Eine Studie in Khaki - Kapitel 2 - Aus dem Abend eines Hausbesitzers

Aus dem Abend eines Hausbesitzers

Er hatte sich durch den unerwarteten Museumsbesuch beeilen müssen, jedoch erreichte er den Treffpunkt noch neun Minuten vor der abgemachten Zeit.

Sie würde sicher bald am Treffpunkt erscheinen.

Der junge Mann setzte sich auf eine Bank und streckte seine Beine der Länge nach aus. Dabei vergrub er seine Hände in den Taschen seiner Jacke. Der Frost war deutlich zu spüren und die dunklen Wolken, welche die Stadt ergriffen hatten, kündigten baldigen Schneefall an. Die ersten Flöckchen fielen bereits. Sie sammelten sich auf seiner Kleidung. Die Zeit verrann und die Schneeflocken fielen nun in größeren Maßen. Es schneite.

Sie wollten sich um 20 Uhr am Bahnhof treffen, doch Sie war noch immer nicht da. Jetzt war er endlich wieder hier und sie verspätete sich, ärgerlich.

Die Domuhr schlug die zehnte Abendstunde an und durchbrach für einen Moment die Stille. Die Kälte und das Schneetreiben hatten die Leute, die sonst den Platz zierten, in die Häuser vertrieben. Durchfroren wartete er noch immer. Erneut wurde die Stille, diesmal von Schritten, zerrissen. Sie näherten sich, immer schneller, aber die Dunkelheit hüllte ihre Quelle unsichtbar ein.

Er wusste bereits wer diese Person war, ehe sie aus dem Schleier der Nacht in sein Blickfeld trat. Sie war es. Endlich! Die Warterei hatte sich gelohnt.

