Dualität

"Würdest du mir noch einmal helfen?", fragte Sassy, natürlich ungerne, und versuchte sich ein Lächeln abzuringen. Das gespielt genervte Seufzen des Elfs ließ sie ihre Frage direkt wieder bereuen. "Es gibt noch andere Ladys, die gerne ein bisschen meiner Zeit hätten!", Allister zwinkerte ihr zu, "Lass mich raten, noch mehr Leute retten!" Sassy nickte: "Und dabei deine selbstgefällige Klappe halten!"
"Natürlich, mon Cherie. Alles, was du willst!", Allister strich ihr eine Strähne ihres Haars aus dem Gesicht und für einen Moment befürchtete Sassy, dass der Elf sie küssen würde. Dann aber bemerkte sie das verächtliche Aufblitzen in seinen Augen. "Blond steht dir nicht, es wirkt künstlich und zu deiner bleichen Haut, Mäuschen... Lass es sein!", sein fieses Grinsen ließ sie beinahe rot werden.
"Was ist denn... Ach, das verstehst du also unter einer Evakuierung?", Alpha stand in der Tür und er wirkte wenig begeistert über die Situation.
"Ich habe... Egal... Treplew war hier!", Sassy begab sich zum Ausgang, Allister folgte ihr. "Er war? Ist dir etwas passiert?", Alpha blickte sich besorgt um, aber keine Spur von Treplew war zu entdecken. "Nein, mir geht es gut", Allister lächelte freundlich, "Danke der Nachfrage! Und du, sympathisches Kerlchen, bist?" Alpha warf Allister einen Blick zu, bei dem Sassy kurz glaubte, dass die Situation eskalieren würde. "Alpha, und es tut mir leid, wenn ein komischer Wichtel mir in den Weg läuft und denkt, dass ich einen guten Wichtelfreund bräuchte, ja dann kann ich ungehalten werden!", Alpha zog eine Braue hoch, sein fragender Blick galt Sassy. "Ich habe ihn zu dir geschickt, Treplew war... Ich kann es nicht beschreiben, er ist...", Sassy wusste nicht, wie sie das, was Treplew ihr gezeigt hatte, in Worte fassen sollte. Außerdem wollte sie ihn nicht verraten und Allister und seine Welt damit in Gefahr bringen. Es war wohl besser, wenn der Elf nicht wusste, dass die Gestalt, die er vertrieben hatte, einmal sein Bruder gewesen war.
"Allister!", eine strenge Frauenstimme ließ alle erschrocken herumfahren. "Noch ein Elf?", Sassy starrte die schlanke Blondine, die sie keines Blickes würdigte, fasziniert an. Elfen waren wahrlich schöne Geschöpfe.
"Er ist nicht hier", sprach sie unbehelligt weiter, "Ich kann es spüren!" Im zweiten Satz lag viel Traurigkeit. Bei genauerer Betrachtung fiel Sassy auf, dass es sich bei der Elfenfrau um die perfekte weibliche Version von Treplew alias Ezra handelte. Zwillinge, das musste seine Zwillingsschwester sein.
"Allison, wie immer ein Sonnenschein", Allister zuckte mit den Schultern, "Dann werden wir wohl gehen müssen!"
Allison blickte sich um, sie wirkte gehetzt: "Ja, und zwar schnell. Ich hatte eine Vision von Zuhause, ein dunkler Wanderer. Er wird bald wieder durch die Welten streifen!" Allister schien mehr als nur bestürzt zu sein: "Bereite alles vor, gib mir nur einen Moment!" Dann wandte er sich Alpha zu: "Einen Moment mit meiner neuen Freundin unter vier Augen!" Alpha schien kurz davor zu sein endgültig die Fassung zu verlieren und dem Elf doch noch eine Backpfeife zu verpassen. "Lass uns einen Moment alleine!", Sassy deutete ihm draußen zu warten, widerwillig ging er vor die Türe.
"Was?", fragte Sassy genervt, Allister legte ihr sofort einen Finger über die Lippen. "Du wirst mich noch brauchen", flüsterte er, "Ich werde dir bei Gelegenheit sagen, wie du mich findest! Deine Seele ist kurz davor zu zerbrechen, das kann ich spüren!" Dann sagte er übertrieben laut: "Ich habe immer gerne Besuch, du kannst jederzeit vorbeischauen!" Sassy starrte ihn verwirrt an, er aber drückte ihr etwas in die Hand. Langsam betrachtete sie es, ein Foto mit drei Elfenkindern. "Das ist Ezra, neben deiner Schwester...", stellte sie fest, sie hatte in ihren Reisen durch Alphas Erinnerungen den jungen Treplew oft genug gesehen. "Ja, bitte, Allison dreht schon durch, die beiden haben eine sehr tiefe Verbindung musst du wissen! Wir sind bereit alles zu tun um ihn zu finden... Aber es muss geheim bleiben, dieses Wissen ist gefährlich. Gib ihm das, wenn du ihn triffst!", flüsterte ihr der Elf weiter zu.
"Okay, ich kann ein Geheimnis für mich behalten", Sassy steckte das Foto ein, "Und ich gebe es ihm, sobald ich etwas erfahre und ihn sehe." Das war glatt gelogen, aber in der momentanen Situation wusste sie zu wenig, um etwas zu erzählen.
"Gut, dann haben wir also alles geklärt", Allister sprach nun wieder laut, zwinkerte ihr zu und verließ den von Treplews Angriff verwüsteten Festsaal.
Alpha lehnte in der Tür, als Sassy hinausgehen wollte. "Ein Geheimnis also? Hört, hört!", mürrisch spielte er mit seiner Machete. Sassy war einfach nur genervt von seinem unerklärlich bitteren Ton. "Ja, ein Geheimnis, privat und so!", sie stemmte die Hände in die Hüften, "Können wir weitermachen?"

