Ein Funken Wahrheit

Ich wühlte eine Weile im Bett herum und dachte über seine Worte nach. Eigentlich hatte ich jegliche Gründe nicht einschlafen zu können, doch irgendwann überkam mich bleierne Müdigkeit und ich musste über meine Gedanken hinweg, eingeschlafen sein.

Ich schreckte erst wieder hoch, als ich ein energisches Klopfen hörte und Leandro kurz darauf vor meinem Bett stand. 

„Wir müssen los." Nickend richtete ich mich auf, rückte meine Kleidung zurecht und warf einen kurzen Blick in den Spiegel. Wie sollte der Graf Respekt vor mir haben, wenn ich wie ein Haufen Lumpen vor ihm antanzen würde? Ich wollte mich nicht lange vor dem Spiegel aufhalten, denn mein Aussehen war wohl möglich das Unwichtigste an Allem, aber etwas Stolz hatte ich trotzdem.

Ich wischte den verlaufenen Maskara, unter meinen Augen weg und knotete mir die Haare, zu etwas

annehmbaren zusammen.

Die Schrammen und die blauen Flecke konnte ich sowieso nicht überdecken, außerdem sollte er ruhig sehen, dass ich ganz schön etwas abbekommen hatte, wegen ihm. Und er sollte mich unter keinen Umständen unterschätzen und verhätscheln.

Schweigend folgte ich ihm durch den Wald, bis zum Hotel und schließlich in die erste Etage zu den Gemälden. Er kramte aus seiner Jackentasche die Zeichnung, die ich ihm vor ein paar Stunden gegeben hatte, hervor und faltete sie auseinander. Ohne auf mich Rücksicht zu nehmen, nahm er meine Hand und stellte sich selbstbewusst auf's Geländer. Seine Augen wanderten nur kurz über das Papier in seiner Hand, ehe er es wieder weg packte.

Stumm kletterte ich ihm hinterher und stellte mich schließlich neben ihn. Unsere Hände waren immer noch ineinander verschränkt, damit wir uns dieses Mal nicht verlieren würden. Unsicher schaute er mir in die Augen und musterte mich.

Ich zwang mir ein Lächeln auf, nickte ihm entgegen und zusammen sprangen wir auf das Gemälde zu. Nebeneinander glitten wir durch die stickige Luft und tauchten in die düsteren Farben ein. Ein nie zuvor dagewesenes Kribbeln machte sich in mir breit. Eiserne Luft drang mir entgegen und kühlte mein warmes Gesicht. Im Flug starrte ich zu Leandro, an dem all seine Erinnerungen vorbei zogen. Es ging so schnell, dass ich Niemanden davon erkennen konnte und mich schließlich meinen eigenen zu wand. Doch neben mir herrschte dunkle Leere. Schwärze hatte mich eingehüllt und ließ mich nach den Erinnerungen sehen.

Ich konnte mir immer noch nicht erklären, worauf sich die Erinnerungen meines letzten Fluges bezogen hatten. Immer wieder versuchte ich Antworten auf meine Fragen zu finden, doch ihre Existenz war mir ein einziges Rätsel. Konzentriert achtete ich diesmal auf meine Landung und kam unversehrt auf den Füßen auf. Leandro hingegen legte eine Bruchlandung hin und zog mich mit seinen Schwung auf sich. Für einen Moment starrten wir uns einfach in die Augen und ich könnte schwören, er dachte in diesem Moment ebenfalls über einen Kuss nach.

Sein Räuspern brachte mich zur Vernunft. So rappelte ich mich schnell auf und murmelte etwas entschuldigendes.

„Nein, es war meine Schuld, ich habe dich nach unten gezogen.", entgegnete er mir und stand auf.

Erst jetzt hatte ich Augen für unsere Umgebung, jetzt wo ich wusste das er neben mir stand.

Ich ließ meine schmalen Finger über die kalten Backsteine gleiten. Vorsichtig griff ich nach einer Fackel, damit sie uns den Weg leuchten konnte. Bis auf zwei, die neben uns leuchteten, war der Gang vor uns stockdunkel und man konnte nichts erkennen.

