Diese Liebe bringt mich um

Nachdem meine Eltern eingesehen hatten, dass sie trotz Fragen nichts aus mir herausbekamen, verließen sie mein Zimmer. Durch die Werkerei von meinem Dad ließ sich die Tür nicht mehr richtig schließen, also schnappte ich mir den Schreibtischstuhl und stellte ihn gegen die ständig leicht hin und her schwingende Tür. Ich fühlte mich ausgelaugt und müde.
Die Anwesenheit meiner Eltern hatte mich wegen der Fragen, dem Druck etwas essen zu müssen und der Besorgnis, angestrengt. Ich war froh wieder meine Ruhe zu haben, aber lange würde sie nicht anhalten, da nun die Tür offen war.
Meine einzige Barriere zwischen mir und der Außenwelt. Eine Welt, die Lügen, Schmerz und Angst für mich bereit hielt, wenn ich sie betreten und vor allem ihm begegnen würde. Ein stechender Schmerz zirpte in meinem Herzen. Ich achtete kaum darauf, da der Schmerz in den letzten Tagen mein ständiger Begleiter gewesen war. Jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde pochte mein Herz schmerzvoll in der Brust. Wenn ich an James dachte, dann brannte mein Herz und Flammen schlugen durch meinen gesamten Körper. Der unerträgliche Schmerz drohte mein Leben zu ersticken. Ich verfluchte meine Gefühle für ihn.
James war ein Killer, also wieso liebte ich ihn noch so sehr, dass es weh tat? Er hatte mich nur belogen in Hinsicht auf sein Leben und ich war mir sicher, dass alle Komplimente, die er gemacht und alle netten Worte, die er gesagt hatte, auch bloß Lügen gewesen waren. Er liebte mich nicht; hatte keine Gefühle für mich. Warum hatte er sich überhaupt mit mir getroffen? Als Zeitvertreib zwischen seinen Opfern? Zum Vergnügen?
Ich fühlte mich betrogen und ausgenutzt. Wut stieg in mir auf und vermischte sich mit der Trauer, die meinen Körper ausfüllte. Am Liebsten hätte ich mich unter der flauschigen Decke verkrochen, doch zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass sie noch immer auf dem Boden lag, wo mein Dad sie hingeschmissen hatte. Dort lag sie und verspottete mich. Meine Wut sprang von James auf die Decke.
Du glaubst doch wohl nicht, dass ich jetzt aufstehe, bloß um dich zu holen? Das kannst du vergessen. Von mir aus kannst du verrotten. Böse funkelte ich sie an.
Aber so plötzlich der Ärger gekommen war, verpuffte er auch schon wieder, als ich merkte, wie dämlich es war mit einem Gegenstand zu sprechen. Ich sollte in nächster Zeit lieber wieder mit Menschen reden, als mit einer seelenlosen alten Decke.
Wenn es nach mir gegangen wäre, dann wäre ich im Bett liegen geblieben, doch ich musste seit geraumer Zeit auf die Toilette. Außerdem wurde mir kalt. Nur widerwillig gab ich meinen menschlichen Bedürfnissen nach und ging ins Bad. Nachdem ich meine Blase geleert hatte, wusch ich mir die Hände und betrachtete mich im Spiegel. Ich sah furchtbar aus. Meine Haut war so weiß, dass meine wenigen Sommersprossen um die Nase herum deutlich hervortraten. Die Augen sahen müde aus und waren durch den Schlafmangel mit dunklen Augenringen gezeichnet. Meine Haare waren platt gedrückt und strohig.
Unter dem schlabberigen Pulli, den ich trug, wirkte mein Körper noch magerer. Ich war schon immer schlank gewesen, doch jetzt war ich dünner geworden und das gefiel mir absolut nicht.
Mein gesamtes Erscheinungsbild war ungesund und kränklich. Wenn ich mich in den vergangenen Tagen eher überwunden hätte in den Spiegel zu schauen, anstatt mich unter der Decke zu verkriechen, dann hätte ich all das meinem Körper nicht angetan. Wie hatte ich es soweit kommen lassen?
Ich brachte meine Gesundheit selbst in Gefahr, weil ich zuließ, dass der Liebeskummer meine Seele, meinen Verstand und mein Herz zerfraß und tiefe Löcher hinterließ, die nicht mehr geschlossen werden konnten. Am Besten wäre es, wenn ich auf meine Eltern hören und endlich wieder etwas essen würde.
Ich war mir ziemlich sicher, dass vor allem meine Mom glücklich darüber wären. Aber ich hatte absolut keine Lust mich wieder den besorgten Blicken und ihren nervigen Fragen auszusetzen.
Ich musste unbedingt etwas Essbares finden und zwar hier in meinem Zimmer. Daher kippte ich den gesamten Inhalt meines Rucksacks auf den Boden.
Ich entdeckte jedoch nur Bücher, einen Block, mein dreckiges Mäppchen, über welches ich mal Cola verschüttet hatte und dazu viel Müll. In Zukunft sollte ich mehr Ordnung halten.
Verzweifelt suchte ich weiter, fand jedoch nichts, was ich essen konnte. Wohl oder übel musste ich in die Küche gehen. Ich schnappte mir eine Strickjacke und zog sie über den Pullover, denn ich fror immer noch. Leise entfernte ich den Stuhl von der Tür und schlich in die Küche, damit meine Eltern mich nicht hörten. Ich knipste das Licht an, öffnete den Kühlschrank und kramte alles, was mir in die Finger kam, heraus: Möhren, Wurst, Käse und mehrere Joghurts in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Ich legte alles auf den Tisch und begann mit einem Erdbeerjoghurt.
Langsam schlang ich die rosafarbene Masse mit Fruchtstückchen herunter, da ich Angst hatte mich übergeben zu müssen, wenn ich zu schnell aß. Mir ging es bei jedem weiteren Bissen besser. Ich fühlte, wie ich kräftiger wurde und aß hastig mehrere Möhren, zwei weitere Joghurts und eine Menge Brote mit Wurst oder Käse.
Normalerweise hätte ich mich geekelt und meiner Mom den Vogel gezeigt, wenn sie mir diese Essenszusammenstellung vor die Nase gesetzt hätte, doch ich war ausgehungert und mir war es egal, dass nichts zusammenpasste. Ich knabberte gerade an einer Möhre, als meine Mom herein kam. Sofort zeigte sie ein breites und zufriedenes Lächeln. In ihren Augen sah ich Erleichterung. Ich unterdrückte das Verlangen aufzustehen und davonzulaufen und legte den Rest der Möhre auf den Tisch.
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, dass du wieder etwas isst. Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“ Sie hatte sich zu mir gesetzt. Nun hielt sie liebevoll meine Hand.
„Ja, ich hatte dann doch mehr Hunger, als gedacht.“ Um meine Aussage zu unterstreichen, biss ich kräftig in ein Käsebrot. Auf einmal verschwand jedoch ihr Lächeln und machte Platz für einen Mund, so dünn wie ein Strich.
„Was ist passiert? Ich habe dich vor drei Tagen die Treppe hoch rennen sehen, mit bleichem und tränenüberströmten Gesicht. Ich wollte mit dir reden und bin dir hinterher, doch du hast die Tür abgeschlossen und dann haben wir kein Lebenszeichen mehr von dir bekommen. Ich und dein Dad sind fast umgekommen vor Angst um dich. Sag mir bitte was los ist, Holly.“ Hoffnungsvoll drückte sie meine Hand, so fest, dass es weh tat.
„Mom“, ich schaute sie eindringlich an, „ich weiß, dass du dir wieder Sorgen machst, aber ich möchte nicht reden und ich bitte dich, und das gilt auch für Dad, nicht nachzufragen, okay?“
Flehend blickte ich in ihre blauen Augen. Sie musste doch verstehen, dass ich nicht reden wollte. Jetzt nicht und später ebenso wenig. Ich sah die Unzufriedenheit in ihrem Gesicht.
Ihr gefiel es gar nicht, dass ich ihr nichts anvertraute. Früher war das anders gewesen. Vor zwei oder drei Jahren hatten wir über alles geredet und ich war froh gewesen, dass ich meiner Mom alles erzählen konnte, doch jetzt waren mir ihre ständigen Fragen über mein Privatleben meistens lästig und unangenehm.
„Bist du dir sicher, dass du nicht reden möchtest, Schatz? Ist dir was Schlimmes passiert oder hattest du Streit mit jemandem?“
„Mom, bitte“, bat ich und stöhnte innerlich.
„Hat dein Verhalten etwas mit diesem James zu tun?“ Meine Augen weiteten sich.
„Also ja.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Bitte sag mir doch was los ist?“
Die letzte Bitte hörte ich kaum; nur ein Rauschen in den Ohren, das alle anderen Geräusche übertönte. Sein Name reichte aus, um meinem Herzen heftige Stiche zu verpassen, die mich bis ins Mark erschütterten. Mein Körper zitterte leicht und das Brot, was ich noch in der Hand hielt, gleich mit.
Vor meinen Augen bäumte sich James´ große kräftige Statur auf. Die dunkelbraunen Haare waren unbändig und als ich den Blick weiter nach unten schweifen ließ, starrten mich zwei graue Augen zärtlich an. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. Mir stockte abrupt der Atem. Ich schaute ihn unablässig an. Natürlich wusste ich, dass er nicht in der Küche hinter meiner Mom stand, doch die Halluzination, die mein Verstand projiziert hatte, wirkte unglaublich echt.
Ich spürte unendliche Sehnsucht nach James. Ich war kurz davor zu ihm zu rennen und ihn zu umarmen und nie mehr loszulassen, aber seine Gestalt verpuffte, als meine Mom mich mit ständigem Rütteln am rechten Arm wieder zurück in die Realität holte.
