Druck, Stress, Lernen und das alles unter einem Dach

Der nächste Tag war ein Sonntag. Helles Sonnenlicht drang durchs Fenster, da ich vergessen hatte die Vorhänge zuzuziehen. Ich wälzte mich hin und her und versuchte trotz der Helligkeit weiterzuschlafen. Vergebens.
Schließlich gab ich auf, verließ das warme Bett, schlurfte ins Bad und machte mich fertig. Danach ging ich leise nach unten, da ich nicht wusste, ob meine Eltern noch schliefen. Ich setzte mich ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher an.
Gelangweilt zappte ich durch die Kanäle, doch mich interessierte nicht wirklich etwas, also begab ich mich in die Küche. Dort gab ich Vollkornmüsli in eine Schüssel und kippte Milch dazu.
Dann setzte ich mich auf die braune Küchenzeile und begann zu essen. Ich rührte in der Schüssel herum, einmal im Uhrzeigersinn und dann in die andere Richtung. Die Müsliflocken folgten dem Strudel und wirbelten herum. Als ich aufsah, stand mein Dad in der Tür.
„Wie kommt es, dass du wieder so früh wach bist? Früher als deine Mutter und ich?" Er ging an mir vorbei und öffnete den Kühlschrank. Ich zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung, aber ich wette, dass es morgen anders sein wird, wenn ich früh aufstehen und zur Schule muss.“ Ein Lächeln huschte über das Gesicht meines Dads.
Er schüttete Milch in ein Glas und stellte sie in den Kühlschrank zurück.
„Wie war es gestern bei Linda? Wir haben so viel von unserer Reise erzählt, dass ich ganz vergessen habe dich danach zu fragen."
„Es war gut. Wir haben uns lange unterhalten und viel gelacht."
„Das ist schön. Du kannst dich glücklich schätzen, dass du eine so gute Freundin hast und dass schon seit... Wie viele Jahre kennt ihr euch noch mal?“ Ratlos kratzte er sich am Kopf.
„Zehn Jahre, Dad.“ Ständig musste ich ihn an etwas erinnern. Sein Langzeitgedächtnis war nicht das Beste.
„Genau. Seit zehn Jahren seid ihr befreundet. Dass ist eine lange Zeit, besonders in eurem Alter." Ich konnte mir absolut nicht erklären, warum er mir aufzeigte, wie besonders meine Freundschaft mit Linda war. Dass wusste ich, seitdem ich das erste Mal mit ihr auf einem Spielplatz herumgetollt war.
„Ach, bevor ich vergesse dich zu fragen, hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?“ Ernst sah er mich an.
Wenn es um die Schule ging, egal ob es Noten oder Hausaufgaben betraf, war mein Dad äußerst streng. Immer wieder fragte er, wie es in der Schule lief. Früher hatte er mir sogar ab und zu in Mathe, meinem Hassfach Nummer eins, geholfen.
Diese „Nachhilfe“ war aber meist eine einzige Katastrophe gewesen, da mein Dad schnell ungeduldig wurde und wenn ich ihm dann entnervt gesagt hatte, dass ich Mathe nie im Leben verstehen würde, hatte er losgebrüllt, das Zimmer rasend vor Wut verlassen und war den Rest des Tages mies gelaunt und kaum ansprechbar gewesen.
„Zum Teil“, log ich und aß das Müsli weiter. Ich hoffte, dass mein Dad nicht nachbohren würde, aber so viel Glück war mir nicht vergönnt. Wie immer, wenn er erfuhr, dass ich nicht stundenlang stillschweigend am Schreibtisch gesessen und mich auf die Hausaufgaben konzentriert hatte, kannte er kein Halten mehr.
„Warum nur zum Teil, Holly? Du weißt ganz genau, dass du nicht immer alles bis auf den letzten Drücker aufschieben sollst. Ich erinnere mich nämlich noch sehr gut an zwei oder drei Lehrer, die mir am Elternabend gesagt haben, dass du deine Hausaufgaben häufiger nicht vorliegen hattest.“
Innerlich schimpfte ich über die Lehrer und verdrehte die Augen, als mein Dad nicht hinsah.
