Die Weißen Wölfe II

Ohne einen Gedanken fassen zu können, sah der Sibulek nach draußen in die nunmehr abendliche Landschaft und lehnte mit dem Rücken gegen den Fensterrahmen. Den Kopf hatte er in seine geöffnete Hand gelegt und stützte ihn mit dem Ellbogen auf dem rechten, aufgestellten Bein ab. Sein Blick schweifte rastlos in der Umgebung umher, bis er auf den Vergessenen See fiel. Dieser lag verborgen im Wald hinter der Festung auf einer kleinen, wunderschönen Lichtung und war einzig von seiner Kammer und der darüber durch eine Schneise in den Bäumen zu sehen. Niemand wusste um dieses idyllische Fleckchen. Niemand außer ihm und ... Der Anführer der Weißen Wölfe seufzte.
     Rund und rot spiegelte sich die untergehende Sonne kurzzeitig in dem klaren Wasser, bevor lange dunkle Schatten, die vom Einbruch der Nacht kündeten und den Wald in ein kühles Grau tauchten, über den See zogen. Sein Blick löste sich vom See und ging über die Wipfel in die noch helle Ferne zur grasigen Hügellandschaft des westlich gelegenen Shinra-Tales.
     „Von da müssen sie kommen“, murmelte er leise.
     Der hinter den Anhöhen versinkende Tagesstern tauchte alles in ein wohliges Rotviolett und der Sibulek fühlte eine innere Wärme in sich aufsteigen. Alte Erinnerungen längst vergangener Tage erwachten. Tage, die genauso gefährlich gewesen waren wie die zurückliegenden und dennoch so viel angenehmer. Denn im Gegensatz zu den vergangenen drei Wintern war er zu jener Zeit nicht allein gewesen.
     Ohne aufzublicken, hob er den Arm, deutete mit geöffneter Handfläche auf den Tisch am anderen Ende des Raumes und ließ den Wasserbecher, der darauf stand, langsam zu sich schweben. Er nahm einen kleinen Schluck, dann lehnte er den Kopf zurück.
     Einsamkeit. Ja, so nannte man diese Empfindung!
     Es war nicht der Krieg, der ihm so zu schaffen gemacht hatte. Der ihm noch immer zu schaffen machte. Wenn er ehrlich war, war es vielmehr das Gefühl, etwas zu vermissen. Und daran hatte auch sein treuer Freund und Schüler nichts ändern können. In den Nächten der letzten Vollmonde hatte sich diese Erkenntnis immer mehr ihren Weg von seinem Herzen in seinen Kopf gebahnt. Und nun, da er hier allein und sehnsüchtig hoffend saß, konnte er sie nicht länger leugnen. Wie viele andere gehörte wohl auch er zu dem Schlag, der etwas Wertvolles erst dann zu schätzen wusste, wenn er es verloren hatte. Wie selbstverständlich war ihr Beisammensein für ihn doch geworden, dass er erst begriffen hatte, wie zerbrechlich es war, als er mit den Weißen Wölfen hinaus in die fernen Lande nach Osten gezogen und das Banner des Roten Mondes in entgegengesetzter Richtung am westlichen Horizont verschwunden war. Tausend Nächte lang hatte er gegen diese ungewohnte, stetig wachsende Einsamkeit gekämpft, hatte Pläne geschmiedet und seine Männer in immer wieder neue, siegreiche Schlachten geführt, nur um sich abzulenken. Doch heute Nacht gab es nichts, womit er dieses beklemmende Gefühl bekämpfen oder wohin er fliehen konnte.
