Er schlägt sich gut

Die heruntergefallenen, braunen und stark vertrockneten Blätter der Bäume raschelten über die Straße. Sie waren die einzig verbliebenen Zeichen des harten Winters. Ich hockte auf einer kleinen Mauer, an einer großen Kreuzung, und wartete auf meinen Dad.
Nachdem ich mich verängstigt und stocksauer ohne James auf den Weg gemacht hatte, war er ohne ein weiteres Wort mit laut dröhnendem Motor an mir vorbeigerauscht. Dann, als mein Ärger halbwegs verflogen war, wurde mir schließlich bewusst, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich war.
In dieser Gegend war ich noch nie zuvor. Ungern hatte ich meine Eltern anrufen wollen, da ich gewusst hatte, dass dann Unmengen von unangenehmen Fragen auf mich zukommen würden.
Als ich mir jedoch meinen Rückweg durch den strömenden Regen vor ein paar Wochen in Erinnerung gerufen hatte, hatte ich dann doch die Nummer von Zuhause gewählt. Mein Dad hatte abgehoben. Ich hatte ihm mein Problem geschildert und sofort war er bereit gewesen mich abzuholen. Nun saß ich hier, baumelte mit den Beinen und dachte nach. Wieder einmal war ein Date daneben gegangen und anders verlaufen, als erwartet.
Wieso war James ausgerastet? Natürlich war ich ihm dankbar, dass er mich aus den Fängen des Betrunkenen gerettet hatte, doch ich hätte nie gewollt oder erwartet, dass er ihn halbtot schlagen würde. Ich hatte noch nie etwas Vergleichbares gesehen.
Seine Schläge waren äußerst präzise und schnell gewesen. Es hatte den Eindruck gemacht, als habe er so etwas schon öfters getan. Ich schüttelte wild den Kopf, um diese Gedanken zu verscheuchen.
James war ein guter Kerl, nicht wie viele Andere, die ich aus meiner Schule kannte. Ich empfand es als Riesenglück, dass ich ihn getroffen und so die Liebe meines Lebens gefunden hatte. Ich war mir hundertprozentig sicher, dass er mein Traummann war und dass ich keinen anderen Mann so sehr lieben konnte, wie ihn.
Nach dieser Erkenntnis machte mich sein Verhalten von heute Abend umso trauriger. Ich war maßlos enttäuscht. Enttäuscht und geschockt, dass er es ernst gemeint hatte, den Mann liegen zu lassen. Sonst war er immer zuvorkommend und höflich, doch in diesem einen Moment war er ein Monster gewesen. Ein Monster, das durstig nach Rache und Blut gewesen war.
Was, wenn ich es nicht geschafft hätte ihn zu stoppen? James hätte den Mann womöglich…
Nein, ich durfte über diese Möglichkeit nicht nachdenken. Ungeduldig wartete ich und hoffte, dass mein Dad bald kam. Ich hatte mir vorgenommen seinen Fragen auszuweichen oder sie gar nicht erst zu beantworten.
Immer, wenn ich die Scheinwerfer eines Autos an der Kreuzung entdeckte, sprang ich erleichtert auf und ging zum Straßenrand. Aber jedes Mal stellte ich frustriert fest, dass es andere Autos waren und nicht der Wagen meines Dads. Ich schaute auf die Uhr.
Ich saß bereits 45 Minuten auf der harten kalten Mauer und wartete. Als ich losgegangen war, hatte ich von Weitem die Sirene eines Krankenwagens gehört. Vermutlich war es der Krankenwagen gewesen, den ich gerufen hatte. Ich war beruhigt gewesen. Der Mann würde gut versorgt werden.
Endlich tauchte der Mercedes meines Dads auf. Er überquerte die Kreuzung und hielt neben mir an. Ich war verblüfft, dass er mich auf der Mauer entdeckt hatte. Erleichtert hüpfte ich von der Mauer herunter, lief zum Wagen und stieg ein. Direkt schlug mir die Wärme der Heizung entgegen. Mein Dad war in eine dicke Jacke gehüllt. Trotz der Wärme schien er zu frieren. Ohne ein Wort fuhr er los.
Er konzentrierte sich auf die Straße, während ich auf meine Hände starrte und meinen weißen Nagellack abkratzte. Die winzigen Stückchen rieselten auf den Ledersitz und ähnelten kleinen Insekten, die in der Luft umher flogen. Ich war verwundert, aber auch froh, dass er nicht mit mir redete. Ich hatte keine Lust ihm Rede und Antwort zu stehen, vor allem wollte ich nicht ein weiteres Mal seine Moralpredigt über Männer hören.
Es war still im Auto, nicht einmal das Radio lief im Hintergrund.
„Ist dir warm genug?“, fragte er aus heiterem Himmel und begutachtete mein Outfit.
„Ja“, antwortete ich.
„Willst du mir vielleicht verraten, warum ich dich abholen muss?"
„Nein“, sagte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Und warum nicht?“, bohrte er nach.