„Ich weiß, Dad, und es tut mir auch leid, dass ich manchmal meine Pflichten vernachlässigt habe, aber ich schwöre dir, sobald ich mit dem Frühstück fertig bin, erledige ich den Rest“, meinte ich schuldbewusst und hob eine Hand wie bei Eid vor Gericht, wie ich es oft im Fernsehen gesehen hatte.
Er grummelte etwas Unverständliches vor sich hin und nickte abwesend. Anscheinend reichte ihm dieses Versprechen, halbwegs zumindest.
Bevor er weiter fragen konnte, stellte ich die leere Schüssel ins Waschbecken und ging wieder nach oben.
Eigentlich wollte ich den Stapel Hausaufgaben auf heute Abend verschieben, doch die Aussagekraft meines Dads war stärker, als ich gedacht hatte. Also setzte ich mich an den Schreibtisch und begann einen Aufsatz für Englisch zu schreiben. Da ich ziemlich gut in Englisch war, ging er mir leicht von der Hand. Doch bei den übrigen Fächern kam ich leider nicht so schnell voran.
Geschichte beendete ich nach der Hälfte der vorgegebenen Aufgabe, Biologie erledigte ich eher schludrig und Mathe hatte ich gar nicht erst angefangen. Ich gab immer schneller auf, als gut wäre, aber wieso sollte ich mir etwas vormachen. Ich war eine totale Niete in Mathe und hatte keine große Lust mich mit Formeln und Graphen zu quälen.
Da ich mit den Hausaufgaben einige Stunden beschäftigt war, verging der Rest des Tages wie im Flug. Und ehe ich mich versah, lag ich im Bett und träumte von grauen Augen und roten Kleidern.

Ein schrilles, hohes Klingeln unterbrach meinen Schlaf. Ich tastete im Dunkeln nach dem Wecker. Als meine linke Hand einen viereckigen Klotz erfasst hatte, drückte ich auf den Knopf. Mit einem Schlag wurde es totenstill. Am Liebsten hätte ich mich umgedreht und weitergeschlafen, doch ich rappelte mich auf, ging duschen und stand wie fast jeden Tag verzweifelt vor dem Kleiderschrank.
Nach 20 Minuten hatte ich mich für eine lange braune Hose und eine kurzärmlige, dunkelblaue Bluse entschieden. Als ich im Flur ankam, sah ich, dass sowohl die Jacke meines Dads, als auch die meiner Mom an der Garderobe bereits fehlten. Wahrscheinlich hatte meine Mom, die als Krankenschwester im Krankenhaus arbeitete, Frühschicht, und mein Dad begann als Versicherungskaufmann ebenfalls immer früh mit der Arbeit. In der Küche schnappte ich mir einen Apfel, biss genüsslich hinein und schaute aus dem Fenster. Draußen zeigte sich ein grauer und trüber Himmel. Dicke Nebelschwaden hingen über den Dächern der Häuser.
Na, dass nenn ich mal schönes Wetter, dachte ich voller Ironie und verzog das Gesicht. Ich aß den Apfel bis aufs Kerngehäuse auf. Dann packte ich meinen Rucksack und verließ das Haus.
Es war unerwartet warm und ich begann unter meiner dicken Jacke zu schwitzen. Ich ging zu meinem gebrauchten Ford Focus Hatchback, den mir meine Eltern vor Kurzem zum 16. Geburtstag geschenkt hatten.
Er war Weiß, wodurch der Dreck, der an den Außenseiten klebte, einem direkt ins Auge stach. Es war wohl wieder an der Zeit in die Waschanlage zu fahren. Das wäre dann das dritte Mal, seit ich ihn besaß. Vielleicht sollte ich mehr auf die Sauberkeit meines Autos achten, schließlich hatten meine Eltern Geld für den Wagen ausgegeben und beschwerten sich fast jeden Tag, wenn sie ihn nach der Arbeit in der Auffahrt stehen sahen, über seinen Zustand.
Dann sagte ich immer, dass man nichts und niemanden aufgrund seines Äußeren beurteilen sollte. Diese Weisheit brachte mir jedes Mal einen angesäuerten Blick ein.
