Eilnachricht

5 Jahre später

 

Gorgonenaugen sind heutzutage nur noch schwer zu bekommen, daher auch der hohe Preis.“ Gerade war ich dabei, einen unserer Kunden zu bedienen, als unsere Glocke am Eingang pimmelte und ein Kurier durch die Tür trat.  

„Leg es einfach auf den Tresen, Gregor. Ich kümmere mich dann gleich darum“, richtete ich das Wort an ihn.

„Ich warte, kein Problem.“, antwortete mir daraufhin der Weltenwanderer.

Irgendwie sah er heute nicht wirklich glücklich aus. Besorgt sah ich ihn an, doch er gab mir mit einem Kopfschütteln zu verstehen, dass ich erst meine Arbeit beenden sollte.

„Wie lange würde es dauern, bis die Lieferung bei Ihnen eintreffen würde?“, lenkte der Kunde wieder meine Aufmerksamkeit auf sich. „Ich schätze ein Monat müssten Sie einplanen. Ich würde Sie dann kontaktieren, sobald sie bei uns eingetroffen ist.“, ich musste mich bemühen, freundlich zu bleiben. Gorgonenaugen waren nicht umsonst so rar und ich war nicht wirklich glücklich mit der Bestellung. Zwar würde sie uns einiges einbringen, aber dafür musste auch ein Wesen sein Leben lassen. Leider war der Handel damit immer noch nicht verboten worden, nur auf das Abschlachten gab es bisher nur in wenigen Welten ein Verbot. Vielleicht sollte ich darüber beim nächsten Familientreffen mal mit meinen Eltern sprechen. Schließlich musste jede Ware durch Anderswo, ihr Zuständigkeitsbereich.

„Gut, dann würde ich gerne die Anzahlung leisten.“, willigte der Kunde der Bestellung ein. Mir versetzte es ein Stich, doch ich konnte dagegen leider nichts unternehmen, wenn ich keinen Ärger bekommen wollte.

Als der Kunde endlich den Laden verließ, atmete ich erleichtert auf. Zum Glück hatten wir solch bestialische Wünsche nicht oft hier.  

„So Gregor, was hast du für uns?“, wandte ich mich an unseren Kurier.

„Einmal die normale Bestellung und dann noch eine Eilnachricht für dich.“, betreten sah er mich an. „Für mich?“, fragte ich erschrocken. Zwar bekam ich hin und wieder Post von meiner Familie, doch dringende Botschaften konnten eigentlich nichts Gutes bedeuten.

Er überreichte mir ein Briefumschlagen mit dem offiziellen Siegel des Wächterrates.

Vorsichtig löste ich das Siegelwachs vom Papier, entnahm das Schriftstück und faltete es auseinander.


Liebe Caitlyn,

leider war es uns nicht möglich, Dich persönlich aufzusuchen.

Wir bedauern es sehr, Dir die Nachricht über das Ableben Deiner Eltern überbringen zu müssen.

Wir bitten Dich, so schnell es geht, nach Anderswo heimzukehren.

Zudem haben wir uns erlaubt, für die Trauerfeier derweil alle Vorkehrungen zu treffen, um Dir wenigstens diese Last abnehmen zu können.

In tiefem Mitgefühl

Der Wächterrat


Die Welt verschwamm vor meinen Augen, ich versuchte mich noch am Tresen abzustützen, doch meine Beine trugen einfach das Gewicht meines Körpers nicht mehr. Ich stürzte und landete unsanft auf dem Boden. Nur verschwommen nahm ich wahr, dass Gregor an meine Seite eilte, um mich noch aufzufangen. Zitternd hielt ich den Brief in der Hand, Tränen rangen meine Wangen hinunter.

Das konnte nicht sein, unmöglich! Ich hatte doch noch vor wenigen Tagen einen Brief von meinen Eltern erhalten.

„Gregor, was ist los?“, kam nun auch mein Chef an meine Seite.

„Ich war so dumm… ich hätte ihr niemals einfach so den Brief geben dürfen. Der Rat… ihre Eltern… sie kamen bei einem Unfall ums Leben.“, stammelte der Kurier vor sich hin. „Ich dachte, sie wüsste es schon. Aber woher auch?“

Baltasar sah ihn erschrocken an. „Wie konntest du nur so dämlich sein? Ihr einfach den Brief überreichen ohne jede Vorwarnung. Schließ die Tür und häng das Schild vor.“

Und an mich gewandt: „Caitlyn, meine Liebe. Komm, ich bring dich hinter.“

Mein Chef half mir auf die Beine und führte mich in unseren kleinen Aufenthaltsraum im hinteren Teil. „Baltasar, das kann nicht sein!“, schluchze ich. „Das darf einfach nicht wahr sein!“

Er drückte mich auf einen Sessel. „Ich mach dir erst mal einen Tee.“

Damit ging er an die Küchenzeile und stellte Wasser auf. Kurz darauf nahm er mir den Brief aus der Hand, den ich nur widerwillig herausrückte, hielt mir die dampfende Tasse unter die Nase und musterte mich besorgt.

„Meine Liebe, es tut mir so schrecklich Leid. Ich hatte ja keine Ahnung.“

Ich saß wie betäubt da, schlurfte an meinem Tee und versuchte mir irgendwie einen Reim auf die Sache zu machen. Die Gedanken drehten sich unablässig im Kreis. Das konnte nur ein schlechter Scherz sein oder ein ganz, ganz schlimmer Albtraum, aus dem ich ganz schnell erwachen wollte. Meine Eltern, tot! Ich fing sofort wieder an zu weinen.

 

Erst nach einer ganzen Zeit konnte ich mich soweit beruhigen, um den armen Gregor wahrzunehmen, der betreten in der Tür stand.

„Was ist passiert?“, fragte ich mit zitternder Stimme.

„Ich... ich weiß es nicht genau. Als ich durch Anderswo kam, hieß es bloß, sie hatten einen schrecklichen Unfall auf dem Weltenfluss. Der Rat übergab mir den Brief und meinte, ich sollte so schnell es geht, ihn dir überbringen.“ Er hätte mir fast leidgetan, so wie er da mit hängenden Schultern stand, seine Mütze in der Hand, die er betreten knautschte.

Doch in dem Moment fühlte ich einfach nichts. Nur Leere.

Ich wusste nur eins mit Sicherheit. Ich musste sofort nach Hause, zu meiner Familie.

„Ich werde dich selbstverständlich begleiten.“, versicherte mir Baltasar.

„Aber der Laden…“, er unterbrach mich. „Mach dir darüber jetzt keine Gedanken. Der Laden kann auch mal ein paar Tage geschlossen bleiben.“

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