Elisabeth


Auf den Gängen sahen mich weiß gekleidete Frauen missmutig an. Raus. Ich musste raus hier. Die ersten Schritte vor dem Gebäude brachten mich zum Stürzen. Ich riss mir die Hose auf, meine Knien bluteten, doch ich merkte es nicht. Das Blut rauschte durch meine Ohren. Leute kamen auf mich zu. Wahrscheinlich wollten sie mir helfen. In jenem Augenblick aber wirkten sie auf mich wie gesichtslose Wesen, die mich berühren wollten. Unter Schmerzen schaffte ich es irgendwie aufzustehen und weiter zu laufen. Ich musste weg. Weit weg. Ich verließ die geräumten Straßen und lief durch den hohen Schnee. Nach wenigen Minuten merkte ich meine Zehen nicht mehr. Es begann zu schneien und die Schneeflocken schmolzen auf meinem erhitzten Gesicht. Ich weiß nicht, wie lange ich durch den knirschenden Schnee lief. Erst als ich mich gegen den Drahtzaun, der das Grundstück begrenzte, fallen ließ merkte ich, wie erschöpft ich war. Der Maschendraht schnitt sich in meine Hände. Doch der Schmerz war mir ein willkommener Gast. Nach einigen Minuten arbeitete mein Verstand wieder. Langsam sah ich mich um. Eine weiße Schneelandschaft umgab mich. Wohin ich auch sah - alles weiß. Mist. In welche Richtung war ich gelaufen? Hals über Kopf los zu rennen war wohl doch keine gute Idee gewesen. Link am Zaun lang oder rechts? Ich sah an mir herunter. Die aufgerissene Jeans war an den Knien blutig und gefroren. Meine Zehen kribbelten nicht einmal mehr. Schnee war überall. In meinen Schuhen und Socken, sogar an meinen Ärmeln. Ich schlang meine Arme um meinen Oberkörper. Doch das half nichts. Mein ganzer Körper war ein einziger Eiszapfen. Sollte ich jetzt los laufen? Brachte das überhaupt was? Müdigkeit kroch in meine Glieder und Gedanken. Langsam rutschte ich auf den Boden. So unangenehm war der Schnee gar nicht. Nur ein bisschen schlafen. Nein! Das wäre mein Tod. Ich lächelte. Vielleicht war das meine Todesart. Tod durch Erfrierung. Ich hatte mich schon immer gefragt, wie ich sterben würde, denn mein Tod war der Einzige, den ich nicht sehen konnte. Meine Augen wurden schwer. Nur ein bisschen dösen. Nur ein bisschen...

"Hey! Wach auf! Hallo? Scheiße..."

Was war das? Irgendwie passte das gar nicht in meinen Traum. Seltsam.

"Scheiße! Willst du hier sterben oder was?"

Sterben? Ich? Komischer Gedanke. Ich schlief doch nur.

"Mist ... Scheiße ... Wo ist .... Ah ... Warte ...Hier!"

Feuer rann durch meinen Körper. Warmes, eigenartig schmeckendes Feuer. Mhm... Seltsamer Traum.

 "Wach auf! Verdammte Scheiße wach auf!"

Das Fluchen nervte mich langsam gewaltig. Ich versuchte meine Augen zu öffnen. Warum fiel mir das nur so schwer?

"Ja! So ist es gut. Hier beißt heute keine ins Gras. Verstanden?"

Die Worte ergaben gar keinen Sinn. Ich döste wieder weg.

"Nein, nein, nein! Hier wird nicht geschlafen. Wach auf!"

Ich öffnete die Augen. Das grelle Licht blendete mich und für einen Moment wusste ich gar nicht, wo ich mich befand. Und wer kniete da vor mir? Es war ein Mädchen. Vielleicht so alt wie ich. Ihr Gesicht war erhitzt und kleine braune Locken sprangen unruhig auf ihrem Kopf hin und her.

"Wer bist du?"

Meine Stimme klang rau und leise.

"Scheiße ... Die bessere Frage ist doch, wer du bist und was du hier machst?"

Ich wollte ihr schon sagen, dass sie nicht so viel fluchen soll, als sie Anstalten machte mich hoch zu ziehen.

 "Nicht anfassen! Ich komme schon allein hoch."

