Drohungen

In den darauffolgenden Tagen beobachtete Ragnar Loðbrók die Geschehnisse in seiner Siedlung mit Argusaugen. Es wäre ruhiger gestimmt gewesen, wenn er Gelegenheit bekommen hätte, Rúna unter vier Augen zu sprechen und mit ihr ins Reine zu kommen oder zumindest ein paar klärende Worte mit ihr zu wechseln. Doch egal, wie er es auch anstellte, sie war zu keiner Zeit allein unterwegs. Mal war es Jorunn, die mit ihr über den Markt ging, um nach seltenen Kräutern Ausschau zu halten, mal war es Lathgertha, die sie zu Aodh begleitete, um Thorsteins Schwert zum Schärfen zu bringen.
Rollo half ihr, in der Böttcherei die Holznägel für die  Ragnarsúð abzuholen und wenn es ganz dick kam, hockte die ganze Gruppe zusammen und unterstützte den Steuermann, der sich nun mit einem Großteil der Mannschaften aller drei Boote an deren Einwinterung machte. Es war wie verhext!
Langsam begann der Jarl zu glauben, dass Jorunns Warnung damals nicht so aus der Luft gegriffen war, wie er es sich gern eingeredet hätte. Ja, sie und Thorstein ahnten nicht, dass er der Übeltäter war, nach dem sie so aufmerksam forschten und vor dem sie die kleine Rúna so furchtbar eifrig zu beschützen suchten. Doch auch jetzt schon hatte Ragnar das Gefühl, dass sich sein ihm untergebenes Volk an der ehemaligen Sklavin zu spalten begann. Und es begann auch noch direkt in seiner nächsten Umgebung und in seiner Familie.
Rollo mochte sein, wie er war. Dass er von Seiten seines Kriegerbruders wenig Unterstützung in seiner Stellung als Anführer zu erwarten hatte, wusste Ragnar längst. Debattieren, feilschen und verhandeln waren Kunstfertigkeiten, die der Jüngere einfach nicht beherrschte und auch nicht zu würdigen wusste. Dafür war dieser auch viel zu aufbrausend und kampflustig.
Doch dass auch Lathgertha ihn inzwischen misstrauisch beobachtete, da sie nicht verstand, warum er das Grüppchen so offensichtlich mied, beunruhigte ihn. Er war gezwungen, eine Veränderung herbeizuführen, koste es, was es wolle. Doch um sicher zu sein, dass sie auch schön weiterhin den Mund hielt, musste er an Rúna herankommen - und zwar bald!
Die Sorgen des Jarls entgingen Thorstein völlig, während andere Augen den Anführer ebenso genau beobachteten, wie er sie. Rollo spürte deutlich, wie der Zorn in seinem Bruder brodelte. Und er verstand den Älteren, den sie unbewusst arg in seiner Allmacht über die Siedlung beschnitten hatten. Dass Ragnar sich an die Wünsche und Anweisungen anderer zu halten hatte, war für den befehlsgewohnten Mann schmerzhaft. Schon, dass er Rúna freigeben musste, war sicher für ihn eine herbe Enttäuschung. Ja, es mochte sein, dass er sich sogar in seiner Männlichkeit angegriffen fühlte, da die junge Gefährtin Thorsteins so gar kein Vergnügen daran gefunden hatte, von ihm bestiegen zu werden. Rollo hatte Spaß an seinem Bruder, der wie ein Kater umherschlich, dem man den vollen Milchtopf weggenommen hatte. Doch er blieb auch auf der Hut. Man wusste nie, was einem in seiner Ehre gekränkten Krieger so alles in den Sinn kam. Und Rúna war nun einmal Ragnars derzeitiger Schwachpunkt. Eine Frau wie sie konnte schnell einen schrecklichen Unfall erleiden oder einer unerklärlichen Krankheit anheimfallen. Dass Thorstein, so verliebt und besorgt wie er war, den Verlust der Kleinen nicht gut verkraften würde, wusste nicht nur Rollo.
