Ein rätselhafter Todesfall

Vor uns erstreckte sich ein riesiger Raum in deren Mitte ein langer glänzender Mahagonitisch stand. Sachte strich ich über die dunkle glatte Oberfläche des Holzes während ich langsam zum Kopfende des Tisches ging. Über dem Tisch baumelte ein Kristalllüster, der spärliches Licht in den dunklen Raum warf. Ich atmete tief durch. Der modrige Geruch von abgestandener Luft drang in meine Nase. Ich rümpfte sie angewidert und drehte mich zu meinen Begleitern um. Diese standen schon bereit und warteten auf mein Zeichen. Sie hatten sich auf beiden Seiten des Tisches hinter den Stühlen aufgestellt. Gefasst schaute ich von einem Gesicht zum nächsten. Auf meiner linken Seite saß Allesio. Sein bärtiges Gesicht betrachtete mich voller Zuversicht. Neben ihm stand der hochgewachsene Mirco Giordano der immer ein Lächeln auf dem Gesicht hatte. Mit kindlicher Neugier betrachtete er den spärlich beleuchteten Raum. Es war Zeit.

Langsam hob ich meine zitternde rechte Hand und legte sie auf das schwarze Leder mit dem die kunstvoll verzierte Lehne des Stuhles überzogen war.

Dieser Stuhl war bis zu seinem Tod vor drei Jahren immer der Platz meines Großvaters gewesen. Ich hob meinen Kopf. Mein Blick traf zuletzt auf dem der rothaarigen Aurora, die rechts von mir stand. Ihre Haare wirkten wie Feuer im Licht des Lüsters.  Sie nickte und lächelte zustimmend.

Ich schluckte, richtete mich auf, zog mit festem Griff den Stuhl quietschend über den Boden und setzte mich hin. Meinem Beispiel folgend setzten sich meine Freunde an den Tisch. Das Quietschen der Tischbeine auf dem Fliesenboden hallte durch den großen Raum.

Erschrocken fuhr ich zusammen als etwas an meinem Arm zupfte.

„Signorina Foscarini. Wie schön sie wieder zu sehen. Wie können wir der Erbin des hochwohlgeborenen Hauses dienen?“ fragte mich eine piepsende Stimme.

Auf meiner rechten Seite zwischen meinem Stuhl und dem von Aurora standen vier Hauselfen die mich diensteifrig ansahen.

„Ida, Nino, Vionna und Milo. Ihr seid noch hier? Nach all den Jahren?” keuchte ich überrascht.

„Ja Herrin. Wir haben doch geschworen dem Hause Foscarini zu dienen, Herrin. Bis zu unserem Tod,“ quietschte Nino und nickte eifrig. Hinter ihm nickten seine Gefährten stolz und murmelten zustimmend.

„Na dann lasst uns die Party beginnen,“ jubelte Mirco.

„Hast du nur noch Stroh im Hirn, Giordano? Das ist keine Party. Es gibt ein Problem. Die Dunkelheit ist zurückgekommen. Dieses Problem betrifft uns alle,“ fauchte Aurora verärgert.

„Es ist Mitternacht, Aurora, Schätzchen. Da ist es immer dunkel,“ erwiderte ihr Mirco grinsend.

Aurora öffnete den Mund um eine ihrer allseits bekannten Hasstiraden auf Mirco los zu lassen, doch Schritte vom Flur unterbrachen sie je.

Unsere Köpfe wandten sich schnell Richtung Tür. Angespannt standen wir auf und zogen alle unsere Zauberstäbe, als sich die Tür quietschend öffnete und der Hauself Ida eintrat, gefolgt von einer Gruppe Menschen in schwarzen Kapuzenmänteln.

„Signorina Foscarini. Ida bringt ihre Freunde, Herrin,“ quietschte Ida fröhlich.

Der Zauberer hinter Ida trat ins Licht und zog dabei seine Kapuze vom Kopf. Als dass Licht seine blonden kurzen Haare traf und seine grünen Augen auf meine trafen lies ich langsam meinen Zauberstab sinken.

„Du bist spät dran, Nero. Was hat dich aufgehalten? Eine Jungfrau in Nöten?“ spöttelte ich und setzte mich entspannt auf meinen Stuhl. Die anderen folgten meinem Beispiel.

„Als würde er in Rom noch eine Jungfrau finden. Die hat er doch alle schon flachgelegt,“ stichelte eine weibliche Stimme im Gefolge von Nero. Eine Person trat aus dem Schatten und schob sich die Kapuze vom Kopf. Darunter tauchte eine lange braune Lockenmähne auf. Mit einem breiten Grinsen trat die Frau an den Tisch und setzte sich neben Aurora.

„Hatte ich vollkommen vergessen, Luna,“ stimmte ich ihr grinsend zu und zwinkerte meiner Freundin zu. Ein belustigtes Raunen ging durch die Menge und einer nach dem anderen schob seine Kapuze vom Kopf.

