Ein Strand

Leseprobe:

 

 

‚Das Eulenrätsel’ ( Genre: Fantasy, Öko-thriller, Lovestory und noch viel mehr…)

 

 

Kapitel 1

Ein Strand

 

Sommer 2004

 

Schmal war der Pfad, der Boden fühlte sich warm an unter ihren Füßen, den einzigen Spuren im Sand. Hibiskusblätter streiften Lisas Schultern, sie stapfte ein paar Meter die Anhöhe hinauf. Vor ihr lag eine Bucht, ganz anders als die Strände zu Hause in New Jersey. Immer schon hatte Lisa geheime Orte gesucht, in der Natur genauso wie in ihrem Inneren. Doch während sie die äußeren Orte von den Zwängen der lärmenden Städte abschirmten, verliehen ihr die inneren manchmal Flügel. Dieser Ort hier schien beides zu versprechen; eine versteckte Bucht, durch Dünen von den anderen Stränden getrennt. Niemand könnte sie hier sehen.

Warmer Wind durchwühlte Lisas Haar, blähte ihr Gewand auf wie eine sanfte Hand. Sie schmunzelte und ging zum Meer hinab. Ob Alwin schon vom Einkauf aus dem Dorf zurückgekommen war? Sie wünschte, er möge sich Zeit lassen, sich keine Sorgen um sie machen. Er machte sich so viele Sorgen. Vor allem seit sie das Buch geschrieben hatte.

Sie sah zum Horizont und lauschte der Brandung. Als sie tief einatmete, wehte schwarzes Haar durch ihr Bewusstsein, dann ein lächelndes Kindergesicht: Maracella, das Südseemädchen! Ihre allererste Titelheldin. Lisa tat es heute noch leid, dass sie ihre eigenen Geschichten damals als Achtjährige verbrannt hatte. Die Erinnerung daran war wie ein Stich in die Seele.

Doch Maracella war trotzdem hier. Gegenwärtig, in Lisas Geist atmend. Behutsam legte Lisa die Arme um ihre Schultern und sah aufs Meer hinaus. Schließlich setzte sie sich langsam. Maracellas Kinderblick, ihre großen Augen, sahen Lisa an, so erwartungsvoll und forschend. Es war, als wäre Maracella hier neben ihr und musterte sie unverhohlen. Solches Haar in den Farbschattierungen von Eierschalen hatte Maracella wohl noch nie gesehen. Aber es gab viel, was ihre kleine Titelheldin noch nie gesehen hatte, obwohl sie alles andere als jung war. Lisa dachte noch darüber nach, warum diese Figur einer ihrer Kindergeschichten jetzt so präsent war, als sie eine helle Mädchenstimme fragen hörte, „Wer kennt dein Buch?“ Die Frage war so klar, dass Lisa sich umsah, doch nichts als Dünen, Sand und Meer waren um sie. Maracella lächelte sie an.

„Alwin!“, antwortete Lisa der Brandung nach einer Weile. Maracella hatte verstanden und sah ebenfalls zum Meer hinaus. Da saß Lisa nun, ihr Lächeln verband sie mit einem verlorenen Glück aus Kindertagen.

Weit draußen auf dem Ozean fuhren große Schiffe vorbei – aber was war das?

Lisa beobachtete, wie Maracella aufsprang und in die sich brechenden Wellen hüpfte. Als Lisa ebenfalls etwas in der Gischt auftauchen sah, ließ sie sich plötzlich rücklings in den Sand fallen. Mit einem Auge lugte sie auf Maracella. Als hielte das Mädchen einen sakralen Gegenstand in ihren Händen, musterte die Kleine das Treibgut.

„Da steht etwas geschrieben, unter dem Seegras und den Muscheln…!“, flüsterte Maracella geheimnisvoll.

„Ach ja, ein verschimmeltes Holzteil mit irgendwelchen Hyroglyphen, heißt vermutlich ‚Oliventransport’ auf Hawaiianisch, chinesisch oder makrobiotisch!“, sagte Lisa laut und schloss die Augen. Warum sagte sie das so laut und schnell? Doch wohl nicht, um mit der Vision ihrer kleinen Titelheldin zu kommunizieren? Lisa hätte sich am liebsten im warmen Sand vergraben.

 

Das letzte Jahr war so vielseitig gewesen. Und dann hatte sie diesen Traum. Ein Traum, der sie veranlasste wieder zu schreiben. Nach all den Jahren! Und sie schrieb und schrieb und schrieb…  dieses Buch. Nicht für sich selbst oder für Alwin, das war von Anfang an klar. Und es würde sich niemals veröffentlichen lassen. Das war auch von Anfang klar. Aber sie musste es schreiben, sie hatte keine Wahl.

Warum spürte Lisa plötzlich ihr Herz heftig klopfen?

Die Antwort war wie ein sanfter Schlag. Gut, dass Lisa schon im Sand lag.

Sie existierten! Woher sie das wusste, konnte sie nicht sagen. Lisa sah sie nicht, so wie sie Maracella neben sich am Strand sah. Aber sie fühlte, dass sie lebendig waren.

Schweigend legte Maracella ihren Fund neben Lisa in den Sand.

„Und? Was steht da geschrieben?!“, fragte das Südseemädchen schließlich vorsichtig.

Lisa setzte sich auf und sah auf das Treibgut, das sie gut mit beiden Händen umfassen konnte. Salzig schmeckte der Geruch. Für einen kurzen Moment hatte Lisa den Eindruck, sie selbst wäre wie eine der Muscheln, die an dem Gegenstand hafteten: herausgerissen aus ihrem Element und zuhause in der Tiefe des Meeres.

„Ein Korken, er  muss schon länger im Wasser geschwommen sein. Wahrscheinlich ist es ein Stück von einem Lebensmittelfass, irgendeine Werbung oder sonstige Beschriftung! Schwer zu lesen, man müsste das Seegras und die Muscheln ablösen...“, sagte Lisa leise zu sich selbst.

„Das ist kein Teil von einem Fass!“, drängte sich Maracellas Stimme in Lisas Gedanken.

Lisa seufzte und schüttelte den Kopf. Warum war sie nur so naiv und ließ sich von ihrer kleinen Titelheldin dazu verleiten, auf ein Stück Treibgut zu starren? Sie wusste die Antwort einen Augenblick später. Weil das Treibgut nicht unbedeutend war, und eine andere Titelheldin fiel ihr ein. Bela Petty.

„Ach, das ist doch bedeutungslos!“ Oh Gott, jetzt sprach Lisa schon zu sich selbst. Ob sie sich überzeugen konnte?

Das Mädchen streckte den Oberkörper. Ihre dunklen Augen blitzten angriffslustig.

„Aber das könnte doch auch eine Botschaft sein...!“ Mit einem lauten Stöhnen ließ sich Lisa wieder in den Sand fallen.

 

Weiter südlich ging Alwin langsam über den  Strand.  Sanfter Wellenschaum umspülte seine bloßen Füße. Die Hosen hochgekrempelt und das Hemd aufgeknöpft, genoss er die Einsamkeit dieses Nachmittags, während der Meereswind mit seinen grauen Haaren spielte. Manchmal huschte ein Lächeln über Alwins Gesicht, doch es versteckte sich schnell wieder in einer tiefen Falte zwischen den Augenbrauen. Soeben hatte er sich vorgenommen, nach seiner Pensionierung Schauspielunterricht zu nehmen. Ob er dieses neue Hobby Leonhard zu verdanken hatte? Aber bald wieder nagten seine Gedanken als beständige Sorge um Lisa an seiner Stimmung. Das kannte er schon seit zwanzig Jahren, doch seit seine Frau dieses Buch geschrieben hatte, war etwas an ihr, das ihm völlig neu war. Es machte ihm Angst. Am meisten Angst machte ihm, dass er gar nicht sagen konnte, was sich an Lisa verändert hatte. Irgendetwas war passiert. Ob es mit Leonhard zu tun hatte? War es zuviel für Lisa gewesen? Aber sie war so glücklich gewesen wie selten zuvor im Leben.

Auch Alwin sah die großen Schiffe. Ob er er Lisa jetzt suchen sollte, fragte er sich plötzlich. Sie war doch ganz alleine unterwegs. Er sah die Dünen hinauf, dann schüttelte er den Kopf. Lisa war doch kein Küken mehr!

