Ein Funken Wahrheit

Ich tauchte in kaltes Wasser ein, tauchte so tief bis ich den Sand zwischen den Fingern zu spüren bekam und schwamm schließlich wieder an die Oberfläche. Weißer Nebel legte sich auf das ruhige Gewässer und verhüllte die Sicht vor mir. Fast magisch angezogen von dem Ort vor mir, schwamm ich auf die dichten Nebelschwaden zu. Anfangs glitt ich nur langsam durch das kühle Wasser, doch dann wurde ich immer schneller und neugieriger, welcher mysteriöse Ort sich vor mir zu verstecken versuchte. Kaum erkennbar offenbarte sich die Insel vor meinen Augen.

Ein letztes Mal tauchte ich unter die Wasseroberfläche, ehe ich das feuchte Nass, verließ. Mit triefenden Sachen stieg ich aus dem, vom Sonnenaufgang glitzernden Wasser und wrang meine Haare über dem Boden aus.

Ein leichter Luftzug strich über meine Haare hinweg, der mich wundern ließ, warum ich in keinster Weise fror. Ich widmete meine Aufmerksamkeit nicht lange dieser Frage. Stattdessen trugen mich meine Beine, durch den Wald, am Ufer entlang. Die großen Tannen neben mir spiegelten sich auf dem funkelnden Wasser wieder und ein paar kleine Fische, sprangen an der Wasseroberfläche herum.

Eine Weile spürte ich die stumpfen Wurzeln unter meinen nackten Füßen, bis ich plötzlich auf ebenen Boden traf. Eine kleine Holzterrasse lag vor mir, auf der ein beschfarbenes Häuschen stand. Die Fenster waren mit dünner Rinde umrandet und auf dem Dach stand ein goldener Hahn, der die Himmelsrichtungen anzeigte.

Ich wagte mich gerade auf die letzte Stufe zur Terrasse, da huschte aus einen der Bäume neben mir, ein kleiner, schwarzhaariger Junge und sprang mit weit aufgerissenen, grünen Augen vor mich. Um sich blickend, legte er seinen Zeigefinger auf die Lippen und duckte sich, um nicht gesehen zu werden. Ohne es zu hinterfragen, tat ich es ihm gleich und hockte schließlich mit ihm auf dem Holzboden. Als wolle er mich vor etwas Schlimmen bewahren, winkte er mich in den Wald hinein, doch ich wollte nicht hören. Interessiert folgte ich seinen beunruhigen Blicken in eine kleine Häusersiedlung rein.

Plötzlich schreckten wir Beide zusammen, als ein lautes Hämmern am Fenster zu hören war. Die verdunkelten Scheiben ließen nicht zu, dass wir die Person dahinter erkannten. Das Hämmern wurde lauter und energischer und mit ihm nahm die Nervosität des kleinen Jungen, vor mir, zu. Dumpfe Schritte hallten auf dem Parkett und noch im selben Augenblick schlug Jemand die hölzerne Tür mit so ein einer Wucht auf, dass ich die Augen vor Schreck schloss und plötzlich kerzengerade in meinem Bett, neben Leandro, saß. Herz rasend blickte ich durch das schummrige Zimmer, wobei meine Blicke auf meinen Schlafgenossen viel. Tief und fest schlief er neben mir und ließ sich auch durch das ewige Hämmern an der neben Wand nicht stören.

Da ich viel zu wach war, um jetzt einschlafen zu können, befreite ich mich aus der Decke und stand hellwach auf. Zaghaft gähnte ich und tapste leise durch das Zimmer. Ich versuchte verzweifelt mein sicherlich, immer noch, verweintes Gesicht, von den Schlaffalten zu befreien. Gedankenversunken wanderten meine Blicke durch das Zimmer, wobei mir auffiel, dass kein einziges Fenster dieses Zimmer schmückte. Das es hier vor lauter stickiger Luft nicht müffelte, war ein wirkliches Wunder.

Die Bilder wollten nicht aus meinem Kopf verschwinden. Es hatte sich so real angefühlt, nicht wie ein Traum. Als wäre ich mit meinen nackten Füßen wirklich über den matschigen Boden gewandert, mit den Wurzeln, die meine sensiblen Füße aufgeschlitzt hätten.

Ich erinnerte mich daran schon einmal einen ähnlichen Traum gehabt zu haben, aber dieser kam mir so ungewöhnlich real vor.

