In der Ferne thronte ein großes Gebäude, das einst einem starken Herzog gehört hatte. Nur die vom Schnee bedeckte Turmspitze konnte man sehen. Seit Längerem starrte Graham den Turm an, wodurch er die negativen Gedanken in seinem Inneren bestärkte. Die verschneite Landschaft spiegelte die Kälte in Grahams Herzen wieder. Seit Jahren schon verspürte er nichts anderes mehr außer Hass, Wut und Schmerz. Widerwillig riss er sich von dem Anblick und damit seinen düsteren Gedanken los.

Er versuchte sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Hartnäckig hielt sich der Winter. Die anderen Jahreszeiten waren sehr kurz und das seit Jahren. Seit dem Unglück. Das Leben hier war hart geworden. Nicht nur für die Menschen. Die Tiere flohen aus den Wäldern. Nur Vereinzelte blieben. Wenn er heute nichts fangen würde, müssten die Dorfbewohner einen weiteren Tag hungern. Viele waren daran verstorben.

Was die Menschen im Dorf flüsterten, war ihm bewusst. Es war der Turm. Aber daran glaubte er nicht. Graham erschien es lächerlich auf diesen Aberglauben zu hören. Für ihn war es ihr schlechtes Gewissen, das sie plagte. Kein Turm. Kein Geist. Sie waren es. Und der viel zu lange Winter? Die schlechte Ernte und der Hunger? So war die Natur nun mal und das Leben. Sie nahmen keine Rücksicht auf die Menschheit. Das hatten sie noch nie getan.

Bei dem Gedanken schnellten seine Augen erneut zur Seite. Zu seiner Rechten erstreckte sich ein großer See, der zugefroren war. Zu dick war die Eisschicht um Fische zu fangen. Dahinter befand sich ein Wald und aus seiner Mitte erhob sich der mächtige, dunkle Turm. Er sollte sich nicht erneut davon ablenken lassen.

Seine Finger umklammerten den Bogen in seiner Hand. Der Schnee knirschte leise unter seinen Füßen. Als er ein Geräusch vernahm, duckte er sich und hielt an. Lauschend stand er im Schnee. Die Schritte kamen auf ihn zu. Schwer und langsam. Ein Elch. Hoffentlich. Er würde viel Fleisch bringen.

Graham versteckte sich hinter einem Baum. Der Wind stand günstig, trieb seinen Geruch von dem Tier fort. Leichte, schnelle Schritte gesellten sich hinzu. Rehe, nahm er an. Sie schnaubten und hetzten durch den Wald, als hätte sie etwas erschreckt. Früher waren es große Herden, bis zu dreizig, vierzig oder sogar hundert Tieren. Seit den unnachgiebigen Winterjahren waren es nur noch fünf bis acht. Zu wenige um richtig zu Jagen und schon gar um ein ganzes Dorf zu versorgen.

Heute musste er wenigstens einen erledigen oder den Elch erwischen. Mit geschlossenen Augen horchte er, ob die schweren Schritte auf ihn zukamen. Tatsächlich. Ungleichmäßig. Müde. Darunter mischten sich schnelle. Die Rehe würden bald an ihm vorbeirennen. Er musste sich schnell entscheiden. Ein krankes Tier konnte er nicht gebrauchen. Lieber ein Reh, als einen kranken Elch.

Leichtfüßig wie ein Wolf sprang er hinter dem Baum hervor. Den Bogen angespannt. Die Pfeilspitze auf das Ziel gerichtet. Er hörte, wie die Tiere schnaubten. Sah, wie das Leittier die Augen vor Schreck aufriss, aber nicht imstande war auszuweichen.

Ein seltsamer Schatten hinter dem Reh lenkte den Jäger für den Bruchteil einer Sekunde ab. Der Pfeil sauste durch die Luft. Schnitt durch die Kälte und verfehlte sein Ziel um Millimeter. Im letzten Augenblick wich das Reh zur Seite aus. Die scharfe Spitze verursachte eine kleine Schnittwunde und flog weiter. Doch die Gestalt, die Graham wahrgenommen hatte, wurde von der Wucht des Geschosses zu Boden gerissen.

Eines der drei Rehe rannte so nah an Graham vorbei, dass er dessen Windzug fühlte, die Wärme des Körpers verspürte und das feuchte Fell roch. Nachdem Stille einkehrte, erkannte er, wer von dem Pfeil niedergerissen wurde.

Ächzend versuchte sich der Getroffene aufzurichten. Fiel aber, sobald der Jäger bei ihm war, wieder zusammen und direkt in Grahams Arme. Kniend hielt der Jäger den Jungen fest.