Auch Jorunn machte sich Gedanken, doch waren sie weniger darauf gerichtet, Thorsteins Gefährtin zu bewachen, als den Jarl endlich in die Schranken zu weisen. Dass Rúna sich immer noch über den Namen ihres Peinigers ausschwieg, obwohl sie doch frei war und nichts mehr zu befürchten hatte, war für die Völva der letzte Beweis. Und Ragnar ging ihnen ganz offensichtlich aus dem Weg, wenn die junge Frau bei ihr war! Sollte er nicht eher, und sei es aus Höflichkeit gegenüber seinem besten Freund, auf ihr Wohl bedacht sein? Sollte er nicht Thorstein Glück wünschen zu dessen gelungener neuer Verbindung mit der wirklich hübschen jungen Frau? Hätte nicht er es sein müssen, der Rúnas Freigabe vor einem halben Mond zelebrierte? Wenn der Jarl aber Rúna bestiegen hatte und nun um seinen Ruf fürchtete, würde er früher oder später dazu übergehen, sich seinen Platz zurückzuerobern. Und dann musste sie, Jorunn, ihn dabei zur Rede stellen. Das Wohl der ganzen Siedlung, so wusste sie aus ihren Visionen, hing derzeit an einem seidenen Spinnengewebe!
Rúna selbst sah nicht, wie fein die Fäden waren, an denen ihr Schicksal derzeit hing. Sie hatte dafür gesorgt, dass Thorstein der Name Ragnars nicht bekannt wurde und damit den Mann, den sie liebte, aus ihrer Sicht ausreichend geschützt. Da Ragnar sich nicht zu ihrem Handeln geäußert hatte, nahm sie an, dass es dem Jarl inzwischen egal war. Immerhin war er von beiden Männern derzeit auch der deutlich Stärkere. Und er konnte kein Interesse daran haben, dass sein Tun in jener Nacht noch nachträglich bekannt wurde …
Also sah sich die junge Frau selbst von dieser Seite aus nicht bedroht. Deshalb nahm sie auch nicht so deutlich wahr, wie sehr ihre Freunde und ihr Gefährte daran arbeiteten, sie nie allein zu lassen. Für sie war es ein Zeichen ihrer jetzigen Freiheit, dass sie Jorunn oder Lathgertha begleiten durfte und diese im Gegenzug auch ihre Wege hin und wieder begleiteten.
Dann, als es bei der Einwinterung der Boote ernst wurde und es darum ging, die von Masten und Ruderbänken befreiten Bootsrümpfe ans Land zu bringen, war auch sie mitgegangen, als fast der ganze Ort sich schaulustig am Hafen versammelte und die Männer anfeuerte, die die Schiffe mit Seilen und purer Muskelkraft über den Sand an Land zogen. Zunächst sah auch sie dem Spektakel atemlos zu. Zu beobachten, wie sich die riesigen Körper der Schiffe mehr und mehr aus dem Wasser erhoben und dann triefend und knarrend an Land gelangten, war aber auch zu außergewöhnlich!
Aufmerksam hörte sie zu, als Thorstein ihr erklärte, dass man nun den dichten Muschelbesatz von den Planken entfernte, danach morsche und undichte Bretter austauschte und zum Schluss die feinen Stöße der Planken mit Teer versiegeln musste.
Sie stand dicht hinter ihrem Gefährten, der konzentriert das Treiben seiner Männer verfolgte und so entging ihr nicht, dass der Mann trotz seiner dicken Kyrtel fröstelte. Die Kälte war bereits seit einigen Tagen über Straumfjorður gekommen und auch ihr kroch sie an den Beinen nach oben, obwohl sie inzwischen dicke Strümpfe und sogar Schuhe trug. Schlimm war das für die junge Frau nicht. Doch für Thorstein, befand Rúna, konnte eine Erkältung nach seinen Rippenbrüchen schlimme Folgen haben.
Also raffte sie ihr Tragetuch, in dem Solvig schlief, ein wenig enger und machte sich auf den Weg zum Grubenhaus, um für ihren Gefährten ein wärmendes Fell zu besorgen und vielleicht einen heißen Tee aus Apfelschalen in einem verschlossenen Krug mitzubringen. Eilig schritt die Schülerin der Völva aus. Thorstein sollte nicht krank werden!