     Der kühle Tonbecher auf seiner Bauchdecke ließ den Sibulek frösteln. Verträumt sah er an sich herab und sein Blick blieb an seinem Handgelenk hängen. Er drehte es hin und her und betrachtete die feine, lange Narbe von links nach rechts, als sehe er sie zum ersten Mal. Dabei war sie alt. So alt wie ihre Freundschaft. So alt wie ihr Bund. Hart fühlte er das Blut in der Ader darunter schlagen, als er mit dem Zeigefinger leicht über die Narbe strich. Schlagartig verspürte er ein flaues Kribbeln im Magen und sein Herz schlug schneller. Erneut seufzte er. Selbst heute noch, nach weit über sechshundert Wintern, wurde ihm heiß bei der Erinnerung.

Der Sibulek war noch ein Kind, als sie sich das erste Mal begegneten. Dennoch besaßen beide Jungen bereits Kräfte, derer sie sich nur im Ansatz bewusst waren und von denen Menschen nicht einmal zu träumen wagten. Ihr erstes Zusammentreffen endete nicht nur in Zerstörung und Chaos, es wäre auch beinahe ihr letztes gewesen.
     Lang und entbehrungsreich war die Odyssee des kleinen blauhäutigen Jungen mit den langen Ohren, nachdem sein Dorf zerstört und seine Familie, gar seine ganze Rasse ausgelöscht worden war. In einem Kloster von Kampfmönchen fand er schlussendlich Schutz und ein neues Zuhause. Der Abt des Konvents nahm ihn auf wie einen Sohn und die Gemeinschaft wurde wie eine Familie für ihn. Schritt für Schritt fand der verstörte und traumatisierte Junge zu etwas Ähnlichem wie einem normalen Leben zurück. Er lernte wieder, zu vertrauen, zu lachen, zu beten und zu spielen. Auch fand er nach einiger Zeit wieder Zugang zu seinen durch Kummer und Angst blockierten wassermagischen Fähigkeiten. Vom Kämpfen wollte der junge Sibulek allerdings nichts wissen und verweigerte sich diesbezüglich allen Übungen der Mönche. Zwar war er der körperlichen Ertüchtigung keinesfalls abgeneigt und konnte einen erfahrenen Kampfmönch in Sachen Kondition und Stärke recht bald in Verlegenheit bringen, doch wann immer seine Ordensbrüder ihr Kampftraining absolvierten, zog er sich stets zurück. Stundenlang malte er bizarre, runenhafte Bilder oder las in alten Schriften und erwarb sich so binnen weniger Winter das Wissen eines weitgereisten, alten Mannes. Doch was er auch tat, die Einsamkeit blieb.
     Eines Tages wurden er und eine Gruppe Mönche während ihres rituellen Marsches von einer mordgierigen Kreatur angegriffen, die kaum älter als er selbst sein konnte. Geschockt und wie entrückt sah der kleine Sibulek fassungslos mit an, wie sie seine Ordensbrüder einen nach dem anderen umbrachte und sich dabei auch feuriger Magie bediente. Trotz ihrer Stärke und Erfahrung hatte nicht ein einziger der Kampfmönche dem ungestümen Wesen etwas entgegenzusetzen. Wie ein wildes Raubtier sprang es umher, spie Lohen und seine langen, silbernen Haare standen in Flammen. Ebenso seine kleinen, blutigen Hände, aus deren Fingerknöcheln dünne, metallische Krallen hervorstachen, mit denen es seine Opfer regelrecht zerfetzte.
     Zum zweiten Mal in seinem Leben wurde Crus Familie vor seinen Augen ausgelöscht und zum zweiten Mal war er unfähig, sich zu bewegen. Wie angewurzelt stand er einfach nur da und starrte mit leeren Augen auf die leblosen Körper am blutgetränkten Waldboden. Zum Schluss blieben nur noch er und der Junge übrig. Von Angesicht zu Angesicht standen sie sich gegenüber und als er dem furienhaften Knaben in die Augen blickte, war er sich weder sicher, ob er ein wildes Tier oder ein zivilisiertes Wesen vor sich hatte, noch ob dieses Kind überhaupt von dieser Welt war. Er wusste nicht, was den bleichen Jungen dazu trieb, solch ein Blutbad anzurichten. Wusste nicht, was er ihm entgegenzusetzen hatte und ob er den unweigerlich folgenden Kampf überleben würde. Und dennoch sah er mehr in den schmalen, schwarzen Augen als Blutgier und Hass. Für den Bruchteil eines Augenblickes konnte er hinter die zornigen Flammen tief in die verstörende und nicht minder verstörte Seele seines Gegenübers blicken. Und er  hörte eine innere Stimme, die ihn mahnte und beschwor, diesen Jungen zu retten!
