Durst

"Du bist wach!", Sassy lehnte an der Wand des verschmutzten Raumes, in dem sie selbst erwacht war. Die Suche nach ihren Waffen hatte sie auf später verschoben, da Alphas Schlaf mehr als unruhig verlaufen war. Auch wenn Temply sich zu ihm gelegt hatte, hatte sie es nicht übers Herz gebracht, zu gehen und ungefragt in seinen Sachen zu wühlen. Außerdem wollte sie nicht mit den Menschen aneinandergeraten. Eine Frau war ihr zweimal auf die Nerven gegangen und hatte ihr zuerst vorgeworfen, für Alphas katatonischen Zustand verantwortlich zu sein. Sassy hatte sie rausgeworfen, auf die Zickerei der offensichtlich eifersüchtigen Brünetten hatte sie keine Lust gehabt.
Langsam richtete Alpha sich auf. Er wirkte verwirrt und sah sich kurz um. "Mein Bruder lebt", stellte er fest, "Er hat uns vergessen!"
Sassy zuckte zusammen. Ihre Befürchtungen schienen sich zu bewahrheiten. Finn war nicht der, für den sie ihn gehalten hatte. Er stammte nicht vom weißen Thron, allem Anschein nach nicht einmal aus Elensar. Aber wie viel davon wusste er?
"Warum sollte er das tun? Warum sollte er Treplew und mich zurücklassen und irgendwo ein neues Leben anfangen?", Alpha war zutiefst enttäuscht, "Er hatte einen Auftrag, er hat versprochen zurückzukommen!"
Sassy biss sich auf die Lippe, denn sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Sie hatte noch so viele Fragen, es gab so viel, was sie nicht verstehen konnte. Finn, das strahlende Licht von Elensar, immer wachsam und immer darauf bedacht auf Shanora aufzupassen. Er sollte ein Sohn des Dunklen sein, obwohl er seit Jahren die Artefakte suchte und vernichtete. Der Dunkle musste einen Doppelgänger erschaffen haben, einen Klon. Es musste sich um einen fatalen Irrtum handeln.
"Du glaubst nicht, dass es sich um dieselbe Person handelt?", Alpha streckte die Hand nach ihr aus, "Sieh selbst nach!"
Sassy zögerte, sie wusste nicht, ob sie das, was sie erwarten würde, sehen wollte. Schließlich entschied sie sich es doch zu tun. Ihre Finger schlossen sich vorsichtig um seine Hand. Diesmal begann ihr ganzer Körper sofort elektrisiert zu kribbeln. Dann fühlte sie, wie sich ihr Bewusstsein langsam erweiterte, dabei entglitt ihr die Kontrolle über ihren Körper. Der Raum um sie veränderte sich. Aus dem staubigen verfallenen Zimmer wurde ein steriler Raum, welcher bis auf drei Kinderbetten leer war. Alpha und sie standen in diesem Zimmer, immer noch Hand in Hand. Sassy merkte, wie er sie in diese Erinnerung mitnahm, er war völlig verkrampft. Die Türe öffnete sich und drei Jungen liefen herein.
"Schänder, so nennt man dich jetzt also?", hörte Sassy den jungen Alpha sagen, sie drückte bei seinem Anblick die Hand noch ein wenig fester. Neben Alpha, an seiner Hand, stand Finn als kleiner Junge. Vor ihnen ein völlig entstellter Junge, mit Hörnern. Man hatte eine Waffe aus ihm gemacht. Sein ganzer Körper war verändert worden und mit einigen neuen metallenen Klingen oder Zacken versehen.
"Das ist alles meine Schuld!", der kleine Finn brach in Tränen aus. Alpha nahm ihn sofort schützend auf den Arm.
"Wenn, dann war es Alphas Schuld", die Stimme des entstellten Jungen klang beinah mechanisch, völlig emotionslos, "Er hat den Doktor verärgert!"
Alpha schnaubte: "Du hättest uns ja nicht hinterherlaufen müssen! Jetzt sind wir wohl Brüder!" Treplew starrte ihn nur finster an, hätte Alpha Finn nicht auf dem Arm...
Sassy war sich sicher, dass der gehörnte Junge auf ihn losgegangen wäre.
"Hör zu, Treplew, hör mir genau zu!", Finns Trauer verwandelte sich in Wut, der kleine blonde Junge ballte die Hände zu Fäusten, "Ich werde von meinem Auftrag zurückkommen und mutig sein und dann rette ich euch! Wir müssen nicht so leben! Wir können eine Familie sein, irgendwo anders, ohne den Doktor und die Firma! Ich werde die Welten retten, ihr werdet schon sehen!"
"Siehst du?", flüsterte der ältere Alpha neben ihr, seine Stimme klang beinahe gebrochen, "Wir waren Brüder..."
Sassy war entsetzt, es gab keinen Zweifel daran, dass es sich bei dem kleinen blonden Jungen um Finn handelte. Er war kaum jünger als zu dem Zeitpunkt, als Ladira ihn und Shanora, die noch in Windeln lag, aufgenommen hatte.
Plötzlich begann das Bild zu zerbrechen. Sassy konnte die Stadt, in der sie und Church angekommen waren, brennen sehen. Dämonen wüteten. Treplew und Alpha versuchten die Menschen zu beschützen und leiteten sie in die Kanalisation. Dann trafen die Männer in Kampfanzügen ein, die Beschützer der Firma.
Sie schlachteten alle ab, Dämonen, Menschen, Tiere. Mehrere Bomben wurden auf die Häuser geworfen, Kinder unter den Trümmern begraben. An Treplews Seite kämpften die Tempelkatzen, auch sie waren entstellt worden, aber noch lange nicht so verwest wie heute. Aber die Firma war zu stark. Sie schienen eine Quelle unendlicher Macht zu haben.
"Ich will das nicht mehr sehen", Sassy begann zu weinen, "Ich will die Schreie nicht mehr hören. Bitte mach, dass es aufhört! Das war nicht Finns Schuld! Er war ein Kind! Bitte bring mich zu ihm!"

