Ein Pakt mit dem Teufel?

Lautstark hämmerte ich gegen die Tür. Mir war es egal, dass es früh am Morgen war und ich die Einwohner des Hauses weckte. Ich hatte über eine Stunde bis hierher gebraucht. Ich war hundemüde, mein Schädel dröhnte und ich hatte noch immer Probleme mein Gleichgewicht zu halten.
Ich wollte nur noch ins Bett und schlafen. Aber dass wäre mir erst vergönnt, wenn ich mich mit Holly auseinandergesetzt hatte. Sie würde bestimmt wissen wollen, wo ich gewesen bin.
Wie aufs Stichwort wurde die Tür geöffnet. Holly stand vor mir und musterte mich grimmig von oben bis unten. Sie trug noch ihre Schlafklamotten: ein braunes Top und schwarze Shorts.
„Wo warst du?“, war ihre überaus freundliche Begrüßung, die ich bereits erwartet hatte.
Ich antwortete nicht. Das Einzige, was ich tat, war ein glückseliges Grinsen aufzusetzen. Verärgert schob sie die Augenbrauen zusammen, als sie zu mir heraustrat. Auf einmal rümpfte sie die Nase und verzog angewidert das Gesicht.
„Du stinkst, James.“
„Was?“
„Du stinkst nach Zigaretten und…“, sie stoppte. „Hast du was getrunken?“
„Wieso?“, fragte ich betont naiv.
„Weil du so riechst, als hättest du in Alkohol gebadet“, erklärte sie und ging einen Schritt zurück. Ihre Worte brachten mich zum Kichern.
„Ja, ich habe was getrunken.“, flüsterte ich und zwinkerte ihr zu.
„Aber das ist ein Geheimnis, also pst.“ Ich legte einen Finger auf meine Lippen und lächelte. Holly verdrehte die Augen.
„Sollte das witzig sein, James?“ Sie legte ihren Kopf schief und sah mich düster an.
„Ja.“
Holly seufzte, bevor sie mich ins Haus zog und leise die Tür schloss. Dann lauschte sie und schaute sich um.
„Sei froh, dass du Jamie und Olivia nicht geweckt hast“, zischte sie.
„Und warum kann ich froh sein?“, sprudelte es blitzschnell aus mir heraus, während ich mich auf die unteren Treppenstufen fallen ließ.
„Da fragst du noch?“ Sie baute sich vor mir auf und blickte auf mich herab. „Die Beiden wären sicherlich nicht begeistert, dich betrunken herumtorkeln zu sehen.“
„Wirklich nicht?“, brach es lachend aus mir heraus. Ich fand es unvergleichlich lustig, dass Holly sich noch immer Sorgen darüber machte, dass die beiden einen schlechten Eindruck von mir bekommen könnten, besonders ihr Onkel.
„Hör auf zu lachen“, ermahnte sie mich und hielt mir den Mund zu. Automatisch zog ich den Kopf zurück.
„Hey! Was soll das?“
„Du sollst still sein und keinen Lärm mehr machen“, blaffte Holly mich erbost an. „Gehen wir in mein Zimmer.“
Ich gähnte und kam gar nicht auf die Idee mich in Bewegung zu setzen. Ich wollte bloß hier sitzen bleiben.
„Na los, James.“ Energisch nahm sie meine Hände und versuchte mich hochzuziehen. Ich reagierte nicht.
„Steh auf“, knurrte sie und versuchte verzweifelt, mich zum Aufstehen zu bewegen.
„Ich habe keine Lust.“ Ich ließ die Schultern hängen. „Ich bin müde.“
„Dann steh auf, geh hoch in mein Zimmer und leg dich ins Bett“, jammerte Holly. Sie war mit den Nerven am Ende.
„Wenn du meinst“, gab ich nach und erhob mich. Mein plötzlicher Sinneswandel verwirrte sie sichtlich, denn sie machte große Augen und setzte eine überforderte Miene auf. Ich machte auf dem Absatz kehrt und schlurfte angestrengt die Treppe hinauf.
Holly blieb wie angewurzelt unten stehen und beobachtete mich bei meinem wackligen Gang in ihr Zimmer. Ich konnte ihren Blick noch in meinem Nacken spüren, als ich schon längst das Zimmer betreten und ins Bett gefallen war.

In den kommenden Tagen redeten Holly und ich weder über die Vorkommnisse auf ihrer Geburtstagsparty, noch über meine Rückkehr aus der Bar. Ich war froh darüber, denn wenn wir uns unterhalten hätten, dann hätte ich ihr über kurz oder lang von der Begegnung mit Mickey erzählt.
Ich hätte Holly erklären müssen, warum ich lieber mit meinem Ex-Kollegen gesoffen hatte, anstatt ihn zu töten. Das Problem dabei war, dass ich mir selbst nicht mal einen Reim auf mein Verhalten machen konnte.
Vielleicht hatte mein Unterbewusstsein; mein altes Ich dafür gesorgt, dass ich mich an unsere gemeinsame Zeit als Killer erinnert und ihn an diesem Abend verschont hatte. Oder ich war es einfach Leid gewesen wieder zu kämpfen.
Egal, nun musste ich mit meinem schlechten Gewissen zurechtkommen und hoffen, dass es bald ein nächstes Aufeinandertreffen geben und ich die Chance nutzen würde, um Mickeys Leben ein Ende zu setzen. Genau, ich würde alle Killer zur Strecke…
„Bist du soweit?“ Holly kam mitsamt ihrem Rucksack in die Küche gestürmt. Eilig holte sie eine Wasserflasche aus dem Kühlschrank, ehe sie sich einen Apfel schnappte. Heute war sie passend zum warmen Frühlingswetter angezogen. Sie trug Ballerinas, ein blaues trägerloses Top und einen weißen, gehäkelten Bolero mit kurzen Ärmeln. Bei ihrem Jeansrock kamen unten die Innenseiten der Taschen heraus, was verriet, dass sie den Rock aus einer alten Hose geschnitten hatte.
„Bin ich.“ Ich trat vom Fenster zurück, vor dem ich gestanden und den Lauf der Sonne verfolgt hatte.