Ich stieg ein und schaltete in den Rückwärtsgang. Der Schaltknüppel ließ sich nur mit großem Kraftaufwand bewegen und so dauerte es, bis ich endlich von der Auffahrt auf die Straße gefahren war. Trotz dieser und anderer Macken war ich heilfroh ein eigenes Auto zu besitzen und nicht mehr von meinen Eltern abhängig zu sein.
Die Fahrt bis zu meiner High School dauerte eine halbe Stunde. An einer roten Ampel hatte ich meine Jacke ausgezogen und hinter mich geworfen. Die ganze Zeit war die Luft im Auto warm gewesen und ein schwacher Duft nach altem Gummi hatte sie erfüllt. Ich wusste nicht, woher der Geruch kam. War das der Eigengeruch dieses gebrauchten Wagens oder stimmte irgendetwas nicht? Am Besten fragte ich zuerst meinen Dad und falls der auch keine Ahnung hatte, woher der Geruch stammte, würde ich wohl oder übel eine Werkstatt aufsuchen müssen.
Auf dem Parkplatz der Schule waren schon einige andere Autos und deren Besitzer zu sehen. Mit einem großen Schlenker parkte ich etwas abseits von den Übrigen. Ich wollte schließlich später wieder bequem einsteigen und mich nicht an Außenspiegeln vorbeiquetschen und es riskieren eine Alarmanlage auszulösen. Ich stieg aus und suchte auf dem Rücksitz nach meinem Rucksack und der Jacke.
„Hi“, hörte ich eine bekannte Stimme. Hinter mir stand Zack Pierce. Er war ein pummliger, klein geratener Junge mit einem sonnigen Gemüt und ein guter Freund von mir. Heute trug er eine locker sitzende Jeans und einen etwas zu engen blau- karierten Pullover, der seinen dicklichen Bauch noch unterstrich.
„Hi, wie geht`s dir, Zack?“
„Gut. Wie war dein Wochenende?“
„Nett“, antwortete ich ihm kurz angebunden und setzte ein Lächeln auf. „Und deins?“, fragte ich, als wir auf dem Weg zum Haupteingang waren.
„Klasse. Ich war auf Sebastians Geburtstag. Wir waren im Wald, da gibt es seit Neustem eine Paintball-Anlage. Die ist mega cool sag ich dir. Ich war richtig gut.“
Als ich zu ihm herübersah, waren seine glänzenden Augen nicht zu übersehen. Ich schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen.
„Typisch Jungs. Es reicht eine mit bunter Farbe gefüllte Pistole, um sie zu faszinieren und stundenlang zu beschäftigen.“ Er knuffte mich leicht in die Seite.
„Ja, ja, Holly, ich weiß, dass ich kindisch bin.“
Darauf schubste ich ihn so stark ich konnte und er prallte gegen einen blauen VW Golf. Gleichzeitig prusteten wir los. Immer noch lachend betraten wir das Schulgebäude. Vor uns lag der weiß gestrichene Flur mit den hässlichen grünen Spinden, der sich endlos hinzog.
An den Wänden hingen verschiedene Plakate, die Schulveranstaltungen oder Partys ankündigten. Das waren die einzigen Farbtupfer, die die deprimierende Atmosphäre etwas auflockerten. Der mit grauem Linoleum belegte Boden klebte unter meinen Sneakern, sodass bei jedem Schritt ein eklig schmatzendes Geräusch erklang.
Viele Schüler standen entweder in kleinen Gruppen zusammen und unterhielten sich angeregt oder kramten die Bücher für den heutigen Unterricht aus ihren Schränken. Manch einer machte in den letzten Minuten noch Hausaufgaben oder schrieb sie einfach bei jemand anderem ab. Auch Zack musste noch mal an seinen Spind. Da ich alles dabei hatte und eh in die andere Richtung zu Geschichte musste, verabschiedete ich mich bis zur Mittagspause. Ich trabte lustlos durch den Flur bis zum Raum 105.
Dort angekommen ging ich zu meinem Platz am Fenster, packte meinem Block und das Geschichtsbuch aus und legte sie auf den weißen Tisch. Wie alle anderen wartete ich auf den Beginn des Unterrichts.
