Eine Hirschkuh

„Nehmen wir mal für einen Moment an, ich glaube Ihnen. Wie wollen Sie erklären, was Sie mir angetan haben?“

Hermine hatte es geschafft, sich zwischen den Armen von Snape herauszuwinden, und ihren Schreibtisch zwischen ihn und sich gebracht. Mit vor der Brust verschränkten Armen und der Absicht, kein Wort von dem zu glauben, was er ihr erzählen würde, schaute sie den Mann vor sich an. Dieser wiederum blickte für einen Moment länger auf den Schreibtisch hinab, ehe er sich davon abstieß und einige Schritte weg trat.

„Wenn Sie nicht gewillt sind, mir zu glauben, wird auch diese Fragerei nichts bringen“, erwiderte er mit ruhiger, aber herablassender Stimme. Die Arroganz, die dieser Mann ihr entgegen bracht, ärgerte Hermine maßlos. Sie wusste nicht, was er mit diesem Manöver bezwecken wollte, denn dass sie ihm glauben würde, war ausgeschlossen, das musste ihm bewusst sein. Und überhaupt – wieso verschwendete er so viel Zeit und Mühe auf eine einfache Sklavin? Handelte er im Auftrag Voldemorts und hoffte, er könne von ihr irgendwelche wertvollen Informationen erhalten? Aber was sollte das sein? Harry war tot, Voldemort hatte gesiegt, er besaß die vollkommene Macht über die britische Zaubererwelt und strickte offensichtlich gerade an einem Netzwerk in Russland, um seinen Einfluss auch auf das Festland auszubreiten. Oder waren Snapes Gründe einfacher? Hatte er vielleicht so viel Spaß an der Nacht mit ihr gehabt, dass er hoffte, sie noch einmal in sein Bett zu kriegen – nur diesmal willig? Auch dieser Gedanke erschien Hermine so abwegig, dass sie sich sicher war, dass das nicht seine Absicht war. Was also sollte dieses Spiel?

„Andersherum wird ein Schuh draus“, gab sie schließlich genervt zurück: „Entweder, Sie beantworten mir einige Fragen zu meiner Zufriedenheit, oder Sie können diese ganze Sache gleich vergessen.“

„Sie vergessen Ihre Position, Miss Granger!“

„Nein, ganz im Gegenteil!“, meinte Hermine kalt, „Ich bin mir meiner Position nur zu bewusst. Sie erinnern mich ja ständig daran. Alleine Ihr Anblick reicht aus, um mir vor Augen zu führen, was genau meine Position bedeutet. Aber gerade darum müssen Sie sich sehr anstrengen, um mir glaubhaft zu machen, dass Sie aufrichtig sind. Welches Interesse sollten Sie daran haben, das Vertrauen einer einfachen Sklavin wie mir zu gewinnen? Wenn Sie irgendetwas von mir wollen, können Sie es sich einfach nehmen – das hat Sie in der Vergangenheit schließlich auch nicht abgeschreckt.“

„Es ist bemerkenswert, wie sehr Sie und Ihre Freunde darauf beharren, einen Menschen auf eine einzige seiner Handlungen zu reduzieren und damit über ihn zu urteilen.“

„EINE seiner Handlungen?“, warf Hermine Snape wütend an den Kopf: „Ich könnte dutzende aufzählen, die mein Misstrauen rechtfertigen! Was ist mit dem Mord an Dumbledore? Was ist mit den Informationen über den Elderstab, die Sie an Voldemort weiter gegeben haben? Was ist mit all Ihren abscheulichen Änderungen in Hogwarts, kaum dass Sie Schulleiter wurden?“

„Ja, das passt alles sehr hübsch zusammen, was?“, kam es gepresst von Snape, „Es ist sehr leicht, all die anderen Dinge auszublenden und nicht weiter als die eigene Nasenlänge zu denken. Sehr bequem.“

„Das schon wieder! Wenn Sie der Meinung sind, dass ich kurzsichtig und dumm bin, dann bitte – erhellen Sie meinen Verstand!“

„Ich schätze es nicht, meinen Schülern alles vorzukauen. Ich bevorzuge es, wenn sie von selbst auf die Lösungen kommen. Das sollten gerade Sie aus eigener Erfahrung wissen.“

