Ein Funken Wahrheit

Nachdem sich meine Lippen von seinen lösten, grinste er mir zufrieden entgegen. Die kühle Abendluft legte sich auf meine Wangen und kühlte sie vorsichtig. Mein Herz pochte ungewöhnlich schnell in meiner Brust und meine Hände begannen zu zittern. Ich merkte wie ich Angst vor seiner Reaktion bekam und ich wollte endlich ein anständiges Gespräch zustande bekommen. Kurz suchte ich in Gedanken nach Informationen über ihn. Wusste ich überhaupt etwas über ihn?...

"Hast du eigentlich irgendwelche Hobbys?", sprudelte es aus mir heraus und ich konnte seinem Gesichtsausdruck entnehmen, dass er alles andere als diese Frage erwartet hatte.
"Nee, nichts besonderes spiele ab und zu ein bisschen Fußball."
"Hm." Ich schwieg, denn ich wollte das er mich ebenfalls fragte. Eine Weile versuchte ich die Stille zwischen uns zu ignorieren, doch irgendwann konnte ich meine Nervosität nicht mehr unterbinden, sodass ich lieber wie ein Wasserfall zu reden begann, als ihm ein Stück meiner Unsicherheit zu zeigen.
"Also ich spiele Volleyball in der Schule. Vorher habe ich Schwimmen gemacht, aber der Trainer war fast nie da und wenn doch, hat er gleich zu viel von uns verlangt. Na ja, aber so wirklich Spaß hatte ich auch nicht. Beim Badminton war ich auch mal, mit meiner damaligen besten Freundin, doch dann ist sie umgezogen und allein wollte ich nicht mehr hin gehen."
"Okay..."
"Ach da fällt mir ein turnen habe ich auch gemacht, sogar ziemlich lange, dann aber wurde die Trainerin ausgewechselt und wir haben einen voll strengen Trainer bekommen. Das ist allerdings schon ganz schön lange her, da war ich noch ziemlich klein. Grundschule, also acht oder so."
"Aber du hast das nicht alles auf einmal gemacht oder?" Was? Nein natürlich nicht, hat er mir denn nicht zugehört? Ich bekam den Verdacht, er hätte mir keine Sekunde lang zugehört und fragte nur etwas sinnloses um wenigstens annähernd am Gespräch beteiligt zu sein.
"Nee, dafür hätte ich gar keine Zeit gehabt. Welche Klasse bist du eigentlich?"
"Klasse?"
"Du gehst doch noch zur Schule oder?"
"Ähm... nee."
"Ach so und was machst du dann? Hast du denn einen Abschluss?"
"Ja."
"Okay, willst du denn eine Lehre machen?"
"Keine Ahnung."
"Du weißt nicht was du machen willst?", hackte ich erschrocken nach, denn ihn schien das Thema nicht sonderlich zu beschäftigen. Was hätte ich nur für einen Stress mit meinen Eltern, wenn ich keinen Plan für die Zukunft hätte?
"Nee, ist ja auch egal."
"Egal? Ich glaube nicht, hast du denn keine Ahnung in welche Richtung du gehen willst? Also eher Büro oder etwas soziales?"
"Nein!", schrie er mich plötzlich an und stand empört auf, als hätte ich ihn nach etwas unmöglichen gefragt.
"Ist ja gut, ich habe ja nur gefragt.", beschwerte ich mich, stand auf und warf ihm wütende Blicke zu."
"Hm."
"Wo ist eigentlich deine Mutter? Ich kenne sie noch gar nicht.", erkundigte ich mich annähernd nett, denn ich wollte unbedingt mehr über ihn und seine Familie erfahren. Außerdem bekam ich die Befürchtung unser Gespräch würde sich von selbst beenden.
"Du wirst sie auch nicht kennen lernen."
"Warum wohnt sie hier nicht?"
"Könnte man so sagen."
"Aber du wohnst hier?"
"Ja."
"Besuchst du deine Mum denn manchmal?"
"Wenn ich könnte würde ich bei ihr wohnen!"
"Und wer hindert dich dran?"
"Ihr Tod.", antwortete er trocken und ließ seine Blicke aufgeregt durch den Wald wandern. Ich runzelte die Stirn und versuchte den Blickkontakt zu vermeiden, denn ich hatte keine Ahnung wie ich darauf reagieren sollte.
Es war offensichtlich das er nicht über sie sprechen wollte, das verstand ich, doch mich wunderte es wie er so kalt über ihren Tod reden konnte.
Natürlich war es nicht mein Recht über ihn zu urteilen, dafür kannte ich ihn nicht gut genug, aber seine Reaktion ließ auf eine nicht so gute Beziehung zu seiner Mum schließen. Er wollte nicht über seine Mum reden, dass konnte ich wirklich gut nachvollziehen, aber ein Gespräch über andere Themen schienen ihn auch nicht reizen zu können. Ich wusste ich war viel zu neugierig und ehrgeizig um das Gespräch hier enden zu lassen, also ließ ich nicht locker mehr über ihn in Erfahrung bringen zu können.
"Oh das wusste ich nicht. Tut mir leid."
"Ja mir auch."
Ich wartete einige Sekunden zitternd auf eine weitere Reaktion von ihm, doch er starrte lediglich geistesabwesend in den finsteren Wald.
"Hast du Geschwister?", fragte ich freundlich und lief einen wackligen Schritt auf ihn zu. Ich legte meine Hände auf seine Schulter und zwang ihn mir direkt in die Augen zu blicken. Vielleicht war es der Versuch endlich seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen.
"Was soll das?", schrie er mir ins Gesicht. So laut das ein Echo im Wald zu hören war und mich in Starre versetzte.
"Willst du mich verhören?", warf er mir brüllend vor und stieß mich weg von sich. Erschrocken von seiner impulsiven Reaktion, stolperte ich von seinem Stoß ein paar Schritte rückwärts, blieb dann aber verschüchtert an einem Fleck stehen und versuchte seinem bösen Blick auszuweichen.

