Emily

Emily

 

Nie hätte ich vermutet, dass er mein Herz noch immer schneller schlagen lassen könnte. Doch er konnte und er tat es.  

Sein Kiefer war ausgeprägter und der Dreitagebart stand ihm außerordentlich gut.Das Haar war einen ticken dunkler als früher. Und dann waren da diese Muskeln. Ich konnte sie nicht direkt sehen, doch die Art, wie sein Shirt sich unter der offenstehenden Jacke um seinen Körper schlang versprach, dass sie da waren.  

Er sah fantastisch aus und nur die Art, wie freundlich er trotz unserer Vergangenheit mit gegenüber war, übertraf das noch.  Vielleicht war es ihm ja überhaupt nicht mehr wichtig, was früher einmal war. Vielleicht war ich nicht mehr für ihn, als eine alte Bekannte. Eine unschuldige kleine Jugendliebe.  

Automatisch fragte ich mich, als was ich ihn ansehen würde, wenn ich nicht neun Monate lang seine Tochter unter dem Herzen getragen hätte. Die Aufzugtüren öffneten sich und Jamie löste den Blick, um mir zu bedeuten voranzugehen.
»Wir müssen rechts rum und dann ist dein Zimmer...«

»Die zweite Türe auf der linken Seite. Ich weiß.«, unterbrach ich ihn und wurde mit einer fragenden Miene bedacht. Ich klärte ihn auf. »Ich habe Mason vor Weihnachten hier besucht, deswegen weiß ich wo Avas Zimmer sein muss.«  

»Oh. Okay, dann ist ja alles gut.« Das Zusammenspiel seiner fröhlichen Stimme mit den düsteren Augen deutete darauf, dass es nicht gut war. Irgendwas schien ihn zu stören.  

Wir kamen an den Zimmertüren an und mich erfasste eine seltsame Unruhe. Was, wenn er morgen wieder weg sein würde? Ich war es Mia schuldig mit ihm zu reden. Ganz tief in mir drin wusste ich jedoch bereits, dass Mia nur ein kleiner Teil war, der mich dazu verleitete die Worte auszusprechen.  »Möchtest du gleich vielleicht noch auf einen Drink rüberkommen?« Es war raus, ich konnte es nicht zurücknehmen. Angespannt wartete ich.  

Er starrte mich mit leicht geöffneten Lippen an und als ich schon dachte, er bliebe stumm, antwortete er: »Wäre in zehn Minuten okay?«  

Ich nickte und zog die Schlüsselkarte durch den Türschlitz. »Bis gleich, Jamie.«

+++

Nahezu panisch stolperte ich durch mein Zimmer, nachdem ich die Türe hinter mir geschlossen hatte. Ich riss mir auf dem Weg ins Bad den Mantel vom Leib. Spiegelcheck: Meine Bluse war glücklicherweise nicht verknittert, da der weiße Seidenstoff recht unempfindlich war. Ich strich sie an der Taille glatt, wo sie in meinem cognacfarbenen Bleistiftrock verschwand. Dann beugte ich mich vor und strich, kopfüber, mit den Fingern durch mein Haar, nur um es dann, als ich mich wieder hochbeugte, glatt zu streichen. Mein Makeup war teuer und hielt zum Glück was es versprach. Danke dem Erfinder von 24h Halt.  

Es klopfte an meine Türe und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich hatte keinen Plan, was ich ihm sagen wollte. Worüber ich mit dem, mir mittlerweile fremden Mann, sprechen sollte. Ich öffnete die Türe und als ich seinem, mir so wohlvertrauten Grinsen entgegenblickte, fiel ein Großteil meiner Anspannung ab.  

»Hey Em.«  

»Hey. Komm rein.« Ich schritt zur Seite um ihm Einlass zu gewähren. Davon ausgehend, dass er in den Raum ging, war ich umso überraschter, als ich in ihn reinlief, nachdem ich die Türe geschlossen hatte.  

Er legte die Hände seitlich an meine Arme, um mir Halt zu geben. Genauso gut hätte er blanke Stromkabel an mich halten können, denn der Effekt wäre der selbe gewesen. Hitze fuhr durch meinen Körper. Gefühle, die seit Ewigkeiten schlummerten wurden geweckt.  Jamies Griff um meine Arme verstärkte sich, obwohl ich nun wieder sicher auf meinen Füßen stand. Seine Augen hatten die Farbe von geschmolzenen Karamell als seine Hand an meinem Arm hoch und dann über meine Schulter wanderte. Seine Fingerspitzen berührten meinen Hals und ein Wimmern entfloh meinen Lippen. Er kniff die Augen für einen sekundenbruchteil zusammen, ließ die Hand sinken und machte einen kleinen Schritt zurück. Auch ich kam wieder zur Besinnung, holte tief Luft und war bemüht eine gute Gastgeberin zu spielen.  