"Das ist also... Illutia?", Finn betrachtete die alten Gemäuer abfällig, "Und in der Mitte bekomme ich was mir zusteht?" Der Doktor kicherte: "Ja, mein König, in der Mitte werdet Ihr gekrönt und der Dunkle wird bekommen, was er wollte. Sein Vermächtnis wird wieder Ordnung in diese chaotischen Welten mit ihren dummen Königen und ihrer wahnwitzigen Demokratie bringen!" Finn legte den Kopf schief, das war es also, was der Doktor dachte. Der Dunkle sorgte für Ordnung. Mit den Puzzlesteinen in seinem Gedächtnis konnte er ein anderes Bild sehen. Der Dunkle unterdrückte einfach jeden freien Willen, das war seine Art der "Ordnung".
Und das war es, was man von ihm erwartete, der nächste dunkle König, das allgegenwärtige Böse, zu werden. "Bring mich hinein!", Finn sagte das eher rhetorisch, er ging vor und der Doktor folgte ihm wie ein treuer Hund. Das zentrale Gebäude, der alte Tempel, zog ihn magisch an. Flüstern kam aus dem Inneren. Er berührte das steinerne Tor nur, dann schwang es, wie von Geisterhand geöffnet, auf und gab einen Blick auf das Innere frei. Viele Menschen, manche mit eigenartigen weißen Masken, knieten in der Mitte des verfallenen Tempels. Um sie schien eine Barriere zu bestehen, ihre Herkunft konnte Finn dem weißen Tiger von Amergyn zuschreiben.

Willkommen in Ilutia, mein König!
Der König ist hier, er wird uns erlösen.
Der Fluch wird schon bald gebrochen sein!

