Auf einer Insel weit draußen im Meer, lebte einst ein Schriftsteller auf einem kleinen Bauernhof, Seine Bücher verkauften sich mehr schlecht als recht, so dass er von deren Erlös nicht leben konnte und mit seinem Hof dazu verdienen musste.

Als es an Weihnachten kam, sah der Mann auf seine spärlichen Finanzen und dachte, ach was soll’s, das Geld reicht eh nicht, trotzdem werde ich mir mal wieder einen leckeren Gänsebraten leisten. Gesagt, getan.

Auf dem Markt erstand der Mann recht günstig eine wohlgenährte Gans. Er freute sich einen so prächtigen Deal gemacht zu haben und ließ sich das pralle Federvieh im Geiste schon schmecken.

Pünktlich zum Fest, ging es daran das Tier zu schlachten und für die Pfanne vorzubereiten. Die Gans sah das anders und sie sagte: »Halt, Stopp Mann. Du kannst mich nicht schlachten, denn ich bin eine Zaubergans.«

Der Mann erschrak und antwortete: »Nanu, seit wann können Gänse sprechen.«

»Ich sagte doch schon, ich bin eine Zaubergans«, wiederholte sich das Tier.

»Sapperlot, willst du mich veralbern, dummes Tier. Es gibt keine sprechenden Gänse. Was zum Teufel ist hier los?« fragte er verwirrt.

»Ich mache dir einen Vorschlag. Du suchst dir einen anderen Festtagsbraten und ich schenke dir dafür eine meiner kostbaren Federn«, schlug die Gans vor, doch als sie das misstrauische Gesicht des Mannes sah, sagte sie: »Vertrau mir. Es soll dein Schade nicht sein.«

Immer noch ungläubig, sah der Mann das sprechende Geflügel an, bevor er fragte: »und welchen Vorteil soll mir das bringen?«

»Du bist doch ein Schriftsteller. Benutze eine meiner Federn zum Schreiben und du wirst den Vorteil sofort erkennen«, erwiderte der Vogel.

Der Mann überlegte und kam gedanklich zu dem Schluss, was kann daran schon verkehrt sein, gefällt mir das Ergebnis nicht, kann ich dem Gänse-Viech ja immer noch den Garaus machen. Er erklärte sich mit dem ungewöhnlichen Vorschlag einverstanden und wollte nach einer X beliebige Feder greifen.

»Halt halt, nicht so eilig«, rief die Gans. »Hier, schau her, nimm diese«, sagte sie und zeigte mit dem Schnabel auf eine besonders große und schöne Schwanzfeder.

Das ist doch wohl egal, dachte der Mann, zog aber doch vorsichtig die von dem Tier vorgeschlagene Feder aus dem ihm so freizügig dargebotenen Hinterteil.

»Autsch, schon gut, schon gut, es hat nur gezwickt«, beruhigte die Gans den Mann, der ganz erschrocken drein schaute.

»Um dir einen Eindruck von der Zauberkraft meiner Feder zu verleihen, geh jetzt ins Haus und schreibe auf, wie du dir dein Wunschhaus vorstellen würdest. Geh schon und schau nicht so ungläubig. Du wirst schon sehen was passiert«, forderte die Gans den Mann auf.

Missmutig, weil eine Gans ihm Befehle erteilte trottete der Mann ins Haus, setzte sich an seinen Schreibtisch und fing an sein Haus zu beschreiben, wie er es sich vorstellte. Na, die wird sich wundern, dachte er. Nachdem er fertig war, nahm er den Block mit seinen Notizen, er hatte auch gleich noch eine grobe Skizze angefertigt und ging hinaus zu der Gans.

»Und was passiert nun?« fragte er, sah von seinem Zettel auf und die Gans an.

»Dreh dich um und sieh selbst«, antwortete sie.

Immer noch widerwillig, als was gibt es da schon sehen,  was ich nicht kenne, drehte er sich um und schaute auf sein Haus und er glaubte nicht was er da sah.

