Eintritt in eine neue Welt


Vorwort

 

Ich weiß, dass ich nie gut darin war, den perfekten Anfang zu finden. Dafür bin ich einfach viel zu impulsiv und ungeduldig. Wenn ich etwas zu sagen habe; wenn da Worte in meinem Kopf sind, dann wollen sie heraus. Mit viel Feingefühl und Talent zwar, aber dennoch ohne große Vorrede. Und das passt auch irgendwie zu meiner Geschichte. Denn das, was ich zu erzählen habe, brach ebenfalls ohne jede Vorwarnung über mich herein.

Mein Name ist Fay Hieler. Ich bin einundzwanzig Jahre alt und in meinem letzten Ausbildungsjahr zur Buchhändlerin. Etwas, wovon ich immer geglaubt habe, es wäre mein absoluter Traumberuf. Ein gesichertes Einkommen und eine Tätigkeit, die sich einigermaßen mit meinen Interessen deckt. Vielleicht bin ich mit den Jahren ja genauso kopflastig geworden wie der Großteil der heutigen Weltbevölkerung. Dabei war gerade meine Kreativität immer mein Markenzeichen und das einzige, worauf ich stolz sein konnte.

Ich war nie besonders gut in der Schule; und obwohl es meine Mutter nie laut aussprach, so wussten wir doch beide, dass ich nicht das war, was sie sich seit meiner Geburt erhofft hatte. Was auch immer das gewesen sein mag. Ganz im Gegenteil zu der ach so perfekten Lilly, doch dazu später.

Mit meinem älteren Bruder Jason kam sie hervorragend aus - und das, obwohl meine Mutter nicht gerade das war, was man umgänglich nannte. Andererseits fällt mir auch niemand ein, der nicht gut mit Jason klargekommen wäre. Mein Bruder war einfach der Inbegriff von fröhlicher Lässigkeit. Er war ein Tagträumer. Obwohl er sich nie wirklich in etwas reinhing, stolperte er immer wieder verwundert von einem Glückstreffer zum nächsten. So wie ich meinerseits beschwerlich rudernd mit ach und krach immer noch die Kurve bekam.

Erstaunlicherweise neidete ich ihm dieses Geschick mit dem Glück aber nie, dafür hat er mich viel zu oft schon beschützt. Zuerst vor der Dunkelheit und den Monstern unter meinem Bett. Später vor den Wutausbrüchen meiner Mutter und Lillys gemeinen Sticheleien.

Wir leben seit ich denken kann in einem viel zu großen Haus in einem viel zu kleinen Dorf. So habe ich das immer schon empfunden, oder zumindest bis Peter und seine Tochter Lilly in unser Leben traten. Peter machte das Haus gemütlich und seltsam vollständig, doch Lilly machte es zu klein.

Mein Vater war im Laufe meiner ersten Lebensjahre von unserer Bildfläche verschwunden. In meiner Erinnerung war er nur ein grauer Schatten ohne Gesicht, der mit jedem Jahr mehr und mehr verblasste. Mutter redete nicht von ihm, und ich hatte sie meinerseits nie nach ihm gefragt. Ich weiß nicht, ob sie glücklich gewesen sind oder warum er gegangen ist, aber ich vermute, dass es an mir gelegen haben muss. Denn obwohl Peter bereits eine Tochter im Teenager-Alter hatte, als er mit ihr zu uns gekommen ist, hat er meiner Mutter von Anfang an deutlich gemacht, dass er sich gemeinsame Kinder mit ihr wünschte. Diesem Wunsch war sie nie nachgekommen. Vielleicht waren wir ihr bereits zu viel. Mir konnte das nur recht sein. Ich brauchte niemanden außer Jason, doch selbst der war – ging es um unseren Vater – ungewöhnlich schweigsam und distanziert. Er behauptete gern, er erinnere sich nicht an ihn, doch das habe ich ihm nie abgekauft und mich stattdessen heimlich gefragt, ob ein kleiner Teil von ihm mich dafür hasste, dass ich unseren Vater aus dem Haus getrieben hatte.

Trotzdem war Jason mir über all die Jahre eine große Stütze, und als er älter wurde, zuerst immer weniger zu hause war und schließlich ganz auszog, um an der Bauhaus-Universität Weimar Architektur zu studieren, riss er ein klaffendes Loch in mein Leben, das sich lange Jahre nicht mehr schließen ließ.

Lilly und ich lebten all die Jahre wie Fremde in zwei benachbarten Zimmern, die sich ein Bad teilten und sonst nichts. Ich glaube nicht, dass es an den zehn Jahren Altersunterschied gelegen hat, dass mir ein tonnenschwerer Stein vom Herzen fiel als sie vor vier Jahren dann endlich auszog.

Lilly war eine extravagante Erscheinung. Eine große, langbeinige Schönheit mit weizenblondem Haar. Ihr Gesicht strahlte entweder pure Arroganz oder kalte Härte aus. Sie gab mir – wie auch meine Mutter schon – immer das Gefühl, ihren Ansprüchen nicht gerecht werden zu können, und irgendwann hörte ich damit auf, es zu versuchen. Selbst Jason hatte sich ihr gegenüber von Anfang an distanziert verhalten. Vielleicht lag das auch an seiner Loyalität mir gegenüber, worüber ich ihm immer unendlich dankbar blieb.