Als wäre ihm ein Gedanke gekommen, verloren seine Augen das Glitzern und er packte meine Hand. Fast panisch begann er mich durch den mittlerweile stockdunklen Wald zu zerren.
Zum Glück spendete uns der Mond etwas Licht, sodass ich die Wurzeln am Boden erkennen und ihnen gut ausweichen konnte. Fassungslos von seinem Sinneswandel, ließ ich mich einfach hinterher ziehen. Mein Herz versuchte sich gar nicht erst zu beruhigen und ich spürte wie meine Hände schwitzig wurden. Nicht nur der Wald bereitete mir Angst, auch seine ruppige Art ließ mich zweifeln, ob ich ihm überhaupt durch den Wald folgen sollte. Andererseits hatte ich keine andere Wahl, denn ohne ihn war ich verloren.
Die Bäume zogen schnell vor meinen Augen vorbei und ließen mich nachdenken.

War es richtig? Nein! Natürlich war es das nicht! Ich hatte einen Freund!
„Wir sind da.", riss er mich aus den Gedanken. Verwundert sah ich mich um und bemerkte, dass wir uns bereits in meinem Zimmer befanden. Wie waren wir hier so schnell...
"Tschüss."
"Was? Nein warte mal!", rief ich ihm hinterher, als er dabei war mein Zimmer zu verlassen.
"Was denn noch?", fragte er ungeduldig und drehte sich genervt zu mir um.
"Ich wollte dich echt nicht ausfragen, ich dachte nur... ähm."
"Ja?"
"Es wäre einfach besser wenn wir uns ein bisschen Kennenlernen würden."
"So nennst du das also?"
"Ja, ist das nicht normal? Sorry das mit deiner Mum konnte ich nicht wissen, aber... ich bekomme langsam das Gefühl..."
"Ja?"
"Das du meinen Fragen aus den Weg gehst."
"Sind dir denn deine Fragen so wichtig?"
"Ich würde dich schon gerne Kennenlernen.", meinte ich und begann nervös in den Haaren herumzuspielen. Ich wusste nicht wo diese Unterhaltung hin führen würde, aber ich wollte ihn keinesfalls verärgern. Sein Seufzer und die unruhigen Finger waren bei mir nicht unbemerkt geblieben. Ich überlegte krampfhaft was seine Gedanken wohl waren, doch so sehr ich es auch versuchte, seine Mimik verriet nicht das Geringste.
"Okay, vielleicht hast du recht. Ich tue mich ähm nur etwas schwer damit, über mich zu erzählen."
"Okay.", lachte ich doch ich wusste das dieses Lachen bedrückt wurde. Woher kam dieser plötzliche Sinneswandel? Erneut! Stand das in Verbindung zu der Unruhe die er ausstrahlte?
"An der selben Stelle?", riss er mich aus den Gedanken und verwirrte mich noch mehr als schon ohne hin.
"Prinzessin?" Ich wurde kurz aufmerksam und blickte direkt in seine Augen. Hatte ich ihn nun für mich gewonnen? War er jetzt etwa mein Freund? Was war das überhaupt? Es war definitiv eigenartig, denn seinen Namen wusste ich immer noch nicht und...
"Alex?" Ich schreckte hoch, als ich meinen Namen vernahm und blickte ihm erschrocken entgegen. Ich war nicht erschrocken meinen Namen zu hören, ich war erschrocken das er mich rief.
"Was?"
"Morgen wieder im Wald?", wiederholte er sich und gab mir einen Kuss auf den Mund.
"Ja...", weiter kam ich nicht, denn er lächelte kurz und verschwand dann schlagartig aus meinem Zimmer. Eine Weile stand ich noch im Türrahmen und überlegte woher diese plötzliche Eile kam. Ich stellte fest, dass er auch schon im Wald in Eile gewesen war. Doch mich kümmerte es nicht lange, denn unsere Auseinandersetzung war vorbei und ich musste noch ewig an den Kuss denken.

