Ein Tag in der Psychatrie (Teil 2)

Ich drehte mich nicht um, war entschlossen ihn zu ignorieren und seine Beleidigung an mir abprallen zu lassen wie eine winzige unbedeutende Obstfliege. Warum zuckte ich dann trotzdem zusammen? Warum klopfte mein Herz so schmerzhaft in der Brust?

Mit schnellen Schritten lief ich weiter und versuchte mir dabei nichts anmerken zu lassen, doch mein gefasster Gesichtsausdruck wich einer traurigen Maske. 
Die Treppe hoch und dann die dritte Tür links. Ich mochte meinen Erdkundelehrer nicht besonders, aber immerhin war er überpünktlich und ich wäre wenigstens die fünfzehn Minuten vor Unterrichtsbeginn in Sicherheit.

Kurz bevor ich die Türklinke aber hinunterdrücken konnte, schlug mir jemand grob die Hand weg. Ich drehte mich um und sah den dürren blonden Jungen hämisch grinsen.
"Mach Platz, Speckschwarte.", zischte er und betrat vor mir den Klassenraum.

Hinter mir kicherten die Freunde von Lukas, so hieß er nämlich. Mein Magen zog sich zusammen und ich hoffte inständig, dass Herr Gruber schon da war.

Mit einem unsicheren Gefühl in der Magengegend betrat ich den Raum. Hinter mir wurde immer noch getuschelt und gekichert und ein Schauer rieselte meinen Rücken herunter.
Hoffnungsvoll sah ich nach vorne zur Tafel, wurde aber jäh enttäuscht, als ich ein leeres Pult vorfand. Auf der Tafel stand "Eigenständiges Arbeiten" mit Verweis auf Übungsaufgaben im Geographiebuch.

Mein Herz pochte unruhig in meinem Brustkorb umher, als ich zu meinem Platz in der letzten Reihe am Fenster ging und meinen Rucksack ablegte. 
"Guten Morgen.", sprach ich an meine Sitznachbarinnen gewand und setzte ein gezwungenes Grinsen auf.

"Guten Morgen.", flöteten sie, verfielen jedoch alsbald wieder in ein aufgeregtes Getuschel über Justin Bieber.
Was fanden sie an dem denn so toll? Er war doch bloß ein eingebildeter Typ, der nicht richtig singen konnte und seinen Affen einfach so hatte sitzen lassen. Aber das konnte ich den beiden jetzt unmöglich sagen...

Ich setzte mich an meinen Platz und bemerkte ein paar hastig mit Bleistift hingekritzelte Wörter auf der glatten Tischoberfläche. "Deine Mutter ist hässlich!", stand dort geschrieben. Ich zuckte zusammen. Bisher hatten sich die Beleidigungen nur gegen mich gerichtet und nicht an jemanden, der mir wichtig war. Ich war nicht nur verletzt sondern auch wütend.
Ein paar der Jungs drehten sich um, als sie bemerkt hatten, dass Plan ihr aufgegangen war und deuteten lachend in meine Richtung.
Lukas hatte sie wohl angestiftet und sie genossen die Früchte ihrer Arbeit sichtlich. Dabei hatten wir uns mal gut verstanden...
Ich hoffte, dass sie wenigstens blieben, wo sie waren, was glücklicherweise auch der Fall war. Trotzdem war mir wieder mulmig zumute, die Angst schien sich permanent in meinen Magen gekrallt zu haben. Ich war keine zehn Minuten in der Schule und wollte schon wieder nachhause. Seufzend radierte ich die gemeine Botschaft weg und packte mein Schreibzeug und das schwere Erdkundebuch aus. Die Übungen würden mich vielleicht ein wenig ablenken. 

