Eine Studie in Khaki - Kapitel 3 - Die Kunst der Deduktion

Die Kunst der Deduktion

Auf eine besonders kalte Dezembernacht, folgte ein nicht minder kalter Morgen. Selbst das Innere der Bäckerstraße 21B vermittelte eine schleichende Kälte. Der Kamin war bereits vor Stunden erloschen. Die Vorhänge waren halb geschlossen und man konnte den schneebedeckten Rasen der Nachbarin gut sehen. Fast war es ein Leuchten, welches von der Schneefläche durch den Vorhangspalt in das Zimmer stach, untermalt von dem Gezwitscher einiger Vögel. Tea lag, tief in ihre Decke eingegraben und den Kopf sanft auf einem Kissen gebettet, im Wohnzimmer. Langsam regten sich ihre Lider, ein herzhaftes Gähnen ging von ihr aus. Die Augen noch glasig, vom langen und erholsamen Schlaf ganz benommen, begann sie mit offenen Augen zu träumen. Plötzlich riss Stephens Stimme, sie aus ihrem Tagtraum.
"Vollkommen sinnlos, es bringt hier mehr leid, als Nutzen"
"Ja, Sinnlos, das hilft nur jetzt etwas", stimmte sie mit einem weiteren gähnen zu. Doch ihre Müdigkeit wich schlagartig, soeben hatte Stephen ihre innersten Gedanken beantwortet. Ruckartig richtete sie sich auf und blickte zu ihm, der hinter dem Sofa im Türrahmen stand. Wenn es je einen Moment gegeben hatte, in dem sie ihn erstaunt angeblickt hatte, dann war es dieser.
"Wie konntest du mir antworten?" stammelte sie. "Das ist doch unmöglich."
Stephen bewegte sich zu seinem Sessel, den er noch am Vorabend geziert hatte:
"Genauso unmöglich, wie den Grund deiner Verspätung herauszufinden?"
"Ja." Tea stockte, denn Stephen hatte ihr bereits wieder Mal demonstriert, dass er das Außergewöhnliche vermochte. Warum dann auch nicht in ihre Gedanken soweit vorzudringen, dass er sie beantworten konnte?
"Du willst deine Aussage revidieren, nehme ich an?"
Sie nickte.
"Vor Gericht wäre es vielleicht schon zu spät, du hast Glück dich in den Mauern eines Wohnhauses aufzuhalten."
Stephen setzte sich mit einem Lächeln und musterte, die noch etwas verschlafene, Tea. Sie zog die Decke noch ein Mal an ihren Körper heran, kritisch beäugte sie den ausgeschlafen und scheinbar sehr amüsierten Stephen. So einfach ließ er sich die Deduktion nicht abringen, ein klein wenig Rache für die gestrige Verspätung hatte sie sich doch verdient.
"Gut, wie griff ich es an? Du bist wirklich überrascht gewesen, schließlich habe ich deinem innersten Gedankengang geantwortet, nicht wahr?"
"Du hast geraten, anders ist es nicht zu erklären."
"So? Nein ich habe es erschlossen."
"Unmöglich, ich habe dir keinen Anhaltspunkt gegeben."
Stephen schüttelte nur den Kopf: "Nicht doch, du hast mir eine Unmenge an Anhaltspunkten gegeben, es war doch alles sehr aufschlussreich, auch wenn ich nicht deine Augen sehen konnte, mit denen es leichter gewesen wäre."
"Der Traum einer jeden Frau, ein Mann der ihr alles von den Augen abliest, freut mich." war ihre frostige Antwort.
"Na, na, jetzt sei doch nicht beleidigt. Ich konnte es alles aus dem Türrahmen verfolgen, erinnerst du dich noch wie du anfingst mit deinem Tagtraum?"
"Nein."
"Ich war soeben in das Wohnzimmer geschlichen, als ich dein kräftiges Gähnen vernahm. Da du mich scheinbar nicht bemerkt hattest, nutzte ich die Gelegenheit im Stillen zu deduzieren. Du strecktest mit einem Arm die Decke über die Lehne, merktest rasch wie kalt es doch im Zimmer ist und grubst dich in der Folge in der von dir warmen Decke wieder ein. Es folgte eine Phase des Schweigens und der Apathie, ich nehme an, du hast den gestrigen Abend Revue passieren lassen. Irgendwann musste dein Gedankengang bei mir angelangt sein und du merktest, dass ich meinen Stuhl, den ich gestern zierte, vor den Kamin verschoben hatte. Dafür musstest du dich mit dem rechten Arm aufstützen, sonst wäre der Stuhl aus deiner Position schwer sichtbar gewesen. Die daraus folgende Absenkung der Sofalehne im Bereich deines Oberkörpers gab mir recht. Ich nehme an du dachtest darüber nach ob ich schon wach oder gar aus sei."
"Du bist meinen Gedanken ganz genau gefolgt."
"Bis dahin nicht schwer. Ich muss gestehen, dass ich in diesem Moment in Sorge war, du würdest nach mir rufen, dann wäre meine Schlussfolgerung schon frühzeitig beendet gewesen. Glücklicherweise hast du diesen Schritt nicht unternommen und mir die Möglichkeit gegeben weiter zu deduzieren. Die Lehne begab sich in ihre Ausgangsstellung, sodass ich annehmen konnte, dass sich dein Blickfeld nun verändert hatte. Bloß wo schautest du hin? Ein Laut des Unbehagens wies mir die Richtung. Das grelle, reflektierte Sonnenlicht stach dir in die Augen. Da du nichts sehen konntest, war dein Geist für andere Reize weitaus offener. Das Gezwitscher der sich draußen zankenden Kohlmeisen und Haussperlinge dürfte dich als Tierliebhaberin sofort ereilt haben. Und wenn du über die Vögel nachdenkst, so wirst auch über den Grund des Streits, dass Futter nachdenken. Welches von der Obermieterin unser Nachbarin jährlich in Massen hinab geworfen wird. Vielleicht dachtest du auch an die Vögel und andere Tiere, die durch das Futter die Gefahren der Nahen Straße übersahen. In diesem Moment stimmte ich dir zu und konnte mit Freude feststellen, dass meine Annahmen richtig waren."
"Wahnsinn, es erscheint noch mehr als Wunder, dass du alles gesehen und gehört hast und daraus noch die richtigen Schlüsse gezogen hast."
"Es war leicht, weil ich dich kenne, bei einer mir fremden Person, wäre das nur schwer möglich gewesen."
"Wenn du meinst." Tea begutachtete ihr zerknittertes weißes Kleid. So musste sie wohl zum Bahnhof oder gleich den ganzen Weg mit dem Bus fahren.
"Geh dich umziehen, ich mach Frühstück."
"Aber ich habe doch gar nichts zum Umziehen mit." stellte Tea fest.
"Ich war nachts noch bei deinem Vater und habe nach deiner Reisetasche gebeten, die die du immer für Notfälle gepackt hast. Die steht nun in deinem Zimmer." entgegnete Stephen.
Tea zog rasch die Luft ein, nicht weil Stephen ihre Notfall-Tasche geholt hatte, sondern weil sie völlig vergessen hatte ihren Vater zu informieren.