»Das, … äh, das ist jetzt nicht dein ernst«, stammelte der Mann und er wollte seinem Blick nicht trauen. Wo vorher sein unscheinbarer Bauernhof gestanden hatte, stand jetzt eine prächtige weiße Villa mit Säulenportal, Dachterrasse und schmuckem Vorgarten.

»Ich schätze mal, dass du dieses Haus, so wie es dort steht auch so auf deinem Zettel beschrieben hast. Merke dir, alles was du mit dieser Feder zu Papier bringst, wird augenblicklich real und trotzdem kannst du es mit der wirklichen Welt nicht kombinieren, denn es ist zwar für jeden Sichtbar, bleibt aber trotz allem ein Traum«, war des Vogels Kommentar.

Einer Salzsäule gleich erstarrt und mit herunter geklapptem Kiefer stand der Mann da und war unfähig sich zu rühren, geschweige denn etwas zu sagen.

Endlose Minuten verstrichen, bis er schließlich begriff, was diese Zauberfeder für eine Macht besaß.

                                                                *

 

Ein Jahr war vergangen, da mehrten sich die Meldungen von einer traumhaft schönen Insel mitten im Ozean, auf der es sich fast besser leben ließe als im Paradies. Die Häuser dort, erzählte man sich, sind schneeweiß, überall trifft man auf duftende Blumenwiesen, auf Wälder, Felder und auf sprudelnde Bäche, sowie glasklare Seen. Hoch oben auf einer Anhöhe die über eine gewundene von Bäumen gesäumte Straße flankiert wird steht ein Schloss, welches mit seinen Türmen, Dächern und Zinnen einem meisterlichen Zuckerbäcker Backwerk in nichts nachstehen soll.

Lars Lebenich, ein junger Fischerssohn, dessen Eltern die See geholt hatte, war fasziniert von diesen Meldungen.  Er hatte ein winziges Haus, direkt an der Küste und sein Bick ging geradewegs hinunter zum Hafen, sonst sah er nur Wasser – Wasser bis an den Horizont.

Jedes 2. Schiff das unten im Hafen fest macht bringt neue märchenhafte Meldungen mit. Das unglaublichste aber war der Bericht eines Kapitäns von vor zwei Tagen. Es betraf die Prinzessin die auf dieser Insel in jenem traumhaften Schloss lebt. Angeblich sah er sie als sie auf einem Fels am Wasser saß und sinnend aufs Meer blickte.

Sie soll schöner sein als der lichte Tag, strahlender als die Sonne und von einer Anmut wie die Königin der Nacht.

Etwas sehr seltsames gab er noch Preis und das war ein Spruch – ein Spruch, der ihn verwirrte:  “Willst du sie finden, dann siehst du sie nicht – nur wenn deine Gedanken schweifen im Nichts, dann findet sie dich.“  

Mitteilungen, Erzählungen, Gerüchte, vielleicht sogar Hirngespinste, dachte der junge Mann. Was kann man schon glauben, was man nicht selber gesehen hat, war sein Sinnen und er beschloss dieser unglaublichen Insel einen Besuch  abzustatten.

Das war aber leichter gesagt als getan, denn selbst erfahrene Navigatoren wissen sie auf keiner Karte zu finden, nur der Zufall hat sie den meisten Seefahrern näher gebracht. Das seltsame ist, keiner der diese Insel gesehen hat, konnte sie bisher erreichen, geschweige denn, hat je einen Fuß auf dieses Eiland gesetzt. Hinter vorgehaltener Hand, spricht man von einer geheimnisvollen, nicht erklärbaren Strömung die alle Schiffe von diesem Land fern hält.

Doch Lars Lebenich war nicht nur Fischer, er war auch ein Abenteurer und was er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte zog er auch durch. Er machte sein Schiff für den nächsten Tag seeklar, schmiedete einen Plan, legte auf der Seekarte seine erste Route fest und sich anschließend aufs Ohr.

Am nächsten Tag machte er die Leinen los und stach in See Die Sicht war klar, kaum ein Wölkchen trübte den Himmel und das Meer glich einem Spiegel. So lasse ich mir die Fahrt gefallen, dachte er, schob sich seinen Elbsegler in den Nacken und war voller Tatendrang – doch die Zeit sollte ihm noch sehr lang werden.

