Eine Tür zuviel

Kristoff Jänner war ein ganz normaler Junge. Er war nicht größer, hübscher oder schlauer als andere zwölfjährige Jungen. Nicht in seiner Schule, nicht in seiner Stadt, nicht in der Straße, in der er wohnte. Auch wenn seine Oma, bei der er lebte, da etwas anderes erzählte. Aber sie war bestimmt auch ein bisschen voreingenommen.

Kristoff unterschied sich nur durch drei Dinge von anderen Jungen.

Erstens, er hatte einen megacoolen Spitznamen. Karotte nämlich, bei dem ihn jeder rief. Zumindest hätte er das gern, da er es hasste, wenn seine Oma ihn vor seinen Schulkameraden Krissi nannte.

Zweitens, er hatte eine megacoole Freundin. Sie hieß Pippa. Gut, sie war ein Plüschtier, noch dazu ein Pony, ein pinkfarbenes, für Mädchen, und seine Freunde lachten deswegen, doch das war Kristoff egal. Um nichts in der Welt würde er sie hergeben, wo er sie doch vor der Mülltonne gerettet hatte.

Und drittens hatte Kristoff eine nahezu unbegrenzte und bunt blühende Fantasie. Besonders praktisch, wenn die Aufgaben für das Bruchrechnen zu schwierig waren. Es wäre doch viel lustiger, wenn das Pluszeichen mit dem Bruchstrich Tango tanzen würde oder wenn man auf dem Rücken der Zugvögel in ein fernes Land reisen könnte.

Kristoffs Fantasie trieb die exotischsten Blüten. Während seine Mitschüler sich an seinen wilden Geschichten erfreuten, nannten seine Lehrer ihn hingegen einen »Zappelphilip«.

Seine Oma machte sich keine Sorgen deswegen. Sie winkte die Bedenken der Lehrer über Kristoffs Konzentrationsprobleme ab. Der Junge war gewitzt und hatte recht gute Zensuren. Sie würde einen Teufel tun und das Kostbarste, was ihr Enkel besaß, zerstören. Erwachsen und ernst würde er noch früh genug werden müssen.

Noch war er ein Kind und als solches hatte er jede Menge Flausen im Kopf. Wenn er seiner Oma nicht gerade die ganzen Mohrrüben aus dem Garten wegfutterte, trieb er sich in der Nachbarschaft herum. Seine Schulfreunde Nico und Felix wohnten in einem anderen Stadtteil und da er nicht mit Mädchen spielen wollte, weil die halt doof waren, war er oft allein. Gesellschaft leistete ihm Pippa, die in einem kleinen Rucksack immer an seiner Seite war. Dass Pippa, streng genommen, auch ein Mädchen war, übersah der Junge großzügig.

In der Nachbarschaft kannte man Kristoff und sein rosa Pony. Manche schmunzelten darüber, manche vertraten die Meinung, ein Junge sollte nicht mit einem Spielzeug für Mädchen spielen, weil das eben »nicht richtig« wäre, doch niemand behinderte ihn.

 

An diesem Spätsommerabend irgendwann im September, an dem unsere Geschichte beginnt, strolchte Kristoff auch durch das Unterholz auf einem freiem Grundstück.

»Du hast doch gesagt, dass sie hier sind«, schmollte er und sah sich auf dem schmutzigen Boden der plattgetretenen Fettwiese um. Der Busch, durch den er gekrochen war, hatte sein honigfarbenes Haar zerzaust und seine Hose war schmutzig an den Knien.

»Ja, aber erst, wenn es dunkel ist«, murrte Pippa zurück (Kristoff verstellte ganz meisterlich seine ohnehin kindliche Stimme) und schnaubte.

»Manno, ich will aber jetzt Glühwürmchen sehen. Dann können wir auch nach Hause gehen. Oma hat bestimmt schon Essen fertig und dann gucken wir einen Film.«

Der Junge putzte sich ohne wirklichen Erfolg den Schmutz und das Gras von den Knien und trabte den Weg die Straße runter zum Haus seiner Oma.

Mit Pippa unter dem Arm betrat er die Küche und grinste nur, als seine Oma wegen der schmutzigen Hose den Kopf schüttelte.

»Na, du Schmutzfink. Ein bisschen dauert es noch. Du gehst solange baden!«

Murrend folgte der Junge seiner Oma, die seine Klamotten gleich in die Waschmaschine steckte, während er in die Wanne kletterte. Pippa thronte auf der Maschine und schien zu grinsen.

