Ein Funken Wahrheit

Verdammt was sollte ich denn jetzt machen? Ich hatte keine Ahnung wie ich hier je wieder raus finden sollte. Panisch kramte ich in der Tasche nach meinem Handy.
Als ich es in der Hand hielt, reichte ich es weit in die Luft und prüfte das Netz. Doch auch hier blieb ich erfolglos. Keine Nachrichten und keine Anrufe, was hatte ich auch anderes erwartet? 
Die Bäume begannen sich im Wind zu wiegen und ergaben ein Gänsehaut erzeugendes, quietschendes Geräusch. Ich drückte meinen Schal etwas mehr an meinen Körper, denn der Wind drang durch meine leichte Kleidung und ließ mich frieren. Plötzlich spürte ich etwas Kaltes und Nasses auf meiner Nase.
Schnell tippte ich mit meinem Finger auf meine Nasenspitze und wischte das Wasser ab. Ich lehnte meinen Kopf nach hinten und starrte in den wolkenverhangenen Himmel, aus dem nun noch mehr Regentropfen direkt auf mein Gesicht schossen.
Kopfschüttelnd richtete ich mich auf und lief kämpfend gegen Wind und Wetter durch den ungemütlichen Wald. Kein Baum kam mir auch nur annähernd bekannt vor. In welche Richtung sollte ich nur laufen? Wahrscheinlich würde ich verhungern oder verdursten! Nein bei diesen Temperaturen würde ich sicher erfrieren oder vor völliger Erschöpfung einsam im Wald zusammensacken und sterben.
"Eine kleine Pause.", flüsterte ich und wollte mich unter einer großen Tannen auf den Boden setzen. Doch gerade als ich den Boden mit meinen Fingerspitzen berührte, erschreckte mich ein hoher Schrei.
Sofort sprang ich ängstlich auf und blickte mich im Wald nach der Ursache dieses Geräusches um.
Meine Gedanken begannen mir noch mehr Angst einzujagen. Was wenn das Mädchen hier war?
Mit einem Messer? Ich zuckte zusammen als das Geräusch ganz nah neben mir war und plötzlich ein großer Greifvogel von der riesigen Tanne neben mir flog. Erleichtert atmete ich einmal kräftig aus und spürte wie mein Herzschlag sich gleich zu beruhigen begann.
Es war niemand hier, nur ein Vogel. zum Einem war das gut, denn dann konnte ich die Angst verfolgt zu werden verwerfen. Zum Anderen aber hätte mir diese Person vielleicht aus dem Wald helfen können?
Der Schrei hatte meinen Körper für ein paar Sekunden mit Wärme gefüllt, sodass ich mich in Bewegung setzte. Der Regen preschte gnadenlos an meinen schmächtigen Körper, so trug ich schon nach wenigen Minuten völlig durchnässte, kalte Kleidung und der stürmische Wind machte das Ganze nicht besser.
Der Boden begann rutschig zu werden und ließ mich mehrere Male ausrutschen. Zum Glück hatte ich bisher immer einen Ast gefunden, der mir geholfen hatte mein Gleichgewicht wieder zu finden.
Das Knacken der heruntergefallenen Äste unter meinen Schuhen gruselte mich, denn außer das, dem gleichmäßigen Prasseln des Regens und dem Pfeifen des Windes war es still im Wald. Der Regen preschte aus allen Richtung auf mich ein, so sehr, dass ich fast nichts mehr erkennen konnte und viel mehr den Weg entlang stolperte.
Unermüdlich kämpfte ich mir den Weg frei und lief ahnungslos in eine unbestimmte Richtung, hoffend einen Weg aus diesem Wald finden zu können. Die Gedanken um mein Aussehen hatte ich mir wohl um sonst gemacht. Ich wollte wirklich nicht wissen wie schlimm es um meinen Mascara stand und auch meine Haaren waren überall, außer da wo sie nun mal sein sollten.