Unentschlossen näherte ich mich dem Tisch, auf dem eine Haarbürste lag. Wie selbstverständlich nahm ich sie und schritt zum einzigen Spiegel hier im Raum. Gerade als ich sie durch meine Haare streifen wollte, schrie ich erschrocken auf. Da wo einst mein zerzaustes Spiegelbild zu sehen sein sollte, war nur der Raum. Nichts als der Raum und ein leeres Bett?

Hohe Töne verließen meine rauen Lippen und ergaben in dem geräumigen Zimmer ein leises Echo.

Erschrocken riss Leandro die Augen auf und blickte mir mit offenem Mund entgegen. Ohne zu zögern sprang er aus dem Bett und kam auf mich zu getaumelt. Mit seinen plötzlichen Bewegungen hatte sein Körper wohl nicht gerechnet, sodass ihm schwarz vor Augen wurde und er sich gerade so an der Bettkante abstützen konnte, um nicht um zu kippen.

Nachdem er eine Weile in dieser Position verharrt war, kam er vorsichtig auf mich zu geschlichen und musterte mich mit hochgezogener Augenbraue.

„Was zur Hölle ist los?"

„Es ist weg, einfach verschwunden... wie?"

„Was ist verschwunden?"

„Na das da!", rief ich immer noch verwirrt, von dem was hier passierte und zeigte auf den Spiegel vor mir.

„Wirklich?", stöhnte er mit verschränkten Armen auf und setzte sich wieder auf das Bett.

„Wie wirklich?"

„Das ist doch wohl kein Grund, um hier in Herrgottsfrühe, wie eine Verrückt gewordene herumzuschreien."

„Ähm, doch das ist genau ein Grund dafür."

„Mein Gott, deine Sorgen will ich haben.", schnaufte er verächtlich und warf sich wieder aufs Bett.

„Oh gerne, ich will sie nicht. Sag mal kannst du mir erklären wie ich mich je wieder schminken soll?"

„Du siehst auch ohne Schminke bezaubernd aus."

„Vielen Dank und wie soll ich jetzt zur Schule gehen?"

„Was?"

„Wenn ich dort ohne Schminke auftauche, kann ich mir genauso gut die Kugel geben!"

„Das ist genau der Grund warum ich Menschen nicht leiden kann, oberflächliche, grausame Biester!"

„Na na, pass auf was du sagst. Deine sogenannte Freundin, hat menschliche Eltern und hat sich viele Jahre lang selbst wie einer gefühlt.", lachte ich und warf mich neben ihn auf's Bett.

„Aber jetzt mal ehrlich, bin ich etwa gezwungen den Rest meines untoten Leben's ohne Make Up zu verbringen?"

„Ja das ist wohl deine einzige Option. Es gibt eben auch viele schlechte Seiten ein Vampir zu sein."

„Schlechte? Na das ist ja mal was ganz Neues.", brummte ich und schmiegte mich enger an ihn.

„Und was steht für heute an? Oder kann ich endlich nach Hause gehen?"

„Willst du nach Hause?"

„Ja natürlich, ich will keine Minuten länger in diesem Loch bleiben, nicht länger als unbedingt nötig."

„Willst du denn alleine oder..." Ich musste schmunzeln, war das gerade ein unauffälliger Versuch, mich zu fragen ob er mit kommen durfte? Wenn das der Grund für seine schüchterne Art war, muss ich meine Annahme über seine Gefühlslosigkeit, wohl noch einmal überdenken.

„Mit wem sollte ich denn noch nach Hause fahren?" Seine leichten, schüchternen Gesichtszüge wurden deutlicher und ich überlegte, ob er gerade versuchte sich, zu überhaupt irgendwelchen Worten durch ringen zu können.

„Na mit mir."

„Willst du denn mitkommen? Ich meine ich würde mich natürlich freuen."

„Wirklich?", fragte er stirnrunzelnd und richtete sich, verblüfft von meiner Antwort, wieder auf.„Natürlich, wie soll ich denn auch ohne dich dort zurecht kommen? Du bist schließlich ein wandelndes Buch, was diese ganze verrückte Welt zumindest angeht." Damit ich mich nicht weiter mit der kahlen Decke unterhielt, richtete ich mich ebenfalls auf und blickte direkt in seine Augen, um sicher gehen zu können, dass er mir überhaupt noch folgte.

