Die Weißen Wölfe II

Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, sah der Sibulek nach draußen in die nunmehr abendliche Landschaft und lehnte mit dem Rücken gegen den Fensterrahmen. Den Kopf hatte er in seine geöffnete Hand gelegt und stützte ihn mit dem Ellbogen auf dem aufgestellten rechten Bein ab. Sein Blick irrte rastlos in der Umgebung umher, bis er auf den Vergessenen See fiel. Dieser lag verborgen in dem hunderte Winter alten, dichten Wald um die Festung herum, der im Volksmund Arboloro genannt wurde und über weite Teile undurchdringbar war. Durch eine Schneise in den Bäumen war der kleine See, der inmitten des grünen Baummeeres auf einer wunderschönen Lichtung lag und von keiner sichtbaren Wasserader gespeist wurde, einzig von seiner Kammer und der darüber liegenden zu sehen. Niemand wusste daher um dieses idyllische Fleckchen. Niemand außer ihm und ...

Der Anführer der Weißen Wölfe seufzte tonlos. Rund und rot spiegelte sich die untergehende Sonne kurzzeitig in dem klaren Wasser, bevor lange Schatten, die vom Einbruch der Nacht kündeten und den Wald in ein kühles Grau tauchten, über den See zogen. Sein Blick löste sich vom Wasser und ging über die Wipfel in die noch helle Ferne zur grasigen Hügellandschaft des westlich gelegenen Shinra-Tales.

‚Von da müssen sie kommen‘, dachte er.

Der hinter den Anhöhen versinkende Tagesstern tauchte alles in ein wohliges Rotviolett und Cru fühlte eine innere Wärme in sich aufsteigen. Alte Erinnerungen längst vergangener Tage erwachten. Tage, die genauso gefährlich gewesen waren wie die zurückliegenden und dennoch so viel angenehmer. Denn im Gegensatz zu den vergangenen drei Wintern war er zu jener Zeit nicht allein gewesen. Ohne aufzublicken, hob er den Arm, deutete mit geöffneter Handfläche auf den Tisch am anderen Ende des Raumes und ließ den Becher, der darauf stand, langsam zu sich schweben. Er nahm einen kleinen Schluck Wasser, dann lehnte er den Kopf zurück.

Einsamkeit. Ja, so nannte man diese Empfindung. Es war nicht nur der Krieg, der ihm so zu schaffen gemacht hatte. Der ihm noch immer zu schaffen machte. Wenn er ehrlich war, war es vielmehr das Gefühl, etwas zu vermissen. Und daran hatte auch sein treuer junger Freund und Schüler nichts ändern können. In den Nächten der letzten Vollmonde hatte diese Erkenntnis sich immer mehr ihren Weg von seinem Herzen in seinen Kopf gebahnt. Und nun, da er hier saß und hoffend auf den Morgen wartete, konnte er sie nicht länger leugnen. Wie viele andere gehörte wohl auch er zu dem Schlag, der etwas Wertvolles erst dann zu schätzen wusste, wenn er es verloren hatte. Wie selbstverständlich war ihr Beisammensein für ihn doch geworden, dass er erst begriffen hatte, wie zerbrechlich es war, weit nachdem er mit den Weißen Wölfen hinaus in die fernen Lande nach Norden gezogen und das Banner des Roten Mondes am westlichen Horizont verschwunden war. Aberhundert Nächte lang hatte er gegen diese ungewohnte, stetig wachsende Einsamkeit gekämpft, hatte Pläne geschmiedet und seine Männer in immer wieder neue Schlachten geführt, nur um sich abzulenken. Doch heute Nacht gab es nichts, womit er dieses beklemmende Gefühl bekämpfen oder wohin er fliehen konnte.