Gedankenversunken rannte ich immer tiefer in den dunklen Wald hinein, dann aber wurde mein Weg von einem steilen Abhang gekreuzt. Außer Atem betrachtete ich meine Umgebung und wurde plötzlich in ein Rauschen gehüllt. Was war das für ein ungewöhnliches Fleckchen?
Trotz des immer noch strömenden Regens, vielen ein paar Sonnenstrahlen durch die dichten Blätter. Mein Blick schweifte den Abhang hinunter und ich konnte einen kleinen Fluss erspähen.
Ich folgte dem Bächlein bis zu seinem Ursprung und erblickte schließlich einen wunderschönen Wasserfall. Klares Wasser viel einen großen grauen Steinhang hinunter. Die grauen Steine waren dicht von Moos und Algen besetzt.
Unten sammelte sich das glasklare Wasser und floss ruhig ein kleines, in farbenfrohe Blumen eingehüllte, Bächlein entlang.
Gleich neben dem atemberaubenden Wasserfall erstreckte sich ein bunter Regenbogen der mir die Sprache verschlug. Bunte Vögel umkreisten den farbenfrohen Ort und gaben exotische Laute von sich.
Ich starrte in den blauen Himmel über mir und bemerkte, dass der Regen hier vorüber war. Sonnenstrahlen vielen in mein Gesicht und hüllten mich in Wärme ein. Gedankenversunken betrachtete ich die Landschaft, doch schon nach wenigen Augenblicken wurde ich gestört.
Eiserne Kälte legte sich auf meine Schulter und ließ mich zusammen zucken.

Ich war zu benommen um meine Aufmerksamkeit, etwas anderem als dieser atemberaubenden Kulisse zu schenken. Die Kälte an meiner Schulter war verschwunden, doch schon wenige Sekunden später, schlangen sich kalte Hände von hinten um meine Hüfte.
Ich ahnte wem diese Hände gehören könnten und merkte wie sich meine Mundwinkel immer weiter nach oben zu einem Lächeln zogen. Langsam drehte ich mich nach hinten um und blickte erfreut in blaue Augen, die jedoch ihr Glitzern längst verloren hatten.
Ich war erleichtert, dass er mich hier gefunden hatte, aber seine gesamte, magische Ausstrahlung war verschwunden.
Kurz überlegte ich und sah mich um. Niemand war hier, also hatte er sicherlich nichts gegen einen Kuss, richtig?
Ich lehnte mich gegen ihn, spitzte die Lippen und war kurz davor meine Lippen auf seine zu legen, als er den Kopf wegdrehte und ich ihm lediglich auf die Wange küssen konnte.
Irritiert lief ich einen Schritt zurück und schaute ihm vorwurfsvoll entgegen. Wie zur Hölle hatte er mich gefunden? Wie wahrscheinlich war es denn bitte, dass er genau um diese Zeit sich denkt, genau diesen Teil des Waldes zu besuchen?
Hatte er mich verfolgt?
Plötzlich konnte ich ein verschmitztes Lächeln erkennen. Eine Weile starrte ich ihn einfach nur an, doch nachdem dieses Lächeln immer noch nicht verschwunden war, viel ich ihm in die Arme.
Nicht lange verharrten wir in dieser Position denn schon kurze Zeit später, legte er seine kalten Hände auf meine Schultern und stieß mich weg von sich.
Verdattert stand ich in einer viel zu großen Entfernung zu ihm und warf ihm böse Blicke zu.
Was sollte das? War ich ihm plötzlich nicht mehr gut genug? Am liebsten hätte ich meine Gedanken geradewegs herausposaunt, aber dass konnte ich keinesfalls tun. In meinem Hirn spukten so viele Fragen herum, die ich ihm aber unmöglich stellen konnte. Wie hatte er mich gefunden? Warum war er immer dort wo ich zu sein schien? Und verdammt nochmal warum hatte er mich weg gestoßen? Erst umarmt er mich von hinten und dann darf ich ihn nicht mal mehr umarmen?
Was denkt er wer er ist?
Plötzlich spürte ich in mir aufsteigende Wut. Was hatte er sich dabei gedacht? Ich wollte ihm etwas sagen was er von mir nicht erwartete, ich wollte frech und unabhängig wirken. Ich wollte ihm einfach zu spüren geben, dass ich keineswegs auf ihn angewiesen war, auch wenn das völliger Schwachsinn war und das wussten wir sicherlich beide.

„So und warum genau stalkst du mich nochmal?", fragte ich mit ernster Miene und einem Hauch von Arroganz. Ich denke allerdings nicht, dass er die Botschaft verstand. Statt sich rauszureden, begann er seine freundlichste Miene aufzusetzen, packte meine Hand rannte mit mir quer durch den Wald.
Ich stolperte mehrere Male über Wurzeln, aber er fing mich jedesmal behutsam auf, stellte mich sicher neben sich, schaute mir ein paar Sekunden in die Augen und riss mich dann schleunigst weiter.
Ich versuchte mich aus seinen Griffen zu befreien, denn seine anfängliche Unfreundlichkeit und seine Eile begann mir Angst zu machen. Ein zarter rot- stich zeichnete seine Augen und machte ihn mysteriöser und erschreckender als zuvor.
Immer mehr beschleunigte er das Tempo, sodass ich schon bald den Boden nicht mehr erkennen konnte und ihm lediglich hinterher stolperte. Die Kontrolle über meine Füße hatte ich längst verloren und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ich den Boden von unten betrachten würde.