Sein erster Törn blieb erfolglos, keine Insel weit und breit, schon gar nicht die, nach der er Ausschau hielt. Auch sein zweiter und dritter Versuch die geheimnisvolle Insel zu finden  schlug fehl. Er fand nichts, was auf dieses Eiland hinweisen könnte.

Das senkte sein Stimmungsbarometer. Immer öfter griff er zum Fernglas, suchte das Meer ab bis hin zum Horizont und grübelte dabei, ob sich nicht eventuell einen Fehler bei seiner Suche eingeschlichen hätte, doch er konnte nichts dergleichen feststellen. Zu allem Übel wechselte das Wetter und er geriet in einem Sturm. Die Wellen überschlugen sich, warfen sein kleines Schiff das in dem tosenden Brausen des Meeres einer unbedeutenden Nussschale glich, hin und her. Die Gischt der aufschäumenden Wogen nahmen ihm obendrein das letzte bisschen Sicht. Stunde um Stunde wütete der Ozean, wie ein zur Furie gewordener Rachegott und pausenlos stürzten die Brecher von allen Seiten her auf ihn ein. Immer und immer wieder begruben sie sein Boot unter sich, so dass er das Gefühl hatte mehr unter als auf dem Meer zu sein. Nur sehr langsam beruhigte sich das feuchte Element und Lars atmete auf, sah er doch sein letztes Stündlein schon als gekommen. Solch einen Sturm erlebt man ja auch nicht alle Tage, vor allem es überlebt ihn nicht jeder ohne das quändchen Glück, dass er in den letzten Stunden hatte.

Nachdem Seemann Lars allen Stürmen des Meeres entkommen war, schien plötzlich wieder die Sonne und der Ozean wirkte Lammfromm, als könne er kein Wässerchen trüben.

Die Zeit verging. Sie wurde endlos und Lars Lebenich schipperte indes nun schon seit einem Jahr umher ohne die Anzeichen eines Erfolges.

Inzwischen hatten ihn Mut und Unternehmergeist verlassen. Er saß sinnend am Ruder seines Schiffes und zum wiederholten Male überdachte er seine Unternehmung und ob ihm bei dieser Suche nicht doch einen Fehler unterlaufen wäre. Grübelnd versuchte er sich an all die Erzählungen zu erinnern die er von Seeleuten, Reisenden und Kapitänen gehört hatte. Stunde um Stunde verging, plötzlich fiel ihm der seltsame Spruch des Kapitäns ein der angeblich die Prinzessin gesehen hatte. “Willst du sie finden, dann siehst du sie nicht – nur wenn deine Gedanken schweifen im Nichts, dann findet sie dich.“

Mehrere Male rief er sich den Spruch ins Gedächtnis, doch er fand keinen rechten Sinn darin.

Nach einigem hin und her, war er entschlossen die Suche abzubrechen. Er drehte das Ruder auf Hart Steuerbord um auf Heimatkurs zu gehen als in kurzer Entfernung eine Nebelbank auftauchte. Nun gut, die kann mich jetzt auch nicht mehr schrecken, dachte Lars und hielt direkt darauf zu.

Mit kleiner Fahrt fuhr Lars der Nebelwand entgegen. Anfangs waren es nur einige vereinzelte Fetzen, die auf ihn zu trieben, doch die Sicht wurde schnell undurchdringlich. Die watteähnlichen Nebelschwaden wirkten schalldämpfend und zwangen Lars Lebennich zur Blindfahrt. Fast eine ganze Stunde lang waren nur der markante Klang des im regelmäßigen Abstand von ihm eingesetzten Nebelhorns und das klatschende Geräusch des Wassers an die metallische Außenbordwand seines Schiffes an Deck zu hören. Endlich wurde es am Bug wieder heller

Der Nebel lichtete sich und wenige Minuten später lag die ganze Weite des Ozeans wieder in voller Pracht vor ihm, er hatte es geschafft.

