Drei


Am nächsten Mittag versuchte ich, so gut es ging, dem vorwurfsvollen Blick meiner Mutter zu entgehen. Sie war beleidigt, nur weil ich vielleicht ein klein wenig müde und ihr beim Kochen keine große Hilfe war. Zugegeben, meine geistige Abwesenheit lag nicht am Schlafmangel, sondern an diesem engelsgleichen Gesicht mit den hellgrünen Augen, das mich in jeder einzelnen Sekunde heimsuchte, seit ich aufgewacht war. Nein, eigentlich hatte er mich auch im Schlaf beherrscht.

»Schatz, bitte reiß dich zusammen, deshalb wollte ich nicht, dass du so spät nach Hause kommst.« Da war er wieder, dieser tadelnde Ton, der mit einer trügerischen Sanftheit vorgetragen wurde, den nur Mütter draufhatten.

»Ich bin wach«, murmelte ich, während ich die Schüssel mit den dampfenden, selbst gemachten Spätzle zum Esstisch brachte.

»Wach und aufnahmefähig sind zweierlei, Krissi.«

Bei der Erwähnung meines Spitznamens verzog ich den Mund. Wenn man zwölf ist, mag er ganz süß sein, aber für sie würde ich wohl nie erwachsen sein.

»Lass sie doch, Margo, wir waren auch mal jung und haben über die Stränge geschlagen.« Ich warf Carl einen dankbaren Blick zu und war froh, dass er sich für mich einsetzte. Wobei ich mir nicht sicher war, ob Mom wirklich mal jung gewesen war. Mit all ihren Weisheiten kam sie mir vor wie der weißhaarige Zauberer aus diesem Fantasyfilm, den ich mal gesehen hatte, mit den nervigen Halbwüchsigen und diesem Ring.

»Krissi, könntest du uns bitte die Erbsen reichen?« Inzwischen saßen wir am Esstisch und Mom hatte Nahrungsmittel aufgefahren, die locker eine Schulklasse satt bekommen hätten. Lustlos stocherte ich auf meinem Teller herum und meine Gedanken schweiften immer wieder ab. Was Chris wohl gerade machte? Ob er und seine Eltern in diesem Moment ebenfalls zu Mittag aßen?

»Du hast ja gar nichts gegessen«, warf sie mir vorwurfsvoll an den Kopf. Erschrocken sah ich auf meinen Teller und stellte fest, dass sie recht hatte. Die beiden waren längst fertig – wie lange hatte ich vor mich hingeträumt um Himmels willen? Dann fiel mir erneut auf, dass sie sich immer wieder verstohlene Blicke zuwarfen und sich berührten, das ging schon den ganzen Morgen so. Ich freute mich natürlich, dass sie so verliebt waren, vor allem, da ich glaubte, im Moment ähnlich zu empfinden. Aber – o Mann, das war Mom, ich wollte das nicht sehen. Igitt.

Nachdem ich meinen Teller ebenfalls abgeräumt und mich um die Küche gekümmert hatte, setzte ich mich wieder zu ihnen an den Tisch. Solange die Kaffeemaschine noch lief, hatte ich nichts weiter zu tun.

»Krissi«, fing sie plötzlich mit ernster Miene an und da fiel mir wieder ein, dass sie mit mir reden wollten. Wie hatte ich das nur vergessen können? Schon gut, ich kannte die Antwort. Ihr Gesichtsausdruck machte mir Angst, auf einmal überschwemmte mich eine nie dagewesene Panik, dass sie mir gleich sagen würde, dass sie schwer krank war und nicht mehr lange zu leben hatte. O Gott.

»Schatz, Carl und ich, wir sind sehr glücklich miteinander, wie du weißt«, fuhr sie fort und über meinem Kopf erschien ein dickes Fragezeichen.

»Ich hätte niemals gedacht, dass ich nach deinem Vater noch einmal so für einen Mann empfinden könnte.«

Jetzt rutschte ich unbehaglich auf meinem Stuhl hin und her. Dieses Gespräch steuerte in eine unangenehme Richtung, das konnte ich richtiggehend spüren.

»Und weil wir uns so lieben und es für uns absolut klar war, dass wir zusammengehören, haben wir geheiratet.«

Ich atmete erleichtert aus und die ganze Anspannung fiel von mir ab. Sie würde nicht sterben, danke ihr Mächte da oben. Moment. Was hatte sie da gerade gesagt? »Ihr habt was?« Fassungslos sah ich zwischen ihnen hin und her, doch sie hielten sich an den Händen und strahlten mich glücklich an. Langsam dämmerte meinem Gehirn, was diese Worte bedeuteten.

»Krissi, Schätzchen, das ist doch etwas Wundervolles«, setzte sie an, doch ich reagierte nicht. Wann war das geschehen? Warum war ich nicht dabei gewesen? Mom hatte wieder geheiratet und ihre einzige Tochter nicht eingeladen? Dabei war ich doch handzahm und brav.

»So wundervoll, dass deine Tochter nicht an deinem Glück teilhaben darf?« Verstimmt verschränkte ich die Arme vor meiner Brust und kniff die Augen zusammen.

»Heißt das, du ärgerst dich nicht, weil wir geheiratet haben, sondern nur, dass du nicht dabei gewesen bist?«

Wieder hatte sie recht. Natürlich war es merkwürdig, aber ich hatte hin und wieder an diese Möglichkeit gedacht, nur eben nicht, dass ich erst hinterher informiert werden würde. Nachdem, was mein Vater mit ihr abgezogen hatte, war Carl Balsam für ihre verletzte Seele. Also ja, natürlich gönnte ich es ihr. Aber auf diese Art kam ich mir plötzlich ausgeschlossen vor, empfand mich nicht mehr als Teil ihres Lebens. War das so, wenn man erwachsen wurde? Darüber musste ich nachdenken, doch hier war der falsche Ort dafür. Ich stand auf, um in mein Zimmer zu gehen.

»Wir würden gern noch etwas mit dir besprechen«, sagte Carl.

Stirnrunzelnd setzte ich mich wieder. Noch eine Offenbarung? Prima, der Tag versprach, ein voller Erfolg zu werden. Mir fiel auf, wie Mom nervös an ihren Fingern spielte, und ich ahnte nichts Gutes. O Gott, schwanger konnte sie doch in ihrem Alter nicht mehr werden, oder?

»Schatz, du weißt, dass Carl nicht in dieser Gegend wohnt und wir uns deshalb immer nur am Wochenende sehen konnten. Wir sind der Meinung, dass sich das nun, da wir verheiratet sind, ändern muss.«

Mir wurde ganz schummrig und ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals. Wir würden wegziehen. Nein. Eine eigene Wohnung konnte ich mir mit dem Minijob neben dem Studium noch nicht selbst finanzieren und wäre somit gezwungen, mitzugehen.

»Nach reichlicher Überlegung sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass unser Haus sich eher anbietet. Wir haben hier viel mehr Platz, einen großen Garten, einen ausgebauten Keller mit Sauna und es ist, dank des schlechten Gewissens deines Vaters, nahezu abbezahlt. Lange Rede, kurzer Sinn: Carl wird nächstes Wochenende bei uns einziehen.«

Ich hörte sie tief durchatmen, doch mir fiel ebenfalls ein großer Stein von Herzen. Seltsamerweise empfand ich nur Erleichterung. Eine große, dankbare, überglückliche Erleichterung darüber, dass ich noch hier bleiben konnte. Der Gedanke, Sina und Fee nicht mehr sehen zu können, war furchtbar.