Peter war der arme Schlichter zwischen allen Fronten, der uns alle wahrhaft gleichermaßen liebte, woran mir nie ein Zweifel blieb. Ich weiß bis heute nicht, wie er es mit dem bunten Haufen aus Schuldzuweisungen, Ignoranz und Chaos, der wir gewesen sind, all die Jahre ausgehalten hat. Und nicht nur, dass er uns einfach ausgehalten hätte – er hat uns genährt; sowohl physisch wie auch psychisch. Wer weiß, ob ich je einen solch großen Schritt gewagt hätte, hätten er und Jason mir nicht fast sechzehn Jahre lang unermüdlich Mut zugesprochen und Selbstvertrauen eingeflößt.

Und an genau diesem Punkt beginnt meine Geschichte.


Kapitel 1

Eintritt in eine neue Welt

 

Musik war für mich immer schon etwas Elementares. Normalerweise fällt es mir nicht schwer, meine Gefühle verständlich auszudrücken, doch hier fehlen mir die Worte. Ich habe keine Vergleichsmöglichkeiten dafür, was Musik für mich ist. Ich kann es versuchen, doch sicher endet dieser Erklärungsversuch meiner Leidenschaft für Klänge in einer komplizierten Sackgasse aus unvollendeten Gedankenansätzen.

Für mich ist die Musik einfach der beste Beweis dafür, dass wir alle auf einer bestimmten Frequenz schwingen… oder zumindest ich. Wenn ein Lied erklingt, das mir gefällt – oder auch nur ein einzelner Ton, schaltet in meinem Körper oder meinem Geist ein Schalter um. Vielleicht könnte man es am besten so erklären, dass sich mein Kopf dann völlig abschaltet. Vielleicht ist Musik für mich ja das, was für Andere Fernsehen ist oder Feiern gehen oder vielleicht sogar Sex.

Ich bin leider zugegebenermaßen ein sehr kopflastiger Mensch, was allerdings nicht heißt, dass ich logisch bin. Im Gegenteil, ich bin hoffnungslos emotional. Ich sagte ja bereits, es wird kompliziert. Doch wenn meine Lieblingsmusik erklingt, sind all diese Fragen und Zweifel in mir plötzlich wie weggefegt und das Blut rauscht durch meine Adern. Vielleicht ist das ja die einzige Art und Weise für mich, richtig zu entspannen - die richtige Musik, richtig laut.

Es versteht sich von selbst, dass mein Traumberuf daher seit ich denken kann immer der der Sängerin gewesen ist! Es gab keinen Tag, an dem ich nicht gesungen hätte. Sang ich zu lange mal nicht, fühlte sich mein Herz an, als wolle es vor lauter Kummer bersten. Ich muss zugeben, dass ich ein ziemliches seelisches Wrack bin, denn ohne Musik komme ich mit keinem noch so geringen Problemchen klar.

Irgendwann begann ich dann, ernsthaft für mich allein meine Stimme, den Gesang und die Stimmbänder zu trainieren. Jeden Tag lernte ich von mir selbst ein kleines bisschen mehr. Nur Selbstvertrauen und Zuversicht lernte ich nicht.

Denn als meine Mutter mitbekam, was ich tat und warum, machte sie mir schnell klar, dass sie nichts davon hielt. Im Gegenteil: sie machte ziemlich deutlich, dass sie nicht daran glaubte, dass ich mit meinem Gesang je etwas erreichen könnte. Wenn ich bereits ihren Standards nicht genügte, wie sollte ich da denen eines großen Publikums genügen?! Wenn die eigene Mutter so etwas über die größte Leidenschaft, mehr noch über den größten Traum ihres Kindes sagt, dann fällt man mit vierzehn einfach in ein rabenschwarzes tiefes Loch.

In meiner jugendlichen Naivität und Verzweiflung, verwarf ich den Gedanken an eine große Musikerkarriere sofort wieder. Ich verbannte alles, was damit zu tun hatte aus meinem Leben, um den Schmerz zu überleben. So ging ich weiterhin lustlos zur Schule, ohne jedes Ziel, wie all meine Klassenkameraden auch. Meine Noten wurden immer schlechter. Ich wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Die vor mir liegenden Jahre erschienen mir schon in meiner Jugend unendlich trostlos und lang. Ich wusste einfach nicht, wofür ich mich anstrengen sollte und gab mich auf.

Erst meine Musiklehrerin schaffte es, mich aus meiner Lethargie zu reißen. Im letzten Schulhalbjahr vor den großen Abschlussprüfungen sahen meine Chancen, diese in allen Fächern zu bestehen, nicht gerade rosig aus. Wir sollten ein Herbstlied auswendig lernen und vortragen. Ich entschied mich für „Bunt sind schon die Wälder“. Den Text konnte ich in– und auswendig, da meine Mutter es mir an kalten Herbstabenden oft vorgesungen hatte. Seltsam, dass ich gerade dieses Lied wählte, oder? Seltsam, wie sich der Kreis des Lebens manchmal schließt.