„Holly, ist alles in Ordnung?“ Ihre Stimme drang nun wieder zu mir durch. Ich schaute auf den Tisch, da Tränen in meine Augenwinkel traten. Meine Mom sollte mich nicht weinen sehen, denn dann würde sie niemals aufgeben, um herauszufinden, warum ihre Tochter traurig war und lieber zurückgezogen in ihrem Zimmer lag, ständig die Decke über den Kopf gezogen, anstatt mit ihr zu reden.
Mit aller Kraft unterdrückte ich die Tränen, doch es sammelten sich immer mehr in meinen Augen und wollten frei gelassen werden. Ich hätte mir den Ärmel übers Gesicht reiben können, um die Tränen wegzuwischen, doch das wäre meiner Mom sicherlich aufgefallen, also ließ ich es.
Ich schaute auch nicht auf, denn ich spürte den Blick meiner Mom, der unablässig auf mir ruhte. Sie verlangte eine Antwort auf ihre Frage, aber ich konnte und wollte einfach nicht nachgeben.
Dann, ehe ich noch etwas dagegen tun konnte, tropften die ersten lang zurückgehaltenen Tränen auf die hölzerne Tischplatte. Das klatschende Geräusch, welches sie verursachten, kam mir ohrenbetäubend laut vor. Die Hoffnung, dass meine Mom dies nicht bemerken würde, verflog ohne Umschweife.
Keine Sekunde später lief sie bereits um den Tisch und schlang ihre Arme um meinen noch bebenden Körper. Als ich ihre Wärme spürte und ihr unverkennbares Parfum roch, fühlte ich mich geborgen und sicher. Ungehemmt ließ ich den Tränen freien Lauf. Ich verbarg mein Gesicht in ihrer blassblauen Bluse und schluchzte laut.
Behutsam strich sie mit der rechten Hand über meinen Rücken und versuchte mich zu beruhigen. Ich ärgerte mich über mich selbst. Erstens hatte ich mir fest vorgenommen, nicht mehr so oft zu weinen und zweitens hatte ich meiner Mom keinen weiteren Grund liefern wollen, um mich auszufragen. Beides war an meiner Schwäche gescheitert. Wieso war ich in letzter Zeit so schwach gewesen? Sonst ließ ich mich nicht von meinen Gefühlen übermannen… Moment.
Ich kannte den Auslöser für meine Tränen, Verwirrungen und Zweifel, aber auch für Liebe und Sehnsucht: James. Weiter und weiter rannen die Tränen. Ich war meiner Mom dankbar, dass sie bei mir war und mir Trost spendete. Doch ich beschloss mich ihr zu Liebe jetzt zusammen zu reißen und stark zu sein. Sanft löste ich mich aus ihrer Umarmung. Sie nahm mein verweintes Gesicht in ihre Hände und wischte mit den Daumen die restlichen Tränen weg. Als ich einen breiten nassen Fleck auf ihrer Bluse entdeckte, wurde ich rot und schaute peinlich berührt zur Seite.
„Es muss dir nicht peinlich sein, dass du geweint hast. Das ist völlig in Ordnung. Man fühlt sich danach immer besser und befreit.“ Zur Bestätigung nickte ich.
Nach meinem Gefühlsausbruch fühlte ich mich wirklich erleichtert, als ob mit den Tränen auch der Schmerz herausgelassen worden war. Ebenfalls merkte ich, wie Erschöpfung mich zu überwältigen drohte. Müde rieb ich mir die Augen und gähnte ausgiebig.
„Du solltest schlafen gehen. Wir können vielleicht später noch mal über die Vorkommnisse in den letzten Tagen reden. Natürlich nur, wenn du das willst.“
Ich konnte deutlich ihre Enttäuschung über meine Verschlossenheit heraushören. Für mich war es beinahe wie ein Vorwurf, doch ich würde weder ihr, noch meinem Dad oder sonst einem Menschen auf dieser Welt jemals die ganze Wahrheit über James offenbaren.
Ich murmelte nur ein „Vielleicht“ und ging die Treppe hinauf in mein Zimmer. Meinen Dad traf ich zum Glück nicht.
Am nächsten Tag war Montag und das hieß ein langer und anstrengender Schultag stand mir bevor. Ich hatte absolut keine Lust, außerdem ging es mir auch noch nicht wirklich gut, aber ich durfte den Unterricht nicht verpassen, da ich wegen der einen Woche schon ziemlich hinterherhinkte.
Also stand ich pünktlich auf, frühstückte allein, da meine Eltern bereits zur Arbeit gefahren waren und stieg in meinen Ford. Da es heute erheblich wärmer war, genauer gesagt 21°, trug ich ein Top mit einer dünnen Jacke darüber und eine weiße Hose. Nachdem ich den Motor gestartet hatte, schaltete ich zuerst die Heizung aus. Schließlich wollte ich nicht vor Hitze eingehen.
Während der Fahrt sackte mein Kreislauf vermehrt in den Keller. Dann wurde mir schwarz vor Augen und alles drehte sich. In diesen Augenblicken hielt ich, sobald es möglich war, am Straßenrand an und trank einen Schluck Cola aus der Flasche im Handschuhfach oder biss in ein getoastetes Schinkenbrot. Das half mir immer und ich konnte weiterfahren.
Durch die vermehrten Pausen, die ich gezwungenermaßen hatte einlegen müssen, parkte ich 40 Minuten später auf dem Schulparkplatz. Ich war früher losgefahren als sonst, aber jetzt kam ich zur gewohnten Uhrzeit an. Blindlings griff ich nach meinem Rucksack auf dem Beifahrersitz.
Dabei sah ich Zack, der sich mit schwerfälligen Schritten meinem Auto näherte. Er holte mich jeden Tag auf dem Parkplatz ab. Am Anfang hatte er das getan, weil er mich von pöbelnden und grabschenden Jungen beschützen wollte. Das hatte er mir vor einem Jahr mit entschlossenem Blick, mit den Händen in den Hüften und mit vor Stolz geschwellter Brust erklärt. Ich hatte nur laut gelacht.
Ich fand Zacks Angebot nett und aufmerksam, aber auch übertrieben, da die meisten Jungs keine Gefahr darstellten. Außerdem war Zack weder körperlich, noch emotional dazu fähig, jemanden zusammenzuschlagen. Dazu war er viel zu sensibel. So hatte sich ein Angebot in ein Ritual verwandelt.
Freundlich winkte ich ihm durch die Fensterscheibe zu und zeigte ihm ein breites Grinsen. Er erwiderte meinen Gruß und wäre beinahe in einen parkenden Pick-Up gerannt. Ich schüttelte den Kopf über seine Unachtsamkeit.
Anschließend öffnete ich die Tür, stieg aus, spürte aber sogleich wie mit voller Wucht die Tür neben mir zugeschlagen wurde. Aber nicht von mir. Ich zuckte zusammen und mein Rucksack landete mit einem Plumps auf dem asphaltierten Parkplatz. Eine Hand lag auf dem Autodach. Als ich mit meinen Augen dem kräftigen Arm folgte, sah ich in das ernste Gesicht von James.
Sofort schlug mir das Herz bis zum Hals und ich bekam keine Luft mehr. Mein einziger Gedanke war Flucht. Flucht vor ihm und den aufkommenden Gefühlen. Schnell wirbelte ich planlos und verzweifelt herum und prallte ungeschützt gegen die Fahrerseite meines Autos.
„Verdammt“, schimpfte ich wütend, da ich total vergessen hatte, dass hinter mir mein Auto stand. Wieso muss er auch auftauchen und mich so durcheinander bringen? Ich rieb mir den, vom Stoß schmerzenden, rechten Arm und wollte ohne einen weiteren Blick an James vorbeihuschen.
Doch ehe ich mich versah, hatte er mich blitzschnell am Handgelenk gepackt, zurück an die Autotür gezogen und beide Arme, links und rechts von mir, gegen das Auto gestemmt, damit ich nicht entkommen konnte. Ich gab jedoch nicht auf, schließlich tat es mir weh ihn plötzlich, ohne Vorwarnung, hier zu sehen.
Was denkt er sich überhaupt? Dass er einfach vor der Schule auftauchen und mich belästigen kann?
Ich war außer mir vor Wut. Immer wieder versuchte ich unter seinem Arm wegzutauchen, doch vergebens. Er ließ locker den Arm nach unten schnellen, damit ich keine Chance hatte zu flüchten. Ich wurde panisch, denn ich fühlte mich eingesperrt, wie ein wildes Tier in einem Käfig. Irgendwann gab ich kraftlos auf und blieb einfach stocksteif stehen. Ich hatte sowieso keine Chance gegen ihn. Mit verschränkten Armen starrte ich auf den Boden und ergab mich meinem Schicksal.
„Was willst du?“, brummte ich und zeigte James direkt, dass ich keinerlei Interesse daran hatte, mich mit ihm zu unterhalten.
„Ich will mit dir reden. Außerdem musste ich dich unbedingt sehen.“ Röte stieg mir ins Gesicht und der Schmerz in meinem Herz überrannte mich. Die Liebe kämpfte gegen die Angst und das Misstrauen.
In Sekundenschnelle wechselte ich zwischen Wut, Verzweiflung, Enttäuschung und Sehnsucht hin und her.
„Ich will aber nicht mit dir reden, verstehst du?“
Entschlossen sah ich James in die Augen. Sogleich bereute ich es, denn als ich seinen zärtlichen Blick sah, hätte ich ihm glatt alles vergeben können und wäre ihm um den Hals gefallen. Stattdessen schaute ich ihn abgrundtief böse an. Ich konnte meine Wut kaum noch im Zaum halten. Mein Körper bebte vor Zorn.
„Du hast mein Vertrauen missbraucht und mich die ganze Zeit hintergangen“, spuckte ich ihm regelrecht entgegen. Erschrocken über meinen Ausraster trat er einen Schritt zurück.
„Du hast Recht, Holly und es tut mir Leid. Aber ich habe dir dann doch die Wahrheit erzählt, obwohl das nicht leicht für mich war.“ Seine Augen zeigten Reue.