Ich schloss die Tür hinter mir und viel völlig verliebt in mein Bett. Wie konnte jemand so unheimlich gut aussehen? Diese Augen, sein Lächeln, das markante Gesicht, die zarten Sommersprossen um seine Nase und der muskulöse Körper... er war einfach perfekt! Verliebt? Wie konnte ich schon nach ein paar Worten und Blicken verliebt sein? Verdammt ich kannte ja noch nicht einmal seinen Namen, konnte ich etwa dann schon vom verliebt sein sprechen?
War es seine charmante Art? Ich mochte es wie er mich Prinzessin nannte. Als wäre ich etwas besonderes für ihn.
„Liebe auf den ersten Blick." Alles Schwachsinn, das erzählten doch nur Leute die es nötig hatten sich und ihr Leben interessanter zu machen. Das hatte ich bisher geglaubt und jetzt war ich selbst davon betroffen? Um so öfter ich über diese Möglichkeit nach dachte, desto suspekter wurde sie mir.
Aber woher kam sonst dieses mir gut bekannte Kribbeln im Bauch? Meine Gedanken, die hauptsächlich um ihn kreisten?
Vielleicht lag es daran, das er mir das Gefühl gab, ich würde ihm etwas bedeuten, er schenkte mir Aufmerksamkeit? Aufmerksamkeit hatte ich auch bei meinem Freund bekommen, aber seine war anders. Zudem behandelte er mich wie Luft, wenn wir zusammen auf einen seiner Freunde trafen. Ich war nicht seine Prinzessin, ich war einfach nur eine Freundin.
Mir war durchaus bewusst, dass er es nicht einmal für nötig gehalten hatte, seinen Freunden von unserer Beziehung zu erzählen. Aber war es wirklich die Aufmerksamkeit? So ganz wollte und konnte ich das nicht glauben. War es nicht eher das Gefühl jemand besonderes zu sein?
Ich schloss die Augen und ließ den Tag sowie alles andere hinter mir. Doch dann schoss mir sein Satz und dessen Bedeutung wieder in den Kopf:
"Morgen wieder im Wald?"
War das etwa eine Art Date zu dem er mich eingeladen hatte? Waren wir denn jetzt zusammen? Würde er mir überhaupt "Hallo" sagen, wenn wir uns hier begegnen würden? War unser Kuss überhaupt von Bedeutung? Das musste er doch irgendwie gewesen sein, oder? Immerhin wollte er mich morgen wieder sehen! Außerdem hatte er mir einen Abschiedskuss gegeben. Doch der wollte mir nicht gefallen, erinnerte mich zu sehr an eine Beziehung und der hatte ich definitiv noch nicht zugestimmt!
Ein paar Stunden verbrachte ich damit, die Decke zu begutachten und dachte über uns nach. Zwischendurch vernahm ich das Knacken der Treppenstufen und hörte wie unsere Tür ins Schoss viel. Ich machte keinen Muchs, denn ich war es leid meiner Mum eine Erklärung zu geben. Es dauerte nicht lange, bis unser Apartment in klägliches Schweigen gehüllt war, welches lediglich durch das Pfeifen des Windes und das Peitschen der Regentropfen an unsere Fenster, gebrochen wurde. Doch irgendwann musste ich darüber hinweg eingeschlafen sein.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, verbrachte ich kaum Zeit damit wach zu werden. Schnell sprang ich aus dem Bett und taumelte schlaftrunken ins Badezimmer. Dort verbrachte ich mehrere Stunden, zum Ärger meiner Familie die letztendlich völlig genervt gegen die Tür hämmerten. Irgendwann war auch ich vom Schreien meines Vaters genervt, sodass ich es aufgab, meine Sachen packte und mich weiter in meinem Zimmer fertig machte. Was sollte ich bloß mit meinen Haaren machen? Was sollte ich anziehen? Sollte ich meine Augen auffällig schminken oder dezent? Und was war mit dem Lippenstift? War es zu viel des Guten? Ich wollte ja schließlich nicht das er dachte ich wäre eine Tussi, die aus der Stadt geflohen sei. Aber der Lippenstift stand mir gut und passte so schön zu meinen Haaren!
Ich war am verzweifeln und entschied mich daher zur dezenteren Variante. Nicht einmal meine Freunde konnte ich um Rat fragen, es war niemand da! Na gut meine Mum vielleicht, aber ich denke sie wäre eher daran interessiert mehr über den geheimnisvollen Jungen in Erfahrung zu bringen, als mir zu helfen. Auf den Lippenstift verzichtete ich ebenfalls und packte mir nur noch schnell eine Tasche, die ich mit den wichtigsten Sachen füllte.
Ich war kurz davor aus dem Hotel zu laufen, als ich das Grummeln in meinem Magen vernahm. Zögernd starrte ich auf meine weiße Armbanduhr. Neun Uhr. Ein Brötchen ist wohl noch drin. Gehetzt rannte ich zum Essenssaal, der erneut nur mit den Gesichtern meiner Familie gefüllt war. Schnell schmierte ich mir ein Brötchen und war bereit aufzubrechen.
"Ich bin zum Abendbrot wieder da.", sagte ich flapsig zu meiner Familie und war kurz davor die Tür des Essensaals zu verlassen. Doch daran hinderte mich meine Mum neugierig:
„Wo gehst du hin?"
„In den Wald.", meinte ich provokant, denn ich wusste das ihr diese Information bei Weitem nicht genügte und drückte die Türklinke hinunter.
„Was willst du denn da?"
„Ich treffe mich mit... nem Kumpel, okay?", sagte ich etwas genervt und während ich die letzten Silben meines Satzes aussprach, merkte ich das dies nicht gerade klug gewesen war.
„Wen? Und warum im Wald? Bist du wahnsinnig?"
„Mum entspann dich mal! Ist ein Kumpel eben."
"Ein Kumpel also?"
„Mum ich komme zu spät, bye, bis später."
„Nein du bleibst hier, erst will ich wissen wer das ist und warum ihr euch im Wald trefft. Außerdem bist du mir noch ne Rechenschaft schuldig!"
"Ach ja?", lachte ich fragend obwohl ich genau wusste, dass sie auf gestern Abend hinaus wollte.
"Wo warst du gestern?"
"Wo ward ihr gestern?"
"Hör auf mit einer Gegenfrage zu antworten! Das ist jetzt nicht von Belangen!"
"Doch ich finde das äußerst interessant und Mum ich muss wirklich los!", drängelte ich und öffnete unhöflich die Tür.
"Wie alt ist der denn? Und woher kennt ihr euch überhaupt? Ist das etwa ein Perverser?"
„Mum, sorry ich muss wirklich los! Wir reden später.", antwortete ich aufgeregt und rannte los, weil ich wusste sie würde mich nie gehen lassen.
„Du bleibst hier!", schrie sie mir fassungslos hinterher, sprang auf und sah ihrer fliehenden Tochter hinter her. Was dachte sie nur von mir? Als ob ich einen Perversen im Wald treffen würde! Schon die Wörter "Perverser" und "Wald" in einem Satz, ließen mich erschaudern.