„Wir müssen jetzt los“, jappste sie und lief mit roten Wangen durch die Küche. „Wir sind spät dran.“ Strähnen ihres hochgesteckten Haares hatten sich gelöst und fielen ihr ins Gesicht.
„Beruhige dich, Holly“, meinte ich gelassen, als ich mich ihr in den Weg stellte und meine Arme um ihre Taille schlang. Gestresst sah sie zu mir herauf.
„Du hast leicht reden. Du musst ja nicht pünktlich zum Unterricht erscheinen“, merkte sie an, während sie sich die Strähnen wieder feststeckte.
„Ich weiß, aber unter Zeitdruck zu stehen ist kein Grund durchzudrehen, meinst du nicht?“, zog ich sie ein wenig auf.
„Doch“, meinte sie trotzig und fummelte nervös an dem silbernen Medaillon um ihren Hals herum, das ich ihr geschenkt hatte.
Sekunden vergingen, bevor sie mich innig küsste. Dies tat sie aber nur, um mich abzulenken. Gekonnt drängte sie sich an mir vorbei und hastete in den Flur.
„Beeil dich!“, rief Holly atemlos. Mit lautem Gepolter ging sie zur Haustür und öffnete sie. Es wurde still. Genervt rollte ich mit den Augen und lächelte. Dann folgte ich ihr.
Draußen herrschte eine ungewöhnliche Hitze für diese Jahreszeit. Die Luft war schwül und stickig. Ich hatte sogleich das Gefühl ersticken zu müssen. Die Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel und bescherte uns heute diesen wunderschönen Tag. Im Vorgarten zeigten bereits die ersten Blumen ihre Farbenpracht und verströmte einen angenehmen Duft.
Ich wandte meinen Blick ab und schaute zu Holly herüber, die gerade ihren Rucksack auf die Rückbank ihres Fords pfefferte.
Leichtfüßig sprang ich von der Veranda herunter und schlenderte gemächlich zum Auto.
„Geht das vielleicht auch ein bisschen schneller, James?“, fuhr meine Freundin mich an.  
„Sicher.“ Ich legte einen Zahn zu. Als ich am Zaun, der das Nachbargrundstück von diesem trennte, vorbeirauschte, bemerkte ich aus den Augenwinkeln zwei Gestalten. Ich brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass es sich um Daphne und Cassidy handelte.
Augenblicklich fragte ich mich, wie es den Beiden wohl damit ging, dass Holly noch mit mir zusammen war und ich bei ihr übernachten durfte, nachdem, was ich ihnen angetan hatte. Begeistert waren sie bestimmt nicht.
„HEY!“ Eine zornige Frauenstimme drang an meine Ohren. Ohne lange nachzudenken stoppte ich und drehte meinen Kopf nach rechts. Am Zaun stand niemand geringeres, als Daphne. Sie war genauso sommerlich gekleidet, wie Holly.
„Was gibt´s?“, fragte ich kühn und ging zu ihr. Ich bemühte mich nicht mehr nett zu ihr zu sein, schließlich würde sie mich von nun an ewig dafür hassen, dass ich ihrem Bruder die Nase gebrochen hatte.
„Ich will dich warnen“, eröffnete sie und funkelte mich böse an.
„Warnen?“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Ich höre wohl schlecht.“
„Nein, tust du nicht“, erwiderte sie herausfordernd. „Kommst du meinem Bruder oder mir nur noch ein einziges Mal zu nahe, dann garantiere ich dir, dass du es bereuen wirst.“
Daphnes Lippen waren bloß ein schmaler, kaum sichtbarer Strich. Sie meinte ihre Drohung vollkommen ernst.
„Und das waren die letzten Worte, die ich an dich gerichtet habe.“ Im ersten Moment hatte ich keine Ahnung, wie ich reagieren sollte, doch dann prustete ich los.
„Soll mir das jetzt Angst machen?“, spottete ich, als ich mich wieder eingekriegt hatte. Mein Gegenüber verzog keine Miene. Es war kaum vorstellbar, dass Daphne und ich uns noch vor wenigen Tagen gut verstanden hatten. Erneut sah ich, was ich durch mein unberechenbares Verhalten alles anrichten konnte.
„Keine Sorge, ich habe kein Interesse daran, mich weiter mit euch abzugeben.“ Daphne nickte zufrieden, als habe sie einen Sieg errungen. Sie wollte schon gehen, aber ich hielt sie mit einem einzigen Satz auf.
„Du kannst mir noch einen Gefallen tun und deinem Bruder etwas ausrichten.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und wartete geduldig darauf, dass ich weitersprach.
„Sag ihm, dass er sich von Holly fernhalten soll. Und falls er das nicht tun sollte, werde ich ihn töten.“ Mein Ton war aggressiv und angriffslustig. Daphne wurde schlagartig leichenblass und fing an zu zittern. Nun war ich derjenige, der zufrieden war.
Ich wandte mich ab und eilte zum Ford. Dort stand Holly, die die ganze Szene von Weitem beobachtet hatte.
„Wir können fahren“, sagte ich trocken und stieg ein. Meine Freundin tat es mir gleich, auch wenn sie weit aufgelöster war. Wie mechanisch startete sie den Motor und bugsierte das Auto auf die Straße.
Ihr Haus war noch nicht einmal außer Sichtweite, als sie gleich auf mein Gespräch mit Daphne zu sprechen kam.
„Was wollte Daphne von dir?“
„Sie hat mir nur unmissverständlich klar gemacht, dass ich mich ihr und Cassidy nicht mehr nähern soll“, antwortete ich, während ich das Fenster auf meiner Seite herunterkurbelte, um etwas frischen Sauerstoff herein zu lassen.
„Was heißt unmissverständlich?“
„Sie hat mir gedroht, doch das ist halb so schlimm“, fügte ich noch hinzu, denn ich hatte ihr erschrockenes Gesicht bemerkt.
„Mach dir einfach keine Gedanken darüber, Holly.“
„Das sagst du so leicht“, äußerte sie und warf mir einen flüchtigen Blick zu. „Ich habe mir gleich gedacht, dass Daphne nicht nett mit dir plaudern wollte, aber dass sie dich bedrohen würde…“
Nachdenklich legte Holly ihre Stirn in Falten und klammerte sich regelrecht ans Lenkrad. Sie sah besorgt aus.
