Ein Funken Wahrheit


Es war ein stürmischer und verregneter Morgen. Wir waren trotz der Eile viel zu spät dran und ernteten dafür verstohlene Blicke, der bereits Anwesenden. Es hatten sich schon längst alle Besucher um den schwarzen Sarg versammelt, als wir mit unseren gehetzten Schritten, auf sie zu liefen. Und als würde das nicht schon reichen, diskutierten wir schon den ganzen Weg über. Ich versuchte ihm irgendwie zu erklären, dass es ein Missverständnis gegeben haben muss, doch natürlich wollte er davon nichts hören. 

Um so mehr ich versuchte, ihn in diese Richtung zu drängen, desto unfreundlicher wurde er. Wahrscheinlich war das keiner meiner besten Schachzüge, aber ich musste doch irgendwie versuchen, ihn zu erklären, dass sein Vater einen Grund gehabt hatte. Wenigstens so viel müsste er wissen, doch natürlich wollte er mir gar nicht erst zuhören.

Um so näher wir der Trauergemeinde kamen, umso größer wurden meine Schuldgefühle. Ich hatte es ihr versprochen, ich durfte es ihm nicht sagen, aber es war so verdammt schwer. Wenn ich seine Augen sah, die verrieten, wie liebend gern er wieder umgedreht wäre. Seine Blicke die immer noch voller Hass waren und die keinen Platz für Vergebung boten. So langsam bekam ich das Gefühl, dass er diesen Weg nicht für sich oder seinen Vater auf sich nahm. Er musste sich förmlich überwinden einen Fuß vor den Anderen zu setzten, um nicht abrupt stehen zu bleiben. Was wenn er das nur für mich tat? Er wusste genau, welche Bedeutung diese Beerdigung für mich hatte. Irgendwie versuchte ich mir einzureden, dass ich mich auf diese Weise von meinem Vater verabschieden konnte. Doch natürlich war das an dieser Stelle völlig unangebracht und egoistisch. Aber was konnte ich schon dafür? An diesem Morgen waren meine Gedanken noch nicht einmal bei seinem Vater gewesen. Viel mehr hatte ich mir vorgestellt, wie ich eines Tages dort stehen würde und zusehen müsste, wie sie meinen Vater unter die Erde bringen. Mit meinen weinenden Geschwistern und meiner aufgelösten Mutter an der Seite.

„Aber es könnte doch sein."

„Alex lass es jetzt sein. Ich will nicht darüber reden. Wie oft denn noch?"

„Aber..."

„Nichts da!", unterbrach er mich, griff nach meiner Hand und zog mich an einen freien Platz in der Nähe des Sarges. Ich ließ die Diskutiererei und verstummte. Alle Augen waren auf uns gerichtet, sodass ich mich nicht mehr traute, auch nur den Ansatz eines Wortes zu wagen. Ich ließ meine Blicke über die Menge schweifen und erkannte schließlich vertraute Gesichter. Meine Familie stand etwas abseits von uns und starrte gebannt zu Boden. Meine Blicke und die meiner Mutter, trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde, ehe sie wieder stur zu Boden starrte. Dieser Moment hatte gereicht, damit ich erkannte, was in ihrem Kopf vor sich ging. Sie konnte nicht nachvollziehen warum sie hier überhaupt stehen musste, immerhin hatte sie kaum ein Wort mit ihm gewechselt. Das hatte ich auch nicht, aber ich tat es für Leandro und meinen Vater. Zumindest war das mein Alibi und Ausrede. Noch bevor der Pfarrer überhaupt mit der Rede anfangen konnte, wäre ich am liebsten in Tränen ausgebrochen, doch hier hatte ich kein Recht dazu.

Es war weder die Beerdigung meines Vaters, noch hatte ich Antonius gut genug gekannt, um für ihn zu trauern. Doch wenn ich meine Mutter in den schwarzen Gewändern genau betrachtete, konnte ich mir kaum vorstellen, dass ich meine Tränen verbergen könnten. Irgendwann würde sie genauso vor einem Sarg stehen und in ihm würde mein Vater liegen, vorausgesetzt er würde gefunden werden.

