Ein Tag in der Psychatrie

Der Wind peitschte den Regen geradewegs in mein Gesicht, als ich die Haustüre aufstemmte. Zitternd und bibbernd schlang ich die Arme um meinen Oberkörper. Der Herbst machte seinem Namen auch heute wieder alle Ehre.

Meine Mutter trat von hinten an mich heran und rubbelte mir über die Schultern.
"Soll ich dich nicht vielleicht doch zur Schule fahren?", fragte sie besorgt. "Nicht, dass du dich noch erkältest, mein Schatz."

Entschlossen vergrub ich meine Hände in den Hosentaschen und zog mir die Kapuze meiner Regenjacke so tief wie möglich ins Gesicht. 
"Die Bushaltestelle ist nur zwei Straßen entfernt, das geht schon.", versicherte ich ihr und packte meinen Rucksack.

"Na gut, meine Große, aber pass auf dich auf, ja?"

"Jaa...", nuschelte ich und kassierte prompt einen Schmatzer auf die Wange. 
Ein bisschen unangenehm war mir das Ganze schon, aber solange es nicht in aller Öffentlichkeit geschah, verkniff ich mir einen Kommentar. Ich war eben ein Einzelkind und meine Mutter konnte ihre Zuneigungsbekundungen nur an mir auslassen.

"Bis später, Emmi.", meinte sie und umarmte mich zum Abschied noch einmal. 
Nach einigen Momenten, die mir unglaublich lang vorkamen, löste ich mich aus den Armen meiner Mutter und trat hinaus ins Freie.

"Tschüss, bis heute Nachmittag!", rief ich winkend, lief durch den Vorgarten und stieß das knarzende Holztürchen auf.
Ein kurzer Blick zurück verriet mir, dass meine Mutter noch immer im Türrahmen stand und mir nachblickte. Ich hoffte inständig, dass sie bald erkennen würde, dass ich bereits alt genug war, um den Weg zur Bushaltestelle allein zu finden. Ich war dreizehn Jahre alt und keine fünf mehr...

Seufzend trat ich auf den Bürgersteig hinaus und winkte noch ein letztes Mal. 
Danach machte ich kehrt und schlurfte lustlos den nassen Asphalt entlang. Der Regen hatte zum Glück etwas nachgelassen, doch die kalte Luft schien widerstandslos durch den klammen Stoff meiner Kleider zu fahren.
Meine Haut kribbelte schon schmerzhaft vor Kälte und ich beschleunigte zähneknirschend meine Schritte.

Ich hatte absolut keine Lust auf die Schule, noch dazu war heute Montag. Mein einziger Lichtblick war der Deutschunterricht, wir lasen gerade "Die Brüder Löwenherz", ein Buch, das ich sehr mochte.  Ich hatte es schon so oft gelesen, dass ich aufgehört hatte mitzuzählen. Jedes Mal entdeckte ich ein weiteres Detail, das mich faszinierte oder das ich zuvor noch nicht ganz verstanden hatte.
Mein Vater hatte es auch geliebt und mir früher, als ich noch klein war, immer vor dem Schlafengehen daraus vorgelesen...

Eine Welle tiefer Traurigkeit erfasste mich plötzlich und ich blieb einige Sekunden lang unter dem flackernden Licht einer Straßenlampe stehen. Der vom Regen glänzende Untergrund verschwamm vor meinen Augen zu einer wabbernden grauen Masse.

Mein Herz tat weh, wenn ich an ihn dachte...

***

Ich ließ meinen Blick über die vielen Menschen schweifen und blieb an einem schmalen Gesicht mit tomatenroten Haaren hängen.
"Guten Morgen, Tina!"

Atemlos ließ ich mich auf das durchgesessene Sitzpolster neben meine Freundin sinken. Ich war den Rest des Weges gerannt, um den Bus nicht zu verpassen und war keine Sekunde zu früh angekommen.
Erschöpft und durchnässt saß ich nun auf meinem Platz und rieb mir zitternd die kalten Hände, während sich die Türen schlossen.

"Du siehst aus, als wärst du gerade einen Marathon gelaufen.", meine Freundin sah mich grinsend an.

"Ich hatte Gegenwind, der hat mich leider ordentlich abgebremst.", log ich. Über meine Sorgen wollte ich jetzt nicht reden.

"Wahrscheinlich hast du beim Laufen einfach nur wieder vor dich hingeträumt.", meinte sie kichernd und stieß mir leicht in die Seite.

"Mhm vielleicht...", brummte ich.

"Sag mal...", setzte sie an und sah besorgt zu mir. "...hast du geweint?"