„Wie sieht eigentlich die Beziehung zwischen dir und deinen Freunden aus, seit dem Vorfall auf der Party?“, erkundigte ich mich vorsichtig, aus Angst, dass dies ein empfindliches Thema für sie sein könnte.
Holly verkrampfte sich und starrte wie hypnotisiert auf die Straße. Ich konnte sehen, wie sich ihr Brustkorb schnell hob und senkte.
„Es ist…schwierig“, presste sie hervor. „Auf der einen Seite mögen sie mich noch immer und…und versuchen mich vor dir zu beschützen, doch auf der anderen Seite würden sie mir am Liebsten aus dem Weg gehen, weil ich mit dir zusammen bin. Wahrscheinlich halten sie mich für bescheuert.“ Ich hörte, dass Holly den Tränen nahe war.
„Es tut mir leid, dass du wegen mir Ärger mit deinen Freunden hast. Selbst die Letzten, die mich noch leiden konnten, habe ich vergrault.“ Mir waren ihre Freunde nie wichtig gewesen, aber Holly bedeuteten sie umso mehr, besonders ihre beste Freundin Linda, die sie seit dem Tod ihrer Eltern am meisten brauchte und ihr die größte Stütze war.
Da Holly nichts entgegnete, erhielt ich die Bestätigung, dass sie mir voll und ganz zustimmte. Auch ich blieb stumm, weil ich es für besser hielt nicht weiter über ihre Freunde zu reden. Das würde ihr nur noch mehr wehtun.
Die restliche Fahrt verlief daher in völligem Schweigen.
Holly hatte die ganze Zeit gegen ihre aufkommenden Tränen gekämpft, während ich meinen Kopf aus dem Fenster gehalten hatte.
Nun fuhr Holly auf das Gelände der High School und hielt konzentriert nach einem freien Parkplatz Ausschau. Die Suche wurde durch die herumlaufenden Schüler und die Menge an Autos erschwert.
„Scheiße! Wieso muss ich auch zu spät kommen?“, heulte sie und haute verärgert auf das Lenkrad. Verhalten schmunzelte ich.
Hollys Panik stieg drastisch an, als zusätzlich noch die Schulglocke schrillte und den Beginn des Unterrichts verkündete.
„Verdammt. Verdammt. Verdammt“, fluchte sie.
„Lass mich doch einen Parkplatz suchen“, schlug ich ihr vor. Holly sah mich entgeistert an.
„Was?!“
„Du gehst zum Unterricht und ich parke dein Auto.“
Nach meinem Vorschlag konnte ich sehen, wie sie angestrengt nachdachte. Sie kaute an ihren Nägeln herum, während sie zustimmend nickte.  
„Okay.“ Sie ließ den Schlüssel stecken, bevor sie ausstieg und ihren Rucksack von der Rückbank nahm. Auch ich verließ den Ford und eilte zur Fahrerseite. Dort wartete meine Freundin auf mich.
„Danke, James.“ Sie gab mir einen innigen Kuss. „Pass gut auf mein Auto auf“, schärfte sie mir ein, bevor sie Richtung Schulgebäude verschwand.
Derweil klemmte ich mich hinters Steuer und fuhr im Schritttempo über den Parkplatz. Es dauerte geschlagene sieben Minuten, bis ich den Ford endlich in eine sehr enge Parklücke manövriert hatte.
Wie an jedem Schultag saß ich auf der Treppe vor dem Haupteingang und behielt die Umgebung im Auge. Die Hitze staute sich und wurde immer unerträglicher. Mir standen die ersten Schweißperlen auf der Stirn, dabei hatte ich mich schon in den Schatten gesetzt.
Ich hätte jetzt alles für ein Glas Wasser getan.
Ich ließ meinen Blick umherschweifen, als urplötzlich mein Handy klingelte. Gedankenverloren holte ich es aus meiner Hosentasche und schaute auf das Display. Mein Herz blieb stehen, als ich die Nummer erkannte. Dennoch nahm ich ab.
„Was willst du von mir, Ophelia?“ Am anderen Ende hörte ich ihr typisches, klangvolles Lachen. In Sekundenschnelle stieg Wut in mir hoch.
„Direkt, wie immer, was Jimmy?“, lachte sie vergnügt.
„Ja, ja, komm endlich zur Sache“, knurrte ich. Sie sollte mit der Sprache herausrücken und mich nicht weiter hinhalten.
„Ich habe etwas mit dir zu besprechen und dass würde ich gerne von Angesicht zu Angesicht tun.“ Ihre Stimme hatte einen merkwürdigen Unterton, der mir nicht gefiel.
„Ich bin nicht interessiert.“
„Ich habe mir bereits gedacht, dass du nein sagen würdest, schließlich willst du bei deinem Püppchen bleiben und es beschützen. Du kannst es dir nicht leisten abzuhauen und mich zu treffen.“
„Das…“
„Aber du hast Glück, Jimmy“, fiel sie mir ins Wort. „Weil ich so ein zuvorkommender und netter Mensch bin, habe ich mich extra auf den Weg zu dir gemacht.“ Energisch sprang ich auf. Meine Muskeln spannten sich an und aus meiner Wut wurde Panik.
„Wo bist du?“ Ophelia kicherte ausgelassen.
„Rate doch mal.“
„Ich habe keine Lust zu raten, Miststück“, fauchte ich.
„Ach, komm schon, dass macht Spaß“, äußerte sie enthusiastisch. „Ich gebe dir auch einen Tipp: du findest mich am Spind eines bestimmten schwarzhaarigen Mädchens mit blau…“
Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, legte ich auf und rannte los. Wie ein Verrückter preschte ich durch die Korridore, auf der Suche nach Ophelia. Ein Teil von mir hoffte unentwegt, dass sie bloß ihre Scherze mit mir trieb.
Doch diese Hoffnung wurde zerschmettert, als ich um die nächste Ecke bog. Ich erkannte Ophelia schon von Weitem, angelehnt an Hollys geöffnetem Spind.