Nur an Rande nahm sie wahr, wie man ihr höflich Platz machte. Das war etwas, woran sie sich noch lange nicht gewöhnen würde. Also grüßte sie jeden, den sie traf, höflich und die meisten erwiderten die freundlichen Worte der schüchternen Frau, wussten sie doch inzwischen, dass sie zu Jorunn und auch zu Thorstein gehörte.
Der Steuermann hatte zu spät bemerkt, dass Rúna gegangen war und es gab für ihn auch keine Möglichkeit, ihr zu folgen. Rollo war unter den Helfern, die das Anlanden der Boote koordinierten und Lathgertha war damit beschäftigt, den heißen Met für die Seefahrer heranbringen zu lassen. Jorunn aber hatte den Jarl im Auge behalten, als sie sah, dass Rúna allein auf dem Weg zu ihrem Haus war. Und Ragnar, der das Weggehen der jungen Frau ebenfalls bemerkt hatte, nahm diese hervorragende Gelegenheit tatsächlich wahr.
Hatte er bisher vom Pferderücken aus die Arbeiten seiner Männer beobachtet, so wendete er die Stute nun und trabte langsam auf dem Weg zur Siedlung hinter Rúna her. Seine Leute würden sich auch weiterhin mit dem Spektakel des Anlandens befassen, sodass er ungestört mit der Kleinen reden konnte. Ein wenig weiter abseits des Geschehens sollten sie dazu allerdings schon sein.
Also trieb er seine Stute nicht unnötig an und ließ Rúna Zeit genug, sich so weit vom Hafen zu entfernen, dass sie keine unliebsamen Zuhörer bei ihrem Gespräch hatten. Dann klopfte er dem Pferd die Fersen in die Seiten und ließ es neben Rúna aufschließen. Grinsend nahm er zur Kenntnis, dass die junge Frau bei seinem plötzlichen Erscheinen maßlos erschrak. Ja, es war ein gutes Gefühl, so hoch zu Ross neben der kleinen Metze einherzutraben. Sie versuchte doch tatsächlich, ihn einfach zu ignorieren und weiterzulaufen, als habe sie ihn nicht gesehen. Doch damit würde sie nicht weit kommen. Ragnar schob sich und sein Pferd lässig an ihr vorbei und verstellte ihr mit dem großen Tierkörper den Weg. "Bleib stehen, Weib", forderte er halblaut. "Wir haben zu reden."
Nachdenklich sah er, wie sie sich ihm voller Angst zuwandte. Bei Rúna war er wirklich viel zu weit gegangen, darin hatte sein Bruder nicht Unrecht. Und es war sonst auch gar nicht seine Art, derart über eine wehrlose Frau herzufallen. Doch die junge Sklavin hatte auf ihn eine so einzigartig anregende Wirkung ausgeübt, dass er in dieser Nacht seinen Verstand vor der Tür gelassen hatte. Nur noch eines war ihm wichtig erschienen - sie unter sich zu bekommen, um sie sich zu eigen zu machen.
Doch davon, dass sie auch nur einen winzigen Teil ihres Selbst an ihn überlassen hätte, war rein gar nichts zu spüren, als sie nun trotz aller Angst ihren Blick direkt auf ihn richtete. Ragnar nahm sich zusammen. Ihr wollte er Angst machen, nicht sich selbst in Zweifel stürzen.
"Diese neuen Kleider stehen dir gut", begann er, "viel besser als diese alten, fadenscheinigen Fetzen, die du als Sklavin getragen hast." Er verengte seine Augen berechnend zu schmalen Schlitzen, als er sie eingehend musterte. Bisher hatte eine solche Behandlung ihm immer Respekt eingebracht. Sie von oben herab im Blick zu haben, gefiel dem Jarl trotz allen Ärgers und erinnerte ihn an ihr allererstes Gespräch. Auch da hatte sie zu ihm aufschauen müssen.
"Doch das sind ja gar nicht die Gewänder, die du von mir erhalten hast", tat er überrascht. "Gefallen sie dir nicht? Ich habe einen hohen Preis dafür gezahlt, dich so wertvoll einzukleiden."
Rúna wusste, dass der Jarl nicht log. Es waren Festtagskleider gewesen, die er ihr hatte übergeben lassen. Doch wenn er dachte, dass er sie damit kaufen konnte, irrte er sich gewaltig.