Ich wusste als Kind schon, dass sie sehr schief sang. Doch die Art wie sie sang, hat etwas in mir berührt. Vielleicht sogar, weil auch sie nur dann abschalten konnte. Vielleicht waren wir uns ja ähnlicher als wir es uns eingestehen wollten.

Auf jeden Fall prägte sich ihre Version des Liedes so sehr in mein Gedächtnis ein, dass ich mit den Noten meiner Musiklehrerin rein gar nichts anzufangen wusste und schon bald in tiefer Verzweiflung versank. Irgendwann sagte ich mir, dass ich sowieso durch die Abschlussprüfungen rasseln würde und eine weitere schlechte Note nun auch nicht mehr so schlimm sei. Ich hörte auf, mich deshalb verrückt zu machen.

Vor meinen Klassenkameraden und meiner Musiklehrerin sang ich das Lied genauso schief und falsch wie damals schon meine Mutter. Falsch, aber echt und herzerweichend mit Stimme und Gefühl, die jedes Denken verboten.

Alle Gespräche in unserer sonst so chaotischen Klasse verstummten und selbst die Köpfe der coolsten Jungs, die mich sonst keines Blickes würdigten, fuhren erstaunt nach vorn, während meine Musiklehrerin die ganze Zeit still in sich hinein lächelte. Irgendetwas tief in mir begann seinerseits wieder zu strahlen.

Als ich endete, war mir klar, dass ich genau richtig gelegen hatte. Dies bestätigte mir meine Lehrerin mit folgenden Worten: „Die Melodie war daneben, aber deine Stimme ist einfach so schön, dass ich dir trotzdem eine Eins gebe.“

Meine Wangen brannten. Niemand in der ganzen Klasse regte sich über diese nicht ganz objektive Bewertung auf. Es fühlte sich berauschend für mich an, im Applaus meiner Klassenkameraden zu baden.

Nachdem selbst meine kühle Freundin, die sich sonst mit Lob mehr als zurückhielt, noch sagte: „Ey Fay, du hast echt eine tolle Stimme! Du solltest zu dich bei einer Castingshow anmelden!“, war die Sache klar für mich. Alle Zweifel waren vom Tisch, und mein Weg schien mir auf einmal so klar als wäre ich ihn bereits gegangen… vielleicht, weil ich mich mitten auf ihm befand.

 

Erst Jahre später kam der Tag, der mein Leben in die richtige Richtung lenkte. Ich befand mich im Zug auf meinem Heimweg von der Arbeit. Es war Viertel vor neun. Drei Jahre war es nun her, dass ich mir vorgenommen hatte, mich bei DerTraum – der mit Abstand erfolgreichste Castingshow Deutschlands - zu bewerben. Zuvor hatte ich aber beschlossen, noch eine Ausbildung zu machen. Schließlich litt ich noch immer nicht unter Selbstüberschätzung, ich brauchte einfach einen Plan B, um nachts ruhig schlafen zu können.

Also folgten auf die Schulzeit drei stressige, nervenaufreibende Lehrjahre. Der Schulstoff schob die Gedanken an meine musikalischen Pläne weit nach hinten und die praktische Ausbildung in einem gut besuchten Buchladen der Simbacher Innenstadt verbot jedes Trainieren meiner Gesangsinstrumente. Irgendwann dachte ich nicht einmal mehr mit einer Silbe daran und fiel abends einfach nur noch totmüde ins Bett.

Doch manchmal, oft in ganz unerwarteten Momenten, traf mich das schlechte Gewissen, weil ich kaum noch etwas (oder seien wir doch ehrlich; gar nichts mehr) tat, um irgendwann einmal das tun zu können, was ich wirklich tun wollte. Je mehr Jahre vergingen, desto größer wurde der Abstand zwischen dem Mädchen mit dem Traum, für den es einfach alles tun würde und der Frau, die sich ängstigte, dass dieser Traum nur das dumme Hirngespinst eines kleinen Mädchens war.

Jedes Jahr sagte ich mir: „Ich tu es nächstes Jahr.“

Die Fernsehübertragungen der Castingshow DerTraum sah ich mir mit einer Mischung aus Sehnsucht, Abneigung und abgrundtiefem Neid an, weil ich mir selbst verbot, was andere sich trauten. Dieses Gefühl habe ich nach der letzten Staffel komplett in meinen Alltag mitgenommen.

Ich hatte einfach an nichts mehr Freude. Ich hatte eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung zur Buchhändlerin vorzuweisen und sonst nichts. Das genügte mir nicht mehr. Weder hatte ich besonders viele Freunde, noch eine tiefschürfende, befriedigende Beziehung. Doch ich hatte das untrügliche Gefühl, dass ich all das bekäme, würde ich nur den ersten Schritt zu meinem großen Traum hin wagen.

So saß ich an jenem schicksalhaften Abend deprimiert und gefangen in meine eigenen Ängste im Zug und sah aus dem Fenster, an dem tausend Lichtpunkte vorbei huschten. Ich stellte mir vor, durch eine richtige Großstadt zu fahren; von einer Party zur nächsten.