„Ich will nicht darüber reden“, entgegnete ich stur und starrte geradeaus.
„Hat der Typ, mit dem du unterwegs warst, dich belästigt?" Seine Miene verfinsterte sich.
„Nein“, zischte ich empört. Ich drehte mich zu ihm.
„Hör zu, Dad, das Date lief super. Der Typ, mit dem ich unterwegs war, heißt James und ist ein richtiger Gentleman. Er hat mich in ein Restaurant eingeladen und alles bezahlt. Er hat mich weder belästigt, bedrängt oder auf eine andere Weise schlecht behandelt, also kannst du aufhören mich auszufragen.“ Aufgebracht und genervt lehnte ich mich im Sitz zurück.
„Und warum hat er dich dann nicht nach Hause gefahren, sondern dich alleine in der Kälte stehen lassen? Unter einem Gentleman stelle ich mir etwas anderes vor.“ Die Stimme meines Dads füllte sich mit Zorn.
Seine Fragerei raubte mir den letzten Nerv. Ich wusste nicht, was ich auf seine Frage entgegnen sollte. Ich konnte ihm doch unmöglich erzählen, dass der Mann, der mich ausgeführt hatte, einen Fremden beinahe zu Tode geprügelt und auf der Straße liegen gelassen hatte.
„Nun?“ Ich bemerkte den ungeduldigen Unterton. Er würde nicht locker lassen, ehe er wusste, was passiert war. Ich entschied mich ihm zu antworten, auch, wenn es nicht die ganze Wahrheit war.
„Er wollte mich nach Hause bringen, doch es war meine Entscheidung nicht mitzufahren. Frag bitte nicht warum.“
Ertappt schaute er schnell von der Straße zu mir und wieder zurück. Ich hatte geahnt, dass er wieder nachfragen würde. Dass tat er ständig.
„Aber ich bin dein Vater, Holly. Ich habe das Recht zu erfahren, warum du freiwillig in der Eiseskälte mit einem kurzen Kleid auf mich wartest, um abgeholt zu werden, anstatt mit deinem Gentleman nach Hause zu fahren.“ Genervt verdrehte ich die Augen und stöhnte auf.
Ich pfiff auf sein Recht. Meine Mom hatte mich auch schon mit diesem Thema genervt.
„Lass es bitte, Dad.“ Er wollte gerade widersprechen, doch als er in mein wütendes Gesicht sah, überlegte er es sich anders und blieb lieber still. So verlief der Rest der Fahrt ohne Fragen und patzige Antworten. Nach einer halben Stunde fuhr er die Auffahrt hinauf und stellte den Motor ab.
„Du solltest ins Bett gehen. Du hast morgen Schule und musst früh aufstehen.“ An seinem Tonfall hörte ich, dass das ein Befehl war und keine Aufforderung. Vermutlich war er eingeschnappt, weil ich seine Fragen nicht befriedigend genug beantwortet hatte.
Trotzig blieb ich sitzen. Mir war klar, dass mein Verhalten kindisch war, aber ich sah nicht ein ins Bett zu gehen, wenn es mir mein Dad sagte.
„Ich sage es dir nur noch einmal: geh auf dein Zimmer.“ Der Ton wurde schärfer. An seiner Schläfe pochte eine Ader.
Dieses Zeichen sagte mir, dass ich jetzt besser tat, was er sagte. Ich stieg aus und knallte mit voller Wucht die Tür zu. Dass hatte er davon. Eilig betrat ich das Haus und ging ohne Weiteres in mein Zimmer. Ich war viel zu aufgebracht und aufgeregt, um mich schlafen zu legen.
Darum setzte ich mich an den Schreibtisch und schaltete meinen Computer an. In der Zeit, in der er hochfuhr, zog ich mir meinen Pyjama an. Bis zwei Uhr früh surfte ich im Internet. Hauptsächlich aber spielte ich irgendwelche Spiele wie Tetris oder Memorie.
Da es auf Dauer langweilig wurde, schaltete ich den PC aus und schlüpfte unter die Bettdecke. Trotz der weichen Matratze und der einschläfernden Beleuchtung, die von meiner Nachttischlampe kam, schlief ich erst spät ein.
Ich schlief sehr unruhig und wälzte mich oft hin und her. Ein heftiger Sturm, der draußen tobte, machte es nicht besser. Er rappelte an den Fenstern, die dadurch laut knarrten.
Nach gefühlten zwei Minuten klingelte erbarmungslos der Wecker und gab erst Ruhe, als ich heftig auf den Knopf haute. Ich rieb mir den Rest meines schlechten Schlafes aus den Augen und ging duschen.
Danach machte ich mir einen Pferdeschwanz, um meine langen Haare zu bändigen. Nur mit Unterwäsche bekleidet ging ich zum Schrank und zog mir eine schwarze Jeans und ein T-Shirt, auf dem das Krümelmonster abgebildet war, an.