Sie hatte eine schwarze, zerrissene Jeans und ein schwarzes Top an, über dem sie eine helle Lederjacke trug, deren Ärmel hochgekrempelt waren. Ihre Füße steckten in hautfarbenen, transparenten High Heels, die mit aufgestickten Blumen und Glitzer verziert waren.
Übertrieben freundlich winkte sie mir zu und lächelte. Mit großen Schritten eilte ich auf sie zu, fasste sie unsanft an den Oberarmen und beförderte sie mit einem Krachen gegen die Spinde.
„Das nenne ich eine stürmische Begrüßung“, meinte Ophelia breit grinsend und mit unheimlich leuchtenden Augen.
„Was machst du hier?“
„Hast du mir eben nicht zugehört, Jimmy? Ich muss etwas mit dir besprechen.“
„Es gibt nichts, das wir beide zu besprechen hätten“, machte ich ihr klar und verstärkte meinen Griff. Ophelia ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie grinste immer noch und zeigte ihre geraden, weißen Zähne.
„Und ob wir das haben“, widersprach sie. „Also wäre es überaus höflich, wenn du mich loslassen und mir zuhören würdest.“ Zuckersüß klimperte sie mit ihren Wimpern.
„Vergiss es!“ Ihr Grinsen verschwand und ihre Miene wurde ausdruckslos.
„Dann muss ich dich wohl dazu zwingen“, flüsterte sie gefährlich, bevor sie mein rechtes Handgelenk umfasste, es mit einer Bewegung verdrehte, sodass ein widerliches Knacken ertönte, und mir ihren Ellbogen in den Magen stieß.
Ich stolperte zurück.
Ophelia nutzte diesen Moment und versetzte mir einen kräftigen Tritt gegen den Brustkorb. Sofort verlor ich das Gleichgewicht und knallte ungebremst auf den Boden. Die Schmerzen kamen schnell und hart, doch ich biss die Zähne zusammen.
Ich rappelte mich auf und begutachtete erstmal mein Handgelenk, das rot und geschwollen war. Als ich es abtastete, stellte ich zum Glück fest, dass nichts gebrochen war. Trotzdem tat es höllisch weh.
Unterdessen warf meine Ex-Kollegin ihre Haare, welche sie zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, elegant hinter ihre Schultern und beachtete mich nicht weiter.
Der Inhalt von Hollys Spind schien für sie viel interessanter zu sein. Ungeniert und respektlos kramte Ophelia in Hollys Sachen herum. Sie schob Bücher zur Seite, blätterte in Blöcken herum und las die Notizzettel, die Holly als Erinnerungshilfen überall hingeklebt hatte.
Ophelia belächelte die Menge an Post-its, aber auch die bunten Plastikblumen, mit denen meine Freundin versucht hatte ihren Spind zu dekorieren.
„Der typische Spind eines kleinen Kindes, das keine Ahnung von der wirklichen Welt hat“, flüsterte sie abschätzig und schnippte gegen einen der Zettel.
Auf einmal fiel ihr Blick auf eine Reihe von Fotos, die in der Innenseite der Tür hingen. Die Meisten zeigten Holly und Linda. Sie zogen Grimassen, streckten die Zungen heraus, lagen sich in den Armen oder die Eine gab der Anderen einen Kuss auf die Wange.
Aber es gab auch ein Foto, auf dem die beiden Freundinnen als Kinder zu sehen waren. Gemeinsam standen sie auf einem Spielplatz vor einer Rutsche und lächelten in die Kamera.
Angeekelt betrachtete Ophelia die fröhlichen Gesichter. Es sah aus, als müsse sie sich bald übergeben.
„Widerlich“, stieß sie verächtlich hervor.
Doch ihre Miene hellte sich schlagartig wieder auf, als sie Fotos von meiner Freundin und mir sah. Holly hatte sie vor einigen Wochen geschossen, obwohl ich nicht gerade begeistert gewesen war. Aber Holly hatte nun mal ihre Methoden, um ihren Willen durchzusetzen.  
Also waren Bilder entstanden, auf denen wir sorglos und glücklich aussahen. Es war nichts davon zu sehen, dass wir von wahnsinnigen Killern verfolgt wurden und unser beider Leben in Gefahr war.
„Wie niedlich“, spottete Ophelia amüsiert, während sie an ihrer Kette herumspielte, die aus mehreren, unterschiedlich großen Kreuzen bestand.
„Du siehst ja richtig verliebt aus, Jimmy“, meinte meine Ex-Kollegin gehässig.
Anschließend brach sie in hysterisches Gelächter aus, das durch die leeren Flure hallte. Panisch starrte ich sie an. Ich musste sie zum Schweigen bringen, denn ich befürchtete, dass irgendwann jemand auf uns aufmerksam wurde.
Ohne noch weiter darüber nachzudenken, trat ich an sie heran, umfasste mit einer Hand ihre Kehle und schmetterte sie erneut gegen die Spinde. Ihr Lachen erstarb mit einem gequälten Krächzen.
„Verschwinde“, zischte ich und drückte noch fester zu. Ophelias Augen weiteten sich.
„Willst du mich nicht umbringen, Jimmy?“, fragte sie atemlos, da ihr langsam, aber sicher, die Luft ausging. Ihr sonst so blasses Gesicht wurde allmählich rosa.
„Ich bringe dich bestimmt nicht in einer Schule voller Menschen um, Ophelia“, raunte ich ihr ins Ohr.
„Du bist ein Feigling“, spie sie mir entgegen.
Zornig schnaubte ich, ehe ich meine freie Hand zu einer Faust ballte und neben ihrem Kopf in einen Spind schlug. Das billige Metall gab mit einem merkwürdigen Geräusch nach.
Ophelia hatte nicht einmal mit der Wimper gezuckt, als meine Faust an ihr vorbeigeschnellt war. Sie sah mich bloß unentwegt an und versuchte so unauffällig, wie möglich, nach Luft zu schnappen.
„Töte mich!“, forderte sie mich auf und grinste provokant. „Na los.“
„Halt deinen Mund.“ Ich zog meinen Arm zurück. Dort, wo meine Faust den Spind getroffen hatte, war eine runde Einbuchtung zu sehen.