Denn es war Freitag, ein heißer Abend im August. Als ich aus dem Zug stieg, schlugen mir der Geruch nach frisch gemähtem Gras und das Gelächter einer Gruppe ausgelassener Jugendlicher entgegen. Sonst war alles verlassen. Trotz des Lachens der jungen Leute, fühlte ich mich seltsam allein auf diesem Flecken Erde.

Es war einfach einer dieser Tage, an denen ich mich nutzlos fühlte. Langweilig und alt mit meinen einundzwanzig Jahren, weil ich nirgendwo dazugehörte. Jetzt spürte ich mit einer herben Heftigkeit, dass ich mich nach einem ganz anderen Leben sehnte.

Ich drehte den Schlüssel im Schloss unserer Haustür. Obwohl Mutter und Peter noch lange wach waren, war diese ab Punkt acht Uhr abends stets fest verschlossen, so als warteten alle Einbrecher ganz Bayerns nur darauf, dieses kleine Haus am äußersten Rande Simbachs auszurauben.

Ich seufzte tief, als ich den kleinen Flur betrat, indem es – seit Peter ihn vor fast zehn Jahren renoviert hatte – immer noch nach frischer Farbe und neuem Laminat roch. Immer, wenn ich diese Düfte irgendwo wahrnahm, musste ich an mein Zuhause denken.

Ich sah auf die Uhr über der Garderobe, die meine Mutter – wie ich bis heute vermute – einzig zu dem Zweck dort hingehangen hatte, damit man schon mit Übertreten der Türschwelle wusste, dass man zu spät zum Abendessen kam.

Es war jetzt Viertel nach neun an einem herrlichen Freitagabend. Ich versank in Selbstmitleid, wenn ich an all meine Bekannten dachte, die jetzt mit ihren Freunden unterwegs waren und die Städte unsicher machten, während das Leben an mir vorbeizog.

In meinem Zimmer angekommen, schmiss ich meine Tasche in eine Ecke, zog die Vorhänge zu und nahm mir Stift und Zettel, um mir meinen ganzen Ballast von der Seele zu schreiben. Ich schrieb leidenschaftlich gerne Songs, auch wenn ich nicht in der Lage war, sie zu vertonen. Denn auch Worte haben ihre ganz eigene Magie, wenn man sie zu erkennen weiß. Da es für mich nie in Frage kam, beruflich zu schreiben, blieb dies immer etwas Harmonisches und Entspannendes für mich. Etwas, das ganz und gar mir allein gehörte. Etwas, das ich in meinem Kopf formte und mit meinen Händen schuf.

An diesem Abend konnte ich mich partout nicht konzentrieren. Ich war zu geschafft von der Arbeit; darum legte ich den Block frustriert wieder weg, legte mich auf mein Bett und zappte etwas durch die Kanäle. Wie es das Schicksal wollte, blieb ich bei einer Reportage über meine Lieblingsfernsehsendung DerTraum hängen.

„Endlich ist es soweit! DerTraum geht in die nächste Runde!“, brüllte eine aufgekratzte Reporterin in die Kamera. Ich horchte auf und merkte nicht, wie sich mein Kopf abschaltete, während Bilder von zahlreichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen eingeblendet wurden.

Sie standen in einer Schlange vor einer Art Theke, an der jeder eine Nummer bekam, plötzlich legte sich der Schalter in mir komplett um. Alles war wieder da. Es fühlte sich an, als puste mir ein Sanitäter lebenswichtigen Atem in meinen toten, vertrockneten Körper. Mein Herz hämmerte schmerzhaft gegen meine Brust, mir rauschte das Blut in den Ohren. Da war wieder dieser eine Moment vor meiner applaudierenden Abschlussklasse und der anerkennende Blick meiner Musiklehrerin. Beinahe war ich versucht, mir die Handfläche gegen die Stirn zu schlagen, weil ich erkannte, wie dumm ich die letzten drei Jahre gewesen bin. Es war so leicht. Es war leuchtend klar. Der Moment war jetzt - und er würde niemals wiederkommen. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass das Schicksal gewollt hatte, dass ich genau in diesem Jahr teilnehme. Dass das mein Jahr werden sollte.

Von dieser Sekunde an konnte mich nichts und niemand mehr von meinem Plan abbringen. Ich musste nur noch herausfinden, wann und wo das nächste Casting stattfinden würde. Wie im Fieberwahn fuhr ich meinen Computer hoch und googelte nach dem nächsten Castingtermin, während tausend Gedanken durch meinen Kopf rasten wie die Güterzüge auf einem toten Bahnhof.

Auch hier klopfte mir das Schicksal sanft auf die Schulter. Morgen, in München… Mir schwirrte der Kopf, denn obwohl sich von meiner Ausgangssituation absolut nichts geändert hatte, hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben das untrügliche Gefühl, für mein Glück selbst verantwortlich zu sein und ihm auf die Sprünge helfen zu können.

München, dachte ich mit einem ungläubigen Kopfschütteln. Näher geht es für mich ja gar nicht mehr. So, als wolle das Schicksal mir einen Schubs geben.

Da schlug plötzlich dieses unglaubliche Feuer in mir hoch. Ich war mit einem Mal hellwach. In weniger als zwölf Stunden würde ich mein Leben selbst in die Hand nehmen und aufhören, mich darüber zu beschweren wie ein bockiges Kleinkind, das keine Schokolade bekam.