„Überaus lustig Luna. Du warst schon immer eine geborene Komikerin,“ setzte Nero mit eisigem Ton an. Dann wandten sich seine stoischen Augen wieder mir zu. „Keine Jungfrau in Nöten wäre mir wichtiger als meine Verlobte. Im Gegensatz zu dir, Isabella, nehme ich meine Versprechen ernst.“

„Diese Unterhaltung führen wir später, Nero. Setzt euch,“ entgegnete ich ihm frostig und bedeutete den Rest sich hinzusetzten. Die vier Hauselfen begannen diensteifrig Becher, Krüge mit Kürbissaft und ganze Platten mit Antipasti auf den Tisch zu stellen

Hastig setzte sich die Gruppe in Bewegung und setzte sich auf die freien Stühle. Nero war der letzte der sich mit unbestimmten Blick steif auf den Stuhl am Fußende des Tisches niedersinken lies und mich mit abwartend betrachtete. Es schien als würde er die Unterhaltung lieber fortsetzten. Doch dies war wichtiger. Er würde es später verstehen.

„Ich bedanke mich für euer kommen. Wie ihr wisst haben wir uns heute hier versammelt…“ begann ich seufzend.

„Um Party zu machen.“ beendete Mirco meinen Satz jubelnd. Vor ihm stand schon ein Teller vollgehäuft mit einem Turm Antipasti.

„Nein, Mirco. Nicht um Party zu machen,“ genervt rollte ich mit den Augen. „Wie ihr vielleicht wisst arbeite ich ihn London als Heilerin,“ begann ich.

„Dann könntest du mich heilen,“ unterbrach mich wieder Mirco und warf mir einen anzüglichen Blick zu.

„Von was? Vom Wahnsinn?“ antwortete ich ihm mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Ja bitte mach das,“ seufzte auf seiner rechten Seite ein dunkelhaariger hochgewachsener Mann, den ich als Nicolo Rinaldi erkannte.

„Wenn ich es könnte hätte ich es schon längst getan, Nico,“ seufzte ich. „Also, wie schon gesagt, ich arbeite in London als Heilerin, als Spezialistin für scheinbar Unlösbare Fälle. Neulich rief mich eine befreundete Aurorin zu einem ihrer Fälle. Ein unerklärlicher Todesfall eines Squibs im Norden von Salisbury,“ begann ich meine Erzählung.

„Ein Angriff?“ wollte Luna interessiert wissen.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Keine Angriffspuren. Diese Frau wurde auch nicht von einem Avada-Kedavra-Fluch getötet.“

„Was macht dich so sicher?“ meldete sich nun Nero zu Wort.

„Als ich zu dem Haus kam stand die Frau in Flammen. Auroren waren gerade dabei die Frau zu löschen.“

Aurora und Luna stießen erschrocken einen spitzen Schrei aus und ließen ihre Brötchen fallen.

„Cool,“ mampfte Mirco beeindruckt und stopfte sich noch ein Brötchen in den Mund.

„Vielleicht hat der Täter sie danach angezündet um seine Spuren zu verwischen,“ mutmaßte Nero.

„Das dachte ich auch zuerst,“ gab ich zu. „Doch dann, als das Feuer gelöscht war, habe ich mir die Leiche der Frau näher angesehen. Sie war noch gut erhalten, kniete auf dem Boden ihres Wohnzimmers, mit weit aufgerissenem Mund. Mund- und Rachenraum waren vollkommen verkohlt.“

Vollkommene Stille herrschte im Raum während meiner Erzählung. Niemand rührte mehr die köstlichen Häppchen an. Sogar der Nimmersatte Mirco vergaß zu essen. Schockiert sahen alle zu mir.

„Sie ist innerlich verbrannte,“ stellte Antonio fest, der neben Luna saß und in die leere starrte.

Ich nickte. „Ja. Das Feuer ist in ihr ausgebrochen. Das Haus samt Einrichtung sind unbeschadet bis auf dem Brandfleck an der Decke oberhalb der Frau. Äußerlich siehst du der Leiche nichts an, außer der wächsernen Haut und den Brandblasen. Am schlimmsten ist das Gesicht. Das ist vollkommen entstellt. Doch innerlich ist sie verkohlt.“

„Was für ein Fluch ist das?“ räusperte sich Aurora.

„Also ich kennen keinen Fluch der so was auslöst und ich bin immerhin Fluchbrecher,“ stellte der schlanke, dunkelhaarige Aris fest der neben Nico saß.

„Ich kenne auch keinen,“ gab Ernesto zu der als Auror im Ausland arbeitete.

„Es gibt keinen,“ beendete Nero das Murmeln und mutmaßen im Raum. Schlagartig war es still.

„Nein, es gibt keinen. Der Auslöser war etwas Anderes,“ begann ich. „Der Auslöser war ein verwunschenes Artefakt.“

Ein bestürztes Raunen ging durch den Raum. Ich sah zu Nero. Doch dieser hatte sich nachdenklich in seinen Stuhl gesetzt und starrte vor sich ins leere.

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