"Du kommst zurück?"
"Finn..."
"Sassy, meine Liebe!"
"Warum... wusstest du..."
"Ich wusste nichts mehr davon..."
"Wo bist du? Bitte komm nach Hause! Wir können weitermachen, wo wir aufgehört haben, das alles hier vergessen!"
"Sassy, ich kann nicht zurück... ich darf nicht vergessen..."
"Finn du musst. Shanora wartet auf dich und alle anderen auch! Keiner muss erfahren, was hier passiert ist! Niemand darf das erfahren... Wir verschließen den Riss für immer! Nimm deine Brüder und kehr mit ihnen nach Hause zurück, dieser Ort bringt das Schlimmste in uns hervor!"
"Ich habe einmal ein Versprechen gebrochen... Ich war ein kleiner Junge, aber trotzdem... Ich werde mein Versprechen Shanora gegenüber halten, koste es was es wolle!"
"Was willst du damit sagen?"
"Finn?"
"Finn???"
"Ha... ha... ha... Du würdest dem Jungen alles vergeben..."
"Was für eine düstere Stimme... Du bist nicht Finn... Du bist..."
"Hast du Hunger, kleines Mädchen?"
"Nein, damit kriegst du mich nicht klein! Raus aus meinem Kopf!"
"Du hast mich doch selbst hineingelassen... Du bist auch nur ein Monster!"
"Nein, ich bin kein Monster, ich töte keine Unschuldigen!"
"Du wirst deinen Instinkten noch folgen lernen..."
"Nein... Bitte nicht... NEIN!"