Ungläubig und inzwischen richtig wütend stemmte Hermine ihre Fäuste in die Hüften: „Hören Sie auf mit ihrem lehrerhaften Benehmen. In der Schule mag der Ansatz ja funktionieren, aber hier nicht. Es ist mir unmöglich, ihre vergangenen Taten als etwas anderes zu betrachten als das, was sie waren: Grausam und böse. Sie haben Dumbledore und Harry auf dem Gewissen. Sie haben mich … Sie wissen schon. Da reicht ein Satz wie „Nicht alles ist, wie es scheint“ nicht aus, um von alleine darauf zu kommen, wie Sie das Ganze betrachten. Also, noch einmal: Erhellen Sie mich!“

Schwer atmend und mit geröteten Wangen schaute Hermine zu dem dunkel gekleideten Mann hinüber. Er erwiderte ihren Blick nicht, stattdessen schien er in weite Ferne zu starren und mit seinen Gedanken an einem anderen Ort zu sein. Schweigen breitete sich aus, während Hermine darauf wartete, dass er irgendetwas sagen würde. Gerade, als sie die Hoffnung aufgeben wollte und ihre Arme wieder sinken ließ, regte Snape sich.

„Schön. Unter der Voraussetzung, dass Sie kein Wort über das, was ich Ihnen gleich zeige, verlieren werden, gebe ich Ihnen noch einen zweiten Denkanstoß. Der Rest ist dann aber wirklich an Ihnen.“

Mit diesen Worten zückte Snape seinen Zauberstab und deutete in die Luft neben sich. Hermine meinte, ihn die Worte „Expecto Patronum“ formulieren zu sehen, da brach auch schon weißer Rauch aus seiner Spitze, der sich rasch zu einem gestaltlichen Patronus formte. Verwirrt, was ihr der Anblick seines Patronuses bringen sollte, öffnete Hermine den Mund. Und schloss ihn wieder. Sie erkannte die Gestalt.

Und sie erinnerte sich, wo Harry diesen Patronus schon einmal gesehen hatte.

oOoOoOo

 

Mit unbewegter Miene ließ Malfoy von Ginny ab, zog seinen Zauberstab und öffnete die Tür für seinen Sohn. Kaum dass er sie losgelassen hatte, setzte Ginny sich auf, richtete ihr Kleid und schaute hoffnungsvoll zu Draco hinüber.

„Hattest du ernsthaft vor, dich an Snapes Sklavin zu vergehen?“, fragte dieser mit hochgezogener Augenbraue.

„Nach allem, was du immer über sie erzählt hast, während ihr noch gemeinsam in Hogwarts wart, war meine Neugier geweckt. Willst du jetzt etwa deinen eigenen Vater belehren?“, kam die kaltschnäuzige Antwort.

„Tu, was du willst. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass Snape sehr erfreut darüber wäre. Oder Mutter“, erwiderte Draco ungerührt, beide Hände in seinen Hosentaschen vergraben. Es fiel Ginny schwer, in ihm den Jungen zu sehen, den Hermine ihr geschildert hatte. Seine Kälte und Gleichgültigkeit erweckten nicht den Eindruck, als ob er die Handlung seines Vaters wirklich missbilligte.

„Narzissa ist aber nicht hier. Und ich bin immer noch der Herr hier im Haus, ich kann tun und lassen, was mir beliebt.“

„Ja, selbstverständlich. Warum sollte auch die Anwesenheit von Snape als Spion für Bella und Mutter irgendetwas an deinem Verhalten ändern?“

Jetzt regte sich wohl doch irgendetwas in Lucius Malfoy, denn er drehte sich zu Ginny um und fragte: „Wirst du Severus hiervon erzählen?“

„Sie können mich kaum davon abhalten!“, fauchte Ginny wütend. Die Art, wie die beiden über sie redeten, als wäre sie gar nicht anwesend, frustrierte sie. Umso erleichterter war sie, als sie im Türrahmen plötzlich Snape entdeckte.