     Noch ehe er sich besann, attackierte ihn der flammenumhüllte Knabe und zum ersten Mal prallten die geballten Mächte des Feuers auf die des Wassers. Der Kampf war gnadenlos und brutal, doch setzte er bisher ungekannte Kräfte bei ihm frei und zum ersten Mal in seinem Leben bekam der Sibulek einen Eindruck, welch ungeahnte Fähigkeiten in seinem Inneren schlummerten. War er anfangs noch ängstlich und parierte die Angriffe des dämonischen Jungen nur, so wuchsen mit der Härte der Attacken nicht nur seine Kräfte, sondern auch sein Selbstbewusstsein und seine Willensstärke. Je mehr das andere Kind tobte, je stärker es ihn bekämpfte und je schwerer die Verletzungen auf beiden Seiten wurden, desto fester und unbeirrbarer wurde Crus Intention. Er ließ sich nicht von diesem Wesen besiegen, nein! Er hielt so lange dagegen und kämpfte, bis sein Gegner müde wurde. Kostete es, was es wollte!
     Und dann, dann wurden sie Freunde!
     Der Kampf dauerte mehrere Sonnen und Monde und schien kein Ende nehmen zu wollen. Zu ebenbürtig waren ihre Kräfte. So schwer sie einander auch verwundeten, keiner von ihnen konnte den vernichtenden Schlag führen und den Anderen bezwingen. Irgendwann brachen sie dann am Ende ihre Kräfte zusammen und der Kampf endete ohne Sieger. Wie unermesslich groß die aufeinandergeprallten Mächte bereits damals waren, ließ sich annäherungsweise erahnen, wenn man bedachte, dass der ehemals grüne, waldige Landstrich nach diesem Kräftemessen einer kleinen Wüste mit abgeschliffenen Ruinen glich.
     Als der junge Sibulek nach vielen Tagen aus einem todesähnlichen Schlaf erwachte, lag er umringt von Ordensbrüdern in der Gebetshalle des Klosters. Seine Wunden waren versorgt und der bleiche Knabe mit den spitzen Ohren lag auf der Pritsche neben ihm. Trotz allem, was geschehen war, verschwieg er die Wahrheit und so wurde das blasshäutige Kind ebenfalls in den Konvent aufgenommen. Der Weg zurück ins Leben war steinig, doch sie kämpften sich durch und ungeachtet aller Feindseligkeiten und tagtäglicher Angriffe des jähzornigen anderen Knaben ließ Cru nichts unversucht, sich mit diesem anzufreunden. Es dauerte etliche Winter, bis sie sich zusammenrauften und so etwas wie Vertrauen zwischen sich aufbauten. Doch als die Zeit voranschritt, wurde ihre Bindung schnell enger und fundamentaler, als sie es selbst ahnten.
     Aus einer Laune heraus schlossen sie in einer Neumondnacht dann den Bund. Ein Bund, der weit über ihre damaligen Fähigkeiten hinausging und sie beide erneut fast das Leben kostete. Ein Bund, der erstaunlicherweise dennoch funktionierte und sie seitdem zeitlebens verband. Ein Bund, der ihnen Macht über Leben und Tod des Anderen verlieh.

