr viel gefehlt.“

Sie sahen einander entsetzt an. Die Kinder hatten furchtbares Glück im Unglück gehabt. „Jetzt ist sie aber außer Gefahr, oder?“

Besorgt betrachtete Franziska Cleo. „Wann sie wohl aufwachen wird?“

Wilhelm legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter: „Keine Sorge, ich kümmere mich um sie. Und es dürfte nicht mehr lange dauern.“

Franziska atmete erleichtert auf. Auch Jerome war sichtlich erleichtert. Alle drei setzten sich auf die Sofas und warteten. Nach 3 Stunden war Sie immer noch nicht wach. Robin hingegen war wieder wach und stellte eine Frage nach der anderen. Wie groß das Land sei, wie ihr König hieß, warum sie keinen König hatten, wie sie ihr Wasser so sauber bekamen, wie das Essen, dass er gegessen hatte hieß und ob er davon mehr bekommen könnte, was das für Sachen waren, die er da trug und wie es Cleo ging.

Das schien tatsächlich seine größte Sorge zu sein, Cleo.

Er rannte alle 15 Minuten zu ihr, um zu kontrollieren, dass sie noch atmete und alle 30 Minuten frage er sie, jedes Mal verzweifelter, wann Sie denn endlich aufwachen würde.

Gegen Mitternacht wachte sie dann endlich auf.

Alle vier sprangen sofort auf um zu ihr zu rennen. Robin war sofort bei ihr, um sie zu umarmen. Tränen rannen ihm über die Wangen, immer wieder schluchzte er. Das Mädchen allerdings schien verwirrt und als sich Robin endlich beruhig hatte stotterte sie verunsichert:

„Tut mir leid, aber kenne ich dich?“

Sie konnten sehen, wie Robin sich mit einem Ruck versteifte. Entsetzt starrte er sie an. Gerade als Jerome etwas sagen wollte, sprang er wieder auf und schüttelte Cleo wie besessen.

„Was meinst du! Was ist los Cleo!? Wieso erkennst du mich nicht, ich bin es! Robin! Friedjolfs Sohn! Weißt du denn nicht mehr!?“

Cleo sah nur noch verwirrter aus. Franziska nahm Robins Hände behutsam in ihre und führte ihn weg. Nun sah Cleo die beiden Männer an.

„Es tut mir leid, aber kenne ich sie? Und wer ist dieser Friedjolf?“

Jerome sah verzweifelt zu Wilhelm. So gruselig er auch wirken mochte, Jerome konnte sehen, dass er sich ernsthafte Sorgen machte. Er sah ihr tief in die Augen und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter, so, wie zuvor bei Franziska. Wieder wirkte es, denn Cleo schien sich ein wenig zu entspannen.

„Weißt du, ich denke es wird dir bessergehen, wenn du noch ein wenig schläfst. Du hast einen ziemlich anstrengenden Tag hinter dir. Weißt du noch?“

Cleo schüttelte verzweifelt ihren Kopf, schloss aber brav ihre Augen. Nach nicht einmal drei Minuten war sie tief und fest eingeschlafen. Jerome sah Wilhelm entsetzt an: „Was ist los mit ihr?“

Wilhelm seufzte betrübt: „Wenn ich mich nicht irre, könnte es sein, dass sie ihre Erinnerungen verloren hat, oder sie zumindest unterdrückt. Du meintest am Telefon, dass sie sich den Kopf gestoßen hat?“

Er nickte entsetzt. „Aber das kann doch unmöglich der Grund sein, oder!?“

„Nein, das alleine ist wahrscheinlich nicht der Auslöser. Aber nach dem, was Robin uns geschildert hat, würde es mich nicht wundern, wenn ihr Unterbewusstsein die Erinnerungen verdrängt, um ihrem Geist vor weiteren Schäden zu schützen.“ Jerome warf einen besorgen Blick zu ihr und danach zu Robin, welcher draußen in Franziskas Arme gekuschelt war und wahrscheinlich weinte.

„Was machen wir jetzt? Was, wenn ihre Erinnerungen nicht zurückkommen?“ Wilhelm überlegte. „Das ist nicht mein Spezialgebiet, aber, wir sollten sie auf keinen Fall dazu zwingen, sich zu erinnern. Das würde mehr Schaden verursachen als alles andere. Sie wird Zeit brauchen um sich zu erholen. Vielleicht wäre es das Beste, ihr ein stabiles Umfeld zu bieten.“

Jerome überlegte angestrengt, falls Franziska einverstanden war, könnten sie Sie in Lukas altem Zimmer unterbringen. Marie könnte ein Auge auf sie haben und sie hätte ein stabiles Umfeld. Sie könnten Sie in Maries Schule anmelden und so vermeiden, dass ihr etwas passierte. Aber was würde aus Robin werden, sie hatten nicht genügend Platz in ihrem Haus und sie konnten den Jungen nicht die ganze Zeit zuhause lassen. Zudem konnten sie nicht riskieren, dass er Cleo bedrängte. Wie als könnte Wilhelm Gedanken lesen meinte er in dem Moment: „Den Jungen könnte ich bei mir aufnehmen. Ich wohne eh alleine, in einer großen Wohnung. Allerdings müsste ich ihn dann öfters mit zur Arbeit bringen. Keine Schule wird mir glauben, dass ich auf einmal einen 14- jährigen Sohn habe, außerdem sieht er mir überhaupt nicht ähnlich. Falls ihr also Cleo aufnehmen könntet, wäre es perfekt.“

Jerome nickte entschlossen und ging nach draußen um Franziska und Robin wieder herein zu holen. Robins Augen waren vom vielen Weinen schon rot und geschwollen. Still setzte er sich auf das Sofa.