Ich hatte großen Hunger, doch mir wurde unwohl bei dem Gedanken an meine Eltern, die unten saßen. Mit Sicherheit hatte mein Dad meine Mom über die Unterhaltung zwischen uns im Auto informiert. Jedoch tat mein Bauch weh und ich konnte schließlich nicht ohne Frühstück aus dem Haus gehen. Also trottete ich lustlos die Treppe herunter und hoffte, dass jedenfalls mein Dad bei der Arbeit war, doch Fehlanzeige. Als ich in die Küche einbog, saß er mit einer Zeitung am Tisch.
„Morgen“, murmelte ich.
„Guten Morgen, Schatz“, begrüßte mich meine Mom fröhlich und stellte mir einen Teller voller Pancakes unter die Nase. Sofort roch in den zarten süßlichen Duft der kleinen Pfannkuchen.
„Du siehst müde aus. Hast du wieder schlecht geschlafen?“, fragte sie und betrachtete meine Augen.
„Ja“, antworte ich, bevor ich mir ein großes Stück meines Frühstücks in den Mund schob. Ich war froh, dass sie mich nichts über den gestrigen Abend fragte. Vielleicht hatte sie sich vorgenommen mich damit in Ruhe zu lassen, weil ihr Mann ihr erzählt hatte, wie ich mich im Auto aufgeführt hatte.
Ohne Störungen aß ich weiter. Meine Mom ging in den Flur und kam mit einem weißen Kittel bekleidet wieder. Dann packte sie die Schlüssel, ihr Handy und das Portemonnaie in ihre Tasche und gab meinem Dad einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Er nahm es gar nicht wahr. Mir gab sie einen Kuss auf die Stirn, weil mein Mund vom Sirup klebrig war.
„Ich bin um sechs Uhr wieder zu Hause“, verkündete sie laut. Dann beugte sie sich zu mir herunter.
„Versuch deinem Vater nicht böse zu sein, er will nur dein Bestes“, flüsterte sie so leise, dass ich sie kaum verstehen konnte. Kein Zweifel, er hatte ihr alles erzählt. Mit einem letzten bittenden Blick rauschte sie aus der Küche. Kurz darauf fiel die Haustür ins Schloss.
Unauffällig guckte ich nach oben, doch das Gesicht meines Dads wurde ständig durch die Zeitung verdeckt. Es gab keine Anzeichen, dass er mit mir reden wollte, also erhob ich mich, stellte den Teller in die Spüle und ging zurück in mein Zimmer. Wenn er stur sein wollte, dann konnte ich das auch. Ich packte den Rucksack für den heutigen Unterricht und eilte runter, an der Küche vorbei, ohne einen Blick hineinzuwerfen.
Ich verließ das Haus. Sofort merkte ich, dass ich meine Jacke vergessen hatte, aber ich wollte nicht zurückgehen und so beeilte ich mich in meinen Ford zu kommen.
Der Weg zur Schule wurde zur Farce. Die Straßen waren unerwartet glatt, da sich wohl über Nacht Frost gebildet hatte. Mein Auto kam in jeder Kurve mehr oder weniger ins Schleudern, obwohl ich noch Winterreifen drauf hatte. Einmal geriet ich sogar in den Gegenverkehr, doch zum Glück befuhr in diesem Moment niemand den anderen Fahrstreifen.
Schweißgebadet kam ich an der Schule an. Ich parkte weit vom Haupteingang entfernt, da die meisten Schüler schon da waren und die guten Plätze belegten. Meine Laune war bereits auf dem Tiefpunkt und dabei hatte der Tag nicht einmal richtig angefangen.
Mit viel Mühe hörte ich den Lehrern zu und machte eifrig Notizen. Als ich mir diese in einer Pause genauer ansah, stellte ich erschrocken fest, dass ich absolut nichts verstand. Ich hatte eindeutig zu wenig für die Schule getan, aber ich hatte ja auch andere Dinge im Kopf gehabt.
Noch panischer wurde ich, als Vanessa mich in Geschichte fragte, ob ich schon für die bevorstehende Klausur gelernt hatte. Die Klausur hatte ich total verschwitzt. Ich hatte null Ahnung, was wir in den letzten Wochen bearbeitet hatten.
Vanessa musste wohl meine Verzweiflung erkannt haben, denn sie bot mir an mit ihr zusammen zu lernen. Dankbar stimmte ich zu. Ich hätte sie abknutschen können. Wir verabredeten uns für Freitagnachmittag bei mir zu Hause. Ich hatte das Gefühl, dass mir eine tonnenschwere Last von den Schultern fiel.

Zwei Tage später klingelte es an der Tür. Ich eilte nach unter und öffnete sie. Vor mir stand Vanessa. Ihre kurzen braunen Haare hatte sie unter einer lindgrünen Wollmütze versteckt, die Hände waren in Handschuhe eingepackt und ein langer brauner Mantel verdeckte den Rest ihres Körpers. Ihre Wangen waren von der Kälte leicht gerötet.
„Hi, komm doch rein“, begrüßte ich sie und schritt zur Seite, damit sie eintreten konnte.
