Eindringlinge

»Nikodemus...«, brummte der junge Mann in seinem Sessel, als der schwarze Kater auf seinen Schoß sprang und ihn mit seiner feuchten Nase anstupste.
»Niko... ah, AUS jetzt!«
Sich das Gesicht abwischend sprang der Mann hoch und guckte den Kater finster an, der ihm soeben an der Nase geleckt hatte. Dieser verengte die Augen zu Schlitzen, leckte sich erneut über das Maul und miaute dann.
»Nette Art, mir zu sagen, dass du Hunger hast, du Plagegeist«, grummelte der Mann und verschwand in seiner kleinen Küche, den Kater auf den Fersen.
Nachdem das Tier in seinem Fressen versank, streckte sein Herrchen sich und rieb sich den Nacken. Er hatte ein erfrischendes Nickerchen gemacht und täte es noch, wäre er nicht gestört worden.
Wie lange hatte er nicht geschlafen? Zwei Nächte? Sicher, er war jagen.
Mit einem Lächeln goss er sich etwas Wasser in ein Glas und verließ sein Haus. Der Wald duftete nach Sommer, nach Moos, Holz und Regen.
Den Blick nach oben gewandt erwartete er jeden Moment den ersten heftigen Donner. Er fühlte es förmlich bis in die Haarspitzen. Dennoch trafen ihn zuerst ein paar feine Regentropfen.
Auch gut. Es war schwül unter dem dichten Blätterdach.
Er lehnte sich an das Fensterbrett und wollte eigentlich die Ruhe genießen, als ungewöhnlicher Krach in seine Ohren drang.
Das Knacken von Ästen, das laute, schwere Atmen eines Menschen und das Lachen anderer. Gemeines Lachen.
Er hatte kein gutes Gefühl damit. Doch er beschloss, die ihre Suppe selbst auslöffeln zu lassen.
Was kümmerten ihn diese unbedeutenden Geschöpfe?
Er wollte schon desinteressiert wieder ins Haus gehen und sich seinem Buch widmen, als eine feine Duftsignatur in seine Nase drang. Augenblicklich stellten sich seine Nackenhaare hoch.
Es war der Junge! Der kleine nächtliche Eindringling, der in den Wald kam, um zu fotografieren – und zu weinen.
Sein Duft war intensiver als sonst, als würde etwas sein Blut in Wallung bringen. In den Duft mischte sich feiner Schweiß und die Spur schnellen Atems.
Er war es, der rannte. Der vor dem gemeinen Lachen floh.
Entgegen seiner Art war erneut sein Interesse geweckt. Etwas zwang ihn förmlich, der Spur zu folgen und zu sehen, was mit dem Jungen geschah.
Er ging ins Haus, um eine dunkle Jacke über sein weißes Hemd zu ziehen. Der Kater lag seitlings auf dem kühlen Küchenfußboden und putzte seine Futterwampe.
»Du passt auf, ja? Ich bin gleich wieder da, Dicker«, murmelte er zu dem Tier und verschwand in die zunehmende Dunkelheit.
Der Duft des Jungen, dessen Namen er nicht kannte, verstärkte sich, als käme er der Hütte immer näher. Allein dies war ein Grund, einzugreifen und die Menschen notfalls umzulenken. Sein Refugium würde kein Mensch betreten!
Lautlos wie ein Reh folgte er der Spur. Dem Geruch nach hatte der Junge furchtbare Angst.
Allerdings wunderte ihn das nicht. Die meisten hätten sie, wenn sie verfolgt würden. Die Duftspuren der Verfolger waren sonderbar unangenehm in der Nase des jungen Mannes. Irgendwie gemein, wie das, was sie vermutlich mit ihrem bis zur Erschöpfung gehetzten Opfer vorhatten. Dessen Herz raste, dass es ihm fast leid tat.
An der großen Eiche schien er zum Stehen zu kommen. Sein Duft breitete sich dort aus.
Der junge Mann beschleunigte seine Schritte und erreichte den Baum wenige Sekunden nach dem Jungen. Da er sich nicht zu erkennen geben wollte, erklomm er den Riesen behände und beobachtete die Situation.