"Wo gehen wir hin?", keuchte ich außer Atem und versuchte stehen zu bleiben, aber er nutzte seine, mir Überlegene Kraft und zog mich weiter.
„Später", murmelte er unfreundlich und erhöhte das Tempo erneut.
"Nicht so schnell!" Als wäre ich seine kleine Schwester begann ich unzufrieden an seinem Arm herum zu zotteln und versuchte ihn zum Stehen zu bringen.

Rasend schnell stoppte er und drängte mich gegen einen massiven Baum. Ich riss die Augen weit auf, als ich spürte wie sich die Rinde in meinen Rücken bohrte. Meine Fingernägel krallten sich vor Schmerz in seine Jacke und ich bekam das Gefühl mir würde jemand die Luft abdrücken. Ich versuchte meinen rasenden Puls zu regulieren, doch seine Augen die immer blutroter wurden, vereinfachten die Sache nicht so ganz.
"Sei still.", flüsterte er leise in mein Ohr und begann sich über die Lippen zu lecken.
Ich wollte einen Schritt zurückweichen, doch blöderweise stand hinter mir der Baum, an den er mich immer noch mit vereinten Kräften presste. Meine Kehle schnürte sich zu und das Blut begann in meinen Adern zu pulsieren.
Endlich löste sich der Druck an meinem Hals und er nahm seinen Arm dort weg. Erleichtert schnaufte ich vor mich hin und merkte wie sich meine Anspannung löste.
Dann aber legte er langsam seine Handfläche neben meinem Kopf an den Baum und verlagerte sein Ganzes Gewicht dort hin.
Wie ich es hasste mich unterzuordnen, doch mir schien keine Andere Wahl zu bleiben. Vorsichtig griffen seine kalten Finger unter meinen Kiefer und mit einem Ruck schoben sie meinen Kopf in die Höhe, sodass ich in seine Augen starren musste.
"Lass das!", brachte ich endlich völlig heiser raus und versuchte dabei seinen Blicken stand zu halten. Kurz schloss er seine Augen, ich hörte wie er leise aufseufzte und dann ließ er mich endlich los.
Das Rot in seinen Augen hellte für eine Sekunde mächtig auf, doch dann verschwand es komplett. Er schüttelte seinen Kopf und riss ihn angeberisch in die Luft. Die Sekunde der Freiheit hatte ich genutzt und war einen Schritt zur Seite gewichen.
Immer weiter lief ich unsicher rückwärts und war bereit, erneut mit einem Baum zusammenzustoßen. Ich zuckte zusammen als ich den nächsten Baum berührte, doch schon eine Sekunde später versuchte ich bei ihm Schutz zu finden.
Die große Distanz zwischen uns nahm mir meine Angst für einen Moment, doch schon nach dem nächsten Wimpernschlag stand er dicht vor mir. Sein Atem streifte meine Wangen und versetzte mich kurz in Starre.
Er ließ seine Schultern wieder schlapp hängen, die Zornesfalten verschwanden und ein zufriedenes Lächeln legte sich auf seine Lippen.
"Lass mich los!", rief ich empört und stieß ihn weg von mir. Mit stapfenden Schritten entfernte ich mich von ihm und lief wütend weiter. War ihm nicht aufgefallen, dass er mir auf diese Weise Angst machte?
Seine Schritte wurden schneller und schließlich lief er neben mir, um nach meiner Hand greifen zu können.
Erschrocken zog ich sie aus seiner Gewalt und wich einen Schritt zur Seite um einen Abstand zwischen uns herstellen zu können.
"Was ist?", erkundigte er sich mit erhobener Augenbraue.
"Ist das dein Ernst?"
"Ich kann dir nicht ganz folgen."
"Was war das eben?"
"Kontrollverlust."
"Ja könnte man so sagen und was war die Ursache?"
"Erkläre ich nachher."
"Wie nachher? Sag's mir doch einfach hier, dann verstehe ich vielleicht auch deine Eile?", antwortete ich eingeschnappt und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Das geht hier nicht!", rief er verärgert und war dabei erneut nach meiner Hand zu greifen.
"Vergiss es! Erst will ich eine Erklärung!", schrie ich und schlug ihm auf die Hand.
"Okay, wir werden eventuell abgehört." Ich war mir nicht sicher wie ich auf diese Aussage reagieren sollte. Abgehört? Na klar und ich bin eigentlich die Queen von England! Ich war kurz davor in einem Lachanfall zu enden, doch seine ernste, versteinerte Miene, bewahrte mich davor.
"Ja na klar und verfolgt werden wir auch, weil du der geheime James Bond bist, oder was?"
"Hm?"
"Ach vergiss es."
"Vertrau mir einfach.", rief er energisch, packte meine Hand und zog mich hinter sich her durch den Wald. Vertrauen? Auch wenn tausende Gründe dagegen sprachen, tat ich es trotzdem. Seinen "Kontrollverlust", so wie er das nannte, konnte ich getrost verdrängen.
Etwas fehlte. Ich brauchte einen Augenblick, bis ich begriff was es war. Das Geräusch unserer Schritte auf dem feuchten Laub war verschwunden. Wir waren stehen geblieben und plötzlich wirkten völlig neue Eindrücke auf mich.
Ich ließ meine Blicke über die Landschaft streifen, wobei mir als Erstes kleine Hütten entgegen sprangen.
Sie waren mit Strohdächern besetzt und die Wände trugen ein zartes orange. Es wirkte fast wie eine kleine Wohnsiedlung, allerdings schienen die Häuschen viel zu klein zum Wohnen zu sein.
Alle standen auf einer Holzplattform in der Mitte eines kleinen See's, doch konnte ich keine Brücke ausfindig machen die zu ihnen führte. Es schien als würden sie verlassen im Meeres- blauen Wasser stehen.
Ich versuchte das Ende der Wohnsiedlung zu finden, doch als wäre sie endlos, blieb ich erfolglos. Vor jeder Hütte waren kleine Blumenkästen gestellt, die farbenfroh strahlten. Selbst der triste Wald und der finstere Nebel, welcher uns schon längst eingehüllt hatte, konnten diese Idylle nicht zerstören.