„Warum sollte ich?“, entgegnete sie schnippisch. „Entweder du lässt mich sofort los oder du tötest mich. Entscheide dich, Jimmy.“
Ihr Blick war drängend und teuflisch zugleich. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Hollys Schule war definitiv nicht der richtige Ort, um einen Mord zu begehen, aber Ophelia zu töten, führte mich durchaus in Versuchung.  
„Tik, Tak. Tik, Tak.“
Ophelia setzte mich zusätzlich unter Zeitdruck, was mich nur noch unruhiger werden ließ. Minuten vergingen, bevor meine Vernunft doch siegte und ich sie losließ.
„Das war ja klar“, sagte sie mit fester Stimme. Dann machte sie einige Schritte in den Flur und griff sich an den Hals. Ich fuhr mir durch die Haare und atmete tief durch. Meinen Kopf ließ ich in den Nacken fallen, als ich mich an einen Spind lehnte.
Derweil zündete sich meine Ex-Kollegin eine Zigarette an und machte genüsslich den ersten Zug.
„Besteht jetzt die Möglichkeit, dass ich eine normale Unterhaltung mit dir führen kann?“ Ophelia klang ungeduldig und genervt. Das von ihr geliebte Nikotin schien ihre Stimmung ausnahmsweise nicht heben zu können.
„Eine normale Unterhaltung hat und wird es zwischen uns niemals geben“, blaffte ich sie an. Ihre Reaktion war ein lustloses Achselzucken.
„Deine Meinung ist mir egal.“ Sie setzte eine arrogante Miene auf. „Wie gesagt, ich muss etwas mit dir besprechen.“
„Warum musst du das ausgerechnet hier tun? Hätte ein Telefonat nicht gereicht?“ Gespielt dachte sie nach, als sie vor mir auf und ab ging.
„Hmm, mal überlegen.“ Das Klackern ihrer High Heels trieb mich in den Wahnsinn und bereitete mir Kopfschmerzen.
„Wichtige Angelegenheiten besprechen ich lieber persönlich. Außerdem fand ich ein Gespräch auf neutralem Boden angebrachter, als im Haus deines Püppchens. Dort scheinst du ja seit geraumer Zeit zu wohnen.“
Vor Entsetzen fiel mir die Kinnlade herunter und mein Körper versteifte sich. Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Nein, beantwortete ich mir die Frage selbst. Das konnte unmöglich sein. Die Killer konnten nicht…
„Deine Verwunderung kannst du nicht gut verbergen, Jimmy“, zog Ophelia mich auf. Sie war vor mir stehen geblieben und studierte aufmerksam meine Gesichtszüge.
„Hast du tatsächlich geglaubt, dass wir nicht herausfinden würden, wo dein Püppchen hingezogen ist, nachdem wir ihre Eltern ermordet haben?“ Sie lachte kurz auf.
Ich antwortete nicht. Zu sehr schockierte mich diese Nachricht. Obwohl ich alles in meiner Macht stehende getan hatte, um Holly zu beschützen und darauf Acht zu geben, dass keiner der Killer sie fand, hatte ich kläglich versagt.
„Ach, mach dir nichts draus, Jimmy.“ Sie schob ihre Unterlippe nach vorne.
„Du konntest sie nun mal nicht vor uns verstecken. Was macht das schon?“ Ophelia legte den Kopf schräg und sah mich fragend an.
„Gar nichts, denn ihr seid nicht in ihr Haus gestürmt und habt sie getötet“, brachte ich mühsam hervor.
„Genau“, äußerte sie mit erhobenem Zeigefinger, als sei ich ein Schüler, der im Unterricht die richtige Antwort gegeben hatte.
„Wir hätten sie durchaus Zuhause oder auch hier umbringen können, aber dass haben wir nicht getan.“ Ophelia kam meinem Gesicht ganz nahe.
„Wieso nicht?“, wollte ich von ihr wissen.
„Eine berechtigte Frage.“ Ihre blau-grünen Augen strahlten ungewöhnlich hell und stark.
„Aber wenn du eine Antwort haben willst, dann musst du schon Jericho fragen“, zischte sie aufgebracht. Es war offensichtlich, dass sie die Entscheidung ihres Bosses nicht nachvollziehen konnte und wollte. Aber zu ihrem Ärger, war sie an seine Befehle gebunden.
Bevor Ophelia weitersprach, schloss sie für einen Moment die Augen und zwang sich zu einem Lächeln.
„Jericho ist auch der Grund, warum ich hier bin“, eröffnete sie mir. Nun wurde ich hellhörig.
„Er schlägt dir einen Deal vor.“
„Einen Deal?“, fragte ich misstrauisch und stieß mich vom Spind ab. Mir war jetzt schon klar, dass mir sein Angebot nicht gefallen würde.
„Wenn du ohne Gegenwehr und großes Aufsehen mit mir zu seinem Büro kommst, dann werden wir dein Püppchen verschonen.“
Im ersten Augenblick geschah gar nichts. Wir beide stierten uns nur an. Aber plötzlich war ich es, der laut loslachte. Ich hatte bereits mit einem hirnrissigen Angebot gerechnet, doch das war einfach….
„Was gibt´s denn da zu lachen?“, keifte sie mich ungehalten an.
„Ist das sein Ernst?“, presste ich hervor, ehe ich weiterlachte. Das musste einfach ein Scherz sein.
„Ja, das ist sein Ernst!“
„Du hättest dir den Weg hierher sparen können, denn dieser Deal ist lächerlich. Mehr nicht“, erwiderte ich düster.
„Warum?“
„Das muss ich dir wirklich noch erklären, Ophelia?“ Verständnislos schüttelte ich den Kopf.
„Jericho verschont niemanden. Ihr verschont niemanden. Holly und ich stehen auf eurer Todesliste und dass wird sich auch nicht ändern“, sagte ich, während ich sie umkreiste.
„Außerdem kenne ich keinen Grund, warum Jericho mich noch lebend sehen möchte.“
„Das kann ich dir auch nicht sagen, Jimmy“, zickte sie. Dann stemmte sie ihre Hände in die Hüften und machte ein finsteres Gesicht.  