Na das konnte ja heiter werden.

*

Zur verabredeten Zeit kehrte ich an der mir empfohlenen Adresse ein. Das Dach des zweistöckigen Hauses war bedeckt mit unberührtem Schnee. Wie unter einer weißen Decke liegend, wirkte es ungemein gemütlich. Das Erdgeschoss eröffnete sich in einer kleinen Ankleide, welche in einen breiteren Flur mündete. Neben einem Bad und einer Küche lag hier auch der Lieblingsraum des Hausbesitzers, den er liebevoll "Bibliothek" nannte. Einem großen, luftigen Raum, erheiternd möblierte und von breiten Fenstern im Glanz des Schnees erleuchtet. Mir wurde erläutert, dass dies der Ort sei, wo in der Regel gegessen werde, es sei denn der Raum sei belegt, dass würde ich dann aber schon erfahren. Hier sollte ich mich auch an der großen Sparte der Bücher bedienen dürfen und auch sonst so lange in diesem Raum verbleiben, wie ich wollte.
Das Obergeschoss bestand aus fünf kleinen Schlafzimmern, wobei zwei Gästezimmer darstellten. Eins, wie mir schien, war bereits belegt, denn ich konnte beim hereinsehen eine Reisetasche ausmachen.
Wieder im Erdgeschoss angekommen, sollte ich in der Bibliothek verbleiben, während der Hausherr in der Küche verschwand. Der große Raum war zur einen Seite durch einen steinernen Kamin zur anderen durch eine Bücherregalwand geschmückt. Von diesen eingerahmt, nahm ich auf der im Zentrum liegenden Sitzecke Platz. Auf dem bequemen Sofa fühlte sich der Raum noch ein wenig gemütlicher an, als er einem im stehen erschien. Das Sofa selbst erlaubte mir den Blick in den kleinen Garten, der von Schnee bedeckt und einigen Spatzen bevölkert wurde.

