Eine Kette

eine Kette; sieben Monate später

Heiß brannte die Sonne vom Himmel, tauchte alles in ein helles Licht. Unentschlossen drehte Andreas die kleine Katzenfigur zwischen den Fingern. Das Tier saß aufrecht, wenn man genau hinsah, konnte man einen kurzen Schwanz und die Andeutung von Pinseln auf den Ohren erkennen. Andreas Finger glitten über Kerben, die viele Jahrhunderte hinterlassen hatten.

Andreas erinnerte sich genau an den trüben Herbsttag vor acht Jahren. Die Koffer seines Vaters hatten ungeöffnet auf dem Flur gestanden, seine Jacke lag quer darüber. Nur eine Tasche war offen und in der kramte sein Vater gerade. Er förderte ein kleines schlichtes Holzkästchen zu Tage, das er seinem Sohn überreichte. Die Augen des Achtjährigen funkelten aufgeregt, als er den Deckel des Kästchens abhob. Der Inhalt war sorgfältig in Noppenfolie eingewickelt. Mit der ganzen Begeisterung seiner stolzen acht Jahre, entrollte er die Figur. „Das ist ja eine Katze“, sagte der Junge mit einem strahlen im Gesicht. „Das ist ein Luchs“, erklärte sein Vater. Alles was sein Vater sonst noch sagte, hatte er vergessen.

Andreas ließ sich nach hinten fallen und sah auf dem Rücken liegend in den Himmel. Über den nur wenige kleine Wolken zogen, keine Kondensstreifen waren zu sehen, woher auch, schon vor Monaten war der Flugverkehr eingestellt worden.

Bevor sein Vater krank geworden war. Zu dem Zeitpunkt hatte auch die Schule vor Leben gewimmelt, sie hatten ganz normalen Unterricht gehabt. Was nutzte ihm sein Wissen über andere Länder aus dem Erdkundeunterricht? Damals hatten alle versucht so zu tun, als würde alles wieder gut werden. Nichts war wieder gut geworden. Immer mehr Erwachsene waren gestorben. Als sein Vater starb, war ihm, als fiele er in ein tiefes dunkles Loch. Jetzt war er ganz alleine. Zum Glück hatte der Schulleiter erlaubt, dass er in der Schule blieb. Überhaupt waren die Lehrer immer für ihn, da gewesen. Sie halfen ihm zusammen mit seinen Freunden durch diese dunkle Zeit. Zurück nach Deutschland hatten sie ihn nicht mehr schicken können und sonst gab es keinen Platz, wo er hin gekonnt hätte. Auch als die Schule dann geschlossen wurde, hatten er und die anderen Kinder, die niemanden mehr hatten, in der Schule bleiben dürfen.
Irgendwann war der Tag dagewesen, an dem ihm bewusst geworden war, dass er schon eine Weile keine Erwachsenen mehr gesehen hatte. Nach und nach hatten sich die anderen überlebenden neue Bleiben gesucht. Manche, weil es nicht cool war in einer Schule zu wohnen, weil sie sich anderen Gruppen anschließen wollten, oder einfach nur, weil sie ihr Elternhaus wiedersehen wollten.
Beth und Josef blieben als einzige. Sie waren bei seiner ersten Verwandlung dabei gewesen und hatten danach nicht schnell genug wegkommen können.

Er seufzte und stemmte sich nach oben. Die Kieselsteinchen knirschten unter seinen Händen. Nachdenklich ließ Andreas den Blick über die Landschaft schweifen. Die Sonne stand jetzt tief am Himmel. Ihr Licht spielte über das Gras. Die Bäume warfen lange Schatten. Er warf sich ein paar Hände Flusswasser ins Gesicht, dann drehte er sich um und ging zurück zur Schule. Früher war die Wiese ein ordentlicher sauber gestutzter Rasen gewesen. Jetzt reichte ihm das Gras schon fast bis an die Oberschenkel. Er ließ die Finger durch die Grasrispen gleiten. Vielleicht wurde es Zeit sich woanders eine Bleibe zu suchen? Doch wo sollte er hin? In der Schule hatte er noch am längsten gewohnt. Außerdem, wer würde ihn schon aufnehmen? Einen Jungen, der sich einmal im Monat verwandelte, wenn sogar Beth und Josef sich von ihm abwandten.

Die Fassade der Schule war mit Graffiti übersät. Papier sammelte sich in ecken. Trümmer von Steintischen lagen auf dem Gelände. Aus jeder kleinen Ritze begannen Pflanzen zu wachsen. Mehrere Fenster waren eingeschlagen. Ein trostloses Bild. Andreas seufzte und sah noch einmal zum Himmel. Bald würde die Sonne untergehen und heute war Vollmond. Seine abendlichen Schießübungen mit der Armbrust mussten heute warten. Automatisch griff er an die Kette mit der Katzenfigur und dachte er an die bevorstehende Verwandlung. Unwillkürlich wurde er unruhig, eine freudige Erregung erfasste ihn. Er konnte nicht anders und rannte in die ehemalige Schulküche. Tiefe Kerben zeichneten den nicht funktionierenden Kühlschrank, die Tür des Konvektomaten war aus den Angeln gerissen. Das dünne Metall der Geschirrschränke war von denselben scharfen Krallen aufgeschlitzt. Mit Grauen erinnerte er sich an die Panik, die ihn bei der ersten Verwandlung überkommen hatte. Als es dann auch noch in der Küche passierte und er dort festsaß, rastete er förmlich aus.
Doch jetzt wollte er erst etwas essen, viel Zeit hatte er nicht mehr, bis die Sonne untergegangen sein würde. Entschlossen schüttelte er den Kopf, um die ablenkenden Gedanken zu vertreiben und warf einen Blick in seinen Vorratsschrank. Viel fand sich allerdings nicht darin. Etwas Mehl, Nudeln, ein paar Konservendosen, die er nicht kalt essen wollte. Ganz versteckt fand er noch ein Glas Bohnensalat. Angewidert verzog Andreas das Gesicht. Bohnensalat war jetzt wirklich widerlich. Für etwas anderes fehlte ihm aber die Zeit. Warum nur konnte der Kater in ihm nicht auf Obst stehen, dachte er seufzend. Es war einfach schrecklich, da verwandelte er sich in ein Tier mit hervorragenden Sinnen und wenn seine Katzeninstinkte siegten, jagte er Ratten. Schon bei dem Gedanken daran wurde ihm schlecht. Ärgerlich vertrieb er die Gedanken und würgte den Bohnensalat hinunter.

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