Erkenntnisse des 10. Tages

Silvia hielt sich nur kurz bei ihren Eltern auf. Sie räumte die wenigen wirklich unwichtigen Dinge, die sie eingepackt hatte auf den Dachboden und die gebrauchsintensiveren Sachen in "ihr" Zimmer, das einer Abstellkammer in einem Pflegeheim glich. Es tat ihr in der Seele weh, dass ihr einst so kluger Vater sich nunmehr meist selbst nicht mehr kannte. Heute bekam sie ihn nicht zu Gesicht, weil er noch schlief. Sie weckten ihn nicht, weil Mama auch mal einige Minuten für sich brauchte. Sie hatte praktisch einen "Rund um die Uhr-Job" und war froh, wenn sich der Tag mal erst später von der intensiven Seite zeigte. "Danke, Mama! Ich fahr gleich in die Laube. Mach dir keine Sorgen um mich. Ich falle immer wieder auf die Füsse. Ich hab jetzt eine schlechte Phase, aber sowas kann mir nichts anhaben! Es kommen auch wieder bessere Zeiten!" Sie gab ihrer Mutter noch einen Kuss und fuhr "nach Hause".
In der Laube angekommen, musste sie sich ein wenig hinlegen. Ihr war richtig übel. "Jetzt reiß dich mal zusammen, Silvia!" sagte sie sich. Sie würde nicht zulassen, dass die Trennung ihr Nervengewand bis zur Übelkeit strapazierte. Das konnte sie nicht verstehen. Ihr Körper hatte noch nie so auf seelischen Stress reagiert. Dafür war sie normal viel zu diszipliniert...

Gerhard war inzwischen in der Ordination seines Hausarztes angekommen. Er musste nur kurz warten, bis der zuletzt behandelte Patient aus der Praxis kam und durfte im Anschluss sofort zum Arzt. Dieser sah sehr unglücklich aus. "Herr Wiegand, ich habe leider keine guten Neuigkeiten für sie! Setzen sie sich bitte!" Gerhard setzte sich und wartete geduldig, dass der Doktor ihm sein Leiden erklärte. "Herr Wiegand, ich möchte sie nicht belügen. Sie haben einen Tumor im Kopf, bei dem es keine Rolle mehr spielt, ob er gut- oder bösartig ist, weil er kaum operabel ist und ihnen sukzessive die Lebenswichtigen Funktionen abstellen wird. Er wird über kurz oder lang ihr Atemzentrum ausschalten was in weiterer Folge zum Hirntod führen wird. Verzeihen sie mir bitte, dass ich ihnen das so nüchtern sage, ich musste so etwas noch nie tun und es tut mir furchtbar leid für sie, aber ich kann ihnen nicht mehr helfen. Sie können sich nur mehr aussuchen, ob sie in einer Anstalt, oder zu Hause sterben wollen, aber es führt kein Weg daran vorbei und ich möchte nicht, dass man ihnen im Krankenhaus falsche Hoffnungen macht. Ich habe ihnen das in dieser Form gesagt, weil ich ihnen ermöglichen will, in Würde zu sterben, ohne an irgendwelchen Maschinen der Wissenschaft zu dienen..."
In Gerhards Kopf begann sich alles zu drehen. Es kam ihm vor, als höre er die Worte seines Arztes durch Watte. Er konnte das alles im Moment noch gar nicht realisieren. "Wie lange habe ich noch?" hörte er sich fragen. "Das weiß niemand genau. Es kann morgen passieren, es kann auch noch zwei Monate dauern. Im letzteren Fall, werden sich vorher noch Bewusstseinsstörungen und Empfindungsstörungen einstellen. Veränderungen der Persönlichkeit, Neigung zu Wutausbrüchen oder Depressionen. Das kann ich ihnen leider nicht genau prognostizieren...

In der Laube lag Silvia noch immer auf der Couch ihr war Speiübel. Was war denn plötzlich mit ihr los. Sie war nie eine Mimose gewesen, nein, sie war mit Sicherheit härter als jeder Mann. Männer sind sowieso Feiglinge und obendrein wehleidig. Irgendwas stimmte nicht mit ihr. Sollte das wirklich seelisch bedingt sein? Wegen der Trennung? Ihre Tage hatte sie auch noch nicht bekommen, dabei waren ihre Regelblutungen sonst pünktlich wie ein Uhrwerk... Ihr Herz ließ einen Schlag aus... Sie würde doch nicht etwa schwanger sein...? Gerade Jetzt?

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