Ein Hauch Normalität

Ein Hauch Normalität

Kira

Über der Tasse in meiner Hand stieg wohlriechender Dampf auf. Es duftete nach Schokolade und Zimt.
»Ist es so, wie du es dir vorgestellt hast?« William saß mir gegenüber. Seine rechte Hand lag auf der frisch geputzten Platte des Nussholztisches und streichelte mit dem Daumen über meine kalten Finger, während er in der linken eine Kaffeetasse am Henkel hielt. »Ein schönes kleines Café, fernab von der Hölle da draußen. Nur wir zwei.«
Genau das war es, was ich mir so sehnlichst wünschte. Eine Auszeit von dem übernatürlichen Chaos, das um uns herum tobte. Ich hatte ihm von meiner Begegnung mit Varek erzählt, und obwohl er nicht begeistert davon war, fühlte es sich gut an, ihm mitzuteilen, dass ich Kadra kaum noch fühlen konnte. Dass Varek sie mit irgendeinem Zauber abschirmte, den ich nicht durchbrechen konnte. So einsam hatte ich mich ewig nicht gefühlt.
Ich schenkte ihm ein Lächeln, nahm einen Schluck Kakao und stellte die Tasse ab, damit ich auch die zweite Hand nutzen konnte, um seine Finger zu umklammern. Augenblicke wie diese waren für uns kostbar geworden, denn sie fanden selten statt. Immer gab es irgendwo jemanden, der zwischen uns stand. Immer gab es etwas zu tun, Verpflichtungen und Stress. Die Normalität schien mir unendlich weit entfernt. Dennoch wusste ich seine Mühe zu schätzen, sich Zeit zu nehmen, um etwas ganz Alltägliches mit mir zu unternehmen. Er wollte mich auf andere Gedanken bringen.
Will störte es nicht, ungewöhnlich zu leben. Er war an dieses Leben gewöhnt. Aber ich kannte aus meiner menschlichen Vergangenheit auch andere Zeiten. Ruhige, besonnene Augenblicke, die mir gerade jetzt, im eiskalten Januar und kurz nach Weihnachten und Neujahr, unglaublich fehlten. Auf meinen Streifzügen sah ich Menschen, die glücklich waren, weil sie nicht wussten, in welcher Gefahr sie permanent schwebten. Ich sah überall friedvolle Paare, in Liebe vereint. Und ich wollte sein, wie sie.
»Kommt meiner Vorstellung schon sehr nahe«, erwiderte ich schmunzelnd.
»Wäre doch gelacht, wenn ich nicht im Stande wäre, mit dem Aufgebot eines seelenlosen Ungeheuers mitzuhalten.«
Ich rollte mit den Augen. Es war nicht die erste Andeutung, die er in Vareks Richtung machte. Und das, obwohl ich ihm wieder und wieder beteuert hatte, dass Kadra keinerlei romantische Gefühle für ihn in mir weckte. Er glaubte mir nicht.
Vareks Erscheinen verkomplizierte unsere ohnehin schon sehr angespannte Beziehung erheblich.
Ganz gleich, wie oft ich darüber nachdachte, ich konnte nicht verstehen, wieso er geblieben war. Seine Sympathie galt ganz offensichtlich nur Kadra und keinem anderen Wesen. Nein, er schien sich von der Welt entfernt zu haben und in seinem Exil glücklicher zu fühlen, als im Rest der Welt. Wieso ging er dann nicht fort? Was hielt ihn in Kadras Nähe?
»Wir wollten doch nicht darüber sprechen«, entschied ich und nippte an meiner Tasse.
»Es ist diese Göttergeschichte, die mir keine Ruhe lässt.« Will rieb sich nachdenklich das Kinn. Er hörte mir überhaupt nicht zu. »In keinem Buch steht irgendetwas von dieser verrückten Götterebene, in der sich diese Layra angeblich herumtreiben soll.«
»Will..«
»Ich meine, wenn sie existiert, dann muss doch irgendjemand schon einmal von ihr gehört haben.« William seufzte. »Du bist keine allzu große Hilfe, Kir..«
»Vielleicht hat Vareks Familie seit jeher ein Geheimnis daraus gemacht.«
»Und eine uralte Dämonin so gut versteckt, dass sie niemals jemand anders zu Gesicht bekommen hat?« Er wirkte unschlüssig.
»Jedenfalls niemand, der überlebt hat und davon berichten konnte.« Resignierend schob ich die Tasse von mir fort. Wenn sich Will an einem Thema so festgebissen hatte, war es beinahe unmöglich, ihn davon abzubringen. »Also? Denkst du, er lügt? Wieso hätte er sich dann die Mühe machen sollen, Kadra abzuschirmen?«
»Ich weiß nicht. Um sie für sich allein zu haben? Keine Ahnung, was im Gehirn eines Dämons vorgeht, der so viele Jahrhunderte überdauert hat. Vielleicht ist er verrückt geworden? Jedenfalls stimmt etwas mit dieser Geschichte nicht.«