„Danke“, sagte sie und ging an mir vorbei ins Haus.
„Das ist ein echt schönes Haus.“ Vanessa guckte sich um.
„Ach, es ist nichts besonderes, aber trotzdem danke.“ Sie legte den Mantel und die Mütze ab.
„Und wo wollen wir lernen?“
„Am Besten im Wohnzimmer. In meinem Zimmer ist nicht viel Platz.“ Außerdem herrschte dort wie immer Chaos.
Sie nickte und folgte mir durch den engen Flur ins Wohnzimmer. Sie setzte sich auf die Couch und ich hockte mich auf dem Boden ihr gegenüber. Vanessa klärte mich über die relevanten Themen in der Klausur auf und ging alle Notizen, vor allem die, die ich nicht besaß, mit mir durch.
Nach zwei Stunden voller Daten und Ereignissen platzte mir fast der Schädel, doch ich war ziemlich stolz auf mich.
Jetzt fühlte ich mich für die Klausur gut vorbereitet und musste keine Angst mehr haben mit einer sechs nach Hause zu kommen. Mein Dad hätte mir dann den Kopf abgerissen.
„Ich wollte mich noch mal bei dir bedanken, dass du dir Zeit genommen hast mit mir den Stoff zu wiederholen.“ Vanessa winkte ab.
„Das ist nicht der Rede wert, dass hab ich gern gemacht.“ Ich bezweifelte, dass sie wirklich gerne hier war und ihre Freizeit opferte, aber vielleicht hatte sie das Gefühl, was bei mir gut machen zu müssen, weil sie im 38° einfach abgehauen war. Ihre warmen braunen Augen strahlten mir freundlich entgegen.
„Geht es dir eigentlich besser oder hast du noch immer diese Albträume, von denen du mir erzählt hast?“, fragte sie schüchtern und schaute zu Boden.
Sie dachte wohl, dass die Frage mir unangenehm oder zu privat war, doch ich war froh, dass sie mich fragte, wie es mir ging. Ich lächelte sie an.
„Es ist nicht schlimm, dass du mich nach den Träumen fragst.“ Ihr Blick wanderte zu mir. Als sie mein Lächeln sah, entspannte sie sich und löste ihre verkrampfte Haltung.
„Mir geht es deutlich besser, aber hin und wieder habe ich noch dieselben Träume. Ich kann nur hoffen, dass sie im Laufe der Zeit endgültig verschwinden.“
„Das würde ich dir auf alle Fälle wünschen, Holly.“
„Danke“, gab ich zurück und nippte am Kamillentee, den ich vor einer halben Stunde aufgesetzt und serviert hatte. Aus unseren Tassen stieg jetzt noch Dampf und der Geruch der Kamille erfüllte den Raum.
Viel redeten wir danach nicht mehr, da Vanessa noch einen Zahnarzttermin hatte. Ich konnte nicht genau sagen warum, aber ich hatte das Gefühl, dass es eine Ausrede war.
Sie schien sich nicht unwohl gefühlt zu haben, aber ich konnte mich auch irren. Meine Menschenkenntnis war nicht immer die Beste. An der Tür winkte ich ihr noch zum Abschied zu, bis sie aus meinem Blickfeld verschwand.
Das Wochenende verlief unspektakulär. Ich redete noch immer nicht mit meinem Dad, was meine Mom auf die Palme brachte. Sie beschwerte sich über unser kindisches Verhalten und appellierte an unsere Vernunft.
Keiner von uns beiden hörte auf ihre Ratschläge und Bitten.
Ich konnte ja verstehen, dass es für sie eine perfide Situation war, da sie die Einzige bei den Mahlzeiten war, die uns Fragen stellte und eigentlich die gesamte Unterhaltung alleine führte, aber ich wollte im Moment nicht mit ihm reden.
Also herrschte Funkstille zwischen uns, so, wie zu James. Ich hatte seit dem Abend unserer Verabredung kein Lebenszeichen von ihm erhalten. Ich schätzte, dass er sauer auf mich war, aber ich war es ebenfalls.
Ein kleiner Teil von mir wollte jedoch Antworten und das zwischen uns klären, doch ich wehrte mich dagegen. Ich brauchte Zeit das Vergangene zu verarbeiten.
In der darauffolgenden Woche stand die von mir gefürchtete Geschichtsklausur an. Ich betrat den Klassenraum und sah viele meiner Mitschüler bereits an ihren Tischen sitzen. Manche plauderten angeregt mit ihrem Nachbarn, um noch Informationen auszutauschen. Andere blätterten hektisch ihre Notizen durch und versuchten soviel, wie möglich, in kurzer Zeit aufzunehmen.
Ich schlurfte durch die Reihen zu meinem Sitzplatz und achtete nicht auf die Anderen, sonst hätte ich mich genauso verrückt gemacht, wie sie.
Ich schaute aus dem Fenster, das zum Parkplatz hinausfiel. Die Autos standen ordentlich aufgereiht nebeneinander. Einige waren dreckig und vertrocknete Blätter hafteten unter den Reifen. Mein Ford sah nicht besser aus.