„Er ist…“
Plötzlich stoppte sie ihre Rede, denn am Ende des Flures tauchte ein hochgewachsener, gut gebauter Junge auf. Vermutlich wollte er zu seinem Spind. Er wirkte etwas verdutzt, als er auf uns zukam.
Ich reagierte nicht auf den fremden Jungen, im Gegensatz zu Ophelia. Diese grinste dämonisch und verfolgte den Jungen mit ihren Augen. Ihr Blick verhieß nichts Gutes.
„Hey, Süßer!“ Der Kopf des Jungen schnellte zu meiner Ex-Kollegin. Sogleich musterte er die hübsche Frau mit großen Augen und ein lüsternes Grinsen schlich sich auf seine Lippen.
„Komm doch mal her“, hauchte Ophelia verführerisch und zwinkerte ihm keck zu.
Dies ließ er sich nicht zweimal sagen. Euphorisch ging er zu Ophelia herüber, ohne zu ahnen, dass er in größter Gefahr schwebte.
„Hau ab“, schnauzte ich ihn daher unwirsch an. „Vergiss diese Frau.“ Er sollte so schnell, wie möglich, verschwinden, doch er schien mir gar nicht zugehört zu haben.
Anstatt zu gehen, beglotzte er lieber die dunkelhaarige Schönheit. Ophelia schenkte ihm ein atemberaubendes Lächeln, bevor sie mit ihrer rechten Hand über seinen Brustkorb fuhr. Mit ihren lackierten Nägeln bohrte sie sich in seine Haut.  
Schmerzhaft verzog der Junge sein Gesicht. Trotzdem gefielen ihm Ophelias Berührungen sichtlich. Seine Wangen waren knallrot und er atmete schwer. Ich musste dazwischen gehen, ehe es zu spät war.
Gerade wollte ich meine Ex-Kollegin von ihm wegziehen, als diese hinter den Jungen trat, ihre Hände seitlich an seinen Kopf legte und eine einzige, elegante Bewegung ausführte. Diese war so schnell, dass man sie unmöglich mit dem Auge verfolgen konnte. Ein markerschütterndes Knacken ertönte und der Junge sank leblos zu Boden.
„Ups!“ Ophelia schlug fassungslos eine Hand vor den Mund.
„Was hast du getan?“, keuchte ich und schaute entsetzt auf den Jungen, der vor mir lag.
„Ich habe ihm wohl das Genick gebrochen. Wie ungeschickt von mir“, bedauerte sie grinsend, aber dann wurde ihre Miene starr und emotionslos. Ihre Augen zeigten nichts als Kälte und Gleichgültigkeit. Sie baute sich vor mir auf und reckte ihr Kinn.
„Nimm den Deal an oder ich komme jeden einzelnen Tag in diese Schule und ich schwöre dir, dass dieser unschuldige Junge nicht der Letzte bleibt, den ich töten werde“, giftete sie hasserfüllt.
Ihre Stimme, die tiefer geklungen hatte, als gewöhnlich, brachte mein Inneres zum Vibrieren.
„Das kannst du nicht tun, Ophelia.“
„Sag mir nicht, was ich tun kann und was nicht“, dröhnte sie und fletschte wild die Zähne.
„Ich werde immer weiter töten, bis du bei Jericho vor der Tür stehst.“ Vor Zorn entstanden leichte Zuckungen in ihrem schneeweißen Gesicht.
Unbeeindruckt und mutig hielt ich ihrem Blick stand, obwohl mich die Situation völlig überforderte.
Jericho bot mir einen Deal an, den ich unmöglich annehmen konnte. Lehnte ich jedoch ab, würde er mich Tag für Tag dafür bestrafen und versuchen meine Meinung mit aller Macht zu ändern, indem er Ophelia zum Morden herschickte. Und im allen Überfluss lag auch noch ein Schüler mit gebrochenem Genick im Korridor.
„Vielleicht sollte ich mir morgen gleich mal die beste Freundin deines Püppchens vornehmen. Was hälst du davon?“, fragte sie niederträchtig. Diese Drohung, die gegen Linda; gegen einen der wichtigsten Menschen in Hollys Leben gerichtet war, setzte mich noch zusätzlich unter Druck.
Doch anstatt einen kühlen Kopf zu bewahren, verfiel ich in Panik und reagierte so wie immer: mit Gewalt.
Ohne Vorwarnung preschte ich auf Ophelia zu und riss sie zu Boden. Gemeinsam schlugen wir hart auf. Bevor meine Ex-Kollegin überhaupt realisiert hatte, was geschehen war, setzte ich mich auf sie, umfasste ihre Handgelenke und drückte ihre Arme grob nach unten.
„Geh sofort runter von mir“, forderte sie mich zornig auf und wehrte sich gegen meinen Griff.
„Nein!“ Als habe sie nur auf dieses eine Wort gewartet, hörte sie plötzlich auf zu kämpfen.
„Warum greifst du mich an? Warum hälst du mich fest?“, fragte Ophelia trocken, da sie genau wusste, dass ich ihr nichts antun würde. Nicht hier.
Sie war diejenige, die im Vorteil war; die, die die Fäden in der Hand hielt und die Kontrolle hatte. Eigentlich müsste ich auf den Boden gedrückt werden und nicht sie.  
„Wir beide wissen, dass diese Aktion bloß eine Verzweiflungstat ist, weil du keine Ahnung hast, was du tun sollst“, schnarrte sie gelangweilt.
Ich erwiderte nichts. Stattdessen lockerte ich wie mechanisch die Griffe um ihre Handgelenke.
Keine Sekunde später befreite sich Ophelia auch schon, indem sie gewaltsam ihre Handgelenke aus meinen Händen riss und mir einen Stoß gegen die Rippen versetzte.
Mir blieb die Luft weg und ich konnte nicht mehr atmen. Meine Ex-Kollegin packte mich am Kragen und zog mich mit unglaublicher Leichtigkeit von sich herunter. Danach rappelte sie sich blitzschnell auf und trat mir gegen den ungeschützten Kopf.
