Ein Funken Wahrheit

Eingehüllt in elende Dunkelheit hörte ich nichts außer meines schnellen Atems und dem dumpfen Hämmern meines Herzens. So oft ich auch mit den Augen blinzelte und mit den Armen um mich schlug, ich erkannte, fühlte und hörte nichts.

„Wo bin ich?", schallten meine leisen Worte durch die Dunkelheit und hinterließen ein noch viel leiseres Echo. Meine anfangs bescheidene Orientierung, hatte sich endgültig verabschiedet und ich konnte nun nicht einmal mehr sagen, ob ich stand, saß oder lag.

„Du bist bereits ein Vampir und du bist es immer gewesen.", hallte plötzlich eine heisere, raue und mädchenhafte Stimme durch die Endlosigkeit.

„Was?", rief ich hoffnungsvoll und blickte um mich.

„Dein Gen wurde unterdrückt und der Biss hat dein wahres Ich zum Vorschein gebracht."

„Was? Wer bist du? Wo bist du?", unterbrach ich die mädchenhafte Stimme und hoffte sie würde mir endlich die Dunkelheit nehmen. Ihre Stimme klang so weinerlich und verletzlich, dass ich die Befürchtung bekam ein kleines Kind würde zu mir sprechen. Ein Kind mit unglaublichen Wissen und einem beunruhigenden, fortgeschrittenen Wortschatz. Sie ließ sich nicht aus der Bahn werfen und sprach weiter wie zuvor:

„Ich kann dir nicht mehr sagen, du musst nur wissen, dass du bereits alle Kräfte hast. Dir fehlt nur noch die Kontrolle über sie. Wenn ihr durch das Bild springt, erinnert euch an den Ort. Denkt an die verlassenen Gänge, sonst werdet ihr in der Endlosigkeit landen und gefangen bleiben, für immer. Überlege also gut, ob sie dieses Risiko wert sind. Verschwommene Gedanken können euren Tod bedeuten."

Tod? Egal was sie sagte, ich habe es mit eigenen Augen gesehen, dass es funktionieren kann. Selbst ein kleines Mädchen konnte es, also warum sollten dann wir daran scheitern? Es war nicht lange her, dass ich zu selbstsüchtig gewesen wäre, um es überhaupt in Betracht zu ziehen. Doch jetzt empfand ich es fast als Pflicht ihnen zu helfen, selbst dann, wenn mein eigenes Leben darunter leiden könnte.

„Wer bist du?", fragte ich nun mit Nachdruck und hoffte sie so beeindrucken zu können.

„Das ist nicht wichtig, denk an das was ich gesagt habe und beeile dich, das Zeitfenster wird sich bald schließen.

Ach und bevor ich es vergesse, trinke unter keinen Umständen Blut! Nicht jetzt, es ist der falsche Zeitpunkt." Mit diesen Worten verschwand die mysteriöse Stimme und anstatt ihrer erstreckte sich vor mir ein kleiner weißer Punkt, der zu wachen begann.

Ich kniff die Augen zusammen, um erkennen zu können, was sich dahinter verbarg, doch außer grellem Licht konnte ich nichts erkennen.

Langsam kam es auf mich zu und verschlang mich. Umrisse wackelten hin und her und begünstigten meine Kopfschmerzen, die ich erst jetzt wieder wahr nahm. Mein Blick wurde klarer und endlich erkannte ich meine Umgebung wieder.

Ich lag im Hotelzimmer in meinem Bett und wurde gerade von Leandro wachgerüttelt. Verzweifelt versuchte ich das Verschwommene vor meinen Augen weg zu blinzeln und schubste seine Hände von meinen Schultern. Nachdem ich ein wenig in meinen Augen herum gerieben hatte, verschwand endlich das Unklare und die Umrisse wurden zu richtigen Bildern.