Ein lautes Krachen ließ mich zusammenzucken und nach vorne schauen. Mr. West hatte seine ledrige, abgenutzte Aktentasche aufs Pult geknallt, um uns zur Ruhe zu bringen.
Alle Köpfe waren nach vorne gerichtet und folgten den Bewegungen des Lehrers. Still teilte er die Arbeitsblätter aus und schrieb das Ende unserer Zeit an die Tafel. Wir hatten zwei Stunden.
Als die Schulglocke schrillte, gab ich die Blätter mit meinem Namen vorne ab und verließ das Zimmer. Mein Herzschlag ging schnell und meine Hand schmerzte vom eifrigen Schreiben. Das Thema war der zweite Weltkrieg gewesen, mit dem Augenmerk auf die Rolle der Vereinigten Staaten von Amerika. Bei einigen Punkten war ich mir sicher, gut durchgekommen zu sein. Bei Anderen hatte ich jedoch ein mieses Gefühl.
Die Hauptsache war, dass ich es hinter mir hatte und dieses Hochgefühl verdrängte meine Zweifel.
In der Mittagspause setze ich mich neben Vanessa und wir verglichen unsere Antworten. Größtenteils gab es Übereinstimmungen und dass erhöhte meine Hoffnung auf eine gute Note, da Vanessa ein Ass in Geschichte war.
Den ganzen Tag strahlte ich über das Gesicht, dass fiel sogar meinem Dad auf und nach etlichen Tagen hörte ich seine tiefe Stimme, die mich fragte, warum ich gut gelaunt war. Ohne daran zu denken, dass ich eigentlich sauer auf ihn war, berichtete ich ihm von meiner gelungenen Klausur. Anerkennend beglückwünschte er mich und legte väterlich einen Arm um mich.
Die Aussicht auf eine gute Note hatte meinen leistungsfanatischen Dad wieder milde gestimmt und der Streit zwischen uns war vergessen. Das freute vor allem meine Mom, die froh war uns wieder miteinander reden zu hören. Tja, sie stand nun mal auf familiäre Harmonie. Rundum zufrieden ging ich nach dem Essen in mein Zimmer.
Auf einmal dachte ich jedoch an James und mein gutes Gefühl verschwand schlagartig. Wie lange sollte es noch so weitergehen? Ich hielt es nicht mehr ohne ihn aus. Ich wollte ihn sehen, seine Stimme hören, ihn berühren und küssen. Wie erbärmlich und schwach. Jeder normale Mensch, mit einem starken Charakter, hätte ihn verabscheut, für das, was er getan hatte, aber ich verdrängte all dies, denn der kleine Teil, der Antworten verlangte, wurde zunehmend größer.
Ich bin schwach, schwach, schwach. Wütend über meine Charakterschwäche stampfte ich mit dem Fuß auf. Ich versuchte die Wut für James wieder aufkommen zu lassen, doch sie kam nicht. Ich gab mich geschlagen.
Einer musste schließlich den ersten Schritt tun und da ich abhängiger von ihm war, als er von mir, war ich die Dumme, die zurückgekrochen kam, obwohl ich nichts falsch gemacht hatte. Im Gegenteil. Ich hatte richtig gehandelt.
Dennoch holte ich mein Handy vom Schreibtisch und schrieb ihm eine SMS, damit er meine verzweifelte Stimme nicht hörte. Darin schrieb ich ihm, dass ich unbedingt mit ihm reden musste und zwar bald.
Ich bot ihm an am Mittwochabend um 19.00 Uhr zu mir nach Hause zu kommen, da meine Eltern an dem Tag Hochzeitstag hatten und essen gehen wollten. Mit einem Knopfdruck schickte ich die Nachricht ab. Jetzt konnte ich nur warten und hoffen, dass er bald antworten würde.
Lange musste ich tatsächlich nicht warten. Am nächsten Morgen piepste mein Handy in regelmäßigen Abständen. Ich hatte eine SMS bekommen. Um drei Uhr morgens. Seine Antwort fiel nüchtern aus. Ein einfaches Okay leuchtete auf dem Display. Trotzdem konnte ich es kaum erwarten ihn wiederzusehen und dafür hasste ich mich.
Die Tage bis Mittwoch vergingen wie im Flug und schon stand ich mit meinen Eltern im Flur, um sie zu verabschieden und falls es nötig sein sollte, sie aus dem Haus zu schaffen, bevor James kam.
Sie wollten in ein kleines italienisches Restaurant in der Innenstadt gehen. Meine Mom trug ein schlichtes schwarzes Kleid, das ihr bis zu den Knien reichte.
Mein Dad half ihr in den Mantel. Er selbst trug einen einfachen Anzug und darunter ein blütenweißes Hemd.
„Ich wünsche euch einen schönen Abend und amüsiert euch mal richtig.“ Ich zwinkerte meiner Mom zu und prustete los.