Es war erstaunlich leicht, mich für ein Lied zu entscheiden, welches mir beim Vorsingen Glück bringen sollte. Ich wählte Kelly Clarksons „A Moment Like this“. Welcher Songtext könnte besser zu mir passen? Voller Enthusiasmus begann ich zu Üben.

Es war anders als früher, weil ich aus der Übung war und es dieses Mal um etwas ging. Ich hatte nur noch ein paar Stunden, dann musste ich mich schon in die Bahn nach München setzen. Für Schlaf blieb keine Zeit. Es war verrückt und waghalsig und viel zu spontan, aber ich wusste, dass ich es tun musste. Jetzt oder nie.

Erst als sich in meinem Hals ein schmerzhaftes Kratzen bemerkbar machte und ich das Lied nicht mehr hören konnte, stellte ich mir meinen Wecker auf vier und ging eilig zu Bett.

Natürlich bekam ich kein Auge zu und fühlte mich wie gerädert, als ich kurz vor vier völlig überdreht wieder aufstand. In meinem Zimmer roch die Luft angenehm nach Heu, da ich mit weit offenstehendem Fenster eingeschlafen war. Ich streckte mich noch einmal ausgiebig, tappte blindlings unter die Dusche und drehte das kalte Wasser mutig voll auf, wobei ich mir einen spitzen Schrei verkneifen musste. Ich hasste Kälte, aber mit diesen müden Augen konnte ich unmöglich aus dem Haus. Ich spürte, wie das Adrenalin durch meinen Körper pumpte und meine Wangen anfingen zu brennen-, da drehte ich das Wasser ab und traute mich endlich wieder zu atmen. Bibbernd wickelte ich mich in ein Handtuch und zerrte panisch die ersten Klamotten aus meinem Schrank, die mir in die Hände fielen, da ich von Mode absolut keine Ahnung hatte und mir die Zeit wie Sand durch die Finger rann. Doch umso gewissenhafter kümmerte ich mich um mein Make-up, um die Spuren der kurzen Nacht zu vertreiben. Mein Haar ließ ich wie immer offen über meine Schultern fallen. Ich hatte keine Geduld dafür, mich in ewigem Frisieren zu üben.

Ich schlich mich wie ein Dieb aus dem Haus, da ich keine Lust hatte, mich vor meiner Mutter zu rechtfertigen, nur um mir ein missbilligendes Kopfschütteln einzuhandeln.

Ich nahm den nächsten Bus zum Bahnhof, um dort in den Zug nach München umzusteigen. Die Fahrt verging relativ schnell, doch das Warten auf den Zug nach München zog sich endlos in die Länge. Meine Nervosität steigerte sich ins schier Unermessliche. Unruhig beobachtete ich die Leute auf dem Bahnsteig. Sie starrten wie Zombies müde vor sich hin. Niemand lächelte oder sprach miteinander, dafür schien es einfach viel zu früh zu sein. Und so herrschte erdrückende Stille.

In meinem Kopf herrschte noch immer Chaos. Der Gedanke, dass all die Leute um mich herum einfach normal ihren Alltag lebten, während ich zu einem Casting für DerTraum unterwegs war, ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Ich fühlte mich wie die Hauptperson in meinem Lieblingsfilm und mir wurde klar, dass ich in meinem eigenen Leben bis jetzt immer nur eine Nebenrolle gespielt hatte, nie die Hauptperson.

Was, wenn ich es wirklich schaffte? Nicht gewinnen, nein. Aber unter die letzten zehn zu kommen! Das wäre schon ein Traum. Nicht das endgültige Ziel, sondern dieser einmalige Weg dahin. Wie es wohl sein würde, vor der Jury zu stehen? Was waren es für Leute, die über all diese Schicksale entschieden? In den letzten Jahren hatten meist berühmte Sänger oder erfolgreiche Musikproduzenten hinter dem Jurypult gesessen, sodass ich aufgeregt war, vor wem ich mich in wenigen Stunden zu beweisen hatte.

Doch es war zu spät für einen erneuten Rückzieher, der Zug kam mit einem ohrenbetäubenden Quietschen am Münchener Hauptbahnhof zum Stehen. Ich drängelte mich durch die Massen und schob mich eiligst Richtung Ausgang, um nicht neben meiner Aufregung auch noch Platzangst zu bekommen.

Draußen begrüßte mich schwacher Sonnenschein, der es nicht ganz durch die Wolkendecke schaffte. Trotzdem war die Luft angenehm und ich konnte meine Jacke ausziehen.

Ich ging auf dem kürzesten Weg zum Castinggebäude, vor welchem ich schon oft sehnsuchtsvoll Halt gemacht hatte, wenn ich zum Shoppen in der Stadt gewesen bin.

Im Foyer wimmelte es von Kameraleuten. Überall lagen Kabel herum, standen Scheinwerfer und Lautsprecher und um diese herum wieder Dutzende von Leuten, die sie in ihre richtigen Positionen rückten. Die Vorstellung, dass mich vielleicht bald ganz Deutschland sehen konnte, fand ich mehr als nur befremdlich.