„Also wenn das so ist komme ich natürlich mit. Ich kann dich ja schließlich nicht deinem Schicksal überlassen."

„Wie zuvorkommend, aber willst du hier wirklich alles zurücklassen? Hast du dir das wirklich gut überlegt?"

„Natürlich, ich habe über nichts anderes nachgedacht."

„Nun gut, dann müssen wir das nur noch meiner Mutter beibringen.

„Keine Sorge, ich habe sie gestern bereits alles vergessen lassen. Den Rest bringe ich ihr auch noch bei." Nickend erhob ich mich aus dem warmen Bett und warf mir meine blaue Strickjacke über, da es hier unten in der Erde wohl doch etwas kühler war.

„Und wann willst du los? Können wir heute schon fahren oder brauchst du noch Zeit, um dich zu verabschieden?" Mit einem Seufzer erhob auch er sich aus dem Bett und kam auf mich zu stolziert. Er griff tief in seine Hosentasche und zauberte daraus das verschollene Amulett der Werwölfe. Grinsend hielt er es vor meine Nase und ließ es dort durch die Gegend baumeln.

„Was ist damit?"

„Ich würde es gerne den eigentlichen Besitzern zurück geben. Ich habe gestern noch ein Treffen mit dem zukünftigen Leitwolf arrangiert. Wir sollen sie um zwölf an der alten Tanne treffen... außerdem steht die Beerdigung meines Vaters noch aus, die wäre dann Mittwoch." Beerdigung, das war überhaupt das Stichwort. Was war mit meinem Vater, würde sich überhaupt Jemand um ihn scheren? Würde ihn jemals, Jemand unter die Erde bringen? Oder würde er einfach im Wald vergammeln?

„Um zwölf? Wie spät ist es denn?" Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr genügte, bis er sich auf den Weg machte und mich zu sich winkte.

„Um elf, wir sollten nicht trödeln. Sie kann es gar nicht leiden, wenn man sich verspätet. Willst du noch schnell etwas essen?" Zögernd verließ ich das Zimmer und schloss, mit dem uns zugeteilten Schlüssel, den Raum zu. Ein unglaublich leckerer Geruch stieg mir in die Nase und brachte mich dazu, gar nicht erst nein sagen zu können. Verwirrt starrte er auf meine Füße.

„Was ist?"

„Willst du dir keine Schuhe anziehen?"

„Was?"

„Deine Füße?" Verwundert starrte ich meinen nackten Zehen entgegen. Mir war gestern Abend alles herzlich egal gewesen, sodass ich mir selbst nicht mal die Mühe gemacht hatte, meine Schuhe auszuziehen. Aber wo waren sie jetzt?

„Alex?"

„Ja warte." Ich schloss unser Zimmer wieder auf und suchte dort nach ihnen. Ich wurde immer hektischer, als ich Leandro sah, der ungeduldig im Türrahmen wartete und nervös auf seine Armbanduhr starrte. Endlich fand ich sie unter dem Bett. In ihnen steckten noch meine weißen Socken, die ich kurzerhand über meine Füße zog. Ich verzog das Gesicht, als meine Fußsohlen zu brennen begannen und ich verständnislos meine Socken wieder auszog und meine Fußsohle begutachtete. Unzählige Schnitte zogen sich über die empfindliche Haut. Wie zur Hölle? Ich musste wirklich dort gewesen sein! Es war kein Traum, ich musste diese Nacht wirklich dort gewesen sein, aber wie...

„Alex trödle nicht und komm endlich!", riss er mich aus den Gedanken und begann unruhig auf der stelle zu tänzeln.

„Ja ja.", entgegnete ich nur schnippisch und zog mir Socken und Schuhe an.

„Willst du jetzt was essen oder nicht?"

„Ja."

„Dann schwing die Hufe!" In schnellen Schritten führte er uns zur nächst gelegenen Küche. Ich versuchte das Brennen meiner Fußsohlen zu ignorieren und mich auf das Wichtigste zu konzentrieren.