„Nun sind alle da?", fragte der Pfarrer vorsichtig und trat etwas näher an den Sarg heran. Ein unruhiges Tuscheln begann sich auszubreiten und hörte erst wieder auf, als eine dunkle Gestalt in den Kreis trat. Die Kapuze so weit ins Gesicht gezogen, dass man nichts außer seinen strahlenden, blauen Augen erspähen konnte. Wüsste ich nicht genau, dass Leandro gerade neben mir stand, hätte ich schwören können, dass diese Augen ihm gehörten. Unbeteiligt stellte sich der Unbekannte neben Melonie und Laureen und nickte dem Pfarrer sachte zu. Ich löste meine Blicke von dem Mann und schenkte Laureen kurze Zeit Aufmerksamkeit. Als hätte sie einen Plan, grinste sie mir ganz eigenartig entgegen und schlüpfte dann unter den Regenschirm von Melonie. Erst jetzt bemerkt ich den kühlen Regen und drängte mich etwas enger an Leandro ran, um den Schutz seines Regenschirmes zu spüren zu bekommen. Unaufmerksam griff ich nach seiner Hand und drückte diese so fest, bis er mir vorsichtig in die Rippen stieß. Sofort lockerte ich den Griff und biss mir auf die Lippen, um mir eine Entschuldigung, verkneifen zu können.

Gedankenversunken ließ ich meine Blicke über die triste Landschaft schweifen. Wir befanden uns mitten im Herbst und die meisten Blätter hatten sich bereits in bunte gefärbt. Doch der triste Regen und die grauen Wolken über uns, ließen den Farben keine Gelegenheit, strahlen zu können. Die Spitzen der Baumkronen wogen sich schwer im stürmenden Wind und ab und zu viel ein Blatt zu Boden und legte sich leicht auf das Moos.

Die meisten Gräber standen ganz ordnungsgemäß gerade und hielten sich an die vorgegebene Linie. Fein säuberlich sortiert, war jegliches Unkraut entfernt worden und einzig strahlende Blumen ragten empor. Doch auch diese konnten die triste Landschaft nicht auflockern. Durch den starken Regen, der in der Nacht geherrscht hatte, waren viele Blätter der Blumen zu Bruch gegangen und ein paar schwache Kandidaten, hatten sich gleich dem Boden angepasst. Vereinzelt stachen ein paar verwilderte Gräber ins Auge, deren Steine völlig schief lagen und die Blumen darunter schon längst vertrocknet waren.

Doch ein Grab zog ganz besonders meine Aufmerksamkeit auf sich. Der Grabstein lag fast quer auf den Boden und die Ecken waren ganz eigenartig angeschlagen, als hätte ihn Jemand zu zerstören versucht. Die Gravur war zerkratzt worden und die Blumen und Sträucher rund um, mussten herausgerissen worden sein. Unachtsam hatte sie Jemand zu Boden fallen lassen und musste mit seinen riesigen Füßen, großzügig drauf rumgetrampelt sein. Plötzlich ging mir ein Licht auf. Ich schätzte den Abstand zwischen diesem Grab und dem Schloss, Nebenan ein. Dann erkannte ich das Fenster meines Zimmers. Es war das Grab, auf dem vor einer guten Woche, Licht geschienen hatte. Das war das Grab gewesen, welches ich voller Neugierde gemustert hatte und festgestellt hatte, dass sich mein Name darauf befand. Mein Vorname. Mein fassungsloser Gesichtsausdruck verschwand, als mich die ruhige, tiefe Stimme des Pfarrers wieder an die Gegenwart erinnerte.

„Nun gut. Wir haben uns alle hier versammelt, um dem Menschen, den wir alle liebten, die letzte Ehre zu erweisen..." Schon jetzt musste ich die ersten Tränen runter schlucken. Unbemerkt schenkte ich dem Pfarrer keine Aufmerksamkeit mehr und suchte stattdessen nach Lynn. War sie etwa doch nicht gekommen? Hatte ich Leandro zu viel gesagt? War ich etwa daran schuld, dass sie nicht kommen konnte. Ich seufzte leise und versuchte mich wieder auf die Rede zu konzentrieren, doch die Tränen in meinen Augen ließen alles verschwimmen und ich hatte Mühe, sie nicht meine Wangen hinunter kullern zu lassen. Schon nach kurzer Zeit, hielt ich es in diesem Getümmel nicht mehr aus. Ich ließ Leandro's Hand los und drängte mich ohne jegliche Entschuldigung an der Trauergemeinde vorbei. Ich sah die musternden Blicke des Unbekannten und beschleunigte meine Schritte immer mehr. Entschlossen zwang ich mich Niemanden in die Augen zu blicken, weil ich mir gut vorstellen konnte, wie fassungslos sie von meinem Verschwinden waren. Und Leandro wollte ich erst recht nicht in die Augen starren.