Sie ging auf den Wartenden zu, er schaute in ihr rotes Gesicht.
"Oh, mein Gott! Auf dir liegt ja mehr Schnee als auf dem Mount Everest!", rief sie entsetzt aus.
Er konnte ihr jedoch nicht böse sein und grinste schelmisch. "Du brauchst mich nicht anbeten, nur weil ich aussehe wie ein Schneemann."
Ihr Blick fiel auf die Bahnhofsuhr. Sie erschrak.
"Zwei Stunden! Ich fass es nicht, ich bin volle zwei Stunden zu spät!"
Verzweifelt suchte sie in Ihren Gedanken nach Worten.
"Stephen ..."
Er grinste noch mehr. "Danke. Wie ich heiße, weiß ich bereits."
Sie zog die Stirn in Falten und dachte kurz nach. "Weißt du denn meinen Namen auch noch?"
"Na klar, Laura."
"Aber ich heiße doch gar nicht ..."
"Nein warte, war es nicht Niko?"
"Ist das nicht ein Jungenname?"
Er spürte ihre Unruhe wie eine Berührung auf seiner Haut. Doch ignorierte er dieses Gefühl. Lässig stand er auf und schlenderte ein paar Schritte an ihr vorbei. Sie blickte ihm mit ungewisser Miene hinterher. Mit einem Schulterblick musterte er ihr sorgenvolles Gesicht. Dieser Ausdruck war für ihn wie ein Zeichen, ein Zeichen das er nicht ignorieren konnte und wollte.
"Tea. Ich werde nie etwas vergessen, was mit dir zusammenhängt, schon gar nicht deinen Namen."
Sie seufzte tief, gesellte sich zu ihm und schlug ihm sanft, mit der Handinnenseite, neckisch auf den Nacken.
"Glaubst du wirklich ich hätte das gedacht?"
"Nebensächlich. Im Übrigen, findest du deine Kleidung nicht etwas gewagt?"
"Wieso? Das ist doch was ganz schlichtes."
"Es geht nicht um das Aussehen, sondern um die Funktion, viel zu dünn, für diese Minusgrade. Hier nimm."
Er reichte ihr, seine Jacke, die für die kalten Temperaturen besser geeignet war.
"Danke, aber die kann ich nicht annehmen, dann frierst du ja." "Demnach frierst du gerade, nimm bitte, du wirst viel zu leicht krank."
Während ihres Gangs zum Restaurant berichtete Tea von ihren Erlebnissen in Stephens Abwesenheit. Sie waren wenig spektakulär, doch er interessierte sich für jede Kleinigkeit ihres alltäglichen Lebens.
Der Schneefall nahm zu und beide freuten sich, dass sie nun endlich das warme Restaurant betreten konnten.
Sie nahmen an ihrem ganzabendlich reservierten Tisch Platz, welcher nahe der großen Scheibe lag, aus der sie das Schneetreiben gut beobachten konnten. Tea blickte gebannt nach draußen um das Ballett der Schneeflocken zu bewundern. Stephen hingegen musterte sie genauer. Tea aus ihren Gedanken reisend, setzte er an: "Du hast dich mal wieder mit Pia verplaudert."
Tea wirbelte aufgrund dieser Feststellung auf ihrem Sitz in Richtung Stephen. Er hatte recht, sie hatte ihrer Freundin einen Besuch abgestattet und völlig die Zeit vergessen. In ihrem Gesicht stieg allmählich eine Röte auf.
"Woher weißt du das?" fragte sie gepresst.
"Ich liege also richtig." Stephen betrachtete sein Glas und schwenkte dessen Inhalt ein wenig umher.
Tea wurde durch Pias schlechten Einfluss noch immer zu Verspätungen gebracht. Es hatte sich nichts geändert.
Dieser Gedanke erfreute Stephens Herz, denn es war schön, dass trotz seiner monatelangen Abwesenheit, sie sich wenigstens kein bisschen geändert hatte.
"Also, ich höre?" hakte Tea mit einem gewissen Ernst in der Stimme nach.
"Du wirst wohl kaum bei Pia Zuhause gewesen sein und über Kameras meine Aktivitäten überprüft haben?"
Tea fürchtete fast schon eine Zustimmung, seitens Stephens, doch sie wollte zu Ende sprechen, ehe er die Möglichkeit hatte zu antworten.
"Und es gibt ja viele Möglichkeiten, wie ich zu spät hätte kommen können."
"Sicher, aber nur eine, die bei Prüfung aller Fakten, möglich gewesen wäre. Hättest du dich aus irgendeinem Grund verspätet, indem du die Möglichkeit zum telefonieren oder simsen gehabt hättest, hättest du mich kontaktiert. Das ist aber nicht passiert. Was schließen wir daraus?"