»Setz dich doch. Möchtest du was trinken?«, ich beugte mich runter zur Minibar um zu sehen, ob sie überhaupt etwas trinkbares hergab, »Ich habe Bier, Wein und Wasser zu bieten.«

»Das sehe ich.« Etwas dunkles in Jamies Stimme bewegte mich dazu, mich zu ihm umzudrehen.  Er starrte unverhohlen auf meinen Hintern. Ein machtvolles Glücksgefühl überkam mich und ich grinste ihn an. »Und was davon möchtest du haben?«  

Jamie riss die Augen auf und sofort erkannte ich Mia in ihm wieder. Sie machte haargenau das selbe Gesicht, wenn ich sie in der Küche mit der Hand in der Keksdose erwischte.  

»Wein?«, stammelte er.  

»Gerne.« Ich nahm die Flasche, zwei Gläser und den Öffner, stellte alles auf dem kleinen Tischchen vor dem Sofa ab und setzte mich neben ihn. Gleichzeitig griffen wir nach dem Flaschenöffner. Unsere Finger berührten sich und erneut schoss ein Prickeln durch meinen Körper. Schon immer hatte er diese besondere Wirkung auf mich. Mit Dan war es nie annährend so. Ich schob es immer darauf, dass Jamie der Erste in meinem Leben war und ich ihn daher innerlich auf ein Podest stellte. Doch das hier bildete ich mir nicht ein. Es war echt.

»Ich öffne die Flasche. Wenn du das tust, müssen wir wieder verkorkten Wein trinken.« Jamie lächelte und ich wusste sofort auf welche Erinnerung er abzielte.  Der Abend unseres ersten Males. Er hatte eine sehr teure Flasche Wein aus dem Weinkeller seines Vaters gestohlen und als ich sie öffnete, bröckelte der Korken auseinander und schwamm in tausend kleinen Teilchen in unseren Plastikbechern umher. Röte stieg mir ins Gesicht. »Wenn du meinst. Obwohl ich mittlerweile besser darin bin.« Obgleich meine Antwort ganz klar auf das Öffnen von Falschen abzielte, sahen wir uns tief in die Augen. Dachten wir beide daran, was nach dem Wein passierte?

Jamie öffnete die Flasche und füllte die Gläser, um mir dann eines davon zu reichen.  

»Na dann. Auf alte Zeiten.« Er hob sein Glas und einen leises "kling" ertönte, als es mit meinem zusammenstieß.  

»Auf alte Zeiten.«, wiederholte ich. Dann wieder Stille. Auch er schien nach einem Weg zu suchen, normal mit mir umzugehen. Ich drehte den Stiel meines Glases hin und er und betrachtete die wogende, rote Flüssigkeit.  

»Also, du besuchst Mason hier? Du wohnst doch in Ohio, oder?«  

Ja ich wohne in Ohio in einem Haus, welches mein Exmann für meine Tochter und mich gekauft hat. Ach und übrigens, sie ist auch dein Kind, von dem ich dir wahrscheinlich nie erzählt hätte, wenn mein Bruder nicht mit Ava zusammengekommen wäre. Ich verwarf die selbstmörderischen Gedanken und antwortete wahrheitsgemäß: »Ja. Unter anderem. Ich habe morgen einen Termin mit seinem Manager. Vielleicht hat er einen Job für mich im Bereich Marketing.«

»Marketing? Du hast also wirklich Marketing studiert?« Er sah mich interessiert an. Er wusste noch, wovon ich damals träumte.