Wilhelm versuchte ihm so einfach wie es geht die Situation zu erklären und Robin schien zu verstehen, zumindest tat er so. Franziska willigte ein Cleo bei sich aufzunehmen. Allerdings konnten sie Cleo nicht einfach so mitnehmen. Sie mussten ihr einreden, dass sie ihre Eltern waren, ihr Erinnerungen geben, damit sie sich nicht selbst zerstörte und quälte.

Wilhelm befand dies als gute Idee. Er rief einen seiner Kollegen an und erläuterte ihm die Situation, allerdings etwas abgewandelt, denn niemals würde ihnen jemand glauben, dass Cleo und Robin aus einer anderen Welt kommen. Dieser erklärte Wilhelm, was er tun musste.

Am einfachsten wäre es, ihr noch während sie schlief, immer wieder ins Ohr zu flüstern, was sie glauben sollte. An was sie sich erinnern sollte. Es dauerte fast eine ganze Stunde ein Konzept auszuarbeiten:

 

„5 Uhr morgens aufstehen, Zähneputzen, anziehen, frühstücken und zur Schule gehen, danach nach Hause gehen, immer wieder das gleiche. Genauso geht es auch einer Milliarde anderen Jugendlichen. Wie viele andere, stamme ich aus einer totalen Durchschnittsfamilie, 3 Kinder mit zwei liebenden Eltern und lebe in einem Durchschnittshaus.

Meine Zukunft ist gesichert, solange ich regelmäßig zur Schule gehe und nicht komplett versage. Im Großen und Ganzen ist es mir sogar egal, wie ich in der Schule abschneide. Genauso ist es mir egal ist, ob ich viele Menschen kenne und beliebt bin, oder ob ich später zu den am besten bezahlten Menschen zähle. Ich muss nur dem Durchschnitt entsprechen, um in dieser Welt zu überleben und um meinen Eltern keine Sorgen zu machen. In der kleinen Stadt in der ich wohne, mitten im Nirgendwo, bekommt man nicht zwangsläufig alles aus der Welt mit. Daher müsste man sich über alles selbst informieren, was aber niemand macht. Mein generelles Desinteresse an vielen Dingen hat meine Eltern schon so manches Mal zur Verzweiflung getrieben. Mittlerweile lassen sie mich in Ruhe und ich versuche mich in der Öffentlichkeit zusammenzureißen. Wenn ich mein generelles Desinteresse dann aber doch mal laut kundtue, tut jeder so als wäre ich ein Unmensch, oder irgendetwas wäre bei mir nicht ganz richtig gelaufen. Meine Mutter gab jedoch nie auf mich dazu zu bringen, wenigstens die Nachrichten zu sehen, was meiner Meinung nach größtenteils Zeitverschwendung war.

Sie ist selbst eine Nachrichtensprecherin, was sie nur noch mehr dazu anspornt mir jede kleine Kleinigkeit zu berichten und wenn ich mal aus Versehen einen Tag die Nachrichten verpasst habe, findet sie trotz ihrem engen Zeitplans immer die Zeit mir eine Privatvorstellung zu geben. Nach einem Jahr habe ich es dann aufgegeben und immer brav, mit kompletten Desinteresse die Nachrichten geschaut. Aber wenigstens ist meine Mutter darüber glücklich und nervt mich nicht in jedem Gespräch damit. Dennoch ist es jedes Mal eine reine Quälerei.

Das einzige was es erträglicher gestaltet ist, dass meine Geschwister das gleiche zu erleiden haben. Mein Bruder, Lukas, ist allerdings schon vor zwei Jahren ausgezogen und lebt jetzt mit seiner Freundin zusammen in einem anderen Teil der Stadt. Ich habe sie schon ein paar Mal besucht, aber ihre Wohnung ist trotz allem ziemlich klein und sie haben kein Gästezimmer. Zudem gehen sie mir auf die Nerven, ständig kleben sie aneinander und man kann kein Gespräch mit ihnen haben, ohne, dass es damit endet, dass sie sich abknutschen. Obwohl sie mittlerweile schon über 6 Jahre zusammen sind, habe ich sie nie streiten sehen und wenn war der Streit belanglos.

Meine Eltern sind sehr stolz auf meinen Bruder, er hat es geschafft ein angesehener Architekt zu werden und durch sein gutes Einkommen war er der Mittelschicht entkommen. Auch seine Auserwählte war eine erfolgreiche Modedesignerin, trotz allem hatte sie aber nie wirklich zum Durchschnitt gehört, sie war von Geburt an steinreich. Laut meinen Großeltern hatte mein Bruder „das große Los gezogen.

Wahrscheinlich bin ich die einzige, die nicht verstehen kann, was mein Bruder in dieser Zicke sieht. Nachdem meine Schwester Marie gesehen hat, wie glücklich unser Bruder ist, wollte sie auch unbedingt einen Freund haben. Nach 2 Jahren hat sich dann auch endlich einen Freund angelacht. Nur der Fakt, dass er jünger ist als ich erscheint mir ein wenig komisch. Die zwei Jahre davor waren einfach unerträglich.

Marie schwärmte mir immer wieder vor, wie toll es sein würde endlich den Richtigen zu finden. Aber jedes Mal wenn sie mit jemanden ausging, bemerkte sie nach wenigen Wochen, dass ihr Freund nicht der Eine war und machte Schluss. Jedes Mal durfte ich mir dann ihre Heulerei anhören. Die Beziehung hielt nun schon über 4 Jahre und meine Schwester ist sich todsicher, dass er der Richtige ist. Hoffentlich würde ihre Beziehung noch lange halten, oder, was mir genauso lieb wäre, dass sie sich dann bei einer ihrer vielen Freunde ausweint.