Land war in Sicht … Land in Sicht, das geht doch gar nicht – laut Seekarte gibt es hier kein Land, dachte Lars und kontrollierte noch einmal seinen Standort.

Die Tatsache, dass knapp zwei Seemeilen voraus Land in Sicht war, ließ sich jedoch nicht leugnen und so hielt der junge Seemann geradewegs drauf zu. Je näher er kam, desto unglaubwürdiger erschien es ihm. Ich glaub es einfach nicht – das ist die Insel nach der ich die ganzen Monate gesucht habe, schoss es ihm durch den Kopf. Und wieder ging ihm der Spruch des Kapitäns durch den Kopf aber erst jetzt in diesem Moment wusste er wie er gemeint war … denn nur wenn ich nicht nach ihr suche, würde die Insel mich finden. Es klingt zwar unglaublich, doch es ist wahr.

Kurz bevor er die Insel erreichte, im Hintergrund erhob sich das Schloss, wurde er abgetrieben. Er konnte sie zwar umrunden, das dauerte noch einmal fast zwei Tage, doch anlegen war einfach nicht möglich. Wieder geschah alles genau so, wie es die Seeleute berichtet hatten. Es gab wirklich diese rätselhafte Strömung, die es keinem Schiff erlaubte anzulanden.

Lars war dem Wahnsinn nahe, denn der unsichtbare Strom trieb ihn tagelang um die geheimnisvolle Insel herum. Nun war sie zum Greifen nahe und er kam trotz alledem nicht an sie heran. Stundenlang saß er da, dachte nach und fand doch keine Lösung.

Verdammt und zugenäht, dachte er, das ist ja wie in einem nicht endenden Alptraum. Noch zwei, drei Mal wiederholte er sich diesen Satz, da ging ihm ein Licht auf.

»Natürlich, das muss es sein«, rief er mit einem Mal laut, freute sich und tanzte auf dem Deck hin und her. »Die Insel ist ein Tagtraum und Tagträume kann man zwar sehen, sind aber nicht greifbar«, sagte Lars in einem Selbstgespräch.

Es war jetzt Nachmittag, die Sonne stand schon recht tief und die Schatten wurden länger. Der junge Fischer suchte seine Kajüte auf und zog sich zum Ausgehen an. In einem Spiegel begutachtete er sich noch einmal kritisch um sich anschließend voll bekleidet wie er war auf seine Schlafkoje zur guten Nacht zu betten.

Lars Lebenich war schlau, denn er hatte sich vorgenommen von einer wunderschönen Blumenwiese auf einer nicht zu erreichenden Insel zu träumen und als er erwachte, er glaubte es selbst kaum – lag er tatsächlich auf einer wunderschönen Blumenwiese.

Er hatte sich, so wie er es sich ausgerechnet hatte, auf die Insel geträumt.  

Lars fühlte sich sauwohl, halt wie in einem Traum. Ein halbes Jahr später hatte er den Schriftsteller, all die Leute die auf der Insel wohnten, das Schloss, den König und natürlich die Prinzessin kennen gelernt und die hatte er nicht nur kennen, sondern auch lieben gelernt.

Lars selbst war ein gut aussehender Bursche. Er war intelligent, war blond, gut gebaut, mit blauen Augen und er hatte ein verschmitztes Lächeln, so dass auch die Prinzessin Gefallen an ihm fand.

Das Ende naht, denn Lars Lebenich blieb auf der Insel. Er heiratete die Prinzessin mit dem Bewusstsein, nie wieder dort weg zu müssen … schließlich ist sie ein Tagtraum und mit der realen Welt nicht kombinierbar.

 

 

Kommentare

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    Hey Sharimaya, so zart beseitet bin ich nicht, dass ich mich auf den Schlips getreten fühle. Du hast ja schon in deinem ersten Kommentar bemerkt das diese "zwei Geschichten" zusammen gehören könnten. Liebe Grüße und einen schönen Nachmittag.

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    An sich gefallen mir diese zwei Märchen. Ich verstehe ehrlich gesagt nur nicht recht, warum du daraus eines machst. Entspringt das zweite Märchen der Feder aus dem ersten?

beta
Feenstaub

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