Ein heftiger, stechender Schmerz explodierte unter meiner Haut. Der Schrei, den ich loswerden wollte, blieb mir im Hals stecken. Mir war speiübel und schwindelig. Ich war mir sicher, dass mein Schädel in tausend Stücke zersprungen war.
„Stell dich nicht so an und steh auf“, befahl sie herrisch. Ich konnte und wollte nicht aufstehen, aber ich musste, denn wenn ich liegen blieb, dann würde Ophelia mich fertigmachen. Also kämpfte ich mich unter größten Bemühungen in einen wackligen Stand, wobei ich mich mit einer Hand an den Spinden abstützen musste.
„Das wurde aber auch Zeit“, stöhnte sie genervt und zog an der zweiten Zigarette, die sie sich angezündet hatte.
„Kommen wir wieder zurück zum Geschäft.“ Ophelia stöckelte zu mir herüber, doch ich konnte bloß ihre Umrisse erkennen. Mir ging es von Minute zu Minute schlechter. Ich musste mich zusammenreißen und meinen Körper regelrecht dazu zwingen durchzuhalten. Auf keinen Fall durfte ich jetzt Schwäche zeigen und das Bewusstsein verlieren.
Derweil war Ophelia vor mir stehengeblieben. Sie nahm mein Kinn in ihre rechte Hand und kam meinem Gesicht so nahe, dass sich unsere Lippen beinahe berührten.
„Wofür entscheidest du dich?“, wisperte sie fast lautlos. Ihr warmer Atem brachte meine Nackenhaare dazu, sich aufzustellen.
„Ich werde den Deal nicht annehmen, Ophelia“, sagte ich entschlossen, denn für mich gab es keine andere Alternative.  
Mein Gegenüber ließ daraufhin nur ein hohes, boshaftes Kichern verlauten.
„In Anbetracht der Umstände hast du keine andere Wahl, Jimmy“, meinte sie wütend und schaute zu dem toten Jungen herüber, der das Symbol für Jerichos Macht und Ophelias Kaltblütigkeit war.
„Man hat immer eine Wahl.“ Ein kurzer Schauer lief mir über den Rücken, denn genau dasselbe hatte Holly auch einmal zu mir gesagt.
„Lieber kämpfe ich weiter, bis ich jeden von euch getötet habe, als meine Freundin zu hintergehen und zu Kreuze zu kriechen“, zischte ich aggressiv.
„FALSCHE ANTWORT!“, brüllte Ophelia und donnerte gnadenlos meinen Kopf gegen den Spind, an dem ich mich abgestützt hatte.
Vor meinen Augen drehte sich alles, bevor es dunkel um mich wurde.

Ein modriger, widerlicher Gestank stieg mir in die Nase und führte mich aus meiner Bewusstlosigkeit heraus. Langsam öffnete ich meine Lider, die sich tonnenschwer anfühlten. Dämmriges Licht empfing mich, das mir Probleme bei der Orientierung bereitete und mir in den Augen brannte. Gequält stöhnte ich, denn mir tat alles weh. Besonders meine dröhnenden Kopfschmerzen trieben mich zur Verzweiflung.
„Endlich bist du wach, Jimmy.“
Ophelias einschmeichelnde und feine Stimme klang ganz weit weg, so, wie in einem Traum. Ich war mir nicht sicher, ob ich wach war oder schlief.
„Zeit zum Aufstehen. Hopp, hopp.“ Ich konnte hören, wie sie in die Hände klatschte.
Ruckartig schnellte mein Kopf in die Richtung, aus der ihre Stimme kam. Undeutlich sah ich meine Ex-Kollegin keine fünf Meter von mir entfernt, breit grinsend und mit überschlagenen Beinen, auf einem Pult sitzen.
„Was ist…“
„Nachdem du ohnmächtig geworden bist, habe ich dich in dieses gemütliche und menschenleere Klassenzimmer gebracht“, unterbrach sie mich dreist und klimperte mit ihren langen, dichten Wimpern.
„Obwohl, geschleift trifft es wohl eher“, korrigierte sie sich lachend und zog an ihrer Zigarette, mit deren Qualm sie die Luft verpestete.
„Was hast du mit dem Jungen gemacht?“, wollte ich von ihr wissen, während ich mich auf dem klebrigen und staubigen Linoleumboden aufsetzte. Mir war schlecht und meine Schmerzen wurden immer schlimmer.
„Ich habe mich schon um ihn gekümmert, keine Sorge“, flüsterte Ophelia mysteriös.
In ihren Augen loderten kleine Flammen. Mit Mühe und Not versuchte ich mich auf ihre Worte zu konzentrieren, aber ich hatte erhebliche Schwierigkeiten. Ich war mir sicher, dass ich bald wieder bewusstlos werden würde.
„Warum sitzen wir beide hier, Ophelia?“ Finster schaute ich sie an.
„Ich will dich umstimmen“, entgegnete sie unverzüglich.
„Das kannst du nicht. Ich habe meine Entscheidung bereits getroffen.“
Sie schnaubte verächtlich und zwirbelte eine Haarsträhne um ihren linken Zeigefinger.
„Dir ist offenbar nicht klar, was für eine Chance das für dich ist, Jimmy. Das ist ein einmaliges Angebot.“
„Was soll das bitte für eine Chance sein?“, stieß ich übellaunig hervor.
„Eine Chance, zu bekommen, was du willst.“ Ophelia hatte zum Ende hin immer leiser gesprochen. In ihrem Blick lag etwas, was ich unmöglich bestimmen konnte.
Für eine Sekunde glaubte ich eine Spur Traurigkeit in ihren Augen entdeckt zu haben, aber das war undenkbar. Ophelia Monroe empfand nicht so etwas wie Trauer, weil sie eine seelenlose Psychopathin war.
„Und was will ich deiner Meinung nach?“
„Das ist doch offensichtlich, Jimmy“, äußerte sie melodramatisch. „Du willst das Leben deines Püppchens retten.“ Sie zog an ihrer Zigarette und musterte mich eindringlich.
„Wenn du den Deal eingehst, dann wird sie nicht sterben und du wirst der strahlende Held sein“, prophezeite sie mit spöttischem Unterton.