Nein, Lisa war kein Küken und auch nicht ganz allein. Nachdem Maracella sich verabschiedet hatte, sah sie weit enfernt am Strand zwei Jungs gehen, beide 16 Jahre alt. Interessiert beobachtete sie die beiden mit geschlossenen Augen. Sie wanderten durch ihren Geist, als wäre dieser ein Faltenwurf mit unzähligen Verstecken, in denen all ihre Figuren gegenwärtig und lebendig Platz fänden. Jetzt kamen die beiden daraus hervor. Lisa kannte die Jungs aus ihrem unveröffentlichten Buch. Aber wo waren denn die anderen?

Der eine Junge hieß Lerry Miller und sah fast aus wie der fünfte ‚Beatle’, der andere, Kat Waterrise, hatte einen Krauskopf. Unter seiner Achsel klemmte meistens ein Surfbrett. Als Lisa damals mitten im Schreiben ihres Romans war, war Kat plötzlich aufgetaucht, aus dem Nichts. Sie begann von ihm zu erzählen, ohne zu wissen, was er eigentlich mit ihrer Geschichte zu tun hätte. Aber es passierten öfters eigenartige Sachen, als sie an diesem Buch schrieb. Was genau geschah, wenn ein Stern implodierte, wollte sie einmal wissen. Daraufhin klingelte das Telefon und ein Bekannter erzählte, er hätte begonnen, Astrophysik zu studieren. Oft wunderte sie sich über ihre eigenen Sätze, denn das Spannende an ihrem Buch war, dass sie selbst überhaupt keine Ahnung hatte, wohin die Geschichte führen würde. Doch zu ihrer großen Überraschung verwoben sich die Erzählstränge wie von Zauberhand geführt.

Schon standen die beiden Jungs ganz in ihrer Nähe. Neugierig beobachtete sie Lisa unter ihrem breitkrempigen Sonnenhut.

 „... tja, und ich bin riesig froh, die Ferien nicht in England zu verbringen!“ Lerry blickte zu Boden, dann war es wieder Zeit, seine Haare über der Stirn glatt zu streifen. Er unterhielt sich mit Kat, ohne Lisa zu beachten. „Außerdem werde ich mir diesen Sommer von niemandem etwas vorschreiben lassen!“, meinte er bestimmt.

Lisa schmunzelte, setzte sich auf und beschloss, zur Hütte zurück zu gehen.


Kapitel 2

Ein Wald und eine Heide

 

Es wurde kühler. Nebel legte sich wie milchiger Schleier über die Stämme der Bäume. Sie stapften über Wurzeln ohne ein Wort zu sagen. Plötzlich zerriss ein Schrei ihr Schweigen.

„Ahhh! Da ist eine Schlange!“ Ein Ruck ging durch die Gruppe. Es floh oder versteckte sich, wer konnte, kletterte auf Bäume oder begann eifrig zu fressen – da der Aufschrei einen wunderbar hohen Frequenzpegel hatte, der nach Sahne und Sauerkirschteig schmeckte. Ein paar Mutige gingen weiter.

„Da vorne am Baumstamm...!“, kreischte Eulalia Birdwitch abermals, tat ein paar unvorsichtige Schritte rückwärts und stolperte über eine Wurzel. Sie wäre fast zu Boden gestürzt, wäre da nicht ein Mann im schwarzen Kapuzenmantel hinter ihr gestanden. Da dieser jedoch anstatt Finger eiserne Krallengerätschaften zu je fünf Metallspitzen besaß, wurde Eulalia nur durch seinen breiten Brustkorb vom Fallen abgehalten. Ein drittes Mal kreischte die einzig normale Erwachsene, als sie die Eisenfinger vor ihren Rippen gegeneinander schlagen hörte. Eulalia konnte den nach verbranntem Holz riechenden Atem in ihrem Nacken spüren. Wieder sicher im Gleichgewicht, stieß sie sich angewidert von dem Mann ab und wagte einen Schritt vorwärts. Suckandpop rülpste.

Ein Mädchen erreichte Eulalia und Elester Claw. Sie blieb aber nicht stehen, sondern ging beherzt auf den Baumstamm zu und hob etwas hoch. Grinsend drehte sie sich zu den anderen um.

„Eine lasche Schlange! Der Nebel hat Ihnen einen Streich gespielt, Miss Birdwitch!“

„Siiieht aber wiiehrklichsch ausss wieeeh eine Ssschlannnge!!“ Jim Hicksley sah sogar mehrere Schlangen, doch das war ihm ziemlich egal. In letzter Zeit war ihm überhaupt so ziemlich alles egal, was nicht einfach vor seinen Augen verschwand, so wie damals. Er nahm noch einen Schluck aus seinem Fläschchen.

„Olle Tante!“

„Wer war das?“, brauste Eulalia auf. Alle anderen zuckten mit den Schultern, denn niemand hatte etwas gesagt.

„Ach, dieser nebulose Wald, wie lange sollen wir noch hier herumirren?!“ Eulalia sprach lauter, um sich Mut zu machen, und Suckandpop hatte Speichelfluss.

„Ja, in unserem Buch mussten wir wenigstens nicht ewig laufen ...“, meinte nun ein anderes Mädchen, das auch zu den Herumstehenden trat. Eulalia ließ sie nicht weiter zu Wort kommen und quiekte beinahe, „Ach was, dieses blöde Buch! Ich saß auf alle Fälle in meinem Büro in Los Angeles, ich war in Sicherheit, keine Kälte und kein Nebel!“

„Sicherheit... Sicherheit, wenn nicht einmal die hohe Wissenschaft astronomischer Pendelexperimente vor Kerzenleuchtern geschützt ist!“, schimpfte ein ehrenwert aussehender Mann und mischte sich in Höhe von Eulalias Kniekehlen ins Gespräch.

Er hatte die Erlebnisse aus jüngster Vergangenheit noch nicht vollständig verarbeitet – was aber verzeihlich war, da dieser ehrenwert aussehende Mann auf sehr viel Vergangenheit zurückblicken musste.

„Nun, jetzt stehen sie auf dem Boden, Herr Professor!“ meinte Bel Raven, die das Buch bis zu der Stelle gelesen, an der sie selbst darin vorkam. So eine Erfahrung prägt natürlich. Dadurch wusste sie mehr als alles anderen, wenn sie überhaupt etwas wusste.

„Herr Professor, Sie waren doch eine berühmte Persönlichkeit!“, fügte Penny Lo hinzu, um den kleinen Mann zu beruhigen.

 „Ich WAR eine berühmte Persönlichkeit, bin aber schon längst tot!“, schimpfte Professor Draciterius unbeirrt.

„Na und. Bin es auch!“ Aus einer besonders dichten Nebelwand erhob sich ein dünnes Stimmchen. „Und das freiwillig! Hatte eine wunderschöne Zeit in meinem Haus in London, Clerkwell, Alaster Road 15!“

„So kommen wir nie weiter!“ Der Suckandpop schluckte zufrieden, während Penny Lo wütend mit dem Fuß gegen den Baumstamm stieß. „Wir müssen versuchen, zur Grenze zu kommen und...“

„Vielleicht einem Monster den Rachen verkleben? Sonst noch was?“, unterbrach ein Junge Penny Lo. Pat Swift war sicher kein Feigling, Held war er aber auch keiner.

„Wenn wir noch länger hier stehen bleiben, brauchen wir uns bald keine Gedanken mehr zu machen!“, brummte Eulalias Retter vor dem Fall.

Ein voller Mond war aufgegangen, manchmal rissen die Nebel kurz auf und es wurde hell im Wald.

„Es wird sehr kalt!“, meinte Prof. Draciterius so pathetisch, als würde er die Entdeckung der modernen Naturwissenschaften ankündigen. Dann schüttelte er seinen ehrenwerten Glatzkopf, den zwei noch ehrenwertere Kotletten schmückten, und war und blieb seiner Zeit um fünf Jahrhunderte zurück. Immerhin konnte er die anderen hin und wieder durch reformatorische Gedankenschärfe beeindrucken, wenn auch nicht gerade jetzt.

Die Gruppe der ihrem Buch Entrissenen machte sich also wieder auf den Weg. Jim Hicksley ließ alle an sich vorbeiziehen, um dann mit einem bleichgesichtigen jungen Mann namens Merlot die Nachhut des Trupps zu bilden.

So gingen sie, bis die Waldgrenze endlich hinter ihnen lag und sich Metallklinken der Morgendämmerung entgegen streckten.