In dem Fall ergänzen meine Schwester und ich uns von oben bis unten, was mir an Persönlichkeit fehlt, hat sie zuhauf. Ich wähle meine Freunde mit bedacht, ihr hingegen scheint es komplett egal zu sein, mit wem sie da eigentlich befreundet ist. Durch ihre vielen Freundschaften ist sie ständig unterwegs und hat auch immer wieder Besuch, vielleicht lag das auch daran, dass sie nicht nein sagen kann.

Wenn sie Freunde zu Besuch hat versuche ich immer mein Zimmer möglichst nicht zu verlassen und ihnen ansonsten auch aus dem Weg zu gehen. Ich würde sonst mit ihnen reden müssen und ich kann mich selbst nicht mehr leiden, wenn ich anfange falsche Freundlichkeit vorzuspielen. Aber ich will die Freunde meiner Schwester auch nicht verletzen. Sie sind ihr wichtig und das respektiere ich.

Dadurch, dass sie mich noch nie gesehen haben, wissen viele der Fremden nicht einmal das ich existiere, was für mich perfekt ist. Im Lauf meines Lebens habe ich zwei Menschen kennengelernt, die ich mit großer Freude als meine Freunde bezeichne. Als wir uns kennenlernten gingen wir noch auf eine Schule und es war auch purer Zufall, dass wir uns überhaupt kennengelernt haben. Wir hatten die Aufgabe zusammen einen Vortrag auszuarbeiten und da wir uns das Thema selbst aussuchen mussten, lernten wir uns ein wenig kennen. Von da an verbrachten wir praktisch unsere gesamte Zeit zusammen, wir drei waren uns so ähnlich, dass es schon verrückt war.

Vor ein paar Monaten sind dann aber die Eltern von Moira in eine andere Stadt versetzt worden, welche etwa 2 Stunden entfernt liegt. Deshalb werden wir uns nur noch selten sehen können. Meine andere Freundin geht jetzt auf eine neue Schule. Sie war schon immer ein richtiger Streber und wurde von ihren, nicht ganz armen, Eltern auf ein Eliteinternat geschickt, damit sie auch ja ein Arzt werden würde und so mit der Familientradition fortfuhr. Wir drei telefonieren regelmäßig um uns nicht aus den Augen zu verlieren.

 

Immer wieder flüsterte einer von ihnen Ihr dies ins Ohr. Es erschien ihnen nicht richtig, aber so würde sie sich in Ruhe erholen können.

Franziska und Jerome riefen Lukas und Marie an, um ihnen die Situation zu schildern. Beide zeigten sich sofort besorgt und Lukas bot ihnen sogar an, wieder nach Hause zu ziehen. Da dies aber nicht mit ihrem `Plan´ übereinstimmte, lehnten sie ab.

Sie bemühten sich beiden einzubläuen, dass Cleo nicht wusste, dass sie nicht ihre Geschwister waren und dass sie unbedingt so handeln mussten, als wären sie die Geschwister, an die sich Cleo erinnerte.

Robin schien von ihrem Plan allem in allem nicht begeistert, am liebsten hätte er Cleo einfach genommen, um mit ihr zurück in ihre Welt zu gehen. Ihm gefiel der Gedanke nicht, in einer fremden Welt von ihr getrennt zu sein. Aber nachdem ihm Wilhelm alles gründlich erklärt hatte, gab er nach. Er wollte das Beste für Cleo.

Nachdem sie alles Wichtige geregelt hatten, nahm Jerome Cleo auf den Arm und trug sie hinunter zu Franziskas Auto. Robin blieb bei Wilhelm. Er würde später als sein Neffe anfangen, hier zu arbeiten.

Jerome fuhr hinter Franziska her und trug Cleo ins Haus. Marie hatte bereits das Zimmer hergerichtet, sodass sie Cleo umziehen und ins Bett legen konnten. Neugierig betrachtete Marie ihre neue kleine Schwester.

Sie schien sie sofort in ihr Herz zu schließen.

An den ersten Tagen zeigte sich Cleo immer wieder verwirrt und Marie musste zuhause bleiben, um ihr die einfachsten Dinge zu erklären und ihr mit ihrem eingegipsten Fuß zu helfen.

Nach einer Woche hatten sich Cleos falsche Erinnerungen gefestigt und sie dichtete sich selbst immer neue hinzu, damit das Bild keine Lücken hatte.

Sie wurde zu Cleo Vanderit, ganz und gar.

Nur einzelne Narben erinnerten ihre Familie daran, dass sie nicht zu ihnen gehörte.

 

                                                                      *

 

Ich traue mich nicht etwas zu sagen. Jerome sieht mich allerdings erwartungsvoll an.

Langsam taste ich an meinen Armen und Beinen entlang. Tatsächlich, immer wieder kann ich kleine, aber feine Narben spüren, die mir bisher nie aufgefallen sind.

Wortlos stehe ich auf und gehe in mein Zimmer. Wobei, nein, ich gehe in Lukas altes Zimmer, es ist nicht mein Zimmer und es wird es auch niemals sein.

Alles ist eine einzige große Lüge.

Hinter mir schließe ich die Tür ab, ich möchte niemanden sehen. Keinen dieser Lügner.

Ich meine, ich kann auf irgendeine Art verstehen, warum sie gelogen haben, aber ich kann mir selbst nicht verzeihen. Wie ein Feigling habe ich mich vor mir selbst versteckt, selbst jetzt erinnere ich mich noch nicht an alles.

Dazu habe ich auch noch Robin verraten, ihn in einer fremden Welt zurückgelassen. Friedjolf, Toya und Johannsen.

Ob sie in Ordnung waren? Robin hatte Jerome erzählt, sie wären überfallen worden. Ob sie noch lebten und vielleicht seit zwei Jahren verzweifelt nach ihnen suchten?

Ich kauere mich vor dem Bett auf den Boden. Was nun wohl passieren würde? Ob ich wohl zurück muss? Wahrscheinlich.

Jetzt verstehe ich auch, warum ich zum Kampfsporttraining musste, es wird mir helfen, mich selbst zu verteidigen, sobald ich wieder dort bin.