Leandro tat es mir gleich und griff auch nach einer Fackel. Vorsichtig wagten wir uns in die Unbekanntheit. Außer unserer Schritte, die in dem finsteren Gewölbe hallten, war es still. Ab und zu tropfte etwas Wasser, in die auf dem Boden verteilten Pfützen und hinterließ ein leises Plätschern.

Gute zehn Minuten liefen wir stillschweigend den kühlen Gang entlang, bis wir zu einer Kreuzung kamen.

„Was nun?"

Ich erinnerte mich an das Mädchen, sie war nach rechts gelaufen, also sollten wir das auch tun.

„Nach rechts."

„Wo her willst du das wissen? Ist das wieder eine deiner Vermutungen.", maulte er mich an. Ich musste schmunzeln, da ich seinen Neid spürte. Auch wenn ich mich darüber amüsierte, konnte ich es gut nachvollziehen.

„Ja es ist nur eine Vermutung, aber bisher wurden wir von ihnen noch nicht enttäuscht." Schwer atmend warf er mir einen eifersüchtigen Blick zu und bog ohne weitere Worte nach recht ab. Leise schlich ich direkt hinter ihm her und überlegte ob ich aufholen sollte. Noch bevor ich mich für etwas entscheiden konnte, stoppte er abrupt und ich lief unweigerlich in ihn hinein. Ich machte mich schon fast darauf gefasst, von ihm angeschnauzt zu werden, doch stattdessen drehte er sich einfach um und starrte mir in die Augen. Ich wand mich nur kurz von ihm ab und schaute auf eine eiserne Tür links von uns. Unter ihr drang helles Licht hervor, dass den Gang bereits etwas erleuchtet hatte. Da die Fackel nun unbrauchbar wurde und sie mir nur unnötig die Hände voll machte, hing ich sie in eine dafür vorgesehene Halterung.

„Was ist dahinter?", flüsterte ich leise, als er seine Arme um mich schwang. Ich schloss die Augen, während ich mich an seinen muskulösen Oberkörper drängte und sein leichtes Parfum einatmete.

„Ich fürchte nichts Gutes.", hauchte er mir ins Ohr und strich eine Strähne aus meinem Gesicht, die sich schon wieder selbstständig gemacht hatte. Was war das? Was war das zwischen uns? Ich hatte mir diese Umarmung gewünscht, mehr als alles andere, doch jetzt wollte ich mehr. Ich wollte ihn küssen, ich wollte mich vertragen und ich wollte vergessen.

Doch gleichzeitig hatte ich Angst davor verletzt zu werden. Wie die toten Mädchen, die ihm auch nichts bedeutet hatten.

„Es tut mir leid." Nein! Warum hatte ich das gesagt? Die Worte hatten so schnell meine Lippen verlassen, dass ich sie nicht daran hätte hindern können und jetzt war es zu spät, um etwas dagegen sagen zu können. Ein leichtes Lächeln legte sich auf sein Gesicht und brachte mich ebenfalls zum Grinsen.

„Egal was dahinter ist, wir werden dem zusammen entgegen treten, Prinzessin", flüsterte er und drückte mir kurz darauf einen Kuss auf. Hätte sich mein Verstand nicht eingeschaltet, würden wir wohl möglich immer noch dort stehen. Fast glücklich lösten sich unsere Lippen von einander und ich befreite mich aus seinen starken Armen.

„Wir müssen weiter." Bestätigend nickte er mir zu, als ich meine Finger auf die kalte Eisentür legte. Ich spürte wie mein Herz schneller zu schlagen begann und meine Atemzüge sich verdoppelten. Zögernd drückte ich die Türklinke runter und öffnete die schwere Tür. Eiserne Kälte drang mir entgegen und bereitete mir eine Gänsehaut. Mir wäre fast das Herz stehen geblieben, als ich die Säulen sah. Ich wollte schreien, doch Leandro's Hand vor meinem Mund hinderte mich daran. Mehrere hundert Säulen erstreckten sich vor uns, in denen Menschen gefangen waren. Eingefroren, wie eine Tiefkühlpizza.