„Wovon willst du meine Sklavin abhalten, Lucius?“

Überrascht registrierte Ginny, dass Malfoy nicht im Geringsten ertappt dreinschaute, ehe er sich zu seinem Gast umdrehte, sondern vielmehr – zufrieden?

„Von gar nichts, mein Lieber, im Gegenteil. Sie darf dir gerne alles erzählen, was ich böser Onkel Furchtbares getan habe.“

Die Arroganz in seiner Stimme ließ Ginnys Wut erneut hochflackern. Sie konnte nicht glauben, dass er erst versuchte, sie zu Sex zu zwingen, und es nun so locker abtat. War es für diese Männer wirklich so selbstverständlich, dass Sklavinnen jederzeit die Beine breit machten? Ihr Blick fiel auf Hermine, die offenbar schon die ganze Zeit hinter Snape gestanden hatte, und nun mit einem ebenfalls zornigen Gesichtsausdruck hervortrat.

„Was habt Ihr getan?“, forderte sie zu wissen.

„Herrje“, kam es amüsiert von Malfoy, „man könnte meinen, es sei plötzlich ein Verbrechen, eine Sklavin für das zu nutzen, wofür sie vorgesehen ist.“

„Ihr habt … Ginny?“, war alles, was Hermine darauf erwidern konnte, ehe die schwere Hand von Snape auf ihrer Schulter sie unterbrach.

„Hatte ich dir nicht vorhin ausdrücklich verboten, Miss Weasley anzufassen?“

„Tut mir leid“, erwiderte Malfoy mit ausgebreiteten Händen und einem Schultern Zucken, das keinerlei Reue ausdrückte, „ich konnte nicht widerstehen. Aber mein eigener Sohn kam leider dazwischen, ehe ich auch nur irgendetwas tun konnte.“

Ginny konnte sehen, dass sich bei diesen Worten Erleichterung auf Hermines Gesicht abzeichnete, trotzdem verspürte sie das Verlangen, mit ihr alleine zu sein, ihre freundliche Umarmung zu spüren und mit ihr über Lucius Malfoy zu reden. Der Mann, den sie gerade kennen gelernt hatte, machte nicht den Eindruck, als würde er die Finger von Hermine lassen. Entsprechend konnte sie noch immer nicht verstehen, wieso Hermine ihr nicht erzählt hatte, was er mit ihr angestellt hatte.

Während Ginny ihren Gedanken nachhing, breitete sich Schweigen im Raum aus. Draco hatte sich auf das Sofa neben sie gesetzt, während Snape den Sessel, auf dem er bereits bei seiner Begrüßung Platz genommen hatte, wieder für sich in Anspruch nahm. Hermine hingegen ließ sich mit einer für Ginny unfassbaren Selbstverständlichkeit auf einem zweiten Sofa neben Lucius Malfoy nieder. Das Schweigen dauerte noch immer an, doch so unangenehm dies Ginny auch war, sie wusste, dass es nicht an ihr war, es zu brechen. Sie wurde den Eindruck nicht los, dass sich plötzlich ein beinahe unlösbares Beziehungsgeflecht zwischen allen Anwesenden auftat, das sich aber hauptsächlich auf Hermine und die beiden älteren Männer konzentrierte. Ihr entging nicht, dass Snape ihre beste Freundin beinahe unentwegt musterte, ebenso wenig wie unbemerkt blieb, dass Hermine mit gesenktem Kopf offenbar intensiv über irgendetwas nachdachte. Und der misstrauische Blick, der nun von Lucius Malfoy aus ging, machte das Drama perfekt. Irgendetwas musste vorgefallen sein, nachdem sie ihre Freundin mit Snape alleine in der Bibliothek gelassen hatte, und nachdem seine Annäherungsversuche ihr gegenüber vom Tisch waren, schien das auch Lucius Malfoy aufgegangen zu sein. Doch keiner schien irgendetwas sagen zu wollen.