„Ich habe befürchtet, dass du Angst vor mir bekommen würdest. Und das ist nun auch so.“ In James´ Gesicht sah ich Traurigkeit und Schmerz. Er streichelte mir über den Arm.
„Fass mich nicht an“, zischte ich und zog den Arm weg.
Ich konnte seinen Anblick nicht mehr ertragen. Es schien ihm Leid zu tun, doch ich war mir nicht sicher, ob ich ihm vertrauen konnte. Zu tief saß das Misstrauen. Voller Zorn schubste ich ihn zur Seite und ging schnell zum Schulgebäude. Ich drehte den Kopf zur Seite und sah Zack, der völlig verblüfft drei Meter von mir entfernt stand. Ich ignorierte ihn und lief weiter. „Holly, bleib bitte stehen.“ James kam mir hinterher und brüllte über den ganzen Parkplatz. Ich spürte die neugierigen Blicke meiner Mitschüler im Rücken. Nun bot ich eine filmreife Liebesszene, die wohl die nächsten Wochen Schulgespräch werden würde. Kann er nicht einfach die Klappe halten und abhauen?
„LASS MICH IN RUHE“, schrie ich zurück. Es blieb mir ja nichts anderes übrig. So tun, als ob nichts wäre und ich mit dem Typen nichts zu tun hatte fiel flach.
James war näher gekommen. Die verhassten Tränen drohten wieder auszubrechen. Ich weine nicht wegen ihm, dass kann er vergessen. Plötzlich spürte ich einen festen Griff um meinen linken Arm. Ich wurde zurückgezogen, direkt in seine Arme. Sofort roch ich den herben Duft, den er verströmte. Die Liebe keimte in meinem Herzen auf, zwischen der Angst und der Wut.
Nein, nein, nein. Werd jetzt nicht schwach, Holly. Bloß nicht.
„Rede bitte mit mir.“ Ich wagte es nicht ihn anzusehen.
Zack stand in unserer Nähe. Er war uns also gefolgt. Mit misstrauischem Blick musterte er James von oben bis unten. Ich wusste nicht, wie lange er schon wie angewurzelt dastand und wie viel er mitgehört hatte.
Einerseits hoffte ich, dass er eingriff und mich von James wegbrachte, da ich spürte wie mein Widerstand gegen meine Gefühle für ihn immer weiter schwand.
Andererseits war es besser, wenn er sich heraushielt. Ich wusste nämlich nicht, wie James darauf reagieren würde. Falls er Zack angriff, dann konnte ich bereits seine Beerdigung planen. Doch zum Glück blieb er auf Abstand. Er schien erkannt zu haben, dass James ihm körperlich haushoch überlegen war. Also beobachtete er nur weiter, wie ein Junge mit grauen Augen energisch auf mich einredete. Währenddessen kämpfte ich mit den Tränen.
„Bitte, Holly.“ James versuchte mir in die Augen zu sehen, aber ich starrte auf den Boden. Er wollte mich erneut berühren, doch ich ließ es nicht zu.
„Du sollst mich nicht anfassen. HAU AB, ICH HASSE DICH!“
Der Damm brach und die Tränen flossen. Ich sackte zu Boden und blieb auf dem Asphalt sitzen. Aufkommende Gerüchte waren nun vorprogrammiert. Ich fühlte mich wie auf einer Theaterbühne.
Seht mich an. Hier sitze ich, Holly Elizabeth Dugan, am Boden zerstört und mit dem Nerven am Ende.
„Was ist los, Holly? Ist alles in Ordnung?“ Das war Zack. Ich konnte seinen Schatten auf dem Boden sehen.
„Hier ist alles okay.“ James´ Stimme war ganz in der Nähe. Sie klang bestimmend und bedrohlich. Mach das du wegkommst, Zack.
„Ich wollte nur…“
„Das ist eine Sache zwischen Holly und mir. Ich kümmere mich schon um sie.“ Zack schien noch etwas sagen zu wollen, doch er blieb verunsichert stehen. Ich konnte mir vorstellen, wie James ihn mit seinen eiskalten Blick anstarrte. An seiner Stelle hätte ich auch lieber den Mund gehalten.
„Können wir jetzt einen Augenblick alleine sein?“
Es klang wie ein Befehl und nicht wie eine Bitte. Darauf verschwand der Schatten. Zack war gegangen. James hockte sich vor mich. Er nahm mein verweintes Gesicht in seine Hände und sah mich an.
„Das ist alles zu viel für mich“, presste ich unter Tränen hervor. Meine Kehle war trocken.
„Ich verstehe. Natürlich ist das ein Schock für dich.“
Wie konnte er mich verstehen? Ich war nicht diejenige, mit dem schrecklichen Geheimnis, mit dem er klar kommen musste.
„Willst du jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben?“ Zum ersten Mal klang er ängstlich.
„Ich weiß nicht. Ich weiß im Moment absolut gar nichts.“ Ich war komplett überfordert. Meine Gedanken rasten.
„Ich könnte es nicht ertragen dich nie wieder zu sehen. Meine Sehnsucht nach dir zerfrisst mich bereits jetzt schon und dabei habe ich dich nur wenige Tage nicht gesehen. Bitte lass uns noch mal in Ruhe über alles reden.“
Vorsichtig schaute ich zu James. Er sah mich flehend an. Was sollte ich tun? Konnte ich ihm trauen oder war alles wieder gelogen? Unsicher biss ich mir auf die Lippe, bis sie blutete. In meinem Mund schmeckte es nach Metall.
„Bitte gib mich nicht auf. Ich liebe dich.“
Völlig überrumpelt saß ich wie erstarrt vor ihm. Er hatte sie ausgesprochen. Die drei magischen Worte. Die ganze Zeit hatte ich gehofft sie aus seinem Mund zu hören. Mein Herz hüpfte in der Brust auf und ab. Das warme Blut rauschte in meinen Ohren und Wangen und färbte beides rot.
An seinen Augen erkannte ich, dass er die Wahrheit sprach. Ausnahmsweise. Mein Widerstand nahm stetig ab. Die Liebe stieg an. Sollte ich mich für oder gegen James entscheiden? War ich stark genug seinen Beruf hinzunehmen? Nein, aber er bedeutete mir zu viel.
Auf Knien rutschte ich an ihn heran. James war immer noch größer als ich, obwohl er mit dem Hintern auf dem Asphalt saß. Er schaute mich hoffnungsvoll an.
Ich hatte mich entschieden, für ihn. Ich würde lernen müssen mit seinem Beruf klarzukommen. Es würde schwer werden, sehr schwer sogar. Dennoch gab ich meinem Verlangen nach James nach, schlang meine Arme um seinen Nacken und presste meine Lippen auf seine.
Die Liebe hatte gewonnen und hatte die Wut und die Angst zerschlagen. Aber für wie lange?
Sanft erwiderte James den Kuss. Seine Lippen waren warm und schmeckten nach Salz. Der Kuss wurde leidenschaftlicher und er umklammerte mich, sodass kein einziger Zentimeter unsere Körper trennte. Überall, wo er mich berührte, prickelte meine Haut unter seinen Fingern.
Ich wollte ihn nie wieder loslassen, niemals.
Ich war unbeschreiblich glücklich, aber dann kam diese nervige Stimme wieder. Unablässig flüsterte sie mir Warnungen zu und erinnerte mich an die Schmerzen, die er mir zugefügt hatte. Aber ich hörte nicht auf sie. Stattdessen wünschte ich mir, dass die Stimme verschwinden und nie wiederkommen würde, doch leider blieb sie. Vielleicht sollte ich mir zu Herzen nehmen, was sie sagte.
Das würde mir schließlich jeder Mensch raten, aber ich war das Opfer meiner Gefühle und da konnte mir jeder Rat gestohlen bleiben.
Nach einer gefühlten Ewigkeit lockerte sich sein Griff und James stoppte den Kuss. Enttäuscht schaute ich auf seine schön geschwungenen Lippen. Ich verspürte ein unstillbares Verlangen nach ihm und seinen Berührungen. James legte seine Stirn gegen meine und durchbohrte mich mit seinen grauen Augen. Ich hatte das Gefühl, dass er bis auf den Grund meiner Seele blickte.
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich dich liebe. Ich liebe deine Sommersprossen, deine Augen und deine Verlegenheit. Ich bete dich an.“ Sein Blick wurde intensiv und eindringlich. Mein Puls beschleunigte auf 180 in Rekordzeit. Meine Beine wurden weich wie Pudding. Ich hatte Angst jeden Moment ohnmächtig zu werden.
Darum war ich froh in diesem Augenblick seine starken Arme um mich zu spüren und zu wissen, dass er mich sicher stützen würde, falls mein Körper doch auf die Idee kommen sollte schwach zu werden, sodass ich umkippte und auf den harten Boden fiel.
„Du spinnst doch.“ Ungläubig sah ich ihn an.
James hatte mir schon häufig geschmeichelt, aber ich glaubte ihm nicht. Schließlich war ich nichts Besonderes. Umwerfend schön war ich nicht, eher mittelmäßig. Ich stach nicht aus der Masse hervor. Eine interessante und schillernde Persönlichkeit war ich ebenfalls nicht. Was fand er nur an mir? Wieso war ich ihm dermaßen wichtig, dass er mich wieder sehen und nicht aufgeben wollte? Warum liebte er mich?
„Warum spinne ich? Glaubst du etwa nicht, dass du eine bemerkenswerte und einzigartige Persönlichkeit bist?“ Ich wurde rot.
„Du solltest dich wirklich nicht unterschätzen, Holly.“ Sein Blick wurde ernst. Wie hypnotisiert starrte ich unablässig in seine Augen. Die grauen Wirbel ähnelten einem rauen Sturm, der über das Meer peitschte und die Wellen aufbäumte.