"Das ich das nicht tun konnte."
"Für diesen Umstand gibt es natürlich mehrere Erklärungen, da du dich aber innerhalb von zwei Stunden nicht gemeldet hast, musste eine Tätigkeit deine komplette Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Die Tatsache, dass du gesund und munter vor mir sitzt, gibt Anlass einige Fälle krimineller und brutaler Szenarien sofort zu streichen, was doch recht erfreulich ist."
"Du immer mit deinen kriminellen Szenarien, du schaust zu viel Krimis."
"Glaubst du an eine Welt, deren Geschichten stets gut enden?"
"Nein natürlich nicht, aber man muss doch nicht gleich den Teufel an die Wand malen."
"Ein guter Detektiv denkt an alle Möglichkeiten und nicht nur an die, die ihm genehm sind." Stephen griff den Faden seiner Schlussfolgerung wieder auf:
"Doch warum weiß ich, dass du Pia besucht hast und deshalb zu spät kamst? Es ist simpel, der Wind trug es mir zu."
"Der Wind?" fragte Tea verwundert, "Du nimmst mich auf den Arm!"
"Nein ich nehme dich nicht auf den Arm, es ist offensichtlich, aber ich sollte es dir darlegen, wenn du es selbst nicht erkennst." Noch einmal legte er eine kleine Pause ein, ehe er seine Schlussfolgerung komplett preisgab: "Ich habe in deiner Nähe, vor allem an deinen Handgelenken, einen neuen Duft wahrgenommen. Ein französisches Parfüm, sehr teuer und um ehrlich zu sein, nicht das, was du sonst aufträgst. Da du nicht vom Bahnhof, sondern aus der Stadtmitte kamst, konnte ich annehmen, dass du von der Strecke Wiesbaden Stadtmitte bis Mainz Hauptbahnhof einen Zwischenstob eingelegt hast. Pia wohnt in Mainz-Oberstadt, aus dieser Richtung kamst du auch in Richtung Mainzer Hauptbahnhof. In Kombination mit dem Parfüm ist es hinreichend belegt. Und das man sich bei einem Kontakt von Pia Groß eine längere Verspätung einfangen kann, sollte dir, als ihre beste Freundin bewusst sein. Ich nehme an der Elternbesuch ist von kurzer Dauer und sie fährt morgen wieder nach Jena?"
Tea überhörte Stephens Seitenhieb, sie wollte sich den Abend nicht durch die übliche Stänkerei zwischen ihrer besten Freundin und Stephen kaputt machen lassen. Sie benickte Stephens Frage und nahm einen kräftigen Schluck ihres Rieslings. Mit dem Ende des Dialogs trat der Ober mit den Vorspeisen an ihren Tisch. Tea nutzte den Moment um Stephen dazu zu bewegen, etwas von seiner Reise zu berichten. Schließlich war er mehrere Monate lang weg gewesen und nun wollte sie auch erfahren, was er erlebt hatte.
Während des Essens berichtete er ihr von seinem Aufenthalt in Südafrika, dem ersten Stopp seiner dreiteiligen Reise. Dort machte er nicht nur Erfahrung mit dem Großwild der Savanne, sondern auch mit allerlei kleinen Tieren, darunter auch einer Schwarzen Mamba, die sich in seinem Zimmer neu einrichten wollte. Fasziniert sprach er auch von seinem Tauchgang mit Weißen Haien vor der Küste, nahe einer Robbenkolonie. Stephen unterhielt sie mit seinen interessanten Erlebnissen bis der Kellner die Rechnung brachte.
Der zweite Abschnitt der Reise, absolvierte sich im Land der aufgehenden Sonne: Japan. Stephen berichtete ihr auf dem Weg nach Kastel, wie er der Lichterflut Tokios entkam und die wilde Schönheit des Landes mit seinen Wanderschuhen erkundete. Teilweise fuhr er mit dem Shinkansen. Welche das Streckennetz der Hochgeschwindigkeitszüge, wie auch der Züge selbst, in einem Wort beschreibt. Zudem nutzte er auch einige Schiffe um am Ende Hokkaido zu erreichen. Denn dort wollte er den Diamantenzauber erleben. Dieser Zauber lässt sich als bunt gefärbte Lichtsäule beschreiben, welche vom Himmel zur Erde strebt. Ein Phänomen, dass eintritt, wenn Wasserdampf von eisiger Kälte gefroren wird und vom Licht der Sonne getroffen und damit das selbige gebrochen wird. Ein Phänomen, welches nur an sehr kalten Orten dieser Welt auftreten kann.
