Ein Funken Wahrheit

Ich erstarrte, als ich begriff, dass die Welle bereits über uns angelangt war. Eingehüllt in Stille stand ich mit Händen schützend um Kopf gelegt, an seiner Seite und hoffte er würde nach meiner Hand greifen. Ein dumpfer Schlag schallte durch den Wald und ließ mich neugierig werden. Vorsichtig blinzelte ich auf und stellte erstaunt fest, dass das Wasser bereits versiegt war. Es wurde ruhiger und wirkte nun keinesfalls mehr bedrohlich.
Die Bäume begannen sich schwer im Wind zu wiegen und ließen mich noch neugieriger auf das Wesen werden.

Endlich zeigte es sich. Vor meinen Füßen tauchte langsam ein Frauenkopf auf, fast verführerisch versuchte sie die Blicke des Jungen zu fangen. Eifersüchtig von ihren ersten Blicken, nahm ich eine abwehrende Haltung ein.
Dürre Finger krallten sich in den matschigen Boden, geziert von zartem, roten Nagellack. Sie nahm ein Mal kräftig Schwung, drehte sich und setzte sich mit dem Rücken zu uns gekehrt auf den Boden. Ich konnte meinen Augen nicht trauen, als ich die riesige, schimmernde Schwanzflosse an ihrem Körper bemerkte.
Gebannt starrte ich sie an und ließ dann meine Blicke ihren Körper hinauf, bis zum Gesicht wandern. Ich zuckte zusammen, schämte mich Fremd, als ich ihren entblößten Oberkörper meine Aufmerksamkeit schenkte. Reflexartig wandte ich meine Blicke ab. Als wäre ich beim klauen erwischt worden, schlug mein Herz viel zu schnell und ließ mich nervös werden.
"Laureen? Muss das wirklich sein?", erklang die tiefe Stimme neben mir.
Bisher hatte ich nichts sehen können, denn sie zeigte lediglich ihren zarten, fehlerfreien Rücken.
Doch dann wrang sie ihre nassen Haare aus, schwang sie elegant nach hinten und drehte sich mit einem frechen Grinsen zu uns um. Mit den Händen bedeckte sie ihre Brust, doch diese hielt sie nicht lange bei sich. Langsam legte sie sie auf ihre Schwanzflosse und zwinkerte dem Jungen zu.
"Besser?"
"Laureen ich bitte dich. Du möchtest unseren Gast sicher nicht verscheuchen?"
"Kommt drauf an, ist denn Bohnenstange eine Gefahr für uns?" Bohnenstange? Na warte ich... Uns? Was sollte das heißen? Wut begann in mir aufzukommen. Ein paar Augenblicke durfte ich mir ein Bild von ihr machen und schon jetzt wusste ich, ich würde sie für immer verabscheuen. Hassen! Uns? Waren sie zusammen? Was sollte das? Ich hasste es, wenn mit mir gespielt wurde!
Gegen dieses Mädchen hätte ich nie eine Chance! Glattes, braunes, perfektes Haar. Dicker Eyliner war um ihre großen Augen gezeichnet.
Bei dem Wasser war er kein Stück verschmiert. Auch der knallrote, leuchtende Lippenstift saß perfekt und betonte ihre vollen Lippen. Nicht einmal Puder musste sie tragen, denn ihre Haut war makellos. Nein, nicht nur ihre Haut, ihr Körper... sie war makellos.
Wie sollte ich sie jemals schlagen können? Ich hasste es mich im Kampf um einen Jungen zu sehen. Albern! Aber selbst wenn ich versuchte ruhig zu bleiben, wenn ich versuchte mir einzureden es gäbe keine Konkurrenz zwischen uns, selbst dann verspürte ich immer noch den Drang dazu ihr perfektes Gesicht zu verunstalten.
Wie sie mit den Augen klimperte, halb nackt vor ihm saß und jede Sekunde nutzte um ihn verführerische Blicke zu zuwerfen. Nur etwas schien ihr Gesicht nicht perfekt machen zu wollen. Rechts uns links über ihren Wangenknochen, hinter den Augen konnte ich Hauterhebungen erspähen. Bei jeden ihrer Atemzüge, öffneten sich Hautfalten und ließen einen Blick in ihr Inneres zu. Doch nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann schmiegten sich die Hautfältchen eng an ihr Gesicht und verbargen fast die Erhebungen.
Jedes Mal wenn ich meine Blicke davon nicht abwenden konnte, warf sie mir einen bösen Blick zu und ließ ein paar nasse Haarsträhnen drüber fallen.
"Laureen, bitte nimm meine Jacke!", erklang die Stimme neben mir erneut.
Darauf hin zogen sich die Mundwinkel des Mädchen's nach oben und ihre ungewöhnlich, spitzen Zähne traten zum Vorschein.
Frischer Wind strich an meinem Gesicht vorbei und noch im selben Moment landete, die braune Jacke des Jungen in ihre Armen. Mit Freude zog sie sich die an, doch sie hielt es nicht für nötig den Reißverschluss zu schließen. Ich atmete tief aus, denn ich verspürte immer mehr meinen Hass gegen sie. So etwas billiges! Aber was wenn er genau auf so etwas stand?
Nahm er diese Masche eigentlich bei jedem Mädchen? Gut natürlich liebten wir Mädchen es, wenn uns ein junge seine Jacke gab, aber ich glaube sie konnte das bestimmt nicht wertschätzen!
Immer wieder versuchte ich meine Blicke von ihr zu nehmen, doch auch ihre Schwanzflosse zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Was?... Schwanzflosse? Hatte ich das gerade wirklich gedacht?
Ich versuchte meine Gedanken zu sammeln und suchte vergebens nach Antworten für diese ungewöhnliche Gestalt. Natürlich dachte ich über Meerjungfrauen nach, wer kannte sie nicht? Aber diese hier schien nichts bis auf die Schwanzflosse mit ihnen gemeinsam zu haben.
Weder machte sie einen annähernd liebevollen Eindruck, noch schien sie sich Beine aneignen zu können.
Liebevoll! Völlig paradox, wenn man ihr in die Augen sah. Ihre Katzen grünen Augen strahlten nichts, außer Habgier und Arroganz aus. Nichts desto trotz, schien es ihm zu gefallen.
Die heißen Blicke zwischen ihr und dem Jungen gingen keines Wegs an mir vorbei. Im Gegenteil, sie störten mich unheimlich. So sehr, dass ich lieber alle Blicke auf mich richten ließ.