Fast erschreckend langsam trat er an den glasklaren See heran und begann mit seiner linken Hand, wie wild in der Luft herum zu fuchteln. Ich stand abseits von ihm und betrachtete seine unregelmäßigen Bewegungen. Zögernd lief ich auf ihn zu und folgte seinen ruckartigen, unregelmäßigen Bewegungen zweifelnd.
"Du! Vom Herumfuchteln in der Luft, werden wir auch nicht wieder zum Hotel finden.", beklagte ich mich arrogant und verschränkte abweisend die Arme vor der Brust.
Doch diesen Satz bereute ich schon wenige Augenblicke später... Endlich tat sich was und in der Luft erschienen blaue, kleine Zeichen. Mit seinem Fingern schob er sie hin und her. Eine Weile tat er das, letztendlich aber machte er eine energische Bewegung und ließ sie auf den Boden fallen, wo sie in tausende Teile zerbrachen.
Plötzlich schepperte es laut durch den Wald, als wären eine Million Gläser zu Bruch gegangen. Die Zeichen waren verschwunden und noch im selben Moment kam mir die Erinnerung, wo ich ihnen schon einmal begegnet war. Alle Bilder hatten sie unten in der Ecke wie eine Signatur getragen.
Kurz legte sich ein Lächeln auf meine Lippen, denn ich erinnerte mich ebenfalls an den Satz, den ich ihm vor Kurzem an den Kopf geworfen hatte und an die Tatsache, dass ich nun nicht mehr besonders gut dar stand.
Doch ich hatte keine Gelegenheit mir lange darüber Gedanken zu machen, denn plötzlich, senkte er seine Arme und das Wasser begann sich wild hin und her zu bewegen.
Was Anfangs ein wildes Durcheinander war, begann sich zu ordnen und formte sich allmählich zu mächtigen Wellen. In kleinen Abständen kamen Meter hohe Wellen auf uns zu, die kurz vor uns wieder versiegten.
Plötzlich entdecke ich ein lebendes Wesen das im See schleunigst auf uns zu kam. Für kurze Zeit ragten schimmernde Schuppen aus dem blauen Wasser. Was kam da auf und zu? Ein Fisch?
Sekunde um Sekunde näherte es sich uns und ich bemerkte schnell, dass ich mich zu fürchten begann. Die Welle mit der es kam ragte hoch empor und hatte schon längst die anderen überholt. Doch das schien nicht zu reichen. Sie stieg mehr und mehr empor und in mir machte sich die Befürchtung breit, wir würden überflutet werden.

Fasziniert von diesem Wesen, vergaß ich meine Angst und ignorierte die Tatsache überflutet werden zu können. Gefangen in der mächtigen Welle kam die mysteriöse Gestalt auf uns zu.



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