»Schatz? So sag doch was?« Mom räusperte sich nervös, ich glaubte, diese Ansage war ihr nicht leicht gefallen.

»Also …, was soll ich sagen.« Ich sah auf und lächelte beide an. »Ich freue mich für euch, das zuerst. Und ja. Ich bin enttäuscht, dass ihr mich nicht bei eurem Jawort dabeihaben wolltet, aber ich habe kein Problem damit, dass Carl hier einzieht. Auch wenn es jetzt doch ein bisschen schnell auf einmal geht. Er ist, was dich glücklich macht, und dann bin auch ich glücklich.« Als ich sah, dass sie Tränen in den Augen hatte, tat mir mein schroffes Verhalten von vorhin leid, daher stand ich umgehend auf, lief um den Tisch zu ihr und nahm sie in die Arme. »Ich hab dich lieb«, murmelte ich an ihrer Schulter und spürte den sanften Druck ihrer Umarmung. Plötzlich erhob sich auch Carl und umarmte uns beide. So viel Gruppenkuscheln war mir dann doch unheimlich, daher versuchte ich, mich schnellstmöglich herauszuwinden.

Wir verbrachten den Nachmittag mit reden und nochmals reden und irgendwann hatte sie mir gebeichtet, dass sie heimlich geheiratet hatten, weil sie sich vor meiner Reaktion gefürchtet hatten. Als ob ich ihr die Liebe verbieten könnte? Oder überhaupt irgendetwas.

Seufzend legte ich mich auf meine Matratze zurück. Vor zehn Minuten hatte ich mich in mein Zimmer verabschiedet, jetzt benötigte ich Zeit für mich, um meine Gedanken zu ordnen. Nächstes Wochenende würde sich hier alles ändern. Dann würden Mom und ich nicht mehr allein sein. Keine Vom Winde verweht-, keine Spieleabende mehr zu zweit, keine Frust- und Chipsorgien mehr. Sehnsüchtig dachte ich an unser Leben, wie es seit der Scheidung meiner Eltern war. Perfekt. An den Wochenenden war zwar Carl seit einem Jahr immer da, doch wenigstens hatte ich sie unter der Woche für mich gehabt. Das war bald unwiderruflich vorbei.

Seufzend starrte ich an die Decke. Auf der anderen Seite war es gut, dass er hier einzog. Ich war erwachsen, und in absehbarer Zeit würde ich ausziehen. Gut, ich verstand mich mit ihr blendend, wir waren tolle Freundinnen und vielleicht hätte ich es gar nicht so eilig mit dem Ausziehen gehabt. Ich war ja noch jung. Aber nun sah ich es mit anderen Augen. Nun war Carl ihr Mann und sie hatten noch viele gemeinsame Jahre vor sich, die sie sich wohl eher nicht mit einer erwachsenen Tochter vorgestellt hatten, die ihnen auch in zehn Jahren noch als Untermieter erhalten blieb.

Dieser Gedanke brachte mich zum Schmunzeln und lächelnd griff ich nach meinem Handy. Große Veränderungen standen bevor und ich musste dringend mit Fee und Sina darüber sprechen. In diesem Augenblick fiel mein Blick auf die Karte, die ich heute Morgen zugesteckt bekommen hatte und die noch auf dem Nachttisch lag. Chris. Mit zitternden Fingern nahm ich sie und starrte auf die Telefonnummer. Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, bis ich mir einen Ruck gab und ihn, anstatt meiner Freundinnen, anrief. Vor Aufregung vertippte ich mich mehrmals, und als die Verbindung endlich stand, war ich ein paar Mal versucht, einfach aufzulegen.

»Hallo fremde Nummer, wie kann ich behilflich sein?«, ertönte plötzlich seine belustigte Stimme aus dem Telefon.

»Hi …, ich … Hallo.« O Gott war ich peinlich. Erneut fehlten mir die Worte und plötzlich wurde mir bewusst, dass es erst ein paar Stunden her war, seit wir uns gesehen hatten. Ich hatte keine Ahnung von Datingregeln und all dem, aber ausgerechnet jetzt fiel mir ein, wie meine Freundinnen immer wieder davon gesprochen hatten, dass man sich nach einem Treffen nicht sofort wieder melden darf. Super. Auf ganzer Linie versagt.

»Könnte es möglich sein, dass die einzigartige und wundervolle Kris mit K Gedanken lesen kann und wusste, dass ich mich nach ihrer Stimme sehne?«

»Nein, denn das wäre ja verrückt«, antwortete ich lächelnd, in Bezug auf unser Gespräch in der Nacht. Seine Worte wärmten erneut mein Herz und ich war erleichtert, dass er sich über meinen Anruf freute.

»Dann rufst du sicherlich an, weil du mich ganz schrecklich vermisst?« Auch wenn seine Stimme belustigt klang, so hörte ich einen kleinen Hoffnungsschimmer daraus und die Freude darüber sandte Tausende kleine Nadelstiche in meinen Magen. »Pst, aber verrate es keinem.«

»Niemals. Ich schwöre.« Er machte eine kleine Pause. »Kann es sein, dass du etwas auf dem Herzen hast?«

Ich erstarrte. Wie war es möglich, dass er so feine Antennen hatte? Wie konnte er das wissen, wenn er nur meine Stimme hörte? O Mann, ich hatte nie gedacht, dass es den perfekten Mann tatsächlich geben könnte, doch ich hatte ihn gefunden.

»Liegt es an dem Gespräch mit deiner Mom, von dem du erzählt hast?« Und zuhören konnte er auch noch. Ich war rettungslos verloren. »Ja, irgendwie schon. Stell dir vor, sie haben mir vorhin gebeichtet, dass sie geheiratet haben.« Ich seufzte.

»Und du hattest davon keine Ahnung?«

»Nein, sie haben es mit keinem Wort erwähnt.«

»Das tut mir leid. Ich bin sicher, dass du gern dabei gewesen wärst.« Bei seinen Worten verspürte ich einen kleinen Stich, denn er hatte recht. Auch wenn ich erwachsen und Mom mir keine Rechenschaft schuldig war. Es wäre mir eine große Freude gewesen, an ihrem besonderen Tag an ihrer Seite zu sein.

»Wie fühlst du dich?«

»Schon okay. Ich freue mich für die beiden. Aber na ja …«

»Aber es verletzt dich?«

»Ein wenig.«

»Kann ich verstehen.« Wieder entstand eine kleine Pause. »Und jetzt?«

»Jetzt fängt eine neue Zukunft an. Und ich habe wohl wieder einen Dad.«

»Und ist das gut oder schlecht?«

»Ich glaube gut.«

»Das hört sich nach einem Anfang an.«

»Ich hoffe es.« Dann lächelte ich erneut und war erstaunt, wie einfach es mir fiel, mit Chris zu reden und wie allein seine Stimme mir bereits geholfen hatte.

