Ein Opfer der Liebe

Ich deckte gerade den Tisch, als ich die Haustür und daraufhin das angestrengte Schnaufen meines Onkels hörte. Olivias Bewegungen wurden auf einmal hektisch.
Sie beeilte sich den Fisch aus der Pfanne zu angeln und gleichzeitig den Topf mit den kochenden Kartoffeln vom Herd zu nehmen.
„Wenn ich mit dem Tischdecken fertig bin, dann helfe ich dir“, rief ich ihr schmunzelnd zu.
„Ich schaff das schon, Holly“, versicherte sie mir, während sie die Kartoffeln abschüttete und von einer Dampfwolke eingehüllt wurde.
„Okay“, entgegnete ich und setzte mich schon mal an den Tisch. In diesem Moment kam Jamie in die Küche und begrüßte seine Frau mit einem flüchtigen Kuss.
Dann nickte er mir zu und setzte sich ans Tischende. Ich hatte bereits mit einer etwas unterkühlten Begrüßung gerechnet.
„Das Essen ist jetzt fertig. Würdest du James bitte holen?“, fragte mich Olivia mit hochroten Wangen. Ehrlich gesagt war ich von ihrer Bitte nicht gerade begeistert. Seit ich vor drei Stunden mein Zimmer verlassen hatte, hatte ich ihn weder gesehen, noch irgendeinen Mucks von ihm gehört.
Ich war mir nicht sicher, ob er mich überhaupt sehen wollte.
„Gibt es ein Problem, Holly?“ Olivia beäugte mich besorgt, da ich immer noch auf meinem Platz saß. Auch der Blick meines Onkels ruhte auf mir.
„Nein“, kam es von mir wie aus der Pistole geschossen. Ich sprang hastig auf und rannte die Treppe hinauf zu meinem Zimmer. Kurz hielt ich inne, bevor ich zaghaft an die Tür klopfte.
„James?“, flüsterte ich und lauschte. Nichts. Ich klopfte noch mal. Diesmal erheblich lauter.
Ohne Vorwarnung wurde plötzlich die Tür aufgerissen und James stand vor mir. Seine Miene war unergründlich, als er auf mich heruntersah.
„Das Essen ist fertig“, meinte ich eher beiläufig und zwirbelte eine Haarsträhne um meinen rechten Zeigefinger.
„Gut“, brummte er und ging an mir vorbei. Offensichtlich war er noch sauer auf mich.
James ging nach unten, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Zornig schnaubte ich und verdrehte die Augen, als ich ihm folgte.

Das Abendessen war eine einzige Katastrophe gewesen, zumindest für mich. James und ich hatten kein einziges Wort miteinander gewechselt. Ab und zu hatte ich ihm zwar einen Blick zugeworfen, doch er hatte bloß wie hypnotisiert auf seinen Teller gestarrt. Die angespannte, eisige Stimmung zwischen James und mir war Jamie natürlich nicht entgangen. Dass hatte ich an seinem überglücklichen, leicht schadenfrohen Grinsen erkannt, das die ganze Zeit seine Lippen geziert hatte.
Ich war froh, dass er es zumindest beim Grinsen belassen und mich nicht angesprochen hatte. Ich glaube, wenn er auch nur irgendeine Anspielung gemacht hätte, dann wäre ich ausgeflippt und wäre ihm an die Gurgel gesprungen.
Gleich nachdem wir fertig gegessen hatten, waren Jamie und James dann auch beinahe zeitgleich aufgestanden und hatten die Küche verlassen. Olivia und mir war nichts anderes übrig geblieben, als uns ungläubig anzusehen und uns zu fragen, warum die Beiden einfach ohne ein Wort abgehauen waren.
Danach hatte ich nur noch versucht so viele Minuten, wie möglich, verstreichen zu lassen, bevor ich nach oben in mein Zimmer ging.
Zuerst hatte ich Olivia beim Aufräumen in der Küche geholfen. Dabei war ihr wohl aufgefallen, dass ich extrem gründlich und penibel den Esstisch abgewischt hatte, denn sie hatte mich gefragt, ob dies meine Art sei James aus dem Weg zu gehen. Mir war nichts anderes eingefallen, als zustimmend zu nicken. Es hätte ja doch nichts gebracht sie zu belügen. Zu meiner Verwunderung hatte sie mir einen Rat gegeben. Mit ernster Miene hatte sie mir gesagt, dass sie mein Verhalten durchaus nachvollziehen könne. Aber ich könne ja schließlich nicht ewig eine Auseinandersetzung mit ihm vermeiden und mich verstecken. Ehe wir beide noch wütender aufeinander werden konnten, empfahl mir Olivia die Flucht nach vorne zu wagen und mich mit James auszusprechen.
Relativ schnell hatte ich eingesehen, dass sie Recht hatte und ihr Vorschlag vernünftig war. Ich hatte mich getraut James von meinen Zweifeln zu erzählen, also würde ich es wohl auch schaffen in mein Zimmer zu gehen, wo er auf mich wartete.
Zum Dank hatte ich Olivia umarmt. Ich hatte sehen und spüren können, wie gut ihr meine Umarmung getan hatte. Nach einem letzten freundlichen Lächeln war ich nach oben gerannt; entschlossen das zwischen James und mir zu klären. Ein für alle mal.
Mit wild pochendem Herzen stürzte ich in mein Zimmer. James stand vor dem Fenster und starrte nach draußen. Ich schlug die Tür zu, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen, obwohl er mich sicherlich schon längst bemerkt hatte.
„Verrätst du mir vielleicht mal, warum du mich mit Ignoranz strafst, James?“ Kaum waren wir wieder allein, da nahm mich die Wut erneut in Beschlag.
James verschränkte bloß die Arme und beobachtete weiterhin die untergehende Sonne. Aufgrund der dicken grauen Wolken kamen bloß vereinzelt goldgelbe Sonnenstrahlen durch das Fenster und fielen auf sein Gesicht. Er wurde geblendet und musste die Augen zusammenkneifen, doch er wendete sich nicht ab.
Ich wusste nicht, ob er nur über meine Frage nachdachte oder ob er nicht mit mir reden wollte. Für mich war es schon keine Überraschung mehr, dass James ein Buch mit sieben Siegeln war. Ich könnte Jahrzehnte mit ihm verbringen, ohne wirklich zu wissen, wie er tickte und was für ein Mensch er war.
Diese Tatsache machte mir Angst, weil ich nie von mir behaupten konnte, dass ich meinen Freund kenne. Vor knapp einem Jahr waren wir uns zum ersten Mal begegnet.
Seitdem hatte ich seine Launen mitbekommen und er hatte mir einige seiner Facetten offenbart. Das Beunruhigende dabei war jedoch, dass ich tief im Innern wusste, dass es Seiten an ihm gab, die ich nie kennengelernt hatte und vermutlich nie kennenlernen würde.
„Ich möchte momentan nicht mit dir reden, Holly“, meinte James plötzlich emotionslos, ohne mich anzusehen.
„Das heißt, wir beide halten uns im selben Raum auf, sprechen aber nicht miteinander“, kombinierte ich leicht irritiert.
„Ja“, war seine knappe Antwort.
Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Hatte er etwa den Verstand verloren? Ich verstand ja, dass unser Gespräch für ihn wie ein Schlag ins Gesicht gewesen sein musste, aber er konnte sich doch nicht so stur stellen.
Wie stellte er sich das alles überhaupt vor? Es war schier unmöglich sich auf engstem Raum zu ignorieren, zumindest für mich.
„Wie du meinst“, giftete ich und setzte mich an meinen Schreibtisch. Zwar zweifelte ich daran, dass ich mich jetzt auf meine Hausaufgaben konzentrieren konnte, aber schließlich musste ich sie machen. Außerdem hatte ich keine Ahnung, wie ich sonst die Zeit rumkriegen sollte.
Mit Widerwillen kramte ich mein Mathebuch heraus und versuchte die Aufgaben zu machen. Nach einem Blick auf die Brüche und Zahlen hätte ich das Buch am Liebsten gleich wieder zugeschlagen, doch ich musste mich durchquälen. Ich bemühte mich an die Erklärungen von Zack zu denken, die er mir in der letzten Mathestunde gegeben hatte, aber in meinem Kopf herrschte gähnende Leere.
Entmutigt und frustriert nahm ich das Buch und warf es mit voller Wucht in die nächste Ecke. Ich war wütend auf mein fehlendes mathematisches Talent und auf James. Dieser trat endlich vom Fenster weg und ging durch das Zimmer auf das Buch zu. Ich sah ihm dabei zu, wie er sich umständlich bückte und mein Mathebuch aufhob. Dann stellte er sich neben mich und legte behutsam das Buch auf den Schreibtisch.
„Ich glaube die Hausaufgaben klappen besser, wenn du ins Buch reinguckst, anstatt es durch die Gegend zu werfen“, belehrte er mich mit einem schiefen, unwiderstehlichen Grinsen im Gesicht. Klugscheißer.
„Danke für den Tipp“, blaffte ich ihn an und stopfte das Buch verärgert in meinen Rucksack zurück. Mit Mathe war für heute Schluss.
Ich spürte James´ Blick in meinem Nacken, als ich nach meinem Biologiebuch griff.
Ich war verwundert, dass er überhaupt mit mir gesprochen hatte, obwohl er vor wenigen Minuten noch für stundenlanges Anschweigen gewesen war.  
„Ich dachte du wolltest nicht reden.“ Ich schaute zu ihm herauf.
„Ich will mit dir nur nicht über die Themen von vorhin sprechen“, sagte er wie selbstverständlich und fuhr sich durch die Haare. Er wollte sich vor einer Aussprache drücken, doch dass würde ich nicht zulassen.
„Wieso nicht, James?“
„Weil ich nicht weiß, wie ich reagieren werde, wenn wir dieses Gespräch wieder aufnehmen“, presste er hervor und hatte dabei ein merkwürdiges Funkeln in den Augen.
„Was soll das denn bitte heißen?“, fragte ich verwirrt nach.
„Ich will mir nicht weiter von dir anhören müssen, dass ich dich manipuliere“, brach es aus ihm heraus. Ich wusste nicht, ob bei ihm die Wut oder die Enttäuschung überwog.
„Ich verstehe nicht, wie du auf die Idee kommst, dass ich irgendwelche miesen Tricks bei dir anwenden würde. Ich habe viele Dinge getan, die falsch und schlecht waren, dass ist mir bewusst, aber soetwas lasse ich mir nicht vorwerfen, Holly“, brüllte er los und drehte sich abrupt um.