„Um Himmels Willen. Ich hätte dich umbringen können. Den Göttern sei Dank, dass es dich nur am Arm getroffen hat“, schimpfte er laut.

Als Graham sah, in welchem Zustand der blonde Junge sich befand, wusste er, dass ein Streifschuss seine geringste Sorge war.

„Er ... le ...bt...“

„Was?“

„Der Pr...n“, er atmete schnell und unregelmäßig. Graham spürte das Herz des Jungen, welches wie ein galoppierendes Pferd in seiner Brust pulsierte. Die Schmerzen ließen seinen Körper beben.

„Der Prinz“, wiederholte er und endlich verstand der Jäger seine gebrochenen Worte. Die meeresblauen Augen des jungen Mannes weiteten sich, als würde er dem Tod ins Auge blicken. Erschrocken und zitternd packte er nach Grahams Kleidung und klammerte sich daran fest, als würde er ertrinken.

„ ...er lebt“, beendete er seinen Satz.

Der Schnee fraß sich durch den Stoff. Ließ Graham frieren und zittern. Vielleicht waren es auch die Worte, die seine Seele in Grauen gefangen hielten und seinen Körper beben ließen. In weiter Ferne schrie ein Rabe, wie ein böses, unheilvolles Omen.


*****


Seit Stunden saß Graham vor seinem Bett und beobachtete jede Bewegung des Jungen, der friedlich schlief. Grahams Kinn ruhte auf seiner Faust, die Augen waren starr auf den Blonden gerichtet. Seinen Atem hielt er flach, damit er besser lauschen konnte. Er hatte den Lockenkopf in seine Jagdhütte gebracht, in sein Bett gelegt, die Wunden versorgt und ihm anschließend etwas Trockenes angezogen.

Immer wieder brabbelte der Verletzte etwas über Geister und einen Prinzen, über Tote und anderes unverständliches Zeug. Graham hatte genug Zeit, um über seine Worte nachzudenken. Wer wusste schon, woher er kam und was er da von sich gab, in dem Fieberwahn, der ihn die ganze Zeit über gefangen hielt.

Oft dachte er daran, ins Dorf zu gehen und Hilfe zu holen. Aber was sollten die hungrigen Dorfbewohner schon tun? Jeder war darum bemüht, die eigene Seele zu retten. Sie würden ihm keine große Hilfe sein.

Ein Klopfen schreckte Graham aus seinen Gedanken. Müde stand er auf. Als er an die Tür trat, ahnte er bereits, wer es war. Er lag richtig. Vor ihm stand Jonas. Ein Mann aus dem Dorf. Graham wusste, dass der Name seiner kleine Tochter, Alina war. Mit großen, runden und bettelnden Augen stand sie neben ihrem Vater und umklammerte dessen Hand.

„Graham, hast du was gefangen?“

Jonas war der Letzte, den er sehen wollte. War er doch einer der Männer gewesen, der das Unglück über sie alle gebracht hatte. Also schüttelte Graham nur den Kopf. Er wollte schon die Tür schließen, als Jonas ihn davon abhielt.

„Meine Familie verhungert, Graham.“

Stumm sah er Jonas an. Der Mann würde nicht gehen, bevor er keine Antwort erhielt. Der Jäger wusste, wie stur und einfältig er sein konnte. Er hoffte, dass der Fehler Jonas gelehrt hatte, ein besserer Mensch zu werden, zweifelte aber daran.

„Das tuen wir alle.“

Als Graham die Tür ins Schloss fallen ließ, sah er noch immer die verheulten, unschuldigen Augen des Mädchens.

Einige Minuten später öffnete er die Tür wieder. Es überraschte ihn nicht, Jonas noch immer dort stehen zu sehen. Seine Geduld und Hartnäckigkeit zahlten sich für den Mann aus. Graham bückte sich zu dem Mädchen und gab ihr eine Stoffstück mit etwas Fleisch darin.

Als er sich aufrichtete, sah er Jonas mit strengem Blick an.

„Das ist alles, was ich habe. Es hat also keinen Sinn, wenn du andere hochschickst. Geht sorgsam damit um und esst nicht alles auf einmal.“

Damit schloss er die Tür und ging zurück zum Bett.

Jonas letzten Worte geisterten durch seinen Kopf.

„Gott segne dich, Graham.“

Gott hatte längst alle vergessen und der Hunger war seine Strafe für ihre böswilligen Taten.