„Holly?“ Ich erwachte aus meiner Trance.
„Was?“, fragte ich irritiert, denn ich hatte nicht mitbekommen, was James mir gesagt hatte. Er schmunzelte.
„Ich wollte wissen, ob du Zeit und Lust hast heute Abend zu mir nach Hause zu kommen.“
Wie aus der Pistole geschossen hörte ich ein „Ja“ aus meinem Mund. Ich hatte nicht eine Sekunde darüber nachgedacht.
„Klasse.“ Dann hob er den linken Arm und warf einen Blick auf seine Uhr.
„Ich muss leider los“, sagte er verstimmt und verzog das Gesicht. Sogleich fragte mich die Stimme in meinem Unterbewusstsein, warum er jetzt weg musste.
Wahrscheinlich killt er sein nächstes Opfer und du bist so schwach und naiv, dass du ihm alles verzeihst und du ihm hinterher rennst, wie ein gehorsamer Hund. Erste Zweifel tauchten wieder auf.
Warum musst du dich überall einmischen?, dachte ich. Ich hasste die Stimme dafür, dass sie diesen traumhaften Augenblick zunichte machte. Bevor James ging, gab er mir einen flüchtigen Kuss auf den Mund und auf die Nasenspitze. Danach drehte er sich um und verschwand so schnell und lautlos, wie er gekommen war.
Ich schaute ihm noch nach, als Zack neben mir auftauchte.
„Wer war das?“ Seine Stimme verriet, dass er eine Abneigung gegen James hegte.
„Ein Freund von mir“, log ich.
Ich wandte den Blick von ihm ab und ging zum Haupteingang. Zum Glück war ich früh zur Schule gefahren, denn sonst wäre ich vermutlich wegen James´ überraschenden Auftreten zu spät zum Unterricht gekommen. Zack kam hinterher getrottet.
„Aha, ein Freund.“
Skeptisch beäugte er mich. Musste er mich ausgerechnet jetzt nerven? Als ich die Eingangstür passiert hatte, wandte ich mich nach links und ging zu meinem Spind.
„Wenn der Kerl nur ein Freund war, warum hast du ihn dann geküsst? Also ich bekomme nie einen Kuss.“
Er klang gespielt beleidigt und schob die Unterlippe vor. Er sah aus wie ein übergroßes Baby. Ich stöhnte innerlich auf. Kann er mich nicht einfach in Ruhe lassen, anstatt neben mir zu stehen und mich auszufragen? Er war ja beinahe so schlimm wie meine Eltern.
Ich öffnete mit der Zahlenkombination 2758 den metallenen Spind. Zum Vorschein kam ein heilloses Durcheinander. Bücher und Ordner stapelten sich im obersten Fach. Meine Sportklamotten hatte ich auf den Boden des Spinds gepfeffert und vergessen mit nach Hause zu nehmen. Der übrige Platz war voll gestopft mit losen Blättern, einem weißen dünnen Mantel und einer Unmenge von Müll.
Ich kramte nach meinem Mathebuch, welches ich für die nächste Stunde brauchte. Dabei wich ich geschickt Zacks neugierigem Blick aus. Merkte er nicht, dass ich kein Interesse daran hatte weiter mit ihm zu diskutieren?
Meine Gedanken kreisten nur noch um James. Mein Herz und mein Körper sehnten sich nach ihm und verlangten nach einem baldigen Wiedersehen. Ich zählte bereits die Stunden, bis ich wieder bei ihm war.
Ich war ziemlich aufgeregt und bekam ein wohliges Gefühl, wenn ich daran dachte, dass ich heute Abend bei ihm zu Hause sein würde. Ganz allein, nur wir beide. Ich merkte gar nicht wie sich ein verträumter Blick auf mein Gesicht schlich.
„Woran denkst du gerade?“
Zacks Stimme schnitt brutal meine Träumereien ab. Übrig blieb gähnende Leere. Ich fuhr herum und funkelte ihn böse an. Trotz meines Unmuts versuchte ich ruhig zu bleiben und meinen Freund nicht anzukeifen.
„Zack.“ Es fiel mir leichter, als gedacht, gelassen zu bleiben. „Sei mir nicht böse, aber kannst du bitte fünf Minuten einfach still sein?“
Perplex zog er den Kopf zurück. Dann schaute er mich beleidigt an und ging, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen, schnurstracks Richtung Cafeteria. Na klasse, jetzt war er doch sauer auf mich und dabei hatte ich mich noch zurückgehalten.
Wieso mischte er sich auch in meine Angelegenheiten ein? Okay, er war mein Freund und immer für mich da, wenn ich ihn brauchte, dennoch ging ihn mein Liebesleben nichts an. Schließlich hatte er selbst einmal gesagt, dass er über dieses Thema nichts wissen wollte und ich war ihm dankbar gewesen. Und nun? Hatte er sein Versprechen vergessen? Ich schnaubte und schlug die Tür des Spinds kräftig zu.
Die ersten Stunden waren halbwegs schnell vorbei gegangen. Nun saß ich in der Cafeteria und stocherte gelangweilt in meiner schon kalten Lasagne herum. Ich hatte eigentlich keinen Hunger gehabt, doch aus Routine war ich zur Ausgabe gegangen und hatte mir ein Stück Lasagne geholt, was ich jedoch kaum angerührt hatte.
Ungeduldig wartete ich auf Linda. Ich musste sie unbedingt um einen Gefallen bitten. Mir war nämlich in Mathe, meine Gedanken waren wieder zu James abgedriftet, siedendheiß eingefallen, dass ich ja eine Ausrede für meine Eltern brauchte, warum ich heute Abend nicht zu Hause sein würde.
Ich war, ohne daran zu denken, wo ich mich gerade befand, wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen, um sofort mein Problem zu lösen. Doch viel zu spät hatte ich realisiert, dass ich im Matheunterricht saß und vor der gesamten Klasse kerzengerade, ohne einen erkennbaren Grund, mitten im Klassenraum stand.
Alle Blicke waren ohne Ausnahme auf mich geheftet gewesen. Mr. McKenzie hatte mich verärgert angestarrt und mich gefragt, was los sei. Die Röte war mir gleich ins Gesicht gestiegen. Ich hatte nur stumm den Kopf geschüttelt und hatte mich hastig wieder hingesetzt. Ich war mir sicher, dass mich meine Mitschüler nach diesem glanzvollen Auftritt für irre hielten.
Alleine hockte ich am Tisch und fragte mich, wo die anderen blieben. Es hatte schon vor sieben Minuten zur Mittagspause geklingelt. Ich nippte an meinem Orangensaft und beobachtete den Cafeteriaeingang, um zu sehen, wann meine beste Freundin kam. Nach weiteren sieben Minuten war sie noch immer nicht da. Ich kippelte mit dem Plastikstuhl und wurde stetig nervöser. Die Cafeteria war bereits brechend voll und die verschiedensten Gerüche lagen in der Luft. Es war stickig.
Endlich entdeckte ich Linda, die mit voll bepackten Händen auf mich zusteuerte. Sie klatschte eine große Leinwand, mehrere verschiedene Acrylfarben und ziemlich zerrupfte, alt aussehende Pinsel mit Farbflecken an den Stielen auf den Tisch. Einzelne Strähnen ihres blonden Haares hingen in ihrem, vor Anstrengung leicht geröteten, Gesicht.
Mit einer Handbewegung klemmte sie sich alle Strähnen hinter die Ohren und setzte sich mir gegenüber.
„Puh, ist das Zeug schwer. Ich liebe Kunst, aber die ständige Schlepperei ist total nervig.“
„Tja, selber Schuld. Schließlich hast du Kunst freiwillig gewählt.“
Sie zuckte zur Antwort mit den Schultern und sammelte die Pinsel, die auf dem Tisch verteilt waren, ein.
„Ähm, Linda?“ Sie hielt inne und schaute zu mir.
„Ja?“
„Ich möchte dich um einen kleinen Gefallen bitten.“
Unsicher zerlegte ich mit meiner Gabel die Lasagne in ihre Einzelteile. Mich verließ der Mut. Obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass Linda mir helfen würde, hatte ich Angst davor, was sie von mir denken würde. Ich wollte mich mit einem Mann in seiner Wohnung treffen, den ich erst vor einigen Wochen kennen gelernt hatte.
„Raus mit der Sprache, Holly. Was ist das für ein Gefallen? Soll ich jemanden für dich aus dem Weg schaffen?“
Verschwörerisch schaute sie zu mir rüber und senkte ihre Stimme. Dann lächelte sie amüsiert. Mir entgleisten die Gesichtszüge und meine Kehle schnürte sich augenblicklich zu. Ich konnte nicht glauben, wie passend ihr letzter Satz in Hinblick auf James gewesen war.
„Alles klar? Hab ich was Falsches gesagt?“ Ich setzte ein Lächeln auf, um Linda nicht zu beunruhigen. Auch, damit sie kein Verdacht schöpfte, dass etwas nicht stimmte.
„Nein, nein.“ Ich wartete ab. „Ich hab dir doch von James erzählt.“
„Du meinst James, den absoluten Gentleman mit den grauen Augen?“
Frech grinste sie mich an. Ich nickte, obwohl diese Beschreibung von mir über ihn schon etwas zurücklag. Nun, da ich sein wahres Ich kannte, würde ich ihn definitiv nicht mehr so charakterisieren. Natürlich war er ein Gentleman und es stand außer Frage, dass er graue Augen hatte, doch könnte ich dies nicht mehr ohne Hintergedanken und Zweifel sagen. Er war ein Mörder, dass war nun mal die bittere Realität.
„Genau. Er hat mich heute Abend zu sich eingeladen und ich brauch ein Alibi für meine Eltern.“
„Aha.“ Linda grinste.
Sie ahnte, dass ich sie als Alibi gebrauchen wollte.