Unterwegs trafen wir auf Laureen, die den Tränen nah auf dem Boden herum schrubbte und sich nicht einmal die Mühe machte, auch nur ein abwertendes Wort herauszubringen. Den Blickkontakt mied sie gekonnt und versuchte alles dafür zu tun, um kein Wort mit uns wechseln zu können. Auch wenn ich sie verachtete, kam es mir nicht in den Sinn ihren sensiblen Moment, für gehässige Worte auszunutzen. Ich kann mir selbst nicht erklären woher dieses Mitgefühl kam. Vielleicht wollte ich mir einreden, dass der Tod meines Vater mich ja nicht aus der Bahn werfen sollte. Das es Leute mit wesentlich schwierigeren Problemen gab. Doch natürlich war das völliger Schwachsinn, ich könnte mir kaum etwas schrecklicheres vorstellen.

„Mum?", platzte es aus mir heraus, als ich sie in der Küche am Tisch gemütlich sitzen sah, während sie genüsslich eine selbstgebackene Waffel von Melonie verspeiste. Am liebsten wäre ich gleich wieder umgekehrt. Wie sollte ich ihr auch nur eine Minute länger in die Augen sehen? Ihre Unbeschwertheit über mich ergehen lassen ohne die Tränen fließen zu lassen? Ich spürte wie meine Kehle immer enger wurde und ich schon bald das Gefühl bekam, nach Luft ringen zu müssen.

„Setzt euch doch zu uns.", trällerte sie mit vollem Mund, während sie auf den Stuhl neben meinem Bruder zeigte. Ich versuchte Rat bei Leandro zu suchen, doch der war schon auf halben Weg zu den Stühlen und wies mir lächelnd den Stuhl neben meinem Bruder zu.

Die Augen nach unten gerichtet, lief ich zu ihm hin und setzte mich schließlich neben Tomi. Pfeifend warf mir Melonie noch eine dampfende Waffel auf den Teller.

„Also wie sieht die Planung aus?", meldete sich Tomi zu Wort, während er das nächste Stück Waffel in den Mund schob. Ich räusperte mich kurz, ehe ich das Wort ergriff:

„Wir gehen ans Meer und besuchen am Mittwoch die Beerdigung seines Vaters." Zögerlich riss ich das erste Stück meiner Waffel ab und schob es mir kurz darauf in den Mund.

„Bis wann wollt ihr denn bleiben?"

„Ich denke bis Mittwoch oder?" Prüfend schaute ich zu Leandro der ebenfalls mit seinem noch heißen Essen kämpfte.

„Heute ist Dienstag. Wir könnten gegen Abend aufbrechen."

„Das klingt gut. Wir sehen uns heute Abend oder spätestens auf der Beerdigung. Bis dahin wird uns Melonie noch etwas herum führen.", verkündete Mum, während sie Mia aus dem Kindersitz befreite und mit ihr auf dem Arm an der Hand in die Richtung lief, aus der wir gekommen waren. Melonie wusch sich nur kurz die Hände, dann lief sie mit Tom zusammen meiner Mutter hinterher.

Nachdem sie verschwunden waren, kullerten die ersten Tränen meine Wangen hinunter. Die Tränen, die ich krampfhaft vor meiner Mutter verstecken wollte. Konzentriert wandte ich mich meinem Essen zu und hoffte er würde es nicht bemerken.

Mein Hunger hatte sich bereits nach den ersten Bissen verabschiedet und nun lag die angeknabberte Waffel am Rand meines Tellers, den ich unauffällig wieder von mir weg schob.

„Du musst das nicht heimlich tun. Melonie wird's verkraften, wenn du ihre Waffel nicht aufisst." Nickend drehte ich mich weg von ihm und versuchte die kullernen Tränen weg zu wischen.

„Können wir?"

„Ja gib mir nur einen Moment." Scher atmend wischte ich die Tränen weg und strich mir kurz durchs Haar, dann drehte ich mich wieder zu ihm und stand schließlich von meinem Platz auf.

„Ach Alex, ich..."

„Schon gut, lass uns einfach gehen."

„Wirklich?"

„Du kannst es eh nicht ändern, nichts. Es sei denn du hast einen besonderen Tipp, wie ich meine Tränen verbergen kann?", fragte ich, während ich nach seiner Hand griff und wir weiter liefen.

„Vielleicht, nach her im Wald. Nun lass uns erst mal dieses blöde Amulett loswerden."

Zusammen kamen wir an einen Fahrstuhl, der uns wieder an die Oberfläche befördern sollte.

„Ich will mich ja nicht beschweren, aber warum konnten wir den nicht nehmen, als wir nach unten mussten?"

