Die Wahrheit - Teil 2

Thorstein hatte Rúna tatsächlich ausreden lassen, ohne sie zu unterbrechen. Sie aber hatte ihm alles erzählt, angefangen von jenem ersten Moment beim Eintreten in Ragnars Haus, als sie am liebsten sofort umgekehrt wäre, bis hin zu ihrem Erwachen auf Rollos Lager und ihrer Bitte an den Krieger, Ragnars Namen zu verschweigen.
Nun saß der Steuermann schweigend am Lager seiner Gefährtin und fühlte sich leer und ausgelaugt. Kein klarer Gedanke war zu fassen. Sie hatte ihm nicht vertraut, hatte ihn wissendlich angelogen. Und wofür?
Dass sie ihn schützen wollte in einem Moment, in dem er schwach gewesen war, verstand er irgendwie und dann doch auch wieder nicht. Bei Thors Hammer! Er war ein Krieger! Er war es, der Schutz geben sollte, nicht sie, nicht diese kleine schmale Frau, die immer noch zitterte, obwohl der Raum doch wirklich gut beheizt war.
Ragnar! Wie konnte er …
Hatten sie nicht darüber gesprochen, was Rúna ihm bedeutete, hatte er es nicht selber gesehen …? Und war es nicht der Jarl gewesen, der ihm die Freiheit der geliebten Frau vor Zeugen versprochen hatte? Warum war er nicht auf das Angebot eingegangen und hatte den Sonnenstein genommen? War es ihm wirklich so viel mehr wert, eine Frau unter sich zu zwingen …?
Sie zu zwingen … Aber war es das wirklich gewesen oder war Rúna aus ganz anderen Gründen auf die Klippen gegangen? Doch was dachte er da? Er hatte doch ihren geschundenen Körper gesehen und die Narbe an ihrem Hals vom Messer des Schänders leuchtete auch heute noch in einem dunklen Rot, dass er nicht schönreden konnte. Keine Frau fand Genuss daran, zum Beischlaf gezwungen zu werden, da war er sich ganz sicher. Und Rúna konnte nichts getan haben, das den Jarl glauben ließ, sie habe sich ihm angeboten, oder?
Thorstein wusste, dass er an seiner Gefährtin nicht zweifeln sollte. Doch Ragnar war sein bester, sein langjähriger Freund. Zu glauben, dass dieser ihn so maßlos hintergangen hatte, gelang dem Krieger nicht. Es musste irgendetwas vorgefallen sein … Hatte Rúna den Jarl schon bei dem Fest auf irgendeine Art gereizt, ihn ahnungslos mit ihrer stillen, weichen Art vielleicht doch verführt? Er wusste es nicht. Und obwohl er ahnte, dass er sie damit nur unnötig quälte, kam er nicht umhin nachzuforschen. Also ließ er sich noch ein weiteres Mal genau schildern, was zwischen ihr und dem Jarl gesprochen worden war, ließ sich die zotigen Sprüchen und die anzüglichen Reden seiner Kampfgefährten wiederholen und wurde mit jedem Wort immer zorniger. Was waren das für Männer, dass sie so mit seiner kleinen Frau umgingen, dass sie nicht verhindert hatten, was geschehen war, obwohl sie es doch vorausgesehen haben mussten? War ihr damaliges Sklaventum denn für jede Schandtat eine Ausrede?
Auch Rúna schien seine Wut zu spüren, denn er spürte, wie sie mehr und mehr von ihm abrückte. Dann, als er sich überfordert und unwirsch ins Haar griff, um besser nachdenken zu können, sah er, wie sie erschrocken vor ihm zurückfuhr. Sie hatte Angst vor ihm, wieder einmal. Thorstein hatte keine Geduld, um das jetzt auch noch zu klären. Ruckartig sprang er auf und begann, ziellos durch den Raum zu laufen. Man hätte meinen können, er suche nach etwas, so abgehackt und hektisch war sein Gang.
Rúna aber schien ihre ganz eigene Meinung zu seinem Tun zu haben. Verständnislos sah Thorstein, kurz nachdem er sich von ihrem gemeinsamen Lager erhoben hatte, wie seine Gefährtin ebenfalls aufstand, sich ihr einfaches Kleid über den Kopf zog und dann nach einem Gegenstand griff, der hinter ihr gelegen haben musste. Ohne eine Miene zu verziehen, legte sie den Gürtel Thorsteins stumm auf den Tisch, wandte sich dann von ihm ab und kniete sich mit dem Rücken zu ihm vor ihr Lager. Sie legte den Kopf auf dessen Rand und bedeckte dann mit beiden Händen ihr Haar, als wolle sie es schützen.
Der Krieger sah sofort, was sie glaubte, erwarten zu müssen. Kannte sie ihn wirklich so wenig, dass sie annahm, er könne sie jetzt ein weiteres Mal schlagen? War sie immer noch so weit von ihm entfernt, dass sie seine Liebe und auch seinen Respekt vor ihr immer noch nicht fühlen konnte? Thorstein fluchte gotteslästerlich und schlug in ohnmächtigem Ärger hart mit der Faust auf den Tisch, das erschrockene Zusammenzucken Rúnas dabei ignorierend.
"Glaubst du wirklich, Ragnars Verrat würde geringer, wenn ich dich jetzt schlage?" brüllte er seine entsetzte Gefährtin an. "Glaubst du, ich fühlte mich von dir weniger  hintergangen, wenn ich dir dein Schweigen nun aus dem Leib prügle?"