„Sie würden mir nie erlauben alleine, ohne Aufsicht, bei einem Jungen zu sein, den sie nicht kennen. Also wollte ich ihnen sagen, dass ich bei dir bin.“
Flehend sah ich sie an und faltete sogar meine Hände.
„Na klar tue ich dir den Gefallen, wenn es um die Liebe geht.“
Sie fing an zu kichern und hopste auf dem Stuhl herum, wie ein kleines Kind, das etwas Lustiges gesehen hatte. Ich fand ihr Verhalten für eine 16-jährige ziemlich unpassend, aber da sie mir ohne Weiteres als Alibi dienen wollte, wollte ich mich nicht beschweren.
„Hör bitte auf damit, Linda.“ Als sie meinen eindringlichen Blick sah, hörte sie abrupt auf.
„Entschuldige“, nuschelte sie, rutschte dennoch weiterhin auf dem Stuhl hin und her. Immer wieder aufs Neue wunderte ich mich über ihre hibbelige und unruhige Art, dabei war ich seit zehn Jahren mit ihr befreundet.
Plötzlich sah Linda mich ernst an.
„Und was ist, wenn deine Eltern anrufen und mit dir sprechen wollen?“ Daran hatte ich gar nicht gedacht. Verbissen dachte ich nach.
„Wie wäre es, wenn ich dann einfach sage, dass du gerade im Bad bist oder so und das du zurückrufst. Dann rufe ich dich auf dem Handy an und du rufst sie zurück.“
„Gute Idee.“ Mir fiel ein Stein vom Herzen. Jetzt konnte ich ruhigen Gewissens zu James fahren.
Die Schulglocke schrillte und man hörte quietschende Stühle und laute Stimmen. Auch ich erhob mich und war im Begriff zu gehen, als ich mit einem Arm, der Andere balancierte das volle Tablett aus, Linda umarmte.
„Danke, danke, danke“, flüsterte ich ins Ohr und küsste sie auf die Wange. Sie schenkte mir ein bescheidenes Lächeln.
Sorglos und überglücklich tänzelte ich durch die Cafeteria, stellte mein Tablett ab und sah den restlichen Unterrichtsstunden gelassen und euphorisch entgegen. Die Auseinandersetzung mit Zack hatte ich längst vergessen.

Um fünf Uhr fiepte mein Handy auf dem Schreibtisch. Ich beendete den Satz für meine Englischhausaufgaben, bevor ich die gesendete Nachricht öffnete. In zwei Zeilen hatte James seine Adresse geschrieben. Am Straßennamen erkannte ich, dass er im nobleren Viertel der Stadt wohnte.
An den modernen Wohnungen und den villenähnlichen Häusern kam ich nur vorbei, wenn ich die Straße Richtung Highway verließ und das geschah äußerst selten. Meistens, wenn meine Eltern und ich ein- oder zweimal im Jahr Verwandte besuchten.
Ich war gespannt auf seine Wohnung und fragte mich, seit seiner Einladung, wie es wohl bei ihm aussah. Bestimmt war die Einrichtung so edel, dunkel und teuer wie seine Klamotten.
Ich klappte meine Bücher zu und machte mich fertig. Ausgiebig duschte ich. Dann zog ich eine kurzärmlige schwarze Bluse mit weißen Punkten, eine dunkle enge Röhrenjeans und Ballerinas an. Ich hatte mich für ein feineres Outfit entschieden, da ich in der noblen Gegend nicht negativ auffallen wollte.
Ich selbst hielt mich für paranoid, da ich wohl kaum vielen Menschen begegnen würde, aber sicher ist sicher. Die Haare ließ ich offen und so fielen sie mir weit über die Schultern. Nach einem letzten Blick in den Spiegel schaltete ich das Licht aus, schloss die Tür und ging nach unten. In der Küche hörte ich das Brutzeln der Pfanne. Schon im Flur roch es stark nach gebratenen Zwiebeln. Mein Magen knurrte und ich konnte nur hoffen, dass es bei James etwas zu essen gab. Ich steckte den Kopf in die Küche. Meine Mom stand am Herd. Sie gab gerade Kartoffelscheiben und Champignons zu den Zwiebeln. In der Pfanne zischte es.
„Mom?“ Sie hatte mich nicht gehört.
„MOM?“, rief ich nun lauter und diesmal schaute sie zu mir herüber.
„Willst du jetzt schon zu Linda? Ich hab gedacht, dass du noch mit uns zusammen essen würdest.“
„Ich wollte ja auch etwas später gehen, aber Linda hat eben angerufen und gesagt, dass ich jetzt schon vorbeikommen kann. Und je früher ich gehe, desto mehr Zeit haben wir zum quatschen.“
„Da hast du Recht. Du weißt, dass du um Mitternacht wieder hier sein musst?“ Ich stöhnte genervt auf.
Zwar hatten meine Eltern mir sofort erlaubt zu Linda zu fahren, aber der Wehrmutstropfen war, dass ich eben um Mitternacht zu Hause sein musste. Natürlich hatte ich sofort protestiert, jedoch war ihr Argument unschlagbar gewesen. Morgen war Dienstag und das hieß Schule.
„Kann ich nicht doch länger bleiben?“ Ich setzte ein herzerweichendes Lächeln auf. Das Gesicht meiner Mom wurde sanfter. Für einen Augenblick glaubte ich ihren Widerstand gebrochen zu haben.
„Nein, Holly. Das geht wirklich nicht.“
Ich unterdrückte den Drang wütend aufzustampfen und zickig zu werden. Stattdessen sagte ich „Na gut“ und ging in den Flur. Ich hatte also nur mickrige sieben Stunden gemeinsam mit James. Für andere mag das wohl eine lange Zeit sein, doch für mich waren die vielen Stunden so kurz wie 20 Minuten.
Etwas missmutig warf ich mir einen dünnen marineblauen Mantel über. Ich verließ das Haus und trat in einen lauwarmen Abend. In den benachbarten Häusern brannte in den Fenstern Licht. Die Autos standen ordentlich in den Auffahrten oder Garagen, da die meisten Nachbarn um fünf Uhr von der Arbeit kamen und danach mit ihren Familien das Abendessen genossen. Sie führten alle ein geregeltes und normales Leben, was auch mal langweilig sein konnte. Meine Eltern zählte ich definitiv mit dazu und auch mich selbst hätte ich vor wenigen Wochen in diese Riege eingegliedert, wenn James meine heile Welt, in der ich zu leben geglaubt hatte, nicht erschüttert hätte. Sowohl positiv, als auch negativ.
Noch in Gedanken stieg ich in meinen Ford und fuhr Richtung Highway. Viele Autos kamen mir entgegen, die mich mit ihren Scheinwerfern blendeten. Ich musste mächtig aufpassen, dass ich niemandem reinfuhr oder selbst gegen eine Straßenlaterne krachte. An der größten Kreuzung der Stadt bog ich links ab und näherte mich der „gehobenen Klasse.“
Die Gebäude wurden zunehmend größer und moderner. Ich fühlte mich wie in einer fremden Welt aus Metall, Glas und Licht. Vor den Garagen sah ich die Autos bekannter Marken stehen. Ich fing an mich für meinen gebrauchten Ford Focus Hatschback zu schämen.
Gleich merkte ich, dass ich nicht hierher gehörte und ich hätte wohl auch kehrtgemacht, wenn ich mich bloß zufällig in diese Gegend verirrt hätte. Doch ich war ja wegen James hier. Ich rief die SMS noch mal auf, die er mir geschickt hatte und fuhr im Schneckentempo, um die Straßennamen und Hausnummern besser sehen zu können.
Auf einem nicht weit entfernten Schild erkannte ich die von ihm genannte Straße und fuhr nach rechts. Mein Herz pochte immer schneller und lauter je näher ich der Hausnummer 428 kam. Dann, schneller als erwartet, stand ich vor einem fünfstöckigen, quadratischen Gebäude. Es standen zwei höhere Bäume im Umkreis, die gegen das Haus mickrig und veraltet wirkten. Ich parkte am Straßenrand und schaltete den Motor aus. Die plötzliche Stille erschlug mich förmlich. Ich war momentan nicht dazu fähig auszusteigen, also blieb ich angeschnallt sitzen. Vor Nervosität zitterten meine Beine wie verrückt. Meine Brust hob und senkte sich schwer und meine Hände waren eiskalt.
Ganz ruhig, Holly. Es wird bestimmt ein schöner Abend, du brauchst nicht nervös zu sein. Ich versuchte mich zu beruhigen, damit ich endlich aussteigen und zum Haus gehen konnte. Schließlich lief mir die Zeit davon. Ich wartete, bis ich halbwegs meine Gliedmaßen wieder unter Kontrolle hatte. Dann öffnete ich den Sicherheitsgurt und stieg aus. Weit und breit war kein anderer Mensch zu sehen. Das einzige Zeichen für Leben in dieser Straße waren die vielen hellen Lichter in den Fenstern.
Ehrfürchtig ging ich zur Eingangstür. Rechts von der Glastür befanden sich fünf Briefkästen und links waren die Klingeln. Erst, als ich nach seinem Namen suchte, fiel mir ein, dass ich gar nicht seinen Nachnamen kannte. Super, und wie soll ich jetzt die richtige Klingel erwischen? Vielleicht stand ja zumindest sein Vorname auf einem Schild.
Noch einmal überflog ich die Namen und entdeckte vor dem Nachnamen Roddick ein J. Da es das einzige J. war betätigte ich auf gut Glück den Knopf. Im ersten Moment geschah gar nichts. Doch dann ertönte ein Knistern aus der Sprechanlage, welche ich vorher nicht bemerkt hatte. Ich hörte die verzerrte Stimme von James.
„Ja?“
„Ich bin´s, Holly.“
Ich sprach in die Anlage. Ein elektrisches langes Brummen verriet mir, dass die Tür aufgedrückt wurde. Eilig trat ich ein und atmete erstmal erleichtert aus. Ich hatte das richtige Haus auf Anhieb gefunden.