Mir kommen die Tränen, ich würde Raff und Simone nie wiedersehen.

Ja selbst Johannes würde ich vermissen. Bald höre ich vor meiner Tür Schritte, jemand redet, wahrscheinlich wird Jerome, Lukas und Marie nun erzählen, dass ich alles weiß, dass sie nun nicht mehr so tun müssen, als seien sie meine Geschwister.

Nach wenigen Minuten höre ich ein Poltern, danach aufgeregte Schritten.

Ein zaghaftes klopfen an meiner Tür.

„Cleo? Kannst du mich hören? Bitte antworte mir! Du musst mir glauben, ich sehe dich wirklich als meine kleine Schwester! Ich habe dich nie belogen!“

Nachdem einige Minuten verstrichen sind und Marie immer noch vor meiner Tür steht, sage ich nur: „Mein Name ist Cleoluna Lucia Katriz von Bendabitz.“

Ich kann durch die Tür hören, wie Marie anfängt zu weinen. Langsam geht sie weg. Ich könnte es jetzt einfach nicht ertragen sie zu sehen. Ich würde sie verletzen, dessen bin ich mir sicher.

Nach einer Weile klopft Lukas an die Tür: „Cleo? Bitte, du musst mit uns sprechen! Und wenn nicht das, dann iss wenigstens etwas. Du bist immer noch nicht gesund! Bitte wir machen uns wirklich Sorgen um dich!“

Wieder antworte ich nur mit: „Mein Name ist Cleoluna Lucia Katriz von Bendabitz.“ Lukas seufzt, geht aber sofort. Entfernt kann ich hören, wie er unten mit jemanden redet.

Mit der Zeit werde ich wieder Müde und schlafe letzten Endes im Sitzen ein. Dieses Mal träume ich nichts. Allerdings sehe ich immer wieder Maries, Lukas, Raffaels, Simones, Johannes, Robins, Johannsens, Friedjolfs, Toyas, Franziskas und Jeromes Gesicht vor mir.

Mit einem Ruck werde ich wach, als jemand wütend gegen die Tür schlägt.

„Hey du Idiotenprinzessin! Glaubst du wirklich du kannst abhauen, ohne dich bei mir zu bedanken?“

Ich zucke zusammen, was zur Hölle macht Johannes hier? Da fällt es mir wieder ein, dass er sich mit Marie treffen wollte. Tatsächlich höre ich auch Marie, die Johannes etwas zuflüstert.

„Ich weiß was los ist! Ob du es glaubst oder nicht, Marie hat mir alles erzählt! Also hör auf dich zu verstecken und komm raus!“

Wieder hämmert er mit voller Kraft gegen die Tür.

„Wenn du dich stur stellst kann ich auch Raffael und dieses schräge Mädchen herbestellen! Mal sehen, was die dazu sagen!“

Nein, nicht das, ich kann sie jetzt nicht sehen. Es würde mir selbst zu sehr weh tun, sie ansehen zu müssen und zu wissen, dass ich sie verlassen muss. Langsam stehe ich auf und öffne die Tür, allerdings nur soweit, dass ich Johannes in die Augen sehen kann. Als er mich sieht blitzt Erleichterung in seinem Blick auf.

Bevor er auch nur etwas sagen kann brumme ich missmutig: „Danke.“

Danach knalle ich ihm die Tür vor der Nase zu. Ich rechne schon damit, dass er sich fluchend beschwert, aber entgegen meiner Erwartungen höre ich ihn lachen. „Deine Sorge ist anscheinend unbegründet Marie, hast du das gehört? Genau wie vorher, sie hat sich kein Stück verändert.“

Er hat recht, ob nun vorher oder jetzt, wirklich verändert habe ich mich nicht. Ein leichtes Lächeln stielt sich auf meine Lippen. Ich bin ich, die letzten zwei Jahre haben zwar auf einer Lüge basiert, aber die Erinnerungen aus dieser Zeit sind echt. Sie sind keine Lüge.

Mit der Zeit werde ich bestimmt mehr über meine Vergangenheit erfahren, mich an mehr erinnern. Aber ich bin, wer ich bin. Keine verdrängte Erinnerung wird daran etwas ändern. Vielleicht kann ich meiner ehemaligen Familie nicht sofort in die Augen sehen und wahrscheinlich wird es mich große Überwindung kosten, all dies zu akzeptieren, aber Johannes hat recht. Ich kann mich nicht ewig verstecken, meine Vergangenheit wird mich einholen, ob ich es möchte oder nicht. Entschlossen ziehe ich mich um.

Es wird nicht leicht werden, Raff und Simone die Wahrheit zu sagen. Vielleicht werden sie mir gar nicht erst glauben.

Fragend schaue ich Richtung Tür, wie um Himmels willen, hat Marie es geschafft, dass Johannes ihr glaubt? Was sie ihm wohl erzählt hat? Nachdem ich fertig bin, öffne ich wieder die Tür.

Johannes und Marie stehen nicht weit entfernt und unterhalten sich mit gedämpften Stimmen. Als Marie mich erspäht, kommt sie sofort zu mir gerannt. Sie umarmt mich. Früher hätte ich sie zurückumarmt, jetzt warte ich, bis sie mich loslässt. Sie hält mich an den Schultern fest und sieht mir in die Augen, zumindest versucht sie es, denn ich weiche ihrem Blick aus.

Mein Blick fällt auf Johannes. Dieser lehnt sich entspannt gegen die Wand und lächelt leicht. Schnell befreie ich mich aus Maries Griff und frage: „Wo ist Jerome?“ Marie stutzt.

