Email aus Boston

Kurz nach 23 Uhr Boston Ortszeit stand Michael an der Rezeption seines Hotels. Er hatte online gebucht und erhielt innerhalb Minuten seine Key-Card. Natalie hatte zwei Meter neben ihm eingecheckt. "Zufälligerweise" hatte sie das Nachbarzimmer. Michael nahm das aus den Augenwinkeln wahr und überlegte, wie er den Weg zu seinem Zimmer wohl ohne diese Klette zurücklegen könnte. Er fragte noch an der Rezeption, ob denn schon eine Nachricht für ihn hinterlassen worden sei.  Die Hotelkraft sah nach, kam an das Pult zurück und verneinte. Am Rand seines Gesichtsfeldes wartete Natalie ganz offensichtlich um mit ihm in den selben Lift zu kommen. "Du kriegst mich nicht, Mata Hari!" Dachte er. Er wollte das Gepäck nicht aufs Zimmer bringen lassen, weil auch sein Laptop mit zahlreichen wichtigen Dateien dabei war. Mit dem Koffer in die Hotelbar zu gehen war aber auch keine Option. Schließlich ging er Richtung Lift. Natalie folgte ihm einem Schatten gleich. Er ging in den Lift. Als Natalie den Lift hinter ihm betrat, entschuldigte er sich und tat, als hätte er etwas vergessen. Er verließ den Lift so schnell, dass Natalie ihm gar nicht mehr folgen konnte. An der Anzeige konnte er erkennen, dass der Lift bis in den sechsten Stock fuhr. In der Zwischenzeit war der andere Aufzug gekommen, den er sofort betrat.  Als er oben ankam war der Flur vor ihm leer. Er schlich zu seiner Suite und verschwand darin, bevor seine "Verfolgerin" die Nase aus ihrem Zimmer halten konnte. Er stellte den Koffer ab und warf seine Jacke auf einen Sessel. Sein Laptop stellte er auf den Tisch und stellte es an. Er hatte an der Rezeption einen eigenen wireless-key gekauft. Er hatte keine Lust auf Datendiebstahl. Er legte die Karte mit dem Key neben das Gerät und warf sich der Länge nach auf das Bett. Es war an der Zeit, mal kräftig durch zu atmen. Sein Zimmertelefon läutete. "Montar?" - "Würden sie mir die Freude machen, ein Glas Sekt mit mir zu trinken, Michael?" Flötete Natalie mit etwas zu rauchiger Stimme in den Hörer. "Natalie, ich bin untröstlich, aber ich bin geschäftlich hier und muss meine Unterlagen nochmal durchgehen. Ich möchte meiner Kundschaft morgen keinesfalls unvorbereitet gegenüberstehen!" - "Nur ein Glas, Michael! Bitte!" - "Ich enttäusche sie nur äußerst ungern, meine Liebe, aber ich verdanke meinen Erfolg zu einem Gutteil meiner Konsequenz! Bitte seien sie mir nicht böse, aber heute wird das nichts mehr." - "Oh, sie Schlimmer! Dann holen wir das aber morgen nach, ja?" - "Da reden wir morgen nochmal darüber Natalie! Ich wünsche ihnen eine gute Nacht! Träumen sie was Schönes!" - "Gute Nacht!" Auftrag oder nicht, es ärgerte Natalie, dass dieser Mann überhaupt nicht auf ihre Annäherungsversuche einging. Sie hatte schon die treuesten Ehemänner verführt. Ihr hatte noch nie einer widerstehen können. Sie hatte normal eine Erfolgsquote von hundert Prozent. Sie war noch nie an einem Auftrag gescheitert. Sie hatte schon viele Firmenbosse erpressbar gemacht, Aber dieser Montar schien immun gegen ihren Charme zu sein. Oder er hatte tatsächlich wahrgenommen, dass sie engagiert  worden war, um ihn auszuhorchen und verwundbar zu machen.

Michael gab den wirelesskey ein und ging ins Netz. Er öffnete sein Mail-Programm und schrieb seiner Silvie:

Guten Morgen, mein Engel!

Denn ich denke, wenn du das liest, wird es bei dir Morgen sein. Bei mir kurz nach Mitternacht, denn ich hinke hier sechs Stunden hinter euch her. Weißt du, mein Liebling, obwohl wir (noch) nicht zusammen wohnen, habe ich voll Heimweh nach euch. Man nennt das wohl Sehnsucht. Ich würde jetzt gern bei dir liegen und dich in den Schlaf streicheln. Hier in Boston allein im Hotelzimmer fühl ich mich einsam! Du fehlst mir!
Etwas seltsames geht vor, was meine Erfindung betrifft. Als ich im Flieger Platz genommen hatte, gesellte sich eine sehr hübsche blonde Frau zu mir. Ich werde den Eindruck nicht los, dass sie auf mich angesetzt ist. Sie wusste erstaunlich gut über mich und meine Arbeiten Bescheid und versucht sich ständig an mich ran zu machen. In einer Art und Weise, die fast schon peinlich ist. Du weißt ja, was ich vorhabe mit meiner Energiegewinnungsform. Irgendwie muss die Industrie davon Wind bekommen haben, dass eine ernst zu nehmende Konkurrenz auf dem Weg ist, die man bei Zeiten aufhalten oder ausschalten sollte. Ich bin überzeugt, dass diese Natalie damit beauftragt wurde, mich zu überwachen, vielleicht sogar um mich erpressbar zu machen. Ich habe jedenfalls ihre Einladungen bisher alle abgelehnt und versuche dieser Klette aus dem Weg zu gehen. Du brauchst übrigens nicht eifersüchtig zu sein. Wenn ich eine Beziehung habe, und die haben wir, kann mich Keine weichkochen. Es gibt für mich nur meine Silvie, die ich jetzt schon schmerzlich vermisse! Hab einen schönen Tag mein Liebling und grüße Tommy von mir. Ich schicke dir nicht tausend Küsse! Ich schicke dir nur Einen, mein Engel. Einen, der sich anfühlen soll, als wär ich bei dir und hielte dich die ganze Nacht in meinen Armen! Ich hab dich sehr lieb, meine Silvie, sehr, sehr lieb!

Gute Nacht euch beiden!

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