Der Junge war rot im Gesicht, sein sonst glattes Haar war zerzaust und zottelig und seine Kleidung an einigen Stellen zerrissen. Schuhe und Hose waren dreckig, als wäre er mehr als einmal durch eine Morastpfütze gelaufen.
Trotzdem war es das erste Mal seit langem, dass der Mann das Gesicht des Jungen sah. Dessen sensible braune Augen berührten etwas in ihm, wie schon in der Nacht zuvor, als er weinend auf der Lichtung stand.
Der Junge war hübsch. Auf seine Art.
Seine Beine schienen ihn kaum noch zu tragen und er fasste scheinbar den Entschluss, sich zu verstecken. Als die anderen Jungen an dem Baum ankamen, wallte ein negatives Gefühl in dem jungen Mann hoch. Diese Bengel waren feige. Zu dritt gegen einen, der total erledigt war.
Sie suchten ihn und nannten ihn bei dem lächerlichen Spitznamen „Pinky“, was der junge Mann nicht recht verstand. Außerdem benutzten sie sehr unschöne Worte, die Schlüsse auf die Neigungen des Jungen zuließen.
Etwas wie Mitleid regte sich in ihm, als sie ihn fanden und aus dem Loch zogen. Der Junge hatte nicht einmal mehr die Kraft, aufrecht zu stehen. Wieder beleidigten sie ihn und der junge Mann hörte ebenso zum ersten Mal die Stimme des Jungen, der leise sprach und nur nach einem Warum fragte.
Als der Anführer der Verfolger das erste Mal zutrat und den Jungen damit zu Fall brachte, flammte kalte Wut in dem stillen Beobachter auf dem Baum auf.
Menschen hin oder her, aber dies konnte er nicht einfach mitansehen. Der Junge hatte niemandem etwas getan, war völlig fertig und lag bereits wehrlos am Boden. Einen Kampf ohne Ehre konnte er nicht dulden.
Er glitt lautlos von der Eiche, griff nach einigen Steinen, die herumlagen und warf sie zielsicher auf die Schläger. Seine Schnelligkeit erleichterte es ihm, dabei nicht gesehen zu werden. Die Jungen blickten sich in der Umgebung um, als würde es spuken und der junge Mann erreichte letzten Endes sein Ziel, sie in die Flucht zu schlagen.
Er konnte nicht verhindern, dass der Junge in der Stadt wieder Probleme mit denen bekam, aber für heute hatte er es überstanden.
Selbst nach so vielen Jahren konnte er nicht aufhören, daran zu denken, dass ihm keiner geholfen hatte, als er gequält und geschlagen wurde. Deswegen konnte er nicht einfach tatenlos zusehen.
Die Angreifer verschwanden im Dickicht des Waldes und der Regen wurde stärker. Der geschundene Junge blieb einfach liegen.
Der junge Mann konnte Blut riechen und bewegte sich langsam auf ihn zu, ging in die Knie und legte ihm die Hand auf die Schulter. Der Junge hob langsam, fast schon ängstlich den Kopf und sah ihm ins Gesicht.
»Kannst du aufstehen?«, fragte der Mann nur, doch der Junge schwieg. Etwas in seinem Gesicht sah aus, als würde er angestrengt nachdenken.
»Hörst du schlecht?« Die Geduld mit dem Menschen neigte sich bereits wieder dem Ende zu, auch wenn der Mann zugeben musste, dass der Junge aus der Nähe wirklich hübsch war. Selbst mit Schmutz im Gesicht und Haaren wie ein Krähennest.
»Äh... ja. Ja, ich glaube, es geht...«, antwortete der Junge verspätet auf die Frage und ließ sich auf die Beine ziehen. Er verzog das Gesicht und fasste sich an den Brustkorb.
»Darf ich?« Der Mann strich vorsichtig mit den Händen über die Rippen. »Nichts gebrochen. Hast Glück gehabt.«
Die braunen Augen des Jungen klebten an seinem Gesicht. Mittlerweile war der Regen so stark, dass ihm das Wasser schon fast das Gesicht wusch.