„Alles Haltmachen!“, brüllte Elester Claw. Jim Hicksley stolperte fluchend zu Boden und fiel über Merlot, der sich wie ein Brett ins Gras hatte kippen lassen. Er nahm einen Schluck aus dem Flachmann und schlief ein paar Minuten später auf Merlot ein. Professor Draciterius und Dr. Sanguinis Anatomis taten sich nicht so leicht mit dem Einschlafen. Verzweifelt rannten sie zwischen den anderen hin und her, um eine Gerade zu finden. Doch die Heidelandschaft hielt nichts von Geometrie, und so begannen sich die beiden zu zanken, bis sie schließlich ebenso gerade umfielen wie Merlot.

Auch die Tiere waren müde. Selim, die einzig normale Gans, pardon, der einzig normale Gänserich, suchte sich einen Platz nahe eines Tümpels. Mäusegroßvater Mero fand mit seiner Familie im Gras Unterschlupf, ebenso Tarantilli, die Flohspinne, und Fischa, die Meerkatze.

Vierzehn Jugendliche sanken ebenfalls zu Boden, während ein an den Händen gefesselter Mann an eine Weide gebunden wurde und dort über seinen Qualen entschlummerte.

So schliefen alle ein. Wirklich alle? Nein, nicht alle. Wer kann sich vorstellen, dass Eulalia Birdwitch in freier Wildnis die Nacht verbringt? Sie war es nicht gewohnt, sich ohne ihre tägliche Fernsehserie dem kleinen Tod zu überlassen. Auf einem möglichst sauberen Stein sitzend dachte sie an ihr Appartement mit Bodenheizung in Los Angeles.

Doch sie war nicht die einzige, die wach war. Auch Bel Raven konnte keinen Schlaf finden. Das Mädchen hatte sich zwar, so gut es ging, in ihren Wollschal eingewickelt, doch Gewissensbisse lassen sich nicht einwickeln.

Bel blickte hinüber zu der Amerikanerin und seufzte. Ob sie zu ihr gehen und sich entschuldigen sollte? Doch damals hatte sie ja nicht wissen können, dass die Zusendung ihres Liedes an Warner Bros solche Konsequenzen haben würde. Komisch! Wo sie doch sonst immer alles wusste! Wozu das ganze nur? Erscheinen würde der Film sowieso frühestens erst 2017, wenn überhaupt. Immerhin war der Korken, den sie im Winter noch in den Pazifik befördert hatte schon an den Stränden von Hawaii angekommen. Sie versuchte sich zu erinnern, was sie damals eingeritzt hatte. Doch wie immer, wenn sie daran dachte: es mochte ihr nicht gelingen. Nun, irgendwann würde das alles zu Ende sein. Von dieser Erkenntnis beruhigt, schlief sie schlussendlich doch ein.

Auch Eulalia überkam die ersehnte Ruhe. Selbst ohne die Befriedigung zu wissen, ob Betty Love in der Vorabendserie ‚Die schmelzenden Eisbären von Denver’ noch an Mister Lester McStubborn herangekommen war oder nicht. Sogar die Ungewissheit, ob sie selbst, Eulalia, Opfer eines Mordes geworden war und ihre jetzige Lage vielleicht eine Vorhölle sei, erschien ihr mit zunehmender Müdigkeit belanglos.

Penny Lo erwachte als erste von allen. Sie räkelte sich und meinte alle Knochen zu spüren. Doch was sie dann sah, schmerzte fast noch mehr. Unweit von ihr, unter einem stacheligen Gestrüpp, lagen zwei ehrenwerte Gestalten aneinandergeklammert auf dem Boden als wollten sie sich gegenseitig erwürgen. Etwas weiter, den Abhang hinunter Richtung Tümpel, schnarchte ein älterer, mit Fetzen bekleideter Mann. Unter ihm lag ein bleicher jüngerer Mann, der kaum zu atmen schien.  Seine Augen waren mit einer Binde bedeckt. Penny Lo schüttelte den Kopf und ließ ihren Blick in die Weite schweifen. Sie befanden sich auf einer Hochebene, vor ihnen Gras und Büsche, die in Nebeln verschwanden, ein Tümpel war gerade noch zu erkennen. Dahinter mochten sich Wiesen und Wälder befinden, in der Ferne vielleicht ein Gebirgszug. Sie sog die frische Luft ein.

Dann zog der Suckandpop ihre Aufmerksamkeit auf sich. Das unförmige Etwas hing schlapp über dem tiefen Ast einer Birke. Es hieß übrigens Sucky. Penny Lo erinnerte sich an eine Schulstunde letzten Jahres, als dieses Unding besprochen worden war. Angeblich änderte es ständig seine Form und sah im wohlgenährten Zustand aus wie ein Riesenschnuller. Es ernährte sich ausschließlich von Frequenzen, eine Verstopfung hatte lautstarke Explosionen und den Gestank nach Schimpfwörtern zur Folge. Seit dieser Schulstunde wusste Penny Lo, dass Schimpfwörter stinken können.

Suckys Schlafplatz lag etwas abseits von den anderen. Nur eine etwas festere, blondhaarige Frau Mitte dreißig hatte den Fehler begangen, sich unter die Birke zu legen. Penny Los Stimmung erhellte sich augenblicklich, als sie Suckys triefenden Speichel beobachtete. Pat schien dasselbe zu beobachten und bemerkte nur: „Na, wenn die aufwacht, hat der Suckandpop sicher ein fulminantes Frühstück!“

„… Waschmaschine, weiß, schwarz und... neinnnnn!“, murmelte der an den Baum gebundene Schläfer. Der Suckandpop wurde etwas dicker, die Schnullerspitze streckte sich.  Schleim tröpfelte auf Eulalias Bluse, sie lächelte im Schlaf und drehte sich auf den Bauch.

Als der Gefesselte die Augen aufmachte, sah er aus, als wäre er gerade einer Waschmaschine im Schleudergang entstiegen.

„Allle heeerkooommmen! Wir müssen einen Rat einberufen!“ Sucky bekam sein Frühstück, denn Elester Claw brüllte ziemlich laut. Aber es dauerte noch lange, bis alle versammelt waren. Vor allem die Tiere unten am Tümpel wollten nichts von irgendwelchen Zusammenkünften wissen. Die Meerkatze Fischa dachte sofort an Flucht. Versammlungen entsprachen nicht ihrem Naturell.

Die Sonne war schon fast wieder verschwunden, als Elester allen Beteiligten einen ‚Guten Morgen’ wünschte.  Sucky, fett und glücklich, lag neben Elester und rührte sich nicht mehr.

„Wir haben“, erhob der ehemalige Mönch seine heisere Stimme, „einen gefährlichen Wald durchquert, und jetzt kann es nur noch einen Weg geben: den Weg zur Grenze!“

„Unmöglich!“, unterbrach ihn Professor Draciterius und hörte kurz auf, sich mit Dr. Sanguinis Anatomis zu streiten. „Ich will zurück ins Buch! Ich weiß gar nicht, warum ich mich diesem Trupp überhaupt angeschlossen habe. Habe ich mich diesem Trupp überhaupt angeschlossen? NEIN, ich wurde ausgeschlossen, eliminiert aus den Seiten, sozusagen!!“ Der Suckandpop hätte mit diesem anschwellenden Frequenzpegel seine Freude gehabt, doch sein Hunger war bereits gestillt.

„Ja, ganz richtig! Außerdem waren wir doch nur Randfiguren, ich verzichte darauf, zur Grenze des Nichtigen Reiches zu kommen, ich verzichte!“, fügte der zwielichtige Professor Anatomis Sanguinis hinzu, und man hätte meinen können, er und Professor Draciterius wären ein Herz und eine Seele.