Ein Kübel eiskaltes Wasser war wohl die unsanfteste Art und Weise, auf die Sassy je geweckt worden war. Ein Zweiter ließ sie beinahe die Fassung verlieren, hungrig, rasend vor Wut sprang sie auf. Es war stockfinster, aber sie konnte ihr gegenüber riechen und hören wie das Blut durch die Venen des Menschen floss. Es war dieselbe Frau, die sie am Nachmittag, als sie über Alphas Schlaf gewacht hatte, fies angegangen war. Ihr Jagdtrieb schien die Kontrolle zu übernehmen, der Hunger war schon zu lange nicht gestillt worden. In ihrem Rucksack wäre Literweise abgezapftes Blut gewesen, aber der lag irgendwo in den Ruinen. Temply begann aufgeregt zu fauchen und verkroch sich in einer Ecke. Sie schien zu spüren, was vorging.
"Was ist mit dir?", hörte sie Alpha irgendwo ganz weit entfernt fragen. Ihr Körper verkrampfte sich. Sie war bereit ihrem Opfer an die Kehle zu gehen. Wie eine Katze vor dem tödlichen Sprung auf eine nichts ahnende Maus.
"Clarissa, lauf!", Alpha schien den Menschen warnen zu wollen, er hatte begriffen was passieren würde.
"Aber du kannst nicht mit diesem Monster hierbleiben! Du gehörst zu uns, nicht zu dieser fremden Frau!", die schrille Stimme der Frau erschreckte Sassy, vor allem das Wort "Monster" triggerte sie.
"Verschließ einfach die Türe, hau ab! Und wage es ja nicht die anderen zu rufen!", schrie Alpha sie an. Sassy merkte, dass ihre Beute sich entfernte. Sie wollte hinterher und sie fassen, sich in ihrem Hals verbeißen und ihren brennenden Durst stillen, aber sie kämpfte dagegen an. Sie war kein Monster, sie tötete nur, wenn sie musste. Aber sie überfiel keine wehrlosen Menschen. Auch jetzt nicht, sie musste standhalten. Auch wenn diese Frau sie bis zur Eskalation gereizt hatte, sie dürfte die Kontrolle nicht verlieren. Die schwere alte Tür fiel zu. Sassy hörte, wie der Schlüssel sich drehte und diese verschloss. Eingesperrt. Wie ein wildes Tier, alleine in der Dunkelheit. Vorsichtig berührte jemand von hinten ihre Schultern, da wurde ihr bewusst, dass Alpha noch da war.
"Verschwinde", presste sie hervor, "Lass mich hier und finde meinen Rucksack! Ich kann nicht länger... Ich muss..." Alpha schien dieser Plan zu missfallen, langsam stellte er sich vor sie, seine Umrisse konnte sie erkennen.
"Ich kann dir helfen", flüsterte er, wirkte aber überzeugt. Sassy bemerkte, dass sie schon damit begann ihre Umgebung zu entmenschlichen. Sie sah nur noch Nahrung.
"Bitte lass mich alleine!", zischte sie verzweifelt und atmete schwer. Alpha ignorierte ihr Flehen völlig. Er packte sie an den Schultern und zog sie zu sich, nahm sie in den Arm.
Instinktiv klammerte Sassy sich an ihn, beherrschte sich, nicht direkt in seine Schulter zu beißen. "Tu es", flüsterte er ihr ins Ohr, "Es ist okay. Du hast mein Blut nicht vertragen, weil ich es nicht wollte. Du hast es damals gestohlen. Jetzt kannst du es haben, ich gebe es dir gerne!" Das hatte Sassy noch nie von jemandem gehört, schon gar nicht, wenn sie gerade dabei war, wie Church so schön sagte, die Fassung zu verlieren und richtig durchzuknallen.
Sie war selbst schuld. Sie hatte darauf vergessen für Vorrat zu sorgen. Der Dunkle hatte leichtes Spiel gehabt. Das würde ihm nicht noch einmal gelingen.
Sassy tat es so vorsichtig wie sie konnte. "Ich will dir nicht weh tun...", dachte sie dabei. Nach dem ersten Schluck war es ihr wieder möglich, seine Gedanken zu hören: "Es tut nicht wirklich weh. Es juckt ein wenig, aber es ist gut so. So wird sie eine Weile durchhalten, bis wir eine andere Möglichkeit finden"