Ich hatte bereits befürchtet, dass die Fortsetzung unserer Unterhaltung mit nicht weniger Geschrei von statten gehen würde. James war sauer auf mich, weil ich ihm Manipulation unterstellte.
Nichtsdestotrotz konnte ich meine Meinung nicht ändern. Vielleicht hatte ich ja etwas übertrieben, aber ich war mir immer noch sicher, dass er seine charmante Art nicht uneigennützig eingesetzt hatte. Es war nicht gut, dass ich so über meinen Freund dachte, doch wie gesagt: ich kannte bloß Bruchstücke von ihm.
„Ich weiß nicht, ob ich dir das glauben kann“, flüsterte ich, wohl in der Hoffnung, dass er mich nicht hören würde.
„Und wieso kannst du mir das nicht glauben? Traust du mir nicht?“, fragte er mich im scharfen Ton. Ich wusste, dass ich jetzt gut über meine Antwort nachdenken musste, wenn ich nichts sagen wollte, dass meine Beziehung zerstören könnte.
„Manchmal fällt es mir schwer dir zu vertrauen, James“, erwiderte ich mit brüchiger Stimme und stand auf. Er hatte mir zwar den Rücken zugewandt, doch ich war mir sicher, dass er jetzt eine traurige Miene aufgesetzt hatte. Vermutlich hatten ihn meine Worte tief getroffen.
„Es tut mir leid, aber…aber…“
„Aber nach meinem Verrat kannst du mir nicht mehr vertrauen, Holly“, vervollständigte er meinen Satz.
„Ja“, hauchte ich. „Ich wünschte, es wäre nicht so.“ Als ich das sagte, fühlte ich ein heftiges Stechen in meiner Brust. Derweil wandte sich James um. Mich traf ein herzzerreißender, qualvoller Blick.
„Was kann ich tun, damit dein Vertrauen zu mir zurückkommt?“ Seine Stimme überschlug sich. „Ich würde alles dafür tun, Holly. Alles.“ Er schien am Rande der Verzweiflung zu stehen.
Was sollte ich ihm nur antworten? Gab es überhaupt eine realistische Chance, dass mein Vertrauen zurückkehrte? Ich war überfragt. Aus Nervosität fing ich an, an meinen Nägeln zu kauen. Ich hasste diese Angewohnheit.
Währenddessen wartete James ungeduldig auf eine Antwort. Weit hatte er seine Augen aufgerissen, wodurch er furchteinflössend aussah. Hart musste ich schlucken.
„Das Vertrauen wird wiederkommen, doch das braucht Zeit“, erklärte ich ihm eindringlich. Egal, wie sehr ich mir auch wünschte ihm zu vertrauen, es war einfach viel zu viel passiert. Nicht nur sein Verrat, sondern auch, dass er mir damals wochenlang verschwiegen hatte, dass er als Auftragskiller arbeitet. James hatte mich oft belogen und ich war mir nicht mal sicher, ob ich jetzt die ganze Wahrheit über ihn kannte.
„Lass mir einfach Zeit, James“, bat ich und versuchte dabei nicht an weitere Geheimnisse zu denken, die er möglicherweise vor mir verbarg. Meine Antwort gefiel ihm wohl nicht, denn seine Mundwinkel wanderten automatisch nach unten.
„Also kann ich gar nichts tun“, stellte er bitter fest.
„Nein“, entgegnete ich und schüttelte den Kopf. James stöhnte entnervt auf und schaute an die Decke. Ich sah, dass er die Luft scharf zwischen seinen Zähnen einsog und schwer atmete. Hatte ich ihn wieder zu sehr aufgeregt, wie im Krankenhaus?
„Geht es dir gut, James?“ Ich ging zu ihm herüber und legte meine rechte Hand auf seinen Brustkorb. Ich spürte deutlich seinen erhöhten Herzschlag. Mit einem Mal trat unser Gespräch in den Hintergrund. Seine Gesundheit war jetzt das Wichtigste.
„Meine Rippen schmerzen“, keuchte er und rang nach Atem.
„Dann leg dich besser hin und ruh dich aus“, empfahl ich ihm und nahm seine Hand. Er sah so aus, als wolle er widersprechen, doch er blieb still. Wahrscheinlich wusste er, dass er nicht umhin kam auf mich zu hören.
Also ließ er es zu, dass ich ihm ins Bett half. Unter lautem Ächzen quälte er sich auf die Matratze. Auf seiner Stirn entdeckte ich die ersten Schweißperlen, die sich einen Weg über sein Gesicht bahnten.
„Warum hast du dich denn nicht schon vorher hingelegt?“ Ich versuchte nicht vorwurfsvoll oder streng zu klingen.
„Weil ich froh war mal nicht nur im Bett zu liegen und mich zu langweilen“, meckerte er, als ich die Decke über ihn warf.
„Ich weiß, wie nervig es ist nichts tun zu dürfen, aber wenn du weiterhin deine Kräfte überanstrengst, dann wirst du nie gesund.“ Jetzt kam bei mir doch die Strenge durch.
James erwiderte nichts. Seine Miene zeigte Unzufriedenheit, Zorn, aber auch Verunsicherung gepaart mit Angst. Ich konnte mir keinen Reim auf sein Gefühlschaos machen. Wegen seinem Unmut entschied ich mich dagegen, ihn zu fragen, was ihn störte oder bedrückte.
„Liebst du mich noch?“ James´ Frage traf mich wie ein Schlag. Mir blieb die Luft weg. Ich war entsetzt, dass er überhaupt auf die Idee kam, dass ich ihn nicht mehr lieben würde.
„Hast du völlig den Verstand verloren?“, blaffte ich ihn an und setzte mich auf die Bettkante. James schaute mich erschrocken an. Ich beugte mich zu ihm herunter, bis unsere Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Meine Haare fielen über meine Schultern und berührten seine Wangen. Tief schaute ich ihm in die grauen Augen.
„Bei unserem Gespräch habe ich viele Dinge gesagt, die mich beschäftigen und dich schwer getroffen haben, aber ich musste meine Sorgen und Zweifel loswerden, auch wenn dass nicht einfach für uns beide war“, fing ich mit fester Stimme an.
„Du musst verstehen und akzeptieren, dass mein Vertrauen zu dir in der Vergangenheit stark gelitten hat und es Zeit benötigt es wieder aufzubauen. Wir beide müssen an uns arbeiten. Wir müssen ehrlich zueinander sein und über alles miteinander reden können, egal, wie unangenehm es auch werden kann.“
Mein Freund hatte die Lippen aufeinandergepresst und war ganz blass geworden.
„Mein Vertrauensverhältnis zu dir hat sich geändert. Meine Sicht auf unsere Beziehung und auch auf dich hat sich geändert, aber eins wird sich nie ändern: dass ich dich liebe, James.“
Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals, der das erste Anzeichen für aufkommende Tränen war.
„Und jetzt…“ Ich musste erstmal abbrechen, um meine Gefühle und Gedanken zu ordnen. Ich atmete tief durch und kämpfte mit den Tränen.
„Und jetzt bin ich total durcheinander, weil ich dich zum Einen unendlich liebe und niemals verlieren will und zum Anderen, weil es einen Teil in mir gibt, der dich hasst“, brachte ich mühsam hervor und schluchzte leise. Zumindest weinte ich nicht.
James sah aus, als sei er ganz weit weg. Geistesabwesend stierte er mich mit glasigen Augen an. Mir fuhr ein Schauer über den Rücken. Mit meiner Beichte mutete ich ihm einiges zu. Minuten vergingen, in denen keiner von uns etwas sagte. Ich hörte nur seinen flachen Atemzügen zu.
„Ich komme damit zurecht“, murmelte er und seine Pupillen fixierten mich.
„Womit?“
„Mit deinem Hass auf mich.“ Das sagte er mit einer Selbstverständlichkeit, die mich erschreckte. „Ich kann es dir nicht mal verdenken, Holly.“
Ich wusste nicht, was und ob ich etwas darauf erwidern sollte. Ich zog meinen Kopf zurück und setzte mich auf.
„Ich bin Schuld daran, dass deine Eltern tot sind. Ich bin Schuld an der Tatsache, dass meine Ex-Kollegen hinter dir her sind. Du hast also allen Grund mich zu hassen“, meinte er düster. Seine Stimme war viel rauer, als normal.
„Ich bin froh, dass du so ehrlich zu mir bist“, sagte er aufrichtig und sah mich dankbar an. Ich hatte James verletzt. Da war ich mir ziemlich sicher. Trotzdem war er mir nicht böse und schrie mich an. Er verstand mich. Meine Gefühle waren ihm wichtig und er nahm meine Sorgen ernst.
„Ich denke es wäre nur fair, wenn ich dir jetzt auch etwas erzählen würde, was mich seit Längerem beschäftigt.“
Im ersten Moment war ich perplex. Meine Worte hatten ihre Wirkung bei ihm wohl nicht verfehlt. Es freute mich, dass er mir etwas anvertrauen und über seine Sorgen und Ängste sprechen wollte.
Angespannt und aufgeregt wartete ich darauf, dass er anfing zu reden. Komischerweise verkrampften sich meine Muskeln schmerzhaft und ich konnte mich kaum bewegen. James und ich waren bewegungslos. Es schien, als sei die Welt stehen geblieben.
„Ich vermisse es so sehr“, kam es urplötzlich über seine Lippen.
„Was vermisst du?“
„Das Töten“, gab er schwermütig zu, doch seine Augen glänzten gespenstisch. Automatisch hielt ich den Atem an und mein Herzschlag setzte für einen Moment aus. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Ich war so entsetzt, dass ich gar nicht bemerkte, wie James aufmerksam meine Gesichtszüge studierte.
„Du bist schockiert“, stellte er bedrückt fest.
„Ich würde lügen, wenn ich jetzt nein sage“, flüsterte ich und war erstaunt, dass ich überhaupt etwas herausbekommen hatte.
„Wieso vermisst du es?“, fragte ich, obwohl ich mir gar nicht sicher war, ob ich das eigentlich wissen wollte. James räusperte sich, bevor er mir antwortete.
„Für einen Außenstehenden, der sich im Metier des Auftragskillers nicht auskennt, ist das bestimmt schwer zu verstehen“, begann er und warf mir dabei einen unsicheren Blick zu.
