Eine Tür aus Mahagoni

Verwundert blickte Felix auf den Brief in seiner Hand. Es war eine Einladung, geschrieben auf leicht vergilbtem Papier mit abgerundeten Ecken. Die Schrift kam ihm bekannt vor. Sie ähnelte der Sauklaue mit der Kathy ihre Mitschriften verfasste, weswegen er den exakten Inhalt nicht ordentlich entziffern konnte. Allerdings hatte es wohl etwas zu tun mit dem kleinen gläsernen Fläschchen, das zusammen mit dem Brief gekommen war. Das Etikett der Flasche trug die lateinische Bezeichnung "in cerebrum - SLHS", was verriet, dass es aus dem Sexy Little Horror Shop stammte, deren Inhaberin die dunkle Fürstin von Belletristica, Megan Core, war. Skeptisch drehte er das Fläschchen und schwenkte dabei die silbrig glänzende Flüssigkeit. Was hatte das alles zu bedeuten und hieß "cerebrum" nicht "Gehirn"?
Um seinen Fragen eine Antwort zu verleihen, machte er sich kurzerhand auf zum orangen Raum, wo Kathy über einem Stapel Bücher zur Spätantike brütete.
"Hi Kathy", grüßte er sie und hielt ihr den Brief unter die Nase, "Ich kanns nicht lesen. Die Einladung stammt doch von dir oder?"
Kathy hob den Kopf und grinste ihn an. "Du wolltest doch schon immer einen Ausflug dorthin machen. Probier es doch einfach aus. Das Fläschchen zu erstellen war schwierig genug", sie zwinkerte ihm schelmisch zu und steckte die Nase wieder in ihre Unterlagen.
"Ausflug wohin?", Felix starrte sie verdutzt an, doch sie schnitt ihm nur eine Grimasse und meinte lässig: "Trau dich doch einfach, Felice dear. Dann siehst du ja, wohin es führt. Und falls das Elixier doch eine erogene Nebenwirkung haben, habe ich die Quittung noch."
Ein wenig niedergeschlagen verließ Felix den orangen Raum und begab sich hinaus zum Fluss, wo er sich ins Gras setzte und zum hundertsten Mal versuchte die Zeilen zu entziffern. Ein Ausflug also. Logisch bei einer Einladung. Die Frage war nur wohin? In ein Gehirn? Er beäugte misstrauisch das Etikett der Flasche. Konnte man eigentlich Sachen aus dem SLHS trauen? Nicht dass dieses Zeug eine ebenso fatale suchtmachende erogene Wirkung hatte. Er schauderte bei dem Gedanken und schüttelte dann energisch den Kopf. Nein, Kathy würde ihm sowas schon nicht antun. Und schließlich war er neugierig, was es bewirkte. Todesmutig entkorkte er das Fläschchen und nahm einen kleinen Schluck.
Die Flüssigkeit war kühl und brannte nach ein paar Sekunden wie Feuer auf seiner Zunge. Die Wärme breitete sich aus in jede Pore. In seinem Kopf begann sich die Welt zu drehen und es wurde finster vor seinen Augen. Felix versuchte noch, sich abzustützen, bevor er den Eindruck hatte, dass seine Atome zu tanzen begannen und er jedes Körpergefühl sich in einem wohligen Kribbeln auflöste. Dunkelheit umfing ihn.

Als er die Augen wieder öffnete, bemerkte er sofort, dass etwas anders war. Er war nicht mehr am Fluss, sondern stand vor einer schlichten Tür aus dunklem Mahagoni mit einem silbernen Knauf. Davor lag ein Fußabtreter mit zwei flauschigen Tigerkatzen. Zu seinem Schrecken wurde ihm klar, das rundherum nichts war. Keine Wände, kein Boden. Nur diese unscheinbar aussehende Tür.
Felix blinzelte und schüttelte heftig den Kopf, um wieder klar denken zu können. Vielleicht verschwand die Tür dann. Er kniff die Augen zusammen, riss sie wieder auf und die Tür blieb, wo sie war.
Klar, ein Elixier von Meg-Nugget konnte nichts Gutes verheißen. Wohin hatte ihn das nur gebracht?
Zögernd klopfte er an die Tür und wartete ab, ob sich etwas tat.
Wenig später hörte er Schritte auf der anderen Seite und die Tür wurde geöffnet. Ein kleines Mädchen mit wuschligem weißen Haar und einer Unmenge an Sommersprossen musterte ihn aus hellblauen Augen. "Oh!", machte sie erstaunt, "Du bist aber groß! Das hat sie uns nicht gesagt, aber schön, dass du endlich da bist." Ihr Gesicht erhellte sich und sie packte Felix an der Hand, um ihn durch die Tür zu ziehen.
Felix atmete erleichtert auf, als er einen Boden auf der anderen Türseite bemerkte und dass es sich offenbar um einen langen schlauchartigen Gang handelte, mit Bildern an den Wänden und einer kleinen Garderobe, deren Hacken in Katzenform gestaltet waren. An der einen Wandseite war ein Baum mit einer Eule, wie man sie in Asterix-Comics fand, gezeichnet worden und davor hatte jemand Holzleisten wie einen Zaun angebracht.
"Entschuldige bitte, aber wo bin ich hier? Wer ist sie und wer bist du?", fragte er, während das Mädchen um ihn herumwuselte und Hausschlapfen suchte, die seinen Füßen passen könnten.
"Kathy natürlich. Sie hat gesagt, dass du uns besuchen kommen würdest", das Mädchen strahlte ihn weiterhin an und ihm wurde gewahr, dass zwei weiße Flügel, wie kleine Engelssschwingen, aus ihrem Rücken wuchsen, "Ich bin Keema und das hier ist Kathys Gehirn. Genauer der Eingangsbereich."

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