Die Welt der Pferdefrau (Zwischenwelt- Sagas 2/3)

Lea und das Kind, folgten der Dame, die beiden weissen Pferde, trotteten friedlich hinter ihnen her. Lea schaute sich einmal mehr erstaunt um und fühlte sich wirklich sehr wohl hier. Es war so ein stiller, sicherer Hort, ein Ort an dem sie dachte, nichts könne ihr Schaden zufügen. Sie fühlte sich beschützt und geliebt und die Gegenwart der wundersamen Frau, verstärkte dieses Gefühl noch. Sie begann über sie nachzudenken. Wer war sie wohl? War sie auch ein Teil von ihr, oder war sie einfach ein Art Schutzgeist, der ihr zur Seite stand? Es war schwer das einzuschätzen. Sie musste erneut an das denken, was die Pferdefrau gesagt hatte: „Wir sind besonders eng verbunden, auch durch unsere Geschichte.“ „Du hast mir deine Geschichte noch  nicht erzählte,“ sagte sie zu der Dame, ehe sie richtig darüber nachgedacht hatte. Doch die Pferdefrau erwiderte gleichmütig:  „Ich habe eine  Geschichte, welche auch mit viel Leiden verbunden war, eine Geschichte, worin ich mich einst von allen verlassen gefühlt und an mir selbst gezweifelt habe.“ „Wie du sicher bereits erkannt hast, komme ich aus der Anderswelt, ich existiere schon sehr lange. Einst jedoch, habe ich mich einem sterblichen Manne zugewendet und ihn sogar geheiratet. Ich habe mich in ihn verliebt, ich konnte nichts dagegen machen. Doch dann kam unser erstes Kind auf die Welt und… dieses verschwand in einer Nacht plötzlich. Man verdächtigte mich, es getötet zu haben. Und tatsächlich, war ich voller Blut als ich an jenem schicksalhaften  Morgen erwachte und so wurde ich von meinen Mann und allen andern dazu verurteilt in Schmach zu leben. Alle verachteten mich und ich musste ihnen dienen. Doch, weil ich nicht genau wusste, was wirklich passiert war, obwohl ich in meinem Innern eigentlich spürte, dass ich unschuldig bin, liess ich das alles über mich ergehen. Ich tat was man von mir verlangte. Ich wurde Tag für Tag gedemütigt, bis… dann mein Sohn auf einmal wieder zurückkehrte! Er war als Säugling auf einem Feld gefunden worden und nun brachte man ihn uns zurück. Danach war meine Ehre wieder her gestellt. Ich vergab schliesslich all meinen Peinigern.

 

Als mein Mann schliesslich im mittleren Alter starb, kehrte ich hierher zurück und lebte fortan alleine mit meine Pferden und meinen Vögeln…“ Als sie das sagte, flogen zwei der wunderschönen, goldenen Vögel zu ihr und setzten sich auf ihren rechten Arm. Sie machte ein paar zwitschernde Geräusche und die Vögel antworteten ihr sogleich. Lea staunte, wie gut die Dame mit den Tieren umzugehen wusste und ihr Respekt und ihre Ehrfurcht für sie wuchs zusehends. Sie wollte auch so sein wie sie, so verbunden mit aller Kreatur. „Auch du trägst diese Fähigkeiten in dir Lea“, sprach die Dame, als hätte sie ihre Gedanken gelesen. „Doch du bist noch immer von alten Schmerzen beeinflusst und kannst dich noch immer nicht von den Erlebnissen in deiner Vergangenheit lösen. Du lebst zu wenig im Moment, hast zu wenig Vertrauen zu dir selbst, wie ich damals. Tatsächlich zweifelte ich oft an mir, denn ich bin als eine der Uralten anders als die Sterblichen und zu so manchem fähig.“ „Leider bin ich nur eine einfache Sterbliche“, sprach Lea mit einer Mischung aus Sarkasmus und Trauer in der Stimme. „Ich hätte das was du ertragen hast, niemals ertragen. Das Gefühl Jahre lang für etwas bestraft zu werden, dass man nicht getan hat… Ich würde meine Peiniger wohl immer noch hassen und ich hätte vor allem diesen Mann sogleich verlassen, wenn er mir das angetan hätte. Zum Glück stimmt da unsere Geschichte nicht überein. Ich habe einen sehr lieben Mann, der mir in dieser Hinsicht voll vertrauen würde.“ „Nur du selbst, vertraust dir noch immer nicht genug“, stellte die Pferdefrau nüchtern fest. „Und was das Vergeben im Hinblick auf deine Peiniger betrifft, die dich damals in der Schule so sehr gequält haben, oder auch im Hinblick auf deine Familie, von der du dich so selten wirklich verstanden gefühlt hast, so sage ich dir: Vergib ihnen!“ „Aber eigentlich habe ich ihnen ja schon vergeben.“ „Bist du sicher?“ die Pferdefrau schaute sie eindringlich an. „Nun ja… manchmal macht mir das eine, oder andere schon noch zu schaffen. Doch das war bei dir sicher auch so…“ Die Dame schwieg einen Moment lang und schaute zu Boden, dann blieb sie stehen und tätschelte ihrem Reittier gedankenverloren den Hals: „Es mag sein… dass ich zu Beginn auch noch nicht alles sogleich  verarbeitet konnte. Doch es ist eine Begabung der Uralten, einen guten Einblick in die Psyche der Sterblichen zu haben. Dadurch begriff ich ihre Beweggründe und indem ich sie verstand, konnte ich ihnen besser vergeben und ich bin im Einklang damit. Ich weiss heute einfach, dass mein Platz hier ist und ich will hier auch nicht mehr weg.“ „Ich beneide dich irgendwie…“ seufzte Lea „Ich sehne mich manchmal auch danach, noch mehr Teil dieser Anderswelt zu sein, mit ihr auf diese wundervolle Weise kommunizieren zu können, wie du. Doch das ist mir wohl noch nicht vergönnt, jedenfalls, so lange ich in dieser schweren irdischen Welt lebe.“ „Du musst eben immer mehr lernen, in Einklang zu kommen mit der irdischen Welt, dadurch können dir die Wunder der Anderswelt erst so richtig offenbart werden. Auch indem du vergibst, kann dir Neues offenbart werden. Du kannst einen ganz neuen Bezug zu jenen finden, welche dir Leid zufügten, oder von denen du zumindest gedacht hast, dass sie dir Leid zufügen…“   Auf einmal erklang ein hämisches Lachen hinter ihnen. „Vergebung… du amüsierst mich wirklich, Pferdefrau…“ Lea und die Dame fuhren herum, wer sprach da so höhnisch mit ihnen…?

 

 


Kommentare

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    So spannend und einfühlsam beschrieben!

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    ...spannendes Ende... Wer lacht da bloß? Ich habe so eine Vermutung...

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    Wow, ganz wundervoll geschrieben. Wie du die Schicksale der Protagonisten darstellst, ist es sehr leicht sich mit ihnen und ihrem Leid verbunden zu fühlen. Jetzt bin ich gespannt wer sich hinter dem hämischen Lachen verbirgt...... 5/5

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    oje wer das wohl ist?

beta
Feenstaub

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