»Und welche Pläne verfolgt meine schöne Unbekannte für die kläglichen, restlichen Stunden, die uns vom Wochenende noch geblieben sind?«

Ich kuschelte mich unter meine Decke und machte es mir gemütlich, denn auf einmal hatte ich so viel zu erzählen und Chris schien ganz begierig auf jedes Wort zu sein, das ich sprach.

An diesem Abend telefonierten wir noch stundenlang, bis Mom ins Zimmer kam, um sich für die Nacht zu verabschieden. Erst da fiel mir auf, wie spät es schon war. Da ich oft mit meinen Freundinnen lange Gespräche führte, schöpfte sie keinen Verdacht, sie stellte zumindest keine merkwürdigen Fragen.

Schweren Herzens verabschiedete ich mich irgendwann von Chris, da ich in der Vorlesung am nächsten Tag nicht damit auffallen wollte, vor allen anderen Studenten einzuschlafen. Dass ich trotzdem mit einem seligen Lächeln auf den Lippen einschlief, verdankte ich Chris’ Versprechen, sich gleich nach der Uni zu melden. Ich hätte nicht glücklicher sein können.



Die Vorlesung am nächsten Tag hätte ich mir wirklich sparen können. Ich zwang mich mehrmals dazu, dem Dozenten zuzuhören, doch egal, wie sehr ich mich anstrengte, meine Gedanken wanderten sofort wieder zu Chris.

Irgendwie hatte ich den Vormittag schließlich überstanden und stürmte regelrecht aus dem Hörsaal. Ich wusste nicht, wann er zu Hause sein würde, aber ich wollte es auf jeden Fall sein, wenn er sich meldete.

Endlich daheim passte mich jedoch Mom ab, die mit mir Carls Einzug am Wochenende besprechen wollte. Obwohl ich dafür überhaupt keine Geduld hatte, hörte ich brav zu und nickte zu allem zustimmend.

»Krissi, du hörst mir gar nicht zu, was ist los?«, unterbrach sie schließlich ihre geschäftige Planung.

»Nichts, alles gut.« Ich sah immer wieder sehnsüchtig auf mein Handy, das zwischen uns auf dem Tisch lag, jedoch noch immer still blieb.

»Hast du noch was vor? Langweile ich dich?«

»Nein Mom, ich bin nur müde«, gab ich vor.

»Siehst du, wenn du am Samstag nicht so lange fort gewesen wärst, dann wäre das nicht passiert. Ich sage jetzt nicht: Ich habe es dir ja gesagt.«

Ich sah, dass sie ein Lachen unterdrückte, und kniff die Augen zusammen.

»Hast du jemanden kennengelernt?« Plötzlich saß sie kerzengerade und musterte mich eingehend. »Das ist es? Krissi Schätzchen, das ist doch wundervoll, wann stellst du ihn uns vor?«

O Gott der Worst Case war eingetroffen. »Mom jetzt komm mal runter, da gibt es nichts zu erzählen«, versuchte ich, abzuwiegeln, doch sie hatte Feuer gefangen.

»Papperlapapp, ich habe mich sowieso gefragt, weshalb du in die Disco gegangen bist, ich hätte schon früher darauf kommen können, dass es um einen Mann geht.« Sie klatschte freudig in die Hände und beugte sich verschwörerisch zu mir. O nein. Jetzt hatte sie sich festgebissen.

»Mom, wirklich, ich habe nur ein wenig Spaß mit den Mädels gehabt.«

»Krissi, du bist eine erbärmliche Lügnerin. Das warst du schon immer.« Ich verzog den Mund. Aha, das erklärte natürlich vieles. »Ich bin so froh, dass du jemanden kennengelernt hast, Schätzchen. Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht, dass bei dir etwas nicht stimmt, oder du möglicherweise lesbisch sein könntest, weil du nie von Jungen oder Männern gesprochen hast.«

»Mom!« Ich hätte mich beinahe verschluckt. »Es soll auch Frauen geben, die nicht ihre Erfüllung darin sehen, unreifen Typen hinterherzurennen und sich bei ohrenbetäubendem Lärm und zuckenden Bewegungen die Nächte um die Ohren zu schlagen.«

»Kindchen, aber du verkriechst dich nur in deinen Büchern, das ist doch total langweilig?«

Ich schnaubte. »Aha, soll ich lieber jeden Abend betrunken heimkommen, mit ständig neuen Telefonnummern von irgendwelchen Kerlen, die ich gar nicht kenne?«

»Na, das klingt doch nach einer Menge Spaß.«

Ich sah sie entgeistert an, doch dann bemerkte ich ihr Schmunzeln. Sie zog mich auf. Na prima. Und dann summte zu allem Überfluss auch noch mein Handy und ich konnte nicht verhindern, wie von der Tarantel gestochen aufzuspringen und hektisch danach zu greifen, um zu sehen, ob es die ersehnte Nachricht von Chris war. Sie war es.

»Ich bin lesen«, stieß ich eilig hervor und rannte in mein Zimmer. Vermutlich sah sie mir kopfschüttelnd hinterher und höchstwahrscheinlich würde ich später weiter gelöchert werden, aber das war mir in diesem Moment egal. Ich konnte nur an ihn denken.

Sobald ich meine Zimmertür hinter mir zugeworfen und mich aufs Bett geschmissen hatte, öffnete ich mit laut pochendem Herzen und zittrigen Fingern die Nachricht.

»Wer nicht zu träumen wagt, dem wird eine Welt jenseits seiner Vorstellungskraft entsagt. Hallo meine schöne Unbekannte, ich hoffe, du hattest wundervolle Träume?«

Ich überflog die Zeilen aufgeregt mehrmals. Wow. Es war erst zwei Tage her, doch ich konnte einfach nicht fassen, dass ich diesen perfekten Menschen kennenlernen durfte und dass er tatsächlich an mir interessiert zu sein schien. Sofort dachte ich an unseren Kuss in dem Café der Disco. Während mein Magen die vielen Schmetterlinge auf Trab zu halten versuchte, hoffte ich, dass Chris ähnlich für mich empfand, wie ich für ihn.

»Das hatte ich tatsächlich«, schrieb ich zurück und lächelte. Denn seit ich ihn kannte, hatte ich nur von ihm geträumt.

»Es wäre wohl nicht angebracht, zu fragen, ob meine Wenigkeit darin vorgekommen ist?«

Grinsend sah ich auf seine Frage und schüttelte lachend den Kopf. Gott, ich konnte es kaum erwarten, ihn wiederzusehen, ich vermisste ihn bereits jetzt so sehr, dass es wehtat. »Du bist also nicht nur verrückt, sondern auch vorlaut?«, gab ich zurück und auf einmal fühlte ich mich wundervoll losgelöst und genoss die Stimmung, in die er mich versetzte, obwohl er nicht einmal anwesend war.

»Wann sehe ich dich wieder, Kris mit K?«

Ich hielt die Luft an. Wow, er wollte es wirklich. Mein Herz hüpfte vor Freude und ich hätte es ihm beinahe gleichgetan, besann mich jedoch gerade noch eines Besseren.

»Am Wochenende?«, schob er hoffnungsvoll nach.

In diesem Augenblick fiel mir ein, dass ich keine Zeit haben würde, da ich Mom fest versprochen hatte, bei Carls Einzug zu helfen. So nahe war ich noch nie einer waschechten Verzweiflung gewesen.