Egal wo er war, an welch noch so fernem Ort dieser Welt, wenn er sich konzentrierte, wenn er die Augen schloss und die Magie ihres Bundes heraufbeschwor, dann hörte und sah er ihn, dann spürte er ihn sogar. Wehmütig blickte der Sibulek in die dunkel werdende Ferne und hielt sein Handgelenk fest umfasst. In den langen Nächten des Krieges war diese Narbe das Einzige gewesen, was ihn davon abgehalten hatte, den Glauben und den Kampf gegen die Einsamkeit zu verlieren.
     Noch immer steckten der Stress, die Anspannung und die kräfteraubenden Schlachten spürbar in seinen erschöpften Gliedern und Knochen. Mit hoffendem, weit gen Westen gerichtetem Blick nickte er daher nach wenigen Augenblicken ein. Er spürte noch, wie sein an den Rahmen gelehntes Haupt ein Stück herunterrutschte und auf die Seite fiel. Sein rechter Arm ruhte locker auf der Bauchdecke, während die linke Hand an seiner Seite herabfallend den Tonbecher losließ. Dann umfing ihn friedliche Stille.

Ein kühler Wind, der durch sein nachlässig geknöpftes Hemd fuhr und seine Brust kitzelte, weckte den Anführer der Weißen Wölfe aus einem tiefen und ihn mit Ruhe erfüllenden Schlaf. Verwundert rieb er sich die Augen und blickte in den finsteren, sternenklaren Nachthimmel. Anscheinend war es schon Mitternacht. Eine seltsame Schwere lag in der Luft, allerdings konnte er sich das auch nur einbilden.
     Aus den Augenwinkeln nahm er einige dunkle, bewegte Schatten auf den Hügeln wahr und prompt schlug sein Herz ein paar Takte schneller. Ruckartig richtete er sich auf und sah genauer hin, musste aber feststellen, dass es sich lediglich um ein paar Herdentiere aus dem Dorf handelte. Enttäuscht ließ er sich wieder gegen den Fensterrahmen fallen.
     Plötzlich pochte es leise an der Tür, doch der Sibulek ignorierte den Störenfried. Besuch war das Letzte, was er jetzt brauchte. Er wollte niemanden sehen, nichts hören, einfach nur allein sein. Nicht einmal Forso würde er öffnen. Nach wiederholtem, stetig lauter werdendem Klopfen, das ihm jeden Nerv tötete und die ganze Atmosphäre zerstörte, gab er allerdings nach.
     „Ja?“, fragte er mürrisch.
     „General Kanîja? Bitte öffnen Sie“, drang eine weibliche Stimme gedämpft zu ihm.
     „Wer ist da?“
     „Ich bin es, Myu Sansa. Der Rat schickt mich.“
     Unwillkürlich fiel der Kopf des Sibulek auf die Brust und er atmete geräuschvoll aus. Von den alten Herren hatte er heute wirklich mehr als genug gehört.
     „Lasst mich bitte ein“, verlangte die Botin höflich, aber bestimmt.
     „Nein, lass mich in Ruhe und geh!“, antwortete er in barschem Tonfall.
     „Es tut mir leid, wenn ich Euch geweckt haben sollte, General, aber es ist dringend.“
     Die Stimme der jungen Frau klang ehrlich und der Sibulek kannte sie. Sie würde ihn unmöglich mitten in der Nacht stören, wenn es der Rat nicht ausdrücklich befohlen hätte. Myu tat nur ihre Pflicht und wurde bei Nichtausführung der Anweisungen bestraft. Sie konnte mit Sicherheit nichts dafür, dass die Alten sie um diese Unzeit zu ihm schickten. Wenn er also auf jemanden wütend sein wollte, dann nicht auf das Mädchen, sondern auf diese selbst ernannten Weisen.
     „Was will der Rat von mir?“, fragte Cru nach kurzer Pause und versuchte erfolglos, seinen Unmut nicht durchklingen zu lassen.