„Holly, du bist unmöglich.“ Sie schüttelte den Kopf, doch ich erkannte ein leichtes Schmunzeln.
„Und was machst du heute Abend?“ Ahnungslos zuckte ich mit den Achseln.
„Ich weiß nicht genau. Ich werde was essen und dann gucke ich vielleicht fernsehen oder lese ein Buch.“
„Na gut, wir müssen jetzt los.“ Sie wünschten mir schon mal eine gute Nacht, da sie nicht wussten, wann sie nach Hause kommen würden.
Dann verließen sie das Haus. Ich ging in die Küche und machte mir einen Salat mit frischen kleinen Tomaten und Paprika.
Ich nahm den Teller mit ins Wohnzimmer und aß vor dem Fernseher, wo gerade eine Quizsendung lief. Anfangs riet ich noch mit, doch dann ging mir das dämliche Grinsen des Moderators auf die Nerven und ich schaltete den Fernseher aus.
Vor dem Fenster blitzten auf einmal Scheinwerfer auf und ein dröhnender Motor war zu hören. Das musste James sein. Ich stellte mich ans Fenster und zog den Vorhang ein kleines Stück zurück. Auf den ersten Blick erkannte ich seine große und starke Statur. Ich flitzte zur Tür und hielt mit einer Hand den Türknauf fest.
Erbärmlich, einfach nur erbärmlich. Was genau sollte ich ihm sagen? Würde er meine Fragen beantworten? War er vielleicht noch sauer auf mich und darum war seine SMS so knapp ausgefallen?
Ich konnte nicht weitergrübeln, da er an die Tür klopfte. Dennoch öffnete ich erst nach dem dritten Schlag, er sollte ja nicht merken, dass ich mich unendlich nach ihm gesehnt und bereits an der Tür gewartet hatte. Bekleidet mit einer braunen Hose, einem schlichten schwarzen T-Shirt und mit unbändigen Haaren stand er steif vor mir. Seine Augen wanderten zu mir und verrieten seine Stimmung nicht.
„Hallo“, presste ich mit Mühe hervor und ließ ihn herein.
Ohne Aufforderung bog er ins Wohnzimmer ein und setzte sich auf die Couch. Ich setzte mich zu ihm und dachte darüber nach, was ich sagen sollte.
Gelangweilt spielte James an einem Kissen herum, indem er das geschnörkelte Muster darauf mit dem Zeigefinger nachzeichnete. Dann und wann warf er es in die Luft und fing es wieder auf.
„Du wolltest mit mir reden, also rede“, befahl er mit bestimmendem Unterton und stopfte das Kissen zurück auf seinen Platz.
Na toll, jetzt muss ich irgendetwas sagen, sonst verschwindet er schneller aus dem Haus, als ich gucken kann. Lange räusperte ich mich. Ich entschied mit einem Fehler von mir anzufangen, ehe ich seine ansprach.
„Erst wollte ich mich bei dir entschuldigen, weil ich abgehauen bin.“
„Und warum hast du das gemacht?“ Schärfe und Spott klangen mit. Ich wurde wieder wütend.
„Weil ich keinen Wert darauf lege von einem Menschen nach Hause gebracht zu werden, der einen hilflosen Mann liegenlassen wollte. Was war eigentlich in dich gefahren? Du warst kaum ansprechbar und hast auf nichts reagiert. Ich hab verzweifelt versucht dich zu beruhigen, aber nichts hat geholfen. Erst, als ich zugegeben habe, dass du mir Angst machst, hast du aufgehört. Wenn ich dich nicht gestoppt hätte, dann hättest du ihn womöglich…“
„Was hätte ich getan?“, fragte er schroff und rückte näher an mich heran. Er wirkte bedrohlich.
„Du hättest ihn umgebracht“, warf ich James aufgeregt entgegen. Ich ließ mich nicht von ihm einschüchtern, falls er dass vorhaben sollte. Ohne jegliche Reaktion hörte er mir zu.
„Ich werde mich nicht für mein Verhalten entschuldigen.“ Seine Stimme wurde lauter.
„Der Typ hat dich belästigt, dich mit seinen widerlichen Händen angefasst. Wer weiß, was er weiter mit dir gemacht hätte, wenn ich nicht dazu gekommen wäre.“
Sein Blick wurde bei den Gedanken daran eiskalt und böse.
„Ich will mich ja auch nicht beschweren, dass du mich beschützt hast, aber du bist eindeutig zu weit gegangen. Der Stoss auf den Boden hätte ausgereicht, um gemeinsam wegzufahren. Der Typ war so betrunken, der wäre bestimmt nicht so bald aufgestanden. Die Schläge, Tritte und der Würgegriff waren eindeutig zu viel, James.“
Jetzt war auch meine Stimme deutlich lauter geworden.
„Das hat der Typ aber verdient“, spuckte James förmlich heraus und seine Augen sprühten vor Zorn.