Der kühle Tonbecher auf seiner Bauchdecke ließ den Sibulek frösteln. Verträumt sah er an sich herab und sein Blick blieb an seinem linken Handgelenk hängen. Er drehte es hin und her und betrachtete die feine, lange Narbe, als sah er sie zum ersten Mal. Dabei war sie alt. So alt wie ihre Freundschaft. So alt wie ihr Bund. Hart fühlte er das Blut in der Ader darunter schlagen, als er mit dem Zeigefinger leicht über die verheilte Wunde strich, und schlagartig verspürte er ein flaues Kribbeln im Magen. Er war noch ein Kind gewesen, als sie zum ersten Mal aufeinandergetroffen waren. Weit über sechshundert Winter lag das nun schon zurück, doch selbst heute noch wurde ihm heiß bei der Erinnerung. Und in dunklen Momenten erschien es ihm manches Mal, als wäre es erst gestern gewesen. Damals, als seine Welt in Flammen gestanden und sich das Oberste zuunterst gekehrt hatte.

 

Lang und entbehrungsreich war seine Odyssee durch die nördlichen Reiche, nachdem sein Dorf zerstört und seine Familie, vermutlich gar seine ganze Rasse ausgelöscht worden war. Die sterbenden Liebsten vor Augen hatte der reißende Fluss ihn als Einzigen gerettet, vor Speer und Pfeil beschützt und mit unbeirrbarer Kraft sicher an weit entfernte Gestade getragen. Viele Mondzyklen lang irrte er orientierungslos durch fremde Gegenden und Länder, bis sein Weg ihn schließlich ins waldige Hinterland des ehemaligen Elbenreiches Arkantoryia führte. In Prucna Tencone, einem Kloster von Kampfmönchen in der bergigen Einöde Soletha Desyertha, fand er schlussendlich Zuflucht und Schutz.

Kunsan Samartha, ein stämmiger, stets freundlich lächelnder Mann mit wachen Augen und der Abt des Konvents, nahm ihn auf wie einen Sohn und die Gemeinschaft wurde wie eine zweite Familie für ihn. Schritt für Schritt fand Cru zu etwas Ähnlichem wie einem normalen Leben zurück. Er lernte, wieder zu vertrauen, zu lachen, zu beten und zu spielen. Auch fand er nach einiger Zeit wieder Zugang zu seinen durch Kummer und Angst blockierten wassermagischen Fähigkeiten und in dem Abt einen geduldigen Lehrmeister. Vom Kämpfen allerdings wollte er nichts wissen und verweigerte sich diesbezüglich allen Übungen der Mönche. Zwar war er der körperlichen Ertüchtigung keinesfalls abgeneigt und konnte einem erfahrenen Kampfmönch in Sachen Kondition und Geschicklichkeit durchaus das Wasser reichen, doch wann immer seine Ordensbrüder ihr Kampftraining absolvierten, zog er sich stets zurück. Zu tief saß sein Trauma, zu schwer wog die Bürde des Erlebten. Stattdessen malte er sandgläserlang bizarre, runenhafte Bilder, meditierte oder las in alten Schriften. Doch was er auch tat, die Einsamkeit blieb.

Eines Tages befanden er und einige Brüder sich gerade auf dem Rückweg von einem reinigenden, rituellen Marsch, da wurden sie unvermittelt von einer mordgierigen und magiebegabten Kreatur angegriffen. Fassungslos sah Cru mit an, wie sie die Mönche, die trotz ihrer Stärke und Erfahrung kaum etwas entgegenzusetzen hatten, einen nach dem anderen umbrachte. Einem wilden Raubtier gleich sprang das Wesen, das kaum älter als er selbst sein konnte, umher, spie feurige Lohen und die langen, silbernen Haare standen in Flammen. Ebenso die bleichen Hände, aus deren Fingerknöcheln dünne, metallische Krallen hervorstachen, mit denen es seine Opfer durchbohrte und regelrecht zerfetzte. Zum zweiten Mal in seinem Leben wurde die Familie des kleinen Sibulek vor seinen Augen ausgelöscht und zum zweiten Mal war er unfähig, sich zu bewegen. Wie angewurzelt stand er einfach nur da und starrte mit leeren Augen auf die leblosen Körper am blutgetränkten Waldboden.