»Glaubst du?« Meine Stimme war eine Spur kühler geworden. Insgeheim war ich wütend auf ihn, weil er im Begriff war, uns erneut einen romantischen, ganz gewöhnlichen Augenblick zu verderben. Und ich war wütend auf Varek, weil ich Kadra nicht bitten konnte, seine Geschichte zu bestätigen. »Er schien mir aufrichtig. Wieso hätte er mir all diese Dinge erzählen sollen, wenn sie nicht wahr sind?«
»Möglicherweise legt er eine falsche Fährte, um uns von etwas anderem abzulenken. Etwas, das größer ist, als wir ahnen.«
»Du denkst an Nicks Portal«, las ich in seinem unsteten Blick. »Glaubst du, die Veränderungen haben etwas mit ihm zu tun?«
Will zuckte die Achseln. »Es wäre möglich. Vielleicht spielt es verrückt, seit er in der Stadt ist.«
Ich hatte William von dem Gespräch zwischen Nick und mir erzählt, auch wenn es meinem Lieblingsblutsauger nicht gefallen würde. Aber Will hatte ein Recht darauf, zu erfahren, was um uns herum geschah. Und wenn ein mächtiges Portal, das in eine unerforschte Dämonenwelt führte, plötzlich außer Kontrolle geriet und Dämonen verschluckte, musste er davon wissen.
Ich sponn den Gedanken weiter. Wenn er recht hatte, und auch Vareks Geschichte stimmte, war es dann möglich, dass Layra hinter diesem Portal wartete? War sie für das seltsame Verschwinden der Dämonen verantwortlich, die hindurchgegangen, aber nie zurückgekehrt waren?
»Was denkst du?« Als ich aufsah, ruhten seine Meeresaugen auf mir. Ein kleines Lächeln lag auf seinen Lippen. »Komm schon. Ich sehe dir an, dass du über etwas nachdenkst.«
»Ach, es ist nichts«, log ich. Ich nahm die Tasse hoch und leerte sie in einem Zug. »Ich habe nur gerade daran gedacht, wie froh wir sein können, dass wir uns unsere Partner selbst aussuchen können.«
Mit sanftem Druck schlang er seine Finger fester um meine Hand. »Wir sind vielleicht nicht perfekt«, raunte er mir zu.
»Nein, wir sind ganz und gar nicht perfekt.« Ich ließ mich zurücksinken, presste mich gegen die gepolsterte Lehne des Stuhls und grinste ihn an. Es war einfach unmöglich, einem Engel lange böse zu sein. »Ich bin froh, dass du da bist.«
Wärme breitete sich in mir aus und tastete nach den großen, dunklen Löchern, die Kadras Schweigen in mir hinterlassen hatten. Ob Vareks Zauber je nachlassen und sie mir wiedergeben würde?
»Ich auch.«
Unsere Augen verfingen sich in einem Netz aus Verbundenheit. Will neigte sich vor, zog meine Hand an sein Gesicht und rieb seine Wange an meinen Fingern. Eine Geste, die sein rüpelhaftes Verhalten schneller abmilderte, als mir lieb war. Seine Lippen streiften meine Haut und kleine Härchen an meinen Armen stellten sich auf wie Speerspitzen.
Die Luft knisterte. Ich leckte mir die Lippen und überlegte, ob ich wagen konnte, mich über den Tisch zu beugen und ihn zu küssen. An manchen Tagen fühlte es sich gut und richtig an. Vielleicht war heute einer dieser Tage.
Ich setzte an, rückte auf dem Stuhl nach vorne - und ein greller Pfeifton ließ meine Hoffnung schlagartig dahinschmelzen. Mit einem Ruck ließ Will meine Hand los und griff nach dem Handy in der Innentasche seiner Jacke. Er zog es hervor. Die Reflexion des leuchtenden Bildschirms spiegelte sich in seinen Augen.
»Eine Nachricht von Nick«, brummte er. Der Touchscreen flackerte ein letztes Mal auf und wurde dann dunkel. »Er will dich sehen. Sofort.«
»Schreibt er, weshalb?« Zähneknirschend ließ ich mich zurückfallen. Das war’s. Meine romantischen Fantasien platzten wie instabile Seifenblasen.
»Nein, nur dass es dringend ist, und er nur mit dir sprechen will.«
»Vielleicht wegen des Portals«, überlegte ich. »Kommst du klar, wenn ich gehe?«
»Natürlich. Wir müssen dir unbedingt ein neues Handy besorgen. Geh nur. Wenn ich dich abholen soll, ruf mich über Nicks Handy an. Ich bleibe in der Nähe.«
Ich nickte, stand auf und schob den Stuhl an den Tisch. Meine Stimmung trübte sich ein. Ich schenkte Will einen letzten Blick und wandte mich ab. Irgendjemand würde immer zwischen uns stehen und irgendetwas wollen. Wann immer uns ein klein wenig Normalität winkte, kam das Leben dazwischen. Vielleicht würde das immer so sein.
Wie ein Schatten stahl ich mich aus dem Café. Ohne William. Ohne Kadra.

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