„Wir müssen ihnen helfen.", kreischte ich panisch und schlug mir noch im selben Moment die Hand vor den Mund, damit ich nicht jegliche Aufmerksamkeit auf uns zog. Verzweifelt versuchte ich mich aus seinen Armen zu befreien, doch er war so stark, dass ich nicht gegen ihn ankam und mich schließlich weinend in seine Arme warf.

„Wir können ihnen nicht mehr helfen, sie sind bereits tot."

„Kannst du sie nicht wieder zurück holen?"

„Nein, dafür sind sie schon zu lange tot."

„Aber sie sehen noch gar nicht so unlebendig aus.", entgegnete ich ihm hoffnungsvoll und wandte mich dem Raum zu.

„Sie werden so gekühlt, dass das Blut nicht in den Adern gefriert, sie aber auch nicht verwesen."

„Ob meine Eltern auch hier...", ich verschluckte den Rest meines begonnenen Satzes und schritt langsam in den kühlen Raum hinein.

„Ich weiß es nicht, aber wir können, dann nichts mehr für sie tun."

„Ich muss wissen ob sie hier sind."

„Alex, er weiß bestimmt schon, dass wir hier sind, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er uns finden wird. Komm bitte.", bettelte er und lief ebenfalls in den Raum hinein, um mich von ihnen wegzuzerren.

„Nein, bitte ich muss es wissen.", protestierte ich und lief an den Säulen auf der rechten Seite entlang. Mit weit aufgerissenen Augen und schmerzverzerrten Gesichtern, standen sie still und blickten leblos an mir vorbei. Ich schrie auf, als ich die toten Mädchen erkannte. Die Mädchen von den Bildern und von denen Laureen gesprochen hatte. Sie hat es also wirklich gegeben? Sie alle? Und nun mussten sie als Blutbeutel dienen. Das war nicht fair, dass war einfach nicht fair, wie konnte man so grausam sein?

„Alex, bitte lass uns gehen.", flehte er und kam auf mich zugelaufen. Verwundert starrte ich ihn an. Sein Atem ging ungewöhnlich schnell, unruhig wippte er hin und her, während er etwas vor mir zu verstecken versuchte.

„Was ist?", fragte ich besorgt und runzelte die Stirn.

„Nichts, mir geht's gut, lass uns einfach gehen."

„Ich kann nicht ich..." Was war das in seinen Augen? Blasses Rot legte sich auf seine Iris und färbte sie gefährlich rot. Verwundert starrte ich auf seine Hände die zu zittern begannen.

„Was ist los mit dir?"

„Nichts.", schnaufte er und versuchte seine Hände vor mir zu verbergen. Ich zögerte nicht lange, ehe ich nach ihnen griff. Seine Adern verdunkelten sich und traten ungewöhnlich stark hervor.

„Wir gehen.", rief er nun fast wütend und packte mich am Arm. Kopfschüttelnd zog ich ihn weiter, zu einer Säule die meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Das Mädchen in ihr hatte die Augen geschlossen und wirkte ganz ruhig. Ein dumpfer Schrei schallte durch das Gemäuer und ließ mich zusammenzucken. Plötzlich öffnete das Mädchen die Augen und schlug ihre Hand gegen das Glas. Sie hauchte es an und schrieb in das beschlagenen Glas:

„Help." Mitfühlend legte ich meine Hand ebenfalls an die Scheibe und wollte ihr zu verstehen geben, dass ich ihr helfen würde. Doch noch im selben Moment, erfüllten mehrere hundert Schreie diesen Raum. Alle anderen in den Säulen öffneten die Augen und begannen wie wild gegen die Scheiben zu hämmern. Ich fuhr zusammen, als sich urplötzlich kalte Hände auf meine Schultern niederließen und sie mich schleunigst aus dem Raum schoben. Wir hatten gerade die Türschwelle überquert, als die Tür hinter uns, mit voller Wucht zu schlug.