„Weil ich wollte das wir sportlich bleiben?" Ein hohes Piepen ertönte und noch im selben Moment öffneten sich die Türen des Fahrstuhls. Zusammen stiegen wir ein und fuhren in die oberste Etage.

„Wirklich?", fragte ich mit hochgezogener Augenbraue und stöhnte genervt auf. War das wirklich wieder eine seiner Adrenalin Aktionen? Wenn ja, bringe ich ihn um! Ich will mich schließlich nicht umsonst da runter gequält haben.

„Nein ich mache nur Spaß, dieser Fahrstuhl öffnet seine Türen nur, wenn man von unten kommt. Das heißt er kann nur Passagiere von unten nach oben befördern, nicht anders herum."

„Dein Glück."

Oben angekommen trafen wir auf die einsame Tür, mit derer Hilfe wir in den Wald gelangt waren. Ich wollte sie gerade öffnen, da zog er mich an der Schulter zurück und zauberte aus seiner Jackentasche ein Amulett.

„Hier, ich will das du es trägst."

„Was? Niemals, ich mach es nur kaputt."

„Quatsch, das kann man nicht so schnell zerstören."

„Aber dann hast du keins und du brauchst es vielleicht dringender."

„Mach dir mal um mich keine Sorgen und jetzt komm her." Kurz ließ er sein Amulett unter dem Shirt aufblitzen, ehe er mich drehte und mir das Andere um den Hals band.

„Die sehen doch alle gleich aus, wie kannst du die überhaupt unterscheiden?"

„Das ist nicht schwer. Jede übernatürliche Gruppe hat eine andere Farbe." Erneut holte er den Klunker unter seinem Oberteil hervor und hielt ihn mir unter die Augen. Sein Zeigefinger tippte unruhig auf eine kleine Spitze am unteren Ende des Amuletts, die mir vorher gar nicht aufgefallen war. An ihr hing ein kleiner Kristall, der eine rot, schimmernde Farbe hatte.

„Tja und dieses Ding, hat je nach Wesensart eine andere Farbe." Kurz widmete ich meine Aufmerksamkeit dem kostbaren Ding um meinen Hals, ehe ich es ebenfalls unter mein Oberteil steckte. Ein letztes Mal checkte er die Zeit und machte sich schließlich mit mir an der Hand auf den weg.

Gemächlich liefen wir über den matschigen Boden zur großen Eiche hin. Ich wusste selbst nicht wo sie sich befinden sollte, aber er würde uns schon dort hinführen. Kleine Zweige brachen unter unseren schweren Schritten und hinterließen ein vertrautes, knackendes Geräusch. Ich starrte in den wolkenverhangenen Himmel und versuchte mir vorzustellen, wie es hier aussah, wenn die Sonne den Wald in ihr Licht hüllte.

Feine Regentropfen ließen sich allmählich auf meinem Gesicht nieder, während der kalte Wind die Blätter zum Rascheln und die Baumkronen zum quietschen brachte.

„Warum hasst du Melonie nicht beide Amulette übergeben?", fragte ich in die Stille hinein, als mir das ewige Schweigen und zu Boden starren, zu langweilig wurde.

„Weil das Zweite nicht für Melonie gewesen wäre."

„Sondern?"

„Für ihre Schwester."

„Laureen? Nicht wirklich?"

„Doch leider schon. Melonie ist die Ältere und steht daher bei ihnen an erster Stelle, doch vertretend, ist leider Laureen an der Reihe."

„Du willst mir doch gerade wohl nicht erklären, dass dieses Miststück dort überhaupt was zu sagen hat?" Schulterzuckend drehte er sich kurz zu mir, ehe erneut stur zu Boden starrte.

Na super, kein Wunde das Laureen versucht hatte ihre Schwester davon zu überzeugen, wir wären keine guten Gäste. Wie konnte so Jemand überhaupt etwas zu Sagen haben? Warum ausgerechnet sie? Unruhig begann er in seiner Hosentasche zu kramen.

„Was ist?"

„Ich suche gerade... ach da ist es ja.", murmelte er, während seine Finger das Amulett umklammerten und es in die Höhe hielten.

„Und das Andere?"

„Was ist damit?"

„Hast du es bei?" Nickend blieb er stehen und musterte mich mit hochgezogener Augenbraue. Ein Griff in seine Tasche genügte und er hielt auch das Andere, glitzernde Amulett in den Händen.