Vereinzelt grüßten mich meine Mitschüler, wenn sie reinkamen. Ich nickte dann nur, da ich langweiligen und banalen Gesprächen über Sport, den Unterricht, Lehrern oder Klamotten aus dem Weg gehen wollte. Zu solch früher Stunde konnte ich darauf verzichten.
Zwei Minuten, nachdem die Schulglocke den Unterricht eingeläutet hatte, betrat Mr. West, mein Geschichtslehrer, den Raum. Er war ein untersetzter und fast kahlköpfiger Mann.
Wie üblich stellte er erst seine lederne Tasche aufs Pult und wischte sich dann ausgiebig mit einem mintgrünen Stofftaschentuch über das ganze Gesicht. Dies tat er, weil er sehr schnell ins Schwitzen geriet, wie er uns erklärte, nachdem ein Schüler ihn danach gefragt hatte. Ich an seiner Stelle hätte nie im Leben zugegeben, dass ich Probleme mit der Überproduktion meiner Schweißdrüsen hatte.
Zu Beginn der Stunde besprachen wir die Hausaufgaben. Dass war noch halbwegs erträglich, doch dann begann Mr. West über den zweiten Weltkrieg zu sprechen und ich schaltete automatisch ab. Ich starrte aus dem Fenster und konnte beobachten, wie der Nebel sich langsam aber sicher lichtete. Doch auch dieses Naturschauspiel konnte mich nicht allzu lange fesseln. Dann und wann kritzelte ich Gedichte in meinen Block oder spielte Tic Tac Toe gegen mich selbst.
Als es klingelte, gähnte ich genüsslich. Endlich ist es vorbei, dachte ich und notierte die an der Tafel stehende Hausaufgabe.
Nach einer weiteren Stunde-, diesmal war es Bio gewesen,- stand ich an der Essensausgabe in der Cafeteria und wartete ungeduldig darauf, dass sich die lange Schlange bald verkürzen würde, aber es ging nur im Schneckentempo weiter. Schritt für Schritt.
Nach zehn Minuten, die mir eher wie zehn Stunden vorkamen, hatte ich einen Teller mit Spaghetti Bolognese, einen kleinen Salat und einen Schokopudding ergattert. Ich hielt gerade nach einem freien Sitzplatz Ausschau, als ich Zack in der Mitte der Cafeteria erspähte. Mit leicht wackelndem Tablett setzte ich mich in Bewegung.
Am Tisch angekommen, setzte ich mein Tablett vorsichtig ab und freute mich, dass nichts heruntergefallen war. Ich ließ mich auf einem der unbequemen Plastikstühle nieder und erkannte einige Freunde und Bekannte, die bereits am Tisch Platz genommen hatten.
Zack saß mir gegenüber und verdrückte einen Hamburger. Daneben erkannte ich Sebastian, einen guten Freund von ihm, den ich aber nur flüchtig kannte. Er hatte raspelkurze, blonde Haare und eine dickliche Nase, die irgendwie nicht zu seinem schmächtigen Körper und schmalem Gesicht passen wollte. Er und Zack unterhielten sich, vermutlich über die Geburtstagsfeier am Wochenende.
Vanessa Greenwood, ein nettes und zurückhaltendes Mädchen mit kurzem braunen Haar, war in ein Buch vertieft. Sie hob den Kopf nur, um sich hin und wieder eine Gabel mit Salat in den Mund zu schieben. Und auch Mikaela und Mitch saßen am Tisch. Beide kannte ich aus dem Mathekurs.
Sie waren seit fünf Monaten ein Paar und machten alles zusammen. Sie fuhren gemeinsam zur Schule, hatten dieselben Hobbies und aßen sogar dasselbe. Ehrlich gesagt fand ich ihr Verhalten übertrieben und merkwürdig. Sie hingen fast 24 Stunden wie Kletten aneinander. Sicher war es schön, wenn man Zeit mit seinem Partner verbringen konnte, aber das fand ich ein bisschen zuviel des Guten.