     „Er lässt Ihnen folgende Botschaft zukommen: General Valkja soll morgen gleich nach seiner Ankunft bei den Neun Weisen vorstellig werden und ihnen unverzüglich Bericht erstatten.“
     Erneut fiel der Kopf des Sibulek auf die Brust und er schüttelte ihn. Die Alten schickten Myu allen Ernstes um die Tageswende zu ihm, um ihm das zu sagen? Das war doch fast schon unverfroren. Jeder, wirklich jeder ranghöhere Krieger in Yara wusste, dass ihn sein allererster Weg bei Betreten der Festung in die große Halle zu führen hatte. Allerdings wusste er genauso gut, dass der Anführer des dritten Heeres nicht einen Pfifferling auf solche Anweisungen gab und bisweilen mit Gewalt vor die alten Herren gezerrt werden musste.
     „Sollte er wider Erwarten nicht von selbst sofort beim Rat erscheinen, sondern sich auf seine Kammer oder gar zu Euch begeben“, riss die junge Frau ihn aus den Gedanken, „erwarten die ehrenwerten Weisen, dass Ihr ihn auf sein Versäumnis aufmerksam macht und nötigenfalls persönlich zu ihnen geleitet.“
     Ein bissiges Lächeln huschte über die hellblauen Lippen des Heerführers. Gut, die Sorge der alten Herren, der dritte General würde nicht freiwillig zum Rapport antreten, war durchaus berechtigt. Doch die Annahme, ausgerechnet er werde ihn dann zum Rat eskortieren, war einfach nur lächerlich. Nach der langen Zeit hatte er wahrlich Besseres zu tun, als sich schon bei dessen Ankunft den Zorn seines Freundes zuzuziehen.
     „Wenn Myu mir sonst nichts zu sagen hat, muss ich bei Gelegenheit mal ein ernstes Wörtchen mit den Herren Ratsmitgliedern reden“, dachte er und schüttelte ungläubig lächelnd erneut den Kopf.
     „Haben Sie alles verstanden, General?“, fragte die Botin vorsichtig nach.
     „Ja, habe ich“, antwortete der Anführer der Weißen Wölfe nach einer ganzen Weile. „Richte dem Rat aus, dass ich seine Nachricht erhalten habe. Allerdings hege ich nicht die geringste Absicht, seinem Ansinnen Folge zu leisten!“
     Ohne Widerworte verabschiedete die Botin sich daraufhin leise und war verschwunden.
     „Sollen sie sich doch selbst darum kümmern“, murmelte der Sibulek halblaut vor sich hin und verschränkte die Arme vor der Brust.
     Wer war er denn, dass er sich, gerade aus dem Krieg heimgekehrt, zum Kindermädchen degradieren ließ? Wenn sie den dritten General haben wollten, dann mussten die alten Herren sich dieses Mal wohl selbst in Bewegung setzen.
     „Du bist noch nicht einmal zurück und machst schon Ärger“, murmelte er schmunzelnd in die stockschwarze Finsternis hinaus.
     Ein frisches Lüftchen kam plötzlich auf und fuhr unter seine spärliche Kleidung. Erneut betrachtete er schwermütig die Narbe an seinem linken Handgelenk und spielte einen Wimpernschlag lang mit der Idee, die alte Wunde aufzureißen. Sanft umstrich der Nachtwind seinen Körper und zerrte beständig an dem einen Knopf, der sein Hemd notdürftig zusammenhielt, bis er abriss und es offen im Luftstrom flatterte. Die Augen geschlossen und von Wärmeschauern durchflutet genoss der Sibulek das Windspiel, lehnte den Kopf gegen den kalten Eibenholzrahmen und schlang die Arme um sich, als wollte er den Luftstrom halten. Ein leiser Seufzer entrann seiner Kehle und entschwand in die Nacht hinaus.