Alles im Allem war dieses Haus perfekt. Es war besser als mein altes Domizil, unmöglich, dass es billiger sein würde. Ich würde mir eine andere Bleibe suchen müssen.
Betrübt träumte ich vor mich hin, als sich hinter mir die Tür öffnete. Anstatt aber, die Stimme, des Hausherren zu vernehmen, klang eine weibliche, sanfte und leicht irritierte Stimme an mein Ohr.
"Verzeihung, ich wusste nicht, das ein Klient zu Besuch ist."
Ich drehte mich um, damit ich sehen konnte, wem die wohlklingende Stimme gehörte.
Es war eine attraktive Frau meines Alters. Ihr braunes Haar um schmiegte ihre Schultern. Ihre zarte Haut war noch von der Kälte des Wintertages gerötet und ihre wohlgeformten Kussmundlippen formten eine Mimik des Erstaunens. Sie wollte schon auf dem Absatz kehrt machen, als ich ihr hastig Aufschluss über meine Anwesenheit gab.
"Wenn, dass so ist. Kann ich ja hier bleiben.", sagte sie beruhigt "Wenn es Sie nicht stört?"
"Keineswegs, es wäre mir eine Freude. Ich heiße Felix H. und Sie?
"Ich heiße Tea Fuchs, habe hier ab und an eines der Zimmer belegt."
Der Hausherr trat mit einem silbernen Tablett in den Raum. Für jede der anwesenden Personen hatte er eine Tasse mit heißer Schokolade angerichtet. Ein Ausruf des Erstaunens verriet, dass der Hausherr eigentlich nicht hätte wissen können, dass sie eingetroffen sei. Ein vielsagender Blick, bedeutete ihr das Gegenteil.
Bevor man sich meinem Anliegen zuwandte, sprachen sich die beiden kurz aus. Die junge Dame hatte ihren Vater aufgesucht, der wegen einer Übernachtung ihrerseits im Hause meines Gefährten, etwas aufgebracht gewesen schien. Scheinbar war dieser nicht gut auf den Hausbesitzer zu sprechen. Was diesen aber nicht verwunderte.
Darauf klärten wir die organisatorischen Begebenheiten und ich kam zu der Erkenntnis, wirklich einen Griff in den Topf vollsten Glückes erhalten zu haben, denn mein Budget wurde nur um die Hälfte der alten Bleibe angetastet und es galt mir mehr Fläche zur Nutzung.

*

Die folgenden zwei Tage war ich mit meinem Umzug aus meiner alten Bleibe in das neue Heim beschäftigt. Man hatte mir, gleich am Anfang, einen eigenen Schlüssel ausgehändigt und ich wurde bei meinem Treiben nicht behelligt. Während dieser Zeit bekam ich weder von meinem Hausgenossen noch seiner Teilzeit-Mitbewohnerin viel mit. Die einzige gemeinsame Absprache, die wir zu dieser Zeit trafen, war es das Siezen bleiben zu lassen und im "Du" zu uns zu sprechen. Eine angenehme Entwicklung, so fand ich, denn es macht gleich die Atmosphäre herzlicher und ungemein vertrauter. Eine Gelegenheit es zu nutzen, hatte ich wie gesagt nur selten. Meistens wenn ich an der braunen Holztür des Wohnzimmers vorbelief, hing ein weißes Schild mit der Aufschrift "Klient. Bitte nicht stören." an ihr. Somit wusste ich stets, ob ich denn, wenn die Zeit dazu bestünde, die Wohnstube betreten könnte.

*
Erst nach meinem Umzug und den Feiertagen, welche ich im Kreise der Familie verbrachte, konnte ich am Leben des Stephen Kiel und seines Hausstands teilhaben. Aufgefallen war mir in der kurzen Zeit, dass allerlei seltsame Gestalten in das Haus einkehrten. So waren es mindestens sechs Personen, denen ich allein im Hausflur begegnete und die mich entweder mit meinem Wohngenossen verwechselten oder fast erstarrten, weil ich ihnen unbekannt war. Es waren wirklich seltsame Gestalten. An eine Person konnte ich mich besonders erinnern, denn sie kam in meiner ersten Woche im Haus, häufiger zu Besuch. Ein Mann mit strengem Blick aus dunkelbraunen Augen und hellblondem Haar, welcher, und das musste man ihm lassen, modisch gekleidet war, wie kaum ein anderer. Noch machte ich mir keine Gedanken, wer diese Person sei, denn das rätselhafte an meinem Mitbewohner war für mich weitaus größer. Doch war er in seinem Buchressort so schweigsam, dass man meinte eine steinerne Statur säße im Raum, sodass ich nicht viel von ihm erfuhr. Drei Mal ging er in der ersten gemeinsamen Woche aus. Zwei Mal um mit seinem Jogger-Partner zu laufen und einmal, um in der Kasteler Stadtteil-Bibliothek auszuhelfen.
Ansonsten verbrachte er seine Zeit in der eigenen Bibliothek und las. Ich hingegen konnte nicht lesen, denn solange ich nicht wusste, wie er so viel über mich wissen konnte, konnte ich mich nicht auf nichts anderes konzentrieren.