Ich hatte gesagt ich würde für ihn mit kommen und jetzt verschwand ich einfach ohne Rechtfertigung, was er wohl von mir dachte?

Trotz meines sturen Starrens zu Boden, waren die Blicke meiner Mutter nicht unbemerkt bei mir geblieben. Am liebsten hätte sie mich direkt wieder zurück gezogen, doch natürlich wollte sie hier keinen Aufstand machen. Ich konnte mir schon jetzt gewiss sein, dass ich mir nach her eine saftige Standpauke anhören durfte, aber das war mir jetzt egal. Trotz meiner schnellen Schritten fühlten sich die knappen zwei Minuten, wie zwanzig Minuten an. Endlich hatte ich die kleine Holztreppe des Restaurants erreicht und stürmte in das große Gebäude. Ich spürte wie ich gleich viel ruhiger wurde und lehnte mich zum Durchatmen an die kalte Wand. Erleichtert schloss ich die Augen und blendete damit die grelle Beleuchtung aus.

Leise, melodische Musik drang in meine Ohren und erleichterte mir meine Atmung zu kontrollieren. Es war ein ruhiges Lied aus den 80-ziegern, das ich Dank, meiner nicht gerade fortschrittlichen Familie, fast auswendig konnte. Unaufmerksam summte ich die Melodie mit und wippte mit meinem linken Fuß im Takt.

„Was darf es sein?", riss mich eine helle Stimme aus dem Träumen und beförderte mich direkt in die Realität. Ich tat mich schwer, meine schweren Augen zu öffnen und dem grellen Licht entgegen zu starren. Doch schließlich schritt ich überlegend an die kleine Theke heran und ließ meinen Blick über die leeren Tische schweifen. Außer mir und einem alten Ehepaar, in der letzten Reihe, war es leer. Die gut gebaute Frau lächelte mir freundlich entgegen und zog ganz aufmerksam ihre Augenbraue hoch. Ich schaute sie schief an, als ich ihr Lächeln sah. Mit so einer Freundlichkeit, hatte ich beim Weitem nicht gerechnet.

„Einen Kaffee."

„Mit Milch?"

„Ja und Zucker."

„Kommt sofort.", murmelte sie leise vor sich hin und verschwand hinter einem der weißen Vorhänge. Unsicher drehte ich mich zu den großen Fenstern und betrachtete die Trauergemeinde. Verwirrt schmulte ich zu Melonie, neben der sich eine Lücke gebildet hatte. Wo war Laureen hin verschwunden? War sie mir gefolgt?

Ich ließ meine Blicke weiter wandern, bis sie plötzlich bei Leandro stehen blieben. Sie hatte sich neben ihn gestellt und verschränkte nun ihre Hand in seine. Unschuldig legte sie ihren Kopf auf seine Schulter und lächelte ihm aufmunternd zu. Was hatte ich erwartet? Natürlich war sie bei ihm, sie konnte doch keine Gelegenheit auslassen. Warum war ich nur gegangen? Ich sollte dort stehen! Nur ich, sonst Niemand. Ich sollte ihm beistehen, warum war ich nur gegangen?

„Bitte.", riss mich ihre ruhige Stimme aus meinen Überlegungen.

„Was?"

„Ihr Kaffee, Zucker gibt es dort drüben."

„Vergessen Sie's.", flüsterte ich abwesend und verließ mit einem Mal den Laden. Ich hörte ihre empörte Stimme hinter mir, aber das war mir sonderlich egal, immerhin wäre ich hier in ein paar Stunden weg. Erneut starrte ich nur stur zu Boden, während ich auf das schwarze Getümmel zu lief. Ohne länger zu zögern, stellte ich mich neben Melonie und sah dem Rest der Feier zu. Ich konzentrierte mich nicht einen Moment auf die Feier, sondern widmete meine komplette Aufmerksamkeit, den verrückten Gedanken in meinem Kopf. Sie wurden immer irrsinniger und ich malte mir förmlich aus, wie sie sich gleich in die Arme fallen würden und leidenschaftlich küssen würden. Ich hätte mich eingemischt und wäre es nur ein Flüstern gewesen, aber gerade hier viel jedes Wort auf, das nicht vom Pfarrer kam.