Düsteres Flüstern hallte durch den Tempel, Finn blickte sich um. Verdorrte, verrottete Großkatzen, manche mit Eisenbeschlägen am Körper, kamen aus der Dunkelheit und scharrten sich um ihn. Die Verstoßenen, der Ort Nirgendwo, er hatte ihn gefunden.
"Wo ist die Krone?", fragte Finn den Doktor harsch, er wollte das Leiden der Verstoßenen so schnell wie möglich beenden. Auch Evas Seele war nach wie vor in Gefahr, also musste er dieses verfluchte Relikt so schnell wie möglich an sich bringen.
"Nur Ihr könnt sie finden, mein König!", der Doktor blickte ihn erwartungsvoll an. Finn überlegte. Der Ort Nirgendwo, versteckt im eigenen selbst, im Unterbewusstsein. "Sie ist unter diesem Raum", Finn kniete sich auf den alten Marmorboden und klopfte an verschiedenen Stellen, bis es sich anders anfühlte. "Alectos", das Wort war ihm in den Kopf geschossen, die Verstoßenen hatten es ihm im Traum geflüstert. Die alten Steine begannen sich zu verschieben, nach und nach brachten sie eine versteckte Treppe zum Vorschein. Am Rand stand "Nirgendwo", wie erwartet. "Dann wollen wir mal!", Finn stieg hinab, der Doktor aber zögerte. "Was, Sie kommen nicht mit mir?", er zog eine Braue hoch und betrachtete den Alten misstrauisch. "Die Verstoßenen würden mich dort unten töten, nur der König darf den Ort Nirgendwo betreten!", erklärte dieser und deutete ihm weiterzugehen. Finn schüttelte den Kopf und stieg hinab in die Dunkelheit.
Der Doktor lächelte triumphierend. Er hatte seine Aufgabe erfüllt, der dunkle König würde gekrönt werden. Ein sichtlich unbeeindrucktes Klatschen riss ihn aus seinem Höhenflug. "Sieh an, der gute Doktor", die spöttische Stimme ließ ihn zusammenzucken, "Was? Haben Sie etwa Angst? Angst, dass Sie das von Ihnen erschaffene Monster nicht mehr bändigen können?" Dr. Jaseia drehte sich herum, er konnte niemanden entdecken. "Was? Sie sehen mich nicht?", schrie ihm die Stimme nun von der Decke entgegen. Dann landete mit einem gewaltigen Aufprall seine Schöpfung zu seinen Füßen.
"Treplew", der Doktor hob die Hände, "Kein Grund ungehalten zu werden. Du bist auch von großem Wert!" Treplew erhob sich langsam: "Ich bin Niemand! Ich gehöre NIRGENDWO hin und dahin werde ich jetzt gehen! Sie haben mich nie gesehen! Nie gesehen, was ich getan habe! Immer nur den Jungen!"
Der Doktor wurde böse: "Das kannst du nicht machen! Du bist nicht der König, du darfst das Ritual nicht gefährden oder wir alle haben umsonst gelitten!" Treplew packte den Doktor an der Kehle und hob ihn hoch: "Sie haben keine Ahnung, was Leid bedeutet. Sie wurden nicht entführt, widerlichen Experimenten unterzogen, in einen Käfig gesperrt und dann auf die Menschen hier losgelassen. Nein, Sie wurden nicht gefangen und wieder in einen Käfig gesperrt, in Schlaf versetzt und mit dem Jungen verbunden, damit er seine Bestimmung erkennt!" Der Doktor lachte, er wusste, dass er dieses Gespräch unter keinen Umständen überleben würde. "Was ist eigentlich mit Lumen passiert?", fragte er, das Lauern in seiner Stimme versetzte Treplew in noch größere Wut.
"Was denken Sie, was passiert mit einem normalen Menschen, der Ihren Experimenten ausgesetzt wurde? Sie konnte nicht mehr unterscheiden was Real war und was nicht, sie wollte zurück in den Schlaf, zurück in diese Kleinstadt, wieder ans Meer fahren! Sie hat sich umgebracht, weil sie die Realität nicht ertragen konnte! Sie haben auch dieses unschuldige Mädchen auf dem Gewissen!", schrie Treplew ihn an. Der Doktor klammerte sich keuchend an Treplews Arm, er drückte immer fester zu. "Und du denkst, dass mein Tod daran etwas ändern würde? Es ist zu spät! Erkenne das Unvermeidliche! Der Junge hat sein Schicksal akzeptiert, ihr habt verloren!", brachte er noch hervor. Treplews Stimme wirkte gebrochen: "Wahre letzte Worte, Doktor und doch wird der Junge sterben, noch bevor er den Ort Nirgendwo wieder verlassen kann!"
Die Geräusche des erstickenden Mannes erfüllten den Raum und hallten durch den alten Tempel. Die Menschen hinter der Barriere zitterten und hielten sich weinend in den Armen. Jeder hatte Angst der Nächste auf Treplews Liste zu sein.
Dieser schenkte ihnen keine Beachtung, er starrte auf die Treppe und hielt kurz inne. Wer leitete ihn? Traf er noch eigene Entscheidungen oder hatte der Dunkle seinen Geist bereits voll und ganz vereinnahmt? Er hatte keine Zeit mehr für Zweifel. Er musste Finn aufhalten und töten, nur so würde dieser Fluch aufhören.
"Du gehst einen sehr einsamen Weg, Ezra!", das Krächzen hinter ihm ließ ihn zusammenfahren. Einer der Verstoßenen hatte sich hinter ihm auf den Boden gelegt. Der Großkatze fehlte ein Auge und die Hinterbeine waren durch metallene Prothesen ersetzt worden. "Woher kennst du diesen Namen?", zischte Treplew verunsichert. "Wir sind verstoßen, aber wir sind viele. Wir sind überall und nirgends und wir wissen alles! Wie hat es sich angefühlt, als dein eigener Bruder dich nicht erkannte und dich wie einen Wurm beinahe mit seinem Licht zerschmettert hätte?", die Stimme des Verstoßenen wurde düster und harsch. "Allister...", flüsterte Treplew, Tränen schossen ihm in die Augen, "Aber sie war nicht da, meine Schwester, sie hätte mich erkannt!" Die Kreatur schien ihn mit ihrem einäugigen Blick zu durchbohren.
"Der Dunkle hat euch betrogen. Auch er trägt die Saat des Wahnsinns, die euch befallen hat!", krächzte der Verstoßene und erhob sich, "Auch er trägt Dunkelheit in seinem Herzen, in ewiger Dualität mit dem Licht!" Treplew sank auf die Knie, sein Lebenssinn rann wie Sand durch seine geballten Fäuste. Er hatte alles geopfert, um dieses Schicksal von seinem Bruder abzuwenden. Aber er hatte versagt, er hatte die Lüge des Teufels all die Jahre geglaubt.
"Ich werde nicht zulassen, dass sich der Dunkle durch diesen Jungen wieder erhebt! Er wird sterben, noch bevor er die Macht der Krone in sich tragen kann!", mit diesen Worten stürmte Treplew die Treppe hinunter.

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