"Wollen wir zuammen arbeiten?", versuchte ich es nochmal bei meinen Banknachbarinnen. Eine der beiden drehte sich genervt zu mir.
"Wir haben gerade besseres zu tun.", meinte das hellblonde Mädchen kaugummikauend und wand sich wieder ihrer Freundin zu. Wenig später hörte ich sie "Streber" flüstern.
Verletzt beugte ich mich über die Übungsaufgaben. Na gut, dann eben nicht. Ich wollte mich ja irgendwie einfügen, aber immer prallte ich gegen eine unsichtbare Wand...

Angespannt hielt ich nach Lukas Ausschau. Er saß noch immer mit den anderen Jungs in einer Gruppe zusammen, grölte herum und spielte Karten. Vielleicht würden sie mich doch einfach in Ruhe lassen...
Konzentriert machte ich mich an die Arbeit und hatte bald alle Aufgaben erledigt. Ich lehnte mich zurück und schloss das Buch. Mein Blick viel auf die runde Uhr über der Tafel. Noch zwanzig Minuten übrig...

Gedankenverloren ließ meinen Blick durch die Sitzreihen schweifen. So wie es aussah, beschäftigte sich keine Menschenseele mit den Aufgaben. Alle unterhielten sich miteinander, spielten mit ihren Handys oder kämmten sich die Haare... und ich kam mir hier einfach nur schrecklich fehl am Platz vor.

In der fünften Klasse war alles noch einigermaßen gut gewesen, ich verstand mich eigentlich mit allen. Doch irgendwann hatte mich der Blondschopf stillschweigend zu seinem persönlichen Opfer erklärt und langsam aber stetig wurden seine Streiche und Beleidigungen immer heftiger und gemeiner.

Weil mir nichts besseres einfiel und ich noch einige Zeit bis zur nächsten Stunde totschlagen musste, packte ich kurzerhand mein Lieblingsbuch aus und begann darin zu lesen. Augenblicklich fühlte ich mich besser und vergaß das Gejohle und Geschnatter um mich herum. Ich stellte mir vor, wie ich auf einem weißen Pferd durch einen Regen aus Kirschblüten reiten würde, wie die zarten Blätter mein Gesicht streifen und die Sonne das klare Wasser im Bach neben mir zum Glitzern bringen würde.
Eine hochgewachsene Gestalt stand in einiger Entfernung auf dem Waldweg und winkte mir zu, mit Tränen in den Augen kam ich ihr immer näher.
Plötzlich verschwand das Gesicht meines Vaters vor meinem inneren Auge und machte einem Paar stechend blauer Augen platz. 
"Na, was liest du da Fetti?"
Ich zuckte erschrocken zusammen, als ich so plötzlich aus meinem Tagtraum gerissen wurde.  
"Los zeig her!" Als ich keine Anstalten machte, dem blonden Jungen mein Buch zu zeigen, riss er es mir grob aus den Händen. Mein Magen zog sich zusammen, als ich ihn das Buch meines Vaters in den schmalen Händen wiegen sah.
"Gib es zurück!", rief ich mit wackeliger Stimme. 
Hilfesuchend sah ich zu den beiden Mädchen neben mir, doch die grinsten mich nur hämisch an.
"Ach, der blöde Scheiß, den wir gerade in Deutsch machen.", fuhr er fort ohne auf meine Worte einzugehen.
"Willst dich bei Frau Müller einschleimen, huh?" Er sah mich abschätzig an. 
"Von wegen!", rief ich und versuchte ihm das Buch aus den Händen zu reißen. Doch Lukas wich mir lachend aus. 
"Du bist fett und langsam. Los streng dich mehr an!", krähte er. Mittlerweile hatte sich ein Pulk um uns gebildet und so wie mich alle ansahen, würde mir keiner von ihnen helfen. 
Verzweifelt versuchte ich Tränen der Angst und Wut zu unterdrücken und das Gelächter um mich herum auszublenden, aber es ging nicht. Es war einfach zu viel. 
Schluchzend stand ich inmitten der grölenden Meute und fühlte mich schrecklich alleine. 

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media