»Habe ich dich jetzt vergrault?«

Ich schluckte schwer und wusste nicht, was ich antworten sollte, denn ich würde alles dafür geben, ihn wieder zu treffen, doch wenn ich ein Versprechen gab, dann verbindlich. Ich brachte es nicht übers Herz, Mom sitzen zu lassen. Verdammt.

»Nein, natürlich nicht. Aber leider bin ich dieses Wochenende verplant, der Freund meiner Mom zieht doch bei uns ein. Es tut mir so leid.«

»Vergib mir meine Gedankenlosigkeit, doch wie kann ich an andere Dinge denken, wenn nur du in meinem Kopf bist.«

Zum Glück konnte er mein dümmliches Grinsen nicht sehen. Er war einfach der blanke Wahnsinn. Ich musste ihn treffen, andernfalls würde ich bestimmt sterben. Vor Sehnsucht oder wegen des Entzugs. Oder wegen beidem.

»Wo warst du nur mein ganzes Leben?«, fragte ich ihn und meinte es genau so.

»Ich war immer hier, doch ich musste ein halbes Leben auf den Moment warten, an dem sich unser Schicksal endlich kreuzen würde.«

Seine Worte rührten mich so sehr, dass meine Augen verdächtig feucht wurden.

»Du bist einfach unglaublich. Ich muss dich wiedersehen …«

»Ich weiß. :) Leider bin ich unter der Woche durch die Uni und den ganz normalen Wahnsinn hier unabkömmlich, tut mir so leid.«

Verdammt. Wenn wir uns die ganze Woche nicht sehen konnten und am Wochenende auch nicht, dann bliebe nur der übernächste Samstag? No way. Das war definitiv zu lange und stand nicht zur Debatte. »Idee. Wie wäre es mit Sonntag?«, bot ich daher an. Es war mir egal, ob ich vom Kistenschleppen müde sein würde. Die Aussicht, ihn wiederzusehen, verjagte jegliche Niedergeschlagenheit und wirkte belebender als jede kalte Dusche.

»Sicher, dass das für dich in Ordnung geht?«

»Immer!«

»Dann kann ich es kaum erwarten, dich in sechs Tagen wiederzusehen. Bis dahin bin ich ein gebrochener Mann.«

Wieder brachte er mich zum Lachen und wieder wurde mir klar, dass ich mich noch nie so glücklich gefühlt hatte wie in seiner Gegenwart, selbst wenn diese nur telefonisch war.

An diesem Montag schickten wir uns noch lange Nachrichten und mit jedem Wort, jedem Satz und jedem liebevollen Kompliment verlor mein Herz mehr und mehr seine Standhaftigkeit. Ich hatte mich rettungslos verliebt in jemanden, den ich kaum kannte.


Ein berühmter Physiker hatte es schon vor langer Zeit erkannt. Zeit ist relativ. Und in dieser Woche machte ich diese Erfahrung ganz besonders intensiv. Die Stunden und Tage wollten einfach nicht vergehen. In der Uni war ich zu nichts zu gebrauchen und zu Hause versuchte ich, Mom aus dem Weg zu gehen. Mein ganzer Lebensinhalt bestand derzeit aus den kostbaren Momenten abends, wenn Chris und ich miteinander telefonieren oder schreiben konnten. Dann war alles wieder in Ordnung. Die Vorfreude auf den kommenden Sonntag brachte mich beinahe um den Verstand, denn ich sehnte unser Wiedersehen sehr herbei.

Für Ablenkung sorgte Mom, die – je näher Carls Umzug bevorstand – immer aufgebrachter durchs Haus tigerte, sich die Haare raufte, weil sie nicht wusste, wohin mit diesem und jenem, und ihre Nervosität sprang irgendwann auch auf mich über. Bis Sonntag würde ich ein nervliches Wrack sein.

Als mein Wecker schließlich am Samstag um sieben Uhr in aller Herrgottsfrühe klingelte, war ich einfach nur froh, dass es so gut wie geschafft war. Der Umzug sowie die elendige und endlose Wartezeit. Nur noch einen Tag, dann würden wir uns wiedersehen.

Meine Laune steigerte sich von Minute zu Minute und so sprang ich, nachdem ich mich im Bad fertiggemacht hatte, freudestrahlend die Treppen hinunter, um mich zu Mom zu gesellen, die natürlich längst in der Küche stand und Frühstück für die Umzugshelfer machte. »Guten Morgen, liebste Mutter auf der ganzen weiten Welt«, trällerte ich.

»Kind, ich habe dich noch nie so fröhlich um diese Zeit gesehen. Das ist ekelhaft«, gab sie grummelnd zurück. Missmutig trank sie ihren Kaffee und ich grinste bis über beide Ohren. Die Anspannung vor dem heutigen Tag stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Fast könnte man meinen, dass sie sich nicht sicher war, ob das eine gute Idee gewesen war. Nun, für solche Überlegungen war es jetzt definitiv zu spät.

»Alles wird gut«, versuchte ich, sie zu trösten, doch sie schob mir mit zusammengekniffenen Augen eine große Tasse Kaffee zu.

»Nicht sprechen, trinken!«

Irgendwie amüsierte es mich, dass heute mal nicht ich der Morgenmuffel war.

»Also, wie viele Leute gedenkst du, mit diesem opulenten Frühstück satt zu bekommen?«

»Genug.«

Ich kicherte und beschloss, sie nicht weiter zu provozieren. Daher genoss ich still meine Portion Koffein und malte mir im Geiste bereits mein Treffen mit Chris aus. Durch unseren allabendlichen Kontakt hatte ich zwar einiges mehr über ihn erfahren, doch ich konnte ihn dabei nicht berühren, nicht seine Hand halten und seine Finger auf meiner Haut spüren. Ich musste laut geseufzt haben, denn sie sah mich fragend und mit hochgezogener Augenbraue an.

»Wann kommt Carl denn?«, versuchte ich, abzulenken. Mittlerweile ging es auf halb neun zu. Genau in diesem Augenblick hörte ich einen Schlüssel in der Haustür.

»Jetzt«, schnaubte Mom, und lachend sprang ich von meinem Stuhl auf. Nun hieß es anpacken und Kisten schleppen. Ich konnte mir eine schönere Beschäftigung vorstellen, doch ich tröstete mich damit, dass ich Morgen meine Belohnung bekommen würde. Allein der Gedanke an Chris jagte wohlige Schauder durch meinen Körper und ließ mich permanent dümmlich grinsen. Auf halbem Weg kam mir Carl entgegen, der nicht minder gestresst aussah wie Mom.

»Ich schwöre euch, das mache ich nie wieder.« Dann ging er auf sie zu, umarmte sie und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Wenn du dich jemals von mir scheiden lässt, Margo, dann werde ich trotzdem hier bleiben. Ich ziehe nie wieder um!«

Damit brachte er sie zum Lachen und wieder sah ich mich darin bestätigt, dass er der perfekte Mann für sie war. Gerade als ich weitergehen wollte, um nachzusehen, was Carl alles mitgebracht hatte, wurde ich plötzlich beinahe von den Füßen gerissen. Ein Hund stürmte zur Tür herein und warf sich regelrecht auf mich. »Was …«, begann ich, kam jedoch nicht weiter, da besagter Hund sich auf die Hinterpfoten gestellt und wild an mir zu schlecken begonnen hatte. Ich war so hingerissen von diesem Geschöpf, dass er oder sie mich nicht groß zu Streicheleinheiten überreden musste. Sein Fell war himmlisch flauschig und sofort hatte ich ihn in mein Herz geschlossen. Ich liebte Hunde und vor allem Golden Retriever. Dann hielt ich inne. Witzig, das war die gleiche Rasse wie der Hund von …

»Diablo, hier!«, wurde ich jäh von einer keuchenden Stimme unterbrochen, die mich erstarren ließ.