******


„GRAHAM!“

Der Jäger riss die Augen auf und sprang fast vom Stuhl. Schon wieder dieser Albtraum. William. Er rief nach ihm, während er fortgezogen wurde. Dann schrie er, wie unter großer Pein. Das war der Augenblick, in dem Graham aufwachte.

Mit zitternden Fingern wischte er sich den Schweiß von der Stirn und versuchte sich in der Realität zurechtzufinden. Im Kamin glühten noch die letzten Hölzer und gaben spärlich die Wärme ab. Graham warf einige Holzscheite nach und schürte das Feuer.

Der Mond stand weit oben am Himmel. Von vereinzelten Wolken leicht bedeckt. Aus seinem Fenster konnte Graham schon immer den Turm erkennen. Früher, da sah er gern in die Ferne und beobachtete den Schatten des Gebäudes. Früher lag immer ein Lächeln auf seinen Lippen. Nun war nichts mehr davon übrig geblieben. Nur geisterhafte Gedanken an die schönen Momente.

Er kniff die Augen etwas zusammen. In der Ferne war ein Licht zu sehen. Genau dort, wo er ein Fenster im Turm vermutete. Aber das war nicht möglich. So etwas hatte er schon oft erblickt. Es aber als eine Spiegelung vom Mond oder der untergehenden Sonne abgetan. Nach den Worten des Jungen war seine Neugier entfacht. Was war es wirklich?

Hinter sich vernahm Graham ein Stöhnen. Er trat an sein Bett und sah in die klaren, blauen Augen des Fremden.

„Wo ... bin ich?“, krächzte dieser, als hätte er seine Stimme seit Jahren nicht benutzt.

„Bei mir. Deswegen stelle ich die Fragen und du antwortest.“

Graham vernahm ein schwaches Nicken.

„Wie heißt du?“

„Elihal.“

„Was tust du hier, Elihal? Und wer hat dich verletzt?“

Als würde er sich an etwas Schlimmes erinnern, riss der Junge die Augen auf und richtetet sich ruckartig auf. Vom Schwindel überwältig, umfasste er seinen Kopf.

„Hey, ganz ruhig...“ Graham griff nach dessen Schultern und drückte ihn sanft in die Kissen zurück.

„Kyan! Ich muss ihm helfen...“

„Wer ist Kyan?“

„Mein Bruder ... Er hat ihn...“

„Wer hat deinen Bruder?“

„Der Prinz! Im Turm!“


*****


Vor ihm lag die morsche Brücke aus Holz. Nicht viel war von ihr übrig geblieben. Das meiste lag unter Wasser oder war von den Strömen im Frühling fortgerissen worden. Mit dem Boot wäre es unmöglich den zugefrorenen See zu überqueren und den See zu umgehen würde ihn Tage kosten. Er musste über das Eis.

Zögernd setzte er einen Fuß vor den anderen. Unter seinen Sohlen knackte und knirschte es. Ächzte und krächzte es. Das Eis stöhnte, als würde es Schmerzen erleiden. Die Sonne war untergegangen. Nur der Mond zeigte ihm den Weg. Das milchige Weiß ließ den zugefrorenen See glänzen, als würde er aus Diamantenstaub bestehen.

Auch wenn es aussah, als wäre es völlig zugefroren, so hatte es schon genug Menschen verschlungen. Auch dieser Ort galt als verflucht. Normalerweise würde er in diesem zustand niemals unter den Füßen brechen dürfen, was er aber immer wieder getan hatte.

Zwar glaubte er nicht an Geister oder Ähnliches, aber töricht war Graham nicht. Die Nacht brachte genug Gefahren. Dazu brauchte es kein übernatürliches Wesen. Immer wieder, wenn der Mond hinter den Wolken verschwand, wurde es finster. Er konnte kaum die Hände vor seinem Gesicht erkennen. Umso lauter hörte Graham das Eis unter seinem Füßen. Wie es ihn warnte das Weite zu suchen. Zu fliehen. Was tat er hier eigentlich?

Elihal hatte ihm erzählt, dass er einen Jäger Namens Graham finden musste, sonst würde sein Bruder sterben. Nun stand Graham auf dem Eis und wartete darauf, dass der Mond wieder hervortrat und ihm den Weg wies. Doch der Mond tat ihm diesen Gefallen nicht und blieb hinter den Wolken. Er war so ein Idiot.

