Ein neuer Arbeitstag


Marc fragte gestern Abend nicht wie mein Geschäftsessen lief. Natürlich nicht, wahrscheinlich hörte er nicht einmal zu als ich es ihm sagte. Ich war enttäuscht, dass er sich so wenig für mich zu interessieren schien. Außerdem war ich ein wenig wütend auf Benjamin. Er interpretierte viel zu viel hinein. Warum sollte ich die Einladung ablehnen? Nur weil er der Sohn meiner Chefin war und zufälligerweise ziemlich heiß ist? Ich konnte sehr gut Privates von Geschäftlichen trennen, da brauchte er sich bloß keine Sorge zu machen.

Heute war der erste Tag an dem wir wieder im Studio arbeiteten. Es war aber auch der erste Tag an dem wir das ohne Mary taten. Immer wieder kreisten meine Gedanken um die Zukunft von Dresswell’s und natürlich auch meine Zukunft. Ich liebte die Arbeit im Studio, doch die Angst alles zu verlieren lähmte mich.

Ich versuchte mich nicht unterkriegen zu lassen, die Sorgen sollte meine Arbeit nicht beeinflussen. Also machte ich mich zuversichtlich auf ins Studio. Es war noch sehr früh, doch Ally und John waren bereits vor Ort.

Die Stimmung war unbeschreiblich, nicht so ausgelassen wie sonst. Man konnte die Spannung richtig spüren. Wir standen alle vor einer ungewissen Zukunft.

Als ich gerade dabei war Stoffe auszusuchen klingelte das Telefon am Tresen.

Es war Benjamin der mich freundlich begrüßte und mich bat auf Lautsprecher zu stellen.

Ally und John sahen mich zuerst verwundert an, doch dann lauschten wie den Worten unseres neuen Chefs.

„Also ich habe beschlossen, dass die Arbeit hier einfach weitergehen soll. Meine Mutter, also Mary hätte das auch so gewollt. Mrs. Stanley wird die Entwürfe für die Charity-Veranstaltung übernehmen, während Mrs. Richard und Mr. Cohen bitte die Kollektionen der nächsten Season entwerfen. Falls Sie irgendwelche Fragen haben, dann beantworte ich diese gerne später. Ich werde am Nachmittag vorbeikommen und mir selbst ein Bild von allem machen. Schönen Tag noch und bis dann!“

Er wartete nicht bis einer von uns etwas entgegnete sondern legte einfach auf. Geschockt und mit aufgerissenen Augen hielt ich den Telefonhörer in der Hand. Ich konnte unmöglich die Charity-Kollektion alleine entwerfen. Wie sollte ich eine ganze Modenschau in nicht einmal einem Monat vorbereiten?

„Hey, jetzt schau nicht so. Das ist echt eine tolle Möglichkeit dich zu beweisen“, versuchte John mich aufzubauen.

„Ja er hat Recht, außerdem helfen wir dir natürlich. Mach dir keinen Kopf, Em“, sagte Ally und nahm mir den Hörer aus der Hand.

Ich musste fest schlucken um das Ganze ein wenig zu verdauen. Natürlich liebte ich Herausforderungen, doch hierbei bestand keine Hoffnung diese zu bewältigen. Ich würde untergehen, das ist unmöglich.

„Der Typ weiß schon was er tut, sonst hätte er dir nicht die Verantwortung übertragen. Du wirst ein paar Überstunden machen müssen, aber das sollte sich durch die großzügige Gehaltserhöhung allemal ausgleichen“, sagte John und grinste breit.

Moment Mal...

„Welche Gehaltserhöhung?“, fragte ich misstrauisch.

John warf Ally einen geschockten Blick zu. Sie kam auf mich zu und beäugte mich genau.

„Du hast keine bekommen?“, fragte sie sanft.

Ich schüttelte den Kopf. John formte bloß ein „OH“ mit seinen Lippen und zog die Augenbrauen hoch. Ich verstand nur Bahnhof.

„Wir haben eine Gehaltserhöhung von über 500 Pfund bekommen...“, versuchte sie zu erklären.

Toll, jetzt war ich ein wenig sauer.