„Ja, genau, ich bin eine ganz normale Gans. Mein Name wurde nur einmal erwähnt, stellt euch das vor: einmal! Ich wurde weder beschrieben, nein, nein, noch eigentlich durfte ich ein Wort reden, nicht reden durfte ich, jawohl! Nowhere Man. Und genauso ging es Elvira, jawohl, der Stubenfliege, genau, genau, Draculetta, ja, ja, der Fledermaus, genauso, genauso, der Flohspinne Tarantilli und Geier Willy, von der Fledermaus ‚Hu’ ganz zu schweigen! Twist and Shout. Wozu der ganze Aufwand? Wozu? Wozu? Let it be! Also, ich möchte auch zurück ins Buch, jawohl, zurück. Niemand wird mich bemerken, nein, nein, ich bin nur eine ganz unscheinbare Gans, ja, ja, und halte meinen Mund! Yeah, yeah, yeah! Und wenn das nicht geht, nicht geht, jawohl, ich meine, wenn das alles zu lange dauert, dann fliege ich, jawohl, dann fliege ich! I’ll Follow the Sun!“

„Selim hat völlig recht!“ Elester glaubte, seinen Augen nicht zu trauen, als auch noch vier Jugendliche aufstanden. „Wir möchten auch zurück!“

Der ehemalige Mönch setzte sich auf den nächsten Felsbrocken. Er hätte jetzt gerne den Kopf auf seine Hände gestützt, doch um sich selber nicht aufzuspießen, unterließ er es. Stattdessen verschränkte er seine Eisenspitzen ineinander, blickte schweigend von einem zum anderen, bis es endlich ruhiger wurde.

„Es stimmt, dass wir unvorbereitet auf diese Reise geschickt wurden. Wir wurden herausgerissen aus unserem täglichen Leben und fanden uns hier wieder. Einige von uns kamen auch nicht hierher, da sie zu schwer waren wie der Steinerne Löwe oder zu weit weg wie Kat Waterrise und Lerry Miller... Aber ihr wisst, was uns alle verbindet!“

„Ja, es verbindet uns, dass wir im Nirgendwo herumsausen...!“, piepste Draculetta, die Fledermaus.

„...und dass wir einmal gemeinsam in einem Buch waren, jedoch daraus – wodurch auch immer – verbannt wurden!“, ergänzte die Flohspinne Tarantilli.

„Freunde! Dort, wo ihr zurück wollt, ist keine Heimat! Wir alle waren doch nur Randfiguren in diesem Buch, keiner von uns war in die Handlung verwoben. Vielleicht haben wir jetzt, obwohl verbannt, die Möglichkeit, einen neuen Weg zu gehen und zu uns selbst zu finden! Jetzt können wir unsere eigene Geschichte schreiben! Der Weg ist das Ziel, und es ist alleinig unser Weg! Als erstes müssen wir die Grenze dieser Landschaft erreichen, denn wir befinden uns hier im Nichtigen Reich. Alles ist der Nichtigkeit preisgegeben, da es keinen Stein, keine Pflanze, keinen Tümpel und keinen Berg wirklich gibt, aber wenn wir…“

„Eben…! Alles ist so nichtig hier!“, unterbrach Prof Draciterius Elester aufgebracht. „Dann kehren wir doch ins Buch zurück! Ich brauche keine eigene Geschichte. Meine adeliges Blut ist geschichtsträchtig genug!“

„Nein, das ist nicht möglich!“, mischte sich Penny Lo ins Gespräch. „Wir können nicht mehr ins Buch zurück! Wären wir wenigstens in der wirklichen Welt, dann könnten wir unser Buch suchen und vielleicht wieder zwischen den Zeilen verschwinden. Doch wo das Nichtige Reich genau ist, wissen wir nicht. Wir wissen ja nicht einmal, wer wir genau sind! Wir haben die Form von Menschen und Tieren, aber das einzige, was wir sicher wissen, ist, dass wir in einem Buch entstanden sind! Außerdem ist das hier bei weitem nicht Schottland! Wir wandern doch schon tagelang Richtung Westen und hätten längst das Meer erreichen müssen, doch hier gibt es kein Meer!“ Diese Feststellung traf die Meerkatze Fischa. Ihre Enttäuschung war riesig. Da sie das Meer in ihrer Gattungsbezeichnung trug, hatte sie sich immer schon gewünscht, es einmal zu sehen.

Der Professor quengelte unterdessen unbeirrt weiter: „Und ob ich ein Mensch bin! Nieder mit dem versklavenden Idealismus, es lebe der Humanismus – auch wenn ich meiner Zeit etwas vorgreife! Schauen Sie sich ein Bild aus dem 16. Jahrhundert an: auf einer zweidimensionalen Fläche ist bereits eine räumliche Darstellung zu erkennen! Dank dem logischen Verstand und der genauen Beobachtung! Pah, wahrlich, ich sage Ihnen: cogito, ergo sum! Wir gehen einfach den Weg zurück, meine Herrschaften, und ich werde diesem Nichts eine Dimension hinzufügen – dank meiner Pendelexperimente, um uns wieder unserer wahren Heimat zuzuführen! Vertrauen Sie auf die Wissenschaft der Renaissance – ich habe schließlich Leonardo da Vincis geometrische Skizzen nicht umsonst studiert!“ Viele Augenpaare blickten begeistert auf den kleinen Mann. Nur Merlot und einige wenige sahen betreten aus. Der junge Vampir knickte sogar sichtlich ein. Er hatte nämlich einen Hang zu geisteswissenschaftlichen Überlegungen und dachte weiter als der Professor der Renaissance: wenn es nämlich dieses Nichtige Reich gar nicht gab, dann gab es ihn wahrscheinlich genauso wenig – das zumindest verriet eine von allem Idealismus befreite Logik. Trotzdem tauchte das Dämmerlicht die Gesichter aller in trübe Schatten.

Schließlich erklang wieder Elesters Stimme. „Pat, nimm mal den Stock!“ Als Elester begann, in die Luft zu hauchen, verstand der Junge. Er hielt dem Kapuzenmann einen nichtigen Stock vor den Mund, sofort entzündete er sich. Bald darauf brannte ein kleines, wenn auch nichtiges, Feuer. Elester starrte in die nichtigen – wir wissen es schon – Flammen und dachte nach.

Merlot hielt es schließlich nicht mehr aus. „Aber…, wenn wir irgendwo sind, wo wir nirgendwo sind, sind wir selbst dann überhaupt irgendwie oder sind wir vielleicht nirgendwie?“ Die Reaktion der Gefährten war für Merlot erstaunlich. Selten hatten seine Worte dasselbe ausgelöst wie seine Bisse – panische Aufschreie. Am schlimmsten dran war Eulalia. Nach tagelangem Herumirren mit diesen Irren, frisch bespuckt von einem Unding, und jetzt auch noch der Gewissheit beraubt, überhaupt zu existieren, reifte in ihr im Nirgendwo die Erkenntnis, dass dies keine Vorhölle, sondern die Haupthölle sei. Ob es eine solche überhaupt gab, hatte sie sich nie gefragt.  Sie kniete nieder und begann um Verzeihung ihrer Sünden zu bitten. Bel Raven näherte sich ihr vorsichtig und meinte leise: „Es wird alles wieder gut!“

„Leute, wer oder was, wie und wieso, wodurch und weswegen, ob wir oder ob wir nicht existent sind, das tut jetzt alles nichts zu Sache! Auch wenn es uns gar nicht gibt, wäre es furchtbar langweilig, uns nicht vom Fleck zu bewegen. Also schlage ich vor, wir gehen einfach weiter!“, rief Penny Lo so laut sie konnte.

„Gehen, aber in welche Richtung? Das ist hier die Frage!“, ereiferte sich Professor Draciterius aufgebracht. „Ob´ s edler im Gemüt... alle, die an unumstößliche Größen wie Bilderrahmen glauben, gehen mit mir. Wir gehen dorthin zurück, woher wir gekommen sind! Von dort werden wir unsere geistige Heimat zurückerobern – mithilfe genauer wissenschaftlicher Analyse der Wirklichkeit!“ Angesichts der Bedrohung völliger Identitätslosigkeit ging ein fanatischer Aufschrei durch die Gruppe.

Elester erblasste. Die meisten seiner Kumpanen scharten sich um den Professor. Er stand auf und sah sich um. „Nun… Wenn es so sein soll, wer geht dann mit mir?!“

Bel Raven kam mit Eulalia vom Tümpel zurück. Sie stellte sich mit der Willenlosen hinter Elester. Auch Pat Swift und Penny Lo gesellten sich zu ihm.

„Konfrontiert mit dem Nichtsein ziehe ich die Aussicht auf ein fortschrittliches Nichtseins der Aussicht auf ein rückschrittliches Nichtsein vor, also komme ich mit euch! Ihr müsst mir nur eines versprechen!“, bemerkte Merlot.

„Und das wäre?“, erwiderte Elester matt.