Wie wahnsinnig freute ich mich, da uns nur noch wenige Meter voneinander trennten. Der Klang seiner Stimme hatte bereits ausgereicht, um mich in Ekstase zu versetzen. Im Eingangsbereich gab es sowohl einen Aufzug, als auch eine Treppe. Ich entschied mich für die Treppe, da James´ Namensschild eher unten angebracht war. Jetzt konnte ich nur hoffen, dass er wirklich nicht allzu weit oben wohnte.
Ich verließ mich auf meinen Instinkt und ging die Stufen hinauf. Und tatsächlich brauchte ich nur bis zum zweiten Stock zu gehen, als ich ihn im Türrahmen stehen sah. James trug das erste Mal, seit ich ihm begegnet war, eine Blue Jeans, die ihm unverschämt gut stand. Sein Oberkörper bekleidete ein hellblaues T-Shirt über welches er ein graues Hemd trug, dass geöffnet war und die Ärmel hochgekrempelt hatte, sodass seine starken Unterarme zum Vorschein kamen. Ein verführerisches Lächeln zierte sein Gesicht. Sofort stand mein Körper in Flammen und ich war einem Schwächeanfall nahe.
„Du siehst wunderschön aus“, hauchte er, als ich vor ihm stand und seinen unbeschreiblichen Duft einatmete.
„Danke.“
Verlegen starrte ich auf seinen Oberkörper, welcher auf meiner Augenhöhe lag.
„Komm doch rein.“
Er stieß sich vom Türrahmen ab und machte mit seinem Arm eine einladende Geste. Ich schritt an ihm vorbei in eine atemberaubende Wohnung. Auf Anhieb konnte ich gar nicht sagen, was mir am Besten gefiel.
Vor mir eröffnete sich ein riesiger Raum, der Wohnzimmer und Küche beinhaltete. Die meisten Möbel waren entweder aus Kiefernholz oder waren einfach weiß. Wie erwartet besaß er auch Möbel in schwarz, zum Beispiel eine schlichte Couch und ein Bücherregal. Die Wände waren in weiß-, grau- und Blautönen gehalten. Die Decken waren viel höher, als bei mir zu Hause. Man hatte das Gefühl, dass die Wände bis in den Himmel ragten. Alles in allem war es heller, als ich mir vorgestellt hatte.
Die ganze Wohnung wirkte reif und erwachsen. Mein Zimmer dagegen ähnelte noch dem eines kleinen Mädchens mit den Lilatönen und der verspielten Dekoration, die aus Blumen und Plastikschmetterlingen über meinem Schreibtisch bestand.
Wie viel das alles wohl gekostet hatte? Verdiente er als Auftragskiller wirklich so viel?
Nein, ich wollte gar nicht darüber nachdenken. Während ich die Einrichtung genauer betrachtete, legte James unerwartet die Arme von hinten um mich und küsste zärtlich meinen Hals. Seine Lippen hinterließen ein intensives Brennen auf meiner Haut und mein Verlangen nach seinen Berührungen stieg ins Unermessliche.
„Und wie gefällt dir meine Wohnung?“ Sein warmer Atem kitzelte mich am Ohr.
„Gut“, brachte ich nur heraus und drehte mich zu ihm um.
Seine Augen blitzten und seine Lippen umspielten ein herzliches Lächeln. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss. Obwohl ich ihn nur zwei Sekunden berührte, fühlte ich, wie ein Feuerwerk in mir tobte. Dies ließ jedoch nach, als sich James zu meinem Bedauern in die Küche begab. Ich folgte ihm und setzte mich auf einen Barhocker, der an einer Kücheninsel stand und beobachtete ihn, wie er zwei Gläser aus einem bis zum Hochglanz polierten weißen Schrank holte und vor meiner Nase platzierte.
„Was möchtest du trinken?“
„Cola“, antwortete ich.
Nachdem das übliche Gefühlschaos, welches immer in mir herrschte, wenn ich ihn sah, fürs erste abgeflaut war, kam mir das Thema erneut in den Sinn, welches ich am Liebsten verdrängt hätte.
Trotzdem wollte ich es ansprechen und mehr darüber erfahren. Ich war verwundert über mich selbst, dass ich ernsthaft James nach seiner Tätigkeit fragen wollte. Ich schluckte schwer. Was wäre, wenn er wütend werden und ausflippen würde? Ich wollte mir auf keinen Fall eine weitere schmerzvolle Ohrfeige einfangen.
Trotz der Gefahr geschlagen zu werden, wollte ich ihn fragen. Ich hoffte ihn dann besser verstehen zu können. James steckte gerade den Kopf in den Edelstahlkühlschrank. Das war der perfekte Moment, um die Unterhaltung anzufangen, denn dann konnte er mein verängstigendes Gesicht nicht sehen.
„Wieso hast du als Kind nicht dagegen protestiert, als dein Adoptivvater dich zum Killer ausbilden wollte?“
Ich versuchte es beiläufig und cool klingen zu lassen. Er verharrte in der Bewegung. Es sah so aus, als ob er in Stein verwandelt worden wäre. Meine Intuition hatte mich nicht getäuscht. Er war sauer. Etliche Minuten verstrichen, in denen keiner von uns etwas sagte oder sich bewegte. Ich wagte es kaum zu atmen.
Dann schlug James die Kühlschranktür zu und stellte eine Colaflasche neben die Gläser. Unsicher hockte ich auf dem Stuhl und versuchte mich so klein wie möglich zu machen. Doch er schrie nicht. Er guckte auch nicht wütend oder böse, sondern er wirkte nachdenklich. Ich konnte es förmlich hinter seiner Stirn rattern sehen.
Dennoch war ich mir sicher, dass er im ersten Augenblick überrascht und auch wütend gewesen war. Womöglich hatte er aus Rücksicht auf mich hinter der Kühlschranktür gewartet, bis er sich beruhigt hatte. Nun setzte James sich neben mich.
„Du hast mich mit deiner Frage überrumpelt. Ich dachte wir lassen das Thema. Vor allem, nachdem ich gesehen habe, wie du auf meine Beichte reagiert hast.“
„Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist, aber aus irgendeinem Grund will ich mehr über deinen Beruf erfahren. Es ist nun mal, wie es ist.“
Ich klang gleichgültig, was mich überraschte. Entschlossen sah ich in sein Gesicht. Er sollte merken, dass ich es ernst meinte.
„Ich glaube nicht, dass du tatsächlich etwas übers Töten wissen willst und ich möchte auch nicht, dass du mehr weißt. Damit bringst du sowohl mich, als auch dich in Schwierigkeiten.“ James wirkte beunruhigt.
„Und warum hast du mir dann dein Geheimnis anvertraut?“ Gequält seufzte er.
„Du hast nun mal öfters nach meiner Vergangenheit gefragt. Es fiel mir schwer dich weiterhin zu belügen. Außerdem wärst du im Laufe der Zeit bestimmt misstrauisch geworden, wenn ich öfters unerwartet zur Arbeit gemusst hätte.“
„Also, bin ich alles Schuld.“ Empört verschränkte ich die Arme vor der Brust.
„Nein, natürlich nicht.“
Stille. Das regelmäßige Ticken der Wanduhr, die über dem Herd hing, war unwahrscheinlich ohrenbetäubend. Ich hörte, wie die Zeit verrann. Unaufhörlich und unerbittlich. Statt die kurze gemeinsame Zeit mit James zu nutzen und zu genießen, saßen wir uns schweigend gegenüber.
„Er war der Einzige, den ich noch hatte.“
Ich war erleichtert seine Stimme zu hören. Vermutlich war auch ihm klar geworden, wie dumm es war, uns anzuschweigen. Es dauerte jedoch, bis ich begriff, dass er meine Frage, die der Auslöser unserer Auseinandersetzung gewesen war, angesprochen hatte.
„Ich habe nicht wirklich darüber nachgedacht, was ich gelernt und getan habe. Mein Adoptivvater war stolz auf mich und das war das Wichtigste für mich. Ich habe alles für ihn getan, egal was er von mir verlangte.“ Ich kannte das Gefühl.
Ich selbst war bereit alles für James zu tun. Seine Miene war ausdruckslos, sein Blick ging ins Leere. Er schien in Gedanken zu sein. Ich blieb still neben ihm sitzen. Er hatte mir etwas Persönliches aus seiner Vergangenheit erzählt, ohne auszuflippen. Das bedeutete mir sehr viel.
„Wieso hast du später nicht aufgehört? Wieso hörst du jetzt nicht auf?“, flüsterte ich. Ich hoffte, dass er mir weiterhin so ehrlich antworten würde.
„Auch wenn es für dich unverständlich ist, aber das ist nun mal mein Job und daran wird sich auch nichts ändern.“ Geschockt schaute ich ihn an.
„Hast du kein schlechtes Gewissen? Denkst du nicht an die Schmerzen, die du den Menschen und deren Familien zufügst?“
Meine Stimme zitterte vor Erregung.
„Am Anfang hat mich das schlechte Gewissen fast zerfressen. Jede Nacht konnte ich nicht schlafen, doch nach einem Jahr gingen die Albträume zurück und verschwanden dann ganz. Genauso wie die Vorwürfe, die ich mir gemacht habe. Ich schätze, dass ich im Laufe der Zeit abgestumpft bin.“ Belanglos zuckte James mit den Achseln.
Die Selbstverständlichkeit, mit der er das sagte, fand ich abscheulich. Fassungslos schüttelte ich den Kopf. Wie konnte er nur so gleichgültig sein?
„Und damit hat sich die Sache, ja? Merkst du nicht, dass es falsch und grausam ist, was du tust?“
Ich war aufgebracht und schockiert über seine Ansichten. James nahm mein Gesicht in seine Hände und schaute mir tief in die Augen.