»Das können Sie einfach so ertasten?«
Der junge Mann schmunzelte und griff nach dem Rucksack, der noch immer in der Wurzelhöhle lag.
»Den trage ich. Ich schätze, du möchtest nicht den selben Weg zurücknehmen wie deine Freunde, oder?«
Der Junge verzog den Mund und schüttelte den Kopf. »Danke übrigens. Für’s Helfen...«, nuschelte er leise.
Der Mann winkte ab. Er würde sich hüten, dem Bengel zu sagen, dass er ihn schon über einen längeren Zeitraum im Blick hatte und jeden seiner Schritte verfolgte, wenn er im Wald war.
In seinem Wald, in dem er eigentlich niemanden haben wollte.
Und er würde sicher nicht sagen, dass er ihm bewusst zu Hilfe geeilt war, weil der Junge der Einzige war, zu dem er in irgendeiner Art und Weise eine Beziehung aufgebaut hatte. Er, der die Menschen verachtete!
»Ich war eben da. Vergiss es.« Langsam, um den Jungen nicht noch zusätzlich zu belasten, ging er voran.
Doch wo sollte er mit ihm hin? Eigentlich sollte er vielleicht ein Glas Wasser trinken und sich einen Moment ausruhen, aber der junge Mann wollte ihn nicht in seinem Haus haben. Er wollte weder den Duft eines Menschen in seinen vier Wänden, noch dass der Bengel wusste, wo er lebte, doch er musste aus dem Regen raus, sonst würde er eine Lungenentzündung bekommen.
Gott, warum waren Menschen so anfällig für alles?
»Leben Sie hier? Im Wald? Wie ein Förster sehen Sie nicht aus.«
Der junge Mann knurrte. »Ich sag dir was: Stell mir keine Fragen, dann erzähle ich dir keine Lügen. Was ich hier mache, geht dich nichts an. Ich zeige dir einen Weg nach Hause und da legst du dich in die Wanne, damit du nicht krepierst. Alles andere kann dir am Allerwertesten vorbeigehen.«
Sein Ton war schärfer als er beabsichtigt hatte und er konnte deutlich sehen, wie der Junge zusammenzuckte. Er schien es jedoch gewohnt zu sein, dass die Leute nicht nett mit ihm sprachen.
Großartig. Jetzt hatte der Bengel mit seinem Schmollschippchen auch noch dafür gesorgt, dass er ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber hatte.
»Wie heißt du?«, fragte er deshalb in etwas versöhnlicherem Tonfall.
»Garrett.«
»Also nicht Pinky?«, schmunzelte der junge Mann, doch bekam keine Antwort. Der Junge sah fürchterlich müde aus und strauchelte des Öfteren. Der junge Mann schnalzte mit der Zunge und drückte ihm den Rucksack in die Hand.
»Aufsetzen. Ich trage dich. In dem Tempo sind wir nass bis auf die Haut, bis wir mal irgendwo ankommen.«
Die Augen des Jungen wurden einen Moment groß und er sah aus, als wollte er protestieren, nickte aber schließlich, nahm den Rucksack und ließ sich schließlich Huckepack nehmen.
Für den jungen Mann war das Gewicht von Garrett kein Problem und es ging gleich schneller voran.
»Sie haben mir Ihren Namen nicht gesagt...«, nuschelte der Junge müde, worauf der Mann leise lachte.
»Was hast du davon, meinen Namen zu wissen?«
»Das gehört sich so.«
»Such dir einen aus. Und hör auf, mich zu siezen, bitte.«
Von dem Jungen kam nur noch ein unverständliches Brummeln und kurz darauf war er tatsächlich eingeschlafen, mit dem Kinn an der Schulter des jungen Mannes. Dem sollte es recht sein.
Allerdings wunderte er sich über dieses absolute Urvertrauen, was der Junge scheinbar zu ihm hatte. In der Gesellschaft eines völlig fremden Mannes zu schlafen, wenn man nicht wusste, wo der einen hinbrachte, das erforderte Mut – oder eine gehörige Portion Leck-mich-am-Arsch-Einstellung. Andererseits war der Junge verletzt, erschöpft und völlig durchgefroren. Da konnte das schon mal passieren.