Mit einem Mal überkam den Steuermann eine tiefe, schwere Erschöpfung und er ließ sich kraftlos auf einer der beiden Bänke nieder. "Ich kann dich nicht bestrafen, Rúna", fuhr er leiser und sanfter fort. "Doch ich kann auch nicht so tun, als sei zwischen uns nichts vorgefallen. Du hast kein Vertrauen zu mir gehabt und dazu kann ich dich auch nicht zwingen. Doch ich hatte geglaubt, dass es anders wäre nach allem, was wir gemeinsam durchgestanden haben. Du hast aus mir einen Mann gemacht, der so schwach ist, dass er hinter den Röcken seiner Frau versteckt werden muss. Du hast mir nicht die Möglichkeit gegeben, dich richtig zu trösten und dich zu beschützen. Du hast mich von dir ferngehalten, Rúna. Und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll."
Der Krieger richtete den Blick auf seine Hände und auch Rúna starrte den Fußboden an, während sie beide lange Zeit schwiegen. Die junge Frau versuchte darüber nachzudenken, was Thorstein ihr vorgeworfen hatte. Und obwohl sie wusste, dass er auf seine Kriegerart recht hatte, war sie dennoch überzeugt, dass es ihr zustand, ihn zu beschützen, wenn es nötig war. Sie liebte ihn doch! War es nicht ihr Recht als seine Gefährtin, auch für ihn zu tun, was in ihrer Macht stand? Und sie hatte ja nicht vorgehabt, ihn mit ihrem Schweigen zu betrügen …
Und doch wog Thorsteins Vorwurf schwer und die Stille zwischen ihnen beiden fühlte sich an wie eine undurchdringliche Mauer.
Auch Thorstein dachte darüber nach, was er nach Rúnas Geständnis davon halten sollte. Ja, er fühlte sich in seiner Ehre als Krieger schwer gekränkt. Und er hatte Angst, dass Rúna ihm nie ganz vertrauen könnte, dass sie nie bedingungslos auf ihn bauen würde. Und doch … Auch, wenn der Krieger in ihm sich selbstgefällig von ihr abwandte, war da noch eine zweite Stimme, die etwas ganz anderes flüsterte. War es nicht auch ein großer Beweis für ihre Liebe zu ihm, dass Rúna versucht hatte, ihn vor Ragnar zu schützen? Hatte sie nicht recht zu glauben, dass ein Kampf zwischen ihm und dem Jarl vor einem Mond niemals zu seinen Gunsten entschieden worden wäre? War es nicht richtig gewesen, ihn vor einem unbedachten Racheakt zu schützen? Thorstein konnte sich nicht entscheiden.
Ja, er konnte Rúna nicht einmal ansehen, während er fieberhaft nachdachte. Was war richtig, was war falsch? Konnte er akzeptieren, dass sie seine Gesundheit vor seine  Ehre gestellt hatte? Oder sollte er sich weiter in seiner Kränkung gegen sie wenden? War es nicht schwächlich und würdelos, sich hinter ihr verstecken zu lassen? Oder ging es um mehr oder anderes als seine Ehre? War es nicht von viel größerer Bedeutung, dass er für Solvig und Rúna am Leben blieb?
Thorstein hätte sicher noch lange die Gedanken hin und her gewälzt, ohne eine Lösung zu finden. Doch eine leise, schüchterne Stimme riss ihn aus dem Dämmer seines Grübelns heraus.
"Ich konnte es dir nicht sagen, Thorstein", flüsterte Rúna. "Es war einfach alles viel zu schrecklich! Ich hatte Angst! Angst, dass du Ragnar zur Verantwortung ziehen würdest."
Die junge, halbnackte Frau wandte sich ihm zu, sah ihm in die Augen und hielt ihm stand, obwohl sie wie Espenlaub zitterte.
"Ich liebe dich, Thorstein", flüsterte sie weiter und war dabei kaum noch zu verstehen. "Ich liebe dich und ich hätte niemals … ich hätte niemals riskiert, dass du dich in einem Kampf gegen den Jarl opferst. Du bist so viel mehr wert als ich. Deine Zuneigung, deine Großzügigkeit, deine ganze Art, sie bedeuten für mich wirklich alles! Das durfte nicht aufs Spiel gesetzt werden für etwas so Bedeutungsloses!"
Rúna schluckte schwer und Thorstein sah sie sprachlos an.
Noch nie hatte sie ihm so deutlich, in so klaren, offenen Worten gesagt, was er ihr eigentlich bedeutete. Und mit einem Mal wusste er, dass auch er an ihrer Stelle nicht anders gehandelt hätte. Wäre Rúna in Gefahr gewesen, er hätte Asgard und Walhalla in Bewegung gesetzt, um sie zu schützen. Und deshalb musste er nicht lange überlegen, was er antworten sollte, als Rúna weitersprach: "Doch ich verstehe auch, dass mein Handeln dir als Krieger unverständlich, ja schändlich vorkommen muss." Sie sah ihn weiter mutig an, obwohl sie sichtbar mit sich kämpfte. "Soll ich gehen, Thorstein?"

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    Wann kommen die beiden endlich innerlich zur Ruhe? Ich verstehe ihrer beider Reaktionen, sie sind mehr als nachvollziehbar. Auf eine gewisse Art zerfleischen sie sich immer wieder mit ihren Zweifeln - welche ja auch verständlich sind. Ich hoffe, dass Jorunn noch ein paar klärende Worte finden wird. Vor allem aber hoffe ich, dass all diese gemeinsam durchgestandenen Erlebnisse die beiden noch enger verbinden werden!

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