„Aber wenn du jahrelang nichts anderes gewöhnt bist, so, wie ich, dann nimmt dich dieses unbeschreibliche Gefühl, das du bei jedem Auftrag hast, ein. Es hält deine Seele gefangen und beherrscht deinen Verstand. Tag und Nacht. Jede Minuten denkst du daran und würdest alles dafür tun, um dieses Gefühl so schnell, wie möglich, wiederzubekommen. Es ist wie eine Droge, Holly.“ Flüchtig befeuchtete er seine Lippen.
„Das Töten ist ein unvorstellbar starker Rausch, dem du dich nicht entziehen kannst. Dein gesamtes Blut gerät in Wallung. Es werden Mengen an Adrenalin und Endorphinen durch deinen Körper gepumpt. Du fühlst dich unbesiegbar, überlegen und mächtig. Du bist in einer Art Schwebezustand oder Trance. Nonstop“, schwärmte er leidenschaftlich mit einem leichten Grinsen im Gesicht.
„Wenn man einen Menschen tötet, dann ist der Geruch von frischem Blut das Köstlichste, was du jemals gerochen hast und du willst immer mehr davon. Die panischen, ängstlichen und qualvollen Schreie klingen für deine Ohren wie Musik. Je mehr Qualen und Schmerzen du jemandem zufügst, umso weniger kannst und willst du mit deinen Schlägen und Tritten aufhören. Es macht einen sehr schnell süchtig. Du wirst davon abhängig, eine Waffe in deiner Hand zu halten; sie auf deiner Haut zu spüren und zu wissen, dass du mit einem einzigen Schuss ein Leben auslöschen kannst. Du wirst davon abhängig, einen Menschen vor deinen Augen sterben zu sehen.“
James unterbrach seine Rede für einen Moment. Seine Miene war neutral, doch ich sah das lodernde Feuer in seinen grauen Augen noch klar und deutlich. Nach den ersten Sätzen hatte ich angefangen zu zittern. Er hatte Recht. Ich konnte diese Gefühle nicht nachvollziehen. Sie waren einfach abartig.
„Ich bin hin- und hergerissen, Holly. Ich habe für meine Verhältnisse lange keinen Mord mehr begangen und darauf bin ich auch stolz, aber für einen Teil fühlt es sich wie ein Entzug an. Und dieser Teil verlangt von mir, dass ich meiner Sucht nachgebe. Er schreit förmlich danach.“
An seiner Stimme konnte ich hören, wie sehr ihn dies belastete.
„Ich kämpfe bereits seit Monaten gegen dieses Verlangen an, aber ich befürchte, dass ich nicht mehr so stark und konsequent sein kann, wie bisher. Schließlich liegt das Töten in meiner Natur und ich habe es geliebt, Holly, und wie ich es geliebt habe“, dröhnte es aus den Tiefen seiner Kehle.
„Ich habe auch niemals etwas anderes gemacht. Seit meinem 15. Lebensjahr bin ich bloß das Töten gewöhnt. Tag ein, Tag aus.“
Zu meiner Erleichterung hörte ich endlich eine Spur Traurigkeit in seiner Stimme. Ich hatte schon Angst gehabt, dass es für ihn nichts Negatives am Beruf des Auftragskillers gegeben hatte.
Als er eben vom Töten geschwärmt hatte, war er Ophelia schrecklich ähnlich gewesen. Sie hatte mir in ihrem Haus fast dasselbe gesagt und mir weismachen wollen, dass James immer noch genauso war, wie seine Ex-Kollegen. Vor wenigen Sekunden hatte ich auch noch befürchtet, dass sie Recht gehabt hatte; dass sie wirklich wusste, wer er war und ich nicht.  
Durch die Trauer in seiner Stimme und die bekümmerte Miene wurde mir bewusst, dass er doch anders war, als sie.
„Egal, wie sehr ich meinen Beruf auch geliebt habe und ich das Töten vermisse, ich werde meinem Adoptivvater nie verzeihen können, dass er mir die Chance, ein normales Leben zu führen, genommen hat. Er ist egoistisch gewesen. Er hatte nur seinen eigenen Vorteil im Sinn. Was ich gewollt habe, war ihm egal“, sagte er deprimiert.
Auf sein Gefühlshoch folgte ein erdrückendes Tief. James wirkte überfordert und depressiv. Gleichzeitig aber auch glücklich und erleichtert.
Es war ein merkwürdiger; befremdlicher Anblick. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun oder sagen sollte.
Plötzlich tauchte auf James´ bleichem Gesicht ein zufriedenes Lächeln auf.
Sein Kopf schnellte zu mir. Mit seinen Augen durchbohrte er mich, als versuche er in meine Seele zu blicken.
„Ich bin kaputt, Holly. Meine Vergangenheit hat mich kaputt gemacht und ich war immer der Meinung, dass das für den Rest meines Lebens so bleiben wird“, offenbarte er mir. Seine Worte und sein Lächeln wollten für mich einfach nicht zusammenpassen.
„Aber seit ich dir begegnet bin, fühle ich mich nicht mehr verloren und allein. Du reparierst meine zerstörte Seele, Holly. Jedes Mal, wenn du bei mir bist, heilst du mich. Du hast mich gerettet.“
Die ganze Zeit hatte ich gegen meine Tränen angekämpft, aber nun schossen sie wie ein Schwall aus meinen Augen heraus und befeuchteten meine Haut. Mein Verstand raste, denn er wurde von zu vielen Gedanken überflutet. Was ich heute alles selbst gesagt und von ihm erfahren hatte, war eindeutig zu viel für einen Tag gewesen. Viel zu viel.
„Das war ein anstrengendes Gespräch“, fasste James zusammen und sprach genau das aus, was ich dachte. Dann setzte er sich auf und wischte mir die Tränen weg.
„Wie Recht du hast“, flüsterte ich mit schwacher Stimme und bemühte mich mit der Heulerei aufzuhören. Ich atmete tief ein und aus und versuchte mich zu sammeln. Dabei fiel mein Blick auf meinen Wecker. Es war bereits halb elf.
„Wir sollten schlafen gehen“, meinte ich und war mit einem Mal hundemüde. Normalerweise wäre ich länger aufgeblieben, da morgen Samstag war und ich nicht zur Schule musste, aber dieses Gespräch hatte an meinen Kräften gezerrt. Außerdem war ich mir sicher, dass Schlaf uns beiden gut tun würde. Zustimmend nickte James und ließ sich zurück aufs Bett fallen.
Ich dagegen stand auf und kramte in meinem Kleiderschrank herum.
Ich war auf der Suche nach meinen Schlafsachen, die ich am Morgen lieblos in den Schrank gestopft hatte.
Nach einigen Minuten fand ich die Sachen endlich zwischen zwei Jeans und einem Pullover. Blitzschnell entledigte ich mich meines Rockes, der Strumpfhose und dem Rollkragenpulli.
„Von mir aus kannst du so bleiben“, neckte er mich. Ich wirbelte herum. Feixend saß James im Bett und betrachtete mich.
Sofort wurde ich knallrot.
„Würde ich vielleicht auch, wenn ich nicht frieren würde“, gab ich zurück und zog mir einen dünnen hellbraunen Pullover über den Kopf.
„Du kannst unmöglich frieren, weil die Heizung schon den ganzen Tag auf der höchsten Stufe eingestellt ist“, triezte er mich.
„Außerdem könnte ich dich notfalls wärmen.“ Keck zwinkerte er mir zu. Ich verdrehte die Augen.
„Mir ist kalt“, protestierte ich und zog mir eine lange Schlafanzughose an. James fing leise an zu kichern. Ich ignorierte das Gekicher und legte mich ins Bett. Herzhaft gähnte ich, ehe ich mich zudeckte und einkuschelte. Ich merkte, wie meine Lider zunehmend schwerer und schwerer wurden.
„Ich finde es gut, dass wir offen und ehrlich miteinander geredet haben, James. Das sollte immer so sein“, murmelte ich. Ich sah zu ihm herüber.
„Das wird jetzt immer so sein“, korrigierte er mich und rückte so nahe an mich heran, bis er mich mit seiner linken Schulter berührte. Dann nahm er meine rechte Hand und küsste sie.
„Ich liebe dich, Holly.“
„Ich dich auch“, erwiderte ich und schloss die Augen.

Ein warmer Atem, dem ich auf meinem Gesicht spürte, weckte mich. Verschlafen öffnete ich die Augen und erkannte bloß unscharfe Umrisse. Ich war genauso müde, wie vergangenen Abend. Wenn ich es nicht besser wusste, dann hätte ich geglaubt, dass ich nicht geschlafen hatte.
„Guten Morgen“, flötete James fröhlich neben mir. Wie konnte man am frühen Morgen nur so gut gelaunt sein?
„Warum bist du denn schon wach?“, jammerte ich und vergrub mein Gesicht in meinem Kissen.
„Keine Ahnung“, meinte er und gluckste. Danach merkte ich, wie er mir das Kissen unter dem Kopf wegzog. Wütend brummte ich und schlug blind nach James. Zu meinem Leidwesen traf ich ihn nicht.
„Musst du so gemein sein?“, fragte ich erbost und warf ihm einen finsteren Blick zu.
„Du nennst mich gemein, obwohl du eben noch versucht hast mich zu schlagen?“, fragte er lachend. Frech streckte ich ihm die Zunge raus, bevor ich die Decke zurückschlug und das Bett verließ.
„Warum gehst du denn jetzt?“, schmollte James. „Ich hatte auf eine heftige und leidenschaftliche Knutscherei gehofft.“ Augenblicklich klappte mir die Kinnlade herunter.
„Nach deiner Aktion mit dem Kissen kannst du das gleich vergessen“, konterte ich und schnappte mir die erstbesten Kleidungsstücke, die ich in meinem überfüllten Schrank finden konnte.
„Komm wieder her“, bettelte er. „Du kannst einen Verletzen doch nicht einfach alleine lassen.“ Ungerührt ging ich zur Tür. Ich konnte jedoch nicht hinausgehen, ohne mich noch einmal zu ihm umzudrehen. Er sah zu mir herüber und schenkte mir eines seiner James Roddick-Lächeln. Sogleich spürte ich, wie ich im Begriff war schwach zu werden. Das war reinste Manipulation, aber dieses Mal fiel ich nicht darauf herein.
„Du kommst bestimmt gut zurecht, auch ohne mich“, sagte ich angrifflustig. Ehe er noch etwas entgegnen konnte, verließ ich das Zimmer.