Gerade küssten sie sich innig und es schien, als wollten sie gar nicht mehr damit aufhören. Ich konnte das Schnalzen ihrer Zungen deutlich hören und als Mikaela in Mitchs schulterlanges Haar griff, wandte ich angewidert den Blick ab. Lustlos stocherte ich im Essen herum, doch mir war der Appetit redlich vergangen und zum tausendsten Mal fragte ich mich, warum sie das immer beim Essen machten. Dass wir anderen essen wollten, ohne ständig ihre Knutscherei zu bestaunen, kam ihnen offensichtlich nicht in den Sinn.
Dennoch beneidete ich sie in meinem Inneren ein wenig, auch wenn ich es nur ungern zugab.
Ich vermisste einen Partner, mit dem ich meine Sorgen und Ängste teilen, dem ich vertrauen und mit dem ich Zeit verbringen konnte. Ich wurde leicht melancholisch und meine Gedanken wanderten erneut zu dem Fremden mit den grauen Augen.
Trotz der Gewissheit, dass ich ihn wohl nie hier treffen würde, schaute ich auf, reckte den Hals und schaute mich um. Hier und da sah ich Jungs mit braunen Haaren, die seinen ähnlich waren, aber wenn ich dann in ihre Gesichter blickte, sah ich nie jenes, auf das ich insgeheim hoffte.  
Ein plötzliches Gefühl der Einsamkeit überfiel mich und kroch in mir hoch, doch fast im gleichen Moment ließ mich ein kratzendes Geräusch hochschrecken. Zu meiner Rechten tauchte Linda auf.
„Ist alles in Ordnung, Holly? Du siehst traurig aus.“ Sie stellte ihr Tablett ab und schaute prüfend in mein Gesicht. War ich wirklich nicht fähig meine Gefühle zu verbergen? Mein Gesicht ähnelte eher einem offenen Buch, in dem jeder nach Lust und Laune lesen konnte.
„Es ist alles okay“, antwortete ich.
„Ich merke doch, dass etwas nicht stimmt, schließlich kenne ich dich seit wir klein sind. Also, raus mir der Sprache.“
Eigentlich hasste ich nichts mehr, als über meine Gefühle zu reden, selbst mit Linda war es ein unangenehmes Thema für mich. Daher wich ich ihrem stechenden Blick aus, doch zu meinem Bedauern ließ sie nicht locker.
„Ignorieren ist zwecklos.“ Ich stöhnte.
„Du weißt, dass ich es nicht ausstehen kann über meine Gefühlswelt zu sprechen, aber bevor du völlig ausflippst, erzähl ich dir lieber, was los ist.“ Lindas Gesichtsmuskeln entspannten sich.
„Ich fühle mich ziemlich einsam, vor allem, wenn ich die Beiden da sehe.“ Ich zeigte auf das sich abschleckende Pärchen und Linda nickte verständnisvoll.
„Denkst du vielleicht zufällig auch an den Typen, von dem du mir am Samstag erzählt hast?“
„Ja, dabei will ich dass gar nicht. Es wäre einfacher, wenn ich ihn vergessen würde, aber ich kann es nicht.“ Auf ihrem Gesicht erschien ein breites Lächeln.
„Dann bist du offensichtlich in ihn verliebt.“ Geschockt starrte ich sie an.
„Du spinnst doch. Ich bin nicht in ihn verliebt, ich kenne ihn gar nicht.“ Was war in sie gefahren, dass sie auf solch eine abwegige Behauptung kam?
„In wen bist du verliebt?“, fragte Vanessa mit so leiser Stimme, dass ich sie kaum hörte. Mir war gar nicht aufgefallen, dass sie von ihrem Buch aufgesehen und uns zugehört hatte.
„In niemanden“, entgegnete ich verärgert. Ich empfand es als unhöflich und dreist, dass Vanessa uns belauscht hatte und sich jetzt in unser Gespräch einmischen wollte.
„Linda bildet sich nur wieder was ein.“
„Ach so.“ Sie widmete sich wieder ihrem Buch.
„Jetzt reg dich nicht auf, Holly. War ja nicht ernst gemeint.“ Zur Entschädigung schloss sie mich kurz in ihre Arme und blickte mich entschuldigend an.