Ich zuckte ein wenig zusammen und drehte mich zu meiner Freundin, deren blaue Augen mich forschend musterten. 
Oje, ich hatte gehofft, man würde nichts mehr davon sehen... 
"Ach Quatsch.", winkte ich ab. "Das ist nur der blöde Regen."
Ich wischte mir schnell über die Augen und erntete einen skeptischen Blick.

"Na gut, einmal lasse ich dich davon kommen... Ich will nur, dass du weißt, dass du mir alles sagen kannst, okay?"
Gerührt über ihre Worte nickte ich.

"Danke, das weiß ich wirklich zu schätzen, aber es ist alles in Ordnung.", versicherte ich ihr.

"Na gut, ich glaub dir, Milli...", meinte sie, aber ihre Augen verrieten mir, dass sie es nicht tat.

"Warst du eigentlich schon im Tierheim?", fragte ich, um das Thema zu wechseln. 
Vor einem Jahr war Tina's Hund Flocke friedlich eingeschlafen und nun überlegte sich ihre Familie, einen neuen Vierbeiner anzuschaffen.

Die Augen meiner Freundin begannen zu leuchten, als sie mir von ihrem Wochenende erzählte und ich war froh, dass sie mich von meinem Trübsal ablenkte. 

***

Viel zu schnell waren wir am Busparkplatz vor der Schule angekommen. Schon als ich das Gebäude sah, zog sich mein Magen zusammen.
Mit diesem Ort verband ich viel zu viele unschöne Erinnerungen, als das ich mich freuen oder wenigstens entspannt dort hinein gehen könnte. 
Mit einem Seufzen erhob ich mich, als der Bus zum Stehen kam. Es half alles nichts, vielleicht würde es heute ja einigermaßen erträglich werden...

"Mach's gut, wir sehen uns heute Nachmittag.", verabschiedete ich mich von Tina.

"Bis später.", sagte sie und winkte mir.

"Dann mal los...", murmelte ich und quetschte mich mit der Menschenmenge nach draußen.

Es war schade, dass Tina nicht mit mir in derselben Klasse war, sie war sogar in einer ganz anderen Schule... 
Ich selbst ging ins Gymnasium, meine Freundin in die Mittelschule ein paar Straßen weiter weg.

Langsam erklomm ich die grauen Stufen und ignorierte geflissentlich den Schriftzug "Lernen macht Spaß!", der auf der letzten Stufe vor der Glastür geschrieben stand. 
So ein Schwachsinn... Hier war höchstens der Kunstunterricht noch einigermaßen in Ordnung. Alle anderen Lehrer hatten wie durch ein Wunder den Weg in die Psychiatrie umgangen und waren hier gelandet.

Mit einem resigniertem Gesichtsausdruck stieß ich die Tür auf und überließ mich meinem heutigen Schicksal.

"Ey, Fetti!", ertönte es hinter mir. Na das fing ja schonmal toll an...

Kommentare

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    Schöne Geschichte, auch wenn Emma mir sehr leid tut. Ich bin gespannt, wie es mit ihr weiter geht :)

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    Es ist ein bißchen irritierend, daß Dreizehnjährige solch eine Sprache führen; in "Zwerge sind nicht dumm" finde ich das stimmiger. Und natürlich fünf Sterne :-)

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    Diese Geschichte ist wieder toll und bewegend geschrieben. In so jungen Jahre ist es manchmal wirklich schwer, wenn immer irgendwelche Mitschüler, einem mobben. Ich habe Erfahrung mit Mobbing und weiss wie sich das anfühlt. Doch mit der Zeit merkt man, dass die Typen die einem immer auf solche Weise quälen oft selbst einen niederen Selbstwert haben und darum ein Opfer suchen, um ihren Frust abzulassen. Manchmal ist es einfach auch Unbewusstheit, besonders noch in diesem Alter. Je mehr sich aber die eigene Persönlichkeit und die Eigenliebe festigt umso weniger können einem solche Leute dann auch verletzen.

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    Ich kann wirklich verstehen, wie "Emmi" sich fühlt und langsam daran zerbricht. Es ist traurig, dass es Leute gibt, die so oberflächlich denken und es auch herumposaunen. Es geht um das innere des Menschens, obwohl es bei vielen nicht so ist, wie es aussieht. Ein Mädchen kann total lieb aussehen, doch sofort einen verspotten, wenn man anders ist. Nur weil man anders ist, heißt es nicht, dass es sofort schlecht ist. Lg. Anne

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    Einfühlsam beschreibst du das Innere eines heranwachsenden Mädchens!

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