„Was sollte das?", rief ich aufgebracht und starrte in Leandro's Augen, die nun schon völlig von diesem Rot besetzt waren.

„Wir haben keine Zeit sie zu retten."

„Sie leben!"

„Ich weiß, aber wir haben keine Zeit."

„Du wusstest es?"

„Ja.", brummte er und blickte verlegen auf den Boden.

„Du wusstest es und hast nichts gesagt? Du hast gesagt, sie leben nicht mehr! Wann hörst du endlich auf mich anzulügen?", schrie ich wütend und schlug ihm mehrere Male kräftig gegen die Schulter.

„Hör auf damit!" Schnell griffen seine Finger um meine Handgelenke und brachten mich zur Ruhe.

„Willst du deiner Familie oder diesen Menschen helfen?"

„Beiden!"

„Das kannst du nicht, hörst du das? Das sind seine Schritte, entscheide dich. Jetzt!", brüllte er und ließ meine Hände sinken. Fix griff ich nach der Fackel neben mir und leuchtete uns den Weg. Es war keine Frage für wen ich mich entscheiden würde. Ich war nicht selbstlos genug, um mich für einen Haufen Unbekannter entscheiden zu können und so lief ich verbittert weiter. Ich hatte gar kein Recht entscheiden zu dürfen, wer eine Chance auf Leben hatte und wer nicht. Warum hatte ich diese Macht überhaupt?

„Wir könnten diese Menschen bestimmt nicht retten. Alles was sie am Leben hält, sind diese Säulen, sie sind doch ohne schon längst nicht mehr lebensfähig.", versuchte er mich aufzumuntern und griff nach meiner Hand.

„Ist das auch eine Lüge?"

„Nein eine Vermutung, diese Mädchen sind nun schon über hundert Jahre alt, der Alterungsprozess würde innerhalb von Sekunden einsetzten und sie umbringen. Wir können diese Menschen nicht retten." Ich wusste nicht was ich darauf antworten sollte, also schwieg ich und beschleunigte meine Schritte. Es dauerte nicht lange, bis wir an eine weitere Tür kamen. Ich erkannte sie wieder. Es war die gleiche, die das Mädchen genutzt hatte. Hinter der meine komplette Familie gefesselt auf dem Boden lag.

„Hier.", sagte Leandro und stupste mich an. Stirnrunzelnd nahm ich ihm ein silbernes und spitzes Messer ab.

„Was soll ich damit?", hackte ich nach und steckte es in meine braunen Lederstiefel, die ich mir vorhin angezogen hatte.

„Wenn du die Chance hast, töte ihn."

„Also in sein Herz und fertig oder was?"

„Quatsch, was sollte das bringen? Das ist doch eh schon tot. Du musst auf eine ganz besondere Ader am Hals zielen. Sie versorgt den ganzen Körper mit frischem Blut und wenn du sie durchbrichst, wird er innerhalb von wenigen Minuten verbluten und schließlich austrocknen.

„Eine ganz besondere Ader? Habe ich Biologie studiert oder was?"

„Hier, es ist wichtig das du die Vordere triffst.", sagte er, hielt mir seinen Hals hin und fuhr mit seinen Fingern über die vordere Ader.

Verwirrend, das würde ich doch in so einer Situation eh nicht finden.

„Die Hintere also, na gut, dass sollte wohl nicht so schwer werden."

„Alex!"

„Was denn?", fragte ich abwesend, während ich meine Finger auf die kühle Türklinke legte.

„Die Vordere."

„Was?"

„Du musst die vordere Ader treffen.

„Ja ja können wir jetzt?", fragte ich aufgeregt. Ich konnte keine Sekunde länger warten, ich musste ihnen helfen.

„Warte, du solltest wissen, dass er auch ein Schattenwandler ist, dass heißt er kann sich in Jeden verwandeln. Also wenn deine Mutter vor dir steht, überlege genau, ob nicht er es ist und dich zum Narren hält."

„Was? Das sagst du mir erst jetzt? Wie soll ich das bitte anstellen?"