»Ja. Eine Zeit habe ich als freie Mitarbeiterin in einer Werbeagentur gearbeitet. Leider ist die Firma an die Ostküste gezogen und deswegen muss ich mich neu umsehen.«

»Es freut mich, dass du das tust, was dir schon immer Freude bereitet hat.« Jamies Lächeln war ehrlich und freundlich. Und er hatte recht: Das vermarkten neuer Ideen war bereits zu Schulzeiten eine meiner Stärken, weswegen ich jedes Jahr erneut zur Klassensprecherin gewählt wurde um die Interessen der Schüler zu vertreten und diese den Lehrern schmackhaft zu machen. Unweigerlich dachte ich über Jamies Leben nach unserer Beziehung nach. Er war Tänzer geworden, so wie er es sich immer wünschte.  »Tust du auch das, was dir immer Freude bereitet hat?«, fragte ich direkt.  

Jamies Gesicht wurde ernst. Er antwortete nicht sofort. Ich kannte diesen Blick. Etwas passte ihm nicht. Er war zwar älter geworden, doch sein Gesicht war scheinbar weiterhin ein offenes Buch für mich.  

»Bis jetzt schon. Aber ich werde künftig verstärkt meinem Vater unter die Arme greifen.«  

Seine Antwort schockierte mich. Die Welt seines Vaters war noch nie seine gewesen. »Aber... was hat sich geändert? Du wolltest das nie.«  

Ein gequältes Lächeln seinerseits, veranlasste mich ihm eine Hand auf sein Knie zu legen. Er blickte auf meine Hand und nahm dann einen Schluck Wein, bevor er antwortete. »Naja, Em. Irgendwann müssen wir alle erwachsen werden, findest du nicht?«

Dieses "Irgendwann" lag für mich bereits einige Jahre zurück. Ich zog meine Hand resigniert zurück.       »Da könntest du Recht haben.«

»Und, bist du...hast du jemanden?« Er sah mich nicht an, als er die Frage stellte.  

Ich beschloss, zumindest was das anging, ehrlich zu ihm zu sein. »Nein. Ich bin seit einem Jahr geschieden.«  

 »Du warst verheiratet?«  

»Es war...ein Fehler. Er war ein guter Mann...«, ich atmete tief durch, »… aber er war nicht der, den ich wollte schätze ich.«

Jamies Blick schoss hoch. Entgeistert sah er mich an. Ich wusste nicht was mich dazu bewegte derart offen zu sein.  

»Du warst Die, die einfach gegangen ist.« Er stand auf und raufte sich die Haare. »Em, was zum Teufel hab ich damals falsch gemacht?«  

»Was?«, platzte es aus mir heraus. Er war der Traum jeder Schwiegermutter. Nie hätte er mich verletzt, was ja schließlich der Grund für mein Gehen war. Auch ich stand auf, stellte mich vor ihn und blickte zu dem Mann auf, der mich um fast einen Kopf überragte. Ich umfasste sein Gesicht mit meinen Händen. »James, es gibt so viel zu bereden, aber eines solltest du wissen: Du hast nie auch nur das geringste falsch gemacht. Du warst der perfekteste Freund, den man sich wünschen konnte.« Lange sahen wir einander an. Wenn ich ihn als Teenager schon heiß fand, dann fehlten mir jetzt die Worte. Er konnte eine Frau nur durch seinen Blick dazu bringen, ihr Höschen loswerden zu wollen. Auch er hob seine Hand und strich mir eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. Als er sie hinter mein Ohr schob, berührten seine Fingerspitzen wieder  meinen Hals. War es Zufall, oder wusste er noch, dass ich an dieser Stelle sehr empfindlich war? Langsam beugte er sich zu mir herunter. Ich spürte seinen warmen Atem, bevor er mit leicht geöffneten Lippen über meine fuhr. Die Berührung war so unschuldig, dass ich mich fragte, ob ich sie mir einbildete. Ich schloss die Augen und genoss es auf diese Weise von ihm berührt zu werden. Das Verlangen, seinen Mund fest auf meinem zu spüren wurde immer stärker, doch ich konnte mich nicht regen. Ich merkte erst, dass ich die Luft anhielt, als ein Klopfen an meiner Zimmertüre den Moment jäh beendete.  

»Erwartest du jemanden?« Jamie rückte von mir ab und sah mich fragend an.

»Nein.«, antwortete ich wahrheitsgemäß und öffnete die Türe. Ein hellgrünes Plüscheinhorn mit blauen Glitzeraugen blickte mir entgegen, bevor Ava »Überraschung« brüllte und mir um den Hals fiel. Ich stand wie angewurzelt da und als sie mich aus der innigen Umarmung entließ, erblickte ich auch Mason, der hinter ihr stand und mich angrinste.  