Im Flur war es totenstill. Durch die fehlenden Fenster war es ziemlich dunkel und es dauerte seine Zeit, bis sich meine Augen an die Lichtverhältnisse angepasst hatten. Langsamen Schrittes schlich ich leise zum Badezimmer, um niemanden zu wecken. Dort angekommen bekam ich erstmal eine Gänsehaut, weil die Fliesen trotz Socken an meinen Füßen eiskalt waren. Ich legte meine Klamotten auf dem Wäschekorb ab und schaltete die Heizung an. Wie gewöhnlich hatte Olivia sie über Nacht ausgestellt und dass bloß, um ein paar Dollar im Monat zu sparen.
Innerlich verfluchte ich ihren Sparwahn, als ich mich auszog und unter die Dusche sprang. Das heiße Wasser belebte meinen Körper und vertrieb die Müdigkeit. Ich war in diesem Moment so glücklich, dass ich anfing ein Lied zu pfeifen. Ich hatte es zwei- dreimal im Autoradio gehört, aber der Titel wollte mir nicht einfallen.
Während ich das Wasser auf mich niederprasseln ließ, überlegte ich mir die Planung für den heutigen Tag. Nachdem Linda und ich uns wieder angenähert hatten, hatte ich Lust etwas mit meiner besten Freundin zu unternehmen. Zwar wusste ich nicht genau, wie das Wetter heute werden sollten, doch sicherlich nicht allzu gut. Vielleicht sollte ich spontan bei ihr vorbeifahren und sie besuchen. Das hatte ich seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht.
Aber kaum hatte sich diese Idee festgesetzt, da drängten die Gedanken an James alles Restliche in den Hintergrund. Er wollte den Tag ganz sicher mit mir verbringen, nachdem wir in der Woche kaum Zeit für uns gehabt hatten.
Na toll! Wie soll ich aus diesem Dilemma bloß herauskommen? Ich war noch in Gedanken versunken, als ich das Wasser abstellte und aus der Dusche stieg. Begrüßt wurde ich von stickiger Luft. Die Heizung hatte den Raum überraschend schnell aufgeheizt. Ich zog mich an.
Danach hatte ich das Bedürfnis gleich wieder duschen zu gehen, weil ich mich durchgeschwitzt fühlte.
Die Luft wurde immer unerträglicher. Daher ging ich zum kleinen runden Fenster und riss es auf.
Frische kalte Luft strömte mir entgegen und kühlte mich ab. Draußen war es bewölkt, so, wie die letzten Tage. Zumindest schneite es nicht.
Ich machte einen tiefen Atemzug. Mein Kopf fühlte sich ungewohnt leer an.
Einen Abend zuvor war mein Kopf noch mit unzähligen Gedanken angefüllt gewesen, die ihn beinahe zur Explosion gebracht hatten. Jetzt war dieser unerträgliche Druck verschwunden, endlich.  
Dessen ungeachtet musste ich jedoch schlagartig an unser Gespräch denken. Ich wusste nicht, ob es klug war mit James noch einmal darüber zu sprechen oder nicht. Ich war mir nicht sicher, ob alles zwischen uns geklärt war.
Nahm er tatsächlich das ernst, was ich ihm gesagt hatte? Was sollte ich von seiner Lobeshymne auf das Töten halten? Für mich war dieses Thema das größte Rätsel und würde es wohl auch immer bleiben. James hatte mit fanatischer Begeisterung davon erzählt, wie es war ein Auftragskiller zu sein und wie sehr er es vermisste einen Menschen zu töten. Gleichzeitig wünschte er sich aber ein normales Leben. Nur woher sollte ich jetzt wissen, was von Beidem er mehr wollte? Schon früher, nachdem ich von seinem Geheimnis erfahren hatte, waren mir seine beiden Seiten, die er in sich trug, bewusst gewesen.
James war höflich, liebevoll, charmant und verfügte über einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Das war eine Seite von ihm, die ich so oft hatte kennenlernen dürfen. Aber das Dunkle; das abgrundtief Böse seiner Seele war mir beinahe unbekannt.
Natürlich hatte ich bereits einige Male miterlebt, wie er wütend geworden und ausgerastet war. Ich hatte gesehen, wie er einen wehrlosen, bewusstlosen Mann gewürgt und Cassidy bedroht hatte. Er kannte seine Stärken und Schwächen genau und wusste, wie man präzise jemanden verletzen oder töten konnte.
Obwohl ich dies alles von ihm wusste, war ich mir zu hundert Prozent sicher, dass ich nur einen Bruchteil dieser Seite kannte. Ich hatte keine Ahnung, was er in all den Jahren als Killer seinen Opfern angetan hatte. Ich hatte keine Vorstellung davon, wozu er noch fähig war und was für ein Gewaltpotenzial er besaß. Diese Seite wurde vom ihm eingeschlossen; im Zaum gehalten und wenn ich nach seinen Worten ging, dann kämpfte er schon lange gegen das Böse an, das herausgelassen werden wollte.
Wie lange würde er das noch aushalten? Würde er es schaffen das Böse zu unterdrücken? Fragen über Fragen.
Für James musste dieser Kampf eine unglaubliche Qual sein. Er hatte sicherlich das Gefühl sich zwischen einem neuen Leben mit mir und seiner Vergangenheit entscheiden zu müssen. Ein Kampf zwischen Gut und Böse. Ich rechnete es ihm hoch an, dass er seinem Verlangen nicht nachgab und standhaft blieb, doch er konnte seine Vergangenheit nicht einfach rückgängig machen.
Sie hatte ihn geprägt und würde ihn sein Leben lang begleiten. Er konnte sie nicht abschütteln, geschweige denn vergessen. Sie gehörte zu ihm. Ein lautes Klopfen unterbrach jäh meine Gedanken.
„Bist du da drin, Holly?“ Es war James. Statt ihm zu antworten, ging ich zur Tür und öffnete sie. Mit zerzausten Haaren und einem verwegen Grinsen stand er vor mir.
„Ich wollte kurz raus an die frische Luft und mich ein bisschen bewegen. Willst du vielleicht mitkommen?“
„Ich komme mit“, antwortete ich.
„Geh schon mal vor. Ich muss mir noch die Haare fönen.“
„Alles klar“, sagte er und gab mir einen zärtlichen Kuss. Erneut brachte er mein Herz zum Rasen, wie am ersten Tag.
Als er sich von mir löste und Richtung Treppe verschwand, blieb bei mir nichts als Leere übrig. Es war ein schreckliches Gefühl, doch es zeigte mir auch, wie sehr ich James brauchte, um glücklich zu sein.

James spazierte vergnügt im Garten, als ich durch die Hintertür das Haus verließ und auf die Veranda trat. Zu meiner Erleichterung war er so vernünftig gewesen und hatte sich die Jacke angezogen, die ich ihm besorgt hatte. An seinen Schuhen, die nicht zugebunden waren, erkannte ich, dass er einfach mit den Füßen hineingeschlüpft war. Vermutlich war er ihm zu peinlich gewesen auf mich zu warten und mich zu bitten ihm beim Schuhe anziehen zu helfen.
„Ist das Wetter nicht herrlich?“, fragte mich James, nachdem ich die Veranda verlassen und die ersten Schritte im Schnee gemacht hatte.
„Für meinen Geschmack ist es etwas zu kalt“, entgegnete ich mürrisch. Ich hasste die Wintermonate, Schnee hin oder her.
Ich setzte mir die Kapuze auf und zog sie mir tief ins Gesicht. Meine Finger waren jetzt schon gefroren und taub.
„Ein paar Minuten wirst du die Kälte doch wohl aushalten, oder?“, erkundigte er sich belustigt. „Immerhin habe ich bei diesem Wetter sogar draußen geschlafen.“ Da hatte er Recht, aber er hatte es schließlich freiwillig getan.
„Ein paar Minuten werde ich aushalten. Mehr oder weniger“, nuschelte ich und rieb mir über die Oberarme, um mich halbwegs warm zu halten.
„Vorher habe ich die Kälte verabscheut, Holly“, gab er zu. Dann fing er an zu lächeln. „Aber jetzt liebe ich sie.“
Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. War er etwa verrückt geworden? James wandte sich zu mir um und bemerkte meinen skeptischen Blick.
„Für mich bedeutet diese eisige Luft Freiheit. Ich bin endlich wieder draußen und frei, Holly“, freute er sich und starrte in den wolkenverhangenen, trüben Himmel. Nun hatte ich Gewissheit: er hatte definitiv den Verstand verloren.
Plötzlich, ohne Vorwarnung, wurde ich von etwas Hartem und Kalten an der linken Schulter getroffen. Entsetzt schaute ich auf meine Jacke. Als ich einen runden, nassen Fleck und ein wenig Schnee entdeckte, ging mir ein Licht auf.
„Hast du mich mit einem Schneeball beworfen?“, fragte ich ihn empört, obwohl ich die Antwort bereits kannte.
James´ einsetzendes Gelächter gab mir die Bestätigung. Sein herzhaftes Lachen schallte durch den ganzen Garten und war bestimmt auch im Haus zu hören. Verärgert presste ich meine Lippen aufeinander und verwandelte meinen Mund in einen dünnen Strich.
„Na warte, das kriegst du zurück“, drohte ich ihm. Ich bückte mich, nahm mir eine handvoll Schnee und formte, so gut es mit steifen Fingern und einer verbunden Hand ging, eine Kugel.
„Ach ja? Ich wette du triffst mich nicht mal“, zog er mich auf und hatte selbst wieder Schnee in den Händen. Ich beeilte mich einen Schneeball zu Stande zu bringen, ehe er mich erneut bewerfen konnte. Nach ein paar Sekunden war ich endlich soweit. Mit dem rechten Arm holte ich aus, zielte und warf den Schneeball in James´ Richtung. Leider hatte ich den Schnee nicht fest genug zusammengedrückt, denn mitten im Flug wurde der Schneeball stetig kleiner. Wenige Zentimeter neben James rieselte der kümmerliche Rest von meinem Schneeball zurück auf die Erde.
„Das kam unerwartet.“ Seine Stimme triefte vor Sarkasmus.
„Arschloch.“
James´ Reaktion darauf war ein gut gezielter Schneeball, der mich trotz der Kapuze mitten ins Gesicht traf. Der Schnee verteilte sich auf meinen Wangen und der Stirn und fing bereits an zu schmelzen. Das Schlimmste war jedoch der Schnee, der im Ausschnitt meines Pullovers gelandet war. Meine Haut hatte keinerlei Gefühl mehr.
„Hast du gesehen, wie man es richtig macht?“, fragte er mich überheblich und grinste herausfordernd.
Es schien ihn zu amüsieren, wie ich halb erfroren und mit Schnee im Gesicht vor ihm stand.