Ich erschrak als ich sein verunstaltetes Gesicht sah und mich daran erinnerte, dass es meine Schuld gewesen war. Unzählige Schrammen zierten sein Gesicht, die erst vor kurzem aufgehört haben mussten, zu bluten. Eine lange Schramme zog sich auf seiner linken Gesichtsseite entlang. Blaue Flecken lagen auf seinen nackten Armen und machten mir ein schlechtes Gewissen.

„Leandro, ich wusste nicht was ich da tat...", log ich und wand meine Blicke von ihm ab. Natürlich hatte ich gewusst, was ich ihm antat. Und ich erinnerte mich daran, dass es mein Wunsch gewesen war, ihn so zuzurichten. Doch im Nachhinein muss ich wohl gestehen, dass ich es bereue. Ich bereue meinen Kontrollverlust, wie ich auf seine Provokation eingegangen war und den Wunsch nach Rache.

Damit war ich kein Stück besser als Laureen!

„...das musst du mir glauben!", schrie ich besorgt, denn ich bekam Angst, er würde mir nun nicht mehr helfen wollen. Meine Blicke wanderten zu seinem Handgelenk, an dem sich blutige Fingerabdrücke befanden. Hatte ich mich wirklich so sehr in seine Haut gekrallt? Ich konnte es kaum fassen, dass ich zu so etwas fähig war.

Was wenn ich die Kontrolle auch bei meiner Familie verlieren würde? Er war ein Vampir, ihm könnte ich bei Weitem nicht das antun, was ich bei meiner Familie anrichten könnte.

„Ist schon gut, es ist ja schließlich meine Schuld gewesen."

„Wie meinst du das?", fragte ich und richtete mich auf. Als hätte jegliche Energie meinen Körper verlassen, fühlte ich mich völlig schwach. Langsam lehnte ich mich in mein Kopfkissen und hörte ihm weiterhin gespannt zu.

„Ich habe dich mit Absicht provoziert, ich wollte wissen wie viel Kraft du wirklich hast, aber dafür musste ich dich so richtig wütend machen. Also fühle dich nicht schuldig und sieh mich gefälligst nicht so bemitleidend an."

Verwundert starrte ich auf sein Lederband, dass er immer noch um den Hals trug. Ich dachte es würde ihn heilen, warum hat es dieses Mal nicht funktioniert?

„Warum hat das Amulett dich nicht geheilt."

„Ich dachte du solltest sehen, zu was du wirklich im Stande bist."

„Hast du nicht gesagt, ich hätte keine Schuld daran?"

„Ja das habe ich. Ich will nur das du siehst, dass du mich mit gewisser Taktik überwältigen kannst."

„Ja und?", unterbrach ich ihn ungeduldig, da ich das Gefühl bekam er würde wieder endlos weit abschweifen und dafür fehlte uns die Zeit. Ich spürte wie ich unruhiger und gehetzter wurde, als ich an ihre Worte dachte. Das Zeitfenster wird sich bald schließen. Meint sie damit etwa das Gemälde?

„Ich habe das Gefühl, dass du dich immer noch hinter mir verstecken willst und wenn wir den Grafen wirklich zur Strecke bringen wollen, dann bringt es uns beiden Nichts, wenn du dich auf meinen Schutz verlässt. Ich kann schließlich nicht über all sein."

„Wenn du meinst.", brummte ich unzufrieden und drehte mich zur Bettkante, um meine Beine hinunterbaumeln zu lassen.

„Außerdem brauchen wir die Magie des Amulettes eher für den Kampf.", fügte er entschlossen dazu und rutscht etwas weiter weg von mir. Wahrscheinlich hatte er sogar recht, mit dem was er sagte. Ich wollte mich immer noch hinter ihm verstecken, darauf vertrauen er könnte mir in jeder Situation helfen. Es war viel einfacher sich hinter jemanden zu verstecken und nur seinen Ideen und Vorschlägen zu folgen, anstatt sich selbst die Mühe zu machen. Wie sollte er mich auch beschützen, wenn er sich selbst vor ihm fürchtete?

Wahrscheinlich war es meine Naivität, die mir jegliche Angst und Unsicherheit vor dem Grafen nahm.