Mit knirschenden Zähnen schloss Graham die Augen und trat einen Schritt nach vorne. Es kam ihm vor, als könnte er das Eis unter seinen Füßen brechen spüren. So ging er weiter. Lauschend, auf jede Gefahr bereit. Einen Schritt nach dem anderen setzend, mit verkrampften Händen und schnell schlagendem Herzen. Er machte einen weiteren Schritt und stolperte fast. Langsam und schwer atmend öffnete er seine Augen. Obwohl es ihm wie eine Ewigkeit vorkam, konnte der Weg zum anderen Ufer gar nicht lang gewesen sein. Erleichtert atmete Graham auf und trat auf das verschneite Gras.

Sein Blick wanderte nach oben zu dem Turm, der sich über ihn erhob, wie ein furchterregendes Ungeheuer. Nie wollte er hierher zurückkehren. In dem Fenster brannte tatsächlich Licht. Wer oder was auch immer Kyan festhielt und sich im Turm eingenistet hatte, er musste dem auf den Grund gehen und es vertreiben. Die Tatsache, dass das Unheil nach Graham suchte, zeigte dem Jäger, dass es etwas Persönliches sein musste. Für Kyan fühlte er sich verantwortlich. Er musste ihn befreien.

Das Herrenhaus war fast ganz niedergebrannt. Nur der Turm schien von dem Brand kaum betroffen zu sein. Die Mauern waren schwarz verfärbt, die Türen und Fenster aber intakt. Ranken mit Dornen umschlossen den ganzen Turm. Das war schon immer so gewesen, aber sie hatten damals keine Dornen und waren nicht so dunkel und unheimlich groß gewesen.

Überall lagen die Überreste von Menschen. An manchen pickten die Raben, an anderen kauten die Wölfe. Graham ließ die Tiere in Frieden. Für die Toten konnte er nichts mehr tun.

Bevor er die Tür aufstieß, öffnete sie sich wie von Geisterhand. Einen Wind hatte Graham nicht verspürt. Zögernd trat er ein. Eine Wendeltreppe aus Gestein führte nach oben in den Turm, eine andere in den Keller. Wenn jemand festgehalten wurde, dann bestimmt unten im Verlies.

In dem Keller brannten vereinzelte Fackeln und zeigten Graham einen spärlichen Weg durch die Dunkelheit.

Er konnte sich gut daran erinnern, wie der Herzog im Keller, der das Herzogtum mit dem Turm verband, die Bauern weggesperrt hatte, die seiner Ansicht nach, ungehorsam waren. Er war ein grausamer Mann gewesen und jetzt, wo Graham vor den Käfigen stand und sich erinnerte, wie die Menschen unter seiner Herrschaft litten, wusste er, dass sein Herz froh über dessen Tod war. Nicht aber über Williams. Der Sohn des Herzogs war anders gewesen. Stets hatte er die Machenschaften seines Vaters verurteilt.

„Wer bist du?“, sprach ihn eine gesichtslose Stimme an.

Graham zog sein Schwert und drehte sich um. In der Dunkelheit erkannte er einen Mann.

„Kyan?“, fragte er.

Zögerlich trat Kyan aus dem Schatten.

„Du kennst mich?“

„Dein Bruder hat mich geschickt ...“

Sofort sprang der Mann zu den Gitterstäben und klammerte sich daran. Auf seinem Gesicht erkannte Graham ein verzweifeltes Lächeln.

„Gott sei Dank. Lass mich raus“, flehte er Graham an.

Hinter ihnen hörte man hastige Schritte. Graham drehte sich um, sah aber keinen. Jemand kam auf sie zu. Plötzlich erloschen die Kerzen, wie durch Geisterhand. Als hätte ein Windzug die Flammen fortgerissen, den ein Körper erzeugt hatte. Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss.

„Du hast versprochen ihn gehen zu lassen, wenn ich komme. Hier bin ich!“, rief Graham und sah sich in der Dunkelheit um. Als er den Atem eines Menschen in seinem Nacken verspürte, drehte er sich um. Keiner stand hinter im.

„Wer hat dich eingesperrt?“, wand er sich an den Mann.

„Prinz William. Und du musst Graham sein. Er hat nach dir verlangt.“

„Das sagte auch schon dein Bruder. Prinz William ist tot und wer auch immer sich als ...“

„Das ist er auch“, unterbrach ihn Kyan. „Glaube mir.“

Sekunden vergingen, in denen Graham den Mann stumm ansah. Ihm war bewusst, dass sein Mund offen stand.

„Ich suche den Schlüssel“, sagte Graham, nachdem er beschloss, dass er darauf keine Antwort fand.