„Du meinst Papa? Der ist unten in seinem Arbeitszimmer.“

Ein kühles Nicken. Schnell laufe ich nach unten, diese wenigen Worte haben mich schon fast wieder zum Weinen gebracht. Es wird sehr, sehr schwer werden, mit Raff und Simone zu reden. Als ich die Tür zu seinem Arbeitszimmer aufstoße, erscheint es mir fast so, als warte Jerome bereits auf mich.

Auf seinem Schreibtisch liegt ein kaputtes Kleid, mein Kleid. Ich erkenne es sofort wieder. Wieder dieses entschuldigende Lächeln.

„Ich habe Wilhelm gebeten, mit Robin her zu kommen. Ich hoffe, das war richtig.“ Ich nicke, vielleicht ist dies, genau das, was ich gerade brauche. Mich mit Robin zu unterhalten, wird mir bestimmt helfen mich zu erinnern.

„Wann sind sie ungefähr hier?“

Er überlegt kurz. „Sie müssten in wenigen Minuten hier sein. Falls es dir recht ist, würde ich mit dir gerne besprechen, wie es jetzt weitergehen soll. Ich weiß, dass du dich noch nicht an alles erinnerst, aber du kannst nicht hierbleiben.“

Mir kommen die Tränen. Nur mit großer Mühe kann ich sie zurückhalten. Jerome scheint dies zu bemerken und wechselt schnell das Thema.

„Wenn es dir recht ist, würde ich dich gerne im Fechten unterrichten lassen. Außerdem solltest du deine Tischmanieren auffrischen, damit du dich nicht blamierst.“

Wieder nicke ich nur stumm.

„Ich habe bereits einen Lehrer im Sinn, allerdings werde ich dich in der Schule abmelden, damit du nicht abgelenkt bist. Wäre dir das recht?“

Gerade so, bekomme ich eine Antwort zustande: „Mir bleibt wohl keine andere Wahl.“

Ein trauriges Nicken seinerseits.

„Zu deinen Kampfkunstunterricht musst du nicht mehr gehen. Du solltest mittlerweile dazu in der Lage sein, dich erfolgreich zu verteidigen. Aber ich kann dich nicht mit gutem Gewissen gehen lassen, ohne, dass du mit einem Schwert umgehen kannst. In den nächsten Tagen werde ich dafür sorgen, dass dir und Robin die nötige Ausrüstung bereitsteht. Es wird zwar nicht leicht werden, Schwerter zu bekommen, die leicht genug sind, damit ihr sie tragen könnt aber ich finde schon einen Weg.“

Wieder nicke ich, wenigstens kann ich mich dann richtig verteidigen.

„Kann ich Montag noch zur Schule?“

Jerome überlegt eine ziemlich lange Zeit, bis er schließlich sagt: „Wenn es dir recht ist, würde ich gerne vorher mit Wilhelm sprechen. Allerdings spricht nichts dagegen, schließlich musst du dich noch von deinen Freunden verabschieden.“ Still setze ich mich hin. Immer wieder starre ich das Nachthemd an.

Es hat lauter Löcher und man kann immer noch Blutflecken erkennen.

„Ich dachte, du würdest es gerne sehen.“

Erschrocken zucke ich zusammen. Wie in Trance schüttle ich meinen Kopf. Als es an der Tür klingelt schrecke ich wieder auf. Jerome macht sich auf den Weg zur Tür und kehrt wenige Minuten später mit Robin und Wilhelm wieder.

Als ich Wilhelm sehe, traue ich meinen Augen nicht. Der Geheimagent! Sobald Robin mich erspäht, fängt er an zu weinen. Er rennt auf mich zu und umarmt mich stürmisch. Dieses Mal kann ich die Tränen nicht mehr unterdrücken.

Eine ganze Weile stehen wir so da und trösten uns gegenseitig. Wilhelm ist der erste, der das Wort ergreift.

„Wie geht es dir, Cleo?“

Ich wische mir die letzten Tränen aus dem Gesicht und zucke mit den Schultern: „Nicht viel anders als sonst.“

„Keine Kopfschmerzen, Schwindel oder Übelkeit?“

Ich verneine. Erleichtert atmet er auf. „Das ist gut.“

„Wilhelm, kannst du Cleo und Robin etwas über Heilpflanzen beibringen?“

Wilhelm sieht Jerome nachdenklich an. „Das ist eine gute Idee, aber wir wissen nicht, ob die Pflanzen die gleiche Wirkung haben, wie in unserer Welt. Außerdem ist es wichtiger, dass die Beiden lernen sich zu verteidigen. Hast du den Fechtlehrer schon angerufen?“

Jerome schüttelt den Kopf: „Nein, noch nicht. Aber wenn du möchtest kannst du das gerne übernehmen. Zudem brauchen wir jemanden, der Cleo die Benimmregeln näherbringt.“

„Tanzstunden sind vielleicht auch keine schlechte Idee.“

Wilhelm und Jerome vertiefen sich immer mehr in ihre Planung, sie bemerken nicht einmal, dass Robin und Ich nach draußen gehen. Wir setzen uns ins Wohnzimmer und Robin erzählt mir ausführlich, wie es ihm die letzten zwei Jahre ergangen ist und wie sehr er sich gefreut hat, mich endlich wieder zu sehen. Als ich ihn allerdings nach unserer Vergangenheit frage weicht er aus.

„Wilhelm meint, ich soll dir lieber nichts sagen. Er meinte es wäre besser, wenn du dich von alleine erinnerst.“

Ich seufze: „Dann wird es wohl so sein. Aber was, wenn ich mich nie an alles erinnern werde?“

Robin lächelt aufmunternd. „Keine Sorge, dann hast du immer noch mich.“

Ich schmunzle, Robin ist wirklich liebenswert, fast als wäre er mein kleiner Bruder. Es dauert nicht lange, bis Marie und Johannes nach unten kommen. Marie scheint hin- und hergerissen.