„Nein, denn ich habe meine eigene Art“, giftete ich ihn an.
„Die habe ich gerade bestaunen dürfen“, spottete James und sein Grinsen wurde noch breiter.
„Ich glaube, du hast mich falsch verstehen“, belehrte ich ihn schmunzelnd. Dann rannte ich auf ihn zu. Unterwegs blieb ich kurz stehen, schob meine Arme wie eine Schaufel in den Schnee, nahm so viel von der weißen Masse, wie ich nur konnte, auf und kippte alles über seinen Kopf. Vor Überraschung stand ihm der Mund offen.
Ich konnte mir derweil das Lachen kaum verkneifen. Seine Haare und seine Schultern waren fast komplett von Schnee bedeckt.
„Jetzt hast du meine Art kennengelernt, James“, sagte ich und prustete los. Ich krümmte mich vor lachen und bekam kaum noch Luft.
Urplötzlich trat James unerwartet an mich heran und brachte mich irgendwie zu Fall. Und zwar so schnell, dass ich es erst begriff, als ich im kalten, reinen Schnee lag.
„Was soll denn das?“, keuchte ich und spürte die Kälte, die langsam, aber sicher, durch meine Jacke drang.
„Das ist meine Rache“, feixte er. Dann kniete er sich neben mich und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare, sodass der Schnee, der noch in seinen Haaren hing, auf mich nieder rieselte.
„Lass das“, beklagte ich mich und hob meine Hände schützend vor mein Gesicht. Zu meinem Erstaunen hörte er auf mich und ich konnte meine Hände herunternehmen.
Doch ehe ich aufstehen konnte, beugte er sich zu mir herunter und küsste mich leidenschaftlich. Das Rot auf meinen Wangen wurde noch ein bisschen dunkler.
„Bist du mir noch böse?“, fragte er mich und setzte sein charmantestes Lächeln auf. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Kopf zu schütteln. Wie gesagt, James wusste, wie er mich besänftigen konnte und dass nutzte er schamlos aus.
„Gut“, meinte er zufrieden und küsste mich erneut. Mein Herz hämmerte kräftig gegen meinen Brustkorb und mein Blut rauschte mit Höchstgeschwindigkeit durch meine Adern.
„Warum hast du mich mit dem Schneeball beworfen?“, wollte ich von ihm wissen, als der Kuss vorbei war.
„Ich wollte dich zum Lachen bringen. Das hab ich geschafft, auch wenn es auf meine Kosten war.“
„Tja, dass bist du selbst Schuld“, erwiderte ich und küsste ihn aufs Kinn. Danach herrschte Schweigen zwischen uns. Verträumt beobachtete ich meine, bei jedem Atemzug immer wieder neu aufsteigenden, Nebelwolken.
James hatte unterdessen die ganze Zeit die Augen geschlossen und atmete beinahe genüsslich den frischen Sauerstoff ein. Mit den feuchten, leicht abstehenden Haaren und seinem blassen, markanten Gesicht sah er unverschämt gut aus. Wie auf Knopfdruck brach auf einmal eine Hitze in mir aus, die ich kaum aushalten konnte. Ein merkwürdiges, mir unbekanntes Gefühl überkam mich. Es war ein wohliges Kribbeln, das jeden Zentimeter meines Körpers befiel, wie ein Virus, der mich infiziert hatte und sich ausbreitete.
Mein Herzschlag, der sich eben erst wieder normalisiert hatte, erhöhte sich ungesund schnell.
„Alles klar, Holly?“ Ich antwortete ihm nicht. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, herauszufinden, was plötzlich mit mir los war.
„Holly?“ James rüttelte an meinen Schultern. Mit verklärtem Blick schaute ich ihn an. Sein Gesicht zeigte Besorgnis, als er mir sanft über die Haare strich. James´ graue Augen strahlten mir entgegen. Mir stockte der Atem und ich wurde nervös.
Auf einmal nahm er energisch mein Gesicht in seine Hände und stierte mich an. Diese Geste machte es nicht gerade besser, ganz im Gegenteil. Hektisch musste ich nach Luft schnappen, denn ich hatte Panik sonst ersticken zu müssen.
„Würdest du bitte mit mir reden?“, brüllte er. Seine laute, wütende Stimme brachte mich dazu mich auf James zu konzentrieren und für eine Weile dieses Gefühl zu vergessen.
„Was ist mit dir?“
„Ich…ich weiß es nicht“, stammelte ich und kam mir ziemlich dämlich vor. James sagte nichts, sondern blickte mich bloß argwöhnisch an. Seit ich nicht mehr von dem plötzlich aufgetretenen Gefühl beherrscht wurde, bemerkte ich, wie kalt mein Rücken durch den Schnee geworden war. Ich bekam eine Gänsehaut und fing an zu zittern.
Sogleich erhob sich James und streckte mir seine linke Hand entgegen. Kurzerhand ergriff ich sie und er zog mich mit einem Ruck an seine Seite. Er schlang seine Arme um meine Taille und presste mich an seinen muskulösen Körper. Ich vernahm seinen derben, einzigartigen Geruch, den ich unter tausenden wiedererkennen würde. Ich legte mein Ohr an seine Brust und hörte seinem Herz zu, wie es stark und rhythmisch schlug.
Und dann kehrte es wieder zurück: das Gefühl in Flammen zu stehen und keine Luft zu bekommen.
Als ich mit meinen tauben Fingern zärtlich über seinen Rücken fuhr, traf mich die Erkenntnis, warum ich mich so fühlte, wie ein Blitz. Ich wollte ihn. Das unbeschreibliche Verlangen, das momentan mein ganzes Denken einnahm, war dafür das unverkennbare Zeichen. Es war schon lange her, dass ich dieses Verlangen zum letzten Mal verspürt hatte.
„Lass uns wieder ins Haus gehen, Holly“, flüsterte James mir zu. Sein warmer Atem kitzelte mich und meine Nackenhärchen stellten sich auf. Seine Stimme, mit dem rauen Nachklang, vibrierte förmlich in meinen Ohren. Von James´ Anziehungskraft und Aura schwirrte mir allmählich der Kopf.
Ohne eine Antwort von mir abzuwarten, nahm er meine rechte Hand und führte mich zum Haus. Ich hoffte, dass mein Verstand bald wieder klar werden und dieses Verlangen verschwinden würde. Aber würde es verschwinden?
Von selbst bestimmt nicht, beantwortete ich mir die Frage selbst. Meine ungewöhnlich heftige Reaktion auf James´ Nähe machte mir bewusst, dass ich soweit war. Ich war bereit meinem Verlangen nachzugeben und mit ihm zu schlafen. Definitiv.

Schnellen Schrittes eilte ich die Hauptstraße entlang. Meinen Kopf hielt ich gesenkt, damit der Wind mir nicht frontal ins Gesicht blies. Die vergangenen Wochen voller Regen, Schnee und fehlendem Sonnenschein hatten ihre Spuren hinterlassen, egal wohin man auch schaute. Die Häuser sahen trostlos und schmutzig aus. Nicht nur bei ihnen fehlte die Farbe, sondern auch in der Natur, als habe der Regen alles verblichen und rausgewaschen. Die Bäume trugen kein einziges Blatt mehr. Ihre verkrümmten Äste und ihre dürren Stämme waren traurig anzusehen.
Ich war auf dem Weg zu Linda. Nachdem James und ich ins Haus gegangen waren, hatte ich sofort beschlossen meiner besten Freundin spontan einen Besuch abzustatten. Ich persönlich hatte es für vernünftiger gehalten erstmal einige Stunden Abstand zu James zu halten, um wieder zur Besinnung zu kommen. Ich hatte dem Risiko entgehen wollen, dass ich mich auf ihn stürzte, denn seit mich das unbeschreibliche Verlangen nach einer Nacht mit ihm in Beschlag genommen hatte, hatte ich an nichts anderes mehr denken können.  
Daher war es nur das Beste gewesen zu Linda zu gehen, statt mit ihm in einem Haus; in einem Zimmer zu sein. Ich war gespannt, wie es sein würde, wenn ich zurück nach Hause; zurück zu ihm gehen würde. Ich schüttelte den Kopf, um die Gedanken an ihn loszuwerden. Ich freute mich darauf Linda wiederzusehen und zu wissen, dass wir wegen James nicht gleich aufeinander losgehen würden.
Freudestrahlend nahm ich an Geschwindigkeit zu und rannte voller Vorfreude zum Haus mit der sonnengelben Fassade, in dem Linda wohnte. Ich konnte es kaum erwarten mit ihr zu reden und zu lachen, so, wie früher. Mit geröteten Wangen kam ich vor der Haustür an und klingelte. Hoffentlich war sie schon wach.
Ich musste nicht lange warten, bis die Tür geöffnet wurde. Lindas Bruder Eli stand mit einem schwarzen T-Shirt und dunkelblauen Boxershorts bekleidet im Türrahmen. Er hatte dieselben blonden Haare wie seine Schwester. Ich hatte ihn bestimmt schon seit einem halben Jahr nicht mehr richtig gesehen. Das letzte Mal war auf der Beerdigung meiner Eltern gewesen. Seitdem hatte er sich wahnsinnig verändert. Er war wortwörtlich in die Höhe geschossen und sein vorher leicht rundliches Gesicht war kantiger geworden.
„Hey, Holly“, murmelte er mit kratziger Stimme. Ich schmunzelte. Ich kannte Eli jetzt schon so lange, wie Linda. Ich konnte kaum glauben, was für ein junger Mann aus dem Vierjährigen geworden war, mit dem ich vor zehn Jahren auf dem Spielplatz gespielt hatte.
„Hi“, erwiderte ich und zog mir die Kapuze herunter. „Kann ich reinkommen?“
„Klar.“ Er trat zur Seite und  ließ mich vorbei. Ich zog mir die Jacke aus und hängte sie an die Garderobe.
„Wir frühstücken gerade“, klärte er mich auf, als er vorausging und ich ihm folgte.
„Ich kann auch im Wohnzimmer warten“, schlug ich etwas verunsichert vor.
„Wieso denn?“ Er wandte seinen Kopf zu mir und sah mich fragend an. „Du störst uns schon nicht. Keine Sorge.“ Wieder ein Mensch, der im Stande war meine Gedanken zu lesen.
Eli betrat die geräumige Küche und setzte sich zurück an den Esstisch, der reichlich gedeckt war. Seine Mutter öffnete den Mund, vermutlich um ihn zu fragen, wer an der Tür gewesen war, als sie mich entdeckte. Ihr Blick zeigte eine Mischung aus Herzlichkeit und Mitleid.