„Du wirst es ihnen auch geben oder?", fragte ich vorsichtig und blieb neben ihm stehen. Erwartungsvoll verschränkte ich die Arme vor der Brust und legte den Kopf schief. Meine Augen wurden größer und ich versuchte seine schweifenden Blicke zu fangen.

„Warum sollte ich?"

„Was ist das für eine Frage? Es gehört schließlich ihnen."

„Ja und? Wir befinden uns seid Ewigkeiten im Krieg, glaubst du etwa sie werden deswegen zurückziehen? Ganz bestimmt nicht! Sie hassen und verachten uns."

„Nun gut das wird bestimmt nicht einfach so passiert, aber das ist jetzt nicht relevant. Vielleicht können sie auch einfach so Frieden schließen? Wenn du ihnen ohne Forderungen alles zurück gibst?"

„Na klar, einfach so? In welcher Welt lebst du eigentlich? Dann habe ich nicht einmal mehr etwas für Verhandlungen, wirklich toller Plan."

„Vielleicht brauchst du es dann nicht mehr?" Er lachte kurz auf, ehe er sich wieder auf den Weg machte. Während ich versuchte, seinen Lacher zu ignorieren, setzte auch ich mich in Bewegung und folgte ihn über einen großen Berg.

„Du kannst es ja versuchen, vielleicht lassen sie sich darauf ein."

„Du lässt nicht locker oder?"

„Nein und du wirst es ihnen trotzdem nicht geben oder?"

„Richtig."

„Leandro bitte, wir sind hier sowieso bald weg, dann versuch doch wenigstens so zu tun, als würde dir der Frieden untereinander am Herzen liegen.", rief ich hinter ihm her, als er immer schneller zu laufen begann. Ich ließ einen großen Abstand zwischen uns gar nicht erst zu und sprintete schnell hinter ihm her.

„Dann gib es mir.", forderte ich, während ich ihn an der Schulter zurück zog und stehen blieb. Die eine Hand in die Hüfte gestemmt, die andere ausgestreckt, stand ich vor ihm und musterte ihn auffordernd.

„Na gut.", brummte er und legte es mir widerwillig in die hole Handfläche.

„Ich warne dich, liegt es auch nur für den Bruchteil einer Sekunde auf dem Boden, hattest du es mal und jetzt benimm dich gefälligst!", flüsterte er und steuerte zielstrebig ein junges Mädchen an, das lässig an einer großen Tanne lehnte. Verwundert starrte ich den Baum an, ein riesiger Riss führte von den ersten Verästelung, bis zum Baumstamm runter.

„Na endlich, ihr seid zwei Minuten zu spät.", schrie sie uns entgegen und stellte sich aufrecht. Unsicher lief ich hinter Leandro auf sie zu und musterte sie genau. Schwarze, mittellange Haare lagen unsortiert auf ihren Schultern und wurden ab und zu von ein paar, vereinzelten, blauen Strähnen geschmückt.

Ihr knallroter Lippenstift trat mir zuerst in die Augen, mit dem sie sich wohl möglich, älter machen wollte. Auch der dunkle Lidschatten, bewirkte, dass ihr noch junges Gesicht, reifer und eindrucksvoller wirkte. Bei ihrer doch kleinen Größe, hatte sie es vielleicht auch nötig, sich so auffällig zu schminken. Nachdem ich sie eine Weile betrachtet hatte und als ungefährlich eingestuft hatte, war ich bereit, mich für ihren Vorwurf zu rechtfertigen. Doch noch bevor ich das erste Wort aussprechen konnte, kam mir Leandro zuvor und stieß mir etwas zu heftig in die Seite, sodass ich mir ein leises: „Aua", nicht verkneifen konnte.

„Nathalie.", lachte sie und kam mit großen Schritten auf mich zu. Einen Moment zögerte sie, ehe sie mir die Hand reichte und sich vor mir verbeugte. Verwirrt von dieser Förmlichkeit machte ich es einfach nach und antwortete nur knapp:

„Alexandra."

„Ich weiß, dein Name hat sich hier schnell rumgesprochen."

„Mein Name? Oder meine Taten?"

„Du bist anspruchsvoll, gefällt mir."

„Nathalie, ich will nicht lange um den heißen Brei herum reden. Ich habe was ihr wollte und will dafür natürlich auch etwas." Lächelnd kam sie auf ihn zu stolziert, blickte tief in seine Augen und legte ihre Hand sachte auf seine Schulter.