»Verzeihung Dad, er ist mir einfach ausgebüxt und …«

Dad? Wie versteinert stand ich in unserem Flur und starrte den Mann vor mir an, der gerade Carl seinen Vater genannt hatte, der bei uns einziehen würde. Der Mom geheiratet hatte. Der mein Stiefvater war. Der junge Mann, in den ich mich unwiderruflich und unabdingbar verliebt hatte. Als ich plötzlich die Bedeutung dessen mit voller Wucht zu spüren bekam, tat sich mit einem markerschütternden Beben der Boden unter meinen Füßen auf und ich begann zu fallen. Ich stürzte in einen Abgrund, der aus nichts als Schwärze zu bestehen schien, die sich langsam in meinen Körper zu fressen begann und nicht mehr aufzuhalten war.

»Kris«, hörte ich ihn keuchen, doch das Rauschen in meinen Ohren nahm meine Gedanken gefangen. Ich sah in seine hellen grünen Augen, sah die Überraschung darin und auf einmal begann sich alles um mich herum zu drehen. Mir wurde schwarz, ich bekam keine Luft mehr und meine Beine gaben nach. Wieder fiel ich, doch dieses Mal wurde ich unsanft von unserem kalten Fliesenboden aufgehalten. Als sich trotzdem eine selige Dunkelheit um mich legte, hieß ich sie dankbar willkommen.


Ich erwachte in meinem Bett, jemand hatte mich hochgetragen und hingelegt und irgendetwas lag auf meiner Brust. Blinzelnd öffnete ich die Augen und das Erste, das ich sah, waren zwei dunkle Knopfaugen, die mich mit so viel Liebe anstarrten, dass ich beinahe sofort zu heulen angefangen hätte. Der Hund spendete mir irgendwie Trost in dieser absolut surrealen Situation, fest nahm ich ihn in den Arm und drückte ihn verzweifelt an mich. Mit all ihrer Härte übermannte mich die furchtbare Bedeutung dessen, was gerade geschehen war, und was das für Chris und mich hieß. Wir waren jetzt Stiefgeschwister. Der Schock darüber lähmte jeglichen vernünftigen Gedanken und alles, was ich augenblicklich zustande brachte, waren die tiefen Schluchzer, die ich in das weiche Fell von Diablo schniefte. Sanft legte er eine Pfote auf meinen Bauch und blieb die gesamte Zeit über dicht an meine Seite geschmiegt, in der ich meinen Frust und meine Verzweiflung versuchte, hinauszuschluchzen.

Plötzlich klopfte es zaghaft an meiner Tür und ohne meine Aufforderung abzuwarten, kam Mom herein. Sie setzte sich an die Bettkante und streichelte mir sanft über den Kopf. Eine Weile verharrte sie so, dann seufzte sie.

»Krissi Schatz, was ist da gerade passiert?«

Ich starrte reglos an die Decke, während meine Finger sich in dem Fell des Hundes vergraben hatten. Was passiert war? Nichts weiter. Nur der Beginn einer mächtigen Katastrophe.


Ich konnte ihr keine Antwort geben. Was hätte ich auch sagen sollen? Ach Mom, alles okay, ich glaube, ich habe mich nur in den Kerl verliebt, der jetzt rein zufällig mein Stiefbruder ist, mach dir keine Sorgen? Also lag ich einfach weiterhin da und starrte an meine Zimmerdecke. Irgendwann gab sie auf und ging. Immer wieder versuchte ich, mir einzureden, dass alles nur ein großer Irrtum sein musste und nichts von all dem geschehen war. Doch die Realität sah anders aus. Ich würde Chris Morgen nicht als Date treffen, würde nicht seine sanften Berührungen oder gar seine Lippen auf meinen spüren, denn er lebte jetzt im selben Haus wie ich – als Familienmitglied. Und wir würden zuerst darüber sprechen müssen, was diese neue Situation bedeutete, und wie wir damit umgehen würden, bevor … das was auch immer zwischen uns war, weitergehen konnte. Der Gedanke, dass dieser einzigartige Beginn von etwas Wundervollem, in dem ich die letzten Tage überglücklich schwelgte, sich plötzlich in eine ungewisse Zukunft gewandelt hatte, schmerzte so sehr, dass mir richtiggehend schlecht wurde, bis es mich übermannte. Ruckartig sprang ich auf, erschreckte Diablo wahrscheinlich zu Tode, und stürmte aus dem Zimmer hinaus direkt in das gegenüberliegende Badezimmer. Ich schaffte es gerade noch rechtzeitig, mich über die Toilette zu beugen, da musste ich mich bereits übergeben. Immer wieder krampfte sich mein Magen zusammen, obwohl es längst nichts mehr gab, das ich hätte erbrechen können. Offensichtlich hatte ich den Schock noch immer nicht verdaut.

Da hatte ich Chris gefunden, den perfekten Deckel für meinen Topf, mein Gegenstück. Der Einzige, der jemals Gefühle in mir wachzurufen vermocht hatte. Und jetzt sollte ich ihn wieder gehen lassen? Weil wir in unserem Kuhkaff wahrscheinlich einen Skandal auslösen und unsere Eltern vor den Kopf stoßen würden? Augenblicklich konnte ich kaum noch klar denken, was war richtig, was falsch? War es denn überhaupt möglich, jemanden gehen zu lassen, den man liebt? Ein altes Sprichwort fiel mir ein: Es ist erstaunlich, wozu der Mensch alles fähig ist, wenn er muss.

Schluchzend und einer durch mein Selbstmitleid verursachten, wirklich tiefen Verzweiflung nahe, kauerte ich über der Toilette, als die Tür stürmisch aufgerissen wurde und Fee und Sina hereingestürmt kamen.

»O mein Gott, Kris«, riefen sie gleichzeitig und sanken sofort zu beiden Seiten von mir nieder, um mich in den Arm zu nehmen. Richtig, sie hatten zugesagt, beim Umzug zu helfen. Das war mir völlig entfallen. Plötzlich wurde mir bewusst, dass sie Chris ja aus der Disco kannten, und ich war überglücklich, sie vor allem jetzt bei mir zu haben.

»Wir haben ihn gerade unten gesehen«, sagte Sina leise, während sie mir die Haare nach hinten aus dem Weg strich.

»Habt ihr …, weiß Mom …?«, setzte ich an, doch es war mir nicht möglich, es auszusprechen.

»Nein, wir haben nichts gesagt. Als wir ihn gesehen haben und Carl ihn als seinen Sohn vorgestellt hat, sind wir sofort nach oben zu dir gerannt. O Gott, Kris, das tut mir so schrecklich leid.« Fee nahm mich in ihre Arme und wiegte mich, bis ich mich ein wenig beruhigt hatte.