Sassy fühlte eine seltsame Wärme in ihrem Körper. Er war in einen angstfreien, entspannten und glückseligen Zustand gelangt. Ein wohliges Gefühl, der ultimative euphorische Zustand. Sassy ließ von Alpha ab und schwankte, wie betrunken in einem betäubten schwebenden Stadium zwischen Wachheit und Schlaf.
"Das war gefährlich", Temply hatte sich wieder aus ihrer Ecke getraut und betrachtete Alpha, er packte sich Sassy und legte sie sich vorsichtig über seine Schulter.
"Ich weiß", er wirkte erschöpft und ausgelaugt, "Aber was sollte ich machen? Sie leiden lassen?"
"Du verlierst deinen Kopf", krächzte das Wesen und versuchte vorwurfsvoll zu wirken.
"Ich muss sie hier wegbringen, durch das Tor", Alpha schien gerade zu sehr mit Plänen beschäftigt zu sein, er hörte die Bedenken von Temply nicht mehr. "Sei vorsichtig mit dem Tunnel, der Weg ist nicht sicher!", knurrte Temply, "Sie sind noch da unten und sie sind hungrig, nicht wie dieses kleine Vampirmädchen, sie sind richtig hungrig und werden euch zerfetzen. Kein Verstand mehr, nur noch der Hunger... Und sie werden euch finden und kriegen. Da kannst du deiner kleinen Freundin so viel von deinem verseuchten Blut einflößen, wie du möchtest, außerdem wer weiß... Wer weiß wie es wirkt... dummer Junge!" Alpha winkte ab, das Wesen mochte Recht haben. Aber der geheime Tunnel, welchen er in seinem Zimmer unter einer Truhe verborgen hatte, war der schnellste Weg in die Zone 1. Und er führte direkt in das Labor, in welchem er Finn vermutete.
"Was willst du dem König nach all den Jahren sagen?", krächzte Temply weiter. Alpha lächelte und verpasste der rostigen Türe einen Tritt, sodass sie aus den Angeln flog: "Ich werde ihn töten, wenn es sein muss. Komm, oder willst du hier Wurzeln schlagen?"
Natürlich folgte Temply ihm durch den dunklen Gang des verfallenen Komplexes. Er schob das Gitter, welches die Treppe in den Keller vom Rest abriegelte beiseite und ließ der Tempelkatze den Vortritt.
"Im Keller, so nah an der Gefahr findest du Schlaf?", Temply schnupperte interessiert an der großen Holzkiste, welche direkt neben dem Feldbett in dem kleinen Kellerraum stand, in welchem Alpha allem Anschein nach wohnte.
"Man muss sich der Gefahr bewusst sein", murmelte Alpha und legte Sassy im Feldbett ab. Temply beobachtete missfällig, wie er sie noch zudeckte und ihr dabei gedankenverloren über die Wange strich.
"Vergiss nicht, worum es hier geht!", knurrte Temply, "Du bist doch sonst nicht so dumm!" Genervt ließ Alpha sich vor dem Bett nieder und raufte sich die Haare: "Ich weiß und keine Sorge, mir ist sehr wohl bewusst, dass wir nur Missionspartner auf Zeit sind... Eigentlich nicht einmal das! Sie fühlt sich bloß wohl in meiner Nähe, weil ich sie an den Mann, den sie eigentlich sucht, erinnere. Hier geht es nicht um mich oder Treplew, wo auch immer der stecken mag... Es geht wie immer nur um Finn!"

Kommentare

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    Argh, du lädst viel zu schnell hoch. Das hatte ich noch nicht korrigiert *Heul flenn sülz* Jetzt muss ich die letzten Kapitel noch machen. Der Spannungsbogen hält auf jeden Fall an!

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    WIe das bloß weiter geht ich bin gespannt :-)

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