„Jetzt hör mir bitte zu, Holly. Nicht jeder Mensch kann so gut und rein von allem Bösen sein, wie du.“ Ich wollte gerade widersprechen, als er mir einen Finger auf die Lippen legte.
„Egal, was du auch sagst, du bist der liebevollste und gütigste Mensch, den ich kenne, glaub mir. Ich weiß, dass du mich für ein Monster hälst, aber ich kann nicht aufhören.“
„Nicht einmal mir zu liebe?“ Flehend blickte ich in das eisige Grau, das mir entgegenblickte. Trotz seiner zärtlichen Worte und dem Gefühl in seiner Stimme blieben seine Augen gefühllos und kalt.
Mir jagte ein Schauer über den Rücken.
„Bring mich nicht in Versuchung. Du weißt, dass du mit unfairen Mitteln spielst.“ Schief grinste er mich an.
„Wieso denn das?“
„Weil ich dir kaum etwas abschlagen kann.“ Er küsste meine Stirn. Als seine Augen wieder meine trafen, war sein Gesicht todernst.
„Auch wenn ich wirklich aufhören wollte, so einfach ist das nicht.“
„Warum ist es nicht einfach? Stimmt das tatsächlich oder sagst du das nur, damit du eine Ausrede zum Weitermorden hast?“, fuhr ich ihn an und zog mein Gesicht aus seinen Händen.
Wieso war James ein solcher Feigling? Warum konnte er nicht offen zugeben, dass ihm das Töten von Menschen Spaß machte? Mich nervten diese ständigen Ausreden.
Ich glitt vom Stuhl herunter und mit einigen Schritten nach hinten hatte ich ein paar Meter zwischen mich und James gebracht. So böse, wie ich konnte, funkelte ich ihn an.
„Es ist verständlich, dass du sauer bist, aber ich lüge dich nicht an. Das schwöre ich dir. Ich werde dich nie wieder anlügen.“ Er ging ein paar Schritte auf mich zu und verringerte die Distanz.
„Nehmen wir mal an, dass du die Wahrheit sagst. Warum ist es dann so schwer mit dem Töten aufzuhören?“ Jetzt war ich auf seine Antwort gespannt.
„Es ist wie bei den Straßengangs. Wenn du aussteigst, haben die anderen Angst, dass man zu den Bullen geht und sie verpfeift. Es interessiert sie nicht, ob du sie wirklich verrätst oder nicht. Und wenn sie dich finden, und das werden sie, auch wenn du untertauchst und glaubst, dass du in Sicherheit bist, dann töten sie dich ohne mit der Wimper zu zucken. Es ist ihnen egal, wie lange sie dich kennen.“
„Warum bist du dir so sicher? Es gibt immer einen Weg. Man hat immer die Chance, das Richtige zu tun.“ Ich appellierte an seine Vernunft. Wieder kam James näher und ich spürte seinen Atem auf meiner Haut. Ich bekam eine Gänsehaut.
„Ich bin mir sicher, glaub mir Holly. Meine Kollegen würden mich finden, wenn ich aussteige. Die lassen nicht locker.“ Er blickte betreten zu Boden.
„Das heißt, du musst für immer und ewig als Killer arbeiten?“ Lächelnd stand er vor mir und streichelte mir über die Wange.
„Ich schätze ja.“
„Findest du das etwa lustig?“ Ich war entsetzt. Wie konnte er darüber lachen?
„Natürlich nicht.“ Sein Lächeln verschwand, als ob es jemand weggewischt hätte.
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mir wünsche, dass du aufhörst.“ Ich spürte einen schweren Kloß im Hals und meine Augen wurden feucht.
Es gab zwei Gründe, die mich zur Verzweiflung trieben: einmal hatte ich, obwohl ich James liebte, Angst vor ihm. Es war ihm überhaupt nicht ernst damit, das Töten zu unterlassen. Er fand es sogar lustig. Und dann hatte ich Angst um sein Leben. Nach seiner Schilderung reichte ein Fehler aus, um bei den Leuten, mit denen er arbeitete, selbst auf der Todesliste zu stehen. Besorgt schaute James mich an.
„Was ist denn?“
„Ich…ich hab solche Angst.“ Mein Körper bebte unkontrolliert und die gesammelten Tränen rannen über mein Gesicht.
„Wovor denn?“ James legte einen Arm um mich und zog mich nah an sich heran.
Sollte ich ihm die Wahrheit sagen? Traute ich mich, ihm die Wahrheit zu sagen? Tief atmete ich ein und aus.
„Ich habe Angst vor…vor…dir.“ Ich wagte es nicht, ihn anzusehen. Nach dem Rhythmus seines Herzschlags war er weder aufgebracht, noch beunruhigt.
„Ich bin dir nicht böse. Es gibt genug Gründe, warum du Angst vor mir hast.“ Seine Stimme war zum Ende leiser geworden.
„Ich bin es nicht wert von dir geliebt zu werden, von dem beeindruckensten und atemberaubensten Menschen, den ich je kennenlernen durfte.“ Was er sagte, zerriss mir fast das Herz. Gerührt schaute ich ihm in die Augen. Das erste Mal sah ich darin Wärme, trotz der grauen Wirbel.
„Du ahnst nicht, wie viel du mir bedeutest. Viel mehr als mein Leben.“ Entsetzt weiteten sich James´ Augen. Er packte mich unsanft an den Schultern.
„Sag das nie wieder, hörst du? Nie wieder. Dein Leben ist das Kostbarste, was du besitzt. Ich will nicht, dass du mich höher setzt, als dich selbst. Das habe ich nicht verdient.“ Sein Gesicht war verzerrt und todernst.
Ich nickte mechanisch. Dann beugte James den Kopf zu mir herunter und bedeckte meine Wangen und den Nasenrücken mit sanften Küssen. So leicht, dass seine Lippen meine Haut kaum berührten.
„Ich liebe deine Sommersprossen. Sie machen dich noch schöner.“ Wieder einmal wurde ich knallrot. Mein Herz schlug schnell und schlagartig wurde mir heiß.
„Hast du Hunger?“, fragte er urplötzlich und ging zurück hinter die Kücheninsel.
„Ja.“ Ich wedelte mir Luft zu.
Dann schüttete ich Cola in beide Gläser und nahm einen kräftigen Schluck, um meinen aufgeheizten Körper abzukühlen.
„Gut, dann koche ich was für uns.“ Er packte mit beiden Händen in den Kühlschrank und zog Tomaten und eine Zwiebel hervor.
„Und was gibt es?“
„Spaghetti Bolognese. Ist zwar nichts besonderes, aber sehr lecker.“
„Mir ist egal, was es zu essen gibt, die Hauptsache ist doch, dass du für mich kochst.“ Breit grinste ich und zwinkerte ihm zu. Galant verbeugte er sich hinter der Kochinsel, wie ein Diener.
„Steht´s zu Diensten, Madame.“ Er stellte sich gerade hin und lachte laut. Er klang glücklich und ausgelassen. Ich stütze das Gesicht auf die Hände und beobachtete, wie James Wasser aufsetzte und ein paar Tomaten und die Zwiebel mit einem scharfen Messer in klitzekleine Stücke schnitt. Geschmeidig huschte er hin und her. Er holte neue Zutaten oder rührte in der Soße herum. Nach einiger Zeit dampfte es aus dem Topf und er schüttete die Nudeln hinein. Der Duft nach Tomatensoße erfüllte die Luft.
„Du kannst dich schon mal an den Tisch setzten.“ Seine Stimme drang durch den Dampf, der sich wie eine Mauer zwischen uns aufgetan hatte.
„Das Essen ist gleich fertig.“
„Okay.“ Ich rutschte vom Barhocker und hielt Ausschau nach einem Esstisch. Links hinten in der Ecke entdeckte ich einen langen metallenen Tisch mit sechs Stühlen. Wieso brauchte er für sich alleine einen Tisch mit so vielen Stühlen? Reicher Schnösel.
Ich durchschritt den großen Raum und setzte mich auf einen der Stühle. Mir gegenüber lag ein Fenster, doch ich konnte überhaupt nichts sehen. Draußen war es stockdunkel. Ich bemühte mich nicht auf die Uhr zu sehen, denn sonst wäre ich wohl schockiert über die bereits vergangene Zeit. Die Lampe über dem Tisch und die hinter der Ledercouch waren angeschaltet und tauchten die Wohnung in ein dämmriges Licht. James kam mit jeweils einem Teller in jeder Hand auf mich zu.
„Hier bitte. Hoffentlich schmeckt es dir auch.“ Er stellte einen gut gefüllten Teller vor meine Nase. Es duftete köstlich. Mein Magen grummelte laut. Sofort schlang ich die ersten Nudeln herunter. Bestraft wurde meine Ungeduld mit einer verbrannten Zunge. Sie schmerzte und fühlte sich taub an.
„Da hat wohl jemand Hunger.“ James lächelte amüsiert. Ich nickte bloß. Um wieder Gefühl in meine Zunge zu bekommen, schnalzte ich und rieb sie über meine Zähne. Viel half es jedoch nicht.
James aß derweil in aller Ruhe und ohne Probleme weiter. Er war nicht so dumm wie ich und stopfte das Essen in sich hinein.
Während wir aßen sprachen wir nicht. Man hörte nur das Klirren der Bestecks. Als ich fertig war, schob ich satt den Teller zur Mitte des Tisches.
„Es scheint dir geschmeckt zu haben“, stellte James fest und deutete auf meinen leeren Teller. Zufrieden lächelte er.
„Du hast da noch was.“
„Wie bitte?“ Ich war irritiert. Er beugte sich mit seinem Oberkörper über den Tisch. Mit einem Daumen berührte er meinen rechten Mundwinkel und setzte sich dann wieder hin. Was sollte das denn? Im Schein der Lampe konnte ich rote Soße auf seinem Daumen erkennen.
