Der Wecker. Du stehst auf. Wie jeden Morgen gehst du ins Bad und putzt dir die Zähne, wäschst dich, ziehst dich an.

Da ist ein Brief im Briefkasten, wahrscheinlich eine Rechnung.

Macht nichts. Nichts, was man nicht regeln könnte. Du schaust auf deinem Handy nach. Nachrichten. Deine Mutter hat dir auf den Anrufbeantworter gesprochen. Du hast dich schon wieder so lange nicht gemeldet.

Macht nichts. Nichts, was man nicht klären könnte. Du ziehst dir die Jacke drüber, du öffnest die Tür und gehst los.

Wie jeden Tag schließt du auch heute die Tür hinter dir und bist vielleicht ein paar Minuten später dran als ursprünglich geplant. Macht nichts. Nichts, was man nicht einholen könnte. Du gehst zur Bushaltestelle, links neben dir ein Rollstuhlfahrer und rechts neben dir ein schwangeres Mädchen, vielleicht fünfzehn Jahre. Der Bus nähert sich.

Vor einer Woche hast du mit Freunden Geburtstag gefeiert.

Vor sechs Tagen hast du jemanden aus Schultagen getroffen.

Vor fünf Tagen warst du in der Bibliothek und hast Bücher zurückgebracht. Du warst beim Zahnarzt vor vier Tagen, weil sich dein Zahnfleisch entzündet hatte. Mit deiner Familie und deinen Freunden hast du vor drei Tagen gelacht und vor zwei Tagen und vor einem Tag.

Jeden Tag bist du aufgestanden, hast dir jeden Morgen die Zähne geputzt, hast dich angezogen. Du hast dich geärgert und du hast gelacht und du hast gearbeitet und hast gegessen und geschlafen und bist jeden Tag aufgestanden und du hast Freunde gesehen und hast Familie. Du hast gelacht und erzählt und du hast gesagt, dass es dir gut geht. So weit, so gut. Und selbst?

Der Bus hält am Hauptbahnhof.

Du gehst. Du gehst. Und dann stehst du am Bahnsteig. Neben dir streitet sich ein Pärchen, das Kind der Mutter dort quengelt, vielleicht alleinerziehend, und da steht einer mit einem Gips. Es fängt an zu regnen. Macht nichts. Du stehst hier und stehst und wartest. Die Bahn nähert sich.

An welchem dieser Tage hast du dich dazu entschieden?

Du gehst und stehst dort und dann gehst du einen Schritt weiter. Einen Schritt.

Du springst auf das Gleis.
 

Als der Wecker heute morgen geklingelt hat, wusstest du es da schon?

Du bist wie jeden Tag los gegangen und deine Mutter wartet auf deinen Rückruf, wer bezahlt deine Rechnung und wer lacht jetzt mit deinen Freunden? Macht nichts. Du gehst und kommst nicht mehr zurück.

Der Hauptbahnhof wird gesperrt, aber das bekommst du wahrscheinlich nicht mehr mit.

Du stehst nicht mehr auf. Nie wieder.

Macht nichts.

Warum hast du gesagt, dass es dir gut geht?

Warum?
 

Der Wecker. Der Wecker klingelt am nächsten Morgen wie jeden Tag. Du hast vergessen, den Wecker auszuschalten.

© Jaelaki 2015

Kommentare

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    Wow, das ging wirklich unter die Haut. Wie Ris schon sagte, spiegelt vor allem dieses "Macht nichts" unglaublich gut wieder, dass irgendwas die ganze Zeit lang schief läuft, selbst wenn man es erst nicht bemerkt...

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    Oha. Ich glaube, das "Macht nichts" fängt das Nicht-Gefühl von Menschen, die eines Tages ohne echten Entschluss einen Schritt weiter gehen, sehr gut ein. An all die Alltäglichkeiten sind keine Gefühle gebunden, deswegen macht das alles nichts. Ein sehr deprimierendes Gedicht, aber auch sehr einfühlsam.

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Feenstaub

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