Sie schüttelte den Kopf. "Es mögen schöne Kleider sein, Jarl Ragnar", gab sie dann höflich aber entschlossen zurück. "Doch sie erinnern mich zu sehr an etwas, was ich gern vergessen möchte." Sie wurde leiser, doch Ragnar verstand sie dennoch weiterhin gut.
"Würde ich mich mit euren Gaben schmücken, käme ich mir vor wie eine Dirne, der ihre Dienste bezahlt wurden. Doch auch diese Frauen nehmen Lohn nur für etwas, das sie freiwillig gegeben haben. Dieser Preis ist mir für ein bisschen Schönheit zu hoch!"
Rúna glaubte, mit diesen Worten das ungewollte Gespräch beendet zu haben. Doch sie hatte die Rechnung ohne den Jarl gemacht. Unverhofft und elegant wie eine Wildkatze sprang der Krieger aus dem Sattel und kam direkt vor ihrem Körper auf die Füße. Dicht drängte er sich an sie, zwang ihr erneut seine Nähe auf. Rúna stand erstarrt vor Angst. Er war viel, viel zu nah …
Spielerisch legte Ragnar eine Hand in ihren Nacken und zog ihr Ohr näher an seinen Mund. "Du irrst dich, wenn du glaubst, hier das Sagen zu haben", flüsterte er ihr ins Ohr. "Als du unter mir warst und ich in dir …", lächelnd nahm er wahr, wie sie sich bei diesen Worten vor Grauen schüttelte, "als ich dich also zum Schreien gebracht habe, hast du ganz allein mir gehört - mir deinem Herrn, meine kleine ehemalige Sklavin. Und auch jetzt bist du nur frei und bei deinem ach so geliebten Thorstein, weil ich es zulasse." Neckend leckte er über ihr kaltes Ohrläppchen, während er Rúna in einem festen Griff an seinen Körper presste.
"Vergiss also nie, wo du herkommst!" Er lachte.
"Es könnte sonst schnell passieren, dass du dich im Wald unwiederfindbar verirrst und schließlich auf einem Schiff nach Haithabu landest. Oder dass dein guter Thorstein im nächsten Kampf in einen Hinterhalt gerät." Der Jarl wusste, dass er bluffte, doch Rúna glaubte ihn in diesem Moment jedes Wort. Mit aller Arroganz, die er aufbringen konnte, tätschelte er noch einmal die Wange der verängstigten Frau. "Also sei vorsichtig und halte weiterhin den Mund, wenn du willst, dass dein kleines Liebesglück lange währt."
Der Jarl schwang sich zurück in den Sattel und zog seine Stute um die Hinterhand. Er hatte hier genug gedroht. Schon wollte er dem Pferd die Fersen geben, da fiel ihm noch etwas ein.
"Und übrigens", rief er Rúna hinterher, die sich bereits von ihm abgewandt hatte. "Dein Thorstein könnte mir eigentlich dankbar sein. Immerhin habe ich ihm eine Arbeit abgenommen und dich für ihn so richtig ausgiebig eingeritten. Wenn du es irgendwann also mal wieder ein wenig länger und besser brauchst - du weißt, wo du mich findest."
Lachend und sehr mit sich zufrieden ritt der Jarl davon. Dieser kleinen Metze hatte er es gegeben! Das winzige mulmige Gefühl im Magen, das er empfand, weil er Rúna erneut heftig verletzt hatte, ignorierte er geflissentlich. Soviel musste ihm sein Stand schon wert sein!
Auf halbem Weg wandte er sich noch einmal um, nur damit er sicher war, dass Rúna auch wirklich zu ihrem Haus ging. Und richtig, die kleine Gestalt trat gerade auf den Platz vor der Grubenhütte. Ihr gebeugte Haltung konnte er selbst von hier aus noch erkennen.
Dort aber, wo sie gesprochen miteinander hatten, sah er nun eine zweite Frau auf dem Weg stehen, die ihm aufmerksam nachsah. Der Jarl spürte, wie es ihm eisig über den Rücken lief, als er die Völva erkannte.

Kommentare

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    Scheußlicher Kerl, kann ich da nur sagen!

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Feenstaub

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