Johannes allerdings setzt sich bequem neben Robin und mustert mich skeptisch. „So wirklich siehst du nicht verändert aus. Bist du sicher, dass du eine Prinzessin bist?“

Bevor ich etwas sagen kann, springt Robin ihm förmlich an die Kehle: „Sprich nicht so mit ihr! Sie ist nicht nur eine Prinzessin! Sie ist die zukünftige Königin!“

Robin scheint mit Sarkasmus nichts anfangen zu können, das reizt Johannes allerdings nur noch mehr. „Ach so, eine Kronprinzessin also. Kein Wunder das ich es nicht bemerkt habe.“

Bevor Robin ihm wirklich an die Kehle springt, schreite ich ein.

„Wie hat Marie es geschafft, dass du ihr glaubst?“

Bei der Erwähnung ihres Namens, zuckt Marie erschrocken zusammen. Johannes zuckt gelassen mit den Schultern.

„Was glaubst du, wie lange ich Marie jetzt schon kenne? Immer waren es nur sie und Lukas und vor zwei Jahren taucht dann auf einmal ihre kleine Schwester auf? Das kam mir gleich komisch vor. Auf einmal taucht eine kleine Schwester auf, von der ich noch nie etwas gehört habe? Die ganze Geschichte klingt zwar ausgedacht, aber ich glaube kaum, dass Marie nicht auch eine bessere Lüge eingefallen wäre.“ Er lächelt Marie zu, aber sie sieht nur betreten zu Boden.

„Das stimmt, wirklich realistisch klingt es nicht, ich kann es ja selbst kaum glauben.“

„Wirst du es deinen Freunden sagen?“

Ich schaue ihn gequält an. „Mir bleibt ja gar nichts anderes übrig. Schließlich werde ich von dieser Welt verschwinden. Sie verdienen es die Wahrheit zu wissen.“

Johannes nickt zustimmend. „Ihr scheint euch wirklich gut zu verstehen, dafür, dass ihr euch nicht einmal eine Woche kennt.“

„Ja, wir haben uns wirklich gefunden. Es ist einfach nur grausam vom Schicksaal, dass wir uns nie wiedersehen werden.“

Erneut kommen mir die Tränen. Erschrocken mischt Marie sich ein: „Das ist doch gar nicht gesagt! Du könntest wiederkommen! Papa findet bestimmt einen Weg!“ Ich schüttle traurig den Kopf: „Wenn meine wenigen Erinnerungen mich nicht betrügen, dann werde ich dringend gebraucht. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, warum, aber ich denke nicht, dass ich jemals wieder herkommen kann.“

Jetzt kommen auch Marie die Tränen und Johannes nimmt sie tröstend in seine Arme. Ich beiße mir auf die Lippe und fange ebenfalls an zu schluchzen.

Was für ein beschissener Tag. Jerome und Wilhelm kommen zu uns, um nach zu sehen, wie es uns geht. Wahrscheinlich haben sie solange gebraucht, weil sie erst vor wenigen Minuten unsere Abwesenheit bemerkt haben. Jerome reicht mir einen ausgearbeiteten zwei-Wochenplan. Montag darf ich noch zur Schule gehen, habe dafür aber nachmittags gleich meine erste Fechtstunde. Danach erscheint mir jeder Tag wie der andere. Morgens: Benimmregeln, vormittags: Fechten und nachmittags: Tanzen. Zudem habe ich morgen einen Termin mit einer Schneiderin und nächste Woche Samstag eine Kleideranprobe.

Viel Zeit bleibt mir da nicht mehr. Ich seufze und Johannes nimmt mir das Blatt aus der Hand. Mit gerunzelter Stirn liest er sich den Plan durch.

„Solltet ihr Ihr nicht ein wenig Zeit geben, damit sie sich einige letzte Male mit ihren Freunden treffen kann?“

Marie nickt bekräftigend und Jerome und Wilhelm sehen sich zweifelnd an. Erwartungsvoll warte ich auf eine Antwort.

„Ich glaube nicht, dass wir die Zeit haben. Cleo ist jetzt schon zwei Jahre hier, es wird schwer genug für sie werden. Daher sollten wir nicht unnötig Zeit verschwenden.“

Wütend sehe ich Jerome an, von wegen verschwendete Zeit! Doch bevor ich meine Meinung sagen kann, springt Marie ein: „Aber was wäre, wenn sie zum Beispiel mit zu den Tanzstunden kommen würden? Cleo könnte Zeit mit ihnen verbringen und gleichzeitig ihrer Pflicht nachkommen.“

Strahlend wende ich mich wieder zu Jerome und Wilhelm. Dieses Mal nicken beide.

„Das könnte funktionieren.“

Johannes sieht mich schelmisch an. „Dir ist hoffentlich klar, dass ich auch komme?“

Ich seufze theatralisch und hebe abwehrend meine Hände: „Was bleibt mir schon für eine Wahl.“

So gequält es auch klingt, wir müssen alle darüber lachen. Zum ersten Mal sehe ich Marie in die Augen. Ich kann erkennen, dass sie mich wirklich, wie eine kleine Schwester liebt. Ein warmes Gefühl der Geborgenheit umhüllt mich, zumindest war nicht alles gelogen, ihre Gefühle sind echt.

Mit einem zaghaften Lächeln, versuche ich ihr dies zu zeigen. Marie lächelt zurück, vielleicht, nein, wahrscheinlich wird es nie wieder so sein wie früher, aber zumindest haben wir uns nicht ganz verloren. Nach einer Weile fragt Jerome verwirrt: „Wo ist Lukas überhaupt? Ich habe ihn seit heute Morgen nicht mehr gesehen.“

Marie schmunzelt leicht und wirft mir einen flüchtigen Blick zu.