„Tagsüber muss ich mir die Augen verbinden, da brauche ich unbedingt jemanden, der mich führt!“

„Aberrrr dass isch doch klar, mmmein Junggge!“ Jim Hicksley torkelte herbei. „Wo DU bissch, da binnn auch ich! Highly!“

„Fein, dann sind wir ja eine wirklich starke Truppe!“, brummte Elester, während ihm seine Kapuze vor die Augen rutschte.

„Elester...“

„Ja, Bel...“

„Nun, ich kenne unsere Geschichte ja schon, und an dieser Stelle fragt Bel Raven Elester, ob er sehr verzweifelt wäre, wenn sie, natürlich nicht wegen des Glaubens an unumstößliche Größen, sondern vielmehr wegen narrativer Umstände, sich der Gruppe der siebenunddreißig anschließen würde.“

„Und was sagt Elester da?“, fragte Elester.

„Er sagt: ‚Ja, ich bin sehr verzweifelt, aber bitte geh mit den anderen, da ich so oder so sehr verzweifelt bin!’“, erklärte Bel.

„Ja, ich bin sehr verzweifelt, aber bitte geh mit den anderen, da ich so und so sehr verzweifelt bin!“, wiederholte Elester. Bel schloss sich somit der größeren Gruppe an.

Die Nacht war hereingebrochen. Das Feuer warf einen flackernden Lichtkreis. Vom Waldrand her bewegte sich eine Gestalt auf sie zu. Die hintere Reihe der Fünfundvierzig teilte sich, und der Dunkelheit entsprang ein in Reiterhose, Stiefel und kariertem Hemd daherstapfendes monokeltragendes Individuum.

„Willkommen, Lord Waxmore, wir halten gerade eine Versammlung ab. Wollen Sie mit Professor Draciterius und den anderen zurück an den Ort, an dem unsere Reise begonnen hat? Obwohl sie diesen vermutlich nie finden werden. Aber wollen sie zurück, um der Hoffnung nachzuhängen, wieder in unser Buch zu gelangen, oder...“, fragte Elester lustlos.

„Guten Abend Mylords! Unser Buch? Was verbindet mich denn mit diesem Buch? Nichts als die Erwähnung meines Namens – keine Abenteuer, keine Aufgaben, ja nicht einmal eine Nebenhandlung wurde mir zugeschrieben. Nie und niemals möchte ich dorthin zurück!“, unterbrach der Lord Elesters Ausführungen.

„Ha, Niedergang des Adels! Sie werden sich noch ansehen, Mylord! Irren Sie nur blaublütig in diesem Nichtigen Reich herum! Im Namen der siegreichen Wissenschaft werde ich diesem unwürdigen Geschehen Widerstand leisten!“ Ohne weitere Verabschiedung, dafür mit wilden Schlachtrufen, stürmte Professor Draciterius Richtung Wald davon. Sechsunddreißig Individuen folgten ihm.

Sechsunddreißig Individuen?

„Nehmt mich mit!“, keuchte es aus dem Nirgendwo. Obwohl sich Penny Lo dreimal umdrehte, konnte sie nicht erkennen, wer gerufen hatte.

„Ich sitze auf deiner linken Schulter!“

Pat Swift grinste. Dann bemerkte er: „Das ist die Flohspinne Tarantilli! Sie ist so klein, dass sie kaum zu sehen ist, und sie wiegt auch nichts. Ich glaube, sie hat dich als Sänftenträger gewählt!“

„Na von mir aus...“ Plötzlich spürte Penny Lo einen Windhauch neben sich. Draculetta, die Fledermaus, landete auf ihrer rechten Schulter und piepste: „Nicht auszuhalten, dieser Haufen! Vor allem der Professor! Hu hält ja viel aus…“

„Wartet!“ Ein graubraunes Fellbündel kollerte Pat vor die Füße. „Erbarmen, ich komm auch mit euch!“, machte sich die Meerkatze Fischa bemerkbar. Sie sprang auf Pats Schulter, der entnervt wissen wollte: „Sind wir jetzt alle vollzählig?“

„Von den Tieren schon. Selim kann hinfliegen, wo er will, Mäusegroßvater Mero ist dem Trupp mit seinen Enkeln vorausgeeilt, BMS-Spatz Posi flattert auch voraus und hört nicht viel von den Schlachtrufen des Professors, und Geier Willy schwebt erhaben in den Lüften…!“

Pat wollte etwas sagen, bekam aber Fischas Schwanz ins Gesicht.

„Können wir endlich gehen…?“, flehte Merlot. „Solange es dunkel ist, sehe ich noch etwas von der Landschaft!“


Kapitel 3

Ein seltsamer Gruß

 

Lisa setzte sich im Bett auf, Alwin schien noch zu schlafen. Sie musterte das Innere der kleinen Strandhütte und lauschte den Geräuschen der sterbenden Nacht. Weit entfernt ließ eine Sumpfohreule einen fauchenden Laut hören. Ein Weibchen, dachte Lisa. Es dauerte nicht lange, da drang durch die aneinandergebundenen Bambusstäbe der Hüttenwand Licht. Einer der Strahlen zauberte Maracellas Nasenspitze hervor. Das Südeseemädchen machte es sich auf Lisas Bettdecke gemütlich und lächelte ihre Schöpferin an. Lisa lächelte zurück.

Eine Männerhand wanderte langsam Lisas Bein hinauf.

„Hey Kat, schon gefrühstückt? Komm, wir setzen uns raus! Wo ist Lerry?“, meinte Maracella plötzlich und sah zur Tür. Auch Lisa  blickte auf die geschlossene Tür, ohne jedoch den verschlafenen und sehr ernsten Blick ihres Mannes zu sehen.

Kurz darauf saßen Alwin Richard und seine Frau an einem Tisch vor der Hütte. Vom Wind durch Sanddünen geschützt, verzehrten sie ihr Frühstück. Lisa hörte, wie sich Alwin nach ihrem Schlaf erkundigte. Sie gab eintönige Antworten, ihre Phantasie hingegen wurde bunter und setzte sich ebenfalls an den Tisch. Während Alwin nach Worten suchte, war Lisas Aufmerksamkeit von dem gefangen, was in ihrem Geist geschah: Als Lerry erschien, holte er etwas aus seiner Hosentasche und zeigte es Kat.

„Tja, es gibt ein Rätsel auf…“, meinte Kat nachdenklich. Nach einer Pause, in der Alwin die Hawaiianischen Koch- und Essgewohnheiten schilderte, fügte Kat leise hinzu: „Entschuldigung, Miss Richard, könnten Sie sich das bitte ansehen! Es könnte wichtig sein!“

Lisa schluckte. „Ein Stück Korken am Morgen und vielleicht landen Sie am Abend in einem Topf Gemüsesuppe und wundern sich, warum Sie noch immer keine Karotte geworden sind...“, leierte sie ohne mit der Wimper zu zucken vor sich her. Alwin blickte auf das Treibgut in Lisas Hand, dann auf die Ananas. Er schnitt weitere Scheiben davon ab und fragte sich im Stillen wieder einmal, ob die Ereignisse des letzten Jahres nicht vielleicht doch zu viel für seine Frau gewesen waren.

Ein Hawaiibussard schrie landeinwärts, während das Rauschen der Brandung mit den vergehenden Minuten stärker zu werden schien. Kat, Maracella und Lerry starrten schweigend auf Lisa, während Alwin die Lippen schürzte.

Lisa nahm eine der unzähligen Ananasscheiben und biss hinein. Wieder einmal strich sich Larry  seine Haare glatt. Beide Ellbogen auf den Tisch und ihr Kinn in die Hände gestützt, ließ Maracella ihren Blick nicht von Lisa.

„Hmm..., klingt nach einem ungereimten Rätsel...“, murmelte diese und erschrak.

„Wie wirklichkeitsnah“, warf Alwin ein und legte das Messer weg. Er verschränkte seine Hände vor der Brust und versuchte zu lächeln, was sehr komisch aussah. Denn während sich sein Mund verzog, als hätte er auf einen unreifen Papayakern gebissen, standen seine Augenbrauen in Startposition für einen Paragleitflug.

Lisa starrte auf den Korken, der von den meisten Muscheln und dem Seetang befreit worden war.

 

Gefangen im Nichtigen Reich,

Unerhört ihre Geschichte,

Sie brauchen

Hilfe

Bald!