„Schon gut“, murmelte ich, trotzdem war ich noch immer schlecht gelaunt. Erst recht, als ich auf der gegenüberliegenden Seite der Cafeteria auch noch das Gesicht von Quentin Jones entdeckte, der mit einigen seiner Kumpels ausgiebig über irgendetwas lachte. Sein dämliches Grinsen gab mir den Rest. Ich ließ mein Tablett stehen, stand auf und stürmte aus der Cafeteria.
Schwer atmete ich, denn ich bekam kaum Luft. Ich musste hier raus, also rannte ich in Richtung Parkplatz.
Vor der Schule setzte ich mich auf die Stufen, die zum Eingang führten, und versuchte mich zu beruhigen. Gierig sog ich die Luft ein und versuchte angestrengt an andere Dinge zu denken, wie den eventuell anstehenden Besuch in der Autowerkstatt. Überraschenderweise klappte es sogar.
Ich genoss die Stille und die schwachen Sonnenstrahlen, die sich einen Weg durch die Wolken bahnten und nun mein Gesicht wärmten. Leider war ich nicht lange allein, denn ich hörte Schritte hinter mir. Ich schloss die Augen und versuchte mich dadurch von der Außenwelt abzukapseln.
„Warum bist du so überstürzt rausgerannt?“, fragte die Stimme von Zack. Ich hörte, wie er sich neben mir niederließ. Sein Atem ging unregelmäßig, da er mir vermutlich so schnell wie möglich gefolgt war.
„Ich will jetzt nicht darüber reden, Zack.“
„Gut, dann bleib ich einfach hier sitzen und wir schweigen gemeinsam.“
Ich öffnete die Augen, schaute ihn dankbar an und legte meinen Kopf auf seine Schulter. Das mochte ich an Zack. Er quetschte mich nicht aus. Stattdessen akzeptierte er es, wenn ich nicht reden wollte und spendete mir still Trost.
Viel Zeit war uns jedoch nicht vergönnt, denn die nervige Glocke ertönte und rief zur nächsten Schulstunde. Zack erhob sich und hielt mir eine Hand entgegen. Ich griff zu und mit einem Ruck zog er mich zu sich.  
„Danke.“
„Kein Problem.“
Vor dem Schulgebäude lächelte er mir noch einmal aufmunternd zu, dann wandte er sich ab und ging zurück.
Nachdem ich noch eine Englischstunde hinter mich gebracht hatte, stand ich schließlich wieder auf dem Parkplatz.
Noch während ich im Rucksack nach dem Autoschlüssel suchte, tauchte wie aus dem Nichts Linda auf und lehnte sich an die Wagentür.
„Es tut mir von ganzem Herzen leid, Holly. Ich hatte nicht vor dich zu kränken oder mich über dich lustig zu machen, wirklich. Ich spreche das Thema auch nie wieder an. Ehrenwort.“
Sie kreuzte den Mittel- und Zeigefinger der rechten Hand. Leicht genervt schaute ich von meinem Rucksack auf.
„Ist schon vergessen, Linda.“ Mit der linken Hand zog ich endlich den Schlüssel hervor.
„Tut mir leid, aber ich muss los.“
Beleidigt schaute sie mich an, doch ich kümmerte mich nicht darum, schließlich hatte ich einen Grund beleidigt zu sein und nicht sie. Ich wollte bloß nach Hause. Unterwegs drehte ich das Radio bis zum Anschlag auf. Der Bass dröhnte gegen die geschlossenen Scheiben und betäubte meine Ohren.
Mit einer lautstarken Vollbremsung hielt ich kurze Zeit später in unserer gepflasterten Auffahrt. Ich marschierte schnurstracks ins Haus und ging, auf der Suche nach etwas Zuckerhaltigem, zuerst in die Küche.
Zucker half immer, wenn ich schlecht drauf war, doch zu meinem Pech fand ich nichts und so trabte ich in mein Zimmer, schmiss den Rucksack aufs nicht gemachte Bett und setzte mich auf den drehbaren Schreibtischstuhl. Mit einem Fuß stieß ich mich ab und setzte den Stuhl in Bewegung. Stetig legte ich mehr Kraft in den Fuß und drehte mich immer schneller auf der gleichen Stelle. Mein Zimmer rauschte in den verschiedensten Farben an meinen Augen vorbei.