Ich durfte mit ihm Essen gehen während die anderen beiden mehr Gehalt bekamen?

Also wenn das so war, dann hätte ich auch gerne auf das Geschäftsessen verzichtet. Ja, die beiden hatten mehr Erfahrung und waren schon länger bei Dresswell’s, aber wir waren gleichwertig angestellt.

Vielleicht hatte Benjamin einfach auf meine Erhöhung vergessen?

Das glaubte ich kaum und ich würde auch nicht betteln gehen.

Im Grunde brauchte ich das Geld ja nicht einmal, doch trotzdem ärgerte es mich.

Vor allem nachdem er mich jetzt zu so viel Arbeit verdonnerte.

Der Vormittag verging rasend.

Ich arbeitete an unzähligen Entwürfen und der Reihenfolge der Präsentation.

Nach ein paar Stunden begann ich einige Stücke zu entwerfen.

Ich entschloss mich mit dem Meisterstück zu beginnen und die restlichen Stücke darauf aufzubauen. Es sollte ein Kleid werden, kein gewöhnliches. Alle sollten staunen, ich wollte, dass die Leute etwas fühlen wenn sie es sehen würden. Ich war bereits bei meinem ca. 20 Versuch etwas anständiges auf Papier zu bringen. Der Bleistift glitt über das Papier, eine zarte Taille, dünne Träger mit Spitze und...

Ach, was soll’s.

Ich knüllte gerade das Stück Papier zusammen als jemand am Türrahmen klopfte.

Benjamin stand im Anzug vor mir und bat anscheinend um Erlaubnis reinzukommen.

Ich nickte. Er sah gut aus, ganz anders als gestern Abend. Sein Outfit saß wie angegossen. Ich versuchte mich wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren, doch ich betrachtete mit jedem Schritt den er mir näher kam. Er bewegte sich so gerade, so selbstbewusst. Ich kam mir dämlich vor als mir bewusst wurde, dass ich ihn anstarrte und auf dem Bleistift zwischen meinen Zähnen kaute. Ein wissendes Lächeln kam auf seine Lippen während er sich gegen die Ecke meines Schreibtisches lehnte.

„Darf ich mal sehen?“

Sofort schüttelte ich den Kopf.

Er zog die Augenbrauen hoch, anscheinend rechnete er nicht mit meiner Reaktion.

Okay, er war mein Chef, aber wenn er hier seine Macht präsentieren wollte war er falsch bei mir.

Meine Reaktion war mir unangenehm, aber erstens verstand er nichts von Mode, sagte er zumindest und zweitens hatte ich noch nichts was ich ihm zeigen konnte. Das war mir peinlich!

Ich überlegte wie ich die Situation nicht komplett aus den Rudern laufen lassen könnte und kaute weiter auf meinem Bleistift. Mein Blick war immer noch auf ihn gerichtet, während er mich mit erwartender Miene ansah.

„Ich bin noch unentschlossen bei den Entwürfen, sobald ich etwas habe zeige ich es Ihnen gerne, Mr. Darwin“

„Benjamin“, korrigierte er mich.

„Ja, Sir... Benjamin meine ich natürlich... oh Gott“, stöhnte ich.

Verlegen legte ich den Kopf auf den Tisch um ihn nicht ansehen zu müssen.

Wie peinlich konnte es denn noch werden?

Ich führte mich auf wie ein Teenager.

Warum konnte ich kaum klar denken, wenn er im Raum war? Es war bestimmt seine selbstbewusste Art oder seine komplette Ausstrahlung. Ich musste zugeben, dass er mich aus dem Konzept brachte und das war mir ein Dorn im Auge. Er lachte leise und ging aus dem Raum. Gott sei Dank, war ich nun alleine.

Ich versuchte mich wieder zu konzentrieren, doch ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich mir wünschte er würde wieder kommen.