Auch die Mandschurenkraniche wollte er sichten, die er erst einen Tag vor seiner Rückreise, einer reinen Flugstrecke, erleben durfte. Doch der Anblick dieser stolzen Vögel in mitten einer vom Schnee weiß gefärbten Landschaft, war mehr als entlohnend.
Sie schlenderten noch die letzten Meter bis zu seiner Haustür.
"Stephen?" fragte Tea ihn stockend.
"Ja?" entgegnete er.
"Ich kann doch heute bei dir übernachten?"
"Klar." Plötzlich dämmerte Stephen, warum sie gestockt hatte. "Dein Vater ist mal wieder nicht informiert, oder?"
"Ich sag es ihm noch." Erwiderte sie verlegen.
"Du bist unverbesserlich, dass wird sein Bild von mir nicht verbessern." Tadelte Stephen.
"Welches Bild?" Wunderte sich Tea verdutzt.
"Nebensächlich." Entgegnete er, drehte den Schlüssel im Schloss um und ließ Tea zuerst durch die Haustür der Bäckerstrasse 21B treten. Sie war nun sechs Monate lang nicht hier gewesen, es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. In der Ankleide, eigentlich dem vergrößerten Ende des Hausflurs, entledigten sich beide ihrer Jacken. Stephen gab Tea die Weisung sich in die Wohnstube zurückzuziehen, während er noch in der Küche etwas vorbereiten wollte. Tea freute sich auf ein Wiedersehen mit den Räumlichkeiten und folgte dem Wunsch. Die Wohnstube war das wichtigste Zimmer im Haus. Zumindest hielt man sich hier am meisten auf. Der steinerne Kamin und die Bücherregale hatten diesem Raum auch den Spitznamen Bibliothek eingebracht. In der Tat fand sich hier eine Vielzahl von Büchern. Die Auswahl an Krimis und Sachliteratur war gewaltig, während die Sammlung anderer Genres eher mager ausfiel. Etwas Interessantes fand man eigentlich immer. Tea erkundigte sich, ob sie denn den Kamin anfeuern sollte. Stephen konnte sich einen Kommentar, sie könnte ihn auch anjubeln, nicht verkneifen. Was so viel heißen sollte, wie: Ich wollte ihn auch anfeuern, wenn du das machst, kommt es mir sehr gelegen.
Kaum hatte Tea den Kamin zum glühen gebracht und sich unter dem wohligen Knistern auf das behagliche Sofa gesetzt, betrat Stephen den Raum mit einem Tablett. Darauf befand sich Weihnachtsgebäck und zwei Tassen mit heißer Schokolade.
Ein Freudenstrahlen ging beim Anblick der Leckereien von Tea aus. Sie liebte heiße Schokolade und selbstgebackenes Weihnachtsgebäck. Zwar konnte sie sich schon denken, dass es die Nachbarin von Stephen, aus der 21A war, die das Gebäck gebacken hatte, denn Stephen machte selten eine Dose voller Kunstwerke, auch wenn er dazu in der Lage gewesen wäre. Das Knistern des Holzes im Kamin und der Geruch von Tannenharz, vom nahegelegen Adventskranz, und heißer Schokolade erfüllten den Raum.
Er schickte sich nun an, ihr den Rest seiner Reise zu erzählen, ein letztes Ziel war noch übrig geblieben, bei diesem hatte er die letzen zwei Monate verbracht. Die Fidschis waren an Kultur vielleicht nicht so reich wie Japan oder so besetzt mit großen Arten wie Südafrika, aber sie hatten ihren ganz eigenen Charme. Zwischen Regenwald und Meer, zwischen Leguanen und Haien hatte Stephen gearbeitet und gelebt. Es war herrlich gewesen, viele wunderbare Erinnerungen und Erlebnisse sprudelten aus dem sonst so ruhigen Zeitgenossen. Was wohl mehr an seiner Zuhörerin und weniger an den Erinnerungen selbst lag, sie machte ihn immer redseliger.

*

Tea bettete sich langsam in wohligem Schlummer, das Zimmer und die Atmosphäre waren genau richtig zum Schlafen: Duft, Geräuschkulisse (Kamin prasseln und ein Hörspiel à la Stephen), Temperatur und Gemütlichkeit des Sofas. So sank sie in den Schlaf, Stephen störte es nicht. Denn er hatte sie damit endlich in den Schlaf gewiegt und konnte somit selbst in sein eigenes Traumland entschwinden.

Kommentare

  • Author Portrait

    wann gibts denn mehr hiervon? <3

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media