»Ich hatte nicht die geringste Ahnung«, flüsterte ich. »Er ist Carls Sohn und ich hatte absolut keine Ahnung, wie konnte alles nur so schiefgehen?«

»Das ist echt heftig.« Fee schob mich etwas von sich und sah mich ernst an. »Aber dir ist klar, dass dieser neue Schlamassel kein Grund ist, zu einem Problem für euch zu werden? Es ist nicht verboten, mit seinem Stiefbruder zusammen zu sein.«

Matt lächelte ich sie an und atmete tief durch. »Ich weiß doch, ich weiß. Aber das alles hat mich so unvorbereitet kalt erwischt und komplett überrumpelt, dass mein Verstand sich kurzzeitig verabschiedet hatte. Ich weiß, dass es nicht verboten ist, dennoch war es ein Schlag ins Gesicht. Und … und ich weiß ja überhaupt nicht, was Chris darüber denkt, wie er dazu steht.«

»Dann wird es Zeit für ein kleines Gespräch.« Fee nickte mir aufmunternd zu und ich wusste, die beiden hatten recht, ich musste mit Chris sprechen, all die Mutmaßungen und wirren Gedanken brachten mich kaum weiter.

»Wie willst du deiner Mom erklären, dass du aussiehst, als hättest du dir Legenden der Leidenschaft als Dauerwiederholung reingezogen?«, fragte Sina und deutete auf meine verquollenen Augen.

Verdammt. Ganz bestimmt nicht die Wahrheit. Fee schnappte sich das Handtuch und hielt es unter den Wasserhahn, bis es so mit kaltem Wasser vollgesogen war, dass sie zufrieden war.

»Leg dich zurück«, bat sie mich, und sobald ich das tat, spürte ich auch schon die beruhigende, kühlende Wirkung des nassen Handtuchs, das sie mir auf die Augen gelegt hatte.


Wir verbrachten die nächste halbe Stunde noch im Badezimmer, und dank Fees Einfall sah ich anschließend nicht mehr so aus, als wäre ich einem Boxer in die Quere gekommen.

»Fühlst du dich wirklich bereit?«, fragte sie vorsichtig.

»Du musst das nicht jetzt machen, wir können auch einfach zu uns gehen?«, schlug Sina vor.

»Ihr seid so fantastisch und gerade jetzt weiß ich wieder, warum ich euch so liebe. Aber ich muss wissen, wie Chris dazu steht, wie es weitergeht, was das alles zu bedeuten hat. Mom wird sich sicher auch längst fragen, wo ich bleibe, obwohl ich keine Ahnung habe, was ich ihr als Ausrede auftischen soll.« Dann seufzte ich und sah niedergeschlagen auf den Boden. »Mir schwirren so viele Fragen durch den Kopf, auf die ich Antworten brauche.« Wie kann es sein, dass er nichts wusste? Warum hat er nie ein Wort davon erwähnt? Und vor allem, wie ging es jetzt mit uns weiter? Würde es überhaupt noch ein uns geben?

Während ich langsam zur Treppe ging, flankiert von meinen Freundinnen, spürte ich plötzlich, wie sich ein Teil meiner Verzweiflung in Wut wandelte. Ich war sauer. Darüber, dass das Schicksal mich derart verhöhnte und darüber, dass keiner von uns das kommen sehen hatte. Ich brauchte Antworten. Jetzt.

Doch bereits auf dem Weg die Treppe hinunter flatterte mein Magen wieder nervös. Was würden sie über meine Ohnmacht und mein Verschwinden denken, wie war es möglich, das noch gerade zu biegen? Und wie konnte sich etwas derart Perfektes innerhalb so kurzer Zeit nur zu solch einem Albtraum entwickeln?

»Da bist du ja Schatz«, ertönte auf einmal Moms Stimme hinter mir, die mich eingehend musterte, nachdem ich mich zu ihr gedreht hatte. Ich sah mich panisch um, doch ich konnte Carl und Chris nirgends entdecken. »Und jetzt möchte ich bitte wissen, was mit dir los ist«, sagte sie tadelnd und zog mich in die Küche, wo sie mir einen Teller mit einem belegten Brötchen hinschob. »Iss, Kind. Und sprich. Möglichst nicht gleichzeitig.«

Mir fiel wieder ein, dass sie mich als schlechte Lügnerin tituliert hatte und mein Herz rutschte mir in die Knie. Ich holte tief Luft und versuchte, so teilnahmslos wie möglich zu wirken. Fee und Sina hatte sie zu den Männern rausgeschickt, mir blieb daher noch nicht einmal deren Unterstützung.

»Es tut mir so schrecklich leid, Mom«, fing ich kleinlaut an, doch ihr fragender Blick machte mich ziemlich nervös. »Ich kann dir nicht sagen, was passiert ist. Ich weiß nur, dass mir auf einmal schwindlig geworden ist und dann bin ich in meinem Zimmer wieder aufgewacht.« Wenigstens kam das der Wahrheit so nah wie möglich.

»Und warum fällst du ausgerechnet dann um, wenn du Carls Sohn siehst?« Der Schock darüber, dass sie vielleicht doch Bescheid wusste, durchfuhr mich siedend heiß.

»Ich schätze, es war einfach alles zu viel. Die Tatsache, dich in Zukunft mit Carl hier zu teilen, auf unsere lieb gewonnenen Rituale zu verzichten, das ist ein großer Einschnitt. Und dass ihr geheiratet habt, das habe ich ja auch nur nebenbei erfahren. Und dann stand da auf einmal sein Sohn und ich … ich …« Meine Stimme brach und es kostete mich sämtliche Kraft, die ich noch aufbringen konnte, um nicht sofort wieder in Tränen auszubrechen. »Ich hatte völlig vergessen, dass es ihn gibt. Ich hatte vergessen, dass er mit einziehen wird. Und als er da stand und mir das alles plötzlich klar geworden ist, da war es einfach zu viel. Ich werde nicht nur dich mit deinem Mann teilen müssen, sondern auch mit meinem … mit seinem Sohn.«

»O Krissi, mein armer Schatz!« Sie zog mich in ihre tröstenden Arme. »Ich habe nicht gewusst, dass dir das so zusetzt. Warum hast du denn nie etwas gesagt? Und dass Chris mit einzieht, war eine Entscheidung in letzter Minute. Es war alles schon geregelt, er wollte in der Stadt bleiben und zu seinen Freunden in die WG ziehen. Und vor ein paar Tagen hat er es sich plötzlich anders überlegt. Deshalb war ich doch so durcheinander und wollte das Nähzimmer unbedingt ausräumen. O Schatz, bitte verzeih mir, dass das in all dem Trouble der vergangenen Tage untergegangen ist. Ich war der festen Überzeugung, dir das mitgeteilt zu haben.«

Jetzt schniefte ich doch in ihre Schulter, allerdings vor Erleichterung, dass sie mir diese grauenhafte Lüge tatsächlich abgenommen hatte. »Und wir haben jetzt einen Hund?«

Sie schob mich sanft von sich. »Ist das schlimm? Das sollte eine Überraschung werden.«

»Die ist dir gelungen.« Und nicht nur die. Bei all den Horroroffenbarungen heute war Diablo tatsächlich mein Lichtblick und ein kleiner Trost. In all den kommenden einsamen und verzweifelten Nächten würde ich einen flauschigen Freund an meiner Seite haben. Der Gedanke hatte etwas wundervoll Tröstendes an sich.