Zwanzig Minuten später hockte Kristoff im Schlafanzug auf dem Sofa, die Oma im Sessel. Beide hatten sie eine Schüssel warmen Gemüseeintopf in den Händen und im Fernsehen begann gerade »Der König von Narnia.«

 

»Oma, hast du mal geguckt, ob da auch ein magisches Land drin ist?«, fragte der Junge, als Schlafenszeit war. Er war seiner Oma in ihr Schlafzimmer gefolgt und zeigte nun auf ihren alten, geschnitzten Schrank.

»Schau doch mal nach«, schmunzelte die alte Dame nur und Kristoff ließ sich nicht zweimal bitten. Vorsichtig, als könnte ein Monster zwischen den geblümten Kleidern hervorspringen, spähte er hinein, öffnete die Tür weiter und stieg zwischen die Kleidungsstücke. Ein leises Pochen an der hölzernen Rückwand zeigte an, dass kein Durchgang vorhanden war und der Junge kam mit schmollend verzogenem Mund wieder hervor.

»Manno«, maulte er und seine Oma lachte.

»Stell' dir vor, du stündest jetzt mit Schlafanzug im Schnee und hättest keinen Pelzmantel.«

»Trotzdem!«

Die Oma zauste ihm die honigblonden Haare und schob ihn in sein Zimmer.

»Jetzt ist's erstmal Zeit für's Bett, König Schmolllippe. Morgen kommt sicher ein anderes Abenteuer und der Schrank ist vergessen.«

»Meinst du?«

»Aber sicher. Vielleicht ist der Eingang zum Wunderland unter der Spüle. Wer weiß das schon?«

Kristoff grinste und ließ sich von seiner Oma zudecken.

»Gute Nacht, kleiner Abenteurer.«

Der Junge drehte sich, mit Pippa im Arm, zum Fenster um und schloss die blauen Augen, während seine Großmutter das Licht löschte.

 

Ein Geräusch tief in der Nacht ließ Kristoff die Augen wieder öffnen.

»Hast du das gehört?«, murmelte er der verpennten Pippa zu, die ihre Hufe streckte.

»Was denn?«, nuschelte das Pony und beide lauschten sie.

Ein leises Zischen, wie wenn irgendwo Durchzug war, war zu hören. Das Geräusch von Wind, starkem Wind. Doch die Bäume vor dem Fenster standen ganz still.

Pippa schmatzte. »Es schmeckt nach der Farbe Lila«, faselte sie und kaum hatte sie das gesagt, bemerkte der Junge den lilafarbenen Nebel, der das Bett umhüllte wie ein Meer aus Zuckerwatte. Überrascht sah er sich um. Da war die Wand mit der Weltkarte und den vielen Souvenirs seiner Mama, da war sein Schreibtisch mit den vielen Buntstiften, sein Fenster, der Kleiderschrank und die Zimmertür. Doch Moment... Die Zimmertür war eigentlich genau gegenüber des Schrankes und nicht daneben. Er sah noch einmal genauer hin.

Da waren zwei Türen. Und unter einer quoll immer weiter Nebel hindurch und auch ein helles Licht, als wollte sie, dass man sie öffnete. Neugierig stieg der Junge in seine Turnschuhe und zog die weniger mutige Pippa weiter an den Bettrand, bevor er in den Nebel trat, der das Bett umgab.

»Und wenn da nun kein Boden drunter ist?«, wandte das Pony ein, doch Kristoff stand bereits neben dem Bett.

»Komm schon, du Hasenfuß.« Der Junge grinste aufgeregt und bewegte sich vorsichtig durch den Nebel, der für ihn eher nach rosa Zuckerwatte schmeckte als nach der Farbe Lila. Pippa, den kleinen Rucksack im Maul, in dem Kristoff sie normalerweise trug, hüpfte vom Bett und war fast vollständig in der Masse verschwunden. Kristoff nahm sie hoch und sie klammerte die Hufe um seinen Hals, als er die verschnörkelte Klinke der aufwändig geschnitzten Tür ergriff.

Das Heulen des Windes wurde lauter und beide, Pony und Junge, nahmen einen letzten, mutmachenden Atemzug, bevor Kristoff die Tür aufstieß und ein Schwall wattigen Nebels sie unter sich begrub, ihnen die Sicht nahm und jedes Geräusch erstickte.

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