Blöde Linda, dachte ich. Warum musste sie sich auch andauernd einmischen? Konnte sie nicht ein wenig wie Zack sein? Wütend kniff ich meine Augen zu und meine Stirn legte sich in Falten.
Ich hätte ihr niemals von dem Fremden erzählen dürfen. Ich hatte auf Verständnis gehofft und vor allem auf Stillschweigen, doch die liebe Linda posaunt lieber alles heraus. Empört schnaubte ich.
Langsam wurde mir auf dem drehenden Stuhl übel. Sanft stoppte ich. Vor meinen Augen wirbelte noch immer alles umher, dennoch stand ich auf und wankte wie eine Besoffene zum Bett.
Dort blieb ich erstmal liegen, bis sich das Mobiliar nicht mehr drehte. Mir war klar, dass ich mich ablenken musste und wollte, aber womit? Das Einzige, das mir einfiel, waren Hausaufgaben, aber war ich wirklich verzweifelt genug, dass ich meine Hausaufgaben als Ablenkung in Betracht zog? Vermutlich, denn ich schnappte mir tatsächlich mein Mathebuch und war von mir selbst überrascht.
Voller Enthusiasmus machte ich mich an die Arbeit, aber keine fünf Minuten später schlug ich das Buch frustriert zu. Ich verstand nur Bahnhof. Wieso musste es ein Fach wie Mathe überhaupt geben? Ich stöhnte entnervt auf. Ich war einfach zu blöd, um hinter die verschlossenen Türen der Mathematik zu blicken. Es gab nur Einen, der mir dabei helfen konnte und dass war Zack. Sogleich schnappte ich mir mein Handy. Es klingelte dreimal, ehe er abnahm.
„Was gibt´s?“, fragte er sofort.
„Ich hab mal wieder Probleme mit Mathe. Kannst du vielleicht herkommen? Du hast auch was gut bei mir.“ Keine Antwort. Wahrscheinlich dachte er nach. Hoffentlich hatte er Zeit. Am Ende der Leitung erklang ein Räuspern.
„Klar, ich komm rüber. Ich weiß ja, wie hilflos du ohne mich bist.“ Er lachte. „Ich bin in ca. 20 Minuten bei dir. Bis gleich.“
„Danke, du bist mein Lebensretter.“
In Windeseile räumte ich provisorisch mein Zimmer auf, schließlich musste er nicht unbedingt das Chaos sehen, das ich innerhalb weniger Stunden verursacht hatte.
Danach suchte ich in der Küche nach etwas Essbarem, was ich Zack anbieten konnte. Ich fand bloß Obst, das ich gerade auf einem Teller drapierte, als ich draußen den röhrenden Auspuff von Zacks sehr altem roten Chevrolet hörte, den er von seinem verstorbenen Onkel geerbt hatte.
Da kein anderes Familienmitglied Verwendung für den Schrotthaufen gefunden hatte, hatte Zack ihn bei sich aufgenommen und ihn grundüberholt, natürlich mit Hilfe eines Mechanikers, da Zack zwei linke Hände besaß, was er des Öfteren im Handwerksunterricht unter Beweis stellte. Inzwischen war der Chevrolet so weit, dass er sich ohne Anschieben in Bewegung setzte, aber der Auspuff und der Motor waren noch immer ohrenbetäubend laut und wenn man eine Weile im Wagen saß, ging einem das ewige Dröhnen gehörig auf die Nerven.
Natürlich hatte ich das Zack nie gesagt, da er unglaublich stolz auf den Chevrolet und seine Arbeit war.
Ich war noch vor ihm an der Tür und öffnete sie. Zack kam gerade die Stufen unserer Veranda hoch. Sein Gesicht konnte ich allerdings nicht sehen, da es von einem Stapel Bücher, Blöcken und einem Aktenordner verdeckt wurde.