»Oh oh.« Ava erstarrte. »Was?«, fragte Mason. Als er sich an ihr vorbeidrängte, erkannte auch er meinen Besucher.  

»Wir hätten wohl Bescheid sagen sollen, dass wir vorbeischauen.« Er gab mir einen Kuss auf die Wange und ging dann rüber zu Jamie um ihn ebenfalls zu begrüßen. Auch Ava schüttelte die Überraschung ab, zuckte mit den Schultern und fiel Jamie dann ähnlich euphorisch um den Hals.  

Jamie schien sich in der Situation nicht sonderlich wohl zu fühlen und auch ich hätte es bevorzugt, wenn dieser Moment vorhin nicht unterbrochen worden wäre.  

»Em, es tut mir so leid, dass ich das mit dem Abholen vom Flughafen verpennt habe.« Mason sah mich entschuldigend an.  

»Schon ok. Verlass dich auf deinen Bruder und du bist verlassen.« Ich zwinkerte ihm zu und sah wieder zu Jamie. Hätte Mason sich gekümmert, dann wäre ich ihm am Flughafen nicht begegnet. Die Schusseligkeit meines Bruders hatte also mal etwas Gutes. Jamies Blick war richtete sich nun auf das Mitbringsel in Avas Armen. Die beiden wussten, dass Mia diese Plüschtiere sammelte und wollten es mir sicher mitgeben um ihr eine Freude zu machen.  

»Ein Einhorn?« er zog die Augenbrauen hoch und musterte Ava skeptisch.  

»Ähmm, wie?« Ava sah Mason, mich, wieder Mason und dann Jamie an. »Em, sammelt diese Dinger...« Na klasse, was besseres fiel ihr wohl nicht ein.

»Wa... Also, ich hab das ein oder andere davon zuhause. Ja.« Das war zumindest nicht ganz gelogen.  

»Naja, wir sollten vielleicht dann mal los. Mase hat Unterlagen in seinem Hotelzimmer vergessen, deswegen sind wir eigentlich hier. Wir wussten ja nicht, dass du Besuch hast. Sorry.«, stotterte Ava verlegen. »Wir wollten morgen Abend was schönes Kochen. Wenn ihr Lust habt...« Mason nahm seine Freundin in den Arm, die nervös auf ihre Unterlippe biss.  

»Ich wollte eh morgen bei euch vorbeischauen.«, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. Nun sahen alle zu Jamie hinüber. »Klar, wieso nicht.«, erwiderte er und schob sich die Hände in die Hosentaschen.  

»Gut, dann bis morgen und...schönen Abend euch noch.«, trällerte Ava, während sie Mason, der uns nur zunickte, aus der Türe schob und diese hinter sich schloss.

»Das war seltsam.«

»Welchen Teil meintest du?« Jamie lächelte, ging hinüber zu meinem Bett und hob das Einhorn hoch, welches Ava dort beim Hinausgehen platziert hatte. »Du sammelst also seltsame Plüschtiere?«  

Ein besitzergreifendes Gefühl überkam mich, als ich den Vater meines Kindes mit einem Stofftier in der Hand dort stehen sah. Ich konnte es nicht in Worte fassen, doch ich hatte bereits viel zu viel Zeit ohne diesen Mann verbringen müssen. Es war weder gut überlegt, noch hinsichtlich dessen, was ich ihm zu beichten hatte intelligent, doch ich bemerkte erst, dass ich mich auf ihn zu bewegte, als ich vor ihm zu stehen kam. Sein belustigter Gesichtsausdruck verflüchtigte sich und seine bernsteinfarbenen Augen funkelten herausfordernd..

»Machst du dich über mich lustig, James Donovan?«

»Was, wenn es so wäre?« Er kam einen Schritt auf mich zu und schloss damit die Lücke, welche ich zwischen uns gelassen hatte.  
 

» Wäre schade für dich, denn ich spiele nicht nur mit Kuscheltieren.«

Er beugte sich zu mir vor und ich spürte seine Lippen an meinen während er fragte: »Kleine Em, womit pflegst du denn noch zu spielen?«

Kommentare

  • Author Portrait

    Oooo sehr schön und aufregend! Toll geschrieben wie immer!

  • Author Portrait

    Absolut heiß! Du verstehst es, die kleinensten unscheinbaren Berührungen mit einem Höchstmaß an Erotik zu verbinden und das auch rüber zu bringen. Eine Kunst, die schon January auf ein besonderes Level hob...

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