»Lieber Julien,

 

wie soll ich beschreiben, was in mir vorgeht, wann immer ich dich sehe? Wie soll ich in Worte fassen, was ich fühle?

Vielleicht sollte ich es einfach versuchen ...

 

 

Aufregung

Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich zu spät war, über den spiegelglatten Hof schlitterte und mich schon damit abfand, dass ich das Klingeln verpassen würde. Ich versuchte, zur Tür zu gelangen, ohne mir den Hals zu brechen, doch das Eis war anderer Meinung.

Ich trudelte, schlitterte und machte mich darauf gefasst, dass mein Hintern den eiskalten Boden küsste.

Doch das geschah nicht.

Als ich nach oben sah, versank ich in deinen grün-grauen Augen. Ich weiß nicht, ob du aus einem Reflex heraus gehandelt hast oder weil du tatsächlich nicht wolltest, dass ich mich verletze, aber in diesem Moment hatte ich das Gefühl, federleicht zu sein. Und gleichzeitig tonnenschwer.

Mein Gesicht glühte wie ein Hochofen, als du mich wieder aufrichtetest und ich war froh, dass mein ganzes Gewicht nicht mehr auf deinen Armen lag.

»Pass besser auf deine Füße auf!«, war alles, was du in deiner tiefen Stimme murmeltest und weg warst du.

Ich brauchte 10 Minuten, um mich zu beruhigen, so aufgeregt und schmerzhaft schlug mein Herz gegen die Brust.

 

 

Traum

Ich strecke meine Hand nach dir aus, um dein dunkles Haar zu berühren. Meine Finger malen die Konturen deiner Lippen nach und deine Augen sind geschlossen. Ein Lächeln ziert dein Gesicht, als ich mich runterbeuge, um dich zu küssen.

Unsere Hände finden sich und halten einander fest, wie unsere Lippen miteinander verbunden sind.

 

Ich erwachte aus meinem Traum, als unsere Berührungen intensiver wurden, und wischte mir die Tränen aus den Augen.

 

 

Verliebt

Schließe ich die Augen, sehe ich dich. Präzise wie ein Maler zeichnet mein inneres Auge deine feinen Züge nach, dein glänzendes dunkles Haar, deine kecken, maskulinen Augenbrauen, die das Leuchten deiner grau-grünen Augen noch verstärken. Deine wohlgeformte Nase, die deinem Gesicht den Ausdruck eines willenstarken Charakters verleiht und deren Härte von der Weichheit deiner Lippen gemildert wird, die sich zu einem wissenden, immer etwas überheblich wirkenden Lächeln verziehen. Ich höre deine Stimme, wann immer es still ist und ich erschaudere wohlig beim Klang deines Lachens. All mein Denken dreht sich um dich.

Ich glaube, ich bin in dich verliebt!

 

 

Eifersucht

Schlecht gelaunt saß ich auf dem Hof und blickte über den Platz zu dir, wo du mit deinen Freunden für üblich die Pausen verbringst.

Dein Lachen hallte zu mir und fraß sich schmerzhaft in mein Ohr.

Nicht, weil ich es nicht liebte, sondern weil der Grund, warum du lachtest, mich verrückt machte.

Warum konnte diese Tussi dich erheitern? Was fandest du an ihren peinlichen Versuchen, dir nahe zu sein? Sollte es tatsächlich der Fall sein, dass du sie mochtest? Was war an ihr, was dein Interesse weckte? Und was war an ihr anders als an mir?

Der Schmerz der unerfüllten Sehnsucht fraß sich in mein Herz und wurde, gepaart mit dem Hass auf die unerwünschte Nebenbuhlerin, zu einem glühenden Stab, der mich peinigte mit jeder weiteren Sekunde.

Solange, bis ich es nicht mehr aushielt und, an dir und deiner Tussi vorbeistürmend, im Gebäude verschwand, um mich auf der Toilette einzuschließen.

Eifersucht ist ein schreckliches Gefühl.

 

 

Resignation

Ich wandte meinen Blick ab, denn ich wollte es nicht sehen.

Ich wollte nicht sehen, wie du, scheinbar glücklich, mit deiner Freundin über den Hof flanierst. Wie du sie, auf der alten Tischtennisplatte sitzend, so küsst, wie ich mir wünschte, du würdest mich küssen.

Ich wollte den dicken Kloß in meinem Hals nur noch runterschlucken und meine Gefühle, die ihr Ziel niemals erreichen würden, einfach nur noch loswerden.

Ich gebe auf, hörst du?

Du hast gewonnen.

 

Adrian«

 

 

Der dunkelhaarige Junge faltete einen zerknüllten Zettel auseinander, der neben den Mülleimer gefallen war. Er strich ihn glatt und las die Worte, die sein Mitschüler geschrieben hatte. Der letzte Teil des Briefes war verschwommen, als hätten sich Tränen auf dem Papier verteilt.

Ein Lächeln, wie in dem Brief beschrieben, breitete sich auf dem Gesicht des Jungen aus, als er den Zettel in seine Hosentasche gleiten ließ.

Vielleicht war es an der Zeit, mit Adrian zu reden...

 

 

~~ ENDE ~~

 

Kommentare

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    Wunderschön! Richtig zum Mitseufzen. Du hast einen sehr schönen, authentischen und sicheren Stil, der einen sofort einnimmt. Der Schluss gefällt mir besonders gut. Ein feiner Twist, der den Leser automatisch in die von ihm gewünschte Richtung lenkt, obwohl es eigentlich ein offenes Ende ist. ;)

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    Oh, solcher Schmerz ist mir so sehr bekannt! Du hast die Gabe, fein zu beobachten und zu beschreiben! 5/5

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    Oh ... Ich fühlte so sehr mit Adrian. Wer kennt solch Herzschmerz nicht? Im letzten Part bekam ich Gänsehaut. Schöner Text. Hoffentlich kommt bald mehr.

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    Wunderschöner Text und sehr gefühlvoll (ich hatte tatsächlich feuchte Augen ^-^). Die Entwicklung im Brief ist toll und ich kann es so gut nachempfinden :D Ich habe Deinen Text sehr gern gelesen!

  • Author Portrait

    Interessante Wendung...

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