„Das dachte ich fast. Wann hast du uns das letzte Mal etwas ohne Gegenleistung gegeben?"

„Nathalie bitte."

„Ach? Ich verstehe, du und sie?", fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen und bewegte ihren Zeigefinger zwischen uns hin und her.

„Ja, kommen wir nun zum Geschäftlichen?"

„Süß."

„Nathalie, ich will mich hier nicht ewig aufhalten."

„Natürlich, was willst und hast du?" Grinsend ließ er das Amulett unter ihrer Nase baumeln, doch gerade als sie nach ihm greifen konnte, zog er es wieder zurück und schüttelte belustigt den Kopf.

„Na na, nicht so schnell."

„Leandro was willst du?"

„Frieden."

„Ah, dass ich nicht lache. Das gab es seid einem Jahrhundert nicht mehr. Du träumst wohl, ein Amulett wird uns nicht vergessen lassen."

„Vielleicht nicht eins, aber wie wäre es mit Zweien?", mischte ich mich mit erhobenen Schultern ein und ließ es knapp vor ihren Augen aufblitzen.

„Wie?"

„Oh Gott, das ist nicht dein ernst. Ich dachte du wüsstest was wir getan hätten, ist das echt an euch vorbeigegangen?"

„Was?"

„Sein Tod. Wir haben ihn umgebracht, was dachtest du denn? Wie sollten wir auch sonst an eure Amulette kommen?", ergriff nun Leandro das Wort und entfernte sich ein paar Schritte von ihr.

„Nun gut. Dann könnte man wirklich über den Frieden verhandeln. Die Zwei und wir lassen euren Stamm in Ruhe, vorausgesetzt, ihr tut das Gleiche mit uns.", schlug sie augenzwinkernd zu und reichte ihm die Hand.

„Sie ist Zeugin, dass du eingewilligt hast.", sagte Leandro ernst und zeigte mit zusammengekniffenen Augen auf mich. Sie? Hallo? Ich habe einen Namen! Eigentlich hätte ich mich beschwert, aber ich wollte sie in ihren politischen Verhandlungen natürlich nicht stören, ich sollte mich schließlich benehmen.

„Ja ja, her mit den Amuletten." Erst überreichte Leandro ihr, dass das er die ganze Zeit fest umklammert hatte und dann war ich an der Reihe. Möglichst sicher trat ich ihr unter die Augen und versuchte diesen sandfarbenen Augen stand zu halten.

„Hier, wehe ihr haltet euch nicht dran.", zischte ich ihr entgegen und legte es schließlich in ihre breite Handfläche.

„Keine Sorge.", knurrte sie schmunzelnd und nahm es entgegen. Keine Minute verging, da war sie auch schon wieder verschwunden.

„Meinst du sie hält sich dran?"

„Keine Ahnung, du wolltest ihr schließlich gleich Alles zur Verfügung stellen."

„Ich dachte nur..." Ich verstummte und begann mich auf den Rückweg zu machen.

„Jetzt ist es sowieso zu spät. Ich sollte mich wohl in Vertrauen üben."

„Ja vielleicht, vielleicht sollten wir das alle."

„Was willst du lernen?", fragte er plötzlich ganz entschlossen und begann grinsend neben mir her zu hüpfen.

„Was? Keine Ahnung. Ehrlich gesagt habe ich keine Lust mich jetzt überhaupt auf etwas zu konzentrieren."

„Ach komm, du hast die besten Voraussetzungen dafür."

„Wie bitte? Die Besten? Mein Vater ist tot und wir werden ihn nicht einmal beerdigen können.", blaffte ich ihn empört an und kickte einen Kienapfel über das nasse Moos.

„Du bist wütend, das ist perfekt. Damit kannst du die besten Lernerfolge erzielen.", schwärmte er, den Kopf dem Himmel entgegen gestreckt, als wären meine Gefühle etwas Tolles.

„Lass mal sein, ich habe keine Lust. Außerdem weißt du doch nicht mal, ob es überhaupt funktioniert. Immerhin habe ich bis jetzt noch keinen Tropfen Blut getrunken."

„Na und? Deine Kräfte hast du trotzdem und das mit dem Blut versuchen wir einfach noch ein bisschen vor uns her zu schieben, denn das wird nicht besonders lustig."

„Klasse."

„Prinzessin gib dir einen Ruck. Die Magie lebt praktisch von Gefühlen und zu den Stärksten gehören nun mal Eifersucht und Wut."