„Das kann doch nicht dein Ernst sein. Ich glaube nicht, dass du ihn umbringen wolltest. So bist du einfach nicht.“ Mein Gemüt war erhitzt und ließ mein Herz heftig gegen meinen Brustkorb schlagen. Ich schaute in sein Gesicht. Solch einen wütenden Blick hatte ich noch nie gesehen.
Selbst mein Dad hatte mich nicht so angesehen, als ich ihm vor einem halben Jahr bei meiner ersten und letzten Fahrt mit seinem geliebten Mercedes dem Lack einen Kratzer verpasst hatte.
Vor lauter Panik stand ich auf und wich zurück, ihn immer im Blick. Unverändert blieb James auf der Couch sitzen, doch seine grauen Augen folgten jeder meiner Bewegungen.
„Woher willst du denn wissen, ob ich nicht so bin? Du kennst mich gar nicht!“
„Das stimmt. Ich kenne dich kaum, weil du mir ja auch nichts über dich erzählst.“
„Na und?“, brüllte er wütend. Ich flüchtete in die Küche, damit er sich beruhigen konnte. Jetzt hatte ich mich doch einschüchtern lassen, aber ich fühlte mich nicht feige. Ich war mir sicher, dass jeder andere auch Angst hätte, wenn ihn ein solch unbeschreiblich zorniger Blick traf. Und dann kam es ganz anders, als erwartet.
Von einer Sekunde auf die Andere sprang er auf und hastete in die Küche. Mit drei großen Schritten hatte er mich erreicht. Ich wollte fragen, was er wollte, aber er hob die rechte Hand und schlug mich. Noch bevor ich realisierte, was gerade geschah, plumpste ich auf den harten Linoleumboden.
Ein überwältigender Schmerz, den ich in keinster Weise jemals zuvor erlebt hatte, durchzog meine linke Gesichtshälfte. Als ich sie mit zitternder Hand berührte, war sie heiß und taub. Vorsichtig betastete ich alles, um festzustellen, ob etwas gebrochen war. Zum Glück war alles heil geblieben.
Der Schmerz ließ derweil nicht nach, im Gegenteil, er wurde stetig schlimmer. Die Einrichtung verschwamm vor meinen Augen. Schwerlich erkannte ich James, der aus der Küche verschwand und die Tür ins Schloss fallen ließ. Dieses kleine Geräusch brachte mich wieder zur Besinnung.
Er hatte mich geschlagen. Der Mann, den ich unendlich liebte, hatte mir eine Ohrfeige verpasst und zwar eine deftige. Jetzt hatte ich eine leichte Ahnung, welche Schmerzen der betrunkene Mann hatte ertragen müssen.
Ich war fassungslos und verängstigt. Ich lehnte meinen Rücken gegen einen Küchenschrank und zog die Beine an. Verschiedene Gefühle überwältigten mich: Liebe, Hass, Angst, Enttäuschung und Verzweiflung.
All dies und noch viel mehr jagte durch meinen Körper hindurch und hinterließ Stiche in meinem Herzen, als ob mir jemand hundertmal einen Dolch hindurch stieß. Ich begann zu schluchzen und kurz darauf folgten Unmengen von Tränen; bittere Tränen, die nicht enden wollten. Mich überfiel ein Zittern.
Wie ein Häufchen Elend legte ich mich auf den Boden. Die Arme, die ich um meinen bebenden Körper schlang, waren von den Tränen nass und kalt. Meine linke Wange pochte unangenehm und der Schmerz kroch den Nacken hinab zu meinem Rücken.
Im Zimmer wurde es im Laufe der Zeit dunkler. Die Lampe in der Ecke, die ich angeschaltet hatte, spendete nur wenig Licht und schaffte es nicht den ganzen Raum zu beleuchten. Der Esstisch warf einen Schatten über mich und die Dunkelheit umschloss mich.
Ich stierte auf irgendeinen Punkt und versuchte einzuschlafen, doch die körperlichen und seelischen Schmerzen hinderten mich daran. Dauernd fragte ich mich, was ich falsch gemacht hatte; was ihn dazu verleitet haben könnte, mich zu schlagen. Hatte ich ihn mit einem Satz oder einer Geste verletzt? Fragen über Fragen rasten durch meinen Kopf.
Ich erinnerte mich an die vergangenen Treffen mit James und mir fiel auf, dass er sich jedes Mal merkwürdig verhalten hatte und oft sehr schnell wütend geworden war. Meist hatte eine Frage von persönlicher Natur gereicht, um ihn auf die Palme zu bringen.
Dies verstärkte meinen Verdacht, dass er etwas erlebt haben musste, was er mir nicht erzählte, sondern vor mir verbergen wollte.
Etwas, das tiefer lag und über den Tod seiner Eltern hinausging. Ich musste wissen, was es war, nur so konnte ich ihn besser verstehen und seine Reaktionen nachvollziehen.
Versuch nicht sein Verhalten mit einer traurigen Lebensgeschichte zu entschuldigen. Meine innere Stimme meldete sich.