Sie sah mich skeptisch an. Zuckte dann mit den Schultern und sagte: "Wie du meinst. Wollte nur helfen." Das Aufstehen war schwerer als erwartet. Anscheinend lag ich länger im Schnee als mir bewusst gewesen war. Doch letztendlich hatte ich es geschafft. Das Mädchen nickte zufrieden.

"Halt dich kurz am Zaun fest. Hier, meine Jacke. Zieh die an. Jetzt schau nicht so. Zieh die scheiß Jacke an!"

Ich tat wie mir befohlen.

"Und jetzt trink das hier."

Sie gab mir einen kleinen silbernen Becher mit einer roten Flüssigkeit.

"Was ist das?"

 Sie verzog schnaufend die Augen. "Ist doch egal. Es ist zum Trinken und warm. Genau das, was du jetzt brauchst. Jetzt trink verdammt noch mal."

 Schnell nahm ich einen Schluck. Die warme Flüssigkeit rann durch meinen Körper. Mein Gesicht wurde warm und pochte verdächtig.

"Und jetzt hopse auf meinen Rücken."

Ich verschluckte mich. "Wie bitte?" Erneut verdrehte sie ihre Augen.

"Du kannst schlecht bis zurück laufen. Ich trage dich und jetzt hab dich nicht so und spring..."

Sie kam näher und wollte mich an den Oberarm greifen.

"Nein! Nicht anfassen!"

Ich musste so panisch geklungen haben, dass sie erschrocken zurück sprang.

"Bitte. Nicht anfassen. Ich laufe allein. Das geht schon. Das warme Trinken hilft."

Sie sah mich musternd an. Nach einigen Sekunden zuckte sie nur erneut mit den Schultern und nickte mit dem Kopf in Richtung Süden.

 "Musst du wissen. Hier geht's lang. Aber nicht wieder einschlafen."

Ich nickte erleichtert.                                                                                          

 

Der Rückweg kam mir vor wie Stunden. Ein paarmal wollte ich aufgeben - doch ihre Stimme, die mir leise zuflüsterte Ami, lauf weiter ermutigte mich bis zum Schluss. Ich hätte am liebsten geweint, als ich Haus Sonnenstern sah, aber ich war so erschöpft, dass nicht eine Träne ihren Weg in die Freiheit fand. Vor Zimmer 051 blieben wir stehen und zu meiner Überraschung zog sie einen Schlüssel aus ihrer Hosentasche und öffnete meine Zimmertür. Sie bemerkte meinen erstaunten Blick.

"Anscheinend sind wir Zimmerschwestern."

Während sie eintrat sagte sie leise, wohl eher zu sich als für meine Ohren bestimmt: "Toll. Das kann ja lustig werden."

Ohne auf das Gesagte einzugehen ging ich in das Bad und stellte die Dusche an. Mir war so kalt, dass meine Hände vor Zittern kaum den Wasserhahn bewegen konnten. Das Ausziehen der Kleider war dann noch eine Tortur für sich. Die Sachen klebten kalt, nass und schwer an mir. Jede Bewegung versetzte meinen Körper Schmerzen wie tausende kleine Nadelstiche. Selbst das warme Wasser schien kochend heiß über meinen Körper zu laufen. Etwa eine halbe Stunde später ging es mir wieder besser. Ab und zu lief mir zwar noch ein kalter Schauer über den Rücken, aber ansonsten hatte ich wieder normale Betriebstemperatur. Mit einem Badehandtuch eingewickelt kam ich aus dem Bad. Ich richtete mich schon auf vorwurfsvolle Blicke meiner neuen "Zimmerschwester" ein, doch als ich den Wohnbereich betrat war er leer. Erleichtert ging ich zu meinem Kleiderschrank und zog mir das Wärmste an, was der Inhalt zu bieten hatte. Erschöpft fiel ich auf mein Bett. Gegenüber war das Bett nun bezogen. Die Wand war übersät mit vielen Postern. Nur ab und an konnte ich eine kleine Ecke weiß von der Tapete sehen. Auch eine interessante Art zu tapezieren, dachte ich mir noch, bevor ich in einen traumlosen Schlaf fiel. Gedämpfte Musik weckte mich. Ich streckte mich ausgiebig und öffnete langsam die Augen. Meine "Retterin" saß mir mit großen pinken Kopfhörern gegenüber und starrte durch mich hindurch. Langsam setzte ich mich auf. Mein ganzer Körper schmerzte und ich konnte mir ein "aua" nicht verkneifen. Ohne ein Wort zu sagen stand meine Retterin, einen Namen hatte ich ja nicht, auf, ging zum Tisch und kam mit einem Zettel zurück, welchen sie mir wortlos reichte. Ich nahm ihn, ebenso wortlos, entgegen. "Haus Sonnenstern, Zi. 051, Ihr Termin für die psychologische Sprechstunde findet morgen 09.30Uhr in Haus A, 2. Etage, Zi.010 bei Dr. med. J. Molleberg statt. MfG Frau Brecht, Sekretariat" Wütend knüllte ich das Papier zusammen und schmiss es quer durch das ganze Zimmer.