»Und nun helfen wir den anderen, sonst komme ich noch auf die Idee, zu denken, dass du dich nur vor dem Kistenschleppen drücken willst«, sagte sie, strich über meine Hand und ging voraus.

Noch nie war mir etwas schwerer gefallen, als dieser Gang. Es fühlte sich an, als würde ich zu meiner eigenen Hinrichtung gehen. Ich war noch nicht bereit, Chris gegenüberzutreten. Nicht bereit, so zu tun, als kannten wir uns nicht oder als hätten wir nicht den schönsten Abend meines Lebens zusammen verbracht. Doch vor allem war ich nicht bereit zu einem Gespräch, das mir möglicherweise jegliche Hoffnung rauben könnte.

»Kommst du?«, warf sie mir über die Schulter zu, bevor sie nach draußen verschwand. Aber ich würde nicht drum herum kommen. Nicht heute und nicht in den nächsten Wochen oder Monaten, nicht solange wir unter einem Dach wohnten. Also konnte ich es genauso gut gleich hinter mich bringen. Ihm ging es sicherlich ähnlich wie mir, auch ihn musste diese neue Situation komplett überfordert haben.

Mit gesenkten Schultern und eingezogenem Kopf schlich ich mich nach einigen Minuten schließlich zu den anderen raus. Sina und Fee alberten mit Carl herum, während Mom sie tadelte, besser auf die Kisten zu achten. Und da stand er. Chris sah kreidebleich aus, als ob er einen Geist gesehen hätte. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, woran das lag, denn offensichtlich hatte auch er keinen blassen Schimmer gehabt.

»Christian, so heb doch bitte die Sachen auf, sie liegen überall im Weg herum, du hast sie schließlich fallen gelassen. Was ist heute nur los mit dir, du bist überhaupt nicht bei der Sache, so kenne ich dich gar nicht«, hörte ich Carl schimpfen und schluckte schwer. Scheinbar saß Chris der Schock über die Bedeutung unserer heutigen Entdeckung auch noch schwer in den Knochen. In diesem Augenblick drehte er sich in meine Richtung, und als er mich sah, zuckte er zusammen und blieb erstarrt stehen. Meine Freundinnen bemerkten mich ebenfalls und blickten zwischen mir und Chris hin und her. Dann schoben sie Mom und Carl regelrecht in das Haus zurück.

»Es ist Zeit für eine kleine Kaffeepause«, sagte Fee.

Doch Carl blieb stehen und deutete auf mich und Chris. »Wartet, ich wollte die beiden einander noch richtig vorstellen.«

»Das schaffen sie schon selber«, erwiderte Sina und plötzlich stand ich allein mit ihm vor unserem Haus. Ich wollte ihm nicht in die Augen sehen, nein, ich konnte nicht. Also sah ich auf den Boden, ging zum Transporter und tat so, als ob ich mich an dem Zeug darin zu schaffen machte. Die drückende Stille zerrte an meinen Nerven, doch ich brachte keinen Ton heraus.

»Es tut mir so schrecklich leid, ich hatte keine Ahnung«, unterbrach Chris schließlich das Schweigen und ich hörte deutlich die Verzweiflung aus seiner Stimme heraus. Ich hatte Angst, zu antworten, weil ich mir nicht sicher war, ob ich dann sofort wieder anfangen würde, loszuheulen. Also nickte ich stumm, was er jedoch nicht sehen konnte, da ich an der Rückseite des Transporters stand und er an der Schiebetür seitlich.

»Du hast mir gesagt, dass der Mann deiner Mom bei euch einziehen wird, doch wie hätte ich ahnen können, dass das ausgerechnet mein Vater ist?« Er klang nicht vorwurfsvoll, eher erschüttert, als ob er mit sich selber spräche.

»Als ich dir erzählt habe, dass sie heimlich geheiratet haben, da ist dir auch keine Verbindung aufgefallen?«, fragte ich schließlich doch. Der Umzug und die Hochzeit, das waren zu viele Zufälle gleichzeitig, hätte ihn das nicht stutzig machen müssen?

»Ich habe es nicht gewusst«, sagte er erneut so leise, dass ich ihn kaum noch verstand. »Ich habe erst erfahren, dass mein alter Herr geheiratet hat, als ich dich vorhin im Flur gesehen und eins und eins zusammengezählt habe.«

Ich stockte. »Er hat es dir nicht erzählt?«

»Nein. Ich wünschte, er hätte. Dann wäre es mir vielleicht eher klar gewesen.«

»Ja«, flüsterte ich und hielt mich an einem Karton fest, weil meine Beine zitterten.

»Was sollen wir jetzt bloß tun, Kris?«

Ich zuckte zusammen, denn auf einmal ertönte seine tiefe Stimme direkt hinter mir. Ich drehte mich nicht um, ich konnte es nicht. Sobald ich in seine Augen sehen würde, wäre ich verloren und damit auch jegliche Selbstbeherrschung. »Ich weiß es nicht«, sagte ich stattdessen und grub meine Finger in die Pappe. Wir könnten es unseren Eltern einfach schonungslos sagen und auf ihr Verständnis hoffen. »Warum?«

»Warum er es mir nicht gesagt hat, oder warum uns das passieren musste?« Er lehnte sich gegen die Laderampe, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ seinen Kopf hängen, wie ich aus den Augenwinkeln heraus sehen konnte.

»Beides.«

»Wir hatten nicht das beste Verhältnis, seit meine Mutter abgehauen ist. Es war die letzten Jahre … schwierig. Wir reden nicht sehr intensiv miteinander.«

Jetzt drehte ich mich doch um. Als ich seinen Blick taxierte, war mir sofort klar, dass es ein großer Fehler gewesen war. Ich konnte nicht verhindern, dass mein Herz vor Aufregung raste und mein Puls mich schwindelig werden ließ, doch ich musste versuchen, mich so gut es ging abzulenken. »Steht ihr euch nicht nahe?« Ich konnte mir nur schwer vorstellen, wie es sein musste, bei einem Elternteil zu leben, mit dem man nicht klarkam. Er nestelte nervös an der Kordel seines Kapuzenpullovers.

»Dass sie gegangen ist, hat ihn zerstört. Sein Leben hat ihn nicht mehr interessiert, leider auch nicht mehr das seines Sohnes. Ich bin einerseits aus finanziellen Gründen geblieben, andererseits hatte ich so immer ein Auge auf ihn. In dieser Zeit haben wir uns entfremdet. Erst, seitdem er Margo kennengelernt hat, ist er wieder der Mensch, der er früher war. Seitdem ist unser Verhältnis auch wieder besser. Aber es braucht Zeit. Wie alles im Leben.« Seufzend band er einen Knoten in seine Kordel.