 

Unbekannterweise

Aus ganzem Herzen

Respektvolle Grüße an

 

„An wen diese Zeilen adressiert sind, ist nicht zu erkennen…!“, murmelte Lisa mehr zu sich selbst, währendAlwin sanft meinte: „Hm, Liebling, vielleicht legst du dich wieder etwas nieder!“ Dann nahm er Lisa den Korken aus der Hand. Er konnte die Schriftzüge jedoch nicht leugnen und wiederholte kopfschüttelnd die eingeritzten Worte. Schließlich ergänzte er, „Eine moderne Form, Grüße zu schicken. Wir leben ja im Zeitalter permanenter kommunikativer Erneuerungen. Vermutlich haben wir hier auf unserem Strand übersehen, dass Apple ein neues Tablet auf den Markt brachte! Aber wie dem auch sei…!“

Er sah kurz auf, ob sich seine Frau ein Lächeln abringen würde. Doch nichts dergleichen geschah. So fuhr er seufzend fort, „Tja, leider sitzt eine besonders ausdauernde Muschel über den Namen. Das dauert Wochen, bis die Anhaftung am Korken nachlässt. Das sagt der Biologielehrer in mir. Mr Holmes, da ist nichts zu machen! Um die Adressaten herauszufinden, müssen wir warten, bis die Muschel sich ablöst. Wenn wir versuchen, das Schalentier gewaltsam zu entfernen, wäre die Schrift vermutlich völlig unleserlich! Watson. Ende.“ Mit übertriebenem Ernst verschränkte er die Hände. „Aber dann können wir die Grüße ja weiterleiten!“

„Alwin, hör doch auf, vielleicht braucht jemand Hilfe!“, entgegnete Lisa ungeduldig, bereute es aber sofort. Paragleiter wurden durch einen Fallwind zur Stirnmitte gedrückt und Alwin meinte energisch, „Lisa, du mußt überhaupt niemanden retten! Das ist ein Stück Treibgut, das hat nichts zu bedeuten!“ Er beugte sich zu seiner Frau herab und sah ihr tief in die Augen.

„Nichts zu bedeuten?! Aber da steht doch, dass irgendwer ohne seine Geschichte rumläuft, genauso wie ich!“ Obwohl Lisa schwieg, spürte Alwin Maracellas Worte und ihren Blick. Ihr junges Gesicht sprühte vor Energie. Lisa hatte kurz den Eindruck, als wäre Maracella eine weise Furie, die sich gegen den Dämon der Vergessenheit wehrt wie eine ihren Nachwuchs verteidigende Wolfsmutter.

Alwin sah lange in die Augen seiner Frau. „Gut Lisa, mag sein, dass es eine Botschaft ist…“

 

Den Rest des Tages war Alwin besonders fürsorglich und verbrachte den größten Teil des Nachmittags mit Lisa innerhalb der Hütte. Als sie abends in ein nahe gelegenes Dorf essen gingen, fasste Lisa einen Entschluss. Bei einem Glas Cherry meinte sie leise, „Cherie, es ist zwar wunderbar hier, aber ich habe das Gefühl, wir sollten nach Schottland reisen!“ In diesem Moment knackte es. Alwin hatte auf die Sauerkirsche gebissen. Er zog das Stäbchen, an welchem die Kirsche gesteckt hatte, sehr langsam aus dem Mund. „Lisa…“

„Schau, wir haben die Hütte doch den ganzen  Sommer über gemietet, wir könnten doch einen kleinen Abstecher nach Schottland machen und dann die zweite Hälfte der Ferien wieder hier verbringen!“

Ihr Mann sah ihr noch tiefer in die Augen. „Es ist wegen deiner Geschichte…“, meinte er langsam.

Lisa musterte den vorbeieilenden Kellner als würde er auf einem Laufsteg Pyjamas präsentieren.

„Lisa…, wieso jetzt?“

„Es ist dringend…!“

Alwin lachte auf, der Lampion über ihnen wackelte. „Aber es war doch von vornherein klar, dass du diese Geschichte nie wirst veröffentlichen können! Was willst du denn in Schottland, vielleicht über Schlossgeister recherchieren? Warum vergisst du das Ganze nicht und schreibst eine neue, eigene Geschichte. Vielleicht eine, die zufälligerweise in Hawaii beginnt?!“ Genervt blickte Alwin zu dem pendelnden Lichtkegel hoch.

Lisa holte tief Luft und richtete ihre Wirbelsäule gerade. „Weißt du, es sind diese Figuren, die ich erschaffen habe – aus dem Nirgendwo. Die brauchen mich!“

Ihr Mann stöhnte auf, dann sah er seine Frau an, als wäre sie ein Küken, das soeben aus einem Ei geschlüpft war und meinte sanft: „Natürlich, Jim Hicksley wird irgendwo in einem Kellergewölbe seinen Rausch ausschlafen und warten, bis Schneewittchen ihn wachküsst, und Elester Claw braucht deine Hände, damit er sich die Zähne putzen kann. Hast du dir überhaupt jemals überlegt, wie sich der Kapuzenmann die Zähne putzt?“ Endlich lächelte Lisa.

„Und Eulalia Birdwitch hat sich zu einer fliegenden Suffragette verwandelt und braucht Flugstunden zur Behebung ihrer Startschwierigkeiten. Aber vielleicht sollten wir Alice Schwarzer aufsuchen und sie informieren, dass das Patriarchat endlich im Untergang begriffen ist!“ Lisa schlang die Hände um ihren Mann, zerzauste seine Haare und küsste ihn lange.

 

Eine für den Radarschirm unsichtbare Mücke umkreiste schon seit drei Runden den Sonnenschirm, unter dem das Eis in Cocktail- und Fruchtsaftgläsern knackte. Vielleicht wartete sie auch auf den geeigneten Moment, um in einem der Riesenvögel zwischenzulanden und sich in einen anderen Kontinent fliegen zu lassen.

Als Lisa schließlich Maracella, Kat und Lerry in der großen Halle des Flughafens verabschiedete, musste sie sich einiges anhören.

„Ihr seht klasse aus... tolle Kostümierung, sehr unauffällig…“, maulte Lerry. Mit gemischten Gefühlen schielte er auf die beiden Erwachsenen. Sie wirkten wie Privatdetektive im Auftrag für den Scheich von Dubai. Alwin hatte eine Sonnenbrille von Armani auf und trug ein beiges Cordsakko von Lagerfeld, während Lisa in einem Rock von Gucci und in einer Seidenbluse von Channell steckte. Lerry hingegen steckte seine Hände tief in die Hosentaschen. Nur Maracella schien einigermaßen frohen Mutes, obwohl natürlich auch sie gerne mitgeflogen wäre. Ihre Augen strahlten Lisa an.

„Pass auf dich auf, ich verspreche dir, wir werden unser Möglichstes tun... vielleicht auch unser Unmöglichstes!“ Lisa umarmte ihre Jacke fester. Eine kleine Ewigkeit gehörte jetzt nur ihr und Maracella, eine Ewigkeit, die aber nicht länger als der Flügelschlag eines Pfauenauges dauerte.

„Na ja, dann alles Gute!“, murmelte Lerry. Er blickte zu Boden, als prüfe er, ob seine Sandalen sauber wären. Schließlich sah er lange in Lisas Augen.

Die Koffer waren schon eingecheckt, an der Sicherheitskontrolle standen kaum Passagiere. Das Flugpersonal an den Kontrollen war freundlich, es hatte heute schon genug Streitereien mit Fluggästen gehabt. Als Alwin sein Mobiltelefon mit einem Aufkleber zurückbekam, war keine Zeit mehr, sich zu wundern. Der Flug wurde zum dritten Mal aufgerufen, als die beiden Erwachsenen zum Terminal rannten.


Kapitel 4

Eine Gans ist nicht mehr ganz klar

 

Da Maracella seit achtundreißig Jahren nichts anderes zu tun hatte, als Südseemädchen zu sein, konnte sie schwimmen wie ein Fisch. Sie war schon weit vom Strand entfernt, die Wellen waren nicht hoch, sie legte sich auf den Rücken und ließ sich treiben. Da berührte sie etwas am Bein. Sie atmete tief ein. Da fühlte sie wieder einen Stoß im Rücken, doch auch diesmal ließ sich das Mädchen weitertreiben, als wäre sie ein Stück Holz.