"Mensch. Da freut sich aber jemand wahnsinnig auf seine Sprechstunde."

Ich verkniff mir sie anzuschauen. Jedoch konnte ich ihr breites Grinsen sehr gut in ihren Worten hören.

 

"Ich bin Elisabeth. Du kannst mich Elli nennen. Und du bist?"

Erstaunt sah ich sie an.

"Amalia. Aber du kannst Ami sagen."

Enthusiastisch sprang Elli auf und setzte sich neben mich auf mein Bett, bedacht mich nicht zu berühren, was ich sehr sympathisch fand.

"Du hast schöne Haare. So schön lang und glatt. Ich bekomme immer mehr Locken."

Elli schüttelte ihren Kopf wie ein Hund, wobei ihre Locken lustig hin und her sprangen.

 „Du hast mir vorhin einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Das habe ich lange nicht mehr erlebt, aber es ist schön, dass es dir gut geht. Wie lange bist du schon hier? Und warum? Misshandlung? Drogen? Bei meinen Eltern sind es Drogen. Also keine falsche Zurückhaltung. Ich hab schon alles gehört.“

Sie sah mich erwartungsvoll an. Jedoch war ich so überrumpelt, dass ich gar nicht so schnell wusste, was ich sagen sollte. Als Elli schließlich merkte, dass keine Antwort kommen würde, seufzte sie.

„Mensch Ami. Du brauchst dir keine Lügen ausdenken.“

Ich schüttelte den Kopf. „Das wollte ich auch nicht. Du hast mich mit deinen ganzen Fragen überrascht.“

Sie musterte mich. „In Ordnung. Ich glaube dir. Bringt eh nichts mich anzulügen. Ich sehe nämlich immer, ob jemand lügt.“ Dabei sah sie so ernst drein, dass ich lachen musste. Und mein eigenes Lachen überraschte mich.

„Du glaubst das wirklich, oder? Ich meine … du glaubst wirklich, dass du Lügen erkennst. Statistisch gesehen ist das bestimmt ab und zu möglich, aber niemand erkennt immer Lügen.“

Sie musterte mich eingehend und schien über irgendetwas nachzudenken. Dann streckte sie sich, knackte mit ihren Fingern und sah mir tief in die Augen.

„Stell mich auf die Probe. Ich stelle dir Fragen und du beantwortest sie. Dabei kannst du Lügen oder die Wahrheit sagen. Ich werde es herausfinden.“

 Elisabeth klang dabei so überzeugt von sich, dass ich unbedacht zustimmte.

„Also Frage Nummer Uno. Wie heißt du mit Nachnamen?“    

„Stone.“          

„Das war die Wahrheit. Und warum Stone? Kommst du aus Amerika?“

Ich versuchte bei meinen Antworten keine Miene zu verziehen. Jeder abschweifende Blick konnte mich verraten, also setzte ich mein Pokerface auf. „Ja. Ich bin in Amerika geboren, aber kurz danach mit meinen Eltern hier her gezogen.“

Elli lächelte. „Netter Versuch, aber das war eine Lüge.“

 Mist. Zufall. „Mein Vater hieß Stone.“

Elli nickte. Langsam beschlich mich die leise Ahnung, dass die „Befragung“ doch nicht so gut verlaufen könnte, wie geplant.