     „Yo.“

Unbemerkt von dem versunkenen Heerführer stand sein Schüler im Schatten einer Ecke seines Zimmers und beobachtete ihn aufmerksam. Er war zufällig vorbeigekommen, als Myu die Nachricht des Rates überbracht hatte. Das unfreundliche Verhalten seines Meisters war ihm sehr seltsam vorgekommen, schließlich galt der Anführer der Weißen Wölfe nicht ohne Grund gemeinhin als der diplomatischste der drei Generäle und vermied üblicherweise jegliche Konfrontation mit der Herrschaft. Eine Provokation des Rates durch Missachtung eines direkten Befehles sah ihm in keiner Weise ähnlich und hatte Forsos Argwohn erregt. Leise und mit Bedacht hatte er sich daher Zugang zur Kammer seines Mentors verschafft, als die Botin verschwunden war.
     „Was ist nur los mit dir, Cru?“, fragte der Blondschopf sich im Schutze der Dunkelheit und das nicht zum ersten Mal.
     Schon Tage vor ihrer Rückkehr hatte der Sibulek sich so ungewohnt still verhalten, obwohl er innerlich allem Anschein nach sehr aufgewühlt gewesen war. Seit ihrer Ankunft hatte er sich in seiner Kammer eingeschlossen und den ganzen Tag nicht blicken lassen. Ja, selbst das Fest zur Feier ihrer siegreichen Heimkehr hatte er links lassen.
     „Der Krieg hat dich sehr verändert, Meister“, dachte Forso wehmütig und seufzte tonlos.

Vor der langwierigen und verheerenden Schlacht um Thonaj, war der Sibulek ein ruhiger und ausgeglichener Mann, sehr friedliebend und äußerst geduldig. Streitigkeiten unter den Weißen Wölfen schlichtete er umgehend und sozial, war selbst in den heikelsten Situationen gelassen und freundlich. Verbalen Angriffen und Beleidigungen setzte er sachliche Argumente und deutliche, aber nie ausfällige Worte entgegen. Wurde er körperlich angegriffen, entwaffnete er seinen Gegner möglichst, ohne ihn zu verletzen oder gar zu erniedrigen. War sein Angreifer jedoch einfach nur aufgebracht, parierte er ihn lediglich solange, bis er ihn beruhigt hatte. Nie war er nachtragend, streitsüchtig oder der, der den ersten Schlag austeilte, und viele seiner Männer bewunderten ihn dafür.
     Doch mit der Zeit änderte er sich. Forso war der Erste, der es bemerkte. Anfangs wurde sein Mentor einfach nur noch stiller, geradezu verschlossen und zog sich allmählich von Allem zurück. In glücklicheren Tagen ein guter Erzähler und Zuhörer wurde er in den letzten Vollmonden des Kampfes sehr lakonisch und wortkarg. Doch dann schien auch seine ausgeglichene Ruhe zu schwinden und der Sibulek wirkte immer angespannter. Dispute unter den Männern beachtete er zunehmend nicht, geschweige denn dass er noch schlichtend eingriff. Sein Umgangston wurde rauer und in den letzten Tagen vor ihrer Heimkehr wirkte er gar anteilnahmslos und ignorant. Forso wusste, dass dies die vorherrschende Meinung unter den Kriegern war, wenngleich es keiner wagte, das vor ihm oder gar dem General selbst zu wiederholen. Denn trotz allem genoss dieser den Respekt und Gehorsam seiner Männer.
     Was den jungen Vizegeneral jedoch mehr beunruhigte als die äußere Wandlung seines Ziehvaters, waren die Veränderungen in dessen Inneren. Auch wenn der Blondschopf nicht die Fähigkeit besaß, einer Person in den Geist oder gar das Herz zu blicken, so waren ihm die inneren Kämpfe des Sibulek sehr wohl offenbar. Seit vielen Monden schon flackerte die sonst satt strahlende, ultramarinblaue Aura seines Freundes unstet und unruhig. Hin und wieder verblasste sie für einen Wimpernschlag sogar und seine Augen wurden kalt, fast leer. Befremdlich war auch, dass die so lang ersehnte Heimkehr diesen absonderlichen Zustand seines Anführers noch zu verstärken schien. Zudem schlief er nur noch unruhig und selten. Während der langen Durchquerung der Wüste sogar nur alle drei Nächte und zuletzt überhaupt nicht mehr.