„Jeder von uns hat tiefe, dunkle Geheimnisse auf die er nicht zugreifen kann. Sie müssen dunkel, einprägsam und wichtig sein, nur dann kann man sie vor ihm verstecken, vielleicht..." Das Knarren der Tür unterbrach ihn. Ich konnte nicht länger zuhören, ich musste dort endlich rein. Ich konnte sie durch die dicken Wände fast atmen hören. Wie sollte ich mich dann auch auf ihn konzentrieren? Mit zittrigen Händen und rasendem Puls öffnete ich die Tür und schritt zusammen mit Leandro, in das Zimmer. Sofort schloss ich die Augen, ich hatte Angst in ihre gequälten Gesichter blicken zu müssen.

Mit einem schweren Seufzer öffnete ich sie, denn ich hatte ja schließlich keine andere Wahl und blickte direkt dem blutverschmierten Gesicht meiner Mutter entgegen. Ohne länger zu zögern stürmte ich auf sie zu und versuchte sie aus den Fesseln zu befreien.

„Erst Mia und Tom, bitte.", hauchte sie mir ganz schwach ins Ohr und schloss die Augen wieder.

„Mum!" Ohne mich länger an ihr aufzuhalten, schlich ich zu Mia und Tom, die zusammen an einen weiteren Stuhl gefesselt waren.

„Versteck dich!", schrie mir Leandro plötzlich leise zu und lief zu einem Tisch, der sich in der hinteren Ecke befand. Ein langes, edles Tischtuch war über ihn gelegt, dass fast bis zum Boden reichte. Perfekt um sich darunter zu verstecken. Ich blickte mich um, doch in diesem Raum befand sich nichts Weiteres. Unter dem Tisch war kein Platz mehr für mich, also schlüpfte ich schnell hinter die Tür und hoffte er würde sie nicht schließen wollen.

Die dumpfen Schritte wurden schneller, als würde er rennen wollen und schließlich waren sie so nah neben mir, dass ich dachte er würde mich atmen hören. Er zweifelte nicht lange, bis er die Tür wieder hinter sich schloss. Es half alles nichts, er würde mich früher oder später entdecken und damit er nicht dachte, ich hätte Angst vor ihm, sprang ich direkt vor seine Augen.

„Dad?", brachte ich fast sprachlos hervor und viel ihm in die Arme. Meine Freude hielt nicht lange an, als ich in Leandro's versteinertes Gesicht blickte, der unter dem Tischtuch hervorlugte. Ich erinnerte mich an seine Worte, die mich nun mehr und mehr verunsicherten. Was wenn er Recht hatte? Wenn der Mann, den ich gerade in Armen hielt, gar nicht mein Vater war, sondern der Graf, vor dem ich mich fürchten sollte.

Wenn er gewusst hatte, dass wir zusammen kommen würden, dann war es logisch, dass er sich mich aussuchte. Mich schätzte er als die Schwächere und Unwissendere ein. Und wahrscheinlich hatte er damit sogar recht. Egal wie viel Mut ich mir zusprechen würde, mein Herz könnte sich niemals beruhigen und meine schüchterne Stimme würde sich ebenfalls nicht in etwas selbstbewusstes verwandeln.

Vorsichtig schritt ich zurück und versuchte unbemerkt einen Sicherheitsabstand zwischen uns herzustellen.

„Wie habt ihr uns gefunden?", fragte er erleichtert und gab mir einen Kuss auf die Wange. Ihr? Woher wusste er, dass sich Leandro auch in diesem Raum befand?

Das durfte er doch gar nicht wissen. Wenn das mein Dad war, hätte er nur Augen für den Rest von uns und Leandro, wäre ihm niemals aufgefallen. Zögernd kam er unter dem Tisch hervor gekrabbelt und stellte sich neben uns. Leandro's misstrauische Blicke und das ungewöhnliche Verhalten meines Vaters machten mich stutzig. Meine Gedanken überschlugen sich und wurde immer verrückter. Wie sollte ich bei diesem Wirrwarr eine Entscheidung treffen?