Er würde ihn nach Hause bringen und dafür sorgen, dass er nicht mehr in den Wald ging. Er hatte dort einfach nichts verloren. Es war nicht so sicher wie Garrett vielleicht glaubte.

Es dauerte nicht lang, bis der Mann Garretts Elternhaus erreicht hatte. Er hatte es am Geruch erkannt. Es lag Luftlinie genau in einer Linie zu seinem eigenen kleinen Haus im Wald. Das Haus war dunkel und roch nicht danach, als wäre jemand zuhause. Leise öffnete er die Hintertür, die unvorsichtigerweise nicht verschlossen war und verfrachtete den Jungen in das Zimmer, welches am stärksten nach ihm roch. Mit einem aufmerksamen Blick sah er sich um. Garrett war offenbar vielseitig interessiert. Seine Wände wurden von diversen Band-Postern geschmückt, seine Kameraausrüstung hatte einen Ehrenplatz, ebenso wie zwei ziemlich teuer aussehende Gitarren und ein moderner Computer. Eine Anlage stand in der Ecke und wurde umrahmt von unzähligen CDs.
Ansonsten war das Zimmer sehr ordentlich für einen Jungen. Es lagen keine Socken herum, es stand keine verräterische Handcreme auf dem Nachttisch und keine Taschentücher unter dem Bett.
Der junge Mann musste schmunzeln und betrachtete den schlafenden Jungen. Seine Lippen waren blau und seine Hände kalt. Mit einem Seufzen entledigte er ihn seiner nassen Kleider und deckte ihn schließlich zu. Seine Brust hatte Verfärbungen, die am nächsten Tag sicher blau sein würden.
Als er an das Fenster trat, um zu verschwinden, erwachte Garrett wieder und er drehte sich noch einmal um.
»Danke für’s Tragen«, murmelte er und kuschelte sich in die Decke.
»Versprich mir was dafür.«
»Hm?«
»Bleib aus dem Wald weg, verstanden? Ich warne dich nur einmal. Das ist mein Revier und ich mag keine Eindringlinge.«
Garrett und der junge Mann sahen sich eine Weile nur an, doch schließlich nickte der Junge.
»Und ich weiß jetzt, wie ich dich nenne, wenn du mir deinen Namen nicht verraten willst. Du erinnerst mich an jemanden.«
»Ach ja?«
Garrett nickte und betrachtete das Gesicht des Mannes eine Sekunde lang, bis sich seine Mundwinkel etwas hoben.
»Ja. Du bist Dionysos«, nuschelte der Junge schon wieder hörbar, bevor ihm die Augen zufielen.
So bemerkte er nicht, wie das letzte bisschen Farbe aus dem Gesicht des jungen Mannes wich. Seit mehr als einem Jahrhundert hatte kein Sterblicher ihn mehr so genannt. Und nun war da ausgerechnet dieser Junge, der seinen Namen kannte? Wie konnte das sein?
Andererseits hatte er gesagt, er würde ihn nur an Dionysos erinnern. Dies musste bedeuten, dass er mindestens einmal etwas von ihm gelesen haben musste. Oder gar ein Portrait von ihm gesehen hatte...?
Sein Blick lag noch einen Moment auf dem schlafenden Jungen. Er konnte noch nicht einschätzen, was es bedeutete, dass dieser Junge ihn gesehen hatte.
Würde er seinen alten Prinzipien folgen, würde er ihn auf der Stelle töten. Doch er hatte der Gewalt vor Jahren abgeschworen. Er hatte genug Blut vergossen und das eines unschuldigen und neugierigen Kindes würde alles nur noch schlimmer machen. Er konnte den Jungen nicht für seine Vergangenheit bestrafen.
Trotzdem musste er dafür sorgen, dass Garrett aus dem Wald wegblieb. Tat er dies nicht, würde die Strafe folgen, ob es ihm gefiel oder nicht.
»Vergiss mich und meide den Wald. Wenn dir dein Leben lieb ist...«, flüsterte der junge Mann und entschwand aus dem Fenster in den Regen hinaus.
Der Wald schluckte die Gestalt, als hätte es sie nie gegeben.

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beta
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