„Er hängt irgendwo ...“

„Ich kenne dieses Gemäuer wie meine Westentasche, wenn er dort hängt, wo er schon immer hing, werde ich ihn finden“, unterbrach ihn Graham und machte sich bereits mitten im Satz auf die Suche. Und tatsächlich wurde er schnell fündig.

„Stimmt es, dass die Bauern das Herzogtum stürmten und alle töteten?“

Der Schlüssel drehte sich im Schloss und knackte.

„Das stimmt“, erwiderte Graham trocken.

„Und stimmt es, dass der Prinz dabei umkam?“

„Und stimmt es, dass ihr den Turm plündern wolltet?“, stellte Graham die Gegenfrage.

„Wir hatten keine Wahl...“

„Jeder hat eine Wahl!“

„So wie ihr damals?“, schoss Kyan zurück.

„Ganz schön mutig, seinem Retter frech zu kommen.“

Bevor Kyan etwas darauf erwidern konnte, durchbrach ein schriller Schrei die Stille. Er kam von oben. Ein greller, furchtbarer Laut, der ihnen die Haare zu Berge stehen ließ.

„Los, los, los“, bewegte Graham, den Mann zum Laufen. Sie rissen die Tür auf und rannten die Stufen hoch, zwei auf einmal nehmend. Das Schwert an seiner Hüfte kam Graham plötzlich schwer vor. Als er seinen Namen hörte, so laut und durchdringend wie in seinen Träumen, blieb er kurz stehen.

Kyan sprang über die Türschwelle und rannte weiter, ohne sich umzublicken. Schemenhaft konnte Graham seinen Rücken erkennen. Endlich erreichte auch er die Tür. Bevor Graham über die Schwelle trat, wurde er gepackt und zurückgerissen. Die Tür schepperte, als sie ins Schloss fiel. Vor Graham stand kein anderer als William. Sein Gesicht war vor Angst verzerrt. Die blauen, hellen Augen weit aufgerissen.

„Graham!“, hauchte er und streckte den Arm nach dem Jäger aus.


*****


Bevor Graham nach seinem Geliebten greifen konnte, brach die Hölle über ihm aus. Mehrere Männer griffen nach dem Prinzen und zogen ihn fort. Graham schrie auf. Er fühlte sich auf einmal zurückversetzt in die Zeit, als das Volk das Herzogtum angegriffen hatte. Er hätte sich nie darauf einlassen dürfen. Warum hatte er das getan?

„William!!!“, seine Stimme ging in dem Getümmel und dem Geschrei der kämpfenden Meute unter.

Einer der Soldaten des Herzogs griff Graham von der Seite an. Und alles schien sich zu wiederholen. Er wurde zurückgeworfen von der Wucht des Schwertes, rappelte sich wieder auf. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sie den Prinzen die Treppen hochzerrten.

Graham dachte daran sich zu wehren. Zu kämpfen. Aber nicht dieses Mal. Sollten sie ihn bei dem Versuch den Prinzen zu retten töten. Im letzten Augenblick sprang er zur Seite und wich einem Schwert aus, welches ihn in zwei Hälfen geteilt hätte. Ohne auf jemanden zu achten, rannte er los.

Eine Schwertspitze traf Graham seitlich am Arm. Jemand versetzte ihm einen weiteren Stich ins Bein. Schmerzen waren nicht mehr wichtig. Er war dabei William zum zweiten Mal zu verlieren. Auf der Treppe, die zu schmal für mehrere Männer war, stieg Graham über Leichen hinweg, schlug manche zur Seite und achtete nicht darauf, ob er jemanden tötete oder nicht. Ihm war ausschließlich William wichtig. Ihn musste er erreichen.

Wankend und am Ende seiner Kräfte betrat Graham den Raum oben im Turm. Der Einzige im ganzen Turm.

Graham konnte sich gut erinnern, das Williams Vater den Raum gerne dafür missbrauchte seinen Sohn zu bestrafen. Tagelang hatte er ihn hier eingesperrt, manchmal sogar für Wochen. Aber auch das hatte Graham nicht davon abhalten können seinen Geliebten zu sehen. Es war sogar besser gewesen, weil sie hier oben niemand hören konnte. Keiner wusste, dass sie zusammen waren.

Auf dem großen Bett befanden sich zwei Personen. Einer, den Graham mal Freund und Bruder genannt hatte, saß auf dem Prinzen und würgte ihn.

„Martin! Schluss! Er verdient was Schlimmeres, als den einfachen Tod!“, rief ein anderer.