 

 

Einige Stunden später brachte ich wirklich etwas weiter. Die Entwürfe nahmen immer mehr Gestalt an. Es war bereits nach 7Uhr Abends, doch beschloss heute etwas länger zu machen. Ich war gerade so in Fahrt, dass ich meinen kreativen Drang nicht unterbrechen wollte. Ich würde Benjamin dann fragen ob ich dafür morgen etwas später kommen könnte, bei Mary war das nie ein Problem. Sie sagte immer einen Flow sollte man nie unterbrechen.

Wenn man vom Teufel spricht, dachte ich und verdrehte die Augen als Benjamin auf meinen Schreibtisch zu kam.

Er war mal wieder bester Laune und irgendwie kotzte mich das an.

„Ally und John sind bereits gegangen. Es wird Zeit, dass...“

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht würde ich gerne noch bleiben. Ich würde dafür gerne morgen etwas später anfangen“, versuchte ich ihn abzuwimmeln und hoffte, dass er für ihn kein Problem wäre.

„Ich wollte gerade sagen es wird Zeit, dass ich mich Ihnen widme. Also gerne, wir können auch die ganze Nacht hierbleiben“, antwortete er mit seinem Zahnpasta-Lächeln.

Gut, das war anders geplant. Ich lächelte gekünstelt und nickte gezwungen, das entging ihm natürlich nicht. In Wahrheit machte es ihm wahrscheinlich Spaß mich zu reizen, zumindest sah es ganz danach aus.

Er trat hinter mich und sah mir dabei zu wie ich versuchte an dem Entwurf zu arbeiten. Ich wollte es mir nicht anmerken lassen, doch meine Hände zitterten so sehr, dass ich den Bleistift kaum halten konnte. Plötzlich beugte er sich hinunter und kam mir so nah, dass ich seinen heißen Atem an meinen Wangen spüren konnte. Ich stoppte in meiner Bewegung, ließ den Stift fallen. Gänsehaut überzog meinen ganzen Körper als ich den Geruch seines Aftershaves roch. Ich schloss die Augen und schluckte. Das war falsch. Marc wartete auf mich Zuhause, das konnte ich ihm nicht antun.

„Benjamin, ich habe einen Freund und ...“

Meine Stimme war nur ein dünner Faden und irgendwie hatte ich das Gefühl damit etwas zu unterbinden was ich vielleicht doch wollte. Sofort fühlte ich mich schlecht. Wollte ich wirklich, dass er mich küsste?

Benjamin stand immer noch über mir gebeugt und sah mir jetzt in die Augen.

Plötzlich begann er lauthals zu lachen und stellte sich aufrecht vor mich.

„Emily, dachtest du wirklich ich will dich küssen? Ich wollte doch nur...“, sagt er lachend und griff auf dem Tisch nach einem weiteren Entwurf.

Bitte lieber Erdboden verschlinge mich!

Wie konnte ich nur so fantasieren? Dieser Mann brachte mich in den Wahnsinn.

Peinlich berührt blinzelte ich viel so oft und stand nun auch auf.

„Wissen Sie was, vielleicht sollte ich doch für heute Schluss machen“, sagte ich und versuchte dabei nicht ganz so verlegen zu klingen.

In Wahrheit hielt ich seine Anwesenheit nicht aus, deswegen wollte ich gehen.

„Okay“, sagte er bloß

„Okay“, gab ich zurück.

„Na dann...“
„Richtig, ich sollte gehen.“
Wir standen uns gegenüber, näher als es wahrscheinlich gut für mich war.

„Das sollte Sie Emily.“ Jetzt lachte er wieder. Toll, er lachte mich wieder aus. Warum konnte ich nicht einfach gleich gehen?

Ich nahm meine Entwürfe stopfte sie in meine Tasche und machte mich auf den Weg nach draußen. Als ich bereits an der Tür angekommen war rief er mir noch einmal meinen Namen.

Was denn jetzt noch?

Genervt verdrehte ich die Augen und sah zu ihm, er stand natürlich grinsend im Türrahmen des Büros. Dieses Spielchen schien ihm echt Spaß zu machen.

„Eins noch Emily! Dein Freund ist vielleicht ein Grund, aber kein Hindernis für mich“, sagte er plötzlich so ernst und selbstsicher, dass es mir die Sprache verschlug.

Schnell weg hier, einfach weg.

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