„Hi“, brachte er zwischen zwei lautstarken Atemzügen hervor. Ich hielt ihm die Tür auf und ließ ihn herein.
„Soll ich dir was abnehmen?“, fragte ich besorgt, da die Konstruktion sehr instabil wirkte. Er schüttelte energisch den Kopf.
„Na gut, aber pass auf. Wir gehen am Besten in mein Zimmer.“
Schnaufend ging er die Treppe hinauf. Ich blieb direkt hinter ihm.
Ein oder zweimal sah es so aus, als ob er die Bücher und das andere Zeug verlieren würde, aber zum Glück passierte nichts.
Ich folgte ihm in mein Zimmer, wo er alles auf den Schreibtisch fallen ließ. Der Aktenordner und die Bücher rutschten zur Seite und schoben fast alle meine Sachen vom Tisch.
„Pass doch auf“, raunte ich und umklammerte schützend meine Schulsachen.
„Sorry“, murmelte er und schichtete die mitgebrachten Sachen wieder ordentlich aufeinander.
„Was ist denn das alles?“, fragte ich und legte meine Sachen vorsichtshalber aufs Bett.
„Nun, Mathebücher, meine Aufzeichnungen vom vergangenen Halbjahr und das…“, Zack tippte mit dem rechten Zeigefinger auf den Aktenordner, „…sind meine sämtlichen Aufzeichnungen der letzten drei Jahre.“
Ich war irritiert und überfordert zugleich.
„Aber das brauche ich alles nicht, ich will doch bloß, dass du mir bei den Hausaufgaben hilfst.“
„So leicht mach ich es dir nicht, Holly. Wir schreiben demnächst einen wichtigen Test, wie du hoffentlich weißt. Glück allein wird dir da nicht weiterhelfen.“
Er hob mahnend einen Zeigefinger und ähnelte dabei erschreckenderweise meinem Dad, wenn er mich an meine Schulpflichten erinnerte.
„Ich finde das trotzdem übertrieben. Die Aufzeichnungen vom letzten Halbjahr hätten gereicht“, antwortete ich, denn ich ahnte Schlimmes.
„Dir fehlen die wichtigen Grundkenntnisse und das heißt, dass du sie nachholen musst, sonst verstehst du den Rest niemals.“
„Ich habe die verdammten Grundkenntnisse schon nicht geschnallt, als wir sie besprochen haben, Zack. Ich bin einfach eine Niete in Mathe!“  
„Mit meiner Hilfe schaffst du das allemal.“ Er hatte mehr Vertrauen in mich, als ich selbst.
„Wenn du das sagst, aber wie soll ich das bitte nachholen? Ich habe noch andere Sachen zu tun.“ Fassungslos blätterte ich im Aktenordner und entdeckte zu meinem Unmut nur voll geschriebene Seiten. Er klopfte mir auf die Schulter.
„Keine Sorge, mit einem ordentlichen Zeitplan gerätst du gar nicht erst ins Straucheln.“ Ich verdrehte die Augen.
„Zack, erstens hasse ich es, wenn du so komische und altmodische Formulierungen wie ins Straucheln geraten von dir gibst, dass weißt du. Und zweitens ist ein Zeitplan völlig unnötig.“ Er zuckte mit den Achseln.
„Es ist deine Entscheidung, war ja auch nur ein Vorschlag. Also, wollen wir anfangen?“
Er setzte sich auf den Schreibtischstuhl. Widerwillig holte ich den weißen Holzstuhl, der in einer Ecke des Zimmers stand, und setzte mich rücklings drauf. Drei Stunden quälte mich Zack mit Funktionen, Gleichungen, Geometrie und Statistik. Mein Kopf schwirrte und fühlte sich unglaublich schwer an.
Um sechs Uhr fuhr er nach Hause, ließ mir aber seine Unterlagen da, damit ich bei Bedarf noch weiter lernen oder etwas nachschlagen konnte. Geschafft und müde räumte ich alles zur Seite und wollte mich gerade hinlegen, als ich stockte und innehielt.
Und schließlich ließ mich der Gedanke an den bevorstehenden Test die Unterlagen noch einmal zur Hand nehmen.

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beta
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