Wut kochte in Graham hoch. Mit einem markerschütternden Kampfschrei erhob er das Schwert und stürmte auf die Männer zu. Der Anführer der Bande, Yannick drehte sich um und rammte Graham seinen Dolch in die Schulter. Mit einer Kraft, die kein Mensch besaß, stieß er den Jäger zur Seite. Schwerfällig kam Graham wieder auf die Beine.

„Das war nicht abgemacht“, keuchte er.

Mit einem Ruck zog er den Dolch heraus und warf ihn zur Seite. Bevor er sein Schwert aufheben konnte, stellte Yannick lachend ein Fuß darauf. Graham sprang auf die Beine und griff den Mann mit bloßen Fäusten an.

Mühelos wich Yannick ihm aus. Lachte dabei dreckig. Im Hintergrund hörte Graham William schreien, als er Yannicks Fuß auf seiner Brust spürte und gleich darauf den Fensterrahmen. Die Welt kippte. Er verlor den Halt und fiel in die Tiefe.


*******


Yannicks Geist stand am Fenster und lachte schallend. Die Ranken am Turm zerkratzen Grahams Haut. Er streckte die Hand aus und ergriff eine der sich windenden und pulsierenden Pflanzen. Die Dornen schnitten in seine Handflächen. Brennend schoss der Schmerz seinen Arm hoch, sodass Graham für einen kurzen Moment losließ und weiter in die Tiefe stürzte.

Erneut fasste er nach den dunklen Ranken. Diesmal ließ er nicht los. Das Blut machte die Pflanze glitschig. Fast rutschte er ab. Abrupt riss sie immer wieder. Graham griff mehrmals nach der Pflanze, die immer wieder seine Haut aufschlitzte, aber auch seinen Sturz abfing.

Für einige Sekunden blieb er in der Luft hängen. Nach unten wäre schneller als wenn er wieder nach oben klettern würde. Ihm war nur ein kurzes Stück geblieben. Die letzten Meter ließ er sich fallen und rollte sich ab.

Graham griff sich an die Hüfte, bereit sich wieder in den Kampf zu stürzen, der in dem Turm herrschte. Doch sein Schwert - es war im Turm geblieben! Wie sollte er sich durchkämpfen? Er musste es irgendwie schaffen. Für William.

Auf dem Weg zur Tür des Turmes sah er sich um und entfernte sich einige Dornen aus der Hand. Die Schlacht, die stattgefunden hatte, davon war draußen nichts zu sehen. Graham war bewusst, dass es ein Fluch war. Geister oder Ähnliches. Aber sie hatten ihn verletzt. Sie waren real. Keine Einbildung.

Als Graham an der Treppe ankam, stutze er. Er sah hinauf. Am Treppenende oben, da war nichts mehr. Keine Tür. Nur Mauer. Steine. Er rannte die Treppen hinauf und legte die Handflächen auf das kalte Gemäuer. Tatsächlich! Keine Tür. Das konnte nicht sein.

„William!“, er schrie aus Leibeskräften. Eine Stimme antwortete ihm. Zuerst dachte Graham, es wäre ein Echo, das ihn hoffen ließ. Aber dann schrie sie noch einmal. Jemand rief ihn. Es war William. Angsterfüllt William erneut zu verlieren, sprang der Jäger die Stufen hinunter und umging den ganzen Turm. Nirgendwo war eine weitere Tür.

„Das darf nicht wahr sein“, fluchte er. „William!“

Von oben kam Geschrei. Leise, wie ein Windhauch, aber laut genug, um es zu hören. Graham musste zu ihm. Über den Weg, den er auch früher genommen hatte. Dieses Mal hatte er keine Hilfe und der Turm war überwuchert mit Dornen.

Graham zog scharf die Luft ein, dann kletterte er hoch. Die Dornen zerrten an seiner Kleidung, bohrten sich unermüdlich in seine Haut, brannten in seinen Wunden. Er biss die Zähne zusammen. Das Fenster kam immer näher. Stille zerrte an Grahams Nerven. Es war zu still geworden.

Er hievte sich über die Fensterbank und fiel erschöpft in das Zimmer. Die Männer waren fort. Auf dem Bett lag ein Körper. Williams Körper. Blass. Leblos.

„Nein“, keuchte Graham. Zum zweiten Mal verlor er die Liebe seines Lebens. Obwohl er wusste, dass es nur ein böser Zauber sein konnte, zerriss es ihm das Herz. Eine Träne rollte seine blutigen Wangen hinunter. Das Salz darin brannte in seinen Wunden. Stolpernd ging Graham auf das Bett zu.