„Als Cleo heute Morgen nicht aus ihrem Zimmer kommen wollte, ist er losgefahren um eines der neuen Computerspiele zu kaufen, die Sie unbedingt haben wollte. Er dachte, dass könnte sie vielleicht dazu bewegen, wenigstens ein Lebenszeichen von sich zu geben.“

Jetzt muss auch ich schmunzeln, ich bin ihm also auch nicht egal. Endlich habe ich das Gefühl, mich wieder entspannen zu können. Auch mein Magen scheint dieser Ansicht, denn mit einem Mal grummelt er lautstark, sodass wir wieder lachen müssen. Johannes, Robin und Ich müssen sogar so stark lachen, dass uns schon die Tränen kommen. Marie springt sofort auf und klatscht fröhlich in die Hände. „Wie wäre es, wenn ich deinen Lieblingsauflauf mache?“

Ich grinse. „Der mit doppelt Käse und Tomatensoße?“

Sie nickt und ich fange an zu strahlen. Kein Auflauf schmeckte so gut wie dieser, auch, wenn von bestimmten Personen, immer wieder etwas anderes behauptet wird. Ohne auf meine Antwort zu warten, macht Marie sich daran, alle Zutaten zusammen zu suchen und fängt an, den Auflauf vorzubereiten. Jerome macht schon jetzt ein gequältes Gesicht. Er konnte den Auflauf nicht leiden, seiner Ansicht nach, passten Tomatensoße und Käse überhaupt nicht zusammen. Gedankenversunken sehe ich aus dem Fenster. Wie ich Raff und Simone wohl am besten die Wahrheit erzählen sollte? Würden sie mir überhaupt glauben?

Als hätte Johannes meine Gedanken gelesen sagt er: „Mach dir keine Sorgen, falls sie dir nicht glauben, können Marie und Ich ja immer noch versuchen, sie zu überzeugen.“

Beruhigt nicke ich. Er hat recht, selbst, wenn sie mir nicht glauben, sobald Marie und Johannes es ihnen bestätigen, werden sie mir schon glauben, hoffentlich. Robin lächelt mich immer wieder zufrieden an und Johannes fragt ihn nach allen möglichen Details. Wie zum Beispiel das Wappen von Süfjen aussieht und wie das Land ist. Robin macht es sichtlich Spaß, ihm all dies so ausführlich wie möglich zu beschreiben. Jerome und Wilhelm hören auch gespannt zu, wahrscheinlich aber eher, um sicherzugehen, dass Robin nicht etwas aus meiner Vergangenheit ausplaudert.

Mit einem Mal wird die Tür aufgerissen und ein gehetzter Lukas erscheint. Als er mich erblickt, lächelt er mit ganzer Kraft.

„Cleo, du bist draußen.“

Ich nicke und lächle gequält. Egal was ich tue, es ist schon komisch mit seiner ehemaligen, gedachten, Familie zusammen zu sein. Lukas wirft einen kurzen, fragenden Blick zu seinem Vater und kommt dann zu mir. Stolz präsentiert er mir den dritten Teil meiner Computerspielreihe. Dieses Mal ist mein Lächeln nicht ganz so gequält. Schuldbewusst hebe ich beide Hände.

„Ich werde wohl leider nicht mehr dazu kommen, es zu spielen.“

Lukas sieht mich erschrocken an und wendet sich dann an Jerome.

„Das ist nicht dein ernst oder? Du willst sie mit halben Gedächtnis zurückschicken?!“

Jerome sieht ihn wie ein geprügelter Hund an. „Was soll ich deiner Meinung nach machen? Wenn wir unserem kleinen Freund hier glauben dürfen, dann wird sie in ihrer Welt dringend gebraucht. Und es könnte noch einmal 2 Jahre dauern, bis sie sich an alles erinnert! Das würde zu lange dauern. Also ist alles was wir tun können, sie so gut es geht darauf vor zu bereiten.“

Lukas sieht immer wieder von mir zu seinem Vater. Hilfesuchend blickt er zu Marie diese schüttelt nur traurig den Kopf.

„Es ist ja nicht so, als würde ich gehen wollen. Aber je länger ich bleibe, desto schwieriger wird es, später zu gehen.“

Ich blicke Lukas traurig in die Augen, so sehr ich bleiben möchte, es geht einfach nicht. Robin und Ich gehören nicht in diese Welt und werden es auch nie. Lukas wirft einen groben Blick auf den Plan, der für mich und Robin erstellt wurde und runzelt die Stirn.

„Müssten sie nicht auch Bogenschießen lernen? Ich meine, wenn, dann schon richtig.“

Ich seufze, das hatte ich befürchtet. Ängstlich spähe ich zu Jerome, welcher gründlich zu überlegen scheint.

„Mhm, ich denke, dass Fechten und die anderen Dinge gehen vor. Normalerweise muss eine Prinzessin nicht in der Lage dazu sein, oder?“

Ein fragender Blick in die Runde, welcher am Ende an Robin haften bleibt. Dieser zuckt mit den Schultern.

„Ich habe zumindest noch nie von einer kämpfenden Prinzessin gehört.“

Jerome und Wilhelm nicken im Takt. „Das habe ich mir schon gedacht. Falls es dir Recht ist Cleo, können wir, wenn du mit dem Fechten gut zurechtkommst. Fechten durch Bogenschießen ersetzen.“

Ich nicke und seufze, fast genau im gleichen Moment, indem Lukas sich neben mir auf das Sofa fallen lässt. Die nächsten 2 Wochen werden sehr, sehr stressig werden. Nicht nur körperlich, sondern definitiv auch mental.

Es vergeht etwa eine Stunde, in der wir zusammensitzen und die meiste Zeit Robin zuhören, bis Marie uns zum Essen ruft. Jerome verabschiedet sich rasch, mit der Ausrede, er müsse im Büro noch einiges erledigen, damit wir auch ja in der Richtigen Welt ankommen. Aber ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass er vor dem Auflauf davonläuft. Nach einer kräftigen Portion, lege ich zufrieden meine Hände auf meinen Bauch.