„Name?“ Erschrocken sah ich in das Gesicht einer jungen, genervt wirkenden Mitarbeiterin, die hinter dem Tresen saß und die Teilnehmernummern vergab. „Fay.“

„Alter?“ Sie hatte eine Art, ihren Missmut an ihre Umgebung abzugeben, dass ich sofort feuchte Hände bekam. „Einundzwanzig.“

Stumm schob sie die Nummer über den Tisch. Als ich sie fragend ansah, nickte sie nur zur Seite, damit ich aus dem Weg ging. Eilig griff ich nach dem Zettel und klebte ihn mir auf meine Jeans. Jetzt war ich namenlos. Jetzt war ich nur noch Nummer null-eins-neun-sieben.

Ich sah mich nach einem freien Platz um, wobei mir auffiel, dass sich fast alle seelischen Beistand mitgebracht hatten. Ob ich wohl auf diese Idee gekommen wäre, wenn meine Entscheidung zur Teilnahme nicht so kurzfristig gefallen wäre? Wohl eher nicht, da ich nicht gewusst hätte, welche Person mir eine Stütze gewesen wäre. All meine oberflächlichen Bekanntschaften hätten mich mit ihrer aufgekratzten Art nur noch nervöser gemacht. Meine Familie hätte ich nie in Betracht gezogen. Jason wäre vielleicht eine gute Wahl gewesen, doch aus irgendeinem Grund hätte ich genau ihm nicht mehr unter die Augen treten können, wenn ich schon in der Vorrunde rausfliegen würde. Vielleicht, weil er immer an mich geglaubt hatte.

In letzter Sekunde entdeckte ich einen freien Platz neben einem gutaussehenden Typen, der allein mit seiner Gitarre in einer Ecke saß und genüsslich ein Stück Pizza aß. Der hatte vielleicht Nerven!

„Darf ich?“, fragte ich und deutete auf den freien Platz neben ihm, an welchem die Gitarre lehnte. Er sah auf, und als erstes stachen mir seine braunen, schrägliegenden Katzenaugen ins Blickfeld. Sein Lächeln hatte etwas Schelmisches an sich, sodass ich gar keine andere Wahl hatte als es zu erwidern. Er nahm die Gitarre wegnahm und sagte: „Aber sicher doch.“

Ich bedankte mich und setzte mich schweigend neben ihn, wobei ich es tunlichst vermied, in seine Richtung zu sehen. Dennoch merkte ich, dass er mich immer mal von der Seite musterte, was mich noch nervöser machte. Ich versuchte, mich wieder damit abzulenken, dass ich die anderen Casting-Teilnehmer inspizierte, und dabei fasste ich einen Mann ins Auge, von dem ich meinen Blick ab diesem Tag nicht mehr lassen konnte. Eine Strähne seines weizenblonden Haares fiel ihm locker ins Gesicht. Eigentlich war es eine Frisur, die nicht zu einem so großen muskulösen Mann passte. Und doch wirkte das Bild zusammen mit seinen zerfetzten Jeans und dem legeren weißen T-Shirt, das sich über seine breite Brust spannte, irgendwie stimmig. Ich sah ihn nur von Weitem und im Seitenprofil, doch selbst von diesem Punkt aus konnte ich seine strahlend blauen Augen erkennen, die mir das Herz in die Kehle springen ließen.

Meine Observierung wurde von dem Typ neben mir unterbrochen, der mir fragend das letzte Stück seiner Pizza hinhielt - Mein Magen stieß erregte Freudenschreie aus. „Danke! Ich bin am Verhungern!“

Er lachte und wurde mir immer sympathischer. „So siehst du auch aus.“ Ich zuckte die Schultern und biss genüsslich in die Pizza.

„Aufgeregt?“, fragte er amüsiert, als ich den letzten Rest mit einem Mal in meinen Mund stopfte und es dauerte eine Minute, bis ich ihm antworten konnte.

„Sehr.“, erwiderte ich schließlich etwas atemlos, aber ehrlich. „Wie heißt du eigentlich?“

„Nicolás - und mit wem habe ich das Vergnügen?“

„Fay.“, erwiderte ich und merkte nicht einmal, wie ich mich entspannte, während ich meine eiskalte Hand in seine große warme Pranke legte, um den Handschlag zu besiegeln.

Es stellte sich schnell heraus, dass Nicolás keinerlei Berührungsängste hatte, denn innerhalb einer halben Stunde wusste ich seine komplette Lebensgeschichte. Er war Halb-Italiener und so auffallend hübsch, dass es schwer fiel, mich auf all die Worte und Informationen zu konzentrieren, die wie ein Wasserfall aus seinem Mund purzelten. Er hatte eine angenehm rauchige Stimme mit einem leichten Kratzen. Sofort wusste ich, dass ich Gänsehaut bekommen würde, wenn ich ihn zum ersten Mal singen hörte. Ich hatte das Gefühl, dass er schon genau wusste, wohin er im Leben wollte, aber schließlich war er auch acht Jahre älter als ich. Ich hoffte inständig, dass ich in diesem Alter auch endlich so weit sein würde!

„Bist du gar nicht aufgeregt?“, fragte ich als ich endlich einmal zu Wort kam.