Bei der Erwähnung von Moms Namen wurde mir bewusst, dass ich nur einmal ihren Vornamen hätte erwähnen müssen, bei all unseren Gesprächen in dieser Woche. Vielleicht wäre die ganze Situation dann nicht in diese Katastrophe hineingesteuert. Es gab so viele wenns. Wenn er nur gesagt hätte, dass seine Eltern getrennt lebten, wenn er den Namen seines Vaters gesagt hätte, oder dass dieser ebenfalls umzieht, nachdem ich davon gesprochen hatte. Wenn Carl ihn bei einem seiner Besuche einfach mitgebracht hätte und ich ihn schon früher kennengelernt hätte. Je mehr ich darüber nachdachte, desto schlimmer wurde es. Es gab so viele Möglichkeiten, wie wir bereits früher darauf aufmerksam hätten werden können, dass uns etwas verbindet, außer unsere Gefühle miteinander. Doch das Schicksal hatte vorgesehen, dass wir blindlings in seine Falle laufen. Dieses elendige Gefühl in meinem Inneren, das mir die Luft zum Atmen raubte, wollte einfach nicht vergehen. Je mehr ich über alles nachdachte, umso schlimmer wurde es.

Dann fiel mir plötzlich etwas ein, was Mom zuvor gesagt hatte. »Warum hast du es dir anders überlegt und bist doch mit Carl zu uns gezogen?«

Er sah mich überrascht an, dann schien ihm klar zu werden, dass sie und Carl darüber gesprochen haben mussten. Sein Blick fuhr mir durch und durch, denn für einen kurzen Augenblick sah ich, dass auch er völlig durcheinander sein musste. »Weil ich dir nahe sein wollte«, flüsterte er und drehte sich von mir fort. Mein Herz verkrampfte sich bei seinem Anblick und automatisch streckte ich eine Hand nach ihm aus, doch sobald mir bewusst wurde, was ich da tat, ließ ich sie wieder sinken.

»Wie meinst du das? Du hast doch nicht gewusst, dass ich Margos Tochter bin?« Oder hatte er etwa doch?

»Nein, das habe ich nicht. Aber ich wusste, dass du in diesem Stadtteil lebst, zumindest hatte ich das angenommen, weil wir uns in diesem Café getroffen hatten, nachdem ich einen früheren Schulfreund besucht hatte. Und wie du weißt, haben mein alter Herr und ich in der Nachbarstadt gelebt. Ich habe kein eigenes Auto, und auch wenn ich absolut alles für dich getan hätte, so wäre es jedes Mal ein großer Aufwand gewesen, zu dir zu kommen. Daher habe ich meine Pläne, zu meinen Kumpels in die WG zu ziehen, über Bord geworfen und Dad gesagt, dass ich mitkomme, weil ich es als glückliche Fügung sah, dass Margo in deiner Nähe wohnt.«

Ich hörte ihn aufschnauben und sah ihn fassungslos an. Wie viele Vorzeichen hatte es gegeben, die wir allesamt übersehen hatten? Wie viele? Meine Stimmung schwankte im Sekundentakt zwischen Verzweiflung und unbändiger Wut. Ich dankte dem Schicksal, dass es mir jemanden wie Chris geschickt hatte, und gleichzeitig hasste ich es, dass es ihn mir vielleicht wieder genommen hatte. Wir waren nun Stiefgeschwister. Natürlich war es nicht verboten, unter diesen Umständen eine Beziehung zu führen, wir lebten jedoch nicht gerade in einer hippen Metropole, sondern in einem Dorf, das mit seiner Toleranz irgendwo im erzkatholischen Mittelalter stehen geblieben war. Weder wusste ich, wie unsere Eltern darauf reagieren würden, noch, wie Chris dazu stand.

»Was sollen wir nun tun?«, fragte ich daher vorsichtig. Statt einer Antwort sah er mich jedoch nur an und sein Blick machte mir Angst. »Kannst du denn nicht doch noch in die WG ziehen?«

»Und dann?«

»Dann …, dann würden wir nicht im selben Haus miteinander leben und …«

»Wären trotzdem immer noch Stiefgeschwister«, unterbrach er mich. Seine Stimme klang belegt, und als ich aufsah, wich er mir aus.

Richtig. Diese Tatsache ließ sich vorerst nunmal nicht ändern. Sie war jedoch kein Hinderungsgrund und seine Reaktion erschien mir eine Spur zu heftig. Wenn er dasselbe für mich empfand, wie ich für ihn, dann durfte er sich dadurch doch nicht abschrecken lassen. Langsam griff die Panik erneut nach mir, denn auf einmal hatte ich das Gefühl, dass es ihm sehr wohl etwas ausmachte. Sicher, in unserem ersten Schock hatten wir vermutlich eine Spur zu heftig reagiert und waren von der neuen Situation regelrecht überfahren worden, aber ihm musste doch klar sein, dass unsere Empfindungen nicht verboten waren? Möglicherweise sahen unsere Eltern das etwas strenger, aber man konnte über alles sprechen, selbst mit Margo. Weshalb war Chris plötzlich so distanziert? Ich wagte nicht daran zu denken, dass seine Gefühle für mich womöglich nur vorgegeben waren.

Bevor ich ihn darauf ansprechen konnte, hörte ich die Stimmen meiner Freundinnen, die näher kamen und mit Carl schäkerten. Die Kaffeepause war offensichtlich vorbei. Ich war nicht fähig, mich zu rühren und starrte unentwegt in das kleine Loch, das ich in den Umzugskarton vor mir gebohrt hatte. Es gab so viele Fragen und doch würde ich auf die Antworten warten müssen. Das war die reinste Folter.

»Ich werde trotzdem versuchen, noch bei meinen Kumpels unterzukommen. Das ist die beste Lösung für uns. Ich weiß nicht, wie ich mit dir im selben Haus leben soll, ohne dich ständig berühren und küssen zu wollen. Das ist Selbstmord auf Raten.«

Ich nickte stumm und wich seinem Blick weiterhin aus. Weshalb sollten wir uns denn nicht berühren dürfen? Unsere Eltern würden es verstehen, ganz sicher würden sie das. Und wenn nicht, dann gäbe es andere Lösungen. Aber alles war besser, als ihn gar nicht mehr sehen zu können. Was dieselbe Hölle war, wie die, welche er beschrieben hatte. Ich war nicht fähig zu sagen, was schlimmer war. Was wählte man, wenn lediglich die Pest oder Cholera zur Verfügung stand?

»Na ihr zwei, wie ich sehe, habt ihr euch ein bisschen beschnuppert?«, sagte Carl fröhlich und ich versuchte, mein nettestes Lächeln aufzubringen, dass ich in diesem Augenblick hinbekam. Auf einmal kanalisierte ich all meine Wut auf meine Mom und Carl, die es nicht für nötig befunden hatten, ihren Kindern von ihrer Heirat zu erzählen, ganz zu schweigen davon, dass sie uns mit dem Umzug ebenso überrumpelt hatten. Wenn sie uns im Vorfeld nur in ihre Pläne eingeweiht, uns vertraut hätten, dann hätten Chris und ich uns womöglich längst gekannt und niemals ineinander verliebt. Irgendwie wollte ich daran noch weniger denken, als an das tatsächliche Chaos, das in meinem Herzen herrschte.

»Ihr werdet bestimmt prima klarkommen, da bin ich mir sicher.« Pfeifend machte Carl sich an dem nächsten Kartons zu schaffen.

Ja, dachte ich. Das werden wir ganz sicher. Bevor ich wieder ins Haus ging, streifte mein verzweifelter Blick den von Chris, der noch bleicher aussah als zuvor.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media