Williams Wangen waren eingefallen. Sein Körper war zu dürr. Zu knochig. Seine Haare glanzlos. Seine Augen geschlossen, als würde er schlafen. Als Graham sein Gesicht in beide Hände nahm, wurde die Haut fahl und verfärbte sich schließlich schwärzlich grün.

„Nein“, wiederholte Graham.

Er wollte ihn so nicht sehen. Wollte ihn so nicht in Erinnerung behalten. Eher als den jungen Mann, der immer fröhlich lächelte und lachte, wenn er unter Graham auf dem großen Bett lag und der Jäger ihn kitzelte. Die Haut fiel weiter ein, bis nur noch ein Skelett unter Grahams Fingern zurückblieb.

„Oh, Gott ... Warum? Warum nur?“, Graham küsste die Stirn des Toten, dann legte er seine Stirn auf die des Prinzen, während die Tränen bitter seine Wangen hinab rannen.

„Na endlich. Ich habe so lange auf dich gewartet, Graham. So oft nach dir gerufen.“

Graham schreckte auf. Unter ihm lag der Prinz, die Augen schimmerten wieder blau. Die Haut war rosig und die Haare glänzten als wären sie aus Gold. Die Krone des Prinzen verzog keine einzige Spinnenwebe mehr.

„William, wie ...“

„Warum hast du mich verlassen?“, fragte William plötzlich und Graham wich zurück.

„Das kann nicht sein ... Du bist nicht...“

„Warum, Graham?“, der Prinz setzte sich auf, sein schönes Lächeln rutschte ab und gab etwas von dem Monster frei, das er geworden war.

„An diesem schrecklichen Tag ...“

„Du bist nie zurückgekehrt“, sprach der Prinz weiter, ohne auf seine Worte einzugehen.

„Ich dachte, du wärest tot.“

„Ich bin tot“, schrie der Geist, sodass die Wände bebten und der Schall den Jäger quer durch das Zimmer warf.

 Ranken mit Stacheln waren durch das Fenster und das Dach des Turmes gebrochen. Krochen über den Boden und die Wände. Pulsierten, als würden sie leben. Ein Strang legte sich um Grahams Hals. Wie sehr sich Graham zu wehren versuchte, er konnte sich nicht losreißen. Der wütende Geist seines verstorbenen Geliebten war zu stark.

„Ich habe dich geliebt“, flüsterte William und stand vom Bett auf.

Schmerzen schnürten Graham die Luft ab. Nicht imstande nur einen Ton raus zu bringen, schüttelte er den Kopf.

„Du hast mich verraten“, schrie William erneut. Trauer und Zorn ließen seine Stimme beben.

Graham kannte William nur all zu gut. Er wusste, dass er zu nichts Grausamen imstande war. Das war damals. Vor ihm stand ein verzerrtes Spiegelbild dessen Menschen, den er zurückgelassen hatte. Den er einst so sehr geliebt hatte.

Eine vor Wut, Furcht und Verbitterung zerfressene Seele, war zurückgeblieben. Ein Geist, gefangen in der Welt der Lebenden, der seine Ruhe nicht finden konnte. Graham fühlte sich schuldig. Wäre er bloß zurückgekehrt, um den Leichnam seines Liebsten zu begraben. Doch er war zu schwach um den Anblick der Leiche zu ertragen. William durchtränkt vom Blut, mit den Ratten und Raben an seinem Körper. Das hätte ihm den Todesstoß versetzt.

William schritt auf ihn zu. Sofort griff Graham nach seinem Schwert, das nicht all zu weit von ihm lag.

„Nun erhebst du schon dein Schwert gegen mich?“, der Prinz lachte humorlos. „Dein Schwert wird dir hierbei nicht helfen.“

Grahams Blick fiel auf das Skelett auf dem Bett. Sein Herz blieb kurz stehen. Das Skelett lag in Embryohaltung, als wäre dort einfach jemand eingeschlafen.

Seine braungrünen Augen wanderten an dem Geist vorbei zu der Tür, die sofort zuschnappte.

„Du kannst nicht mehr fliehen.“

„Ich will nicht fliehen“, sagte Graham voller Schuldgefühle. „Willst du Rache an mir üben? Dann tue es“, krächzte er und die Dornen um seinen Hals zogen sich weiter zu. „Töte mich oder ... Hör mich an.“

Zögern hob der Prinz die Hand und die Pflanzen verschwanden. Hustend schnappte Graham nach Luft. Sein Hals brannte. Das Blut durchtränkte seine Kleidung.