„Na, wirst du schon nervös?“

„Nein.“

„Lüge. Warum bist du hier?“

Ich seufzte. Sollte ich das Spiel weiter machen? Was, wenn der Lockenkopf besser war als gedacht?

„Frau Molleberg sagt, wegen starker Psychose durch Verdrängung.“

Elli nickte zustimmend. „Nett, dass du mal die Wahrheit sagst. Auch wenn sie es wohl gesagt hat, aber eigentlich was anderes meinte.“

Das konnte sie doch aber nun wirklich nicht wissen.

„Verdrängung. Soso … Und warum darf ich dich nicht berühren?“

Ich versteifte mich. Was sollte ich jetzt sagen? Das Übliche – Haphephobie? War ja nicht mal wirklich eine Lüge. Mal sehen, wie Elli mit einer halben Lüge umgehen würde.

 „Haphephobie.“ Nach dieser Antwort wurde es kurz still.

„Das ist zwar teilweise die Wahrheit, aber das ist nicht alles. Warum darf ich dich nicht berühren, außer, dass du Angst davor hast?“ Sie überlegte kurz. „Warte. Die bessere Frage ist vielleicht, warum hast du Angst vor Berührungen?“

 Diese Fragen wurden jetzt echt zu heikel. „Du weißt, was Haphephobie ist?“ Elli zuckte nur mit den Schultern.

 „Hier haben alle einen kleinen Dachschaden. Ich habe so ziemlich alles schon gehört und gesehen. Also?“

Dachschaden -das war ein Schlupfloch. Elli musste einfach glauben, dass ich einen Dachschaden hatte. Und so atmete ich tief durch, gefolgt von einem theatralischem Seufzer, bis ich schließlich sagte: „Wenn ich jemand berühre sehe und spüre ich seinen Tod.“ Ha! Das konnte sie ja unmöglich glauben. Doch als Elisabeth sich ihre Hand vor den Mund schlug und blass wurde, bekam ich große Zweifel an meiner Theorie.

 „Du meine Güte.“ Elisabeths Augen füllten sich mit Tränen. „Und ich habe immer gedacht, dass ich mit meiner Gabe bestraft bin.“ Ich bekam Panik und schon hob Elli beruhigend ihre Hände. „Du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde niemanden etwas verraten. Wie lange kannst du das schon?“ Verdammt! Sie nahm mein Gesagtes echt ernst. Das war heute wirklich nicht mein Tag. Nun hieß es Schadensbegrenzung, obwohl ich es dadurch nur noch schlimmer machte.

 „Das war doch nur ein Scherz. Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich den Tod von anderen sehe?!“

Elli sah mich mitleidig an. „Und spürst. Das ist echt der Hammer. Ami… du brauchst dich nicht zu rechtfertigen. Du hast dir diese Gabe nicht ausgesucht. Ich meine auch nicht. Weißt du, seit ich denken kann, sehe ich die Auren aller Menschen. Dadurch erkenne ich ihre Emotionen, ob ich will oder nicht. Ich erkenne, ob sie Lügen oder die Wahrheit sagen. Trauer sehe ich, genauso wie Hass. Und manchmal erkenne ich eine Aura, die was ganz besonderes ist. Eine Aura wie meine, die zeigt, dass der Besitzer eine besondere Gabe hat. Welche weiß ich jedoch nicht. Dass du eine ganz besondere Gabe hast, wusste ich schon, als ich dich im Schnee gefunden habe. So eine klare pulsierende Aura habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Du überstrahlst alle. Und das du die Zukunft sehen kannst, ist verdammt … Wie drücke ich es jetzt aus? Es ist verdammt gefährlich für dich. Du kannst echt froh sein, dass du hier bist und nicht bei den Anderen.“ Irritiert sah ich sie an. „Ich erklär es dir später. Jetzt lass uns erst mal was essen gehen.“ Elli ließ sich, egal was ich noch sagte, nicht von ihrer Meinung abbringen. Ganz große Klasse! Nun hatte ich eine aufdringliche Psychiaterin an der Hacke und eine durchgeknallte Emotionen-Leserin. Ganz toll. Obwohl ich, insgeheim, gar nicht daran glaubte, dass Elisabeth durchgeknallt war. Sie war wie ich, nur vollkommen anders.                                                                  

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media