     Sprach Forso seinen Meister darauf an, stritt dieser alles ab und beschwichtigte ihn, allerdings ohne auch nur annähernd glaubhaft zu wirken. Was um ihn herum vorging, schien der Sibulek immer weniger wahrzunehmen, und je näher sie der Burg kamen, desto verkrampfter, desto gefühlloser wirkte er.

Doch nun, da Forso seinen Ziehvater so versunken im Fenster sitzen sah, zerstob all seine Furcht, verschwanden all seine Sorgen. Glücklich lächelte er und das Bild, wie der Sibulek mit offenem, flatterndem Hemd den Wind umarmte, gleich jemandem, der ihm sehr, sehr nahe stand, brannte sich tief im Inneren des jungen Mannes ein.
     „Und da heißt es immer, du wärest kalt geworden“, wisperte er schmunzelnd. „Ganz im Gegenteil, mein Meister, ganz im Gegenteil. Dein Feuer beginnt gerade erst wieder, zu lodern!“
     Die Aura des Sibulek strahlte ruhig und in einem so intensiven, satten Ton wie seit Beginn des Krieges nicht mehr. Jetzt, so schien es Forso, war auch er mit Herz und Seele heimgekehrt. Die Gedanken seines Mentors, wo immer sie auch waren, hatten sich losgelöst von all dem Schrecken, dem Chaos und dem Blut. Als er ein Flüstern vernahm wusste der Blondschopf, dass es an der Zeit war, zu verschwinden. Denn das, was er hörte, brachte unvermittelt Licht ins Dunkel. Dieses eine kleine Wort, dieser Name, erschloss ihm das seltsame Verhalten seines Freundes während der gesamten letzten Zeit und ließ ihn lächeln. Denn obgleich er sich immer stark und unerschütterlich gab, erging es dem Sibulek offenbar kein bisschen besser als ihm selbst. Hin und her gerissen zwischen Vorfreude und Angst ob des baldigen Wiedersehens konnte er doch nichts weiter tun, als einfach nur zu warten. Zu warten und zu hoffen.
     „Was, wenn er nicht zurückkommt?“, flüsterte sein Ziehvater plötzlich und die dunklen Worte schwebten wie böse Geister durch den Raum.
     Erschrocken hielt Forso, der sich schon auf Zehenspitzen wieder zur Kammertür geschlichen hatte, inne und wandte sich um. Das eben noch friedliche Gesicht des Sibulek war jetzt schmerzerfüllt und seine Augen blickten unruhig im Dunkel der Nacht umher. Suchten beinahe ängstlich in der weiten Ferne. Die Arme hatte er fest um den eigenen Körper geschlungen und die Finger krallten in den dünnen Stoff des Hemdes.
     Wie gern hätte der Blondschopf ihn in diesem Moment in die Arme geschlossen. Ihm Trost und Zuversicht gespendet, so wie sein Freund und Meister es zuvor für ihn getan hatte. Forso kannte diesen schrecklichen Gedanken und die Angst, die ihm entsprang, nur allzu gut. Und er wusste, wie stark, wie nagend dieses Gefühl sein konnte. Sein Freund und Meister verlor sich zusehends in dunklen Gedanken, presste seine Arme mittlerweile so eng an den Leib, dass die Nägel ins Fleisch drückten, und doch konnte er nichts für ihn tun, ohne sich zu verraten.
     Unterdessen wuchs der stärker werdende Wind zu einer kräftigen Böe heran, zerrte an dem geistesabwesenden General und fegte ihn schließlich vom Sims. Verwirrt blickte der Sibulek ins nächtliche Nichts, als war er soeben aus einem düsteren Traum erwacht, und Forso atmete erleichtert auf. Dennoch blieb er und näherte sich verstohlen erneut seinem Anführer.