Zum Schluss blieb nur noch er übrig. Von Angesicht zu Angesicht stand er dem furienhaften Jungen gegenüber und als er ihm in die Augen blickte, war er sich weder sicher, ob er ein wildes Tier oder ein zivilisiertes Wesen vor sich hatte, noch ob dieses Kind überhaupt von dieser Welt war. Er wusste nicht, was den bleichen Knaben dazu trieb, solch ein Blutbad anzurichten. Wusste nicht, was er ihm entgegenzusetzen hatte und ob er den unweigerlich folgenden Kampf überleben würde. Und dennoch sah er mehr in den schmalen, pechschwarzen Augen als Blutgier und Hass. Für den Bruchteil eines Augenblicks konnte er hinter die zornigen Flammen tief in die verstörende und nicht minder verstörte Seele seines Gegenübers blicken. Und er hörte eine innere Stimme, die ihn mahnte und beschwor, dieses Wesen zu retten. Eine Stimme, die der seines über alles geliebten Vaters glich.

Noch ehe Cru sich besann, attackierte ihn der flammenumhüllte Junge und die Mächte des Feuers prallten auf die des Wassers. Der Kampf war gnadenlos und setzte bisher ungekannte Kräfte in ihm frei. Zum ersten Mal in seinem Leben bekam er einen Eindruck, welche Fähigkeiten tief in seinem Inneren schlummerten. War er anfangs noch ängstlich und parierte die Angriffe des dämonischen Knaben nur, so wuchsen mit der Härte der Attacken nicht nur seine Kräfte, sondern auch sein Selbstbewusstsein und seine Willensstärke. Es entbehrte jeglicher Logik, doch je mehr das andere Kind tobte und je stärker es ihn bekämpfte, desto fester und unbeirrbarer wurde seine Intention. Er würde sich nicht von diesem Wesen besiegen lassen, nein! Er würde so lange dagegen halten und kämpfen, bis sein Gegner müde wurde. Koste es, was es wollte. Und dann, dann würden sie Freunde werden!

Doch die Auseinandersetzung schien kein Ende nehmen zu wollen und dauerte einen vollen Sonnenumlauf sowie einen Mond. Ihre Kräfte waren einfach zu ebenbürtig. Zu unbeugsam ihr beider Wille. Ganz gleich wie schwer sie sich auch verwundeten, keiner von ihnen war in der Lage, den vernichtenden Schlag zu führen und den Anderen zu bezwingen. Irgendwann brachen sie am Ende ihre Kräfte dann einfach zusammen und der Kampf endete ohne Sieger. Ein leises, wüstes Fluchen und ein blutroter Sonnenaufgang waren das letzte, woran Cru sich erinnerte, bevor schwärzeste Finsternis ihn umfing.

Als er wieder erwachte, lag er umringt von betenden Ordensbrüdern in der Gebetshalle von Prucna Tencone. Seine Wunden waren versorgt und der bleiche Knabe mit den spitzen Ohren lag auf der Pritsche neben ihm. Bewusstlos. Schutzlos. Wehrlos. Es bedurfte nur eines Wortes seinerseits, nur eines Handzeichens und das mörderische Wesen würde die gerechte Strafe für diese Bluttat ereilen. Doch die mahnenden Worte der eindringlichen Stimme hallten noch immer in ihm nach und hielten seine Lippen verschlossen. Wider besseres Wissen bewahrte er das Geheimnis des fremden Jungen, verschwieg die Wahrheit und so wurde das blasshäutige Kind ebenfalls in den Konvent aufgenommen. Der Weg zurück ins Leben war steinig und abschüssig. Mehr als nur einmal stolperten sie und rutschten den Abhang hinab. Doch sie kämpften sich durch. Ungeachtet aller Feindseligkeiten und tagtäglicher Angriffe des jähzornigen Knaben ließ Cru nichts unversucht, sich mit diesem anzufreunden. Es dauerte an die drei Menschenleben, bis sie sich zusammengerauft und so etwas wie Vertrauen zwischen sich aufgebaut hatten. Doch als die Zeit voranschritt, wurde ihre Bindung schnell enger und fundamentaler, als sie es selbst ahnten.

Aus einer Laune heraus schlossen er und der blasse Junge in einer Schwarzmondnacht dann den Bund. Ein Bund, der weit über ihre Fähigkeiten hinausging und sie beide erneut fast das Leben kostete. Ein Bund, der erstaunlicherweise dennoch funktionierte und sie nun zeitlebens aneinander fesselte. Ein Bund, der lose Freunde zu Schicksalsbrüdern werden ließ und ihnen Macht über Leben und Tod des Anderen verlieh.