Ich bemerkte wie ich sie die ganze Zeit angestarrt hatte und wendete daraufhin schnell meine Blicke von ihnen ab. Ich betrachtete meine Mutter, die dem Pfarrer schon längst nicht mehr zuhörte. Stattdessen war sie in ihrer ganz eigenen Welt verschollen und dachte wohl möglich darüber nach, welche Wäsche sie zuerst waschen sollte und welches Essen, sie für heute kochen könnte.

Nachdem das ganze Szenario hinter uns lag, verabschiedete ich mich brav, von den mir unbekannten Gästen und lief schließlich mit meiner Mutter, Tom und Mia zurück. Es war rein formell von beiden Seiten gewesen, lediglich eine Frau, mittleren Alters, hatte den Anstand gehabt, mir aufmunternd zu zu lächeln. Der Rest dachte sich doch nur, was meine Familie und ich hier zu suchen hatten. Ob sie überhaupt wussten wer ich war?

Ich hatte mich nach dem Unbekannten, mit diesen wunderschönen Augen umgesehen, doch er war längst verschwunden. Schon nachdem ich aus dem Restaurant gestolpert war, war er mir nicht mehr über den Weg gelaufen.

Vor uns liefen Laureen und Leandro die wie wir, Nichts außer schweigen taten. Jedes Knacken eines Astes, unter unseren Füßen, war zu hören und gar jeder Atemzug drang mir in die Ohren. Ich stellte mich bereits auf eine Ansage von meiner Muttern ein, aber anscheinend wollte sie damit warten, bis wir alleine waren. Immerhin tat sie mir den Gefallen, mich nicht vor Allen zur Schnecke zu machen.

Irgendwann wurde das zahlreiche Knacken unter unseren Füßen leiser und ich wunderte mich über die plötzliche, gute Sicht vor mir. Leandro und Laureen musste irgendwo, unbemerkt abgebogen sein. Oh ich konnte mir gut vorstellen was sie vor hatten. Warum hatte ich mich überhaupt auf ihn eingelassen? Warum? Ich hätte es wissen müssen, warum hatte ich es nur verdrängt. War das nur die Eifersucht die aus mir sprach? Oder hatte ich Recht? War es nicht albern alles dafür zu tun, sie nicht miteinander reden zu lassen? Vielleicht hätte ich es einfach auf sich beruhen lassen sollen, aber ich konnte meiner Neugirde nicht trotzten und musste ihrem Verschwinden auf den Grund gehen. Unbemerkt kapselte ich mich von meiner Familie ab und folgte den Spuren tiefer in den Wald hinein. Eine Weile folgte ich dem Knacken vor mir und dann endlich sah ich sie. Sie setzten sich zusammen auf den Baumstamm, auf unseren Baumstamm. Warum nahm er sie hier her mit? Es war unser Baumstamm! Das durfte er nicht, wir haben uns hier zum ersten Mal geküsst, sie durfte diesen Ort nicht kennen, jeder aber nicht sie!

Oder war das seine Masche? Auf die ich und alle anderen Mädchen reingefallen waren? Nahm er Jede mit hier her? Anbieten würde es sich jedenfalls. Trotz der Nässe um uns herum, hatte dieses Fleckchen etwas Besonderes an sich. Um den Baumstamm war genügend Platz, der es ermöglichte, völlig vom Mondlicht eingehüllt zu werden, wenn der Mond natürlich gut stand. Trotzdem fühlte man sich eingekuschelt, da die Sträucher um einen das Gefühl von Geborgenheit und Wärme vermittelten.

Ich wollte gerade hinter dem Baum hervor springen und ihn zur Rede stellen, da viel mir auf, dass ich eigentlich noch keine richtigen Beweise hatte.

Also wartete ich und verdammte mich in Gedanken dafür, ihn vertraut zu haben. Sie redeten, sie redeten lange, aber irgendwann rückte sie immer näher an ihn heran, legte ihren schlanken Arm um ihn und platzierte ihren Kopf sachte auf seiner Schulter. Sie redeten nur leise miteinander, sodass ich die meisten Worte nicht verstehen konnte. Doch das störte mich nicht besonders, ich war viel mehr daran interessiert, endlich das sehen zu könne, was ich die ganze Zeit vermutete. Und dann endlich taten sie es. Sie hob ihren Kopf leicht an, blickte ihm direkt in die Augen und küsste ihn. Mir viel die Kinnlade runter. Auch wenn ich geschworen hatte, dass es dort enden würde, hatte ich wohl bis zu Letzt gehofft, ich hätte damit falsch gelegen. Wenn ein Herz wortwörtlich brechen könnte, dann würde genau jetzt ein riesiger Scherbenhaufen vor meinen Füßen liegen und ich würde mir die Finger an den Scherben schneiden, während ich versuchen würde, es zu kleben.