„Jahre“, er schnappte nach Luft. „... lebte ich in einer Hölle ... gefangen, die ich mir selbst erbaut habe. Du wirst mich erlösen.“

Er konnte seine Augen nicht von der Tür abwenden. Viele Kratzspuren waren darauf zu sehen und dunkle Streifen, wie von geronnenem, sehr altem Blut.

„Aber sag mir zuerst, was ist mit dir passiert?“

Argwöhnisch sah William ihn an. Seine blonden Haare glänzten fast so hell wie seine Krone. Als der Prinz den Kopf misstrauisch zur Seite neigte, fiel das Haar aus seiner Stirn und legte eine kleine Narbe frei, die Graham gut kannte. Oft hatte er darüber gestrichen und sie geküsst. Wegen Graham hatte William sich mit seinem Vater gestritten, der ihn geschlagen hatte. Zurück geblieben war diese kleine Narbe, die immer von seiner Treue zeugen würde. Graham ließ das Schwert fallen.

„Was haben sie dir angetan?“

„Sie haben mich hier eingesperrt. Keiner kam, um mich zu retten, obwohl ich geschrien habe, bis mir meine Stimme versagte und an der Tür gekratzt und geschlagen habe, bis ich meine Knöchel durch das Blut und Fleisch sehen konnte. Ich habe nach dir gerufen, aber du kamst nicht.“

„Oh, Gott ...“, stöhnte Graham auf, als ihm klar wurde, was er hätte verhindern können. „Ich habe versucht mich zu dir durchzukämpfen. Dann wurde ich verletzt. Aufgewacht bin ich im Dorf. Hätte ich gewusst...“

„Du hast mich sterben lassen.“

„Man hat mir gesagt, du wärst tot!“, schrie Graham.

„Einen Anderen hast du dir gefunden. Hast mich ersetzt.“ Die Wut in Williams Augen kochte wieder hoch.

„Nein, nie habe ich dich vergessen. Immerzu habe ich an dich gedacht. William, so glaube mir. Nur dich habe ich geliebt. Und nur dich, liebe ich noch immer.“

Plötzlich stand William ganz dicht vor ihm, sodass Graham einige Schritte nach hinten stolperte, soweit ihm die Wand es erlaubte. Das schreckliche Gesicht des Geistes schwebte vor ihm. Die Augen waren blutunterlaufen. Der Mund fehlte und entblößte Zähne. Die Fingerkuppen waren weggefault, sodass die Knochen weiß hervortraten. Der Brustkorb stand offen wie ein Käfig und ein schwarzes Herz schlug darin. Die Beine verblassten geisterhaft, an denen die Ratten hochkrochen.

„Beweise es mir“, krächzte der Geist mit einer unheimlichen Stimme.

Es verging ein Moment, bis Graham schwer schluckend an ihn trat. Sein Schwert schepperte, als er es mit der Fußspitze berührte. Zögerlich beugte er sich vor, schloss die Augen und küsste den Toten.

Weiche Lippen pressten sich gegen die seinen. Ein leises Stöhnen entwich seiner Kehle. Graham öffnete die Augen, als er spürte, wie die Kraft aus seinem Körper wich, wie der Sand aus einer zerschlagenen Sanduhr. Doch er wich nicht zurück. Schlaff rutschen seine Hände von Williams Nacken und Gesicht. Langsam glitt er zu Boden, seine Lippen noch immer in einem Kuss versiegelt.

Als Graham vor ihm kniete, unterbrach der Prinz den Kuss und sah ihn lächelnd an. Erschöpft lehnte der Jäger seinen Kopf gegen den Körper seines Geliebten. Er wusste, dass er diesen Turm nie verlassen würde, aber das war auch gut so. Hier gehörte er hin. An die Seite seines Prinzen.


******


Als die Dorfbewohner aufwachten, war der Winter fort. Kyan hatte seinen Bruder gefunden. Nachdem er Elihal alles erzählt und seine Wunden neu versorgt hatte, brachen sie auf. Sie wollten diesen schrecklichen Ort so schnell wie möglich verlassen.

Noch ein letztes Mal drehte Kyan sich zu dem Turm um. Er wirkte heller und friedlicher. Nicht mehr so dunkel und unheilvoll. Er spürte, dass der Geist, der diesen Ort in seinen Klauen gehalten hatte, seinen Frieden gefunden hatte. Genauso wie Graham zurück zu seinem Geliebten gefunden hatte. Sein lebloser Körper lag friedlich neben dem des Prinzen.

Verirrte sich ein Wanderer zum Turm, so fand er keinen Eingang und die Dornen machten die Mauer unüberwindbar.


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beta
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