Ein Funken Wahrheit

Ich lief weiter als hätte ich nichts mitbekommen. Der Junge kam aus dem Zimmer neben der Toilette heraus und sah mich erschrocken an.
„Was hast du gehört?", fragte er besorgt und rannte panisch auf mich zu.
„Nichts, was sollte ich gehört haben ich bin doch gerade erst herein gekommen." „Hör auf mich anzulügen!", befahl er mir und stieß mich gegen die Wand. Seine Augen schauten tief in meine, sie machten mir Angst und ich versuchte seinen Blicken verzweifelt auszuweichen. Den Druck den er an meinen Schulterblättern ausübte wurde immer stärker und ich biss die Zähne zusammen, um einen Schrei zu unterdrücken.
„Sag, das du es gehört hast!", befahl er mir erneut. Aus Angst, was er mit mir machen würde, schwieg ich und schüttelte immer wieder den Kopf. Mein Puls raste und seine lauten Schreie hinterließen einen Schweißfilm auf meiner Haut. „Ach, tu nicht so, ich weiß genau das du gelauscht hast, deine Augen flehen mich vor Angst förmlich an und deine Lippen beben! Verkauf mich nicht für blöd und sag endlich das du alles gehört hast!"

Er machte mir Angst, was war los mit ihm? Ich kannte ihn nicht, aber er hatte nicht den Eindruck auf mich gemacht, als wäre er gefährlich. Ich wusste nichts über ihn, trotzdem hatte ich das Gefühl in schon Ewigkeiten zu kennen. Er wurde immer wütender und stieß mich mehrere Male gegen die Wand. Ich zitterte am ganzen Körper und hatte plötzlich einfach nur noch schreckliche Angst vor ihm, ich fühlte mich so schwach und hilflos.
„Ich habe nichts gehört.", flüsterte ich, da meine Stimme vor Angst völlig verschwunden war. Mit einer Hand hielt er mich nun am Hals fest, die andere Hand streckte er in die Höhe und schlug knapp neben meinen Schädel gegen die Wand. Mein Herz raste für ein paar Sekunden noch schneller, auch wenn das gar unmöglich erschien. In der Wand neben mir, war plötzlich ein wenig Wandfarbe abgebröckelt und seine Handknöchel bluteten stark.
„Warum funktioniert es bei dir nicht?", fragte er nervös und schrie mich erneut an. Ich folgte seinen Blicken die zu seinen Handknöcheln führten. Er ließ mich los und ging rasend vor Wut weg von mir. Ich wollte das er ging, aber zu gleich fühlte ich mich unwohl, als hätte er mich verlassen.

„Ich habe keine Angst vor dir!", schrie ich ihm hinter her, wobei meine Stimme beim letzten Wort verzagte. Er drehte sich nicht einmal mehr um.
„Ich habe keine Angst!" Wie konnte er mich anschreien? Mir weh tun? Ich kannte ihn nicht, aber dieser Umgang mit mir verletzte mich. Vielleicht war ich ja verliebt,... Nein! Ich nicht!
„Ich liebte doch meinen Freund?", fragte ich mich unsicher. Schließlich war er die Treppe verschwunden und ich war trauriger den je. Eigentlich hätte es mich nicht stören sollen. Soll er doch gehen, mir doch egal! Nach einer Weile lief ich in mein Zimmer und schmiss mich samt Klamotten ins Bett. Dabei fiel mein Kopf auf das harte Handy. Schnell richtete ich mich wieder auf, zog es aus der Steckdose und warf es unachtsam auf den Nachttisch. Was hatte er auch so blöd gefragt? Natürlich hatte ich es mitbekommen, wer hätte das bei diesem Geschrei nicht? oder wollte er mich nur verunsichern? Wissen ob ich schwach war? Oh nein das war ich sicher nicht!

„Ich will ihm beweisen, das ich nicht schwach bin!", sprudelte es plötzlich fest entschlossen aus mir heraus. Ich werde mein Girly-Verhalten beenden. Soll er doch sehen, was er davon hat!

Doch auf einmal überkam mich bleierne Müdigkeit und ich nickte weg. Ich wälzte mich die ganze Nacht, doch irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und stand auf. Mein Bauch grummelte und ich wusste, ich könnte nicht schlafen, ehe ich etwas gegessen hätte. Meine Familie schlief, wodurch es ein Leichtes war, mich heraufzuschleichen. Ich griff nach dem Schlüssel und verließ unser Zimmer. Kälte drang durch die Socken an meine Füße, als ich das Parkett betrat. Langsam schlich ich die Treppenstufen hinunter und öffnete die durchsichtige Glastür zum Essenssaal. Es war alles dunkel um mich herum und ich tastete nach dem Lichtschalter. Endlich fand ich ihn und konnte der Dunkelheit ein Ende setzen.