*

"Gut Sie haben Fragen." Stephens Stimme riss mich aus meinem abendlichen Traum. Während Tea und Ich, wenn wir uns sahen, ausschließlich im per "Du" kommunizierten, neigte Stephen immer wieder in sein förmliches "Sie" zu wechseln.
"Sie haben Recht. Woher wussten Sie so viel über mich?" Ich war so perplex von der korrekten Antwort auf meine Gedanken, dass ich ihm so förmlich antwortete, wie er mich angesprochen hatte. Sich rückbesinnend auf das "Du" erwiderte er:
"Du wirst überrascht sein, wie einfach es war, dass alles herauszufinden." Erwiderte er, nach einer kleinen Pause führte er seine Erklärung aus:
"Zwei Heeren traten in den Ausstellungsraum ein, der eine mir bekannt, der andere galt besonders geprüft zu werden. Da, wie ich bereits erläutert habe, mir klar war, dass er meine freien Zimmer bemieten wollte.
">Sieht fast genauso aus, wie beim Schulausflug.<" in Jan Müllers Erwiderung " ">Im Mainzer Nest verändert sich auch in 12 Jahren nichts.<" ergibt, dass die beiden Personen sich vor zwölf Jahren bei einem Schulausflug hier aufhielten. Wenn Jan meint hier habe sich angeblich nichts verändert und von Mainz spricht, ist anzunehmen, dass du seitdem Mainz nicht mehr gesehen hast, also lange nicht in Mainz gewesen. Anhand der Jahre und des Alters von Jan: Grundschulfreunde. Die Geldprobleme liegen auf der Hand, Du suchst für eine Wohnung einen Fremden auf, ohne die Räumlichkeiten zu kennen, Verzweiflung könnte man das nennen. Daraus ergibt sich zwangsläufig ein Geldmangel. Den Medizinstudent und die Universitätszugehörigkeit lass ich von deinem Uni-Terminkalender ab. Er trägt das aktuelle Semesterjahr und verweist auf die Uniklinik, welche mit der Gutenberg-Universität kooperiert." Er hielt kurz inne um sich die fehlenden Punkte seiner vergangenen Deduktion wieder vor Augen zu führen:
"Und nun zu deiner Familie: Dein Handy, es ist ein teureres und neues Model, du hast Geldprobleme, woher hast du es? Die Gravur auf der Rückseite verrät uns, dass es einen Vorbesitzer gab, denn der Name Felix lässt sich dort nicht finden. Aber der Nachname, spricht für ein, Familien internes, Geschenk. Der Preis und die gravierten Ringe des Telefons sprechen für Ehefrau. Das eingravierte Datum, ist vor deiner Zeit, aber noch nicht zu lange her, also vorherige Generation: Eltern. Es ist ein neues Modell und schon verschenkt er es weiter, dass riecht nach Eheproblemen. Aus Sentimentalität hätte er es behalten, wenn sie ihn verlassen hätte, aber er verschenkt es, also hat er sie verlassen. Warum wird klar wenn man die kleinen Kratzer, welche sich um der Ladebuchse herum befinden, genauer betrachtet. Das ist typisch für Menschen mit stark zitternden Händen, der Alkoholmissbrauch drängte sich da förmlich auf. Noch Fragen?"
"Ja, woher wusstest du, dass ich keine Katzenallergie habe?"
"Ich hatte kurz vor meinem Museumsbesuch bei einer Rentnerin und Katzenliebhaberin vorbeigeschaut, die Katzen hatten mich etwas sehr gern. Und so war ich wohl an vielen Stellen meiner Kleidung mehr Katze, als Mensch. Ein Katzenhaarallergier hätte darauf reagieren müssen."
"Leuchtet ein. Beeindruckend."
"Naheliegend." tat er es, dennoch erfreut, wie eine Kleinigkeit ab.

Mein Vorhaben diesen Mann zu studieren, fand mit diesem Ereignis seine Initialzündung.

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