„Ich werde mich dann für den heutigen Tag zurückziehen“, durchbrach schließlich Snape die Stille, „und nachdem du dich so frei an meinem Eigentum vergriffen hast, fände ich es nur gerecht, wenn du mir heute Nacht Granger zur Verfügung stellen könntest.“

Entsetzt schlug Ginny ihre Hände vor den Mund, doch noch ehe der Hausherr reagieren konnte, schaltete Draco sich ein: „Ich wollte sie heute mit nehmen.“

„Oh, wie bedauerlich“, erwiderte Snape ungerührt, „aber Sie können sie jede Nacht haben. Da werden Sie doch eine Nacht verzichten können?“

Ginny konnte sehen, wie Draco seine Hände zu Fäusten ballte, doch er blieb stumm und nickte nur. Der entschuldigende Blick, den er Richtung Hermine schoss, brachte sie auf den Gedanken, dass die zwei eventuell vor ihrer Ankunft etwas ausgemacht haben könnten, dass er nun nicht einhielt. Wollte Draco Malfoy etwa tatsächlich Hermine Granger beschützen?

„Natürlich, nur zu, Severus!“, kam da von Lucius das Einverständnis. Verkrampft beobachtete Ginny, wie ihr Herr sich mit ihrer besten Freundin aus dem Raum verabschiedete. Sie wirkte deutlich gefasster als erwartet, doch augenblicklich wurde Ginny sich ihrer eigenen Lage bewusst – wenn sie nicht die Nacht bei Snape verbringen würde, wer garantierte ihr dann, dass nicht Lucius Malfoy sie zu sich rief? So unauffällig wie möglich stupste sie mit ihrem Finger gegen den Oberschenkel von Draco. Auf seinen verwunderten Blick hin schaute sie bedeutungsvoll auf seinen Vater, um anschließend Draco hoffnungsvoll anzusehen. Dieser wandte seine Augen ohne eine weitere Reaktion wieder von ihr ab, so dass Ginny zum wiederholten Male verunsichert zurückblieb und sich wunderte, ob Draco Malfoy wirklich auf ihrer Seite stand.

oOoOoOo

 

„Haben Sie über das, was ich Ihnen gezeigt habe, nachgedacht?“

„Ja“, antwortete Hermine knapp. Abgesehen von dem kurzen Zwischenfall mit Lucius Malfoy waren ihre Gedanken in der letzten halben Stunde um nichts anderes gekreist als um den hirschkuhförmigen Patronus von Snape. Sie hatte sich immer gefragt, wessen Patronus Harry zu dem Schwert geführt hatte, doch da sie nie eine Antwort hatte finden können, hatte sie die Frage schließlich vergessen. Jetzt an dieser Stelle von einer unerwarteten Person die Antwort zu erhalten, bereitete ihr Kopfzerbrechen. Die Tatsache, dass Snape ihnen ein Werkzeug zur Zerstörung von Horcruxen in die Hand gespielt hatte, passte nicht zu all den anderen Dingen, die er getan hatte. Sie spürte Zweifel in sich aufkommen und wusste, dass genau das seine Absicht gewesen war. Noch immer verspürte sie keine Veranlassung, ihm zu glauben oder gar zu vertrauen, doch für den Moment wollte sie ihm zumindest zugestehen, über das neue Stück Information angemessen nachzudenken.

Als sie jedoch nach Snape das für ihn hergerichtete Gästezimmer betrat, wich jeder Gedanke an Horcruxe aus ihrem Kopf – sie hatte nur Augen für das große Himmelbett, den brennenden Kamin, den sehr schlichten Schreibtisch mit Stuhl, den Schrank – und vor allem die Abwesenheit eines zweiten Bettes oder eines Sofas, das ihr ermöglicht hätte, die Nacht ohne körperliche Nähe zu verbringen. Mit neu aufflammender Angst blickte sie zu Snape auf, doch sie konnte an seiner üblichen, starren Miene nicht ablesen, was er dachte. Ohne sich vom Fleck zu rühren beobachtete sie, wie er in den Raum hinein schritt und begann, sich ungeniert vor ihr zu entkleiden. Erst, als er seine Schuhe fein säuberlich vor dem Bett abstellte, schien ihm aufzugehen, dass sie sich noch immer nicht gerührt hatte.

„Wenn Sie nicht die ganze Nacht dort im Türrahmen verbringen wollen, schlage ich vor, Sie kommen jetzt rein und legen sich schlafen.“

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