Johannes und Wilhelm haben ihn zwar erst skeptisch beäugt, dann aber doch zugeschlagen. Robin tat sich, genau wie ich, eine mächtige Portion auf. Mit den Worten: „Das Essen dieser Welt ist viel besser als das in unserer,“ nahm er eine große Gabel und stopfte sie sich in den Mund. Dabei grinst er fast so breit, dass man die Hälfte davon schon wiedersehen kann.

Marie verschluckt sich bei dem Anblick, sodass ihr Lukas kräftig auf den Rücken schlagen muss, bis sie wieder Luft bekommt. Als wir alle satt sind und alles weggeräumt ist, streckt sich Wilhelm zufrieden.

„Vielen Dank für das Essen, aber ich denke, ich sollte mich nun auch auf den Weg machen.“

Robin fängt sofort lautstark an zu protestieren: „Nein! Ich will noch nicht los! Ich will noch mit Cleo reden!“

Wilhelm seufzt genervt: „Du wirst sie ab Dienstag jeden Tag sehen! Stell dich nicht so an, du bist alt genug um dich ein wenig zurück zu halten!“

Mit einem bösen Blick, stellt Robin definitiv das Gegenteil klar. Ich überlege, wie alt ist Robin überhaupt? Damals war er bestimmt so 14- 15 Jahre alt, wenn wir schon zwei Jahre hier sind, dann müsste er ja schon 16-17 sein?! Aber, dann ist er ja so alt wie ich! Zweifelnd und mit gerunzelter Stirn betrachte ich Robin, wie er dasteht, wie ein kleines bockiges Kind.

„Sag mal Robin, wie alt sind wir beide?“

Alle Blicke fallen auf mich und ich hebe sofort abwehrend die Hände.

„Ich will nur sichergehen!“

Tatsächlich werden nervöse und schuldbewusste Blicke getauscht.

„Was?“

„Nun ja, die Sache ist die…“

Marie scheint es sichtlich nicht angenehm zu sein, darüber zu reden.

„...Um ehrlich zu sein, hast du so zu sagen den Nagel auf den Kopf getroffen.“ Lukas macht eine verzweifelte Geste.

„Um deine Geschichte plausibel zu gestalten, mussten wir dein Alter etwas präparieren.“

„Und? Wie alt bin ich denn jetzt?!“

Da greift Wilhelm ein. „Da du als kleine Schwester in diese Familie kamst, haben wir dir eingeredet, du wärst jetzt 17 Jahre alt, allerdings bist du schon 19. Anders hätten wir nicht erklären können, dass du Maries kleine Schwester bist.“

Ich nicke erstaunt. „Also bin ich so alt wie Marie?“

Sie zwinkert mir zu. „Fast, ich bin ein paar Monate älter.“

„Woher willst du das wissen?“

Sie deutet auf Robin. „Er hat uns verraten, dass du im Herbst geboren bist. Also in eurem Herbst. Hoffentlich haben wir die gleichen Jahreszeiten, sonst könntest du doch älter sein.“

Marie hebt zuckt entschuldigend mit den Schultern und ich komme ins Grübeln. „Aber woher weißt du das Robin?“

Dieser grinst stolz. „Weil du es mir erzählt hast.“

Ich nicke. „So etwas hatte ich mir schon gedacht. Aber sag Mal, wie alt bist du denn jetzt?“

Sein Grinsen wird noch breiter und vor Stolz quillt seine Brust auf.

„Ich bin jetzt 16!“

Also ist er damals wirklich erst 14 gewesen. Sein Vater macht sich bestimmt furchtbare Sorgen.

Dieses Mal ist es Johannes, der schelmisch grinst: „Dann solltest du dich auch wie ein 16- Jähriger benehmen und brav nach Hause gehen.“

Noch ein vernichtender Blick, doch wiederwillig begleitet er Wilhelm nach draußen.

„Wir sehen uns Cleo!“ Ich winke ihm zu und muss lächeln, vielleicht ist er körperlich gewachsen, aber sicherlich nicht geistig.

Johannes und Marie gehen nach oben, die ganze Situation ändert leider nichts daran, dass die Beiden Montag eine wichtige Klausur haben und dafür lernen müssen. Was meine Lehrer wohl dazu sagen werden, dass ich nicht mehr zum Unterricht kommen werde?

Es wäre interessant zu wissen, welche Ausrede Jerome sich dieses Mal hat einfallen lassen. Lukas reißt mich aus meinen Gedanken, als er mir vorschlägt unser Essen heute Abend nach zu holen. Ich überlege kurz.

„Wie wäre es einfach, wenn wir einen Spaziergang zusammen machen? Dabei kann man sich mindestens genauso gut unterhalten und da ich mich eh noch einmal umsehen wollte...“

Lukas nickt zufrieden und mit einem Grinsen greift er nach seiner Jacke.

Ich bin überrascht. „Jetzt?“

„Na wann denn sonst.“

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht, laufe ich nach oben, um meine Jacke zu holen.

Als ich an Maries Zimmer vorbeikomme, höre ich Johannes sagen: „Ist das nicht gut? Ich meine sie hasst dich schließlich nicht. Das war doch deine größte Angst, nicht wahr? Es ist scheiße, dass sie uns verlassen muss, aber daher ist umso mehr daran gelegen, die letzten zwei Wochen zu genießen.“

„Das stimmt, ich sollte mich zusammenreißen.“

Maries Stimme hört sich verweint an, es scheint ihr schwerer zu fallen, die Realität zu akzeptieren, als mir.

Ich beeile mich nach unten zu gehen und mir ja nichts anmerken zu lassen.

Meine gute Laune ist vergangen, kein Wunder, schließlich ist dies ein Abschied, ein Endgültiger.

 

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