„Na gut, wir müssen sowieso los." Mit diesen Worten stand ich mühsam auf und schlich zum Kleiderschrank, um mich dort abstützen zu können. Meine Beine waren zittrig, mein Kopf schwer und meine Augen müde.

„Oh Gott, du bist ja ganz schwach, wir sollten lieber noch etwas warten."

„Quatsch, mir geht's gut, lass uns gehen wir haben keine Zeit mehr.", log ich und begann nach meiner Tasche zu suchen.

Leandro stand auf und kam auf mich zu gelaufen. Entschlossen griff er sich an den Hals und holte sein Amulett hervor. Zögerlich aber nahm es ab und öffnete den roten Kreis in der Mitte.

„Was soll das werden?", fragte ich besorgt und wich einen Schritt zurück.

„Trink einen Tropfen, es wird dir helfen."

„Vergiss es!"

„Bitte."

„Nein, das kannst du vergessen, ich werde dein Blut nicht trinken."

„Aber so wird das Nichts.", versuchte er mich umzustimmen und reichte mir das Amulett mit seinem Blut unter die Nase. Angewidert zog ich die Mundwinkel runter, als mir der Geruch von Eisen in die Nase trat. Er war so intensiv, dass ich mich fragte wie ich jemals das Blut anderer trinken sollte.

„Nein, ich darf nicht. Nicht jetzt."

„Was? Wie kommst du darauf?"

„Das ist nicht wichtig, lass uns gehen."

„Bitte, es wird dir wirklich helfen.", sagte er konsequent und blickte mir durchdringend in die Augen.

Ich spielte mit dem Gedanken, ihm die Wahrheit zu sagen. Über mich, das Mädchen und die Stimme. Aber was wenn es zu gefährlich für sie war? Wenn vielleicht sogar sie die Stimme gewesen war? Nein, ich hatte versprochen zu schweigen. Außerdem war ich immer noch sauer auf ihn.

Verdammt er hatte bestimmt mit dieser Laureen rumgeknutscht, während ich versucht hatte wieder zurück ins Leben zu finden.

Andererseits wollte ich nicht schon wieder die Böse spielen. Die Stimmung zwischen uns war weiterhin angespannt, aber es war erträglich. Gerade jetzt, wo uns so etwas Großes bevor stand, durften wir uns keine Fehler leisten und schon gar nicht wegen so etwas!

„Ich bin ein Vampir und ich bin es schon immer gewesen. Der Biss hat nur mein wahres Ich zum Vorschein gebracht. Ich habe keine Ahnung was dein Blut mit mir anstellen würde, ich weiß nur, dass ich gerade jetzt keins trinken soll.", gab ich zu und schwang mir meine schwarze Tasche seitlich über. Ich öffnete sie und prüfte, ob sich mein Handy noch dort befand und ich wurde schnell fündig. Gleichgültig legte ich es zurück und wunderte mich, dass ich keinen Funken von Erleichterung spürte. Üblicher Weise traten bei mir die ersten Entzugserscheinungen auf, so bald ich mehr als eine Stunde von meinem Handy entfernt war.

Aber wahrscheinlich hatte ich hier so viel um die Ohren, dass ich gar keine Zeit dafür hatte, mich nach dem digitalen Leben zu sehnen.

„Wo her weißt du das?"

„Ich kann es dir nicht sagen, ich weiß es einfach.", schnaufte ich bückend, während ich nach dem Bild unter meinen Bett suchte. Wenn wir wirklich durch das Gemälde springen mussten, dann brauchten wir etwas, das uns half den richtigen Ort zu finden.

„Damit werde ich mich nicht zufrieden geben."

„Ach nein? Ich schätze das wirst du aber tun müssen.", lachte ich amüsiert und griff endlich nach dem richtigen Bild. Ich wusste das ich ihn damit zur Weißglut brachte, aber ich konnte mein Lächeln nicht verstecken. Mit seiner Sturheit und seinem Wissensdurst erinnerte er mich so sehr an mich selbst. Ich wollte mich mit seinen knappen Antworten auch nicht zufrieden geben, aber ich hatte keine andere Wahl gehabt und die hatte er jetzt wohl auch nicht.