„Hallo, Holly“, begrüßte sie mich. Linda, die mit dem Rücken zu mir saß, drehte sich um. Von einer Sekunde auf die Andere breitete sich ein Lächeln auf ihren Lippen aus. Dann sprang sie auf und umarmte mich.
„Was machst du denn hier? Vor allem so früh“, fragte sie lachend und gab mir einen flüchtigen Kuss auf den Mund. Irritiert starrte ich in ihre braunen Augen. Das hatte sie noch nie gemacht.
„Ich hatte Lust dich mal wieder zu besuchen, schließlich bin ich schon lange nicht mehr hier gewesen“, antwortete ich und grinste.
„Da hast du recht“, stimmte Linda mir zu. Daraufhin wandte sie sich an ihre Mutter.
„Darf ich mit Holly nach oben gehen?“ Ihr Ton klang flehend. Mrs. Johnson legte die Stirn in Falten und sah dadurch erheblich älter aus.
„Hast du denn keinen Hunger? Du hast kaum etwas gegessen.“ Ich verspürte ein Stechen in meinem Herz, denn sie erinnerte mich in diesem Moment an meine Mom. Hart musste ich schlucken.
„Nee.“ Linda schüttelte ihren Kopf und brachte ihre blonden Locken zum Schwingen. Dann packte sie mich an den Schultern und schob mich in den Flur.
„Meine Mom kann echt nervig sein“, sagte sie und seufzte entnervt. Als sie meine deprimierte Miene sah, wurde sie plötzlich ernst.
„Tut mir leid, Holly. Ich beschwere mich über meine Mom und du hast…“
Sie stoppte, schlug sich entsetzt eine Hand vor den Mund und riss die Augen weit auf.
„Und ich habe keine Mom mehr“, beendete ich ihren Satz.
„So…so wollte… ich das ni…nicht sagen“, stotterte sie. Ich konnte ihr ansehen, wie viele Vorwürfe sie sich machte und wie sehr sie ihre Worte bereute, doch ich war ihr nicht böse. Natürlich tat es immer wieder weh, wenn ich an meine Eltern erinnert wurde, aber ich musste lernen damit umzugehen, schließlich würden die Schmerzen für den Rest meines Lebens anhalten.
„Es ist alles okay, Linda. Lass uns nach oben gehen“, meinte ich. Nach einem letzten Seitenblick auf mich nickte sie und wir stampften die Treppe hinauf in ihr Zimmer.
Wie immer setzten wir uns auf ihre kleine Couch, die unter dem Fenster stand. Linda ging noch einmal in die Küche zurück, um uns etwas zu trinken zu holen. Das war unser Ritual.
Ich wusste genau, dass Linda gleich lächelnd mit zwei Gläsern und einer Flasche Saft zurückkommen und mich fragen würde, was es Neues bei mir gab. Aber wie sollte ich diese einfache Frage beantworten? Sollte ich ihr von der Unterhaltung zwischen James und mir erzählen?
Eigentlich hätte ich ihr gerne meine Gedanken und Gefühle mitgeteilt, doch ich hatte Angst unsere Freundschaft erneut zu gefährden. Linda war nicht gerade gut auf James zu sprechen.
Und die Beziehung zwischen den Beiden würde sicherlich auch nicht besser werden, wenn ich ihr von seinem Gerede über das Töten oder meinem Wunsch mit ihm zu schlafen berichten würde.
Bevor ich zu einer Entscheidung gekommen war, kehrte Linda zurück: mit zwei Gläsern und einer Flasche Saft in den Händen. Augenblicklich musste ich grinsen.
„Und was gibt´s Neues?“, fragte sie, während sie den Saft in die Gläser schüttete. Was sollte ich denn jetzt sagen? Ich verfluchte mich, weil ich mich nicht schnell genug hatte entscheiden können.
Linda drückte mir ein Glas in die Hand. Dann hielt sie inne und schaute mir mit einem seltsamen Blick, den ich nie an ihr gesehen hatte, in die Augen. Minuten verharrte sie in dieser Position, ehe sie sich ebenfalls auf der Couch niederließ.
„Du sagst nichts zu mir, weil es etwas über James zu erzählen gibt, richtig?“, fragte sie mich überspitzt in einer extrem hohen Stimmlage. Ich nickte bloß. Um ihrer vorwurfsvollen Miene zu entgehen, senkte ich den Kopf und nahm einen großen Schluck aus meinem Glas.
„Was hat er diesmal gemacht?“ Im ersten Moment war ich über ihre Frage verwundert, aber dann kam mir in den Sinn, dass sie einfach wissen wollte, was für einen Fehler James begangen hatte, damit sie erneut die Bestätigung bekam, dass er nicht gut genug für mich war.
„Gestern nach der Schule; nach unserem Gespräch habe ich mich lange mit ihm unterhalten“, gestand ich und meinte den Anflug eines triumphalen Lächelns bei ihr zu sehen.
„Und worüber habt ihr gesprochen?“ Ihre Neugier schob ich ebenfalls auf meinen Verdacht, dass sie bloß versessen darauf war etwas Schlechtes über meinen Freund zu hören.
„In erster Linie über meine Zweifel, die du in mir ausgelöst hast. Es versteht sich wohl von selbst, dass ich ihm nichts von unserer Unterhaltung in der Schule gesagt habe“, meinte ich schwermütig. Aber egal, wie schmerzhaft und erschreckend manche Aspekte im Gespräch zwischen James und mir auch gewesen waren, ich war Linda dankbar dafür, dass sie mich dazu gebracht hatte ihm einige unangenehme Fragen zu stellen.
„Wie hat er reagiert?“ Ihr Gesichtsausdruck verriet mir, dass sie wusste, dass James wütend geworden war.
„Anfangs war er genauso zornig, wie ich, aber dann zeigte er Verständnis für meine Bedenken, auch wenn ich ihm ebenso angesehen habe, wie verletzend meine Worte für ihn waren.“
„Dass tut mir aber leid für ihn“, sagte sie mit falschem Mitleid und schnaubte. Ihre Reaktion machte mir deutlich, dass sie James niemals akzeptieren, geschweige denn mögen würde.
„Ich weiß einfach nicht, wie es in Zukunft mit uns weitergeht, Linda. Ich habe ihm gesagt, dass es nötig ist, dass wir beide an uns arbeiten und stets ehrlich zueinander sind, aber ich habe keinen Schimmer, ob dass so einfach funktioniert, wie ich mir das vorstelle“, seufzte ich und lehnte mich zurück. Meine Freundin sah mich verstört an.
„Du hast dich also nicht von ihm getrennt?“
„Nein“, blaffte ich sie an.
„Ich habe nicht mit ihm geredet, in der Absicht, unsere Beziehung zu beenden.“
Linda ließ entmutigt die Arme sinken. Ihr größter Wunsch war nicht in Erfüllung gegangen.
„Wieso nicht, Holly? Er hat dir so viel angetan und außerdem kennst du ihn kaum“, äußerte sie verzweifelt und packte mich grob an den Handgelenken. Mir verschlug Lindas Impulsivität die Sprache.
„Er ist ein Fremder für dich. Sieh das doch ein“, belehrte sie mich. Dabei sprühten ihre Augen regelrecht Funken. Wenn sie nur wüsste, dass ich diesen Gedanken selbst noch vor einigen Stunden gehabt hatte.
„Ich gebe zu, dass es mir Schwierigkeiten bereitet, herauszufinden, was für ein Mensch James ist“, flüsterte ich mit schwacher Stimme. Ich hasste die Tatsache, dass mein Freund nach einem Jahr immer noch ein Rätsel für mich war.
„Was meinst du denn mit Schwierigkeiten?“, wollte Linda von mir wissen.
Wie sollte ich ihr das bloß erklären? Angestrengt dachte ich nach, um die richtigen Worte zu finden.
„James hat mir nie viel von sich preisgegeben. Es hat seine Zeit gedauert, bis er mir von seiner Vergangenheit und etwas über sich selbst erzählt hat.“
„Aber?“, fragte sie nach.
„Aber ich werde ihn niemals wirklich kennen. Da kann ich machen, was ich will, Linda. Er hat Seiten an sich, die er mir wahrscheinlich nie zeigen wird. Er hat eine Seite an sich, die mir Angst macht“, brachte ich mühsam hervor und konnte nicht glauben, dass ich ausgerechnet ihr dieses Geständnis gemacht hatte. Linda sah zufrieden und besorgt zugleich aus.
„Wie kannst du mit ihm zusammen sein, wenn du Angst vor ihm hast?“, sagte sie und schaute mich dabei an, als hielte sie mich für geisteskrank.
„Es ist ja nicht so, dass ich mich ständig vor ihm fürchten würde“, klärte ich sie auf. „Ich habe Angst vor dem Unbekannten seiner Seele, Linda. Vor dem, was sich in ihm verbirgt und irgendwann an die Oberfläche treten kann“, erklärte ich eindringlich, denn ich wollte unbedingt, dass Linda mich verstand.
„Das ist nicht gerade besser, Holly“, meinte sie bestürzt. Dazu bedachte sie mich mit einem mitleidigen Blick.
Dies bewies mir, dass Linda mich weiterhin für verblendet und naiv hielt. Ich selbst wusste genau, dass sie Recht damit hatte, aber zumindest versuchte ich an mir zu arbeiten; mich zu ändern.
„Wer weiß, wie viel Böses noch in ihm steckt. Ich will nicht, dass er plötzlich durchdreht und dich tötet, Holly!“, schrie sie aufgebracht und ihre Augen wurden feucht. Ihre Hände fingen an zu zittern, genauso wie ihre Lippen. Automatisch umklammerte ich Linda und hielt sie fest. Sie schluchzte und ihre Muskeln verkrampften sich. Mit allen Mitteln bemühte sie sich nicht zu weinen. Nach einer gefühlten Ewigkeit löste ich die Umarmung und schaute sie direkt an.
„James wird mich nicht töten, Linda, niemals. Das kann ich dir versichern“, redete ich beruhigend auf sie ein. „Er liebt mich und würde mir nie wehtun.“ Hysterisch schnappte Linda nach Luft und wollte sich einfach nicht beruhigen.
„Bist du dir da wirklich sicher? Du hast zugegeben, dass er eine Seite in sich trägt, die du nicht kennst und vor der du dich fürchtest“, sprudelte es in Windeseile aus ihr heraus.