„Doch, natürlich. Aber ich kann doch nichts ändern, wenn ich jetzt hier sitze und zittere. Entweder ich schaffe es oder ich schaffe es nicht.“, erwiderte er und lachte locker. Wie ich ihn für diese Einstellung beneidete!

Noch eine weitere halbe Stunde saßen wir so beieinander und redeten über Gott und die Welt, dann wurde es allmählich still. Die Tür am anderen Ende der Halle wurde geöffnet und heraus trat ein ziemlich beleibter, nett wirkender Mann mittleren Alters mit grauem Stoppelhaar. Ein Mitglied der neuen Jury?

„Wir möchten jetzt gern mit dem Casting beginnen. Wer ist der Erste?“, fragte er und sah in die Runde.

Eine schwarzhaarige Schönheit löste sich aus der Menge und schritt selbstbewusst auf die große Flügeltür zu, die sich wenige Augenblicke später hinter ihr schloss. Hinter dieser Tür war alles, was mir erstrebenswert erschien. Doch wenn ich mich mit der Frau verglich, die gerade den Raum dahinter betreten hatte, fragte ich mich ernsthaft, ob ich hier richtig war. Warum hatte ich mich nur nicht hübscher gemacht? Natürlich war das hier ein Casting, aber gleichzeitig konnte es gut sein, dass gerade mein Auftritt im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Ich zwang meine Gedanken bewusst von der perfekten Frau und meiner lässigen Aufmachung weg und versuchte, mich auf meinen Atem zu konzentrieren, um nicht noch in Panik auszubrechen.

In den kommenden Minuten folgten Tränenausbrüche, wüste Beschimpfungen und Jubelschreie bei all jenen, die wieder aus der Flügeltür heraus traten. Einige lächelten schüchtern in die Kameras und hielten stolz beide Daumen nach oben. Andere schimpften wild durcheinander und belegten die einzelnen Juroren mit unschönen Spitznamen.

Ich sah zu Nicolás, der in den letzten Minuten immer ruhiger geworden war. Seine Nummer wurde aufgerufen, und er erhob sich lässig. Bevor er ging, warf er mir noch sein schiefes Lächeln zu…, dann verschwand er hinter der Tür des Schicksals. Und ich hoffte ehrlichen Herzens, dass er es schaffen möge.

Währenddessen vergrub ich das Gesicht in meinen Händen und hoffte, dass die Zeit schneller verginge. Mein Magen vollführte zwischenzeitlich schmerzhafte Purzelbäume. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Tür am anderen Ende der Halle aufflog und Nicolás laut schreiend herausgesprungen kam. Das Lächeln huschte mir automatisch übers Gesicht. Alle Kameras waren auf ihn gerichtet. Er genoss das Bad in der allgemeinen Aufmerksamkeit sichtlich, als er auf mich zurannte, mich vom Stuhl riss und in der Luft herum wirbelte. „Ich hab es geschafft! Ich hab es geschafft!“

Ein ehrliches befreites Lachen brach sich aus meiner Seele Bahn, ehe er mich wieder auf dem Boden absetzte, wo ich ihm endlich gratulieren konnte. Zu mehr Worten kam ich nicht, denn schon war ein Reporter bei uns, der Nicolás interviewen wollte. „Eins-A-Urteil. Wie fühlt sich das an?“

„Unbeschreiblich!“, erwiderte Nicolás strahlend und schob sich mir nichts dir nichts an dem Reporter vorbei. „Ich muss gleich mal meine Eltern anrufen.“

Unglaublich! Er ließ mich einfach bei dem Reporter stehen, umringt von drei eingeschalteten Kameras und brühend heißem Scheinwerferlicht. Hätte ich ihn besser gekannt, hätte ich gewusst, dass er das zu seinem Amüsement mit Absicht getan hatte.

Sofort fiel der Reporter wie ein Geier über mich her. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. „Bist du seine Begleitung heute? Die Freundin vielleicht?“

„Nein, ich nehme hier teil.“, erwiderte ich beklommen und zeigte auf die Nummer an meinem Oberschenkel. In den Augen des Reporters blitzte es gierig. „Du hast es also noch vor dir? Was hast du für ein Gefühl?“

„Tja, ich… ich… ich glaube, ich bin gleich dran.“, sagte ich eilig, als ein weiterer Kandidat die Flügeltür hinter sich ins Schloss warf, und ich eilte quer durch die Halle. Doch die Rechnung hatte ich ohne das Fernsehteam gemacht, denn es blieb mir auf den Fersen. Nicolás konnte noch etwas erleben! „Gut, dann gehen wir schon einmal zur Tür, dort kann ich dir noch einige Fragen stellen.“

„Sicher.“, seufzte ich resigniert, wobei meine Augen verzweifelt die Halle nach Nicolás absuchten; aber er schien bereits auf und davon. Ehrliche Reue regte sich kurz, die ich schnell unterdrückte, schließlich waren wir keine Freunde, sondern hatten nur nett geplaudert.

Jetzt war niemand mehr da, der mich hätte beruhigen können; meine Nerven begannen völlig zu flattern, als das Kamerateam sich wieder vor mir einrichtete.