„Wo her weißt du das alles? Du tust als wärst du ein Wissenswandler!"

„Was wo von redest du?", fauchte ich genervt. Er wusste genau das ich mit seinen Worten nichts anfangen konnte. Das war also seine Art sich zu rächen? Dafür das ich ihm nicht die Wahrheit sagen konnte? Er tat das Gleiche mit mir? Kindisch!

„Was soll das eigentlich? Musst du wirklich jetzt versuchen mich zu verwirren? Glaub mir ich würde dir gerne sagen, wo her ich es weiß, aber ich kann nicht. Es ist verdammt kindisch von dir, sich so an mir zu rächen."

„Du kannst nicht? Schon klar, du willst doch nur Geheimnisse vor mir haben, weil ich auch welche habe. Du bist die, die sich hier rächen will.", verteidigte er sich und begann durch den Raum zu laufen.

„So was ist kindisch und dafür fehlt uns die Zeit. Ich kann es dir nicht sagen, weil ich sonst jemanden verraten würde, der meine Hilfe braucht."

„Ich kann schweigen."

„Das glaub' ich dir gerne, aber ich habe es ih... ich habe es versprochen."

„Du redest Schwachsinn, wir waren die ganze Zeit zusammen unterwegs, du hattest nicht einmal die Zeit dazu mit Jemanden zu reden ohne das ich es mitbekommen hätte.", warf er in die Runde und blieb stehen.

„Ich weiß es von einer Stimme."

„Was redest du?"

„Es war die Stimme in meinem Kopf, die es mir verraten hat."

„Das ist jetzt nicht dein Ernst oder?", fragte er kopfschüttelnd, stemmte die Arme hinter den Kopf und begann sich energisch zu drehen. Ich gab es auf. Er war genauso stur wie ich. Unter normalen Umständen hätte ich das mit ihm Ewigkeiten ausdiskutiert, aber jetzt stand zu viel auf dem Spiel. Na gut ich muss wohl zugeben, dass die Stimme in meinem Kopf, vielleicht nicht das überzeugendste Argument gewesen war. Trotzdem hatte er keine Anstalten gemacht, mir irgendwann einfach vertrauen zu können.

Ich riss mich zusammen nahm das Bild an mich und verließ schleichend den Raum. Schleppend lief ich in den Flur und hoffte er würde mir bald folgen.

Kritisch betrachtete ich die Treppe und das Gemälde des Grafen's. Wie sollten wir jemals durch dieses Bild springen? Der Abstand war nicht besonders groß, aber das Geländer war dazwischen und meine Höhenangst machte es mir bestimmt nicht einfacher. Zudem fühlte ich mich immer noch schlapp und schwach, aber das wollte und konnte ich vor ihm nicht zugeben.

Seichte Schritte näherten sich und schließlich stand er gedankenversunken hinter mir. Ich drehte mich um und hielt ihm die Zeichnung hin.

„Was soll ich damit?"

„Woran denkst du gerade?"

„Was hat das mit dem Bild zu tun?", hackte er nach und ließ seine Blicke über das Papier wandern.

„Woran denkst du?"

„Na schön, an,.. den Bau,...an den Werwolf Angriff, warum?" Ich musste schmunzeln, ich wusste genau worum seine Gedanken kreisten und er hatte sich fast selbst verraten. Wenn ich keine anderen Sorgen hätte würde ich wohl auch an die Nacht denken. Die Nacht, an der ich mich auf ihn eingelassen hatte.

„Sieh es dir an und stell dir diese Gänge vor. Wenn wir durch das Bild springen, dürfen wir an nichts anderes denken, sonst landen wir... wo anders.", erklärte ich und wand mich dem Geländer wieder zu. Ich versuchte es mit einer Leichtigkeit zu erklären, damit wenigstens er sich keine Gedanken darüber machte.