Auf einmal legte sich ein breites Grinsen auf meine Lippen. Ich hatte mich tatsächlich gegen meine Mutter durchgesetzt. Na gut dafür wartete sicher Hausarrest auf mich, aber das war es sicherlich wert!
Beim Rennen viel mir auf das es sich viel schwerer anfühlte. Ich hatte Mühe den Berg zu erklimmen und schon nach ein paar Minuten schmerzten meine Knie und mein Rachen fühlte sich an, als hätte ich Chilli gegessen. Ich hielt das Tempo nicht lange durch, sodass ich schon einen Moment nur noch gemütlich durch den Wald joggte. Der Weg war hügelig, sodass ich mich nicht lange am herunter rennen, des ersten Berges erfreuen konnte.
Ich lief immer weiter gerade aus, wobei mir weitaus mehr als nur einige Berge entgegenkamen.
Irgendwann aber musste ich mir eingestehen, dass ich keine Ahnung hatte in welche Richtung ich laufen musste.
Jeder Baum hatte die gleiche triste Farbe an sich, ragte gleich weit in den Himmel und hatte gleich viele kahle Stellen.
Als hätte ich einen Marathon hinter mir, blieb ich schnaufend an einem äußerst breiten Baum stehen und versuchte mich zu erholen.
Wann wollten wir uns überhaupt treffen? Schoss es mir in den Kopf und ließ mich verzweifelt zu Boden sinken. Etwa um die selbe Zeit? Aber im Dunkeln würde ich diesen Wald bestimmt nicht alleine betreten!
Plötzlich machte sich Panik in mir breit. Panisch schaute ich in alle Richtungen und bemerkte, dass ich schon gar keine Ahnung mehr hatte aus welcher Richtung ich gekommen war. Angst machte sich in mir breit ließ mein Herz schneller schlagen. Ich war verloren, allein verschollen im Wald!



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