„So ein Arsch.", murmelte ich kaum hörbar vor mich her und schüttelte den Kopf. Vereinzelte Tränen begannen meine Wangen hinunter zu rinnen, doch schon nach einem Augenblick waren sie versiegt. Ich hatte in den letzten Tagen zu viel geweint, jetzt waren keine Tränen mehr übrig, die ich vergießen könnte und darüber war ich beinahe froh. Dann hatte ich wenigstens nicht die Sorge, direkt vor seinen Augen in Tränen auszubrechen.

Stoß sie doch weg! Geh! Warum gehst du nicht? Du sollst sie wegstoßen, na los! Egal wie oft ich ihn in meinen Gedanken dazu aufforderte, er tat es nicht. Fassungslos schüttelte ich den Kopf. Ich war einfach nur noch erschrocken. Wie oft hatte er mir versprochen, dass zwischen ihm und ihr nie etwas gelaufen war, doch wenn ich sie hier so sitzen sah, so vertraut, dann konnte das nur eine Lüge gewesen, sein. So wie Alles was er mir je erzählt hatte.

Ich wollte mich gerade wieder von ihnen abwenden, da schreckten sie auf und seine unschuldigen Augen starrten mich direkt an. Laureen konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Endlich, endlich hatte sie das bekommen, was sie sich so sehnlichst gewünscht hatte. Ob das von vornherein ihr Plan gewesen war? Ob sie sich das so ausgemalt hatte, während sie bei der Feier mir so eigenartig entgegen gegrinst hatte? Und ich war noch so blöd gewesen und hatte ihr es so leicht gemacht. Wäre ich nicht verschwunden, sondern hätte ihm einfach Zuspruch gegeben, vielleicht würden wir dann an einer ganz anderen Stelle stehen.

„Alex ich..."

„Spar- dir das, ich habe genug gesehen.", unterbrach ich ihn prompt, drehte mich um und lief in die Richtung aus der ich gekommen war. Alex? Was dachte er mit seinen Worten bezwecken zu können? Ich hatte es mit eigenen Augen gesehen, das was gerade passiert war, konnte er unmöglich leugnen.

Die erwartete Wut blieb aus, doch anstatt ihrer machte sich große Enttäuschung in mir breit. So fest wie er es mir versichert hatte, hätte ich damit nie gerechnet und ausgerechnet heute? Das war das taktloseste was mir je begegnet war, auch von Laureens Seite aus. Mochte sie das mieseste Miststück auf diesem Planeten sein, so hatte ich doch wenigstens einen Fünkchen Anstand von ihr erhofft. Aber vielleicht war sie auf seine Verzweiflung angewiesen? Vielleicht hätte er sich sonst nie darauf eingelassen.

„Alex, bitte warte. Ich...", er verstummte und blieb neben mir stehen. Behutsam legte er seine Hand auf meine Schulter und zog mich zurück. Seufzend schlug ich sie runter und ich wich einen großen Schritt zurück.

„Was? Es ist nicht so wie es aussieht oder was? Ich habe viel zu lange deinen Lügen gelauscht, anstatt mich auf die Wahrheit zu konzentrieren."

„Ich versteh das du wütend bist, aber ich..."

„Wütend? Nein ich bin nicht wütend, ich bin enttäuscht. Ich dachte wirklich ich würde dir etwas bedeuten."

„Das tust du."

„Ach ja? Dann hast du eine verdammt eigenartige Weise, das zu zeigen und jetzt lass mich gehen, ich möchte heute noch Zuhause ankommen.", zischte ich und verschwand hinter den Bäumen. Ich holte meine Familie schnell ein und lief gemeinsam mit ihnen bis wir zu den Hütten kamen. Laureen und Leandro hatten uns ebenfalls eingeholt, doch sie liefen nur stillschweigend hinter uns.