Ich würde unnötig für Unruhe sorgen, wenn ich die Konsequenzen verwirrter Gedankengänge erläutern würde. Außerdem hatte ich schon jetzt, nicht mal mehr sein vollstes vertrauen.

Vorsichtig legte ich meine Fingerspitzen auf das kalte Holz und blickte nach unten.

„Was? Also langsam wird es wirklich verrückt. Nur weil wir Vampire sind, müssen wir nicht freiwillig gegen eine Wand springen, um zu testen, wie groß unsere Heilkräfte sind.", beklagte er sich und kam auf mich zu gelaufen. Kalte Finger legten sich auf meine Taille und zogen mich etwas weiter weg vom Geländer.

„Hörst du mir nicht zu? Ich rede ja auch nicht von einer Wand, sondern von dem Bild dort drüben."

„Das ist völlig Irrsinnig."

„Kannst du mal aufhören alles was ich vorschlage anzuzweifeln? Vertrau mir doch mal! Das musste ich schließlich auch schon.", schlug ich hastig vor und drehte mich zu ihm um. Plötzlich standen wir uns wieder so nah, dass ich die Befürchtung bekam, er würde mich gleich küssen. Nicht das ich es es nicht wollen würde, ich war einfach nur skeptisch.

Natürlich wollte ich mich mit ihm vertragen, vor allem jetzt, aber was wenn ich es bereuen würde? Wenn der Brief Wirklichkeit war? Was wenn er mich sogar an den Grafen ausliefern wollte? So wie es im Brief angedeutet wurde?

Meine Gedanken überschlugen sich und wurden immer verrückter. Vielleicht sollte ich gerade jetzt nicht vergeben.

„Meinst du die Penulatas?" Zögernd nickte ich und wartete darauf, dass er weiter sprach.

„Das war was völlig anderes! Ich habe schließlich nicht verlangt, dass du mit mir durch eine Wand..."

„Bild.", unterbrach ich ihn grinsend.

„Was?"

„Wir müssen durch ein Bild springen, ich habe nicht von einer Wand gesprochen.", hauchte ich belustigt in seine Ohr und befreite mich aus seinen Griffen. Arrogant warf ich mein zerzaustes Haar nach hinten und hob den Kopf ungewöhnlich weit in die Höhe.

„So oder so, es ist verdammt noch mal unmöglich."

„Und ich dachte dieses Wort kennt ihr hier nicht."

„Findest du es nicht eigenartig, dass gerade du das zu wissen scheinst?"

„Was willst du damit sagen?", fauchte ich beleidigt und riss ihm die Zeichnung aus den Händen.

„Ich habe Jahre lang Unterricht gehabt, um mich für meine spätere Position vorzubereiten. Ich habe gebüffelt bis zum geht nicht mehr, um mich in dieser Welt zurechtzufinden und jetzt willst gerade du mir erklären, dass dieses Bild eine Art, magisches Portal ist? Ich bitte dich."

„Du musst ja nicht mitkommen."

„Ach komm schon, versuch mich bloß nicht schon wieder auf diese Tour umzustimmen. Ich weiß nicht welche Stimmen gerade durch dein Hirn spuken, aber was du vor hast ist absolut wahnsinnig und lebensmüde."

„Wie du meinst. Hast du denn eine bessere Idee?", stöhnte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Nein, aber ich werde bestimmt nicht durch eine Wand springen!"

„Vertraust du mir?", fragte ich und griff nach seiner Hand. Überzeugt und selbstbewusst starrte ich in seine Augen und hoffte ihn somit für diese Idee begeistern zu können. Ich konnte gut verstehen warum er meine Theorie anzweifelte.

Wahrscheinlich würde ich an seiner Stelle mir auch nicht glauben können. Ich meine da erzählt eine verrückte Stadtgöre, die sich bisher nur Sorgen über ihren Kleidungsstil, ihren Status und ihr Ansehen gemacht hat, etwas, das für einen gelehrten Vampir völlig Irre klingt und verlangt wohl auch noch, dass er ihr auf Anhieb glaubt.