„Du fragst dich, woher ich von ihm wusste, stimmst?" Unsicher nickte ich. Die zweifelnden Stirnessfalten wurde ich trotzdem nicht los und auch meine hochgezogenen Augenbrauen, hatten keine Lust sich wieder in ihre richtige Position zu begeben.

„Ich habe euch reden hören, außerdem habe ich gesehen, wie ihr aus dem ersten Zimmer geflohen seid."

„Und warum haben Sie uns dann nicht angesprochen?", mischte sich Leandro ein, der ihm immer noch kein Wort glauben konnte. Zugegebener Maßen, war das auch eine berechtigte Frage.

„Ich habe den Grafen versucht von euch wegzulenken. Alexandra, vertrau mir ich bin dein Vater und niemand anderes.", flüsterte er mir ins Ohr und starrte mir durchdringend in die Augen. Vertrauenswürdig funkelten sie mich an und ich konnte mir kaum vorstellen, dass das nicht mein Vater war. Hätte er meinen Namen nicht so eigenartig ausgesprochen. Er tat, als wäre er etwas besonderes, etwas magisches. Ich versuchte meine Gedanken bei mir zu halten und spielte vorerst mir.

„Wo ist er jetzt?"

„Wer?", fragte er vorsichtig und lief auf Mum zu, die bereits völlig erschöpft den Kopf an den Tischbeinen anlehnte und das Geschehen verfolgte.

„Na der Graf."

„Ich weiß es nicht, ich habe ihn unterwegs verloren, aber er ist bestimmt auf direkten Weg hierher, also lasst uns schnell verschwinden." Nickend lief auch Leandro auf Mum zu und wollte sie befreien. Ich war immer noch nicht komplett davon überzeugt, dass dieser Mann mein Vater war.

Dann aber kam mir ein Geistesblitz. Meine müden Blicke vielen auf seinen fehlenden Ehering. Das war etwas dunkles, bedeutungsvolles und einprägsames. Ich wusste zu was der Graf im Stande war, er hätte also keine Probleme, die Gedanken meiner Mutter, oder meiner Geschwister zu lesen. Umso besser war es, dass sie nicht die wahre Geschichte kannten. Das war die Chance, Lügen und Geheimnisse aufzudecken.

„Alex warum zögerst du?", rief mir Mum zu und machte eine Kopfbewegung zu meinen Geschwistern hin.

„Na gut Dad, eine Frage habe ich noch an dich und du musst mir versprechen voll und ganz ehrlich zu sein.", begann ich und blickte ihm direkt in die Augen. Wenn das der Graf war, sollte er sehen, dass ich keine Angst vor ihm hatte. Angst davor meine Geheimnisse vor ihm preiszugeben. Wenn ich mich nur genug anstrengen würde, alles vor ihm zu verbergen, mich auf etwas anderes konzentrieren würde, vielleicht hätte ich dann eine Chance, ihm die Wahrheit zu verschweigen und ihm Lügen aufzutischen.

Ich wusste nicht woher dieses Selbstbewusstsein kam, dass gerade in mir aufging, aber es kam mir nur gelegen. Ich nutzte es gnadenlos aus. Richtete mich auf, starrte ihm mit den ehrlichsten Augen an, die hatte und strich mir die Strähne aus dem Gesicht, die schon wieder in meinem Gesicht herum baumelte.

„Wo ist dein Ehering?"

„Ich muss ihm wohl beim Schwimmen verloren haben." „Er muss ihn beim schwimmen verloren haben." „Er hat ihm beim Schwimmen verloren." Immer wider betete ich mir diesen Satz im Kopf vor, so lange, bis ich mir selbst glaubte.

„Also?", fragte ich meiner Überzeugung sicher und grinste ihm fast schadenfroh entgegen.  



Kommentare

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    Hallo :) Ein gruseliger Anblick mit den Menschen. Aber nun haben sie ihre Eltern gefunden. Ob es aber wirklich ihr Vater ist? Bin schon gespannt, und wieder ein spannendes Kapitel :) Liebe Grüße^^

beta
Feenstaub

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