„Wenn du mich danach endlich in Ruhe lässt.", stimmte ich nörgelnd zu und blieb stehen.

„So und mit was fangen wir an?"

„Keine Ahnung, du bist doch hier der Profi."

„Nun gut."

Grinsend wich er ein paar Schritte zurück, zog zwei kleine Messer aus seiner hinteren Hosentasche und legte sie ordentlich auf den Boden. Ein letztes Mal prüfte er den Sicherheitsabstand zwischen uns und warf mir schließlich drohende Blicke zu. Augen rollend atmete ich schwer aus und nickte ihm schließlich mit verschränkten Armen zu. Ohne ein weiteres Wort, nahm er seine linke Hand aus der Hosentasche und streckte sie dem äußeren Messer entgegen. Die scharfe Klinge spiegelte die Baumkronen über uns wieder und funkelte ganz eigenartig im finsteren Nebel. Ich drückte meine Jacke etwas näher an mich heran, da ich plötzlich zu frieren begann. Um uns herum wurde es stürmisch und die Bäume begannen sich schwer im heulenden Wind zu wiegen. Die vereinzelten Regentropfen wurden häufiger und trugen zu meinem Wohlbefinden nicht gerade bei.

Mit ziemlich lockeren Gesichtszügen, verkrampften sich seine schmalen Finger und brachten das Messer plötzlich zum Schweben.

Ich staunte nicht schlecht, als sich das Messer immer weiter den Weg nach oben bahnte und schließlich gefährlich nah, vor seinem Gesicht herum tanzte. Einen Moment ließ er es vor seinen Augen schweben, ehe er eine kurze Handbewegung machte und es geradewegs in dem Baum mir gegenüber feuerte. Für seinen Erfolg wollte er natürlich Anerkennung, also warf er mir ein verschmitztes Lächeln zu und trat von dem einen Messer auf dem Boden zurück, um mir die Gelegenheit zu geben. Zögernd raffte ich mich dazu auf, an die spitze Klinge heran zu treten und mein Glück zu versuchen. Lustlos nahm ich meine langsam angewärmten Hände aus der Jackentasche und streckte die Rechte dem Messer entgegen.

„Denk' bitte nicht das es so einfach ist. Du wirst noch deine Schwierigkeiten damit haben.", erklärte er schmunzelnd und ging mehrere Meter von mir weg, um sich sicher sein zu können, nicht als Zielscheibe zu dienen.

„Du musst nicht gleich übertreiben, ich habe das voll unter Kontrolle.", behauptete ich stolz und konzentrierte mich auf das Messer. Ich begann es fest entschlossen anzustarren und meine Hand ebenfalls zu verkrampfen, aber ich konnte das Messer nicht überzeugen für mich in die Luft zu schweben. Leandro sah nicht lange meinen verzweifelten Versuchen zu und mischte sich letztendlich doch ein, auch wenn er es lange Zeit versucht hatte, zu vermeiden.

„Denk an die Gefühle. Du hast ja mittlerweile eine große Auswahl."

„Hm.", brummte ich und versuchte es erneut. Wut also? Warum musste er mich ausgerechnet jetzt schon wieder dazu zwingen über den Tod meines Vater's nachzudenken? Jetzt wo ich versuchte mir Nichts mehr anmerken zu lassen? Wo ich versuchte so zu werden wie er. Kalt, unsensibel und stark? Ich erinnerte mich an die hässliche Fratze des Grafen's, wie er versucht hatte, mich mit dem falschen Spiegelbild zu täuschen und Leandro der es mir versucht hatte zu sagen. Auch wenn ich es für unmöglich gehalten hatte, war es nicht besonders schwer meine Trauer, die unweigerlich bei dem Gedanken an Leandro's Worten, aufkam, in mächtige Wut zu verwandeln.

Eine kleine Träne kullerte meine Wange hinunter, doch nachdem sie verschwunden war, spürte ich ein unangenehmes Kribbeln in meinen Fingerspitzen. Die Kälte war verschwunden und anstatt ihrer begann mir tierisch heiß zu werden. Mein Herzschlag verdreifachte sich und meine Atmung wurde schneller. Ein letztes Mal verkrampfte ich meine Finger mit voller Kraft und versuchte jegliche Energie in das funkelnde Ding auf den Boden zu setzten.




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