„Ach ja?“, keifte ich. „Weißt du wie es wirklich aussehen wird, wenn ich Jerichos Angebot annehme?“
Energisch schoss ich in die Höhe, was mir mein Körper gleich mit schrecklichen, kaum auszuhaltenden Kopfschmerzen und heftigem Schwindel dankte. Trotzdem schritt ich auf meine Ex-Kollegin zu, die große Augen machte.
„Jericho hält mich hin, während ihr euch auf dem Weg macht, um Holly zu töten und danach bin ich an der Reihe“, fuhr ich sie an und trat kraftvoll gegen das Pult, auf dem sie saß.
Noch rechtzeitig klammerte sich Ophelia am bebenden Tisch fest, bevor sie herunterfiel. Ihr Gesicht war kreidebleich.
„IHR WOLLT UNS IN EINE FALLE LOCKEN!“, schrie ich mit hochrotem Kopf, denn meine Wut verwandelte sich in Raserei.
Hektisch griff ich unter das Pult und hob es hoch.
Über Ophelias Lippen kam ein erstickender Schrei, als sie vom Pult sprang. Das Möbelstück flog durch die Luft, ehe es krachend an der nächsten Wand landete.
„Was zur Hölle soll das?“, äußerte sie daraufhin nicht weniger leise, als ich. Hastig wirbelte ich herum und verengte die Augen zu Schlitzen.
„Du bist hier, um mir einen bescheuerten Deal anzudrehen.“ Ich machte einen großen Schritt auf sie zu.
„Du bist hier, um mir zu drohen.“ Ein weiterer Schritt.
„Du bist hier, um unschuldige Menschen zu töten.“ Mittlerweile war ich bei meiner Ex-Kollegin angekommen.
„Deswegen drehe ich so durch, Ophelia“, knurrte ich mürrisch. „Kapier endlich, dass ich den Deal nicht annehme und verschwinde gefälligst.“
Zum Nachdruck schnappte ich mir mit einer Hand ihren Pferdeschwanz und zog mit aller Kraft an ihren Haaren, während meine andere Hand ihren Weg zu Ophelias Kehle fand.
Umgehend stemmte meine Gegnerin ihre Hände gegen meinen Brustkorb und versuchte mich von sich zu stoßen. Sie wollte irgendetwas sagen, doch es kam kein Wort heraus. Stattdessen fing sie an zu röcheln.
„Von mir aus kannst du jeden einzelnen Tag hierher kommen, denn ich werde immer da sein und dich aufhalten“, raunte ich ihr ins Ohr. „Ich werde persönlich dafür sorgen, dass du niemanden tötest.“ Mein Ton wurde stetig aggressiver.
„Hast du mich verstanden?“ Ophelias Miene blieb ausdruckslos. Von meiner Drohung ließ sie sich in keinster Weise beeindrucken.
„Ich will wissen, ob du mich verstanden hast, Miststück“, fuhr ich sie an und erhöhte den Druck auf ihre Kehle.
Augenblicklich bekam ihre Haut einen bläulichen Stich und das Röcheln hörte auf.
Unentwegt starrte ich sie an, während ihr allmählich die Luft ausging. Als ihr klar wurde, dass sie sich nicht aus meinem Griff befreien konnte, gab sie auf und nickte gehorsam.
Zufrieden lächelte ich, bevor ich meine Ex-Kollegin endlich losließ. Diese rang fieberhaft nach Atem, um ihre Lunge mit rettendem Sauerstoff zu füllen. Sie bemühte sich ihre schlotternden Knie und zitternden Lippen zu verbergen, aber ohne Erfolg. Mein Angriff setzte ihr mehr zu, als sie sich selbst zugestehen wollte.
„Na, also. Geht doch“, brummte ich und beobachtete Ophelia dabei, wie sie sich an ein anderes Pult lehnte und die Augen schloss. Triumphal schritt ich zu ihr herüber und blieb vor ihr stehen.
„Da du nun weißt, was dich erwartet, wenn du hierher kommst, kannst du auch verschwinden. Und sag Jericho, dass er mir nie wieder einen Deal anbieten soll.“
Nach meiner Ansage hoben sich urplötzlich Ophelias Lider. Ihre blau-grünen Augen waren glasig und leer, wie die einer Puppe.
„Sei nicht so selbstgefällig und hochmütig“, sagte sie verärgert und schob ihre feinen Augenbrauen zusammen.
„Glaub ja nicht, dass du mich davon abhalten kannst meinen Auftrag auszuführen. Ich werde so lange Tag für Tag Schüler töten, bis du es dir anders überlegst und Jerichos Angebot nachkommst.“ Sie stieß sich vom Pult ab und trat an mich heran. Ich konnte ihr Parfum riechen, das ihr den charakteristischen Kirschduft verlieh.
„Komm morgen wieder und wir werden sehen, ob ich dich vom Töten abhalten kann“, forderte ich sie heraus. Ophelia grinste amüsiert.
„Ich werde morgen da sein. Versprochen, Jimmy“, hauchte sie.
Dann nahm sie beinahe liebevoll mein Gesicht in ihre Hände und küsste mich. Ihre warmen Lippen auf meinen lösten Gefühle in mir aus, die gegensätzlicher nicht sein konnten.
Sehnsucht und Verlangen trafen auf Verachtung, abgrundtiefen Hass und Zorn, was mich vollkommen überforderte.
Aber nicht nur meine Emotionen machten mir zu schaffen, sondern auch die Wirkung, die Ophelias´ Kuss auf mein Herz hatte.
Schmerzhaft zog es sich zusammen und hörte auf zu schlagen. Es fühlte sich an, als würde mir das Leben herausgesaugt werden; als würde ich sterben.
Dieses unangenehme, abscheuliche Gefühl hörte erst auf, als meine Ex-Kollegin ihren Kopf sanft zurückzog und den Kuss unterbrach. Anschließend durchdrang sie mich mit einem gierigen und verruchten Blick.
„Bis morgen, Jimmy. Ich freue mich schon“, flüsterte sie mir zu, ehe sie sich abwandte und erhobenen Hauptes aus dem Raum stolzierte.

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