„Alex können wir los? Oder müsst ihr noch ein paar Dinge erledigen?" Wir? Oh er konnte sich sicher sein, dass er getrost hier bleiben durfte. Er war wohl der Letzte den ich jetzt noch nach Berlin mitnehmen würde... nun gut über Laureen's Anwesenheit würde ich mich auch nicht gerade freuen, aber das stand auch nicht zur Debatte.

„Natürlich, ich hole mir nur noch meine Sachen und dann können wir uns auf den Weg machen." Gerade als ich Melonie über das Wasser folgen wollte, hörte ich die besorgten Schreie von Laureen. Erschrocken drehte ich mich zu ihr um und starrte direkt zu Leandro, der zusammengebrochen auf dem Boden lag.

„Leon?", fragte nun auch Melonie besorgt und kniete sich zusammen mit Laureen neben ihn. Ich schaute einfach unbeteiligt zu und fragte mich, welche Show er dieses Mal aufzog. Wenn er damit versuchte zu zeigen, dass sein Herz gebrochen wäre, dann würde ich gnadenlos in einem Lachanfall enden. Oder versuchte er herauszufinden ob er mir noch etwas bedeutete? Oh das könnte ich ihm auch ohne dieses ganze Szenario beantworten. Auch wenn ich meine Erinnerungen an ihn am liebsten auslöschen würde, war er mir weiterhin wichtig. Ich hätte mich ja um ihn gekümmert, aber ich wollte seine neue Freundin schließlich nicht an der Kranken Versorge hindern. Besorgt gab sie ihn einen Kuss auf die Stirn und schürte damit immer mehr meine Wut auf sie. Melonie hatte die Art gesehen, wie ich meine Hände geknetet hatte und wie ich mir auf die Lippe gebissen hatte, um in Gegenwart meiner Mutter nicht völlig an die Decke zu gehen. Dafür erhaschte ich jetzt von Melonie bemitleidende Blicke und den Versuch eines unterstützenden Seufzers. Doch natürlich half das nichts, vielleicht war eher das Gegenteil der Fall.

Leandro machte mich nicht wütend, nein Laureen, die mit aller Macht versucht hatte, ihn für sich zu gewinnen und anscheinend hatten ihre Bemühungen Früchte getragen. Ich konnte mir allerdings keinen Reim darauf machen, warum sie es überhaupt tat. Hatte sie nicht diesen eigenartigen Freund? Warum musste sie mir dann meinen weg nehmen? War es etwas Persönliches? Konnte sie mich nicht leiden oder wollte sie einfach die Machtverhältnisse klar stellen? Ein plötzlicher, schneller Atemzug riss mich aus den Gedanken und ließ mich aufmerksam werden. Mit einem Mal war seine Atmung wieder vorhanden und er saß kerzengerade im nassen Gras.

„Wann hast du das letzte Mal Blut getrunken?" Fragte Melonie fast warnend und streckte ihren Zeigefinger drohend in die Luft.

„Keine Ahnung vor einer Woche? Wie auch immer mir geht's gut. Ich habe nur etwas... wenig geschlafen.", versuchte er sich raus zureden und blickte mich hilfesuchend an. Auch wenn ich davon keine Ahnung hatte, wurde ich das Gefühl nicht los, dass er schon wieder log und das es ihm beim Weitem nicht gut ging. Vielleicht waren es die Bilder aus der Gefrierkammer, die mich zu diesen Gedanken brachten? Wenn ich an seine merkwürdige Reaktion dachte. Wie er Mühe gehabt hatte sich zu kontrollieren, um nicht gleich über die gefrorenen Menschen herzufallen. Aber ich mischte mich nicht ein, mir war es sonderlich egal, ob ihm Blut fehlte oder etwas völlig anderes. Fakt war jedenfalls, dass er uns damit aufhielt und die Fahrt nach Hause verzögerte. Meine Mutter konnte ihn schließlich nicht in diesem Zustand alleine lassen oder bei Melonie und Laureen. Sie war genauso neugierig wie ich und musste unbedingt wissen, wie es ausging. Auch wenn mir das in dieser Situation fast egal war, das redete ich mir jeden Falls ein.

„Leandro, denk doch ein einziges Mal nach. Was hättest du gemacht, wenn dir das im Auto passiert wäre?" Er zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung, aber mir wäre mit Sicherheit etwas eingefallen." Laureen reichte ihm die Hand und half ihn wieder auf die Beine. Ich fühle mich ganz eigenartig in dieser Situation. Bei jeder Frage warf er mir Antwort suchende Blicke zu, so als wäre ich immer noch seine erste Ansprechpartnerin. Doch das war ich schon längst nicht mehr, ich wäre schon lange verschwunden, wäre ich nicht auf die Hilfe von Melonie und Laureen angewiesen.