 

Egal wo Cru war, an welch noch so fernem Ort dieser Welt, wenn er sich konzentrierte, wenn er die Augen schloss und die Magie ihres Bundes heraufbeschwor, dann hörte und sah er seinen Weggefährten. Dann spürte er ihn sogar. Schwermütig blickte er in die dunkel werdende Ferne und hielt sein Handgelenk fest umfasst. In den langen Nächten des Krieges war dieses uralte Zeichen in seiner Haut das Einzige gewesen, was ihn davon abgehalten hatte, den Glauben und den Kampf gegen die Einsamkeit zu verlieren. Doch so stark ihre Bande auch waren, gegen die seltsame Leere, die ihn eines Nachts vor den Toren Thonajs überfallen und seitdem nicht mehr losgelassen hatte, kamen sie nur selten an.

Drei Winter … Gemessen an seinem Lebensalter nicht mehr als ein Augenblick und doch fühlte es sich an wie eine halbe Ewigkeit. Eine viel zu lange Zeitspanne, in der das dumpfe schwarze Loch in seinem Inneren stetig gewachsen war und seine Nächte in seelischen Qualen vergingen, während seine Tage in stumpfsinniger Gleichgültigkeit versanken. Mittlerweile war es ihm sogar einerlei, ob sein Schwertbruder den ihm geleisteten Schwur gehalten hatte, ob er als Monster oder vernunftbegabtes Wesen, Freund oder Feind wiederkehrte. Geräuschvoll atmete der Sibulek aus, schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. So konnte es unmöglich weitergehen. Wenn dieser Zustand noch länger andauerte, wurde er womöglich noch seines Lebens überdrüssig. Er brauchte einen Impuls, der seine starren inneren Mauern in ihren Grundfesten erschütterte, sie notfalls sogar einriss. Einen starken, feurigen Impuls, der wieder Leben in seiner blauen Hülle entfachte.

Den Kopf senkend öffnete er die Augen wieder und lenkte seine Aufmerksamkeit auf den Horizont, hinter dem soeben der letzte Lichtstrahl verschwand und die Regentschaft der Schatten einläutete. Wenn der Bote recht hatte, galt es nur noch diese eine Nacht zu überstehen. Hier in diesem Fenster, bei dieser phantastischen Aussicht durchaus im Bereich des Machbaren. Ein flüchtiges Grinsen verzog seine blauen Lippen, während er ein Stück tiefer rutschte. Doch schon bald nickte der Heermeister erschöpft ein zweites Mal am heutigen Tage ein. Er spürte noch, wie ihm sein an den Rahmen gelehntes Haupt auf die Schulter fiel. Sein rechter Arm ruhte locker auf der Bauchdecke, während die linke Hand an seiner Seite herabfallend den Tonbecher losließ. Dann umfing ihn friedliche Stille.

 

Ein kühler Wind, der durch sein nachlässig geknöpftes Hemd fuhr und seine Brust streichelte, weckte Cru Kanîja aus einem tiefen und mit Ruhe erfüllenden Schlaf. Verwundert rieb er sich die Augen und blickte in den finsteren, sternenklaren Nachthimmel. Anscheinend war es schon Mitternacht. Eine seltsame Schwere lag in der Luft, allerdings konnte er sich das auch nur einbilden. Aus den Augenwinkeln nahm er bewegte Schatten auf den Hügeln im Westen wahr. Ruckartig richtete er sich auf und sah genauer hin, musste aber feststellen, dass es sich lediglich um ein paar Herdentiere handelte. Enttäuscht ließ er sich wieder gegen den Fensterrahmen fallen.

Unvermittelt zerriss ein leises Pochen die nächtliche Stille, doch der Sibulek ignorierte den Störenfried. Besuch war das Letzte, was er jetzt brauchte. Er wollte niemanden sehen, nichts hören, einfach nur allein sein. Nicht einmal Forso würde er öffnen. Nach wiederholtem, stetig lauter werdendem Klopfen, das ihm jeden Nerv tötete und die ganze Atmosphäre zerstörte, gab er doch nach.