Klasse. Wieso musste ich auch essen wie ein Schwein? Ich will gar nicht wissen, wie ich mit der Soße im Gesicht ausgesehen habe.
Bestimmt wie ein kleines Kind, das sich beim Essen regelmäßig einsaute. Röte stieg mir ungehindert ins Gesicht. Als ich zu James rüberschaute, sah ich, wie er den Rest der Soße, die von meinem Mund stammte, von seinem Daumen leckte.
„Du bist echt niedlich, Holly.“ Ich wusste nicht, warum er das ohne Zusammenhang gesagt hatte, doch ich fühlte mich durch das Adjektiv niedlich noch mehr wie ein kleines Mädchen.
„Soll ich dir noch den kleinen Rest der Wohnung zeigen?“
Vermutlich hatte er meinen verstimmten Gesichtsausdruck bemerkt und wollte mich wieder milde stimmen, indem er mich ablenkte.
Er streckte mir eine Hand entgegen.
Ohne zu Zögern ergriff ich sie und erhob mich. Gemeinsam gingen wir an der Küche vorbei. James öffnete eine der weißen Türen und zog mich hinter sich her in sein Schlafzimmer. Das Zimmer war im Vergleich zu der bisherigen Einrichtung, die ich gesehen hatte, dunkel und meine vorherige Vorstellung, wie seine Wohnung wohl aussah, erfüllte sich jedenfalls teilweise.
Das Bett, welches vor einem überdimensionalen Fenster stand, bestand aus dunkelbraunem Holz und war mit grauer Bettwäsche bezogen. Die übrigen Möbel waren regelrecht winzig gegen das große Bett. An einer Wand befand sich sein Kleiderschrank und ein Ganzkörperspiegel. Dann gab es noch einen penibel aufgeräumten Schreibtisch. James war ordentlicher, als ich und dabei war er ein Mann.
Im Gegensatz zu ihm war ich wirklich faul. Ich ließ seine warme Hand los und setzte mich auf die Bettkante. Die Matratze gab ohne Weiteres nach und ich sank tief hinein.
Das Zimmer jagte mir irgendwie Angst ein. Es war düster und kalt. Ich zitterte.
„Bequem nicht?“ James ließ sich neben mir nieder. Ich betrachtete weiter das Zimmer.
„Ja, ist es.“ Zur Bestätigung lehnte ich mich nach hinten und legte mich mit dem Rücken aufs Bett.
„Darf ich dich was fragen?“ Er legte sich ebenfalls hin.
„Klar.“ James grinste.
„Ist es hier immer so ordentlich oder hast du extra für mich aufgeräumt?“
„Was ist denn das für eine Frage?“
„Eine Normale eben.“
„Ich hatte wieder mit einer Frage über meinen Beruf gerechnet. Stattdessen kommt so was.“
„Entschuldige“, sagte ich sarkastisch.
„Na gut, mein Zimmer ist immer aufgeräumt, auch wenn du es nicht glaubst.“ Er hatte Recht, ich glaubte ihm nicht.
„Und warum? Schließlich bist du ein Mann und nun ja…die sind halt unordentlich.“ Ich kam mir dämlich vor.
Ich redete mit ihm allen Ernstes über Ordnung. Er drehte den Kopf nach links, sodass er mir in die Augen sehen konnte.
„Du gibst mir also hiermit die Erlaubnis unordentlich zu sein?“ Seine Augen blitzten und seine Lachfältchen wurden tiefer.
„Nein, so sollte das nicht klingen. Ich hab nur noch nie einen Mann gesehen, der ein sauberes Zimmer hat.“
Das stimmte wirklich. Bis zum heutigen Tag war ich in zwei Jungenzimmern gewesen. Das erste Mal vor acht Jahren. Damals war ich mit einem Jungen namens Chad befreundet. Ich hatte ihn einmal besucht und musste in einem mit Spielzeug überladenen Zimmer mit abgerissenen und bemalten Tapeten spielen. Nach diesem Tag war ich nie mehr bei ihm gewesen.
Das zweite Mal war ich im Zimmer von Lindas Bruder Eli gewesen. Ich hatte nur einen kurzen Blick hineingeworfen, doch dieser hatte ausgereicht um die Müllhalde zu betrachten. Überall, kreuz und quer, hatten Klamotten, Essensreste, Bücher und noch einiges andere herumgelegen. Seitdem hatte ich es nicht mehr gewagt ein Jungenzimmer zu betreten.
Wieso beschwerte ich mich eigentlich? Mein Zimmer sah ja nicht besser aus.
„Tja, ich mag es nun mal ordentlich. Ich hab schon genug Chaos in meinem Beruf, da brauche ich nicht noch mehr Unordnung.“
Mit verklärtem Blick schaute James an die hohe Decke. Schweigend lagen wir nebeneinander. Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, legte ich mich mit meinem leichten Körper auf ihn. Seine Wärme trat durch meine Kleidung. Ich spürte sie auf meiner Haut. Sein Blick wurde wieder klar und wanderte zu meinen Augen. Meine langen Haare fielen wie ein Vorhang an unseren Gesichtern vorbei und trennten uns vom Zimmer. Ich sah nur noch ihn. James schlang seine starken Arme um meine Hüften.
Leicht neigte ich mich nach vorne und küsste ihn. Zuerst war es nur ein flüchtiger Kuss, doch dieser wurde zunehmend leidenschaftlicher. Ich griff in seine Haare. Mein Körper heizte sich genauso schnell auf, wie eben in der Küche. Ihm ging es nicht anders, denn ich konnte spüren, wie die anfängliche Wärme, die seine Haut ausgestrahlt hatte, sich in Hitze verwandelte.
James streichelte mir über den Rücken, bis zu meinem Steißbein, und wieder zurück. Meine Bluse klebte an meiner Haut. Mein Atem ging stoßweise.
In meinem Kopf herrschte das reinste Chaos. Der heiße Kuss beflügelte mich. Ich fühlte mich wie benebelt.
Plötzlich drehte er mich so schnell auf den Rücken, dass mir im ersten Moment gar nicht bewusst war, was er getan hatte. Es ähnelte einem Zaubertrick. Man konnte dem Zauberkünstler unentwegt zuschauen, dennoch schaffte er es dich zu überraschen, indem er irgendetwas hervorzauberte oder verschwinden ließ. Dann fragte man sich, wie er das bloß gemacht hatte. Links und rechts von meinem Kopf hatte er seine Arme abgestützt, damit sein ganzes Gewicht nicht auf mir lastete.
Ich schlang meine Beine um seine Hüften und zog ihn am Hemdkragen zu mir herunter. Verschmitzt lächelte James mich an. Seine Augen konnte ich nur schwerlichst erkennen, da es zunehmend dunkler im Schlafzimmer wurde. Enttäuscht schaute ich zur Seite.
„Was ist los? Stimmt was nicht? Tue ich dir weh?“ Voller Sorge ließ er den Blick über mich schweifen.
„Nein, mir tut nichts weh.“ Ich sah ein erleichtertes Gesicht vor mir.
„Was ist dann mit dir?“ Jetzt, wo ich darüber nachdachte, war es übertrieben und lächerlich nur wegen seiner Augen, auch wenn sie wunderschön und faszinierend waren, gleich einen Aufstand zu machen. Ich war froh, dass kein Licht im Zimmer brannte, denn sonst hätte James mein knallrotes Gesicht gesehen. Obwohl für ihn das sicherlich nichts Neues mehr war.
„Es ist nicht wichtig, nur blöd.“
„Ach was. Komm schon, raus damit.“ Ich stöhnte auf.
„Ich kann deine Augen nicht sehen“, flüsterte ich so leise, wie ich konnte.
„Wie bitte?“ James drehte sein rechtes Ohr zu meinem Mund. Hatte er tatsächlich nicht verstanden, was ich gesagt hatte oder wollte er mich bloß quälen?
„Ich kann deine Augen nicht sehen“, wiederholte ich lauter.
„Und nur deswegen bist du traurig?“
„Ich hab doch gesagt, dass es blöd ist“, sagte ich kleinlaut und wäre vor Scham am Liebsten direkt durch die Matratze auf den Fußboden gesunken. Dann wäre ich nie mehr unter dem Bett hervorgekommen.
Doch anstatt sich über mich lustig zu machen, wozu er meiner Meinung nach berechtigt war, kam James´ Gesicht so nah an mich heran, dass seine Augen nur wenige Zentimeter von meinen entfernt waren und ich die verschiedensten Grautöne ausmachen konnte. Minutenlang verharrten wir in dieser Position.
Ich vergaß Raum und Zeit und schwebte in einer Art Trance; in einer anderen Welt, nur mit James. Mein Atem ging flach. Das Grau seiner Augen und das Schwarz der Finsternis, die durch das Fenster hinein drang und uns umgab, verschwammen leicht vor meinen Augen.
Auf einen Schlag wurden meine Lider schwer. Wieso war ich bloß so müde? Mit aller Macht versuchte ich meine Augen aufzuhalten, doch immer tiefer sank ich ins Land der Träume.
Bleib wach, Holly, bleib wach, motivierte mich meine innere Stimme. Ich musste unbedingt wach bleiben. Wenn ich jetzt einschlief, würde ich die wenige Zeit, die mir mit ihm noch blieb, vertun. James schien erneut zu wissen, was in mir vorging. Er rollte sich von mir herunter und zog mich an seinen Oberkörper.
„Gute Nacht, Holly“, flüsterte er mir auf einmal zu und klemmte eine Haarsträhne von mir hinter das rechte Ohr. Er küsste mich auf die Stirn. Ich verfluchte meine verdammte Müdigkeit.
Ich zog die Beine an und kuschelte mich an ihn. Die Wärme, die von ihm ausging, ließ mich schläfrig werden. Mit den rhythmischen Schlägen seines Herzens in meinen Ohren schlief ich ein.

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