„Ich glaub direkt so vor 4 Wochen oder... ja irgendwie so.", flüsterte er plötzlich, in die gerade entstandene Stille, hinein und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.

„Sag mal bist du Lebensmüde?"

„Aber wirklich. Dann ist es ja ein echtes Wunder, dass du noch nicht wie eine vertrocknete Birne, den Boden attackiert hast.", kreischte Melonie lachend los. Außer ihr, fand das jedoch Niemand zum Lachen, weshalb sie sich schnell wieder einkriegte und ihre gewohnte, ernste Miene aufsetzte. Schmunzelnd legte Laureen den Hals schief, strich ihre blonden Haare beiseite und warf ihm auffordernde Blicke zu. Einen Moment zögerte er und war gerade dabei sich seinem Verlangen hinzugeben, da schien irgendetwas in seinem Kopf „Klick" gemacht zu haben und er schüttelte energisch den Kopf.

„Nein, ich brauch keins. Nicht hier."

„Du weißt das du nicht drumrum kommst. Jetzt mach schon."

„Nein ich brauche kein Blut. Jetzt und auch nachher nicht."

„Jetzt sei nicht albern.", drängelte Melonie und stieß ihm in die Rippen. Er wollte gerade zu einem weiteren Nein, ansetzen, da kam ihm Melonie zu vor:

„Nichts da! Jetzt hab dich nicht so, du hattest doch sonst auch kein Problem damit." Mit einem lauten Seufzer ließ er sich schließlich doch darauf ein und nickte.

„Ihr lasst ja eh nicht locker, aber sie muss gehen!", rief er bestimmend und richtete seinen Zeigefinger auf meine Nasenspitze. Auffordernd starrte er mir direkt in die Augen und nickte mir zu. Empört schüttelte ich den Kopf. Ganz gewiss würde ich jetzt nicht gehen. Wenn er schon so ein Drama um alles machen musste, dann würde ich das sicher nicht verpassen wollen. Außerdem wusste ich dann, auf was ich mich in Berlin einstellen müsste.

„Leandro, jetzt mach endlich.", drängte Laureen und starrte zur Verdeutlichung auf ihr Handgelenk, an dem sich bestenfalls eine Armbanduhr befunden hätte, doch heute war es völlig nackt.

„Geh!"

„Das kannst du vergessen. Ich bleibe hier, ob es dir passt oder nicht."

„Oh Gott Alex was soll das? Geh doch einfach deine Sachen zusammensuchen."

„Das kann dir doch herzlich egal sein, außerdem werde ich dafür nicht länger als fünf Minuten brauchen."

„Ich bitte dich ein letztes Mal, geh endlich. Ich will nicht das du mich so siehst."

„Schwachsinn du willst doch nur mit ihr alleine sein, außerdem werde ich genauso sein. Dann weiß ich was auf mich zukommen wird."

„Vielleicht, aber so könntest du das noch vor dich her schieben."

„Was?"

„Deine Gedanken, die sich ändern werden."

„Meine Gedanken? Über was?"

„Über mich."

„Was denkst du eigentlich von mir? Ich werde dich nicht verlassen, weil du so bist wie du nun mal bist. Dafür kannst du nichts. Das hätte unabhängig von Allem nie meine Meinung beeinflusst und ich hoffe das weißt du. Das wir nicht mehr zusammen sind ist ganz allein, dein Verschulden." Er seufzte. Betrübt schaute er zu Boden, als würde er irgendetwas bereuen. Wir hatten noch nicht Klartext miteinander besprochen, doch nach dieser Aktion sollte ihm durchaus bewusst sein, dass zwischen uns nie wieder etwas laufen würde.

„Dann bring wenigstens sie weg.", knurrte er und zeigte mit seinen Fingern auf Mum, Tom und Mia, die zurückhaltend hinter mir standen.

„Ist schon gut ich bringe sie weg.", schlug Melonie freundlich vor und führte die drei über das klare Wasser. Als sie bereits in einen der Häuschen verschwunden waren, warf er mir einen letzten prüfenden Blick zu, ehe er sich zu seinem wahren Ich verwandelte.



Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media