„Ja?“, fragte er mürrisch.

„General Kanîja? Bitte öffnen Sie“, drang eine gedämpfte weibliche Stimme zu ihm.

„Wer ist da?“

„Ich bin es, Myu Sansa. Der Rat schickt mich.“

Unwillkürlich fiel der Kopf des Heermeisters auf die Brust und er atmete geräuschvoll aus. Von den alten Herren hatte er heute wirklich mehr als genug gehört.

„Lasst mich bitte ein“, verlangte die Botin höflich, aber bestimmt.

„Nein, lass mich in Ruhe und geh!“, antwortete er in barschem Tonfall.

„Es tut mir leid, wenn ich Euch geweckt haben sollte, General, aber es ist dringend.“

Die Stimme der jungen Frau klang ehrlich und der Sibulek kannte sie. Sie würde ihn unmöglich mitten in der Nacht stören, wenn es der Rat nicht ausdrücklich befohlen hätte. Myu tat nur ihre Pflicht und wurde bei Nichtausführung der Anweisungen bestraft. Sie konnte mit Sicherheit nichts dafür, dass die Alten sie um diese Unzeit zu ihm schickten. Wenn er also auf jemanden wütend sein wollte, dann nicht auf das Mädchen, sondern auf die selbst ernannten Weisen.

„Was will der Rat von mir?“, fragte Cru nach kurzer Pause und versuchte erfolglos, seinen Unmut nicht durchklingen zu lassen.

„Er lässt Ihnen folgende Botschaft zukommen: General Valkja soll morgen gleich nach seiner Ankunft bei den Neun Weisen vorstellig werden und ihnen unverzüglich Bericht erstatten.“

Erneut fiel der Kopf des Sibulek auf die Brust. Die Alten schickten Myu allen Ernstes um die Tageswende zu ihm, um ihm das zu sagen? Das war doch fast schon unverfroren. Jeder, wirklich jeder ranghöhere Krieger in Yara wusste, dass ihn sein allererster Weg bei Betreten der Serçeburg in die große Halle zu führen hatte. Allerdings wusste er genauso gut, dass sein Schwertbruder nicht einen Pfifferling auf solche Anweisungen gab und bisweilen mit Gewalt vor die alten Herren gezerrt werden musste.

„Sollte er wider Erwarten nicht von selbst sofort beim Rat erscheinen, sondern sich auf seine Kammer oder gar zu Euch begeben“, riss die junge Frau ihn aus den Gedanken, „erwarten die ehrenwerten Weisen, dass Ihr ihn auf sein Versäumnis aufmerksam macht und nötigenfalls persönlich zu ihnen geleitet.“

Ein bissiges Lächeln huschte über seine Lippen. Gut, die Sorge der Alten, der dritte General würde nicht freiwillig zum Rapport antreten, war durchaus berechtigt. Doch die Annahme, ausgerechnet er werde ihn dann zum Rat eskortieren, war einfach nur lächerlich. Nach der langen Zeit hatte er wahrlich Besseres zu tun, als sich schon bei dessen Ankunft den Zorn seines Freundes zuzuziehen. Cru schüttelte den Kopf. Wenn Myu ihm sonst nichts zu sagen hatte, musste er bei Gelegenheit wohl ein ernstes Wörtchen mit den Herren Ratsmitgliedern reden.

„Haben Sie alles verstanden, General?“, fragte die Botin vorsichtig nach.

„Ja, habe ich“, antwortete er nach einer ganzen Weile. „Richte dem Rat aus, dass ich seine Nachricht erhalten habe. Allerdings hege ich nicht die geringste Absicht, seinem Ansinnen Folge zu leisten!“

Ohne Widerworte verabschiedete die Botin sich daraufhin leise und war verschwunden.

„Sollen sie sich doch selbst darum kümmern“, murmelte der Anführer der Weißen Wölfe halblaut vor sich hin und verschränkte die Arme vor der Brust.