Das Licht flackerte und ich sah immer für kurze Zeit den Raum. Beim ersten Flackern, sah ich in der hinteren Ecke eine Gestalt. Beim zweiten Flackern kam sie näher. War das das Mädchen, mit einem Messer? Mir wurde heiß und kalt zu gleich, ich wurde nervös und meine Hände schwitzig... und beim dritten Flackern stand eine grausame Gestalt vor mir. Sie hatte lange durchnässte blonde Haare, ihr Gesicht war angeschwollen. Sie sah aus wie das Mädchen, nein sie war das Mädchen. Ich schrie, beziehungsweise wollte ich schreien. Aber sie legte ihre kalten und schwitzigen Hände auf meinen Mund. Ihre schwarzen, langen Nägel bohrten sich in meine Lippen und ließen mich verstummen. Sie grinste mich fies an und hielt mir ein Messer unter die Kehle, sodass ich erschwert atmen konnte. Sie nahm langsam die Hand von meinem Mund und hielt den Zeigefinger vor ihren eigenen. Das Licht ging wieder aus und ich spürte wie, das Messer sich weiter in meine Kehle bohrte. Ich schrie leise auf und merkte wie Tränen meine Wangen hinunter kullerten. Ich löste mich aus meiner Starre, als mir der Gedanke kam, dass mir niemand helfen würde. Jetzt konnte nur ich mir helfen. Ich ballte meine Hand zu einer Faust und schlug gerade aus, mit dem Ziel ihr perfektes Gesicht zu treffen. Ich merkte Widerstand an meiner Hand und der stechen Druck an meiner Kehle wurde weniger. Ich gab keinen Laut von mir und schnappte nach Luft. Das Mädchen schaute mich mit hasserfüllten Augen entgegen.

Das Licht flackerte noch ein einziges Mal und dann wurden wir in Dunkelheit gehüllt. Was wollte sie denn von mir? Wollte sie mich etwa töten? Na ja nachdem das Messer an meiner Kehle gesessen hatte, konnte ich davon ausgehen. Meine Kehle brannte und ich strich dort mit meinen Fingern lang. Ich bemerkte wie sich etwas nasses auf meine Finger legte. Es musste mein Blut sein! Endlich hörte ich das lang ersehnte Knacken und das Licht ging endgültig an. Ich japste nach Luft und rutschte die Wand entlang zu Boden. Ich schaute auf meine Hände, sie waren komplett mit Blut beschmiert. Ich fasste an meinen Hals, dort lief immer mehr warmes Blut hinunter. Ich spürte meinen Puls deutlich und merkte wie mich ein schwindeliges Gefühl überkam. Es war nun schon so viel, das es meinen blauen Pullover, bis zu den Armen rot gefärbt hatte. Ich stieß einen lauten Schrei auf und begann aus Verzweiflung heftig an zu weinen. Das Blut lief immer weiter und versetzte mich mehr und mehr in Panik. Die Tür links neben mir viel ins Schloss und der Junge kam herein gestürzt. Er kam zu mir und wollte mich in den Arm nehmen. Ich sprang wie aus Reflex auf und schmiss mich in seine beschützenden Arme. Doch dann viel mir ein, wie er gewesen war. Er hatte mir Angst gemacht, mich bedroht!

Ich sprang einen Schritt zur Seite und befreite mich aus seinen Armen.
„Nein!", rief ich am Ende meiner Kräfte und bemerkte wie sich alles zu drehen begann.
„Nein!" Seine Arme schlangen sich um meine und zwängten mich zu Boden. „Lass mich los!", flehte ich und weinte in seinen grünen Pulli.
„Ist okay, ich bin da." Ich schüttelte den Kopf.
„Über all Blut.", flüsterte ich und konzentrierte mich darauf, meinen Atem zu verlangsamen. Ich strampelte mit den Armen und versuchte mich aus seinen Griffen zu befreien. Er griff vorsichtig in meine Haare und legte seinen Kopf behutsam auf meine Schulter. Ich drehte meinen Kopf zur Seite um zu schauen ob sie noch da war. Sie war wirklich weg, es war vorbei. Ich spürte wie ich schlagartig ruhiger wurde. Ich vergrub meinen Kopf in seinem Pullover und schwieg.

Ein paar Minuten saßen wir einfach nur auf dem kalten Küchenboden und schwiegen. Schließlich stand er auf und lief zum Kühlschrank, der am Ende des Raumes stand. Ich schloss für kurze Zeit die Augen, doch als ich sie nach Sekunden wieder öffnete, saß er plötzlich neben mir und reichte mir eine Schüssel mit kalter Suppe. Ich nahm sie ohne ein Wort, stellte sie auf meine angewinkelten Beine und wischte meine verschmierte Schminke so gut wie es ging ab. Warum war er hier? Warum? Woher wusste er das ich hier war? Im schweigen aßen wir ruhig, doch trotzdem ließ ich meine Blicke immer wieder unruhig in der Gegend umher wandern. Wir wurden gleichzeitig fertig, sodass er meine Schüssel wieder nahm und sie auf eine Theke stellte. Ich schaute ihm nach und musste schließlich feststellen, dass etwas mit Blut an der Wand geschrieben stand. „Lass mich in Ruhe, verschwinde!" Ich schrie, aber ich schrie lautlos. Ich legte mein Gesicht auf meine Knie und hielt meine Hände schützend über den Kopf. Ich hatte das Gefühl, wenn ich die Augen schloss, konnte ich mich vor den Sachen hier verstecken. Ich sah die Realität nicht. Was man nicht sieht, ist nicht da oder? Ich kniff die Augen fester zusammen, als ich eine leichte Berührung am Rücken bemerkte. Sofort dachte ich an das Mädchen und stieß die Hand weg. Doch dann sah ich auf und blickte in, mir bekannte blaue Augen.


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