„Ich weiß, was ich gesagt habe, doch egal, wie wütend, aggressiv und böse er auch jemals werden wird, James wird mich nicht angreifen.“ Beim letzten Satz hatte ich jedes einzelne Wort betont. Linda saß mir stocksteif gegenüber und starrte mich mit glasigen Augen an. Wenn ich sah, wie sehr sie litt und ich wusste, welche Todesängste sie wegen mir ausstehen musste, dann bereute ich es, dass ich ihr damals James´ Geheimnis anvertraut hatte.
„Er wird mir nichts tun, Linda. Das schwöre ich dir bei allem, was mir heilig ist“, versprach ich ihr mit todernster Miene. Ich nahm ihre rechte Hand und suchte ihren Blick. Lindas Pupillen fixierten mich und sie atmete tief durch.
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich hoffe, dass du Recht hast und du dich nicht in irgendetwas verrennst“, meinte sie dermaßen leise, dass ich es fast nicht verstanden hätte. Danach wurden wir beide still. Jeder von uns hing seinen Gedanken nach.
Als ich hierher gekommen war, hätte ich nicht gedacht das der Besuch bei meiner besten Freundin so verlaufen würde. Es war keine gute Idee gewesen über James zu reden.
„Und gibt es bei dir was Neues?“, fragte ich und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Mit meiner Frage wollte ich die Stimmung zwischen uns etwas auflockern. Dies gelang mir auch, denn Linda fing an zu grinsen.
„Nicht viel, außer…“ Ihr Grinsen wurde noch eine Spur breiter.
„Außer was?“, erkundigte ich mich neugierig und war froh, dass es nicht mehr um James und mich ging.
„Außer, dass ich heute ein Date mit David Waits habe“, kreischte sie vor Begeisterung und hüpfte auf der Couch auf und ab. Auf einmal strahlte sie über das ganze Gesicht, so, als habe es unsere vorige Unterhaltung nie gegeben.
Ich freute mich für Linda, da ich wusste, wie lange sie schon für David, den Kapitän der Basketballmannschaft, schwärmte. Oft hatte sie mir von den Blicken erzählt, die sie in den Schulkorridoren und der Cafeteria austauschten. Zuerst hatte ich geglaubt, dass sie sich das nur einbilden würde, doch dann hatte ich eines Tages selbst einen von Davids „schmachtenden Blicken“, wie Linda sie nannte, bemerkt.
„Wie ist es denn dazu gekommen?“ Ich war überrascht, dass Linda ein Date mit ihm hatte, denn monatelang hatte es keiner von ihnen gewagt den ersten Schritt zu tun.
„Also, er hat mich gestern Nachmittag einfach an meinem Spind angesprochen. Er meinte, dass ich ihm aufgefallen wäre und er gerne mit mir ausgehen würde.“ Lindas Gesicht lief knallrot an, als sie dies sagte.
„Ich hätte nie erwartet, dass er mich nach einem Date fragen würde.“ Schlagartig musste ich ebenfalls lächeln, denn Lindas gute Laune war ansteckend.
„Das ist echt toll, Linda“, sagte ich. „Jetzt will ich aber alles ganz genau wissen.“

Drei Stunden später war ich wieder Zuhause. Nachdem Linda mir jede kleinste Einzelheit vom Gespräch mit David Waits erzählt und mit mir gemeinsam die Kleiderfrage fürs Date diskutiert hatte, hatte ich den Heimweg angetreten.
Ich hatte Linda genug Zeit geben wollen sich auf ihr lang ersehntes Date vorzubereiten.
Ich war gegangen, obwohl ich mich am Liebsten bei Linda versteckt hätte. Ich hatte mich vor James und meinem Verlangen nach ihm verstecken wollen. Zwar war ich mir hundertprozentig sicher, dass ich mit ihm schlafen wollte, doch das vertrieb noch lange nicht meine Unsicherheit und Nervosität. Außerdem hatte ich keine Ahnung, wie ich reagieren würde, wenn ich in seiner Nähe war. Ich war nicht gerade versessen darauf wieder dasselbe quälende Gefühl, wie heute Morgen, zu verspüren.
Also hatte ich mich erstmal ins Wohnzimmer verzogen und gebetet, dass James in meinem Zimmer bleiben und nicht herunterkommen würde.
Angespannt hockte ich auf dem bequemen, alten Sessel neben dem Sofa und starrte auf die dunkle Mattscheibe des Fernsehers.
Seit ich das Haus betreten hatte, litt ich unter erhöhtem Herzschlag und Atemnot. Mein Körper stand unentwegt unter Strom, dabei trennte James und mich ein gesamtes Stockwerk. Wieso musste er auch eine so starke Anziehungskraft auf mich ausüben?
Innerlich verfluchte ich James, als Olivia das Zimmer betrat. Sie trug ein schickes blaues Abendkleid, das ihr bis knapp über die Knie reichte. Ihre schulterlangen Haare hatte sie ordentlich mit Klammern nach hinten gesteckt.
„Endlich habe ich dich gefunden“, sagte sie erleichtert. Ich war verwirrt. Nicht nur, weil ich mir nicht erklären konnte, warum sie mich gesucht hatte, sondern auch wegen ihrer Aufmachung.
„Ich suche dich bereits seit zehn Minuten, Holly“, erklärte sie mir im strengen Ton. Ich wunderte mich, dass sie erst jetzt im Wohnzimmer nachgesehen hatte.
„Was möchtest du denn von mir? Und warum hast du dich so fein gemacht?“
Interessiert beäugte ich sie von oben bis unten.
„Ich habe eben kurz nach James gesehen und er hat mich gefragt, ob du schon wieder da bist. Da ich es nicht wusste, habe ich ihm versprochen nachzusehen“, berichtete sie mir mit vorwurfsvoller Miene.
„Ich weiß zwar nicht, ob du immer noch mit James im Streit liegst und du ihm unbedingt aus dem Weg gehen willst, aber du hättest zumindest so höflich sein können zu ihm hoch zu gehen und ihm zu sagen, dass du wieder zurück bist“, meckerte sie. Jetzt fehlte nur noch der erhobene Zeigefinger.
„Tut mir leid, dass ich nicht Bescheid gesagt habe, aber ich brauche erstmal ein bisschen Zeit für mich. James würde mich dabei nur stören“, entgegnete ich barsch. Olivia schnaubte und schüttelte den Kopf.
„Na gut“, sie schob die Schultern nach oben. „Das ist deine Sache, Holly.“ Endlich hatte sie eingesehen, dass es zu nichts führte, wenn sie sich in meine Angelegenheiten einmischte.
„Also…warum hast du dich so fein gemacht?“, wiederholte ich meine Frage. Olivia schaute wie mechanisch an sich herunter.
„Ich habe deinen Onkel dazu überreden können mich heute Abend in ein Restaurant auszuführen“, verkündete sie stolz und brachte ein Lächeln zu Stande. Mir dagegen froren die Gesichtszüge ein und ich wurde blass. Jamie und Olivia würden für einige Stunden aus dem Haus sein. Dann wären James und ich völlig allein. War das ein Zeichen? Wollte mir das Schicksal vielleicht irgendetwas damit sagen?
„Dein Onkel war anfänglich zwar nicht begeistert von meinem Vorschlag auszugehen, weil er James und dich nicht alleine lassen wollte, aber ich konnte ihn davon überzeugen, dass nichts Schlimmes passieren wird, wenn wir weg sind“, meinte sie belustigt.
Ihr Vertrauen zu mir, aber auch das zu James, den sie eigentlich gar nicht kannte, schien so groß zu sein, dass der Gedanke, dass zwischen uns beiden etwas laufen würde, sie amüsierte. Das wunderte mich, weil sie schließlich diejenige gewesen war, die gesehen hatte, wie ich halbnackt auf James gesessen und mit ihm herumgeknutscht hatte.
„Er macht sich wieder viel zu viele Gedanken“, warf sie in den Raum und lächelte. „Du kennst ihn ja.“ Zustimmend nickte ich.
Jamie war meinem Dad unglaublich ähnlich. Er hatte nicht nur dieselben dunklen Haare und Gesichtszüge, wie sein Bruder, sondern er war auch genauso stur und misstrauisch, wie mein Dad. Erst jetzt fielen mir die Parallelen zu den Beiden und mir auf. Ich war ebenfalls stur und misstrauisch.
„Vielleicht solltest du die Zeit, in der wir weg sind, nutzen und dich mit James aussprechen“, riet sie mir mit bedeutsamem Blick.
Olivia glaubte noch immer, dass James und ich im Streit lagen und wollte, dass ich mich mit ihm versöhnte.
Ich hätte gerne gewusst, wie sie reagiert und was sie gesagt hätte, wenn ich ihr erzählen würde, was mich tatsächlich beschäftigte und warum ich es vermied James zu begegnen. Wenn sie die Wahrheit kennen würde, dann würde sie sicherlich nicht mit ihrem Mann ausgehen, sondern würde hier bleiben und es zu verhindern wissen, dass James und ich uns in einem Raum aufhielten.
„Ich werde die Zeit nutzen“, nuschelte ich. „Und wie ich sie nutzen werde.“

Um halb acht verließen Olivia und Jamie das Haus. Dennoch saß ich unverändert auf meinem Platz und kaute auf meiner Unterlippe herum. Schlagartig hatte ich das Gefühl krank zu sein.
Meine Haut war fiebrig und eiskalter Schweiß trat auf meine Stirn.
Egal, wie schlimm die Auswirkungen meiner Aufregung auch waren, ich würde nach oben in mein Zimmer gehen. Ich würde zu James gehen und meinem Verlangen nachgeben. Ich würde das tun, wonach mein Körper schrie.
Ich holte tief Luft, bevor ich mich erhob und den Weg nach oben einschlug. Mit schlotternden Knien erklomm ich Stufe für Stufe. Je näher ich James kam, desto schwindliger und heißer wurde mir.
Aus Angst, die Treppe herunterzufallen, hielt ich mich am Geländer fest. Reiß dich zusammen, Holly, brüllte mich die nervige Stimme in meinem Kopf an.
„Das versuche ich doch“, sagte ich laut. Sofort schämte ich mich, weil ich einer Stimme geantwortet hatte, die nicht wirklich existierte.
Ein schwerer Kloß setzte sich in meinem Hals fest, als ich vor meiner Zimmertür stand und meine rechte Hand um den Türknauf legte.