Wer war er denn, dass er sich, gerade aus dem Krieg heimgekehrt, zum Kindermädchen degradieren ließ? Wenn sie den dritten General haben wollten, dann mussten die alten Herren sich dieses Mal selbst in Bewegung setzen.

‚Du bist noch nicht einmal zurück und machst schon Ärger‘, dachte er schmunzelnd und blickte in die stockschwarze Finsternis hinaus.

Ein frisches Lüftchen kam auf und fuhr unter seine spärliche Kleidung. Erneut betrachtete er die Narbe an seinem linken Handgelenk und spielte einen Wimpernschlag lang mit der Idee, die alte Wunde aufzureißen. Sanft umstrich der Nachtwind seinen Körper und zerrte beständig an dem einen Knopf, der sein Hemd notdürftig zusammenhielt, bis er abriss und es offen im Luftstrom flatterte. Die Augen geschlossen genoss der Sibulek das Windspiel wie schon lange nichts mehr und lehnte den Hinterkopf gegen den kalten Eibenholzrahmen. Ein leiser Seufzer entrann seiner Kehle und entschwand in die Nacht hinaus.

 

Unbemerkt von dem selbstvergessenen Heerführer stand sein Schüler im Schatten einer Ecke und beobachtete ihn aufmerksam. Forso war zufällig vorbeigekommen, als Myu die Nachricht des Rates überbracht hatte, und hatte alles mit angehört. Das unfreundliche Verhalten seines Meisters war ihm sehr seltsam vorgekommen, schließlich galt der Sibulek als der diplomatischste der drei Generäle und vermied üblicherweise jegliche Konfrontation mit der Herrschaft. Eine Provokation des Rates durch Missachtung eines direkten Befehls sah ihm in keiner Weise ähnlich und hatte des jungen Mannes Argwohn erregt. Leise und mit Bedacht hatte er sich daher Zugang zur Kammer seines Mentors verschafft, kaum dass die Botin verschwunden war.

‚Was ist nur los mit dir, Cru?‘, fragte der Blondschopf sich nun im Schutze der Dunkelheit und das nicht zum ersten Mal.

Schon Tage vor ihrer Rückkehr hatte sein Anführer sich so ungewohnt still verhalten, obwohl er innerlich allem Anschein nach sehr aufgewühlt gewesen war. Seit ihrer Ankunft hatte er sich in seiner Kammer eingeschlossen und den ganzen Tag nicht blicken lassen. Ja, selbst die Feier zu Ehren ihrer siegreichen Heimkehr hatte er nicht beachtet.

‚Der Krieg hat dich sehr verändert, Meister‘, dachte Forso wehmütig.

 

Vor der langwierigen und verheerenden Schlacht um Thonaj, war der Sibulek ein ruhiger und ausgeglichener Mann, sehr friedliebend und äußerst geduldig. Streitigkeiten unter den Weißen Wölfen schlichtete er umgehend und sozial, war selbst in den heikelsten Situationen gelassen und freundlich. Verbalen Angriffen und Beleidigungen setzte er sachliche Argumente und deutliche, aber niemals ausfällige Worte entgegen. Wurde er körperlich angegriffen, entwaffnete er seinen Gegner möglichst, ohne ihn zu verletzen oder gar zu erniedrigen. War sein Angreifer jedoch einfach nur aufgebracht, parierte er ihn solange, bis dieser sich beruhigt hatte. Nie war er nachtragend, streitsüchtig oder der, der den ersten Schlag austeilte, und viele seiner Männer bewunderten ihn dafür.

Doch mit der Zeit änderte er sich. Forso war der Erste, der es bemerkte. Anfangs wurde sein Mentor einfach nur stiller, geradezu verschlossen, und zog sich allmählich von Allem zurück. In glücklicheren Tagen ein guter Erzähler und Zuhörer wurde er in den letzten Vollmonden des Kampfes sehr lakonisch und wortkarg. Zudem schien auch seine ausgeglichene Ruhe zu schwinden und der Sibulek wirkte immer angespannter. Dispute unter den Männern beachtete er zunehmend nicht, geschweige denn dass er noch schlichtend eingriff. Sein Umgangston wurde rauer und in den Tagen kurz vor ihrer Heimkehr wirkte er gar teilnahmslos und ignorant. Forso wusste, dass dies die vorherrschende Meinung unter den Kriegern war, wenngleich es keiner wagte, das vor ihm oder gar dem General selbst zu wiederholen. Denn trotz allem genoss dieser den Respekt und Gehorsam seiner Männer.