„Ist das jetzt dein ernst?", brachte ich völlig erstaunt über die Lippen.
„Was meinst du?, fragte er gelassen, wobei er seine Blicke von ihrem nackten Körper nicht abwenden konnte. Ich konnte nicht fassen, dass er sie außer ihrer Nacktheit, nicht für seltsam einstufte. Als wäre das der einzige Grund, warum er ihr Aufmerksamkeit schenkte.
„Ist das so etwas wie versteckte Kamera? Wenn ja, es ist echt nicht witzig!" Endlich lösten sich seine Blicke von ihrem Körper und er schenkte mir seine Aufmerksamkeit. Ganz zu ihrem Ärger.
„Was meinst du?" Verständnislos schüttelte ich den Kopf und wagte mich einen Schritt näher an ihn heran. Plötzlich begann sie etwas für mich unverständliches vor sich her zu murmeln. Im Gegensatz zu mir schien er ihre unklaren Worte mit einer Leichtigkeit entziffern zu können und lauschte ihr aufmerksam.

Entweder sprach sie eine Sprache die ich nicht verstehen konnte oder es lag an meiner nicht gerade glamourösen Französisch Note. Doch in dieser Situation erschien mir die erste Variante sinnvoller, denn wer würde ausgerechnet hier Französisch sprechen?... na gut von sinnvoll konnte hier wohl schon lange keine Rede mehr sein.
„Sie werden dir jetzt einen Verband um die Augen binden und uns dann über eine Brücke führen, ist das Okay für dich?" Ich runzelte die Stirn.
Wieso sollte das okay für mich sein? Weder sah ich hier eine Brücke, noch vertraute ich ihm und erst recht nicht diesem Wesen.
Ich wollte ihm vertrauen und ich wusste ich würde es bis zum Tod tun, doch seid dem ich auf dieses Mädchen getroffen war, schien sich in mir etwas geändert zu haben.
Ich merkte wie mich immer mehr Fragen zu diesem Unmöglichen hier überkamen. Zu ihm! Ich war mir auf einmal bewusst, dass er wohl der geheimnisvollste Junge gewesen war, dem ich je begegnet war. Ich hatte das Gefühl im vertrauen zu können, selbst wenn ich ihn kaum kannte, doch die ersten Augenblicke mit diesem Wesen, schienen dieses Vertrauen vernichtet zu haben.
Ich versuchte meine Unsicherheit zu verbergen, meine Angst er würde spüren, ich hatte das Vertrauen zu ihm verloren, also begann ich weiter hin belangloses von mir zu geben:

„Hör auf! Das ist verdammt noch mal nicht witzig!"
„Womit? Meinst du sie?", fragte er und machte eine ruhige Kopfbewegung zum Mädchen.
"Sie?, Ha ich meine Alles hier. Das ist nicht echt, ich falle darauf nicht rein. Zeig mir die Kameras?."
"Kameras? Hier sind keine! Das ist echt! Ich weiß für Menschen wie dich ist das meist unbegreiflich, aber dafür sind wir ja hier."
„Was soll das denn schon wieder heißen? Menschen wie mich? Bist du etwa keiner oder wie?", fragte ich mit einem Hauch von Spott in der Stimme. Nicht nur Spott sondern auch Vorwürfe sollte sie wiederspiegeln.
War es ihm überhaupt bewusst, wie sehr mich seine Blicke verletzten? Seine Blicke, die wie ein alter Kaugummi an dem Mädchen zu kleben schienen?

„Ähm..", stotterte er wobei er mich keines Blickes würdigte.
„Und ganz ehrlich ich sehe hier kein Brücke! Glaub mir, meine Augen sind gut!", lachte ich spöttisch, während ich meine linke Hand arrogant zu Seite warf.
„Die können wir nicht sehen. Um sich zu schützen, verbinden sie unsere Augen." Ich merkte das er versuchte freundlich zu sein, doch meine Blicke schmetterten diese Freundlichkeit gnadenlos ab.
„Das macht keinen Sinn!"
"Wieso?"
"Man muss doch nur ausprobieren, wo sich die Brücke befindet. Ja gut, vielleicht bekommt man nasse Füße, aber einen Einbrecher wird das sicher nicht abhalten!"
„Mag sein, allerdings wird sich der Einbrecher danach ganz schön umsehen. Denn das Wasser ist Gift für uns und lässt uns qualvoll sterben. Und jetzt sei still!", schnauzte er mich an und seine Freundlichkeit war mit einem Schlag verschwunden. Verdutzt schaute ich ihm entgegen.
Warum war er so genervt? Ich hatte doch nur gefragt? Na gut ich war nicht besonders freundlich, aber das war nichts im Gegensatz zu seinen vielversprechenden Blicken.
Ich wollte ja nicht das er mir ewige Treue schwörte, aber ich hatte schon gehofft, dass er wenigstens einige Zeit zu mir hielt. Vorausgesetzt der Kuss hatte Bedeutung für ihn, aber wie er mich danach angesehen hatte,... musste es einfach von Bedeutung sein!

„Vertraust du mir?", riss er mich plötzlich liebevoll aus den Gedanken. Ein zuckersüßes Lächeln legter sich auf seine Lippen und er warf angeberisch sein volles Haar nach hinten.
Er reichte mir seine Hand und ich war kurz davor sie entgegen zu nehmen, doch dann vernahm ich ein Räuspern und blickte in die ungeduldigen Augen Laureens. Ich schlug seine Hand weg und wich einen Schritt zurück.
Ihre Augen erinnerten mich an seine Blicke, die schon fast süchtig nach ihr zu sein schienen.
"Ich bin doch nicht von allen Geistern verlassen! Ich kenne weder diese Laureen, noch kann ich dich wirklich einschätzen und wenn du sagst das das Wasser tödlich ist, werde ich dort ganz bestimmt nicht lang laufen!", schrie ich wütend, denn ich war von seiner Art, fast erneut beeinflusst worden. Als wäre er enttäuscht senkte er seine Blicke und atmete schwer aus.
"Das ist schade, ich dachte wir wären mehr, als..."
"Ich habe heute auch noch etwas Anderes vor!", viel ihm Laureen ins Wort. Hatte er gerade wirklich gesagt, er dachte wir wären mehr, als nur Freunde oder was? Ich spürte, wie sich mein Körper in zwei Hälften teilen wollte. Ich wollte ihn nicht enttäuschen und ich wollte keines Falls feige wirken, aber zugleich wusste ich, dass ich feige war! ich war ein Angsthase, ich war verdammt noch mal ein elender Schisser!



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