„Tscherill! Ich bin doch kitzelig!“ Barthaare berührten Maracellas Wange. Eine Robbe tauchte dicht neben Maracella auf. Tscherill war Maracellas bester Freund, sie kannte ihn seit achtunddreißig Jahren, als er ihr damals das Leben gerettet hatte.

„Help!“

Wie vom Blitz getroffen sah Maracella um sich.

„Hallo, junge Dame! I’m so tired, nicht erschrecken, wenn ich rede, ich bin eine ganz normale Gans. Nun ja, vielleicht doch nicht ganz normal, habe leider viele ganz normale Menschen auf meiner Reise erschreckt bis jetzt, ja, es tut mir so leid, so leid, Cry Baby Cry, einige werden wohl zum Arzt gehen und erzählen, sie hätten eine Gans sprechen hören, Doctor Robert, ach, es tut mir jaaa so leid, aber es geht um Leben oder Tod! Lady Madonna, ich konnte nämlich nicht mehr zurück ins Buch! Nein! Nein! Don’t Let Me Down“, sprudelte es aus der Gans hervor.

„Hallo!“, sagte Maracella etwas zögerlich. „Du kannst mit mir reden, ich bin ja auch kein normales Mädchen und verstehe dich schon...!“

„Uff, endlich, du bist die erste seit achttausend Kilometer, die mich versteht! Thank you Girl!“

„Tja, eine Hawaiigans bist du nicht, die sieht anders aus und kann nicht fliegen. Aber komm, setzt dich auf meinen Kopf, du bist ja ganz erschöpft, liebe Gans, ich schwimm mit dir zum Ufer! Tschüß Tscherill!“

Endlich watschelte die Gans über den Sand. Lerry lag am Strand und las.

„Hallo, mein Junge, was liest du da? Doch nicht etwa dieses mysteriöse Buch, dem wir alle die Misere zu verdanken haben? It’s Been a Hard Days Night…“

Mit diesen Worten ließ sich die Gans augenblicklich in den Sand fallen.

 

„Schläft sie noch immer?“

Die Jungs nickten.

„Ist sie vielleicht tot?“

Lerry und Kat schüttelten den Kopf.

„Sagt ihr aber heute viel!“ Mürrisch setzte sich Maracella auf ein mit Gänsefedern gefülltes Sitzkissen. Da saßen sie nun alle drei neben dem unverhofften Gast.

Ein Geräusch ließ sie zusammenzucken. Es war die Gans, die mit geschlossenen Augen den Schnabel aus dem Gefieder zog, ein paar Mal laut schnatterte, um ihn wieder unters Federkleid zu schieben.

„Sie träumt wahrscheinlich!“, meinte Maracella ernst.

Lerry legte seine Karten auf die Bastmatte am Boden. „Poker, Kat, das Spiel ist aus!“

„Mist!“

„I’m Down. Wo bin ich hier gelandet?!“ Plötzlich riss die Gans ihren Kopf hoch und blickte sich um als sähe sie nur Gänseleber.

„Wir haben uns im Meer getroffen, kannst du dich erinnern?“, beruhigte sie Maracella.

„Good Morning Good Morning. Genau! Der erste Mensch, der mich verstand! Ain’t She Sweet. Verzeihung, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Selim, mein Name! Komme eigentlich ursprünglich aus dem Londoner Zoo! Jeah!“ Nach einer etwas umständlichen Begrüßungszeremonie, bei der Lerry, Kat und Maracella ihre Namen dreimal wiederholen mussten, begann die Gans loszuplappern. „Bin ich froh, euch getroffen zu haben. Ja, ja, froh! Here Comes the Sun. Wie viele Menschen habe ich angeschnattert, aber niemand wollte zuhören, nein, nein, keiner interessierte sich für meine Geschichte! Got to Get You Into My Life“

„Schieß los! Du bist also eine englische Gans?“ Lerry strich sich die Haare wieder einmal über der Stirne glatt.

„Ein Gänserich, wenn ich bitten darf! Nun gut, wo waren wir, ach ja, es begann alles damit, dass ein aufgebrachter Spatz in den Zoo geflogen kam und jedes Tier befragte, ob es eine Eule gesehen hätte, eine ganz bestimmte Eule, nämlich. Später im Nichtigen Reich, da hab ich, ja, da hab ich diesen Spatz wiedergesehen, er heißt Posi. Do You Want to Know a Secret? Posi hat mir erzählt, dass er der Grund war, jawohl der Grund, warum ich nun nicht mehr im Londoner Zoo bin! Der Grund war er, dieser Spatz, der eine Eule gesucht hat, eine ganz bestimmte Eule, ach dieser doofe Spatz, Entschuldigung, jedenfalls, ihr müsst wissen, deshalb nun diese ganze Odyssee! Twist and Shout!“

„Im Nichtigen Reich?!“

Alle drei waren aufgesprungen.

„Was weißt du über das Nichtige Reich?“ Kat schnappte sich vorsichtshalber sein Surfbord, das in einer Ecke lehnte, da er sich damit immer am sichersten fühlte.

„Na ja, soviel weiß ich auch nicht darüber, ja darüber, nun soviel nicht, nein, nein…! Happines Is a Warm Gun.“, beschwichtigte Selim seine Zuhörer und schaute unruhig von einem zum anderen.

„Setzt euch bitte wieder hin, ja, hin, zu große Tiere waren mir schon immer unheimlich, sehr unheimlich. Don’t Bother Me! Und wenn sie der Gattung Mensch angehören, dann ganz besonders, sehr besonders, jawohl! We Can Work It Out.“ Die Gans putzte kurz ihr Gefieder, fuhr dann aber doch fort zu erzählen. „Also, ich bin letztes Jahr geboren, ja, ja, aber eigentlich älter als ihr, wisst ihr? Jap, jap! Within You Without You“ Selim entließ eine Deckfeder aus ihrem Schnabel und sah in die Runde.

Alle drei blickten gespannt auf den Vogel.

„Also, in einer für mich und andere geschaffenen Welt lebe ich nämlich im Jahr 1965. Jip, Jip! The roaring sixties, jeah, jeah, jeah! Kenn aber schon alle Beatles Lieder! Ja, Ja, ein Wunder, sozusagen! Das hört sich jetzt kompliziert an, ist es auch, aber das macht nichts! No, no, Strawberry Hills Forever, Forever, Forever!!!“

Nach einer Pause war es Maracella, die als erste etwas sagte. „Ja, bei uns ist das auch ein bisschen kompliziert. Ich zum Beispiel bin seit achtunddreißig Jahren acht Jahre alt!“ Marcella lächelte Selim an. „Das ist der Grund, warum du einen von uns finden musstest. Niemand anderer hätte dich verstanden. Wir kennen die Vorgeschichte etwas! Beatles kenn ich aber nicht.“

Kat, der sich auf sein Surfbrett gesetzt hatte, erzählte nun Selim von dem Korken, den sie entdeckt hatten. Lerry vergaß, seine Haare, wie sonst üblich, zu glätten, während Selim auf die Stirn des Jungen starrte. Dann schnatterte er weiter, und die drei hörten sich an, was die Gans noch alles zu berichten wusste.

„Across the Universe… am Anfang war natürlich totales Chaos, Come Together, jawohl Chaos, ungefähr acht, neun Tiere, aber no Walrus, no Rocky Racoon, der Rest ein Haufen sechzehnjähriger Schüler, na, wie gut, dass jetzt Sommerferien sind, Good Day Sunshine, dann waren da noch ein gefesselter und drei ungefesselte Männer, It’s All Too Much,  sowie allerhand komische Figuren, sehr komische, die sich noch nie vorher gesehen hatten, Here There and Everywhere, ja, und eine ganz normale Erwachsene.... Fool on the Hill, und zwei ehrenwerte Akademiker, die allerdings etwas klein geraten…! Dear Prudence! Das war ja schlimmer als die Seargant Peppers Lonely Hearts Club Band!“

„Die kleinen Akademiker waren wahrscheinlich Professor Draciterius und Dr. Sanguinis Anantomis! Letzterer hat vor einem dreiviertel Jahr mit einem Kerzenleuchter einen Anschlag auf meine Halbtante verübt und war danach nicht mehr zu finden gewesen!“, ergänzte Lerry Selims Beschreibungen. Die Gans wackelte aufgeregt mit dem Kopf.

„Und die anderen, kennst du sie, Lerry?“ Maracella riss ihre Augen auf und starrte Lerry an.