Was den jungen Vizegeneral jedoch mehr beunruhigte als die äußere Wandlung seines Ziehvaters, waren die Veränderungen in dessen Inneren. Auch wenn der Blondschopf nicht die Fähigkeit besaß, einer Person in den Geist oder gar das Herz zu blicken, so waren ihm die inneren Kämpfe des Sibulek sehr wohl offenbar. Seit vielen Monden schon flackerte die sonst satt strahlende ultramarinblaue Aura seines Freundes unstet und unruhig. Hin und wieder verblasste sie sogar für einen Wimpernschlag und Crus Augen wurden dann kalt, fast leer. Zudem schlief er nur noch selten. Während der langen Durchquerung der Wüste sogar nur alle drei Nächte und zuletzt überhaupt nicht mehr. Befremdlich war auch, dass die so lang ersehnte Heimkehr diesen absonderlichen Zustand noch zu verstärken schien. Sprach Forso seinen Anführer darauf an, stritt dieser alles ab und beschwichtigte ihn, allerdings ohne auch nur annähernd glaubhaft zu wirken. Was um ihn herum vorging, schien der Sibulek immer weniger wahrzunehmen, und je näher sie der Burg kamen, desto verkrampfter, gefühlloser wirkte er.

 

Doch nun, da Forso seinen Ziehvater so versunken im Fenster sitzen sah, zerstob all seine Furcht, verschwanden all seine Sorgen. Glücklich lächelte er und das Bild, wie Cru sich mit offenem, flatterndem Hemd dem Spiel des Windes hingab, brannte sich tief im Inneren des jungen Mannes ein.

„Und da heißt es immer, du wärest kalt geworden“, wisperte er schmunzelnd. „Ganz im Gegenteil, mein Meister, ganz im Gegenteil. Dein Feuer war nie erloschen, nur geschwunden. Und es hat nicht verlernt, zu lodern!“

Die Gedanken seines Mentors, wo immer sie auch waren, hatten sich losgelöst von all dem Schrecken, dem Chaos und dem Blut. Als er ein Flüstern vernahm, wusste der Blondschopf, dass es an der Zeit war, zu verschwinden. Denn das, was er hörte, brachte unvermittelt Licht ins Dunkel seiner Sorgen. Dieses eine kleine Wort, dieser Name, erschloss ihm Crus seltsames Verhalten während der gesamten letzten Zeit und ließ ihn erneut lächeln. Obgleich er sich immer stark und unerschütterlich gab, erging es dem Sibulek offenbar kein bisschen besser als ihm selbst. Hin und her gerissen zwischen Vorfreude und Angst ob des baldigen Wiedersehens konnte er doch nichts weiter tun, als einfach nur zu warten. Zu warten und zu hoffen.

„Was, wenn er nicht zurückkommt?“, flüsterte sein Ziehvater plötzlich.

Bösen Geistern gleich schwebten die dunklen Worte durch den Raum. Erschrocken hielt Forso, der sich schon auf Zehenspitzen wieder zur Kammertür hatte schleichen wollen, inne und wandte sich um. Das eben noch friedliche Gesicht des Sibulek war jetzt schmerzerfüllt und seine Augen blickten unruhig im Dunkel der Nacht umher. Die Arme hatte er um den eigenen Körper geschlungen und die Hände zu Fäusten geballt.

Wie gern hätte der Blondschopf ihn in diesem Moment in die Arme geschlossen. Ihm Trost und Zuversicht gespendet, so wie sein Freund und Meister es zuvor für ihn getan hatte. Forso kannte diesen schrecklichen Gedanken und die Angst, die ihm entsprang, nur allzu gut. Und er wusste, wie stark, wie nagend dieses Gefühl sein konnte. Cru verlor sich zusehends in dunklen Gedanken und doch konnte er nichts für ihn tun, ohne sich zu verraten.