„Warum nimmst du hier teil?“, wollte der Reporter wissen und mir brach der Schweiß auf der Stirn aus. Meine Antworten auf diese Frage waren zu vielschichtig, um sie in einem kurzen Satz beantworten zu können, darum sagte ich das Erste, das mir einfiel: „Um zu gewinnen.“

Der Reporter lachte, und die Verlegenheit trieb mir die Röte ins Gesicht. „Ein ziemlich hochgestecktes Ziel.“

„Ich glaube nicht, dass die anderen hier sind, um sich die Zeit zu vertreiben.“, erwiderte ich spitz.

Bevor eine Reaktion folgen konnte, öffnete sich zum Glück die Tür vor mir; ein wütender Typ stürmte an mir vorbei und schimpfte so laut, dass man es selbst dann noch hören konnte, als er das Gebäude schon verlassen hatte. Ich sah ihm nach und vergaß beinahe, dass ich nun an der Reihe war.

„Der Nächste, bitte!“, rief eine nette Frauenstimme aus dem Raum. Der nächste Schritt war der Schwerste meines Lebens.

Die Tür schloss sich hinter mir mit einem lauten endgültigen Geräusch. Der Raum war viel kleiner als er im Fernsehen wirkte. Überall lagen Kabel herum, die man als Zuschauer nie sah, ich musste aufpassen, dass ich nicht stürzte, als ich mir meinen Weg zu dem blauen Stern bahnte.

Hinter dem Jurypult saß neben zwei mir unbekannten Gesichtern die Musikproduzentin des deutschsprachigen Raumes! Ich wusste, dass sie nur wenige Jahre älter war als ich, doch alles an ihr strahlte Glamour und Erfolg aus. Ihre stahlblonden Extensions reichten bis über ihre Hüfte, und ihre großen braunen Rehaugen – umrahmt von massig Wimpern und Kajal – täuschten perfekt über ihren scharfen Verstand und ihre Gnadenlosigkeit hinweg. Vor mir saß Daniela Börner. Neben ihr saß eine eher unscheinbare junge Frau mit Brille und einem netten Gesicht, aus dem mich zwei blaue wissende Augen anlächelten. Das musste die Frau sein, die mich in den Raum gerufen hatte. Und neben ihr befand sich der Beleibte, der den ersten Kandidaten in den Raum gerufen hatte. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass sie mich alle auffordernd anstarrten.

„Hallo!“, sagte ich nervös.

„Wie heißt du?“, fragte Daniela, obwohl ich wusste, dass mein Name auf dem Zettel vor ihr stand.

„Fay.“

„Ziemlich wortkarg.“, scherzte der Beleibte und alle lachten. Die Anspannung in meinem Bauch löste sich etwas. „Ich hab ziemliche Angst.“

„Das musst du nicht.“, sagte die Frau in der Mitte schwesterlich. „Was möchtest du denn singen?“

A Moment Like This von Kelly Clarkson.“ Daniela pfiff durch die Zähne und runzelte die Stirn. „Dann probier mal dein Glück.“

Ich holte tief Luft und sandte ein Stoßgebet zu allen Göttern, ehe ich begann. Während ich sang war es, als würde ich mir selbst dabei zuschauen. Ich war nicht mehr wirklich Herrin über das Geschehen. Fast war es so, als lenke das Schicksal die Fäden. Und auch meine Stimme.

„Stooop!“ Daniela winkte übertrieben mit beiden Armen ab. Ich sah erschrocken auf und dachte nur: Was kommt denn jetzt? „Perfekt ist was anderes, aber ganz klar hast du für mich etwas, aus dem sich noch mehr machen lässt. Ich würde das probieren.“

Zuerst dachte ich, ich hätte mich verhört und in meinem Kopf fing es schon wieder zu rattern an - doch da fuhr schon die zweite Frau fort: „Das sehe ich ganz genauso wie Daniela. Holger?“

Der Beleibte lachte warm und erwiderte: „Hoffen wir, dass du in Berlin mehr Selbstvertrauen an den Tag legst. Es geht doch!“

In meinem Kopf hatte sich eine dröhnende Leere eingestellt, und ich nahm den Zettel mechanisch entgegen. Ich spürte nichts anderes als das dünne Pergament zwischen meinen Fingern als ich wieder aus der Tür trat und stand komplett neben mir. Das konnte unmöglich wirklich passieren!!

Draußen sahen mich alle fragend an, ich flüsterte nur verständnislos: „Ich bin weiter…“ Alle in Hörweite beglückwünschten mich lächelnd, der süße Typ zeigte mit dem Daumen nach oben. Ich hoffte, ich würde nicht allzu bald erwachen.

Ich erkannte erst, dass es echt war, als ich Nicolás entdeckte, der mit verschränkten Armen an einer Wand lehnte und offenbar auf mich gewartet hatte. „Na? Überlebt?“

Er breitete die Arme aus und ich drückte ihn herzlich, dann flüsterte er grinsend: „Willkommen im Team, Kollegin.“


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    ist zwar nur ein kurzes Kommentar: Aber bin gespannt auf die nächsten Kapitel. 5/5 Sterne :)

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Feenstaub

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