„Ich schaffe das. Ich schaffe das. Ich schaffe das“, murmelte ich immer wieder vor mich hin. „Ich bin bereit.“  
Ohne noch lange darüber nachzudenken, öffnete ich die Tür und betrat mein Zimmer. Mir fiel sofort James ins Auge, welcher gelangweilt auf meinem Schreibtischstuhl saß und sich um die eigene Achse drehte. Leise schloss ich die Tür hinter mir und blieb wie angewurzelt stehen. Wie gebannt starrte ich ihn an. Meine Augen wanderten von seinen Haaren, über das Gesicht, bis hin zu seinem Oberkörper. Dort blieb mein Blick hängen. Das T-Shirt, das er trug, betonte seine starken Oberarme und seinen muskulösen Brustkorb. Mein Herz schlug so schnell, dass ich schon befürchtete, dass es jeden Moment heraussprang.
Plötzlich stoppte James den Stuhl und stand auf. Er kam auf mich zu, ohne jegliche Gleichgewichtsprobleme. Er schenkte mir ein umwerfendes Lächeln, das mich umhaute und schwach machte. Ich machte eilig einen Schritt zurück und lehnte mich mit dem Rücken an die Tür. Wenn ich in Ohnmacht fiel, dann würde ich zumindest nicht auf den Boden kippen.
„Geht es dir gut, Holly? Du siehst krank aus“, merkte er beunruhigt an. Er nahm mein Gesicht in seine Hände und studierte aufmerksam meine Hautfarbe. Ich fühlte mich wie beim Gesundheitscheck beim Arzt.
„Mit mir ist alles in Ordnung“, erwiderte ich und war überrascht, dass ich einen deutlichen Satz herausgebracht hatte.
„Sicher?“ Er klang skeptisch. Wie wild nickte ich. So lange, bis mir schlecht wurde. James schien mir nicht zu glauben.
„Aber du bist blass und fühlst du dich heiß an“, meinte er verdutzt und strich mit seinen Daumen über meine Wangen. Ich schloss die Augen und genoss seine Berührungen, obwohl sie mir den Atem raubten. Mein Verlangen stieg ins Unermessliche und mein Verstand schaltete sich aus. Hektisch schnappte ich mir seine Hand und zog ihn zum Bett.
„Was hast du vor?“, fragte er verwundert. „Was…“
Ich presste meinen rechten Zeigefinger gegen seine Lippen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Mit aller Kraft versuchte ich meine Verunsicherung zu überspielen, doch so recht wollte es mir nicht gelingen. Vor allem, als ich mit zittrigen Händen sein T-Shirt hochzog.
„Bist du dir sicher, dass du das willst?“, wollte James von mir wissen, denn er hatte gleich begriffen, was ich vorhatte.
„Ja“, hauchte ich und hantierte weiter an dem T-Shirt herum. James beobachtete mich bei dem verzweifelten Versuch ihn auszuziehen.
„Lass mich das machen“, meinte er gelassen und schob sanft meine Hände zur Seite. Dann zog er sich das T-Shirt selbst über den Kopf und warf es auf den Boden. Nun stand er mit entblößtem Oberkörper vor mir und ich konnte die letzten Spuren seiner verheerenden Verletzungen sehen. Die Haut, unter der sich seine gebrochenen Rippen verbargen, sah noch etwas bläulich aus.
Während meine Augen unentwegt auf seinen Oberkörper gerichtet waren und ich seine Bauchmuskeln betrachtete, beugte er sich zu mir herunter und küsste mich zärtlich. Mein Herz flatterte und schlug mir bis zum Hals. Als James den Kuss beendete, legte er seine Arme um mich und hob mich hoch. Ein überraschtes Geräusch entfleuchte meiner Kehle. Panisch hielt ich mich an ihm fest.
„Keine Angst, Holly. Ich lasse dich schon nicht fallen“, flüsterte er mir ins Ohr. Er machte drei große Schritte und legte mich aufs Bett. Mit seinen grauen Augen schaute er mich durchdringend an. Ich schluckte mehrmals hintereinander, um diesen nervigen Kloß in meinem Hals loszuwerden. Dermaßen unsicher und nervös war ich noch nie zuvor gewesen.
„Wir müssen das nicht tun, wenn du…“ fing er an, brach aber abrupt ab, als er meine entschlossene Miene bemerkte.
„Ich weiß, was ich will, James“, sagte ich mit fester Stimme und küsste ihn auf den Hals. Er nickte kaum merklich und strich mir ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht.
Daraufhin setzte ich mich auf und entledigte mich meines Pullovers. Ich konnte es leider nicht verhindern, dass ich rot wurde. Verdammte Verlegenheit.
James lächelte und gab mir einen Kuss auf die Nasenspitze. Als er sich dann die Hose auszog wusste ich, dass es langsam ernst wurde. Wie würde es für mich sein? Was war, wenn ich etwas falsch machte? Auf einmal hatte ich das Gefühl zu ersticken. Was war, wenn es mir oder James nicht gefiel? Ich hatte keinerlei Erfahrung. James dagegen…
Wir hatten zwar nie ausgiebig über das Thema Sex gesprochen und daher wusste ich auch rein gar nichts über James´ Erfahrungen auf diesem Gebiet, aber ich war mir sicher, dass er genau wusste, was er tat.
Tief in Gedanken versunken nahm ich bloß am Rande war, wie mein Freund mir die Jeans aufknöpfte.
Eine Welle puren Verlangens spülte über mich hinweg und brachte meinen gesamten Körper zum Beben. Kaum hatte er mir die Jeans von den Beinen gezogen, da stürzte ich mich regelrecht auf ihn.
Vergessen war die furchtbare Angst, die mein ständiger Begleiter war. Ich zog ihn zu mir herunter und drückte meine Lippen dermaßen fest gegen seine, bis es wehtat. Er legte sich auf mich, wobei er seine Arme neben meinem Kopf abstützte, damit sein volles Gewicht nicht auf mir lastete. Ich schlang meine Beine um seine Hüften und presste mich an seinen durchtrainierten Körper. Seine Haut war genauso aufgeheizt, wie meine.
Ein wohliger Schauer durchfuhr mich wie ein Blitz, als er mit seiner Zunge meinen Hals entlangfuhr und ich seinen Atem auf meiner Haut spürte. Ich vergrub meine Hände in seinen Haaren.
James legte eine Hand auf mein linkes Knie, die mit der Zeit immer weiter hinauf zu meinem Oberschenkel glitt. Ich hielt den Atem an und glaubte vor Erregung den Verstand zu verlieren.
Besonders, als er anfing mich vom Brustbein abwärts zu küssen. Als er unterhalb meines Bauchnabels angelangt war, zog er mir meinen schwarzen Panty herunter. In diesem Moment schwebte ich bereits zwischen Traum und Realität. Ich befand mich in einer anderen Welt und empfand seine sanften Berührungen und Küsse in einer Art Trance.
Daher bekam ich erst spät mit, dass sowohl James, als auch ich nackt waren. Sehr viel konnte ich jedoch nicht mehr von ihm sehen, da die Dunkelheit um sich griff und uns verschluckte.
Ich konnte zumindest sein Gesicht erkennen, als er seine Stirn gegen meine legte und mir tief in die Augen schaute.
Den Schmerz, als er in mich eindrang, spürte ich kaum, da mich viel zu viele Gefühle auf einmal überwältigten. Glück. Angst. Unsicherheit. Erleichterung. Liebe…
James war behutsam und vorsichtig. An seiner Miene konnte ich erkennen, dass er mich am Liebsten jede Minute gefragt hätte, ob alles in Ordnung mit mir war. Ich war froh, dass er nichts sagte. Warum genau das so war, wusste ich auch nicht, aber vermutlich genoss ich lieber still mein erstes Mal mit dem Mann, den ich mehr als alles andere auf dieser Welt liebte.
Nach ein paar Minuten wagte es James sich schneller zu bewegen. Leise stöhnte ich und krallte mich in seinem Rücken fest. Er verzog nicht einmal das Gesicht vor Schmerz, als sich meine Fingernägel in sein Fleisch bohrten. James schien sowieso eher auf mich und mein Wohlergehen konzentriert zu sein, als auf sich selbst. Keine Sekunde ließ er mich aus den Augen, außer, wenn er mich lange und leidenschaftlich küsste.
Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir bereits miteinander schliefen, als James mich unerwartet fragte, ob er aufhören soll.
„Nein“, antwortete ich blitzschnell und lächelte. Er erwiderte mein Lächeln und schien erleichtert zu sein, dass es mir gut ging.
Anschließend küsste er mich hinters Ohr und machte weiter. Ich ließ von seinem Rücken ab und legte meine Hände auf seine Oberarme. Unter meinen Fingern fühlte ich seine harten und angespannten Muskeln. Er war leicht verschwitzt, genau wie ich, denn mein Pony klebte mir an der Stirn. Unentwegt spürte ich seinen heißen, angestrengten Atem auf meiner Haut…

James legte sich keuchend neben mich. Sein Brustkorb hob und senkte sich schwer und ich fragte mich, ob ich ihm nicht zu viel zugemutet hatte. Ich drehte mich auf die Seite und sah ihn besorgt an. Als er meinen Blick bemerkte, zwang er sich sichtlich ruhiger zu atmen, um mir zu beweisen, dass mit ihm alles in Ordnung war.
„Geht´s dir gut?“, fragte ich und schmiegte mich an ihn.
„Ich denke schon“, murmelte er. „Nur für meine Rippen war die Anstrengung wohl nicht das Beste.“ Er zuckte mit den Achseln. Dann quälte er sich auf die linke Seite.
„Ich denke, dass das auch nicht gerade gut für deine Rippen ist“, belehrte ich ihn. James winkte ab.
„Egal“, hauchte er und legte seinen Arm auf meiner Hüfte ab. Ich rückte noch ein ganzes Stück näher an ihn heran und beobachtete ihn.
„Und wie war es?“, wollte er von mir wissen. Angestrengt dachte ich nach, bevor ich ihm antwortete.
„Schön“, flüsterte ich und gab ihm einen Kuss. Dann legte ich meine verbundene Hand auf seinen Kopf. Mit meinen gesunden Fingern fing ich an, an seinen Haaren zu spielen. James sah mir tief in die Augen und schwieg. Ich traute mich nicht ihn zu fragen, wie es für ihn gewesen war, zu groß war meine Angst ihn enttäuscht zu haben.
„Das war die beste Nacht meines Lebens, Holly“, sagte er ehrlich und lächelte mich liebevoll an. Ein riesengroßer Stein fiel mir vom Herzen, als ich diese Worte aus seinem Mund hörte.

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