Unterdessen wuchs der stärker werdende Wind zu einer kräftigen Böe heran, zerrte an dem geistesabwesenden General und fegte ihn schließlich vom Sims auf den harten Steinboden seiner Kammer. Verwirrt blickte der Mann ins nächtliche Nichts, als wäre er soeben aus einem düsteren Traum erwacht, und Forso atmete erleichtert auf. Dennoch blieb er.

Sein Lehrmeister hatte sich wieder aufs Fensterbrett gesetzt und irgendetwas im Wald schien dessen Blick regelrecht anzuziehen. Was genau konnte der Jüngling nicht erkennen, doch mit einem Mal stiegen viele kleine Funken aus den nachtschwarzen Wipfeln auf. Langsam flogen sie auf den Sibulek zu und erhellten sein Antlitz, in dem Forso Faszination ob des seltenen Naturschauspiels las. Immer weicher und entspannter wurden die blauen Gesichtszüge, ganz so als erkannte sein Freund, dass all seine Sorgen grundlos waren. Auch seine Aura strahlte ruhig und in einem so intensiven, satten Ton wie seit Beginn des Krieges nicht mehr. Jetzt, so schien es dem jungen Vizegeneral, war auch der Sibulek mit Herz und Seele heimgekehrt. Für einen Moment fragte der Blondschopf sich warum. Dann sah er, wie sein Anführer über dessen Ringfinger und die Narbe am Handgelenk strich, und erinnerte sich an den Bund seiner Meister. Cru hätte gespürt, wenn seinem Weggefährten etwas zugestoßen wäre. Langsam streckte sein Ziehvater eine Hand aus, griff nach den tanzenden Funken und sowie er einen erhascht hatte, entzündete er sich auf seiner Handfläche zu einem kleinen Flämmchen.

Beruhigt verfolgte Forso, wie die Funken den Sibulek wie ein Feuer umtanzten und er ihre Wärme in sich aufnahm. Schon eine ganze Weile, eigentlich seit jenem Tag, als er seinem Freund und Meister das erste Mal begegnet war, glaubte er an Schicksal. Wie oft hatte man ihn dafür belächelt, gar gescholten und einen törichten Narren genannt? Doch hier und jetzt, da Crus Gesicht vom Schein der kleinen Flämmchen beleuchtet wieder sanft und völlig gelöst wirkte, sah er sich eindrucksvoll bestätigt. Früher, ja, da hatte er nie an so etwas wie Vorsehung glauben wollen. Wie vielen Anderen, die die Existenz höherer Mächte verleugneten, hatte ihm der Gedanke missfallen, nicht Herr seines Lebens zu sein. Doch nun, da er erwachsen, gebildet und weit gereist war, wusste er es besser. Schicksal war keine bloße Vorherbestimmung. Es war das, was dem Leben erst seinen Sinn gab! Die vielen Winter an der Seite seiner beiden Meister hatten ihn eines gelehrt: So sehr man sich auch dagegen sträubte, seinem Schicksal entkam man nicht. Aber man konnte es annehmen und damit glücklich werden, selbst wenn es ein steiniger Weg war. Und war es nicht auch Crus Schicksal, das ihm hinaus auf die Schlachtfelder gefolgt war, ihn in Gedanken immer wieder heimgesucht hatte und ihm nun eine solch unruhige Nacht bescherte?

Im warmen Licht der tanzenden Funken sah Forso, wie seinem Ziehvater erschöpft die Augen zufielen und er in den Schlaf sank. Aus Sorge, Cru konnte über Nacht das Gleichgewicht verlieren und auf der falschen Seite vom Sims stürzen, wartete er noch eine Weile, bis der Sibulek zweifelsfrei tief und fest schlief. Dann schleppte er ihn ins Bett und huschte leise zur Tür. Ein letztes Mal blickte er zurück und sah, wie der warme Wind seinen friedlich schlafenden Anführer weiter umspielte, die Funken ihn weiter umtanzten. Ein Bild, das alle Sorgen vergessen machte.

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Neufassung 02/18

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    Dieses Kapitel ist schlicht und ergreifend schön geschrieben. Bildhaft und glaubwürdig.

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