     Dieser hatte sich wieder aufs Fensterbrett gesetzt und sein Blick schien von irgendetwas im Wald regelrecht angezogen zu werden. Von was genau konnte er nicht erkennen, doch mit einem Mal stiegen viele kleine Funken aus den nachtschwarzen Wipfeln auf. Langsam flogen sie auf den Sibulek zu und erhellten sein Antlitz, in dem Forso Faszination ob des seltenen Naturschauspiels las. Immer weicher und entspannter wurden die blauen Gesichtszüge, ganz so als erkannte sein Freund, dass all seine Sorgen grundlos waren. Für einen Moment fragte der Junge sich warum. Dann sah er, wie der Sibulek lächelnd über seinen Ringfinger und die Narbe am Handgelenk strich, und erinnerte sich an den Bund seiner Meister. Cru hätte gespürt, wenn Yo etwas Schlimmes zugestoßen wäre. Langsam streckte sein Ziehvater eine Hand aus, griff nach den tanzenden Funken und sowie er einen erhascht hatte, entzündete er sich auf seiner Handfläche zu einem kleinen Flämmchen.
     Beruhigt verfolgte Forso, wie die Funken den Sibulek umtanzten wie ein Feuer und er ihre Wärme in sich aufnahm. Schon eine ganze Weile, eigentlich seit jenem Tag, als er seinem Freund und Meister das erste Mal begegnet war, glaubte er an Schicksal. Wie oft hatte man ihn dafür belächelt, gar gescholten? Doch hier und jetzt, da Crus Gesicht vom Schein der kleinen Flämmchen beleuchtet wieder sanft und völlig gelöst wirkte, sah er sich eindrucksvoll bestätigt.
     Früher, ja, da hatte er nie an so etwas wie Vorhersehung glauben wollen. Wie vielen Anderen, die die Existenz höherer Mächte verleugneten, hatte ihm der Gedanke missfallen, nicht Herr seines Lebens zu sein. Doch nun, da er erwachsen, gebildet und weit gereist war, wusste er es besser. Schicksal war keine bloße Vorherbestimmung. Es war das, was dem Leben erst seinen Sinn gab! Die vielen Winter an der Seite seiner beiden Meister hatten ihn eines gelehrt: So sehr man sich auch dagegen sträubte, seinem Schicksal entkam man nicht. Aber man konnte es annehmen und damit glücklich werden, selbst wenn es ein steiniger Weg war. Und war es nicht auch dessen Schicksal, das seinem Anführer hinaus auf die Schlachtfelder gefolgt war, ihn in Gedanken immer wieder heimgesucht hatte und ihm nun eine solch unruhige Nacht bescherte?
     Im warmen Licht der tanzenden Funken sah Forso, wie seinem Ziehvater schon nach kurzer Zeit erschöpft die Augen zufielen und er in einen tiefen Schlummer sank. Aus Sorge, Cru konnte über Nacht das Gleichgewicht verlieren und vom Sims stürzen, wartete er noch eine Weile, bis dieser zweifellos tief und fest schlief. Dann hob er ihn vom Fenstersims, trug ihn ins Bett und huschte leise zur Tür. Ein letztes Mal blickte er zurück und sah, wie der warme Wind seinen friedlich schlafenden Anführer weiter umspielte, die Funken ihn weiter umtanzten.

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Liebe Leser/innen,

die Vorstellung des ersten Protagonisten ist geschafft. Ich hoffe, ihr konntet euch ein Bild von Cru machen.

Wer meine Gedichtsammlung „Dunkle Flüche und Geschichten“ kennt, hat vielleicht gemerkt, dass sich Gedicht Nr. 5 „Bittere Erkenntnis“ in den ersten Strophen auf das hier geschilderte erste Zusammentreffen Crus mit seinem Partner bezieht. ;)

Bis bald, danke fürs Lesen und viele Grüße

Noia

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editiert 04/17

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