Ich weiß selbst nicht wo her meine Überzeugung kommt. Immerhin verlangt eine mir unbekannte Stimme, die sich in mein Unterbewusstsein eingeschleust hat, von mir, ich solle doch mit vollem Schwung durch ein Bild, mitten im Nirgendwo springen. Es klang verrückt, es war verrückt, aber es war mein einziger Ansatzpunkt.

„Dir? Ja bedingungslos, aber nicht diesem Plan oder diesem Etwas, das dich glauben lässt, es gäbe keine weitere Möglichkeit." Bedingungslos? Fast hätte ich einen Lachanfall bekommen. Also von bedingungslos konnte er wohl kaum sprechen. Er schien ja keiner Idee von mir vertrauen zu können.

„Dann nicht. Wenn du zu feige bist, dann lass es eben sein, ich jedenfalls werde springen.", sagte ich fest entschlossen und betrachtete das Bild erneut. Ich versuchte mir die Umgebung so gut es ging in Erinnerung zu rufen, ehe ich ihm die Zeichnung wieder in die Hand drückte.

„Alex was soll das? Du weißt genauso gut wie ich, dass das keine Option ist.", versuchte er misstrauisch auf mich einzureden. Ich spürte seine Unsicherheit und die Angst, die sich hinter seinen Worten verbargen. Er sah mir meine Entschlossenheit an und es machte ihm Angst, ich könnte falsch liegen.

„Alex.", rief er mir verzweifelt entgegen und zog mich zurück. Was dachte er damit bezwecken zu können? Er hatte selbst keine Alternative und mein Entschluss stand fest, da konnte selbst er mit seinem Scharm nichts dran rütteln.

„Bitte." Lächelnd schüttelte ich den Kopf und riss mich los von ihm. Schwer atmend lief ich auf das Geländer zu. Ich spürte wie ich unsicherer wurde, als ich Leandro's Blicke noch einmal kontrollierte und feststellte, dass sie immer noch auf mir lagen. Mit der flachen Hand tastete ich das Holzgeländer ab und stellte fest das es mindestens fünf Zentimeter breit war. Das bedeutete wohl, dass ich einen guten Stand haben musste.

Ich richtete meinen Kopf gerade aus und setzte den ersten Fuß auf's Geländer. Mit den Händen stützte ich mich ab und stellte auch den zweiten Fuß dort ab. In der Hocke verharrend, versuchte ich krampfhaft nicht nach unten zu blicken. Ich spannte meinen Bauch an, um das Gleichgewicht halten zu können und hievte mich schließlich in den Stand. Jegliche Erschöpfung war verschwunden und hatte sich in energiereiches Adrenalin verwandelt.

„Schau jetzt bloß nicht runter.", hallten meine leisen Worte durch die Stille. Ich lauschte nach einem Geräusch, doch bis auf mein hämmerndes Herz und den schnellen Atem hört ich nichts. Fokussiert starrte ich dem Gemälde entgegen und machte mich bereit, dass Unmögliche zu versuchen. Ich versuchte meine Herzschlag zu verlangsamen, ruhig zu werden und meine Gedanken zu sammeln. Für eine Sekunde schloss ich die Augen und rief mir die Bilder der Gänge in Erinnerung. Gähnende Lehre herrschte in meinen Gedanken und ich konzentrierte mich nur auf meine Erinnerungen. Ich verlor jegliche Zweifel, dafür war es jetzt sowieso zu spät und sprang mit Schwung vom Geländer ab. Mit den Händen zuerst raste ich auf das Gemälde zu und war kurz davor einzutauchen oder abzuprallen.




Kommentare

  • Author Portrait

    Da bin ich noch mal :) Da war sie also die ganze Zeit ein Vampir? Aber wer hat ihr Gen unterdrückt? Ob das wohl alles mit diesem Mädchen zusammen hängt? *grübel* Ob sie es nun schafft durch das Bild zu springen? Bin schon sehr gespannt und freue mich auf das nächste Kapitel. Liebe Grüße und noch einen schönen Abend :)

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media