Zuerst tötet er beinahe einen Mann und jetzt schlägt er dich ohne Grund; ein Mädchen, das viel schwächer ist, als er selbst. Das nenn ich mal einen Gentleman.
Lass mich in Ruhe, du klingst wie Dad.
Er weiß jedenfalls, dass dein James ein schlechter Mensch ist.
Wie kann er das wissen, wenn er ihn gar nicht kennt? , giftete ich zurück.
Tja. Die Tatsache, dass er dich in der Kälte hat stehen lassen, reicht ihm wohl, um ihn zu kennen.
Halt den Mund!
Sei vernünftig, Holly. Willst du wie die Frauen enden, die von ihrem Partner geschlagen werden und trotzdem bei ihm bleiben, weil sie glauben, dass sie etwas falsch gemacht haben? Willst du das?
„Verschwinde“, schrie ich laut.
Ich verlagerte mich in einen Schneidersitz. Meine Haare fielen mir wie ein Vorhang ins Gesicht. Einzelne Strähnen klebten an meinen feuchten Wangen. Endgültig richtete ich mich auf, knipste die Lampe aus und ging hinauf. Die Stimme war verschwunden, zum Glück.
Ich betrat mein Badezimmer, da ich die Wange begutachten wollte. Als ich in den Spiegel schaute, weiteten sich entsetzt meine Augen, die selbst gerötet waren. Die linke Gesichtshälfte war stark angeschwollen und gab meinem Gesicht ein unsymmetrisches Aussehen. Die Haut war feuerrot und man konnte einen Handabdruck erahnen. Ich drehte den Wasserhahn auf und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht. Die Kälte tat meiner gereizten Haut gut und beruhigte sie.
Ich trocknete mich ab. Meine Haut war nicht mehr ganz so rot. Trotzdem sah ich furchtbar aus. Ich hoffte, dass die Wange nicht blau wurde.
Im Wandschrank kramte ich nach einer Salbe, die ich auftragen konnte, doch ich fand nur Aspirin, Mullbinden und Pflaster. Das letzte Mittel, das mir einfiel, war Eis gegen die Schwellung. Ich ging noch einmal nach unten in die Küche und öffnete das Tiefkühlfach.
Kälte schlug mir ins Gesicht. Ich wurde gleich fündig und nahm das lange Plastikförmchen mit den Einbuchtungen für die Eiswürfel heraus. Über der Spüle drückte ich auf den Aushöhlungen herum, damit die Eiswürfel heraussprangen. Bei wenigen gelang es mir und sie fielen in die Spüle. Meine Hände waren kalt und ich musste sie erstmal aneinander reiben, damit sie wieder ein bisschen Gefühl bekamen. Ich fischte die Eiswürfel heraus und packte sie in ein gelbes Küchentuch.
Dann presste ich mit der linken Hand den kühlenden Beutel gegen die schmerzende Wange. Sofort wurde der Schmerz gelindert und ich hatte die Hoffnung, dass mein Gesicht morgen bereits besser aussah. Mit dem Beutel legte ich mich ins Bett.
Wie sollte ich die geschwollene Wange meinen Eltern erklären? Verstecken konnte ich sie schließlich nicht. Ich musste mir eine Geschichte einfallen lassen, die glaubwürdig war. Die Wahrheit konnte ich nicht sagen, denn dann würden meine Eltern mir verbieten mich weiterhin mit James zu treffen. Aber wollte ich das überhaupt? Wollte er es?
Um ehrlich zu sein war es naiv bei ihm zu bleiben, doch ich liebte ihn viel zu sehr, als dass ich ihn nie wiedersehen konnte. Ich wollte noch einmal mit ihm reden, ihn zur Rede stellen und von ihm verlangen, dass er mir endlich ein paar Fragen beantwortete. Als ich jedoch den Beutel wegnahm und meine Wange betastete, bekam ich große Angst. Würde er wieder zuschlagen, wenn ich ihm unangenehme Fragen stellte?
Ich musste es riskieren, denn ich wollte unbedingt wissen, was hinter seinem wechselhaften Launen steckte. Lange dachte ich noch über mein weiteres Vorgehen und die Lügengeschichte, die ich auftischen wollte, nach. Wenn der Handabdruck nicht mehr zu sehen sein würde, dann könnte ich einfach behaupten, dass ich auf der Couch eingeschlafen war. Dann, während ich geschlafen hatte, war ich runtergerollt und mit der linken Seite auf den Boden geknallt. Wenn er nicht verschwinden würde, dann hatte ich ein Riesenproblem.
Ich konnte mir gut vorstellen, wie meine Eltern mich ausquetschen würden. Dann würde mir wochenlanger Hausarrest drohen, wenn ich ihnen nicht erzählte, woher ich meine verletzte Wange hatte. Ich biss mir auf die Unterlippe.
Hoffentlich ging alles gut. Hoffentlich würde ich mehr über James in Erfahrung bringen. Ich merkte, dass meine Lider schwerer wurden. Ich legte den jetzt leicht angewärmten Beutel auf den Nachttisch und nickte ein.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media