„Hm, weiß nicht so genau. Also, von einer normalen Erwachsenen wüsste ich nichts! Der Gefesselte könnte Body Britten sein. Er hat versucht, meine Halbtante zu entführen, wurde dann aber überwältigt.“

„Miss Petty muss ja ein entspanntes Jahr verbracht haben“, bemerkte Kat.

„Und es waren 45 Individuen?“, fragte Lerry schnell, da er nicht wollte, dass jetzt zuviel über Bela geredet würde.

Aufgeregt blickte die Gans von einem zum anderen. Bevor sie weitersprach, öffnete sie ihren Schnabel und sah Lerry wieder lange an. „Ja, und zuerst gingen und gingen und gingen wir alle gemeinsam tagelang durch einen Wald, Magical Mystery Tour, ja, durch einen gefährlichen Wald, bis wir zu einer Heide kamen, ja, einer Heide, doch dann teilte sich die Gruppe, jawohl die Gruppe. Hello Goodbye. Einige wollten unbedingt zur Grenze, unbedingt. Ich bin mit den meisten zurückgegangen, besser gesagt, geflogen, ja zurück, weil ich dachte, das Buch ist meine Heimat, jawohl, meine Heimat, Mother Nature’s Sun, obwohl ich darin in einem Zoo lebe! I’ve Got to Find My Baby.Aber wir kamen nirgends an, nein, nirgends! Dann hab ich mich davon gemacht, ja, ja! Aber plötzlich war sie da! Es war schrecklich, ja, ja!“

„Wer war da?“, fragten alle drei gleichzeitig.

„From Me To You: Die Grenze! Sie ist scheußlich, sehr scheußlich, jawohl, hab sie aber überflogen, ja, überflogen, da gibt es einen Sumpf, einen Sumpf, jawohl, Tomorrow Never Nows, eine riesige Mauer, Mauer, ja, ja, ein Monster, uhhh, ein Monster in einer Stadt, es ist schrecklich, seeeehr schrecklich... Run for Your Life!“

„Aber wo ist denn dieses Nichtige Reich überhaupt?!“, unterbrach Lerry die Gans ungeduldig.

„Das kann ich auch nicht genau sagen, genau, aber wahrscheinlich liegt das Nichtige Reich irgendwo, jawohl irgendwo, über den Wolken Schottlands, da irgendwo hoch oben, jawohl! Lucy in the Sky with Diamonds.“

„Wie kommst du denn auf diese Idee?“ Kat hielt sein Bord fester.

„Na ja, nachdem ich das Monster überflogen hatte, Free as a Bird, das Schreckliche, das Schrecklichste, in der Stadt, einer schrecklichen, da sah ich bald darauf ein paar Inseln, ja, ja die kenn ich, von denen hat meine freie Großmutter immer meiner gefangenen Mutter erzählt, Your Mother Should Know, als sie uns besuchen kam im Londoner Zoo, ich war noch ein Küken, und meine Mutter hat mir dann, als ich größer war, abends am Zooteich…!“

„Selim!“

„Ach so, entschuldigung, ich schweife ab, ja ab…! Ich bin dann halt immer weiter der Sonne nachgeflogen, Follow The Sun, wie bereits zitiert, und dann kam lange nur noch Wasser, ganz viel Wasser, jawohl! Wäre ich nicht auf einem Schiff zwischengelandet, ja gelandet, hätte ich den Überflug nie, nie, nie überlebt, nein, nein, wäre schon tot, wie traurig! No Reply. War aber auch schon schwierig genug, sehr, sehr schwierig, von den Matrosen nicht in einen Kochtopf gesteckt zu werden, Glass Onion, Kochtopf, wie schlimm, diese Meute, jawohl, Meute, ja, ja… Revolution!“

„Armer Selim, aber sag mir bitte, wie sah denn das Monster aus?“ Maracella liebte nämlich Monster aller Art.

„Gar nicht, es ist nämlich unsichtbar! You’ ve Got to Hide Your Love Away.“

Die drei Jugendlichen starrten die Gans an.

„Nein, du siehst es nicht, nein, nein, You Won’t See Me. Aber da es immer da ist, spürst du es, ja, ja, und das Schlimmste ist sein Rachen, wie schrecklich, wenn du ihm zu nahe kommst, zu nahe ja, dann denkst du nur noch daran, was du alles haben möchtest, Pleasy Pleasy Me, jawohl, und wie du es dir am besten holen könntest, ja ja. Ich bekam eine solche Lust, nach unten zu fliegen, ja wohl, um mir alles zu stehlen was nicht niet- und nagelfest ist, ja, ja, aber ich bin ja ein Tier, jawohl, Hey Bulldog, da hab ich das Monster irgendwann ausgelacht, jawohl, ausgelacht hab ich es! Real Love. Aber wehe dem, der dieser Gier nachgibt: den frisst das Monster, frisst ihn, jawohl, mit Haut und Haar! Piggies.“

Maracella, die nicht wusste, was sie von diesem Monster halten sollte, fragte neugierig, „Und im Nichtigen Reich, gibt es da auch Monster?“

„Ich hab keines gesehen, nein, nein, aber wer weiß, ja, wer weiß schon! Dig It!

„Was sind da noch für Wesen dort?“, wollte die kleine Hawaiianerin unbeirrt wissen.

„Keine Ahnung. Everybody Has Got Something to Hide Except Me and My Monkey.“

„Also, da ihr alle auch alle aus Lisas Feder seid, könnte sich auch Tarantuga im Nichtigen Reich befinden!“, überlegte Maracella laut.

„Tarantuga? Helter Skelter!“ Selim blinzelte misstrauisch.

„Tarantuga ist so alt wie ich. Seine Geschichte hatte das gleiche Schicksal wie meine. Lisa verbrannte sie, als sie noch ein Kind war!“

„Aber warum hat sie denn all diese Geschichten verbrannt?“, warf Lerry ein und vergaß Selims Erzählung für einen Moment.

Maracella zuckte die Schultern, dann dachte sie kurz nach. Schließlich meinte sie, „Naja, wahrscheinlich glaubte Lisa, Gott sei Katholik! Eigene Welten und Figuren zu erschaffen, ist doch so ungeheuer lustig und man leidet dabei so wenig! Sie fühlte sich wahrscheinlich irgendwie schuldig und nicht mehr fromm genug.“

„Wie auch immer, das hilft uns jetzt auch nicht weiter!“, meinte Kat missmutig. Diese ganze Diskussion uferte für sein Gefühl zusehends aus. Er sehnte sich zurück zu einem Ufer, wo man wenigstens Wellenreiten konnte. Außerdem war für ihn dieses Nichtige Reich samt Treibgut mehr als rätselhaft. Er hätte jetzt viel lieber handfeste Tatsachen als Spekulationen vor sich gehabt.

„Gab es eigentlich noch eine Erzählung, die Lisa damals verbrannt hatte?“ Lerry ließ nicht locker und sah Maracella an.

„Hm, ja, die Geschichte von Walla!“

„Walla, was war denn das, eine fliegende Untertasse?“, warf Kat lakonisch ein, worauf Maracella beleidigt schwieg. Auch wenn Lisa damals ihre Geschichten verbrannt hatte, durfte niemand etwas gegen sie sagen. Schon gar nicht die Figuren aus ihrem Buch!

Sie diskutierten noch lange über diesen mysteriösen Ort, doch Selim war ihnen keine große Hilfe mehr. Da er immer etwas abseits der anderen geflogen war, wusste er nichts Genaueres mehr über die Gruppe. Außerdem hatte der Graugänserich bereits einer wunderschönen Hawaiigans zu tief in die Augen geschaut.

„Nun Freunde, ich fürchte, ich kann euch auch nicht mehr verraten, so sorry, sorry. Ihr entschuldigt mich doch? All you need is Love!“

Schon flog er fort.


 

Kommentare

  • Author Portrait

    Nachdem ich nun ein paar deiner Geschichten angelesen habe, heiße ich dich herzlich willkommen auf Belletristica. Ich habe das Gefühl dass deine Anwesenheit eine Bereicherung für unsere Community darstellt, zumal aus deinen Texten Stil und Erfahrung sprechen. Ich wünsche dir viele angenehme Stunden hier!

  • Author Portrait

    Hi Ghila! Schön, dass du zu uns gestoßen bist! 43 Minuten sind ja mal eine wirklich großzügige Leseprobe :) ich hoffe du findest viele neue Leser. LG, Meg :D

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